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Kleine christliche Gemeinschaften in Indien

„Ich glaube, ich falle vom Glauben ab!“ Diese Redensart ist mir in den letzten Tagen im indischen Poona, der Eichstätter Partnerdiözese, mehrfach durch den Kopf gegangen. Seit über 20 Jahren komme ich ca. alle zwei Jahre hier her und jedes Mal bin ich über das Tempo der Veränderungen erstaunt.

Leider sind es keine Veränderungen, die man sofort begrüßen würde, wie die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen, Kindern und Dalits, oder einer saubereren Umwelt. Nein, was mich tief geschockt hat, war das Tempo der Verwestlichung. Beispiel: Es gibt in meinem indischen Lieblingslokal nun einen Biergarten, italienische Holzofenpizza und Espresso. Warum komme ich dann eigentlich noch hier her? Warum kommen 13 hochrangige pastorale Mitarbeiter und Laien hier her? Weil wir etwas lernen können, das uns Hoffnung macht und Mut gibt.

Die Gruppe aus dem Bistum Eichstätt beim Empfang an der Ornella School. Foto: Merwyn Mascarenhas

Es gibt ein Mittel, um nicht vom Glauben abzufallen: SCC

SCC, die Small Christian Communities (kleine christliche Gemeinschaften), sind hier im Bistum und auch andernorts in Indien ein Ansatz, um in den Pfarrgemeinden eine neue Art Kirche-sein zu leben.

Der pastorale Ansatz geht auf bayerische Missionare zurück, die in Afrika versucht haben, die Gemeinden zu stärken, die lange ohne den Besuch eines Priesters auskommen mussten. Kernelemente sind dabei die Bildung von überschaubaren Gemeinschaften, die Ermöglichung echter Partizipation und die Verbindung der Bibellektüre mit einer karitativ-sozialen Aktion.

Das alles kann man auf akademischem Weg studieren oder in der Praxis erfahren. Im Rahmen der seit 1955 bestehenden Verbindung von Eichstätt und Poona haben wir uns für den zweiten Weg entschieden und auf den Weg gemacht, um zu sehen und zu erfahren, wie das in der pfarrlichen Realität einer Millionenstadt geht.

Und wir waren überrascht, wie viele gute Beispiele wir in verschiedenen Pfarreien erleben durften. Sogar eine SCC für Kinder haben wir beim Bibelteilen getroffen. Allerdings ist hier nicht alles so, wie es die reine Lehre vorsah. Doch das finden wir alle gut, schließlich muss jedes Konzept auf den konkreten Kontext hin angepasst werden.

Die Eichstätter Delegation bei einer kleinen christlichen Gemeinschaft in Indien

Die bewegende Musik, Action-Songs und blumenreichen Rituale haben uns gezeigt, dass es in Indien anders zugeht als in Afrika. Und dass auch in unseren Gemeinden vielleicht die eine oder andere Neuerung, z.B. in der Kirchenmusik ausprobiert werden sollte, um jüngere Generationen anzusprechen. Mitmach-Lieder bringen nicht nur die mitgereisten Mitglieder des Domkapitels dazu, auf der Bühne den Dresscode des Tages „Smile“ zu beachten.

Vielen von uns ist ein Rollenspiel von jungen Erwachsenen in Erinnerung geblieben. Darin halfen die Mitglieder der SCC einem anderen Mitglied, einen Arbeitsplatz zu finden. Es erinnert an die ersten Christen, die sich umeinander kümmerten. Diese Zeugnisse der Gemeinschaft sind starke Zeichen in Indien und sicher auch bei uns.

Aber es sind auch ganz grundsätzliche Dinge, die zum SCC-Ansatz dazu gehören. Zum Beipiel geben die Priester viel Verantwortung aus der Hand, sie trauen den Laien viel zu, geben ihnen Gestaltungsraum. Beim Bibelteilen sind sie nicht dabei, die Treffen und sozialen Aktivitäten werden i.d.R. von den mündigen Christen vorbereitet. Partizipation meint nicht nur, mithelfen zu dürfen, sondern auch entscheiden zu können. Auch die Bedeutung von gut vorbereiteten Hausbesuchen durch Laien wurde intensiv diskutiert, weil sie ein guter Weg sein können, um mit SCC´s zu beginnen.  Das sind sicher Herausforderungen für das Selbstverständnis vieler Priester und Theologen bzw. Theologinnen, aber der hiesige Ortsbischof steht voll zu diesem lebensweltorientierten und nicht defizitorientierten Konzept.

Blick auf die Stadt Pune. Foto: Reinhard Förster

Es wird noch ein paar Tage dauern, bis wir wieder in Eichstätt sein werden und bis dahin werden auch noch andere Eindrücke auf uns einwirken. Ich denke da nur an die tollen Umwelt- und Sozialprojekte, die morgen auf dem Programm stehen, oder die Schulen und karitativen Einrichtungen, die wir bereits besucht haben und die auch nachwirken.

Aber eines ist klar, diese Reise lässt mich nicht vom Glauben abfallen, sondern sie bestärkt und inspiriert mich und meine Mitreisenden. Weil wir Hoffnung schöpfen durften, dass es Wege gibt, um das Christentum auch im 21. Jahrhundert zu leben. „We are the church.“

Und davon werden wir gerne überall berichten, wo wir eingeladen werden, oder man unser Angebot annimmt, zu kommen.

Mehr zum Thema:

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die Fastenzeit 2016 hat bereits Halbzeit. Am Aschermittwoch wurden wir einmal mehr erinnert, wie endlich das Leben ist.

Das Ambiente, in dem wir uns bewegen, weist uns täglich auf den Brandanschlag vom Juni 2015 hin. Der grobe Schmutz ist weggekehrt, aber das verbrannte Atrium, die verkohlte Klostertüre und die Absperrungen erinnern uns täglich daran. 1400 Jahre zuvor haben die Perser die damalige Kirche vor Ort in Schutt und Asche gelegt. 1300 Jahre war hier Stille, die Tiere weideten auf den Wiesen, das Wasser der sieben Quellen ergoss sich über das Land… Bis eines Tages Archäologen den fast gänzlich erhaltenen Mosaikboden der alten Kirche fanden. Nach langen Jahren mühsamer Zusammenarbeit entstand wieder ein Pilgerort, von dem Tausende Menschen beseelt von der Erfahrung der Nähe zum Evangelium in ihre Heimat zurückkehren. Als Ludger Bornemann, der Leiter des Pilgerhauses, wieder einmal davon sprach, wachte etwas in mir auf: Schätze suchen, da wo man ist … und fündig werden!

Eine der sieben Quellen, die auf dem Gelände des Benediktinerklosters Tabgha entspringen. Foto: Andrea Krebs
Eine der sieben Quellen, die auf dem Gelände des Benediktinerklosters Tabgha entspringen. Foto: Andrea Krebs

So lasse ich Sie nach längerer Zeit Anteil nehmen an sieben Schätzen, die ich in Tabgha finde, in Anlehnung an die sieben Quellen, die hier auf dem Gelände entspringen. Sie werden in drei Teilen zu lesen sein.

Dasein

Wenn ich hier etwas gelernt habe und es immer wieder mühsam lerne, dann ist es die Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Was tue ich hier? Was ist meine Bestimmung? So viel wie hier habe ich mir bisher nicht die Sinnfrage gestellt, weil ich mein Leben als sinnvoll erfahren habe: mein Dienst in der großen Familie, als Religionslehrerin und die Begleitung meines Mannes in langen, leidvollen Phasen der Krankheit.

Aber hier, allen Verantwortlichkeiten enthoben, stehe ich mit leeren Händen da.

Anfangs musste ich lächeln, dass ich hier nähen und kochen soll, weil das ein Teil meines Lebens ist, den ich nicht unter Arbeit abrechnen würde. Wenn ich aber 6-7 Stunden im schönsten Nähatelier meines Lebens in Stille verbringe, greifen alle möglichen Gedanken an und versuchen zu verwirren. Bin ich echt aufgebrochen, habe so viel hinter mir gelassen, um zwischen Ordensleuten zu leben, zu nähen und zu kochen?

Es ist mir eine wichtige Lektion geworden: Das Leben besteht nicht aus dem, was ich tue. Mein Leben will eine liebevolle Antwort auf den Anruf Gottes sein, ihm schenke ich mein Vertrauen im Hier und Jetzt und stehe ihm zur Verfügung. Dass ich mit meinen Fähigkeiten dazu beitragen kann, dass der Gemeinschaft gedient ist, ist schön, macht mich aber nicht aus. Mein Dasein in Ihm soll ein fruchtbares Geschenk sein. Dies ist ein unsichtbares Geschehen. Wir Menschen haben es gern, wenn wir sehen, was wir tun. Ich kann mich nicht beschweren: Bei dem, was ich nähe, bleibt so manches sichtbar. Dieses Dasein vor Gott in Liebe und für die Menschen, ist im Grunde das, was mein Mann mir in den langen Phasen der Krankheit vorgelebt hat.

Ich glaube, deshalb sind die Klöster Kraftorte, weil Menschen sich dieser unsichtbaren Fruchtbarkeit überlassen und sich Gott in Freud und Leid zur Verfügung stellen, versuchen, in seiner Gegenwart zu bleiben.

Kreativität

Ob in der Küche, in der Nähstube oder bei allen Ideen, die ich einbringe, erfahre ich stets Offenheit und Gestaltungsfreiraum. Ich bin eingebunden in das benediktinische Regelwerk, das sehr strukturierend und ordnend ist, bleibe aber frei, mich kreativ auszudrücken und zu lernen.

Seidenes Messgewand: Auf der Stola steht Jesus in aramäisch und arabisch. Foto: Andrea Krebs
Seidenes Messgewand: Auf der Stola steht Jesus in aramäisch und arabisch. Foto: Andrea Krebs

So stehen für die nächste Zeit zwei Messgewänder, ein Habit für Pater Jonas, ein Wandbild, Kräuterkissen, Tabgha-Kissen, Stolen, Pallas und viele Gotteslobeinbände als Arbeit in der Nähstube an. Von manchem weiß ich nicht, wie es aussehen wird. Ein Messgewand entsteht für den Gottesdienst am See, der am 17. April (Sonntag vom Guten Hirten) vom Bayerischen Rundfunk übertragen wird.

Auch darf ich den Schwestern, die hier für die Mönche und den deutschen Verein vom Heiligen Land arbeiten, Deutschunterricht geben, was sich im freundschaftlichen Miteinander ergibt und anders ist als Deutsch in Sprachkursen oder in der Schule. Die Schwestern wollen lernen, was die Bedeutung dessen ist, was wir singen und beten. So hat dieser Unterricht viel mit der Freude an Gott zu tun und wir lachen und singen viel.

Ob beim arabisch-deutschen Miteinander in der Küche, in der Zusammenarbeit mit Pater Jonas oder bei den Nähprojekten in Beith Noah mit Gruppen behinderter Menschen, dem Miteinander mit den jungen Volontären – immer gibt es ein kreativer Gestaltungsspielraum, der das Arbeiten bereichert.

Ohne Stress

So wie ich Arbeit hier erlebe, ist sie ein fruchtbares Geschehen und Ausdruck der schöpferischen Kräfte, die jedem unterschiedlich verliehen sind und die in ihrer Gesamtheit dem Ganzen dienen.

Meine Arbeit in der Küche, in der Nähstube und mit Menschen ist ein natürlicher Lebensbeitrag ohne den Faktor Stress, den es hier nicht gibt. Als in einer bestimmten Zeit meine Arbeitsstunden das normale Maß deutlich überschritten, wurde ich darauf hingewiesen, dass ich, um im Gleichgewicht zu bleiben, für mich selbst verantwortlich bin. Meine Zurückhaltung bei Anfragen wurde dann sehr ernst genommen.

So würde ich mir die Welt wirklich wünschen: Dass jeder seine Begabung einbringt, darin gefördert und gefordert wird und sein Leben als nützlich empfinden kann, ganz ohne die Stress-Phänomene, die wir alle kennen. Aus der Entfernung spürt man noch intensiver, welcher Leistungsdruck in Deutschland vorherrscht, bis hinein in Kinderkrippen, Pflegeeinrichtungen, Schulen, ganz abgesehen von der Wirtschaft.

Arbeit hier im Kloster (und auch im arabischen Kontext) macht möglich, dass alle von allen leben, denn jeder Dienst bereichert die Gemeinschaft, ob er nun sichtbar ist oder nicht. Und was zu Hause eher ungewöhnlich ist: Arbeit unabhängig von Bezahlung (wir leben hier von einem Taschengeld).

Von außen betrachtet fragen Besucher gelegentlich nach, von was Tabgha lebt. Verglichen mit dem Niveau meiner Brüder, Söhne und Freunde, die sich in der Welt bewähren und ein hohes Engagement für den Lebensstandard ihrer Familien einbringen, gibt es da berechtigte Fragen. Ein ruhiges und gleichmäßiges Leben in der Gegenwart Gottes braucht aber eine Balance zwischen ora und labora, denn diese beiden Pfeiler stützen das Ganze. Die Arbeit prägt das Gebet und das Gebet die Arbeit, das wird im Tagesablauf deutlich, der seine Struktur von den fünf Gebetszeiten und Zeiten für die lectio erhält. Dabei trägt das Ganze viele Anliegen der Welt mit vor Gott.

Liebe der anderen Art

Zu Beginn meines Aufenthaltes fragte ich mich: Wie ist das hier nun mit der Liebe? Wie in einer Familie ist es echt nicht. Die Gottes- und Nächstenliebe wird in den Gebetstexten häufig erwähnt, aber nicht so offen und herzlich ausgedrückt. Auch mit Lob und Dank geht man hier zurückhaltend um.

Nach einer Weile empfange ich Nachrichten auf einem anderen Sender und sehe die Liebe! Sie lebt:
In einem achtsamen, höflichen Umgang miteinander,
den Anderen im Blick habend,
im freundlichen Aufeinander zugehen,
im geduldigen Aushalten,
in der Haltung, dem Anderen zu dienen,
sein Wohl zu suchen,
nicht urteilen zu wollen,
über Schwächen miteinander zu lachen,
sich zu entschuldigen, wenn es dran ist,
in einer überraschend liebevollen Versorgung im Krankheitsfall
und in dem kleinen Wörtchen „Danke“ von Bruder Franziskus am Ende des abendlichen Küchendienstes.
Die Liebe lebt hier in dem Satz Jesu: „Wer bittet, der empfängt“. Man empfängt oft überraschend anders, als gedacht.

Pater Jonas lernte mir die sieben neuen Werke der Barmherzigkeit (nach Bischof Joaquim Wanke):
„Du gehörst dazu
Ich höre dir zu
Ich rede gut über dich
Ich gehe mit dir
Ich teile mit dir
Ich besuche dich
Ich bete für dich.“

Sie gefallen mir. Ich finde sie hier nicht formvollendet, auch bei mir nicht, aber erlebe uns alle darum bemüht. Das ist eine schöne Form von Liebe, die dem Miteinander Sicherheit gibt.

Von Herz zu Herz

Von Herz zu Herz miteinander sprechen zu können, ist eine Gnade. Diese Sprache kann man erfahren, annehmen, bewahren und dann wieder loslassen. Man kann nicht darüber verfügen, sie ist da, öffnet sich, wie eine Blume im Sonnenlicht, erfreut und macht dankbar. Für die vielen Momente, die von dieser Sprache berührt werden und dem Leben eine tiefen Sinn geben, bin ich von Herzen dankbar. Ohne P. Matthias‘ Offenheit, sein Vertrauen und seine Herzenswärme, wäre Tabgha (nicht nur) für mich unvollständig. Aber auch mit verschiedenen Gästen bin ich in dieser Weise herzlich verbunden.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3