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Rückkehr aus Kenia in die Konsumwelt

Zum zwölften Mal durfte ich 2016 Weihnachten in Kenia feiern, was wirklich ein wunderbares Geschenk war. Es war wohl für etliche Jahre auch das letzte Mal, da ich 2017/2018 neue Aufgaben übernehmen soll und nach einigen Monaten in Rom nach Deutschland zurückkehre. Ich weiß noch nicht, was mich erwartet oder was aus diesem Plan werden wird.

Weihnachten in Kenia. Bild: Samuel Ng'ang'a Njoroge, Diözese Runden/Kenia
Weihnachten in Kenia. Bild: Samuel Ng’ang’a Njoroge, Diözese Runden/Kenia

Vielleicht stellen sich ja auch die zwei Jungen Männer, die auf dem Bild vor dem neugeborenen Christkind knien, die Frage, was aus diesem Kind werden wird? Es könnten zwei Pokot sein, die Milch in einer Kürbisflasche mitgebracht haben und sich mit der Familie über das Kind freuen. Ehrlich gesagt habe ich fast ein wenig Angst, in die „Konsumwelt“ zurückzukehren, wo das Wesentliche so leicht verloren geht. Wie ich schon oft geschrieben habe, leben die Pokot ein sehr einfaches Leben, wo der Luxus manchmal darin besteht, ein Bett mit Matratze zu haben und Tisch und Stühle. Natürlich hat sich vieles getan in unserer Gegend. Leute mit Ausbildung, die vielleicht eine Anstellung als Lehrer oder Krankenpfleger erhalten haben, richten sich auch anders ein. Aber für die meisten Pokot ist das Leben noch immer sehr existentiell und unkompliziert.

Zurzeit bin ich noch immer in Chelopoy, der Filiale der Pfarrei Amakuriat tätig. Inzwischen ist unser Pfarrer nach nur einem Jahr nach Nairobi versetzt worden und da ich bald auch die Pfarrei verlassen werde ist nun P. Maciej der Pfarrer in Verantwortung für die ganze Pfarrei. Wir organisieren unsere Pastoral weitgehend unabhängig voneinander, wenngleich wir monatliche Treffen haben in denen wir unsere Arbeit abgleichen. Die drei kenianischen Mitbrüder, die Anfang 2016 zu Diakonen geweiht wurden, sind nun alle Priester.

Priesterweihe beim Volk der Pokot in Kenia. Foto: P. Hubert Grabmann
Priesterweihe beim Volk der Pokot in Kenia. Foto: P. Hubert Grabmann

Nicht nur die Primizen, sondern auch die Priesterweihen fanden jeweils in den Pfarreien der Weihekandidaten statt. So war besonders die Weihe von Abraham Sireu ein unvergessliches Ereignis für unsere Christen in Amakuriat. Etwa 4000 Leute kamen von den umliegenden Pfarreien und deren Außenstationen hier zusammen, um den ersten Pokot-Comboni-Missionar und zweiten Pokot-Priester zu feiern. Es war eine Menge zu organisieren, da alle Leute wegen der Entfernung Übernachtung brauchten. Bis vier Uhr morgens kamen Busse an und mussten Leute zu den verschiedenen Schulen gebracht werden, wo sie dann zum Teil auf dem blanken Boden oder auf Bastmatten schliefen. Trotz der einfachen Unterbringung war die Feier sehr schön und beeindruckte nicht nur unsere Katholiken.

Ende August durfte ich auch an der Silbernen Ordensprofess einer unserer Schwestern von Chelopoy teilnehmen. Die Schwestern feiern ihre Professen jedes Jahr am selben Tag, deshalb kommen natürlich viele Jubilare zusammen. Zu dem Gottesdienst kamen dann auch mehr als 150 Priester und drei Bischöfe aus den Pfarreien und Diözesen Kenias, in denen die Schwestern arbeiten.

Im Juli kam der Regen glücklicherweise noch rechtzeitig zurück für viele unserer Bauern, so dass die Ernte nicht ganz so schlecht war. Aber natürlich sind die Gegenden auch innerhalb unserer Pfarrei ziemlich unterschiedlich. In den Bergen hatten sie gute Ernte, während in den tieferen Lagen der Regen trotzdem nicht genug war und der Mais sehr klein ausfiel dieses Jahr. Im Nordosten Kenias herrscht gerade auch eine verheerende Dürre, an der viele Menschen zu leiden haben. In Amakuriat war der Regen ziemlich gut, während Kacheliba sehr wenig ernten konnte.

