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Kreuz: ein Plus-Zeichen, das auf Wesentliches fokussiert

Der dritte Sonntag und die dritte Woche der vorösterlichen Zeit sind im byzantinischen Ritus dem heiligen Kreuz unseres Herrn Jesus Christus gewidmet. Das Kreuz wird am Sonntag in der Stundenliturgie (zum Abschluss der Laudes) aus dem Altarraum in einer Prozession herausgetragen. In der Mitte der Kirche wird es auf ein Pult gelegt, mit kostbaren Tüchern und mit reichlichem Blumenschmuck umkränzt.

Verehrt wird das Kreuz durch eine tiefe Verneigung mit Prostration zum Boden. Dabei erklingt dreimal der zentrale Gesang dieses Sonntags und der darauffolgenden Woche: „Vor Deinem Kreuz, Gebieter, fallen wir anbetend nieder, und Deine heilige Auferstehung preisen wir“.

Auf diese Weise stellen die östlichen Christen das Kreuz als Werkzeug unseres Heils in die Mitte der Kirchen. Sie machen es zum Mittelpunkt ihrer Betrachtung auf dem Weg der Vorbereitung auf das Osterfest hin. Das Kreuz gehört zu unserem Leben. Es ist in der Geschichte Gottes mit uns Menschen ein Zeichen des Leidens, bevor der Sieg und das eigentliche Leben einbrechen.

Kreuzverehrung im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: Dr. Oleksandr Petrynko

Das Thema des Kreuzes ist besonders in diesem Jahr und in dieser Fastenzeit, die durch die Corona-Krise gekennzeichnet ist, von Bedeutung. Denn nichts anderem als einem gemeinschaftlich zu tragenden Kreuz gleicht die heutige Situation, im Bangen um die Älteren und Schwächeren unter uns, um die Verwandten und Bekannten, um die Kollegen in der Arbeit, um die Flüchtlinge und Obdachlosen. Jede und jeder trägt dieses Kreuz mit, auch wenn dies vielleicht mit unterschiedlicher Intensität und im verschiedenen Bewusstseinsgrad geschieht. In unterschiedlichem Maße kommen bei den Einzelnen die Gefühle und Emotionen der Unsicherheit, der Angst und der Ohnmacht hoch. Uns geht es genauso, wie es unserem wahren Bruder und Menschen Jesus Christus ging, bevor er seine Arme um unseretwillen am Kreuze ausspannte.

Das Kreuz als Zeichen, als unser – der Christen – Erkennungszeichen und Bekenntnissymbol, ist für uns in unserer aktuellen Situation ein vielsprechendes und besinnliches Zeichen, das mit unserer Erlösungsgeschichte unmittelbar zu tun hat: Jesus Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes ist gekreuzigt worden und am Kreuz gestorben. Zugleich ist dieses Werkzeug unseres Heiles auch ein Zeichen, das ermutigt und Leben verspricht. Darum wird der auferstandene Herr häufig mit dem Kreuz in der Hand als Siegesfahne dargestellt. Das Kreuz, aus zwei Teilen gebildet, ist immer ein Plus-Zeichen, ein positives Zeichen, auch wenn es ein Kreuz bleibt.

Das Kreuz ist deshalb ein Schlüssel zum Verständnis einer solchen Situation, wie wir sie heute erleben. Das Kreuz als Last und Aufgabe, die wir als Menschen zu tragen haben, durchkreuzt unsere Pläne – wie viele haben wir in diesen Tagen aufgeben müssen und auch können? –, unsere Sicherheiten, unser Alles-im-Griff-Haben. Das Kreuz führt uns auf die Grundlagen unserer Existenz zurück. Es macht uns „nackt“ wie unsere Ureltern Adam und Eva im Paradies. Seine Balken haben die Fähigkeit, uns auf das Wesentliche im Leben zu fokussieren. Auch wenn es bloß darum ging, das Nötigste hamstermäßig einzukaufen: Auch hier schlägt die Kraft des Kreuzes voll durch, weil man sich entscheiden musste: Was brauche ich wirklich. Das Kreuz geht der Wirklichkeit tatsächlich auf den Grund.

