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Die Katalonen wollen Flüchtlingen helfen

Regelmäßig stürmen Flüchtlinge die spanische Exklave Ceuta. Unter dem Motto „Volem acollir“ („Wir wollen aufnehmen“) haben in Barcelona Hunderttausende am Wochenende für eine weltoffene Politik demonstriert. Gestern wurde ich von Domradio in Köln zu den Ereignissen in Barcelona und Katalonien interviewt. Die Radioredaktion ist mit der Weitergabe des Mittschnitts hier im Blog weitblick einverstanden.

domradio.de: Die Behörden sprechen von rund 160.000 Menschen, die sich am Wochenende in Barcelona versammelt haben. Die Veranstalter sagen, es seien sogar eine halbe Million gewesen. Wie haben Sie denn die Demonstration erlebt?
Ottmar Breitenhuber (Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona): Ich habe es nur zufällig mitbekommen. Ich war in den vergangenen vier Wochen in Lateinamerika und bin am Wochenende zurückgekommen. Da habe ich nach einem Gottesdienst von der Demonstration gehört. Ich wohne in der Nähe von dem Ort, wo sich die Menschen versammelt haben. Es war eine große blaue Welle. Die Veranstalter hatten die Leute ja aufgefordert, in blauer Kleidung und mit blauen Flaggen zu kommen. Das Ganze hat dann an eine Meereswelle erinnert. Die Leute haben sich dann auf den Weg ans Meer, an den Strand, gemacht. Es war eine der größten Demonstrationen, die ich hier in Barcelona erlebt habe. Ähnlich den Demonstrationen, wie sie am Gedenktag zur Eroberung Barcelonas immer stattfinden.

domradio.de: Die Menschen hatten ja auch Schilder, auf denen zum Beispiel „Keine Toten mehr“ oder auch „Flüchtlinge willkommen“ und „Öffnet die Grenzen“ stand. Entspricht das der allgemeinen Stimmung in Spanien?

Breitenhuber: Ich kann es nur von Katalonien sagen. Hier gibt es an sich eine sehr offene Stimmung den Flüchtlingen gegenüber. Man möchte den Menschen etwas anbieten. Barcelona ist ja eine sehr internationale Stadt. Es gibt hier eine Million Ausländer. Und nur 495 Asylbewerber waren im vergangenen Jahr gemeldet. Die Stadt an sich und Katalonien sind eigentlich sehr offen. Aber die spanische Politik, die von Madrid aus gemacht wird, trifft diesen Geist nicht.

domradio.de: Welche Position nimmt die katholische Kirche in Spanien beim Umgang mit Flüchtlingen ein?

Breitenhuber: Die katholische Kirche ist ganz vorne dran und tut etwas für Flüchtlinge. Zu der Demonstration haben unter anderem die Caritas und das Referat Migration der Erzdiözese Barcelona aufgerufen. Und die Kirche öffnet ganz konkret auch ihre Türen. Santa Anna, ein zentrales ehemaligen Kloster, hat im Januar schon die Türen für Flüchtlinge geöffnet und ihnen für einige Tage eine Unterkunft gegeben. Und jetzt haben sie die Hilfe ausgebaut. Die Flüchtlinge übernachten zwar inzwischen in anderen Einrichtungen, aber die Kirchentüren sind 24 Stunden am Tag geöffnet und die Flüchtlinge bekommen dort etwas zu Essen und können sich aufwärmen und beraten lassen.

domradio.de: Und wie erleben Sie die Situation in Ihrer deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona?

Breitenhuber: Am vergangenen Sonntag hat uns ein katalanischer Pater von der Demonstration und von dem Einsatz in der Gemeinde Santa Anna erzählt. Die Leute bei uns sind sowieso schon in verschiedenen Bereichen engagiert. Wir haben zum Beispiel schon seit Jahren Kontakt zu einer Obdachlosentafel. Dort haben sie inzwischen auch viel mit Flüchtlingen zu tun. Und wir versuchen uns jetzt in der Gemeinde Santa Anna zu engagieren.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Das Audio könnt ihr beim Domradio hören.

Mehr zum Thema: Asylsuchende und Flüchtlinge im Bistum Eichstätt

Hilfe für verfolgte Christen im Irak

Ende September reisten wir (Maria und Martin Groos) zusammen mit anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern des Vereins Support International nach Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Wir wollten dort die Menschen kennenlernen, denen unsere Unterstützung aus der Aktion „Für ein neues Zuhause im eigenen Land“ zu Gute kommt.

Reges Treiben herrscht auf dem kleinen Gelände der St. Joseph’s Charity Clinic in Ankawa, einem vorwiegend von Christen bewohnten Vorort von Erbil. Zahlreiche Patienten sind in die Morgen-Sprechstunde der aus Metallcontainern gebauten Ambulanz gekommen. Sie möchten ihre Medikamente gegen chronische Erkrankungen abholen oder sich wegen kleinerer akuter Beschwerden behandeln lassen. Das Besondere: Die Menschen sind alle in den letzten zwei Jahren vor dem Terror des sogenannten Islamischen Staat (IS) aus ihrer Heimatregion Mossul und der Ninive-Ebene geflohen und in Flüchtlingslagern in Erbil untergekommen. Das gilt für die Patienten ebenso wie für die Ärzte und Apotheker, die hier unentgeltlich in zwei Schichten am Tag Dienst tun. Angesichts zehntausender Vertriebener hatte das Chaldäische Erzbistum Erbil das Grundstück zur Verfügung gestellt. Dank der Initiative der Betroffenen selbst und der Finanzierung durch die Malteser in Deutschland konnte die Ambulanz errichtet werden. Anfang 2015 kam Support International durch Vermittlung eines Priesters aus Ankawa in Kontakt mit den Verantwortlichen der Klinik und entlastet seitdem monatlich mit 5.000 Euro das Arzneimittelbudget, das sich auf rund 50.000 Euro pro Monat beläuft. Die Spenden dafür kamen auch aus Eichstätt: Unter dem Motto „Für ein neues Zuhause im eigenen Land“ wurde im vergangenen Jahr besonders zu Pfingsten und – verbunden mit dem Verkauf von Weihnachtskarten – in der Weihnachtszeit am Markt- und Domplatz gesammelt. Hinzu kamen Spenden des Rotarier-Hilfswerkes und des Bistums Eichstätt. Für einen Kindergarten veranstaltete die Grundschule Pollenfeld einen Benefizlauf mit einem großartigen Ergebnis. Insgesamt sind bei der Aktion, die auf ganz Deutschland ausgeweitet wurde, bisher weit über 100.000 Euro zusammen gekommen, die in insgesamt vier Hilfsprojekte in Irak, Syrien und Libanon fließen.

Die vielzitierte Devise „Fluchtursachen bekämpfen“ wird dort Wirklichkeit. Warum verlässt man das eigene Land, wenn man der Bedrohung durch das Terrorregime zunächst entkommen ist? Es sind die Schwierigkeiten hinsichtlich der Bedürfnisse, die jeden Menschen betreffen: Wohnraum, Essen, Arbeitsplätze, Bildung besonders für die Kinder, Gesundheitsfürsorge. Das Engagement vieler Einzelner hat vielfältige Antworten darauf entstehen lassen. An der St. Joseph Charity Clinic kommen in einem festen Wochentagsrhythmus auch Fachärzte, die selbst Vertriebene sind, zur Sprechstunde. Ein EKG- und ein Ultraschallgerät konnten beschafft werden. Zusätzliche Behandlungsräume werden gerade gebaut. Drei Ordensschwestern aus Indien sind die Bezugspersonen in dem an sechs Tagen pro Woche laufenden Betrieb. Der Leitende Arzt Dr. Azzam erzählt, wie sehr es eine Freude für ihn und seine Kollegen ist, anderen helfen zu können. Sie würden selber durch die Arbeit bereichert. Die Pharmaziestudentin Mirna beschreibt, wie sehr sie ihren Beruf in der Beziehung mit den Patienten schätzen gelernt hat. Die strahlenden Gesichter der beiden unterstreichen ihre Worte. Derzeit werden 3.000 registrierte chronisch Kranke versorgt und täglich etwa 80 Akutfälle. Das Arzneimittelbudget ist damit an seine Grenze gekommen: Weil das Geld nicht reicht, werden bereits seit mehreren Wochen keine neuen Patienten mehr angenommen. Es gibt aber nach wie vor großen Bedarf. Für jeden neuen Patienten werden rund 70 Euro pro Monat für Arzneimittel benötigt.