Unsere Schulen bekommen Gott sei Dank Mittagessen von der Welthungerhilfe. Leider geht hier sehr viel verloren wegen der Bestechlichkeit der Behörden etc. Andererseits gibt es in noch sehr vielen unserer Dörfer weder Kindergarten noch Schule. Wir arbeiten daran, solche Situationen zu identifizieren und den Kindern wenigstens einen Kindergartenplatz mit einer warmen Mahlzeit zu ermöglichen. Schulen und Kindergarten brauchen aber auch Wasser, wenn sie etwas kochen wollen. Manchmal bringen die Mütter oder die Kinder selber Wasser mit in die Schule. Aber oft kommt das Wasser von einem Damm oder Wasserloch, das gegen Ende der Trockenzeit immer schmutziger wird und irgendwann austrocknet. So ist auch der Brunnenbau ein weiterer Schwerpunkt, an dem wir neben der Pastoral arbeiten. 2017 möchten wir, wenn möglich, fünf Brunnen bohren, von denen jeder etwa 15.000 Euro kostet. Die Dörfer sollen 10% der Kosten selber tragen, der Rest soll dann von Organisationen, Freunden und anderen Quellen gedeckt werden. Um diese Vorhaben zu begleiten und um sicherzustellen, dass die Lehrer an den Schulen auch wirklich unterrichten, ist es unumgänglich, die Dörfer regelmäßig zu besuchen.

Was die Pfarrarbeit angeht, so arbeiten wir daran, die Seelsorge in den Teilpfarreien weiter voranzubringen. Wir haben festgestellt, dass es uns in Dörfern an Katholiken fehlt, die in irgendeiner Weise ausgebildet sind; oft können auch nicht einmal die Vorstände schreiben oder lesen. So möchten wir 2017 unsere Wortgottesdienstleiter und Katecheten verstärkt zu besonderen Fortbildungen schicken und auch die Vorsitzenden der Teil-Pfarrgemeinderäte und katholischen Vereinigungen über ihre Aufgaben mehr aufklären. Da ich ziemlich lange brauche, meine 30 Außenstationen in der Chelopoy Filiale zu besuchen, haben die Freikirchen und Sekten leichtes Spiel und verunsichern unsere Leute sehr. Oftmals reden sie schlecht über die Katholische Kirche, sprechen ihr sogar den Status einer Kirche ab und werben mit ihren Keyboards und Lautsprechern auch immer wieder einige unserer Leute einfach ab. Es ist wichtig präsent zu sein, gute Seelsorge zu machen und auch in humaner und sozialer Weise tätig zu sein. Die Priesterweihe von Abraham war sicher ein wichtiges Ereignis, das unseren Christen viel neue Kraft gegeben hat. So hoffen wir, dass es gut weitergehen wird und unsere Pfarrei langsam weiterwächst.

Ich werde wahrscheinlich im Juni nach Deutschland kommen. Ich bin dann auch gerne bereit in Schulen oder in Pfarreien über Kenia zu erzählen. Scheut euch nicht, mich zu kontaktieren.

Nochmals möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die sich Sorge um unsere Arbeit machen und uns unterstützen. Möge es euch Gott vergelten.

Mission beim Nomadenvolk der Pokot in Kenia

Nacht etlichen Jahren als Pfarrer in Kacheliba bin ich nun in Amakuriat, der Nachbarpfarrei, tätig. Beide Pfarreien – Kacheliba und Amakuriat – haben ähnliche Herausforderungen, die mit der Lebensart der Pokot zu tun haben. Bei dem Nomadenvolk im Nordwesten von Kenia haben das Christentum und westliche Wertvorstellungen erst kurze Zeit Wurzeln gefasst. Allerdings muss ich anmerken, dass Amakuriat in der Wertschätzung von Ausbildung noch weit hinter Kacheliba hinterherhinkt. Wenn ein Kind in der Schule kein Essen bekommt, weil zum Beispiel der Staat das Geld für die Schulspeisung nicht auszahlt oder das Essen nicht ausliefert, oder wenn der Schulleiter Gebühren für den Unterricht verlangt, lassen viele Eltern ihre Kinder zu Hause. Andererseits gibt es hier noch relativ wenige Internatsschulen, so dass Kinder, die wirklich zur Schule gehen wollen, manchmal 10 Kilometer und mehr zurücklegen müssen, um zur Schule zu kommen. Bei Regen sind dann einige Flüsse nicht zu überqueren oder nur nach langem Warten. Etliche Schulen haben deshalb provisorische Internate eingerichtet. Die Kinder räumen abends die Schulbänke auf die Seite und breiten ihre Matten aus, auf denen sie dann schlafen. Zum Glück hat der Staat seinen ehrgeizigen Plan vorangebracht, jeden Erstklässler mit einem Laptop auszustatten. Nicht, dass die Kinder nun Computer hätten (das wird, wenn überhaupt, noch lange dauern), aber wenigstens hat der Staat Solarenergie in den Grundschulen installiert, die diesen provisorischen Internaten sehr zu Gute kommen.

