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Coronakrise und Flüchtlingskinder

Die Coronakrise ist zwar eine weltweite Problematik, hat allerdings nicht zu mehr Weitblick im Sinne von mehr Themenvielfalt geführt. Im Gegenteil: Die Probleme von geflüchteten Menschen sind zum Beispiel weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein geraten. Dabei haben gerade diese Menschen wegen der Krise einen besonders schweren Stand. Vielleicht ermöglicht es zumindest der Weltflüchtlingstag am 20. Juni, den Blick hierauf etwas zu weiten. Um die Situation von Asylbewerbern im Bistum Eichstätt in der Coronazeit ein wenig  zu beleuchten, habe ich mit Angela Müller, Mitarbeiterin der Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas-Kreisstelle Eichstätt und Sprecherin für diesen Bereich beim Caritasverband der Diözese, gesprochen.

Dezentrale Unterbringung im Vorteil

„Da geflüchtete Menschen oft auf beengtem Raum leben müssen, ist es für sie eine besondere Herausforderung, Kontakte zu vermeiden und Abstandsgebote einzuhalten“, erfährt Angela Müller. Umso erleichterter ist sie, dass bei den Beratungen der Caritas im Bistum Eichstätt bisher nur wenige Fälle von Ansteckung mit Corona bei Asylbewerbern bekannt geworden sind, im Landkreis Eichstätt sogar noch gar kein Fall. Gerade bei dieser Problematik zeigt sich ein großer Vorteil der dezentralen Unterbringung vieler hier. „Es kommt erstens nicht so schnell zu Ansteckungen und zweitens, wenn dies passiert, nicht zu Masseninfektionen, die es ja jetzt in mehreren größeren Unterkünften in Deutschland gegeben hat“, erklärt die Caritas-Sprecherin einen Vorteil der dezentralen Lösung, die allerdings grundsätzlich von politischen Entscheidungsträgern für die Zukunft nicht favorisiert wird.

Die Coronakrise hat für die geflüchteten Menschen zahlreiche Nachteile mit sich gebracht, vor allem für das schulische Lernen der Kinder. In den Wohncontainern ist kein WLAN möglich, und sich den ganzen Stoff über mobile Daten herunterzuladen, ist für die Leute zu teuer. Ferner haben viele nicht nur keinen geeigneten Raum zum Lernen, sondern auch keinen Computer zur Verfügung. „Wir haben versucht, in einigen Fällen über die 150 Euro Gutschein-Regelung der Bundesregierung für bedürftige Schüler zur Anschaffung von entsprechenden Geräten etwas zu verbessern, aber trotz Nachfragen bei mehreren Behörden nicht erfahren, wo dieses Geld abgerufen werden kann“, so die Caritasberaterin. „Gott sei Dank haben wir für einige immerhin von Schulen Computer ausleihen können.“

Neben mangelnder technischer Ausrüstung ist natürlich aber auch die menschliche Unterstützung beim Lernen der Kinder zu Hause eine besondere Herausforderung für Flüchtlingsfamilien: „Wenn schon deutsche Eltern hier ihre Probleme haben, kann man sich vorstellen, wie es Eltern anderer Sprache und Kultur dabei ergehen muss. Und da ehrenamtliche Helferinnen und Helfer ja bisher nicht die Unterkünfte betreten dürfen und die wenigsten Familien Anspruch auf eine Notbetreuung haben, sind sie, was das Homeschooling betrifft, wirklich abgehängt“, spricht die Caritasberaterin Klartext. Und viele Fortschritte, welche die Flüchtlingskinder beim Erlernen der deutschen Sprache durch Spielen mit deutschen Kindern gemacht haben, sind durch das Gebot der Kontaktvermeidung nun wieder gefährdet.

Persönliche Beratung wieder möglich

Doch nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen befinden sich in der Coronakrise immer wieder in schwierigen Situationen. „Wenn es um Anträge geht, haben die Behörden den Asylbewerbern vor der Krise zumindest teilweise beim Ausfüllen oder Verstehen geholfen. In den letzten Monaten mussten die Anträge zur Kontaktvermeidung aber vollständig ausgefüllt zugestellt werden“, erzählt mir Angela Müller. Immerhin können Betroffene bei solchen Problemen seit kurzem wieder nach Anmeldung persönlich zur Flüchtlings- und Integrationsberatung der Caritas kommen, um sich helfen zu lassen. „Am Telefon ist so etwas nur schwer möglich“, ist die Erfahrung der Caritasberaterin. Auch für Geflüchtete mit psychosozialen Problemen ist bei ihr zum Beispiel wieder ein direktes Gespräch möglich. Ansonsten wird aber auch noch bei der Caritas zur Sicherheit die telefonische Beratung bevorzugt.

