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Aus dem Krieg in eine neue Heimat

In diesem Blog „Weitblick“ berichten in der Regel Menschen aus dem Bistum Eichstätt über ihre Erfahrungen in fernen Ländern. Viele Menschen aus diesen Ländern begegnen uns freilich mittlerweile auch mitten in Eichstätt. Seit vergangenem Jahr sind dies vor allem Asylbewerber, die in der Erstaufnahmeeinrichtung in der früheren Realschule Maria Ward untergebracht sind. So kann auch ein Besuch in dieser Einrichtung „Weitblick“ ermöglichen.

Flüchtlingsfamilie in Eichstätt
Die syrische Familie Almoustafa in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Eichstätt. Foto: Peter Esser

Bei einem Besuch dort treffe ich Familie Almoustafa. Sie ist erleichtert. Heute hat sie den Bescheid bekommen, nach über vier Monaten endlich aus der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward in eine neue Unterkunft im Süden Bayerns umziehen zu können. Nicht, dass es der fünfköpfigen syrischen Flüchtlingsfamilie in Eichstätt schlecht ergangen wäre. Ganz im Gegenteil: „Es gefällt uns hier sehr gut und auch die Bewohner sind ganz nett“, sagt mir die derzeit alleinerziehende Mutter Maysoun. Auch in der Einrichtung selbst – in der rund 200 Flüchtlinge untergebracht sind – hatte die Familie vergleichsweise Glück. Während viele andere zusammen mit ihnen fremden Menschen in einem ehemaligen Klassenzimmer leben müssen, blieb ihre Privatsphäre gewahrt. Zwar teilt Maysoun ihr Wohn- und Schlafraum mit drei Töchtern, einem Sohn und einem Schwiegersohn, „aber in arabischen Ländern leben die Leute ja ohnehin meistens noch bei den Eltern, wenn sie verheiratet sind“, sagt sie.

Jahrelang ohne Schule

Dass sie trotz guter Erfahrungen in Eichstätt froh ist, jetzt wegziehen zu können, liegt vor allem an ihrer Sorge um die Bildung der Kinder. Bereits seit mehreren Jahren gehen diese nicht zur Schule. Und dabei sind sie zum Lernen hochmotiviert. Die zehnjährige Tochter Rama zeigt mir auf, was sie in mehrmals wöchentlich stattfindenden Deutschkursen in Maria-Ward bereits gelernt hat: „Das ist die Nase, das der Mund, hier sind die Ohren und Haare“, beschreibt sie ihr Gesicht, und zählt anschließend noch auf Deutsch bis 20.

Jetzt, wo die syrische Familie kurz vor der Anerkennung als Asylbewerber steht, sind alle hoffnungsvoll, bald ein geregeltes Leben beginnen zu können. Dann fehlt nur noch, dass auch der Ehemann und Vater nach Deutschland nachziehen kann, der seit zwei Jahren in Saudi-Arabien lebt. Mit ihm steht Ehefrau Maysoun per Handy nahezu täglich in Kontakt. Caritas-Flüchtlingsberater Mathias Schmitt sagt zu, sich für die Zusammenführung der Familie einzusetzen.

Ende einer Fluchtodyssee

Wenn die Familie schließlich vereint in einem neuen Zuhause sein wird, geht für sie eine mehrjährige Fluchtodyssee zu Ende. Durch den Krieg im Heimatland wurde ihr Haus zerstört, eine Tochter musste sogar in der Schule einen Angriff miterleben. Maysoun Almoustafa flüchtete mit ihren Kindern nach Ägypten. Sie hoffte, von dort zu ihrem Mann nach Saudi-Arabien zu gelangen. Da das nicht klappte, entschloss sie sich zur Flucht nach Europa. Wie viele andere, war die Familie in einem kleinen Boot nach Italien unterwegs. „Wenn wir gewusst hätten, wie beengt das wird und dass wir dort Leute sterben sehen würden, hätten wir das nicht gemacht“, gesteht die syrische Frau. Jetzt ist sie freilich froh, fast alles durchgestanden zu haben. Während sie mit ihren Kindern die Koffer packt, besorgt ihr Caritasberater Schmitt Zugtickets und Reisepläne für ihre Fahrt in ein neues Zuhause am nächsten Tag. Auch er zeigt sich erleichtert: „Für die Familie hat das alles schon sehr lange gedauert. Eigentlich ist es nicht vorgesehen, dass hier ankommende Kinder vier Monate lang nicht in die Schule gehen“, erklärt er. „Doch das ist natürlich auf die große Anzahl an Asylbewerbern zurückzuführen, auf die vielen Krisenherde weltweit, aber auch auf noch ungeklärte Zuständigkeiten bei den Behörden, sodass vieles nicht so schnell geht, wie man sich das wünscht.“