Um die Christen in den entlegenen Gebieten besser versorgen und die Schulen regelmäßiger besuchen zu können, haben wir die Pfarrei Amakuriat in zwei Subpfarreien (Filialen) mit jeweils 30 Außenstationen aufgeteilt. Im Norden liegt das Zentrum Amakuriat. Im Süden und Südosten besuchen wir die Kapellen von Chelopoy aus. Während P. Maciej Mikolaj und Br. Cesar Chacón in Amakuriat sind, verbringe ich die meiste Zeit in Chelopoy zusammen mit dem kenianischen Scholastiker Benjamin, der hier vor seiner Diakonen Weihe zwei Jahre missionarischen Einsatz leistet. P. Junior Billo als Pfarrer von Amakuriat pendelt zwischen beiden Stationen hin und her. In Chelopoy haben wir ein Pfarrhaus gebaut, das mit dem nötigsten ausgestattet ist. Die Sonne liefert uns auch genug Strom, um zumindest nicht im Dunkeln zu sitzen und eine solarbetriebene Wasserpumpe bringt uns das Wasser auch bis zum Haus. Zudem gibt es dort das Gymnasium „St. Anna“, eine Grundschule und ein Schwesternhaus mit zwei Kenianischen Franziskus-Schwestern.
Mit der Zweiteilung der Pfarrei reduzieren sich die Entfernungen zwischen den Kapellen ziemlich; aber da die Gegend sehr bergig ist, brauchen wir auf den Schotter-, Fels- oder Schlammwegen trotzdem noch zwei bis drei Autostunden und manchmal Stunden zu Fuß bis ans Ziel. Was die Fahrten besonders beschwerlich machen, sind die vielen Wasserläufe, die sich bei Regen blitzartig zu reißenden Flüssen wandeln und die harte Einschnitte in den Wegen zurücklassen. Verglichen mit Kacheliba ist die Infrastruktur hier weit unterentwickelt.

Ein paar Gedanken noch zu meiner neuen Pfarrei

Obwohl wir Comboni-Missionare in dieser Gegend von Kacheliba aus seit 1973 präsent sind, war der Teil um Amakuriat herum etwas vernachlässigt, weil er über 100 Kilometer von Kacheliba entfernt liegt und die Straßen in der Vergangenheit größtenteils kaum passierbar waren. So sind wir hier im wahrsten Sinne des Wortes noch bei der „Erst-Evangelisierung“.

In manchen Gegenden waren Freikirchen vor den Katholiken da, an anderen Orten haben Katechisten, die oft betrunken waren, das Ansehen der Kirche unterminiert. In anderen Fällen ist es einfach so, dass die Leute keine Unterschiede zwischen den Konfessionen feststellen können und dann einfach zu der nächstgelegenen Kirche gehen. In diesem Fall ist es auch kein Thema, einen Sonntag hier und einen anderen Sonntag woanders zur Kirche zu gehen. Für uns ist das eine ziemliche Herausforderung. Während auf der Seite von Amakuriat die Kapellen ziemlich voll sind und ich wirklich sehr überrascht war von der Anwesenheit von vielen jungen Männern, sind auf der Seite von Chelopoy die Kirchen leer. In den Bergen, im Südöstlichen Teil der Pfarrei, geht es langsam aber mit viel Engagement voran. Vieles hängt auch von den Katechisten ab, die mehr oder weniger gut ausgebildet sind. Manche können gerade lesen und schreiben, andere sprechen kaum Kiswahili und nur ein paar wenige haben an einem Pastoralkurs in der Diözese als Vorbereitung zu ihrer Arbeit als Katechist teilgenommen. Leider haben wir kaum eine Wahl, da in den meisten Dörfern noch kaum Leute die Grundschule abgeschlossen haben oder die ersten gerade dabei sind, ihre Ausbildung zu beenden. Selbst ein Treffen der Christen in den „kleinen christlichen Gemeinschaften“ ist schwierig, da niemand da ist, der die Bibel lesen könnte. Anfang Juli hat der Bischof auch unsere neue Kirche in Chelopoy eingeweiht, die sehr vielen Christen Platz und damit auch viele Möglichkeiten der Fortbildung für die Christen bietet.

Ich als Priester genauso wie mein Mitbruder, der Scholastiker Benjamin, halten Gottesdienste (Eucharistie oder Wortgottesdienste) wo immer wir hinkommen und unterrichten die Leute über den Glauben. Wir schlafen in den Dörfern, so dass wir am nächsten Tag alle Zeit mit den Leuten verbringen können. Ich bin noch dabei, die Beste Art und Weise zu finden, wie wir den Menschen hier begegnen können. Da ist noch so viel Wissbegierde in den Leuten, die es einem wirklich leicht macht, sich Zeit für sie zu nehmen. Gottesdienste sind sehr lebendig, da wirklich jeder und jede mitsingt und mit guter Stimme. Die Pokot sind sehr freudige Menschen, wenngleich sie eigentlich auch sehr kriegerisch sein können, wenn es um ihre Herden geht.

Es ist auch hier wiederum eine wunderbare Erfahrung, die ich machen darf und ich wünschte mir das mit euch persönlich vor Ort teilen zu können.