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Einfach und achtsam leben – Freiwilligendienst in Südfrankreich

Die Arche „Borie Noble“ ist eine Lebensgemeinschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, einfach und gewaltfrei zu leben. Sie liegt in Südfrankreich, 100 Kilometer von Montpellier entfernt, ein wenig in den Bergen. Neben dem Gemüsegarten und dem Bauernhof mit Kühen gibt es eine Hühnerzucht, eine Bäckerei und eine Käserei. Die Arche-Gemeinschaft besteht seit den 60er Jahren, Spiritualität und Religion spielen im Alltag eine wichtige Rolle.

Der Tag beginnt und endet zum Beispiel mit einem gemeinsamen Gebet, im Sommer im Freien, im Winter im Gemeinschaftssaal. Nach dem Morgengebet um 8.30 Uhr werden die Arbeiten für den Tag verteilt, wobei jeder Tag mit den „pluches“ (von frz. Eplucher = schälen) beginnt. Das bedeutet, dass alle Freiwilligen gemeinsam in der Küche das Gemüse fürs Mittagessen schnippeln, was in der Regel ziemlich gesellig ist. Wenn alles vorbereitet ist, bleibt der Koch des Tages alleine in der Küche, und die anderen Arbeiten beginnen. Um 13 Uhr gibt es Mittagessen, wenn das Wetter und die Temperaturen es zulassen, draußen unter einer wunderschönen, uralten Kastanie – ansonsten in der Küche. Nach der Mittagspause, in der ich hier tatsächlich des Öfteren Siesta halte, werden die Arbeiten des Morgens für etwa zwei Stunden fortgesetzt. Nach ein wenig freier Zeit wird der Tag mit dem Abendgebet um halb acht offiziell beendet. Im Sommer wird abends draußen um ein Feuer gebetet, was ich sehr genossen habe – und worauf ich mich jetzt schon wieder freue!

Vormittags wird hier einmal die Stunde die Glocke geläutet zum „rappell“, das bedeutet so viel wie Erinnerung, „sich-ins-Gedächtnis-rufen“. Dafür legen alle für einen Moment die Arbeit wieder, es wird sehr still, und jeder kommt zur Ruhe und besinnt sich seiner selbst und seiner Umgebung. Diese Momente sind mir hier bald sehr wertvoll geworden.

An diesen Tagesrhythmus hatte ich mich nach etwa einem Monat sehr gut eingewöhnt. Dieselbe Zeit habe ich gebraucht, um mich körperlich an das Essen, das Klima und die Arbeit zu gewöhnen. Während ich im ersten Monat oft sehr müde war, hatte ich danach neue Kraft. Das war wohl auch der Moment, an dem ich das Gefühl hatte, tatsächlich angekommen zu sein.

Der Rhythmus der Borie Noble

Auch die Woche und das Jahr haben hier einen besonderen Rhythmus. Freitag ist hier beispielsweise traditionell ein Tag der Stille und des Fastens. Das habe ich schon ein paar Mal zum Anlass genommen, mir einen Schweigetag zu machen – eine sehr interessante und gute Erfahrung. Samstag ist ein kleiner Festtag, mittags gibt es Pizza, Apfelsaft und Wein (alles keineswegs selbstverständlich hier) und abends wird getanzt, Kreistänze aus aller Welt. Sonntag ist der einzige Tag der Woche, an dem kein einziges Mal die Glocke geläutet wird, wie sonst zum Essen, zu den Gebeten, zum „rappell“. Das heißt, es gibt keine einzige fixe Zeit, keinen vorgegeben Rhythmus. Nach der Woche mit ihren vielen festen Zeiten genieße ich es sehr, einfach zu tun, wonach mir der Kopf steht. Außer wenn man melken oder gießen muss, ist der Sonntag hier nämlich auch tatsächlich frei, ganz anders als in den letzten Schuljahren, wo es immer noch etwas zu lernen oder vorzubereiten gab. Das ist fantastisch!

Der Jahresrhythmus wird gegeben durch die vier großen Feste, die zu den Sonnwenden oder Tag-und-Nacht-Gleichen stattfinden: Weihnachten, Ostern, St. Jean (also Sankt Johannes) und St. Michel (also Sankt Michael). Die Feste markieren auch die Jahreszeiten. St. Michel wurde drei Wochen nach meiner Ankunft gefeiert, als Ende des Sommers und Erntedank. Dabei sind alle weiß angezogen, es gibt Texte, Lieder, Gebete, eine Zeremonie, viel gutes Essen und natürlich Tanz. Im Advent gab es jeden Samstagabend eine kleine Feier, bei der jede Woche ein Stück mehr die Krippe dekoriert wurde.

Meine Arbeit

Bis in den Herbst gab es viel Arbeit im Garten, da ich mitten in der Erntezeit angekommen bin. Das große Holzmachen im Wald beschäftigte uns im ganzen Winter. Im Moment gibt es vor allem viele kleine Dinge in der Küche und im Haus zu tun. Inzwischen ist es meine feste Aufgabe, einmal die Woche für die Gemeinschaft zu kochen – das ist ziemlich abenteuerlich für mich, schließlich sind wir meistens um die 25 Personen. Es macht aber auch wahnsinnig Spaß und ist meine zweitliebste Arbeit hier. Meine Lieblingsarbeit ist allerdings das Melken, was ich vier Tage in der Woche im Wechsel mit Rebecca, meiner Mit-Freiwilligen, mache. Dabei finde ich es schön, dass man die Kühe tatsächlich im Laufe der Zeit kennen und lieben lernt und eine gewisse Beziehung zu ihnen aufbaut. Außerdem helfe ich Salate und Tomaten in den Gewächshäusern aufziehen.

Bei all den Arbeiten hier lerne ich unglaublich viele neue, nützliche Fertigkeiten, das macht mir sehr viel Freude. Rebecca und ich haben im Gang zwischen unseren Zimmern eine Liste hängen, auf die wir alles schreiben, was wir hier zum ersten Mal machen – sie beinhaltet zum Beispiel Kühe von Hand melken, Sauerkraut kochen und einen Tag schweigen – die Liste ist schon fast zwei Seiten lang. Und sie ist noch lange nicht beendet!

Meine Freizeit und meine Mitmenschen

Meine Freizeit, also Abende und Wochenenden, verbringe ich mit den anderen „stagiaires“, den Freiwilligen. Außer einem Trupp von momentan sechs „longstagiaires“, die länger bleiben, gibt es hier auch viele Besucher, die nur zwischen einer Woche und einem Monat hier sind. Daraus ergeben sich immer wieder interessante Gespräche und Geschichten. Der schnelle Wechsel an Menschen kann aber auch ermüdend sein. Umso wichtiger ist die Gemeinschaft mit denjenigen, die länger hier leben. Die „engagées“, die festen Bewohner, treffe ich vor allem beim gemeinsamen Mittagessen, bei den Gebeten und bei gemeinsamen Arbeiten. Entgegen meiner Befürchtungen im Vorfeld laufe ich in keiner Weise Gefahr, einsam zu sein. Es fällt mir im Gegenteil manchmal schwer, mir Zeit für mich zu nehmen.

Im Alltag spreche ich viel Deutsch (mit Rebecca), Englisch (mit Freiwilligen, die kein Französisch können) und Französisch, was zu Beginn ein großes Chaos in meinem Kopf ergeben hat. Inzwischen habe ich gelernt, schnell zwischen den drei Sprachen zu wechseln. Allerdings gibt es vor allem in Französisch auch noch viel Spielraum nach oben, und ich lerne jeden Tag dazu.

Die Borie Noble liegt sehr abgeschieden, umgeben von wunderschöner Natur, die ich in meiner Freizeit gerne erkunde. Dabei findet man immer wieder tolle Trampelpfade und Plätze, wie ein kleiner Wasserfall oder die Quelle, aus der die Borie Noble ihr Wasser bekommt. Die Kehrseite der Abgeschiedenheit ist, dass man nur schwer in die nächste Stadt kommt. Ich fahre oft am Samstag mit dem Bus dorthin. Das ist dann auch die Gelegenheit, Internet und Handy zu benutzen – hier habe ich weder W-LAN noch Handyempfang. Das macht zwar die Kommunikation mit alten Freunden und der Familie schwieriger, ist aber ansonsten sehr angenehm. Ich merke, wie viel mehr ich im Hier und Jetzt lebe, seit ich so wenig Technik nutze.

Arbeiten mit Menschen mit Behinderung in Indien

Seit zwei Monate lebe ich in der Eichstätter Partnerdiözese Pune in Indien. Meine Einsatzstelle im Freiwilligendienst heißt „Nirmalya Trust – A helping hand for the physically challenged“ und liegt in Deccan, nah an der Stadtmitte. Sie ist, wie der Name schon sagt, eine Organisation für Menschen mit Behinderung.

„Nirmalya“ bezeichnet den Altarschmuck aus Tempeln, der, nachdem er alt oder welk ist, ausgetauscht, aber nicht weggeworfen, sondern aufbewahrt wird. Mrs. Bedarkar, die Chefin von Nirmalya Trust, erdachte diesen Namen, als sie eines Tages meditierte. Sie gründete Nirmalya Trust, da sie bemerkt hatte, dass es für Menschen mit Behinderung zu diesem Zeitpunkt fast keine Beschäftigung gab, und sie häufig keine Chance auf einen Arbeitsplatz hatten. Ihre Tochter Tanuja hat selbst eine Lernschwäche und eine Wachstumshemmung sowie ein ausgezeichnetes Gedächtnis und Organisationstalent. Sie war der Anlass für die Gründung der Stiftung.

Mittlerweile ist daraus ein großes Unternehmen geworden: Im Büro arbeiten neben Mrs. Bedarkar selbst noch Tanujas Schwester Aarti und zwei weitere Angestellte. Dort werden auch die Erzeugnisse gelagert. Wenige Straßen entfernt befindet sich der „Garten“, in dem in zwei Werkstätten gearbeitet wird.

Umweltfreundliche Paperbags

Im Garten werden hauptsächlich die Papiertüten hergestellt. Dort arbeiten im Moment neben vier Menschen mit Behinderung (drei Schwerhörige und eine Blinde), Katja, meine Mitfreiwillige und Vaishali Maushee, die Werkstattleiterin und Deepali, ihre Stellvertreterin. Maushee ist allerdings kein Eigenname: Maushee bedeutet Tante und da wir alle eine große Familie sind und Vaishali die Älteste von uns ist, wird sie auch so genannt. Außerdem gibt es etwa 80 km außerhalb von Pune ein Dorf (Panuli), in dem Menschen mit Behinderung für die Stiftung Paperbags und Anderes produzieren.

Aber wer kauft das eigentlich? Häufig werden diese Tüten von Geschäften gekauft, die sie an ihre Kunden weitergeben, als umweltfreundliche Alternative zu Plastiktüten. Aber auch, wenn auf Hochzeiten und Geburtstagsfeiern Geschenke verteilt werden, sind unsere Tüten beliebt. Manche dieser Kunden rufen vorher an und bestellen Tüten. Oft kommen die Leute aber auch in den „Garten“, wo sie sich alle Tüten anschauen und dann die gewünschte Anzahl und Größe mitnehmen können. Die Geschäfte werden einfach vom dienstältesten anwesenden Angestellten abgewickelt, da die Besetzung des Gartens nicht fest ist, sondern hier und da immer wieder Leute gebraucht werden. Logischerweise übernehmen diese Aufgabe auch die Hörgeschädigten der Einrichtung und das ist überhaupt kein Problem.

Neben Paperbags, die quasi die Grundlage des Unternehmens bilden, werden Patchworkdecken, Papierblumen, Körbe aus Hochglanzpapier und Kofferanhänger mit bunten Perlen hergestellt. Ehemalige Freiwillige haben selbst Projekte initiiert, zum Beispiel Sparschweine aus Pappmaschee, ein Kochbuch (auf Deutsch) und Adventskalender. Ich hab auch schon getöpferte Teelichtständer (sog Diyas) gesehen und Tesafilm-Rollen (größer als üblich) werden zu Stiftehaltern aufeinandergestapelt und verziert.

Arbeitsplatzvermittler

Das eigentliche Ziel von Nirmalya Trust ist, Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz zu vermitteln. Jeder, der sich bei der Organisation meldet, wird in einer Liste gespeichert. Wenn ein anderes Unternehmen eine Arbeitsstelle für Menschen mit Behinderung anbietet, werden alle, die dafür geeignet sind, benachrichtigt. Bei der weiteren Bewerbung und auch an ihrer Arbeitsstelle werden die vermittelten Arbeiter unterstützt und begleitet. Dieser Teil der Arbeit interessiert mich sehr, und ich hoffe ich bekomme noch die Gelegenheit, auch dort mitzuarbeiten.

Ich arbeite sechs Tage pro Woche. Da aber mein Arbeitsvertrag, der von weltwärts organisiert ist, mir nur 40 Wochenstunden erlaubt, wird der sechste Tag zu meinem Urlaub addiert. Meistens arbeite ich in der Werkstatt an der Produktion der Paperbags. Wenn man sich etwas Mühe gibt und zum Beispiel Werbung, die eine ganze Seite füllt (was relativ häufig der Fall ist), herausfiltert, kann man sehr schöne Tüten produzieren.

Angefangen habe ich am 8. September und mittlerweile fühle ich mich schon sehr wohl in meiner Arbeit. Die Kollegen sind alle sehr nett und hilfsbereit. Bei der Vorstellung, mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten, spielen oft Berührungsängste eine große Rolle. Auch bei mir war das so. Als mir Bernhard (Internationale Bund (IB)-Koordinator) auf dem ersten IB-Kennenlern-Seminar die Stelle bei Nirmalya Trust empfahl, war ich keineswegs sofort überzeugt. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde.

Gebärdensprache und Inklusion

Viele meiner unterschwelligen Sorgen oder Befürchtungen haben sich schon während meines Praktikums bei der Regens-Wagner-Betriebsstätte für mehrfach behinderte Hörgeschädigte in der Pommernstraße in Nürnberg-Eibach gelegt. Dort habe ich eine Woche lang gearbeitet, da für den Antritt des Freiwilligendienst ein Praktikum in einer ähnliche Einrichtung vorgeschrieben ist. Die Einrichtungen ähneln sich tatsächlich, nur gab es in Eibach für jeden einen Tisch und Stuhl (hier arbeiten wir meistens auf Sitzkissen auf dem Boden vor kleinen Tischen) und bei in meiner Praktikumswerkstatt wurden technische Gegenstände auf Auftrag produziert. Seit ich hier arbeite und die lokale Gebärdensprache ein bisschen gelernt habe, gehe ich so mit meinen Kollegen um, wie man halt mit Kollegen umgeht. Wir quatschen über alles Mögliche, manchmal lerne ich Gebärdensprache oder etwas über religiöse Feiern, oder wir reden einfach über witzige Situationen, oder darüber, was wir am Wochenende gemacht haben. Spannend finde ich, wie unterschiedlich wir sozialisiert sind. Zum einen durch die komplett andere Kultur und zum anderen durch ihre Handicaps. Aber wieso nur ihre? Tanuja meinte neulich, eigentlich hat jeder von uns seine Eigenheiten und die eine oder andere Macke.

In diesem Zusammenhang habe ich mir dann auch Gedanken gemacht, warum es erst einer solch intensiven Begegnung bedarf, um körperlich behinderten Menschen unvoreingenommen zu begegnen. Leider findet eine solche Erfahrung in der Schule keinen Platz, obwohl diese meiner Meinung nach der richtige Ansatzpunkt wäre. Ich weiß, dass die Inklusion von Kindern komplex ist, sowie einen Mehraufwand für Lehrer darstellt, aber ich denke, dass man durch geleitete Begegnung mit Menschen mit Behinderung eine Ausgrenzung zumindest stückweise verhindern und Berührungsängste abbauen kann. Eine Wochenstunde für einen Gebärdensprachkurs zu entbehren oder verpflichtende Praktika in sozialen Einrichtungen einzuführen, könnte dazu führen, dass Menschen mit und ohne Behinderung sich unbefangener und toleranter begegnen. Da ich am meisten mit Hörgeschädigten zu tun habe, ist mir dieses Feld besonders wichtig. Wenn jeder Deutsche sich auf Gebärdensprache ausdrücken könnte, wäre so vielen Menschen geholfen. Sie könnten einfach jeden nach dem Weg fragen oder kompliziertere Interaktionen alleine durchführen. Außerdem ist es wirklich nicht schwierig sich in Gebärdensprache zu unterhalten, wenn man ein bisschen Übung hat.

Zum Schluss gibt in meinem Blog „Lukas in Indien“ als extra Gimmik eine Bastelanleitung für Paperbags zum Nachmachen und Ausprobieren.

Abenteuer in Bolivien und Abschied in Chile

Ich melde mich aus dem weit entfernten Chile – wahrscheinlich eines der letzten Male, bevor ich wieder nach Deutschland zurückkehre.

Im Mai war ich mit drei weiteren Freiwilligen im Urlaub. Von San Pedro de Atacama ging es zunächst auf eine Dreitagestour mit einem Jeep durch Wüstenlandschaft bis zur Salzwüste in Bolivien. Wir haben viele Lagunen, Alpakas und Flamingos gesehen. Es war echt beeindruckend! Teilweise waren wir auf über 5000 Meter Höhe bei -10°C. Leider habe ich die Höhe nicht ganz so gut vertragen, aber die Bolivianer haben ganz gute Hausmittelchen dagegen und so ging es mir relativ schnell wieder besser.

Von Uyuni aus sind wir dann über Oruru nach Cochabamba in Bolivien gefahren. Dort haben wir die anderen Freiwilligen unserer Organisation und ihre Projekte besucht. Ich bin fünf Tage dort geblieben und hab ein bisschen das Leben in Bolivien kennen gelernt. Es ist schon sehr anders und noch nicht so europäisch-amerikanisch geprägt wie es Chile ist. Auch die Arbeitsstelle von Patricia (eine Freiwillige von Cristo Vive), die dort im Kindergarten in Bellavista arbeitet, ist ganz anders als hier in Chile.

Von Cochabamba ging es dann nach La Paz, die Hauptstadt von Bolivien. Die Stadt befindet sich auf 3800 Meter Höhe und liegt sehr beeindruckend zwischen den Bergen. La Paz hat mir sehr gut gefallen, auch wenn es wirklich wahnsinnig dreckig und chaotisch war. Von dort aus haben wir dann Ausflüge an den Titicacasee, den weltweit höchstgelegenen See, und auf die Isla del Sol gemacht. Des Weiteren bin ich die „Death Road“ mit dem Fahrrad gefahren. Die sogenannte Todesstraße gilt als die weltweit gefährlichste Straße. Sie ist nur rund 3 Meter breit und seitlich geht es über 600 Meter steil in die Tiefe. Wir sind auf über 5000 Meter Höhe bei eiskalten Temperaturen gestartet und nach ca. drei Stunden nur bergabfahren mitten im Dschungel bei tropischen Temperaturen angekommen. Das war schon wahnsinnig beeindruckend!

Insgesamt war der Urlaub wirklich sehr schön und ich hab wieder mal sehr viel erlebt. Trotzdem war ich sehr froh und glücklich, als ich endlich wieder in Chile war, denn ich hab meine Freunde und Kinder schon nach zwei Wochen äußerst vermisst.

Auf der Arbeit hat sich nicht viel verändert. Es gab ein paar Wechsel innerhalb meiner Gruppe, denn zwei schon reifere Kinder sind gegangen, dafür haben wir mehrere neue noch sehr kleine Kinder dazu bekommen. Es macht wie immer sehr viel Spaß und ich geh sehr gern arbeiten, auch wenn im Moment eher weniger Kinder kommen, da viele krank sind. Aber das liegt, glaube ich, an der hohen Luftverschmutzung hier in Santiago. Vor Kurzem ist seit 16 Jahren zum ersten Mal wieder der Notstand ausgerufen worden. Das bedeutete, dass über 3000 Fabriken und Betriebe schließen mussten und 80 Prozent der Autos still standen. Des Weiteren durfte auch kein Sport mehr getrieben werden und an manchen Schulen fiel sogar der Unterricht aus.

Wir haben zwei neue Spielgeräte für den Innenhof der Sala Cuna (Kindergarten) gekauft, denn die alten waren schon ziemlich kaputt. An dieser Stelle herzlichen Dank an alle meine Spender, durch deren Geld dies ermöglicht werden konnte. Außerdem möchte ich mich bei den Landfrauen bedanken, die mir beziehungsweise den Kindergartenkindern ein Paket voller nützlicher Dinge (Windeln, Cremes, Zahnbürsten…) geschickt haben. „Meine“ Kinder und die Tías (Erzieherinnen) haben sich sehr darüber gefreut.

Leider ist in Chile gerade Winter, das heißt, es ist wirklich kalt. Die Häuser haben keine Heizung und ich muss immer mit mehreren Kleiderschichten zur Arbeit gehen, damit ich nicht friere. Eigentlich sollte es auch regnen, aber irgendwie klappt das nicht so ganz. Ich hoffe jedenfalls, dass es bald regnet, damit die Luft wieder besser wird.

Das war es auch schon wieder… Der nächste Blogeintrag kommt dann wahrscheinlich, wenn ich schon wieder zuhause bin. Denn die nächsten Wochen werden stressig sein. Die letzten Dinge müssen erledigt, Abschiedsgeschenke gekauft werden, Freunde besuchen, und und und …

Die Uhr tickt und es geht wirklich schneller als man denkt.

Ganz liebe Grüße aus Chile und bis bald!

Erlebnisse einer Freiwilligen in Chile

Die vergangenen Wochen seit meinem letzten Eintrag waren ganz schön ereignisreich. So hat mich in der Karwoche mein kleiner Bruder für zehn Tage besucht. Ich habe ihn mit noch drei anderen Freiwilligen (an dem Tag kamen mehrere Eltern an) abgeholt. Anschließend ging es direkt in meine Arbeit. Meine Tías haben sich sehr für mich gefreut, dass er da war. Obwohl er kein Spanisch kann und sie nicht Deutsch sprechen, haben sie trotzdem versucht, sich mit Händen und Füßen zu verständigen.

Am Wochenende haben wir einen Ausflug ans Meer gemacht und Santiago angeschaut. Von Montag bis Donnerstag waren wir in Pucón, eine Stadt rund zehn Stunden südlich von Santiago. Manche kennen vielleicht den Namen aus den Nachrichten, denn im März ist da der Vulkan Villarrica ausgebrochen. In Pucón hatten wir wunderschöne Tage und haben von Wandern und Besteigen eines Vulkans bis hin zu Raften viel erlebt. Die restlichen Tage haben wir noch zusammen in Santiago verbracht. Insgesamt war es wirklich sehr schön, und ich war sehr glücklich darüber, dass er mich besuchen konnte, um sich selbst ein Bild davon machen zu können, wie es hier wirklich ist.

Ostern habe ich mit meiner WG verbracht. Jeder hat seine eigenen Koch- bzw. Backrezepte ausgepackt, so hatten wir einen sehr kreativen und leckeren Osterbrunch.

In den letzten Wochen war es bei der Arbeit – wie immer – erlebnisreich. Wegen des Besuchs meines Bruders war ich eine Woche nicht im Dienst. In dieser Zeit haben wieder drei Kinder das Laufen gelernt. Es ist Wahnsinn, wie schnell sie lernen. Mittlerweile können fast alle Kinder laufen, Anfang März waren es gerade mal fünf. So ist es jetzt nicht mehr so anstrengend wie am Anfang, denn die Kinder haben sich mittlerweile eingewöhnt und weinen nicht mehr so viel, wenn die Eltern gehen.

An Ostern konnte ich dank Spendengeldern jedem Kind ein kleines Osternest schenken. Zudem habe Osterlämmer für sie gebacken. Darüber haben sie sich natürlich sehr gefreut.

Vorletztes Wochenende hat mich eine Tía eingeladen, mit ihrer Familie in den Süden zu fahren, um die Eltern ihres Mannes zu besuchen. Da habe ich natürlich nicht nein gesagt. Die Familie kenne ich mittlerweile sehr gut, da ich mit ihr viel Zeit verbringe. So ging es Freitagnacht los Richtung Süden. Fernab jeder Zivilisation sind wir mitten auf das Land in die Berge gefahren. Dort wurde erst einmal eine Ziege geschlachtet und gleich gegrillt. Am Samstagnachmittag haben wir einen Spaziergang in der Gegend gemacht und ich habe es einfach genossen, wieder mal richtig in der Natur zwischen Bäumen, Früchten und Tieren zu sein. Da merkt man, dass ich nicht in der Großstadt aufgewachsen bin. 😀

Ein kleines weiteres Highlight in den letzten Wochen war der Besuch eines Colo-Colo-Spiels mit zwei chilenischen Freunden. Colo-Colo gehört zu den besten Fußballvereinen Chiles und ich fand es wirklich toll im Stadion, auch wenn sie leider verloren haben.

Ihr seht schon, ich erlebe sehr viel. Jetzt sind es bald nur noch drei Monate, die ich als Freiwillige der Organisation Cristo Vive in Chile verbringen werde. Im Moment sind meine Gefühle darüber zwiespältig. Selbstverständlich freue ich mich wieder sehr auf meine Familie und meine Freunde, jedoch überwiegt im Moment die Traurigkeit über den bevorstehenden Abschied, denn ich werde hier sehr viel zurück lassen.

Aber ich rede am besten nicht darüber und genieße die letzten Wochen noch. Bis bald!

Empanadas, Pisco und Weihnachtsplätzchen am Pazifik

Nachdem es in meinem letzten Blogbeitrag eher um meine Arbeit ging, jetzt mal etwas über das Leben außerhalb der Arbeit. Anfang November war ich mit meiner WG in La Serena, einer Stadt, die circa acht Stunden mit dem Bus nördlich von Santiago am Meer liegt. Natürlich waren wir am Meer, haben die Stadt besichtigt und zudem einen Tagesausflug in das Valle de Elqui gemacht. Dort wird „Pisco“ (Traubenschnaps), eine Spezialität Chiles, hergestellt. Wir konnten eine Brennerei besichtigen und duften eine kleine Kostprobe machen.

Mir hat das Wochenende sehr gut gefallen, weil es einfach schön war, mal aus der Großstadt Santiago rauszukommen und in die Natur zu gehen.