Knüpfen am Netzwerk für Flüchtlinge

Nachdem ich mich von der Familie verabschiedet habe, werfe ich einen Blick in die Turnhalle der ehemaligen Schule. Laut und stimmungsvoll geht es dort zu. Rund 30 Flüchtlinge spielen Basketball. Geleitet wird die Sportstunde vom 18-jährigen Ehrenamtlichen Daniel Krasselt. Zweimal in der Woche bieten er und oft auch andere Helfer Basket-, Fuß-, Feder- oder Volleyball für Asylbewerber an. Daniel hielt vor kurzem in der Schule ein Referat über die Terrorgruppe IS. Das hinterließ Spuren bei ihm und er entschloss sich, für Flüchtlinge bei uns konkret etwas zu tun, „denn die brauchen ja mal eine Abwechslung“.

Daniel Krasselt (rechts) bringt Flüchtlingen Basketball bei. Foto: Peter Esser
Daniel Krasselt (rechts) bringt Flüchtlingen Basketball bei. Foto: Peter Esser

Sportstunden für Erwachsene sowie auch für Kinder sind ein Baustein innerhalb eines Angebots, das die Caritas-Fachkräfte Mathias Schmitt, Eva Dengler und Christine Pietsch mit Ehrenamtlichen aufgebaut haben. Ganz wesentlich sind für die Alltagsarbeit die sogenannten flexiblen Helfer. „Sie können wir jederzeit anrufen, wenn es zum Beispiel darum geht, ein Kinderbett zu organisieren. Dann setzen diese sich mit ihren Freunden und Bekannten in Verbindung“, berichtet Eva Dengler. Gewinnen konnten die Caritasmitarbeiter zudem einige Paten. Diese kümmern sich speziell um eine Person oder Familie. „Die Paten organisieren zum Beispiel für kranke oder behinderte Flüchtlingskinder Termine beim Arzt und fahren auch mit ihnen dorthin“, so die Caritas-Sozialberaterin. Um Sprachbarrieren zu überwinden, konnte mittlerweile ein Kreis ehrenamtlicher Dolmetscher aufgebaut werden. Im Aufbau befindet sich zudem laut Eva Dengler eine Gruppe Ehrenamtlicher zur Begleitung schwangerer Flüchtlingsfrauen. „Sehr engagiert ist zudem unsere Fahrradgruppe: Studenten kommen einmal in der Woche in unsere Einrichtung, verleihen Fahrräder oder reparieren solche mit den Asylbewerbern. Das findet großen Anklang, auch wenn die Verständigung manchmal schwierig ist.“

Der Libanon und die Situation der syrischen Flüchtlinge

Die Situation im Libanon wird mit der zunehmenden Zahl der Flüchtlinge aus Syrien jeden Tag schwieriger. Es sieht bereits ähnlich aus wie im Jahr 1975, als der Zustrom von palästinensischen Flüchtlingen in den Libanon die Sicherheitslage destabilisierte und zu einem fünfzehn Jahre lang dauernden Bürgerkrieg führte. Aber heute ist die Gefahr auch deshalb sehr groß, weil die große Zahl der syrischen Flüchtlinge die libanesische Identität gefährdet. Geschätzt wird, dass bis 2015 rund vier Millionen syrische Flüchtlinge Schutz im Libanon suchen werden. Dies entspricht der Einwohnerzahl des Libanon. Derzeit schätzt die libanesische Regierung der Zahl der syrischen Flüchtlinge auf ca. 1,5 Millionen, das entspricht einem Drittel des libanesischen Volkes. Aus dieser hohen Zahl folgen viele Probleme:

  • Die Bevölkerung hat sich in vielen Städten und Dörfern mehr als verdoppelt.
  • Eine sehr hohe Belastung für die Lebensqualität und den Arbeitsmarkt, die Infrastruktur und die öffentlichen Dienste.
  • Der Wettbewerb um Arbeitsplätze zwischen den libanesischen und syrischen Flüchtlingen ist dramatisch.
  • Eine zunehmende Gewaltkultur: Die Zahl der festgenommenen Syrer beträgt heute bereits 17% der gesamten Insassen in libanesischen Gefängnissen. Die Ursache dafür ist, dass die Vertriebenen fast keine Arbeit finden können.
  • Äußerst schlimm ist der Gesundheitszustand von Vertriebenen: Die steigende Zahl der Vertriebenen und die damit verbundenen Lebens- und Wohnbedingungen hat sehr negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

Statistiken der internationalen Hilfsorganisation Amel Association, die in ihren 24 Zentren und drei mobilen Kliniken etwa 90 000 Patienten pro Jahr betreut, zeigen folgendes:

  • Bis zu 47% der Patienten sind an Hautkrankheiten erkrankt unter anderem an Leishmaniose (Orientbeule, Kala Azar – eine Infektionskrankheit die weltweit in warmen Ländern vorkommt – in Europa zum Beispiel im Mittelmeerraum). Die Erreger werden von Sandmücken übertragen. Menschen und Tiere – wie Hunde – können erkranken).
  • 27% leiden an Krankheiten des Verdauungssystems und Darms.
  • 19% leiden an Erkrankungen der Atemwege.
  • 19% leiden an Unterernährung, vor allem Kinder.
  • 2% leiden an Infektionskrankheiten: Masern, Gelbsucht und Typhus.
  • 13% leiden an psychischen Erkrankungen als Folge von Trauma und Verdrängung.
  • Viele Menschen leiden zusätzlich an Krankheiten in Folge von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch von Frauen.

Viele syrische Flüchtlinge im Libanon leiden an chronischen Krankheiten und sind nicht in der Lage, eine Behandlung zu bezahlen. Die Hilfsorganisationen sagen, dass es bereits ca. 300 Nierenversagen gibt, 200 Fälle von Thalassämie – darunter 150 Kinder – und zusätzlich ca. fünfhundert Fälle von Krebs.

Die libanesische Regierung, der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge und die vielen medizinischen Hilfsorganisationen entschuldigen sich, nicht alle dieser Fälle behandeln zu können, da dafür einfach das Geld fehlt und die Kosten sehr hoch sind. Die Föderation der Hilfsorganisationen im Libanon sagt, dass die Anzahl der chronischen Krankheiten unter den Flüchtlingen sehr gefährlich ist und es schnellst möglichst einer internationalen Finanzierung unter großer Beteiligung der Regierungen bedarf.

Eine bezahlbare Behandlung von chronischen Krankheiten durch die libanesische Regierung und die Hilfsorganisationen besteht derzeit nur für die Dialyse und Thalassämie. Die Kosten dafür sind von Wohlfahrtsverbänden und Wohltätern, aber auch nur für eine begrenzte Zeit bezahlt. Das Hauptproblem ist, dass die internationalen und lokalen Gremien die chronischen Krankheiten nicht wahrnehmen und den Großteil ihres Budgets für andere Krankheiten aufwenden.

Von der Kommission der Geberländer wurde der Finanzbedarf für das Jahr 2014 auf 1,9 Milliarden Dollar geschätzt, davon sind bis jetzt einschließlich dieses Monats nur 13% finanziert. Zusätzlich verschlimmern sich die Leiden mit dem ständigen Zustrom von neuen Flüchtlingen.

Der wöchentliche Bericht des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge zeigt, dass offiziell die Zahl der syrischen Flüchtlinge im Libanon 1.044.000 Menschen erreicht hat und der Libanon das Land in der Welt ist, in dem in Bezug auf die Bevölkerung die höchste Konzentration von Flüchtlingen und Vertriebenen besteht.