Ein weiteres Problem ist die Gewährung eines besonderen Schutzes für  Risikogruppen unter den Asylbewerbern: Aufgrund des Platzproblems in vielen Unterkünften, in denen sich Betroffene häufig Zimmer, Bad und Küche mit anderen teilen müssen, ist das kaum möglich.

Vermehrt helfen

Dass auch geflüchtete Menschen Einschränkungen aufgrund der Coronakrise in Kauf nehmen müssen, stellt Angela Müller nicht in Frage. Dennoch könnten Gesellschaft und Politik etwas tun, um ihnen in einer besonders schwierigen Lage zu helfen. Von der Gesellschaft wünscht sie sich unmittelbar nach der Krise ein verstärktes ehrenamtliches Engagement, um den Kindern in ihren Unterkünften beim Lernen vermehrt zu helfen, Verpasstes wieder aufzuholen. Oder auch, dass sich Leute finden, die mit ihnen einfach ab und zu draußen spielen, womit Freude am Leben und Deutschlernen Hand in Hand gehen. Von der Politik fordert die Caritasberaterin, dass vor allem in größeren Unterkünften gesonderte Räume mit entsprechender technischer Ausrüstung ermöglicht werden, um für die Kinder ein besseres Homeschooling zu realisieren. Besonders wichtig ist das natürlich dann, wenn es noch zu einer zweiten Coronawelle kommt. Diese würde freilich die ganze Bevölkerung vor neue Herausforderungen stellen, wäre insbesondere aber eine zusätzliche  Belastung für geflüchtete Menschen: weltweit sowieso, aber auch für die bei uns lebenden Asylbewerber.

Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling

Haben diese vier Tage in Jordanien wirklich genügt, um ein umfassendes Bild von der Lage der Flüchtlinge in Jordanien zu bekommen?

Nein definitiv nicht, schließlich gibt es nicht den typischen Flüchtling und die allgemeine Lage. Aber dennoch kann man ein paar grundlegende Feststellungen treffen, einiges konnten wir, meine Kolleginnen und Kollegen aus vier bayerischen Bistümern, in der Zeit lernen.

Wichtigste Voraussetzung für diesen Lernprozess war die gute Vorbereitung der Reise durch die Caritas Jordanien. Deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind seit 1967 in Jordanien tätig, sie werden dabei tatkräftig von Caritas international mit Sitz in Freiburg unterstützt. Caritas international hat die weltkirchlichen Fachstellen der bayerischen Bistümer deshalb eingeladen, ihre Fachleute bei einer Reise zu begleiten, damit wir in Deutschland kompetent über die globale Dimension von Flucht und Migration Auskunft geben können, als Teil unseres Auftrags, durch das „Globale Lernen“ weltweite Zusammenhänge unseren Bürgerinnen und Bürgern zu erschließen. Ich bin sehr froh, dass mit mir auch Frau Dr. Cordula Klenk mitgekommen ist, sie ist die Flüchtlingsreferentin des Malteser Hilfsdienstes im Bistum Eichstätt.