Vor vier Wochen haben wir (zwei meiner Mitbewohnerinnen und ich) mit einer Gruppe für Kinder aus unserer naheliegenden Gemeinde begonnen. Es sind circa 15 Kinder im Alter zwischen 4 und 14 Jahren. Wir treffen uns jeden Dienstagabend, um zu spielen oder für sonstige Aktivitäten wie zum Beispiel Plätzchen backen.

Im November war ich auch einmal bei einer chilenischen Familie eingeladen, um Empanadas selbst zu machen. Empanadas sind gefüllte Teigtaschen und eine weitere Spezialität Chiles. Natürlich haben auch die Weihnachtsvorbereitungen begonnen. Ich kann gar nicht glauben, dass ich schon so lange hier bin und dass die Zeit so schnell vergangen ist. So feiern wir auch in der Sala Cuna mit den Kindern den Advent. Jeden Morgen werden die Kerzen am Adventskranz angezündet und wir singen Weihnachtslieder. Zudem wird den Kindern jede Woche eine weitere Person der Weihnachtsgeschichte (Maria, Josef, Engel Gabriel, Jesus) vorgestellt. Außerdem habe ich für meine Kinder einen Adventskalender gebastelt, ein Brauch, der in Chile kaum bekannt ist. So gibt es jeden Tag eine kleine Überraschung für die ganze Gruppe. Das geht von Zahnbürsten (die sind hier sehr teuer und in der Sala Cuna besitzt nur ein kleiner Teil der Kinder welche), Plätzchen backen über Straßenmalkreiden bis hin zu Früchten. Es macht meinen Kindern ziemlich viel Spaß.

Jedoch fühlt es sich für mich leider noch nicht so weihnachtlich an, denn bei über 30 Grad und praller Sonne ist das etwas schwierig. Aber vielleicht ändert sich das ja auch noch 😉

Am 5. Dezember war der Jahresausflug der Fundación Cristo Vive Chile. Alle Mitarbeiter sind in ein Schwimmbad mitten in der Natur gefahren und wir haben dort zusammen den ganzen Tag verbracht. Erst da habe ich gemerkt, wie groß die Fundación eigentlich ist und wie viele Menschen dort arbeiten. Für mich war der Tag richtig schön, da man auch mal außerhalb der Arbeit etwas mit seinen Tías gemacht hat.

Am 6. Dezember war ich zum ersten Mal auf einem Kindergeburtstag eines Kindes aus meiner Sala eingeladen. Die Kleine wurde zwei Jahre alt. Aber der Geburtstag war, obwohl die Familie nicht viel Geld hat, sehr groß und aufwändig organisiert. Das hat mich anfangs ein bisschen schockiert. Da hat man nämlich sehr deutlich gemerkt, dass die Chilenen, vor allem hier in den ärmeren Vierteln, viel Wert auf Materielles legen, obwohl sie nicht viel Geld haben.

Anfang Dezember war ich dann mit meiner WG und noch ein paar anderen Freiwilligen und zwei Chilenen in Valparaíso, der größten Hafenstadt des Landes, rund zwei Stunden von Santiago entfernt. Dort war es wunderschön. Der historischer Stadtkern von Valparaíso wurde 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt – und das zu Recht. Überall an den Wänden kann man bunte Graffitis sehen. Das bringt viel Leben in die Stadt. Außerdem liegt sie an Hängen, somit hat man quasi von überall aus einen schönen Blick auf das Meer. Dort waren wir natürlich auch und haben die Sonne und das schöne Wetter genossen. Diese Stadt werde ich sicher noch öfter besuchen.

Im Moment bin ich jedoch erstmal damit beschäftigt, Geschenke für meine Tías und Mitbewohner zu besorgen, Plätzchen zu backen, Weihnachtspost zu schreiben und so weiter. Also langweilig wird es hier nie.

Ich wünsche Euch allen „Frohe Weihnachten“, feiert schön und genießt die Feiertage. Und dann schon mal einen „Guten Rutsch“ ins Neue Jahr! Bis bald !