Rund die Hälfte der Vertriebenen mieten Wohnungen und teilen oft kleine und bescheidene Unterkünfte mit anderen Familien, wobei eine sehr große Überbelegung herrscht. Vierzig Prozent leben in fragilen Umgebungen, wie zum Beispiel in Zelten, in informellen Siedlungen und Garagen  oder Arbeitsstätten und unfertigen Gebäuden.

Deutschland versucht den syrischen Flüchtlingen im Libanon zu helfen. Im Mai ist der zwölfte Flug aus humanitären Gründen vom Libanon nach Deutschland im Rahmen des deutschen Programms für Flüchtlinge erfolgt. Damit wurden 259 Vertriebene und Flüchtlinge nach Deutschland gebracht. Damit steigt die Zahl der Vertriebenen, die im Rahmen dieses Programms nach Deutschland gebracht wurden auf 2.555. Die Bundesregierung hat zwei Sonderprogramme mit insgesamt 10.000 Plätzen aufgelegt, um syrische Flüchtlinge gezielt nach Deutschland zu holen. Auch fast alle Bundesländer starteten eigene kleinere Aufnahmeprogramme.

Mehr zum Thema: Dr. Gerhard Gradl, Arzt für Allgemeinmedizin aus Nürnberg-Moorenbrunn, berichtet über seinen Einsatz im Flüchtlingslager im Libanon.

Der sinnlose Krieg im Südsudan wird noch viele Menschenleben fordern

Offensichtlich sind auch in den deutschen Medien wieder Nachrichten über den Südsudan aufgetaucht, die aus ferner Sicht nicht so einfach einzuordnen sind. So will ich zumindest einmal versuchen, eine Einschätzung zu geben, auch wenn ich weiß, dass sie subjektiv und aufgrund der Komplexität ungenau sein wird.

Was war das doch für eine Freude als am 9. Januar 2011 ein Referendum die Unabhängigkeit des Südsudans vom verfeindeten Nordsudan einleitete, die dann ein halbes Jahr später zur Teilung des Landes führte. Aber das jüngste Land Afrikas, der 54. Staat auf dem afrikanischen Kontinent, ist nach so kurzer Zeit schon wieder mitten im Bürgerkrieg. Auch wir Missionare waren naiv und glaubten, dass nach den vielen Kriegsjahren (1956-1973 und 1982-2005) jetzt endlich der „Friede ausbrechen“ würde. Endlich befreit vom unterdrückerischen arabischen Norden schien das „Gelobte Land“ so nah. Wir aber haben doch gewusst, dass noch in den oben erwähnten Kriegsjahren die Sudan People‘s Liberation Army (SPLA = Sudanesische Volksbefreiungsarmee) große Konflikte untereinander hatte und, dass es zu Aufspaltungen untereinander gekommen war. Schwere interne Kämpfe hatten schon in den beiden Kriegen vor der Unabhängigkeit mehr Tote gefordert als die Kämpfe gegen den Feind im Norden.

Nach der Staatenbildung im Juli 2011 wollten natürlich alle, die sich im Krieg „verdient“ gemacht hatten, einen guten Platz in der Regierung. Das heißt, die neue Regierung entstand aus Politikern, die einen militärischen Hintergrund hatten und entsprechend das Land bis heute führen. Auch ist für sie ein Krieg nicht „The end oft the world“, sondern „Normalsituation“. Interessanterweise hat die Armee im neuen Staat nicht einmal den Namen gewechselt und heißt bis heute SPLA. Korruption und „Vetternwirtschaft“ wurde zur Tagespolitik und schnell kam es zu Uneinigkeiten und Streitigkeiten. Das bevölkerungsreichste Volk der Dinkas schaffte es, sich an die Spitze zu setzen und machte sich in allen Ämtern und einflussreichen Stellen breit. Das zweitgrößte Volk, das der Nuer, stellte den Vizepräsidenten. Sie aber stell(t)en fast 70 Prozent des Militärs, weil sie die besten „Krieger“ und „Kämpfer“, schon in der Zeit der Kriege mit dem Norden, waren. Und genau da ist das Problem.

Der Vizepräsident wurde Mitte 2013 entlassen und der Präsident baute sich eine Privatarmee aus seinen Stammesgenossen, den Dinka, auf. Mitte Dezember 2013 kam es zu einem als Militärcoup bezeichneten Überfall auf eine Kaserne in Juba, der sich blitzschnell in einem völkermordähnlichen Konflikt gegen die Nuer ausweitete. Es liegt nahe zu vermuten, dass die Regierung diesen Konflikt vom Zaun gebrochen hat, um die Übermacht der Nuer-Soldaten zu brechen und der vermuteten Gefahr einer militärischen Regierungsübernahme durch die Nuer zuvorzukommen. In der Folge kam es zu schweren Vergeltungsschlägen der Nuer in ihren Siedlungsgebieten, die sich bis heute fortsetzen.

In der Zwischenzeit zählen wir fast eine Million Flüchtlinge im eigenen Land, die in verschiedene Flüchtlingslager – zum Teile unter dem Schutz der UN – oder auch nach Uganda, Kenia, Äthiopien und in den Nordsudan geflohen sind. Die meisten sind jetzt schon in einer prekären Situation mit wenig oder fast gar keiner Nahrung. Dazu kommen ca. 20.000 Tote in den vergangenen Monaten. Wäre nicht Ende Dezember die Armee von Uganda in Juba und weiter im Norden bei Malakal eingeschritten, hätten wir wahrscheinlich bereits eine andere Regierung hier in Juba. Denn nachdem so viele Nuer-Soldaten von der SPLA, der Regierungsarmee, in die sogenannte „SPLA in Opposition“, der Armee der Nuer, übergelaufen sind, ist die Regierungsarmee enorm geschwächt und braucht Hilfe von außen. Die Gefahr, dass sich der Krieg zu einem regionalen Konflikt ausweitet, liegt nahe, denn leider gibt es sehr viele militärische Gruppierung in diesem Teil Afrikas, die sich – gegen Geld – als Kriegssöldner anheuern lassen und heute hier und morgen dort kämpfen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist, dass man nicht weiß, auf welcher Seite die vielen kleineren Völker des Landes (mehr als 60) stehen. Die Dinka und die Nuer machen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Südsudans aus, wobei das Volk der Dinka doppelt so groß ist wie das der Nuer. Mit Sicherheit sind die kleineren Völker mit der Regierung nicht zufrieden, sie trauen aber auch der „SPLA in Opposition“ nicht. Diese hat – vor allem mit ihrer sogenannten „White Army“ (Weiße Armee = Wilde Jungs aus den Cattle camp, die sich zum Schutz vor Mosquitios mit Asche beschmieren) böse Vergeltungsschläge in den drei hauptsächlich von Nuer bewohnten Regionen (oder Bundesländern) Unity, Jonglei und Upper Nile verübt, die man nur als Kriegsverbrechen bezeichnen kann.

Da für die Nuer ein Marsch nach Juba aufgrund der militärischen Unterstützung der Regierung durch Söldner und der Armee des Nachbarlandes Uganda zurzeit nicht möglich ist, konzentriert sich die „SPLA in Opposition“ unter Führung des ehemaligen Vizepräsidenten auf die drei Regionen, wo die Nuer zuhause sind oder die sie als ihr angestammtes Gebiet bezeichnen. Es sind die großen Gebiete von Jonglei-, Upper Nile- und Unity State, in denen auch die Ölquellen des Landes liegen. Die Nuer wollen die Regierung in die Knie, zumindest an den Verhandlungstisch, zwingen. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass sich der Konflikt noch lange hinziehen und noch viele Menschenleben fordern wird.

Jagd auf Menschen

Die letzte Woche hat das gezeigt: Am Dienstag in der Karwoche hat die „SPLA in Opposition“ (also die Nuer) mithilfe von Söldnern aus dem Nordsudan, den Janjaweed, die Öl-Stadt Bentiu überfallen und die Regierungsarmee mit vielen Verlusten an Menschenleben vernichtend geschlagen. Auch sehr viele Zivilisten wurden Opfer eines Massakers. Auch Mayom, eine weitere wichtige Stadt im Norden, wurde überfallen und eingenommen. Die Nuer in den Lagern haben den Sieg gefeiert. So kam es in einen Flüchtlingslager in Bor (Hauptstadt von Jonglei), wo viele der Flüchtlinge dem Volk der Nuer angehören, zu ausgelassenen Feiern. Die Dinka-Jugend der verwüsteten Stadt Bor drang daraufhin in das UN-Lager ein, überwältigte selbst die Blauhelmsoldaten und töteten viele Nuer.