Und dann sitzt man in Zarqa, einer Stadt im Großraum von Amman, auf dem Fußboden. Ein dünner Teppich schützt vor der relativen Kälte von gefühlten sechs bis acht Grad, die in diesen Tagen in Jordanien herrscht. Die Wände sind nicht isoliert, eine Heizung gibt es nicht. Mir sitzt ein Mann von ungefähr 35 Jahren gegenüber, seine Tochter sitzt an seiner Seite. Die Ehefrau und drei weitere Kinder bekommen wir nicht zusehen. Er erzählt von seinem Dorf zwischen Damaskus und Aleppo, dort lebte er mit seinen Eltern, Geschwistern und seiner Frau, bis eines Tages im Jahr 2012 ein Angriff aus der Luft sein Haus zerstörte. Von einem politischen Engagement erzählt er nichts. Er war Lehrer an einer weiterführenden Schule für arabische Literatur. Man merkt seine Liebe zur Literatur, er hat seinen Beruf geliebt. Ich würde ihn als einen introvertierten intellektuellen Feingeist beschreiben. Hier in Jordanien darf er aber leider nur als Tagelöhner am Bau arbeiten, darum geht er täglich an eine Kreuzung und dort werden dann kurzfristig Arbeitskräfte für einen Tag angeheuert. Planen lässt sich mit so einem unsichererem Einkommen nicht. Sicherlich ist das nicht einfach, wenn die Rolle des Mannes als Versorger der Familie so karikiert wird. Ich frage ihn ganz direkt, wann er das letzte Mal ein Buch lesen konnte. Er sagt, dass er seit sieben Jahren keine arabische Literatur mehr lesen konnte. Mir schießt der Spruch in den Kopf, dass der Mensch nicht nur vom Brot alleine lebt. Was kann man da tun, wie kann man helfen?

Schnell versuche ich mich an die statistischen Zahlen zu erinnern, die wir am Morgen bei der Caritas erfahren hatten: über 650.000 Syrer sind als Flüchtlinge hier registriert. Über 80 Prozent dieser Flüchtlinge leben aber nicht in den aus den Medien bekannten Flüchtlingslagern, sondern sie sind über das gesamte Land und besonders über den Ballungsraum Amman verstreut vereinzelt untergebracht. Die jordanische Statistikbehörde geht von insgesamt 1,3 Millionen Syrern und von rund 300.000, davon knapp 68.000 registrierten, Irakern in Jordanien aus.

Die Caritas Jordanien hat 12 Beratungsstellen für syrische Flüchtlinge eingerichtet, es gibt u.a. Bildungsprogramme, Nachmittagsunterricht, Anti-Mobbing Kurse für Mütter und Kinder und ein “cash program”. Einige dieser Einrichtungen in Zarqa, Amman und Salt konnten wir auch selbst besuchen. Echt klasse, wie gut die Kirche oder genauer die Caritas hier hilft. Für das nächste Jahr haben wir einen Info-Abend zum Thema in Eichstätt schon vereinbart.

Aber wir erfahren noch von ganz anderen Schicksalen: Besonders die Flüchtlinge aus dem Irak sind rechtlich und wirtschaftlich wesentlich schlechter gestellt als die Syrer. Und sie haben auch alle Hoffnung aufgegeben, jemals wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Fast genauso dramatisch ist die Lage der Migranten aus Ägypten.

Und noch eines durften wir lernen: die jordanische Gesellschaft hat es geschafft, die vielen Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus insgesamt 57 (!) Ländern so in die Gesellschaft zu integrieren, dass ein friedliches Zusammenleben ohne Angst vor Überfremdung gelingt. Das ist eine ganz besondere Leistung, schließlich macht die Zahl der Zugewanderten – einschließlich der vielen Palästinenser, die in Jordanien Zuflucht fanden – etwa die Hälfte der Einwohnerzahl des Landes aus. Kann man bei den vergleichsweise niedrigeren Zahlen in Deutschland und Europa sagen, unser Boot ist voll?

Zurück nach Zarqa: Am gleichen Abend kann ich am Rande eines Gespräches mit dem apostolischen Administrator des lateinischen Patriachats von Jerusalem, Erzbischof Pizzaballa, und dem Patriarchalvikar des Lateinischen Patriarchates von Jerusalem für Jordanien, Weihbischof Shomali, anregen, dass sich die Caritas um die Einrichtung einer kleinen Bibliothek bemühen wird, damit auch die geistige Dimension der Flüchtlinge nicht ganz vergessen wird. Ein kleiner Beitrag – vielleicht?

Mit Augenmaß und Herz für geflüchtete Menschen

Über Chancen und Risiken, Erfolge und Misserfolge bei der Integration von Asylbewerbern wird auch beim Weltflüchtlingstag am 20. Juni wieder diskutiert oder sogar gestritten werden. Zeit, um einmal vor Ort zu beobachten und zu erkunden, wie diese tatsächlich erfolgt, zum Beispiel mit einem „Weitblick“  in eine Pflegeeinrichtung: Das Caritas-Seniorenheim Gaimersheim kooperiert dafür mit Ehrenamtlichen und Berufsschulen.

