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Betania: Haus für alleinerziehende Mütter in Bogotá

„Das ist ein Weihnachtsmann und das ist eine Weihnachtsfrau“, schmunzelt Marina Ahuanari Carbajal, während sie mir stolz präsentiert, was sie in den zurückliegenden Wochen in der Nähwerkstatt von Betania produziert hat. Die alleinerziehende Mutter einer drei Monate alten Tochter hat im vergangenen Jahr Aufnahme in der Einrichtung in Bogotá/Kolumbien gefunden, nachdem sie aus ihrer Heimatregion Tolima geflüchtet war. Dort war eine Bekannte von ihr von der Guerilla umgebracht worden und sie selbst von dieser als Komplizin des Militärs bezichtigt worden. Als die Beziehung zum Vater des Kindes in die Brüche ging, vermittelten sie Sozialarbeiter nach Betania.

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Das Haus für schwangere und stillende alleinstehende Mütter, das Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ leiten, wird seit mehreren Jahren vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke unterstützt. Die Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche lernte die Einrichtung in den Neunziger Jahren bei einem Kolumbienaufenthalt kennen sowie schätzen – und startete in Eichstätt Unterstützungsaktionen. Da ich seit dem Jahr 2000 alle zwei bis drei Jahre regelmäßig privat nach Bogotá reise, kann ich die Entwicklung der wichtigen menschlichen wie fachlichen Sozialarbeit in Betania nun recht kontinuierlich verfolgen – und habe sie so ebenso schätzen gelernt.

Etwa ein Viertel der Mütter in Betania zählt nach Angaben der Einrichtung wie Marina zu den mittlerweile rund fünf Millionen Inlandsvertriebenen, die seit 1985 aufgrund des internen Krieges zwischen Guerila, paramilitärischen Gruppen und Militär aus ihrer Heimat meist in Großstädte geflüchtet sind. „Doch es kommen inzwischen auch viele, die einfach in finanzieller Not sind und die keine Familie haben“, erklärte mir Ordensoberin Ana Vitalia Joya Duarte beim jüngsten Besuch. Gewalt in der Familie sowie Vernachlässigung durch diese und anschließendes Verlassen der Mutter durch den Vater des gemeinsamen Kindes seien in den meisten Fällen die Hintergründe. Im vergangenen Jahr wurden der Schwester zufolge 60 Mütter mit ebenso vielen Kleinkindern in Betania für in der Regel jeweils ein Jahr betreut. Dank vielfältiger psychologischer, familiärer, sozialer und berufsbezogener Hilfe in der Einrichtung schafften es laut der Ordensoberin durchschnittlich 40 Prozent der Frauen in den letzten Jahren, in ihre Herkunftsfamilie, zu einer Tante oder einem anderen Angehörigen zurückzukehren – das ist ein Grundziel von Betania. Das andere hätten immerhin etwa 60 Prozent erreicht: Arbeit zu finden, um wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen, zum Beispiel als Hausmädchen, Rezeptionistinnen oder in Schneidereien.

In der einrichtungseigenen Schneiderei möchten die Schwestern die Qualifikation der Frauen in Zukunft dadurch weiter verbessern, dass sie eine professionelle Mitarbeiterin für diese Werkstatt engagieren. Sie soll die lernenden Frauen, aber auch die derzeit helfenden Freiwilligen und Ordensschwestern in diesem Bereich anleiten. Auf diesem Arbeitsmarkt haben die Mütter den Schwestern zufolge gute Aussichten. Um das Engagement einer  Fachkraft in der Schneiderei finanzieren zu können, hoffen sie auf weitere Unterstützung aus Eichstätt: von institutioneller Seite, aber auch von Spendern. Das Referat Weltkirche der Diözese und die Welt-Brücke haben in den vergangenen drei Jahren mit jährlich insgesamt 3.500 Euro ein Fachkräfteprogramm in Betania gefördert, wofür sich die Schwestern bei mir auf Herzlichste bedankten. Das Programm kann nach ihrer Erfahrung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihm geben eine Sozialarbeiterin, eine Psychologin und eine Ernährungsberaterin auf Honorarbasis den Frauen und Kindern neue Lebensperspektiven.

Die Fachkräfte haben die Lebensläufe aller Mütter analysiert, leisten Individual- sowie Familientherapien und führen mit den Betroffenen eine Vielzahl an Workshops durch. Zu diesen gehören solche mit Themen wie Selbstwertschätzung, die Rolle als Mutter, die Entwicklung des Babys sowie Berufsorientierung. In ihrem Fachkräfteprogramm arbeitet Betania vielfach mit anderen Institutionen zusammen, zum Beispiel einem Krankenhaus, einer Universität und der Stadtverwaltung von Bogotá. Die Förderung von Weltkirche und Welt-Brücke deckt gut die Hälfte der Kosten für ein Jahr Arbeit der Fachkräfte. Die anderen Gelder bringt Betania selbst auf: zum Beispiel durch den Verkauf von in der Einrichtung angefertigten handwerklichen und künstlerischen Waren bei Basaren. In Zukunft wollen die Schwestern die Arbeit dieser Fachkräfte zu einem noch höheren Anteil selbst finanzieren – zum Beispiel aus Mehreinnahmen durch Verkäufe der Schneiderei, die sie sich nach der erwünschten Gewinnung einer Fachkraft dort erhoffen. Sie baten mich beim Besuch aber darum, mich dafür einzusetzen, dass das Fachkräfteprogramm zumindest für ein weiteres Jahr – wenn auch zu einem geringeren Teil als bisher – noch aus Eichstätt unterstützt wird.

Mit der Unterstützung von Förderern in Kolumbien hat Betania seine sanitären Räume und die Küche umfassend erneuert sowie einen Schönheitssalon eingerichtet. Dort sollen interessierte alleinstehende Mütter in Kürze im Friseurhandwerk, in Mani- und Pediküre ausgebildet werden. Für viele der Mütter ist das eine weitere Chance. Marina Ahuanari Carbajal zieht unterdessen weiter die Schneiderei vor. „Hier fühle ich mich im Moment gut aufgehoben. Die Konfektion von Kleidern gefällt mir, vor allem die von Galagewändern.“ Während sie näht, weiß sie ihre kleine Tochter in der Krippe von Betania gut aufgehoben. Spendenkonto: Liga Bank, Eichstätt, Kto-Nr. 7603002, BLZ 75090300, Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá