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Bildung in Tansania

Das Wort „elimu“ (Bildung) ist in Tansania wohl einer der wichtigsten und nur allzu oft ausschlaggebendsten Begriffe für Erfolg oder Misserfolg. Ich hatte in meiner Zeit hier im Norden von Tansania nun schon mehrfach das Glück, mich mit Tansaniern über das hiesige Schulsystem und die Bedeutung von Bildung zu unterhalten. Dabei habe ich nicht nur den Ablauf kennengelernt, sondern auch die Sorgen und Herausforderungen, mit denen sich Lehrer, Eltern und Schueler konfrontiert sehen.

Hier also ein kleiner Einblick in das, was ich aus verschiedenen Quellen erfahren habe – die aber, und das möchte ich betonen, natürlich nur ein kleiner Ausschnitt sind und nicht die gesamte Bevölkerung oder alle Institutionen vertreten.

Das tansanische Schulsystem beginnt mit einer Nursery School, die alterstechnisch mit unserem Kindergarten verglichen werden kann. Allerdings haben diese beiden Institutionen fast nichts gemeinsam. In Tansania heißt es für die kleinen Mädchen und Jungs neben spielen, singen und tanzen nämlich schon richtig lernen. Schreiben, Lesen, die ersten Schritte in Mathematik und Englisch. Ganz schön viel für die kleinen Racker.

Dann geht es für sieben Jahre in die Primary School (Standard 1-7). Die Grundschulen sind hauptsächlich staatlich geführt, aber es gibt auch vereinzelt Privatschulen. In der Theorie lernen die Schüler in diesen Jahren richtig viel und erreichen verglichen mit Deutschland schon fast Mittelstufeniveau – wenn es nach den Lehrbüchern geht. In der Realität sieht es leider nicht so rosig aus. Eine große Herausforderungen sind zum Beispiel viel zu starken Klassengrößen, die einen guten Unterricht kaum ermöglichen bzw. der extrem hoch angesetzte Englischstandard. Von den Schülern wird erwartet, innerhalb kürzester Zeit und mit wenig Unterstützung das Englische so zu erlernen, dass der Unterricht komplett auf Englisch gehalten werden kann. Das ist für die 7 bis 15 Jährigen einfach zu viel auf einmal. Einfacher wird es auch nicht dadurch, dass sogar die Lehrer zum Großteil überfordert sind mit dem erwarteten Engischniveau und oft nicht ausreichend ausgebildet sind. Viele der Grundschullehrer kommen direkt vom zweijährigen-Lehrercollege und sind dementsprechend gerade einmal Anfang bis Mitte 20. Neuerdings überlegt die Regierung, zudem auch noch das Lehrertraining ganz abzuschaffen und den Grundschulunterricht schon zu ermöglichen, wenn man in der weiterführenden Schule den sozialpädagogischen Zweig gewählt hat.

Dann geht es auf die Secondary School (Form 1-4). Wer finanziell gut ausgestattet ist, kann sich eine private Schule leisten, ansonsten gehen die Kinder auf die staatlichen Schulen.

Im Allgemeinen sollte in der weiterführenden Schule nur auf Englisch unterrichtet werden, allerdings wird das eigentlich nur in den Privatschulen durchgeführt. Dies ist aber gar nicht auf die „schlechten Lehrer“ oder die „bösen Regierungsschulen“ zu schieben, sondern vor allem der Tatsache gschuldet, dass viele der Schüler auch nach sieben Jahren Grundschule bis auf wenige Worte fast kein Englisch verstehen und die privaten Schulen beim Einstellungstest da sehr strikt sind. Allzu oft können die Grundschüler nämlich nicht in den Unterricht, weil sie zu Hause helfen müssen – Viehhüten, kochen und putzen, auf die kleinen Geschwister aufpassen, auf dem Markt verkaufen etc. Je mehr verpasste Stunden und Übungen, desto mehr hapert es natürlich auch am Englischen. Und da bei den Klassengrößen von bis zu 50 Schülern auch die Einzelbetreuuung auf der Strecke bleibt, ist das also eigentlich kein Wunder.

Nach vier weiteren Jahren der Ausbildung können die Besten dann noch mit Form 5 und 6 weitermachen, was so ungefähr unserer Oberstufe entspricht. Danach sind sie befähigt, in die Universität zu gehen. Das ist dann tatsächlich die „crème de la crème“. Positiver Weise lässt sich ein immer höherer Studentenanteil in der Bevölkerung feststellen, was auch den Grund hat, dass den jungen Leuten nachweislich die schulische Ausbildung selbst immer wichtiger wird und sich dementsprechend sehr anstrengen.

Damit aber all die anderen Schüler nicht „auf der Strecke bleiben“, sind hier die sogenannten Colleges sehr beliebt. Das sind Trainingscenter, in denen die jungen Menschen auch studieren können, selbst wenn sie nicht mit dem akademischen Grad abschließen wie die Universitätsstudenten.

Hier muss aber auch noch einmal zwischen den Trainingscenters für Grundschulabgänger und Abgänger der weiterführenden Schulen unterschieden werden. Erstere bilden vor allem in handwerklichen Berufen aus, wie Nähen, Kochen, Techniker aber auch Tour-Guides. Zweitere bietet auch Ingenieurwesen, Computer, Lehramt etc. an. Und mit diesem Abschluss sehen die Jobchancen gar nicht einmal so schlecht aus, da der praktische Anteil, wie in Deutschland bei der Ausbildung, wesentlich höher ist und dies im ökonomisch fortschrittlichen Tansania hauptsächlich gebraucht wird.

Die große Herausforderung für die handwerklichen Trainingscenters besteht, und dabei spreche ich aus Erfahrung in dem Homecraft-Center, in dem ich derzeit arbeite, dass die Institutionen, die für Lehrinhalten, Examen etc. verantwortlich sind, ihren Standard immer mehr erhöhen wollen und sozusagen Gymnasialniveau (bzw hier eben Secondary-Niveau) anstreben. Das hat zur Folge, dass in allen großen Fächern zusätzlich viele Nebenfächer unterrichtet werden müssen. Und das alles auch noch mal auf Englisch. Jetzt erinnern wir uns zurück, dass die meisten Schüler dieser Centers von der Grundschule kommen und deswegen wenig bis kaum Englisch sprechen. Wie dem beikommen? In dem man stur auswendig lernt in einer Sprache, die man nicht ganz versteht und deswegen auch über den Inhalt nicht ganz sicher ist. Obwohl das sicherlich an sich eine gute Methode für gute Noten ist, verfehlt sie doch irgendwie ihren Sinn, auch Transferleistungen vollbringen zu können. Das führt letztendlich zur falschen Schwerpunktsetzung, die weit von der Praxis wegführt und tief in die Theorie hinein, was aber ja eigentlich in der tatsächlichen Wirtschaft gar nicht so gebraucht wird.

Hinzu kommt, dass dadurch die Kosten an den Colleges um einiges höher werden, da mehr Lehrer eingestellt werden müssen, mehr Unterrichtsmaterial gebraucht wird, Gebäude bereitgestellt werden müssen etc. Leider sind aber viele jener Schüler unter anderem nicht weiter auf die Secondary gegangen, weil das Geld gefehlt hat – das sich auch bis jetzt nicht vermehrt hat. Das führt dazu, dass auch immer mehr Eltern Schwierigkeiten haben, ihren Kindern wenigstens eine handwerkliche Ausbildung zu ermöglichen.

Was könnte nun bei all diesen Herausforderungen die Lösung sein? Eine einzelne gibt es sicherlich nicht, aber die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, hatten so einige gute Lösungsansätze und Ideen:

  1. Lehrerausbildung

Schafft man es, die neuen Lehrer und Lehrerinnen so gut auszubilden, dass sie sowohl inhaltlich als auch sozialpädagogisch gut vorbereitet sind, kann die Herausforderung der großen Klassengrößen, des Englischen und der Vermittlung von Allgemeinwissen besser bewältigt werden. Dann werden es auch mehr Kids auf die Secondary schaffen, von da auf Colleges und in die Oberschulen. Das würde eine ganz breite Bevölkerungsschicht auf einen wesentlich höheren Bildungsstand katapultieren.

  1. Förderung der staatlichen Schulen
    Wenn dann noch das Ausbildungsniveau der Regierungsschulen gehoben werden kann, eben durch besser ausgebildete und erfahrenere Lehrer und mehr Finanzmittel für Schulmaterialien, kann auch den Menschen mit kleinem Geldbeutel eine gute Bildung ermöglicht werden – nicht nur den reichen Privatschulkindern bzw. den Glücklichen, die einen Sponsor gefunden haben.
  2. Verstärkung des Rechts auf Bildung

Ein weiterer Ansatz ist das Recht für Kinder, zur Schule gehen zu dürfen, zu stärken. Aufzupassen, dass Kinderarbeit vermieden wird und zwischen Mädchen und Jungen kein Unterschied gemacht wird. Aber da hat man oft Schwierigkeiten, an die einzelnen Familien heranzukommen, vor allem in den außerhalb lebenden Stämmen, in denen das häufig noch ein schwerwiegender Punkt ist.

  1. Praxisvertiefung

Eine weitere Idee ist bereits in der Secondary mit mehr praktischen Einheiten zu beginnen, um den Schülern, falls sie den Abschluss nicht schaffen sollten, wenigstens praktische Kenntnisse vermittelt zu haben, mit denen sie Jobs bekommen können. Inwiefern das allerdings das Bestehen der Trainingscenters beeinflussen könnte, darf auch nicht unbeachtet gelassen werden.

  1. Kiswahili durchsetzen

Meine persönliche Überzeugung ist außerdem, dass viel mehr erreicht werden könnte, würde man die Schüler in ihrer Mutter- und Landessprache studieren lassen, nämlich auf Kiswahili. Man muss sich nur einmal vorstellen, alle Abiturienten in Deutschland müssten das Abitur komplett auf Englisch schreiben – da hätten wir auch mit wesentlich schlechteren Ergebnissen zu rechnen und die Proteste wären laut.

Ich denke, es gibt noch viel zu tun, was das tansanische Bildungssystem betrifft. Ich habe jedoch gute Hoffnung, dass es vorwärts gehen wird. Warum? Weil ich all diese kritischen Punkte und Zukunftsvisionen eben in Gesprächen mit Tansaniern zu hören bekommen habe. Die Bevölkerung ist sich der Situation also sehr bewusst und fordert sehr deutlich Reformen von der Regierung (was vor allem jetzt vor den Wahlen klar erkennbar ist). Die Bewegung kommt von den Bürgern selbst und nahezu ohne Unterstützung vom Ausland oder von NGO’s, die sich einmischen.

Und darauf sind die Tansanier sehr sehr stolz!