„Unser Haus ist letztlich ein Spiegelbild unserer sich verändernden Gesellschaft, in der vieles in Bewegung ist.“ Mit einfachen Worten bringt Irene Stiegler, Leiterin des Caritas-Seniorenheimes Gaimersheim, mir gegenüber auf den Punkt, was jedem auffällt, der mit offenen Augen durch die Einrichtung geht. In vielen Bereichen sind Mitarbeitende unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Hautfarben tätig. Knapp 30 Menschen mit Migrationshintergrund haben Irene Stiegler zufolge in den letzten drei Jahren in der Einrichtung gewirkt. Davon sind etwa die Hälfte Asylbewerber gewesen. Im Jahr 2014 stellte die in der Flüchtlingsarbeit engagierte Gaimersheimer Ruheständlerin Brigitte Böllet der Einrichtungsleiterin erstmals ein geflüchtetes Ehepaar vor. Kurze Zeit später waren der Mann und die Frau aus Eritrea in sogenannten Ein-Euro-Jobs in dem Seniorenheim engagiert:  er als rechte Hand des Hausmeisters, sie in der Hauswirtschaft. Beide arbeiten heute fest angestellt an anderer Stelle. Sie besuchen das Seniorenheim aber immer einmal wieder: auch aus Dankbarkeit dafür, dass dieses dazu beitrug, ihnen einen erfolgreichen Integrationsweg zu ebnen.

Andere, die Frau Böllet dem Haus vermittelt – oder die Irene Stiegler mittlerweile durch eine enge Kooperation mit Berufsschulen integriert hat – streben an,  in der Altenpflege zu arbeiten: zum Beispiel der 18-jährige Mehdi Mohamed Muss  aus Somalia. Er absolviert derzeit an zwei bis drei Tagen pro Woche im Rahmen eines Berufsintegrationsjahres an der Berufsschule Ingolstadt ein Praktikum in der Pflege sowie Betreuung. Er wäscht alte Menschen, hilft ihnen beim Essen sowie bei der Tabletteneinnahme, macht mit einigen Ballspiele und liest mit anderen die Zeitung. Den Beruf Altenpfleger gibt es in seinem Heimatland nicht. Doch zu seiner Motivation, diesen Beruf ergreifen zu wollen, trägt durchaus bei, „dass bei uns alte Leute als weise Menschen geschätzt werden“, erzählt er mir. Dann führt er einen Löffel mit Suppe zum Mund einer Bewohnerin. Dass der gläubige Moslem dies in einem katholischen Seniorenheim tut, stört ihn nicht: „Das ist kein Problem, sondern vielleicht sogar interessant, weil es ein religiöses Haus ist.“

Herausforderung Deutsch

Sein größte Herausforderung sieht er selbst noch darin, die deutsche Sprache besser zu beherrschen: „Oft müssen mir die Leute Dinge zweimal sagen.“ An seinem Deutsch will er noch verstärkt arbeiten, bevor er eine Ausbildung zum Pflegefachhelfer beginnen möchte. Eine solche Ausbildung startet im Haus bereits im September sein 19-jähriger Kollege Samuel Emam aus Eritrea. Er macht derzeit einen Bundesfreiwilligendienst in der Einrichtung: teils im Hausmeisterdienst, wo er im Moment Waschbecken austauscht, teils in der Betreuung alter Menschen. Bei diesen spürt er eine große Offenheit ihm gegenüber, was sicherlich auch daran liegt, „dass er ein wahnsinnig liebevoller Kerl ist“, wie mir Irene Stiegler sagt. Für seine künftige Helferausbildung macht Samuel sich derzeit neben seinem Dienst in einem Sprachkurs fit.