Dem Bedürfnis nach Erziehung und Bildung für die Kinder kommt der Kindergarten Haus vom Jesuskind in Ozal City, einem anderen Vorort von Erbil entgegen. Die Initiatorinnen sind Ordensschwestern und Erzieherinnen aus Karakosch, die schon dort vor dem Angriff des IS einen Kindergarten betrieben haben. Die Dominikanerinnen Ibtihaj und Feidaa kümmern sich mit 11 Mitarbeiterinnen um 180 Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Support International trägt seit Mitte 2015 zu den laufenden Kosten wie Gehälter, Strom und Miete bei. Das Gehalt der Erzieherinnen ist gering und kann auch nur in zehn Monaten pro Jahr bezahlt werden; eine schwierige Lage, denn die Frauen sind Alleinverdienende in ihren Familien. Die Qualität ihrer Arbeit, die auch ersten Unterricht in Rechnen und Lesen vorsieht, ist in der Gegend bekannt. Beim Übertritt in die Grundschule schneiden die Kinder sehr gut ab. Eine Gruppe für Kinder mit körperlichen Einschränkungen wird gerade gegründet. Das ist keine einfache Aufgabe in einer Kultur, in der solche Kinder oft versteckt werden, weil sie von der Gesellschaft abgelehnt werden. Ein in der Nachbarschaft lebender Moslem, seinerseits aus Falludschah geflohen, zeigte sich sehr beeindruckt. Schwester Feidaa vertraute er an, wie sehr es ihn berühre, dass das Erzbistum die Miete für die mittellosen christlichen Flüchtlinge zahle. Auch sehe er, wie sehr die Christen sich nicht nur untereinander, sondern auch den moslemischen Nachbarn helfen. So habe er nun, im hohen Alter, erfahren dürfen, wer Jesus Christus ist. Kurze Zeit später starb er.

Mitten im Stadtzentrum von Erbil, gleich neben dem belebten, bunten und duftenden Basar, erstreckt sich ein großer Gebäudekomplex. Im Erdgeschoss sind Geschäfte untergebracht, wie wir sie auch bei uns finden. Die fünf oberen Etagen bieten allerdings eine Überraschung: Hier leben 210 Flüchtlingsfamilien auf engstem Raum zusammen. Jede Familie hat eine kleine Zweizimmerwohnung aus Wohnküche, Schlafzimmer und einem kleinen Bad. Kinder spielen in den langen Fluren, Erwachsene lächeln uns freundlich zu, möchten uns zum Tee oder zum Essen einladen. Unübersehbar sind die vielen, von bunten Lichterketten umrandeten Kreuze an den Wohnungstüren. Auch diese Flüchtlingsunterkunft ist das Resultat des entschiedenen Eingreifens von Privatpersonen.

Der aus Karakosch stammende Tierarzt Rabee Yousi Soran war aus beruflichen Gründen in Erbil, als der Flüchtlingsstrom sich in einer Nacht in der ganzen Stadt ausbreitete. Menschen lagerten auf den Straßen und in den Parks. Rabee bemerkte das weitgehend leerstehende Gebäude, nahm Kontakt zu dessen Besitzer auf und erhielt die Erlaubnis, die Vertriebenen dort einziehen zu lassen. Er gründete die Gruppe Jesus Lovers und begann mit finanzieller Hilfe einer französischen Hilfsorganisation den Umbau der Rohbau- und Büroetagen zu Wohnräumen. Flüchtlinge erhielten dabei bezahlte Arbeit, richteten ihre eigenen Wohnungen her. Ein Bäcker hat sogar einen großen Backofen in das winzige Apartment gestellt und kann seitdem wieder selbst Geld verdienen. Großzügig verteilt er Plätzchen an uns. Auf dem Kühlschrank wartet das Grundgerüst einer Hochzeitstorte auf seinen Einsatz. Bis zum Jahresende soll in dem Gebäude auch ein Kindergarten entstehen. Für dessen Einrichtung wird noch Geld benötigt. Das könnte eine Aufgabe für uns sein. Auf den Arbeitshemden der Bauarbeiter steht „Das Beste, was wir bauen können, ist Gewissheit“. Wie wahr! Eine Familie, die ihr Glück in Frankreich versucht hatte, ist bereits zurückgekommen. Weitere zehn Familien, die sich noch in der Slowakei befinden, bereiten ebenfalls ihre Rückkehr vor. Gemeinsam mit Rabee’s Familie nehmen wir das Mittagessen ein. Seine Töchter Sura und Sandra singen mit ihrer Freundin Roaa ein Lied über ihren Wunsch, in ihre Heimatstadt Karakosh zurück zu gehen. Es endet mit den Zeilen:

Wenn wir zurückkehren, werden wir unsere Häuser neu aufbauen; wir werden die Felder wieder bestellen und den Frieden aussäen.