Hier in Juba sind seit Dezember zwei Flüchtlingslager der UN. Wir gehen regelmäßig in die Lager zu Gottesdiensten und helfen auch, wo es möglich ist. Auch „unsere“ Leute dort im Camp haben am selbigen Dienstag den Sieg in Bentiu gefeiert und sind mit den Palmzweigen, die wir am Palmsonntag mitgebracht hatten, tanzend durch das Lager gezogen. Im Lager ist seitdem wieder erhöhte Alarmstufe. Wir (Comboni-Missionare) haben noch größere Schwierigkeiten reinzukommen und werden kritisch beäugt, weil man uns unterstellt, die „Rebellen“ zu unterstützen.

Natürlich warten die Menschen in den Camps auf ihre Befreier. Viele können vom Lager aus sogar ihre Häuser sehen, die sie bewohnt haben und die jetzt von anderen in Besitz genommen worden sind. Der Hass und die Ohnmacht sind groß. Fast alle im Lager haben Angehörige verloren. Viele hier in den Lagern sind Soldaten und würden sofort ihren Leuten zu Hilfe kommen, wenn sie könnten. Der sinnlose Krieg wird noch viele Menschenleben fordern. Die Möglichkeiten der Vereinten Nationen hier sind begrenzt. Sie können nur das Schlimmste an ein paar Orten im Land verhindern.

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Palmsonntag in einem Flüchtlingslager in Südsudan

Heute ist Palmsonntag und ich war wieder in einem der beiden Flüchtlingscamps in Juba. Mit ein paar Bildern will ich euch teilhaben lassen, wie es hier liturgisch und auch sonst zugeht. Heute war es wieder heiß und weil es in der Nacht geregnet hat, auch verdammt schwül. Die Ministranten haben mir fast Leid getan, so ist ihnen der Schweiß heruntergelaufen. Die Regenzeit fängt langsam an und die Menschen in den Flüchtlingscamps leiden vor allem an der schlechten sanitären Situation. Viele Latrinen laufen über und der Geruch mischt sich mit dem von getrocknetem Fisch.

Die Palmsonntagsprozession durch das Camp war sehr bewegend. Viele haben teilgenommen, auch wenn sicher nicht alle davon Christen waren. Die Flüchtlinge, fast alle aus dem Stamm der Nuer, die noch bis Mitte Dezember nur wenige Meter oder Kilometer von Camp (also in der Stadt Juba) gelebt haben, haben durch eine Genozid ähnliche Attacke von Seiten der Regierung viele aus ihrer Verwandtschaft verloren und fühlen sich erniedrigt. Die Parallele zu Jesu Leidensweg liegt nahe. Auch er wurde erniedrigt und hat in der Annahme und Hingabe seine Größe gezeigt und den Weg unserer Erlösung eingeschlagen. Nur ist unter den Flüchtlingen die Wut, die Angst und der Hass zu groß, um Jesu Beispiel (als Volksstamm) zu folgen. Der Einzelne mag das durchaus versuchen. Aber es ist nicht leicht. Der Weg der Versöhnung hier wird lange brauchen und es gibt noch keine Anzeichen, dass erste Schritte gemacht werden.

Erbarmungslose Rache im Südsudan-Bürgerkrieg

Was war es doch für eine Freude, als am 9. Juli 2011 die Menschen des Südsudans nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg ihre Unabhängigkeit von dem islamistischen Norden feiern konnten. Noch sind mir die Bilder der überschwänglichen Freude und der Feiern im Gedächtnis und ich habe mir damals gedacht: „So kann nur Afrika feiern“. Viel zu lange hat es gedauert, bis sich die vielen Stämme des Südens als Menschen mit Würde erfahren durften. Aber kaum zweieinhalb Jahre danach steht das 54. Land Afrikas wieder im Krieg. Dieses Mal nicht gegen einen gemeinsamen Feind, sondern die beiden großen Stämme, die Dinka und Nuer, stehen sich feindlich gegeneinander. Korruption, Nepotismus und Streit um die Macht haben den Konflikt hervorgerufen.