„Gut Deutsch zu sprechen ist einfach der Schlüssel zur Integration, auch in unserem Haus“, erklärt mir die Einrichtungsleiterin. Ihr Vorzeigebeispiel dafür ist eine Frau aus Kenia, die vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Deutschland kam und nun als stellvertretende Bereichsleiterin in dem Seniorenheim arbeitet. So sehr sich Irene Stiegler darum bemüht, vielen geflüchteten Menschen eine Chance zu geben, so unmissverständlich stellt sie klar, wo die Grenzen sind: „Wir können nicht zum Beispiel 15 mitarbeitende Menschen im Haus haben, die schlecht Deutsch sprechen. Das würde die Bewohner sowie auch die Angehörigen überfordern. Und auch die Verantwortlichen, die dann zu viel Zeit für die Lernenden aufbringen müssten und zu wenig Ressourcen für die Bewohner und anderes hätten.“ Augenmaß sei daher bei der Integration schon nötig. Die Einrichtungsleiterin verschweigt mir auch nicht Enttäuschungen, die sie erlebt hat: „Wir hatten zum Beispiel zuletzt viel Zeit in einen hoffnungsvollen jungen Afrikaner investiert, der nach abgeschlossener Qualifizierung zum Helfer die Ausbildung zur Pflegefachkraft machen wollte. Doch er sprang dann plötzlich mit dem Argument ab, Altenpflege sei ein weiblicher Beruf.“

Für die Integration von geflüchteten Menschen ziehen Seniorenheimleiterin Irene Stiegler (links) und die Ehrenamtliche Brigitte Böllet an einem Strang. Foto: Peter Esser

Vor allem christlicher  Auftrag

Solche Erfahrungen halten Irene Stiegler jedoch nicht davon ab, sich weiterhin für die Integration von Geflüchteten zu engagieren: auch aus Eigeninteresse, um dem Pflegenotstand zu begegnen: „Da werden wir zum Teil auf diese Menschen angewiesen sein, wenngleich wir dieses Problem in erster Linie mit neuen motivierten eigenen Nachwuchskräften meistern müssen“, sagt mir die Einrichtungsleiterin. Nach wie vor sieht sie es vor allem  als christlichen Auftrag, den geflüchteten Menschen eine Chance zu geben. Da ist sie sich mit Flüchtlingshelferin Brigitte Böllet einig. Diese engagiert sich auch als Vorsitzende der Missionsgemeinschaft Gaimersheim, doch sie meint: „Wenn wir Menschen weltweit helfen, dann sollten wir auch umgekehrt die unterstützen, die zu uns nach Deutschland kommen und Hilfe brauchen.“

Probleme, so Irene Stiegler, dürften nicht unter den Tisch gekehrt werden, könnten grundsätzlich aber bewältigt werden:  „Insgesamt zeigt das gute Miteinander in unserem Haus ja auch, dass Integration klappt.“ Immer wieder erlebt die Leiterin junge geflüchtete Menschen auch als Bereicherung. Sie erzählt mir: Vor einiger Zeit habe ein Angehöriger eines Bewohners einmal beim Anblick eines mitarbeitenden Asylbewerbers im Haus zunächst zu ihr gemeint: „Was will denn der bei meiner Mutter, dunkelhäutig, jung und klein …“ Kurze Zeit später habe der Angehörige  festgestellt: „Ich habe gesehen, wie meine Mutter und der ganze Tisch gestrahlt haben, als er kam, sich zu ihnen setzte, mit ihnen redete und spielte. Die waren einfach nur glücklich. Da habe ich gesehen: Der hat einfach ein gutes Herz.“

 

Die Katalonen wollen Flüchtlingen helfen

Regelmäßig stürmen Flüchtlinge die spanische Exklave Ceuta. Unter dem Motto „Volem acollir“ („Wir wollen aufnehmen“) haben in Barcelona Hunderttausende am Wochenende für eine weltoffene Politik demonstriert. Gestern wurde ich von Domradio in Köln zu den Ereignissen in Barcelona und Katalonien interviewt. Die Radioredaktion ist mit der Weitergabe des Mittschnitts hier im Blog weitblick einverstanden.

domradio.de: Die Behörden sprechen von rund 160.000 Menschen, die sich am Wochenende in Barcelona versammelt haben. Die Veranstalter sagen, es seien sogar eine halbe Million gewesen. Wie haben Sie denn die Demonstration erlebt?
Ottmar Breitenhuber (Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona): Ich habe es nur zufällig mitbekommen. Ich war in den vergangenen vier Wochen in Lateinamerika und bin am Wochenende zurückgekommen. Da habe ich nach einem Gottesdienst von der Demonstration gehört. Ich wohne in der Nähe von dem Ort, wo sich die Menschen versammelt haben. Es war eine große blaue Welle. Die Veranstalter hatten die Leute ja aufgefordert, in blauer Kleidung und mit blauen Flaggen zu kommen. Das Ganze hat dann an eine Meereswelle erinnert. Die Leute haben sich dann auf den Weg ans Meer, an den Strand, gemacht. Es war eine der größten Demonstrationen, die ich hier in Barcelona erlebt habe. Ähnlich den Demonstrationen, wie sie am Gedenktag zur Eroberung Barcelonas immer stattfinden.

domradio.de: Die Menschen hatten ja auch Schilder, auf denen zum Beispiel „Keine Toten mehr“ oder auch „Flüchtlinge willkommen“ und „Öffnet die Grenzen“ stand. Entspricht das der allgemeinen Stimmung in Spanien?