Auch mich persönlich bewegen in diesen Tagen Fragen über Fragen, besonders die im Leben grundsätzlicher Natur sind und die unter normalen Umständen des schön geregelten Lebens nicht immer genügend beachtet werden: Wie geht es meinen Verwandten? Wann habe ich mit Freunden das letzte Mal telefoniert? Wann habe ich meine Eltern und Großeltern das letzte Mal besucht? Werden die mir in Arbeit und Beruf Anvertrauten von mir beachtet und respektiert? Werden ihre Grenzen, Ängste und eventuelle Nöte berücksichtigt? Was bin ich für andere und die anderen für mich in den verschiedenen Feldern meines Lebens? Bin ich nicht, sind wir nicht an die Grenzen des von uns Machbaren angelangt? Wer hat die Kraft, die Zeit, die Aufgaben, die Ängste und die Sorgen zu überbrücken, bis sich wieder alles normalisiert?

Ich muss gestehen, dass das Kreuz der Corona-Krise mich persönlich zu diesen Fragen und zur Suche nach Antworten täglich anregt. Dieses Kreuz – das Verspüren der eigenen Ohnmacht, Begrenztheit und Kleinheit –, bringt mich zum Golgotha und zum gekreuzigten Herrn. Es führt mich zum Kreuz, an dem Jesus Christus erhoben wurde, um mich zu stärken, um mir Leben mit ihm und in ihm zu schenken. Sein Kreuz ist die Brücke, die mich aus meiner Begrenzung hinausführt. Das Kreuz gibt mir Weite und Hoffnung, mit denen ich – von meinen Betrachtungen zurückgekehrt – wieder feste und sichere Schritte in meinem Alltag vollziehen kann. Dank sei darum Gott, dass wir in dem Kreuz seines Sohnes eine Zuflucht finden können!

Ein Kreuzeichen wird normalerweise gezeichnet, wenn eine bestätigende Antwort gegeben werden soll. Man stellt ein Kreuzzeichen, wenn man mit etwas einverstanden ist oder zutreffend findet. In früheren Zeiten – so erzählt man in der Ukraine – haben die Menschen, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren, mit einem einfachen Kreuzzeichen bei ihrem Namen ihre Unterschrift geleistet. Damit haben sie sich ausgewiesen und sich einverstanden erklärt. Nicht anders ist es auch in unserer Zeit. Mit einem Kreuzzeichen fülle ich beispielsweise viele Dokumente und Unterlagen bei den Behörden aus. Damit wähle ich das Richtige, das heißt das, was auf mich zutrifft.

Mit einem Kreuzzeichen, dem Kreuz Jesu Christi, aber macht auch Gott ein deutliches Zeichen hinsichtlich seiner Liebe zu uns. Das Kreuz des Herrn, das wir in der Fastenzeit besonders betrachten, ist das Unterschriftszeichen unseres Gottes um der Menschen willen. Mit diesem Zeichen und mit dieser Zusicherung dürfen wir nach vorne schauen. Daraus dürfen wir Mut schöpfen, besonders in diesen schweren Zeiten. Denn – wie eine Bekannte mir gestern am Telefon sagte – „Gott ist auf unserer Seite“. Er hat dies mit der Unterschrift des Kreuzes für uns öffentlich bestätigt. Daher singt die byzantinische Kirche in diesen Tagen: „Christus, unser Gott, freiwillig hast du die Kreuzigung auf dich genommen, dass insgesamt auferstünde der Menschen Geschlecht. Mit des Kreuzes Schreibrohr, von rotem Nass der Finger blutend, hast du unserer Freilassung Brief in deiner Menschenliebe die königliche Unterschrift gegeben. Wende den Blick nicht von uns in schwerer Gefahr, weil wir wiederum uns von dir getrennt haben, sondern hab‘ Mitleid, einzig Langmütiger, mit deinem Volk in seiner Not. Stehe auf und bekämpfe, die uns bekämpfen, Allmächtiger.“

Gott befohlen, liebe Schwestern und Brüder!