Besonders beeindruckt hat uns das alte Ehepaar Yaokob und Daniela Najeeb. Mit ihren etwa 75 Jahren sind sie 20 Tage lang vom IS festgehalten worden. Dann gelang ihnen die Flucht – 60 Kilometer zu Fuß durch die Wüste mit nur einem halben Brot als Proviant. Yaokob ist seitdem bettlägerig. Wir schenken den beiden das mitgebrachte Walburgisöl. Sie sind bewegt; Yakokob bekreuzigt sich damit.

Am letzten Tag treffen wir den in Erbil für humanitäre Angelegenheiten verantwortlichen deutschen Konsul Lars-Uwe Kettner zu einem Gespräch. Uns allen ist klar, dass unsere Unterstützung für die Einrichtungen zugunsten der Flüchtlinge weitergehen wird. Weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten unter www.supportinternational.de.

Eindrücke aus dem Flüchtlingslager von Idomeni

Seit Wochen gibt es Meldungen in den Nachrichten, dass sich die Flüchtlingsströme aufgrund von Grenzschließungen auf der sogenannten Balkanroute von Nahost und Afrika nach Europa zunehmend stauen. Vor wenigen Tagen wurde die Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland bei Idomeni nahezu vollständig geschlossen. Die Folge ist, dass sich rund 15.000 Menschen vor der Grenze in einem nicht organisierten Lager aufhalten. Nicht organisiert heißt, dass es keine geordnete Lebensmittelversorgung gibt, dass keine offizielle Verteilung von lebensnotwendigen Dingen stattfindet und dass die medizinische Versorgung  nicht existiert.

Die internationale Nichtregierungsorganisation humedica hat – wie auch andere Hilfsorganisationen  – entschieden, Ärzteteams nach Idomeni zu senden. Wie dringend der Bedarf vor Ort in Griechenland ist zeigt die Tatsache, dass es akzeptiert wird, dass ich nur eine Woche in den Einsatz fahren kann – normalerweise sind keine Einsätze unter zwei oder drei Wochen möglich. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich meine Erfahrungen aus den Einsätzen in Afrika und Asien irgendwann mal auf europäischen Boden anwenden sollte und könnte.

Bei der Ankunft im Lager direkt vom Flughafen aus gehe ich durch das Areal, um mir einen ersten Eindruck zu verschaffen. Die Zelte stehen zwischen den Bahngleisen, auf den Bahnsteigen, auf jedem denkbaren freien Fleck, direkt aneinander. Dazwischen brennen oft die stark rauchenden Feuer, auf denen Wasser gekocht oder auch Essen zubereitet wird. Es sind viele hunderte von Zelten, meist kleine Campingzelte, gelegentlich erweitert mit Decken und Folien. In bestimmten Bereichen stehen auch Großzelte mit Betten, die von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, UnHCR, Rotes Kreuz und anderen Organisationen aufgebaut wurden. Hier sind auch „sanitäre Anlagen“ vorhanden, die von allen benutzt werden: rund 30 Dixi-Toiletten an einer Stelle, daneben die Waschcontainer, etwas weiter unten ist ein (neu erstandener?) See, auf dem viel Unrat schwimmt. Man hat das Gefühl, dass die Toiletten auch nicht immer ihr „Dichtigkeitsversprechen“ halten und manchmal etwas in den See ablassen. An mehreren Stellen sind solche Plätze aufgebaut. Auch wenn wirklich täglich zweimal versucht wird, diese Toiletten zu reinigen, bei der Vielzahl der Menschen reichen sie einfach nicht aus und die Verschmutzung der Häuschen passiert ziemlich schnell immer wieder.

An der zentralen Stelle, neben dem Lager der griechischen Polizei, ist ein mit Drahtverhau abgeschirmter Gang, der direkt zur Essensausgabe führt. Wenn hier die Uhrzeit gekommen ist, ist es schon ein stark gewöhnungsbedürftiges Bild, wenn die dichten Menschmassen in diesem Käfiggang stehen, um zu ihrem Essen zu gelangen. Aber es ist nicht sinnlos. Vor Kurzem wurde die Essensausgabe an einem Tag ausgesetzt, weil vorher die Essensverteiler – freiwillige Helfer – von einer kleinen Gruppe militanter Flüchtlinge mit dem Essen beworfen wurden. Sie wollten Forderungen mit einem Hungerstreik durchsetzen und mit dieser Aktion alle anderen zum Mitmachen zwingen. Andere solche Aktionen sind zum Beispiel das Absperren der Autobahn. Das alles wird natürlich immer medienwirksam inszeniert. Wie übrigens die Presse sehr oft hier vertreten ist. Praktisch jeder von uns wird von Journalisten angesprochen, zu einem Interview gebeten, telefonisch oder persönlich. Wir versuchen unsere Arbeit und Motivation zu erklären und enthalten uns jeder politischen Stellungnahme.