Breitenhuber: Ich kann es nur von Katalonien sagen. Hier gibt es an sich eine sehr offene Stimmung den Flüchtlingen gegenüber. Man möchte den Menschen etwas anbieten. Barcelona ist ja eine sehr internationale Stadt. Es gibt hier eine Million Ausländer. Und nur 495 Asylbewerber waren im vergangenen Jahr gemeldet. Die Stadt an sich und Katalonien sind eigentlich sehr offen. Aber die spanische Politik, die von Madrid aus gemacht wird, trifft diesen Geist nicht.

domradio.de: Welche Position nimmt die katholische Kirche in Spanien beim Umgang mit Flüchtlingen ein?

Breitenhuber: Die katholische Kirche ist ganz vorne dran und tut etwas für Flüchtlinge. Zu der Demonstration haben unter anderem die Caritas und das Referat Migration der Erzdiözese Barcelona aufgerufen. Und die Kirche öffnet ganz konkret auch ihre Türen. Santa Anna, ein zentrales ehemaligen Kloster, hat im Januar schon die Türen für Flüchtlinge geöffnet und ihnen für einige Tage eine Unterkunft gegeben. Und jetzt haben sie die Hilfe ausgebaut. Die Flüchtlinge übernachten zwar inzwischen in anderen Einrichtungen, aber die Kirchentüren sind 24 Stunden am Tag geöffnet und die Flüchtlinge bekommen dort etwas zu Essen und können sich aufwärmen und beraten lassen.

domradio.de: Und wie erleben Sie die Situation in Ihrer deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona?

Breitenhuber: Am vergangenen Sonntag hat uns ein katalanischer Pater von der Demonstration und von dem Einsatz in der Gemeinde Santa Anna erzählt. Die Leute bei uns sind sowieso schon in verschiedenen Bereichen engagiert. Wir haben zum Beispiel schon seit Jahren Kontakt zu einer Obdachlosentafel. Dort haben sie inzwischen auch viel mit Flüchtlingen zu tun. Und wir versuchen uns jetzt in der Gemeinde Santa Anna zu engagieren.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Das Audio könnt ihr beim Domradio hören.

Mehr zum Thema: Asylsuchende und Flüchtlinge im Bistum Eichstätt

Hilfe für verfolgte Christen im Irak

Ende September reisten wir (Maria und Martin Groos) zusammen mit anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern des Vereins Support International nach Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Wir wollten dort die Menschen kennenlernen, denen unsere Unterstützung aus der Aktion „Für ein neues Zuhause im eigenen Land“ zu Gute kommt.

Reges Treiben herrscht auf dem kleinen Gelände der St. Joseph’s Charity Clinic in Ankawa, einem vorwiegend von Christen bewohnten Vorort von Erbil. Zahlreiche Patienten sind in die Morgen-Sprechstunde der aus Metallcontainern gebauten Ambulanz gekommen. Sie möchten ihre Medikamente gegen chronische Erkrankungen abholen oder sich wegen kleinerer akuter Beschwerden behandeln lassen. Das Besondere: Die Menschen sind alle in den letzten zwei Jahren vor dem Terror des sogenannten Islamischen Staat (IS) aus ihrer Heimatregion Mossul und der Ninive-Ebene geflohen und in Flüchtlingslagern in Erbil untergekommen. Das gilt für die Patienten ebenso wie für die Ärzte und Apotheker, die hier unentgeltlich in zwei Schichten am Tag Dienst tun. Angesichts zehntausender Vertriebener hatte das Chaldäische Erzbistum Erbil das Grundstück zur Verfügung gestellt. Dank der Initiative der Betroffenen selbst und der Finanzierung durch die Malteser in Deutschland konnte die Ambulanz errichtet werden. Anfang 2015 kam Support International durch Vermittlung eines Priesters aus Ankawa in Kontakt mit den Verantwortlichen der Klinik und entlastet seitdem monatlich mit 5.000 Euro das Arzneimittelbudget, das sich auf rund 50.000 Euro pro Monat beläuft. Die Spenden dafür kamen auch aus Eichstätt: Unter dem Motto „Für ein neues Zuhause im eigenen Land“ wurde im vergangenen Jahr besonders zu Pfingsten und – verbunden mit dem Verkauf von Weihnachtskarten – in der Weihnachtszeit am Markt- und Domplatz gesammelt. Hinzu kamen Spenden des Rotarier-Hilfswerkes und des Bistums Eichstätt. Für einen Kindergarten veranstaltete die Grundschule Pollenfeld einen Benefizlauf mit einem großartigen Ergebnis. Insgesamt sind bei der Aktion, die auf ganz Deutschland ausgeweitet wurde, bisher weit über 100.000 Euro zusammen gekommen, die in insgesamt vier Hilfsprojekte in Irak, Syrien und Libanon fließen.