Seit dem 15. Dezember geht ein großer Riss durch die junge Nation. Bei einer Meuterei innerhalb der Armee, bei der die Soldaten vom Stamm der Nuer entwaffnet werden sollten, sind große Grausamkeiten geschehen. Im Nu kam es zu Massakeren selbst an der Zivilbevölkerung. Besonders betroffen waren die Leute vom Stamm der Nuer. Nicht alle schafften es, in die beiden Einrichtungen der Vereinten Nationen im Südsudan (UNMISS) zu flüchten. Dort sind jetzt rund 47.000 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht und warten auf ihre „Befreier“. So sind sie für die Regierung hier in Juba ein Risiko.

Zwar ist es in der Stadt zur Zeit einigermaßen ruhig, aber im ölreichen Norden, im Land der Nuer, dort wo die Haupteinnahmequellen des Landes liegen, dort wird mit der gleichen Brutalität vergolten und gekämpft wie zuvor in Juba. Hier vertreiben die Nuer die Dinka und alle „dinkafreundlichen“ Stämme. Denn Rache ist ein „Wert“. Wie so oft in Afrika werden Jugendliche aus den Cattlecamps (Hirtenjungen) für den Krieg als Kanonenfutter angeheuert, während die Reichen und die Politiker/die Militärs ihre Kinder im Ausland studieren lassen.

Seit zwei Wochen sind unsere Mitbrüder und die Comboni-Schwestern wieder in Juba. Fast drei Wochen waren sie im Busch, weil sie in der Missionsstation in Leer (Nuerland) nicht mehr sicher waren. Mit Pater Raimundo war ich jetzt zweimal in den Juba-Camps der Vereinten Nationen und wir haben die Flüchtlinge „im eigenen Land“ besucht. Erst nach einer strengen Personenkontrolle durfte man ins Lager. Die Menschen dort haben sich über unseren Besuch sehr gefreut, da ja doch einige von Leer oder Umgebung kommen und von P. Raimundo wissen wollten, wie es dort aussieht. Auch der ehemalige Bischof von Torit, Paride Taban, war mit dabei. Unermüdlich setzt er sich um Friedensgespräche ein, besucht Flüchtlingslager und auch die kleineren Volksgruppen, die in diesem Konflikt an den Rand gedrängt worden sind. Er ist hier eine Autorität und er ist der Einzige, so habe ich den Eindruck, der die Dinge beim Namen nennen kann. In den Sonntagslesungen in diesen Wochen spricht Jesus von der Feindesliebe und Pater Raimundo hat mich gebeten das Evangelium in Englisch zu lesen, nachdem er es schon in Nuer zuvor gelesen hat: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“.

Es war eine eigenartige Stimmung in mir, als ich den Text vorgelesen habe. Nur als Wort Gottes konnte ich es vortragen, selber hätte ich mir – angesichts der erfahrenen Brutalität – keinen Ratschlag geben trauen. Viele hier haben ihre Verwandten, Familienmitglieder, Hab und Gut, ja alles verloren. Bischof Paride hat dann in seiner Predigt gesagt, dass die erbarmungslose Rache das Land nicht nur blind und zahnlos macht, sondern auch irgendwann andere das Land bewohnen werden. Das waren starke Worte, die nur er sagen konnte. Gebetsmühlenartig hat er 20 Haltungen aufgezählt, die er sich selbst täglich zuspricht, um nicht in die allzu menschliche Spirale der Gewalt und Ablehnung des Nächsten zu geraten: Mit großer Innigkeit hat er aufgezählt und gleich viermal wiederholt: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Mitleidensbereitschaft, Sympathie, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Güte, Selbstkontrolle und Demut, Armut, Versöhnung, Barmherzigkeit, Freundschaft, Vertrauen, Einigkeit, Reinheit, Glaube und Hoffnung. Mit diesen Worten und dem Aufruf zum Gebet für die Nation hat der Bischof mit Pater Raimundo den Gottesdienst beendet.

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