Die vielzitierte Devise „Fluchtursachen bekämpfen“ wird dort Wirklichkeit. Warum verlässt man das eigene Land, wenn man der Bedrohung durch das Terrorregime zunächst entkommen ist? Es sind die Schwierigkeiten hinsichtlich der Bedürfnisse, die jeden Menschen betreffen: Wohnraum, Essen, Arbeitsplätze, Bildung besonders für die Kinder, Gesundheitsfürsorge. Das Engagement vieler Einzelner hat vielfältige Antworten darauf entstehen lassen. An der St. Joseph Charity Clinic kommen in einem festen Wochentagsrhythmus auch Fachärzte, die selbst Vertriebene sind, zur Sprechstunde. Ein EKG- und ein Ultraschallgerät konnten beschafft werden. Zusätzliche Behandlungsräume werden gerade gebaut. Drei Ordensschwestern aus Indien sind die Bezugspersonen in dem an sechs Tagen pro Woche laufenden Betrieb. Der Leitende Arzt Dr. Azzam erzählt, wie sehr es eine Freude für ihn und seine Kollegen ist, anderen helfen zu können. Sie würden selber durch die Arbeit bereichert. Die Pharmaziestudentin Mirna beschreibt, wie sehr sie ihren Beruf in der Beziehung mit den Patienten schätzen gelernt hat. Die strahlenden Gesichter der beiden unterstreichen ihre Worte. Derzeit werden 3.000 registrierte chronisch Kranke versorgt und täglich etwa 80 Akutfälle. Das Arzneimittelbudget ist damit an seine Grenze gekommen: Weil das Geld nicht reicht, werden bereits seit mehreren Wochen keine neuen Patienten mehr angenommen. Es gibt aber nach wie vor großen Bedarf. Für jeden neuen Patienten werden rund 70 Euro pro Monat für Arzneimittel benötigt.

Dem Bedürfnis nach Erziehung und Bildung für die Kinder kommt der Kindergarten Haus vom Jesuskind in Ozal City, einem anderen Vorort von Erbil entgegen. Die Initiatorinnen sind Ordensschwestern und Erzieherinnen aus Karakosch, die schon dort vor dem Angriff des IS einen Kindergarten betrieben haben. Die Dominikanerinnen Ibtihaj und Feidaa kümmern sich mit 11 Mitarbeiterinnen um 180 Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Support International trägt seit Mitte 2015 zu den laufenden Kosten wie Gehälter, Strom und Miete bei. Das Gehalt der Erzieherinnen ist gering und kann auch nur in zehn Monaten pro Jahr bezahlt werden; eine schwierige Lage, denn die Frauen sind Alleinverdienende in ihren Familien. Die Qualität ihrer Arbeit, die auch ersten Unterricht in Rechnen und Lesen vorsieht, ist in der Gegend bekannt. Beim Übertritt in die Grundschule schneiden die Kinder sehr gut ab. Eine Gruppe für Kinder mit körperlichen Einschränkungen wird gerade gegründet. Das ist keine einfache Aufgabe in einer Kultur, in der solche Kinder oft versteckt werden, weil sie von der Gesellschaft abgelehnt werden. Ein in der Nachbarschaft lebender Moslem, seinerseits aus Falludschah geflohen, zeigte sich sehr beeindruckt. Schwester Feidaa vertraute er an, wie sehr es ihn berühre, dass das Erzbistum die Miete für die mittellosen christlichen Flüchtlinge zahle. Auch sehe er, wie sehr die Christen sich nicht nur untereinander, sondern auch den moslemischen Nachbarn helfen. So habe er nun, im hohen Alter, erfahren dürfen, wer Jesus Christus ist. Kurze Zeit später starb er.

Mitten im Stadtzentrum von Erbil, gleich neben dem belebten, bunten und duftenden Basar, erstreckt sich ein großer Gebäudekomplex. Im Erdgeschoss sind Geschäfte untergebracht, wie wir sie auch bei uns finden. Die fünf oberen Etagen bieten allerdings eine Überraschung: Hier leben 210 Flüchtlingsfamilien auf engstem Raum zusammen. Jede Familie hat eine kleine Zweizimmerwohnung aus Wohnküche, Schlafzimmer und einem kleinen Bad. Kinder spielen in den langen Fluren, Erwachsene lächeln uns freundlich zu, möchten uns zum Tee oder zum Essen einladen. Unübersehbar sind die vielen, von bunten Lichterketten umrandeten Kreuze an den Wohnungstüren. Auch diese Flüchtlingsunterkunft ist das Resultat des entschiedenen Eingreifens von Privatpersonen.

Der aus Karakosch stammende Tierarzt Rabee Yousi Soran war aus beruflichen Gründen in Erbil, als der Flüchtlingsstrom sich in einer Nacht in der ganzen Stadt ausbreitete. Menschen lagerten auf den Straßen und in den Parks. Rabee bemerkte das weitgehend leerstehende Gebäude, nahm Kontakt zu dessen Besitzer auf und erhielt die Erlaubnis, die Vertriebenen dort einziehen zu lassen. Er gründete die Gruppe Jesus Lovers und begann mit finanzieller Hilfe einer französischen Hilfsorganisation den Umbau der Rohbau- und Büroetagen zu Wohnräumen. Flüchtlinge erhielten dabei bezahlte Arbeit, richteten ihre eigenen Wohnungen her. Ein Bäcker hat sogar einen großen Backofen in das winzige Apartment gestellt und kann seitdem wieder selbst Geld verdienen. Großzügig verteilt er Plätzchen an uns. Auf dem Kühlschrank wartet das Grundgerüst einer Hochzeitstorte auf seinen Einsatz. Bis zum Jahresende soll in dem Gebäude auch ein Kindergarten entstehen. Für dessen Einrichtung wird noch Geld benötigt. Das könnte eine Aufgabe für uns sein. Auf den Arbeitshemden der Bauarbeiter steht „Das Beste, was wir bauen können, ist Gewissheit“. Wie wahr! Eine Familie, die ihr Glück in Frankreich versucht hatte, ist bereits zurückgekommen. Weitere zehn Familien, die sich noch in der Slowakei befinden, bereiten ebenfalls ihre Rückkehr vor. Gemeinsam mit Rabee’s Familie nehmen wir das Mittagessen ein. Seine Töchter Sura und Sandra singen mit ihrer Freundin Roaa ein Lied über ihren Wunsch, in ihre Heimatstadt Karakosh zurück zu gehen. Es endet mit den Zeilen:

Wenn wir zurückkehren, werden wir unsere Häuser neu aufbauen; wir werden die Felder wieder bestellen und den Frieden aussäen.

Besonders beeindruckt hat uns das alte Ehepaar Yaokob und Daniela Najeeb. Mit ihren etwa 75 Jahren sind sie 20 Tage lang vom IS festgehalten worden. Dann gelang ihnen die Flucht – 60 Kilometer zu Fuß durch die Wüste mit nur einem halben Brot als Proviant. Yaokob ist seitdem bettlägerig. Wir schenken den beiden das mitgebrachte Walburgisöl. Sie sind bewegt; Yakokob bekreuzigt sich damit.

Am letzten Tag treffen wir den in Erbil für humanitäre Angelegenheiten verantwortlichen deutschen Konsul Lars-Uwe Kettner zu einem Gespräch. Uns allen ist klar, dass unsere Unterstützung für die Einrichtungen zugunsten der Flüchtlinge weitergehen wird. Weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten unter www.supportinternational.de.