Politik – auch für uns ist es nicht so ganz einfach, hier zu arbeiten: Es dauert einige Tage bis wir von der inoffiziellen Duldung dann die Erlaubnis der griechischen Ärztekammer haben, hier als mobile Klinik im Lager auf griechischen Boden arbeiten zu können.

Unsere Arbeit: Jeden Morgen fahren wir über die griechisch-mazedonische Grenze zum Lager. In den griechischen Dörfern und Städtchen in der Umgebung des Lagers finden wir einfach keine Unterkunft. Die Bereitschaft, Unterkünfte zu vermieten ist sehr stark eingeschränkt oder die Preise sind massiv überteuert für ziemlich heruntergekommene Häuser. Also sind wir in einer mazedonischen Unterkunft kurz hinter der Grenze. Wir holen aus einem der anderen Lager unseren Übersetzer ab, fahren anschließend zu unserem Standplatz am Bahnhof und bauen aus dem Sprinter heraus unser Vorzelt auf. Hierin befinden sich eine der Behandlungsplätze und die Medikamentenausgabe zusammen mit dem Wundbehandlungs- und Versorgungsplatz für die Verbände und Ähnliches. Im Wagen ist der zweite Behandlungsplatz. Ein Arzt und der Übersetzer sind immer beim Patienten und versuchen, so gut wie eben möglich, eine Diagnostik zu erstellen und mit den vorhandenen Mitteln eine adäquate Therapie durchzuführen. Natürlich sind da Grenzen gesetzt. Die eventuell empfohlene Krankenhausbehandlung wird in den allermeisten Fällen nicht durchgeführt – aus Geldmangel, aus Angst nicht zurückzukommen oder auch anderen für uns nicht nachvollziehbaren Gründen.

Wir sehen die üblichen grippalen Infekte, Bronchitiden und Lungenentzündungen, Sonnenbrände, Verbrennungen von den offenen Feuern, Erschöpfungszustände, aber auch chronischen Erkrankungen (bei denen die benötigten Medikamente ausgehen), Kriegsfolgen und akute Verletzungen von Rücktransporten aus mazedonischem Gebiet, wo Kontakt mit der dortigen Polizei stattgefunden hat. Vom 27 Tage alten Säugling bis zum 85 jährigen Opa – auf alle Altersklassen sind wir eingestellt. Bis zu 33 Grad hatte es schon, alles wird staubig und der Helikopter, der vormittags und nachmittags teilweise stundenlang über dem Lager kreist, führt nicht unbedingt zu einer ruhigen Atmosphäre. Ebenso die Tatsache, dass nicht klar ist, wie lange das Lager überhaupt noch besteht – morgen schon die Räumung oder in den nächsten Tagen – oder überhaupt nicht. Eine Räumung würde wohl mit ziemlicher Unruhe einhergehen – es bleibt abzuwarten und spannend.

Als Flüchtling Glück im Unglück gehabt

Mein Name ist Dorey Mamou und ich komme aus der nordsyrischen Stadt Al Hasaka. Ich bin 31 Jahre alt und arbeite seit März diesen Jahres als Dolmetscher in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber Maria Ward in Eichstätt. Die Caritas hat mich hierfür auf Minijob-Basis angestellt. Es freut mich, dass ich mich im Blog „Weitblick“ vorstellen darf.

Ich muss zugeben, dass ich im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen Glück gehabt habe. Das hört sich aus dem Mund eines syrischen Flüchtlings vielleicht erst einmal verwunderlich an. Und natürlich war es für mich auch schwierig. Schließlich brach ich vor drei Jahren ein Studium in meiner Heimat ab und flüchtete aus meinem Land. Seinerzeit wurde es schon immer schlimmer. Ich hatte Angst, irgendwann zum Militärdienst eingezogen zu werden, aber als überzeugter Christ wollte ich keinen anderen Menschen töten. Auf dem Weg zu einer staatlichen Schule, in der ich als Englischlehrer arbeitete, fürchtete ich zudem stets, von aufständischen Gruppen gefangen genommen zu werden, die mir womöglich Regierungsunterstützung vorgeworfen hätten. So verließ ich schweren Herzens mein Elternhaus und meine Heimat.

Anerkennung als Asylbewerber: „Wie frische Luft“

Mein Glück im Unglück: Anders als viele meiner Landsleute musste ich nicht in einem wackeligen Boot unter lebensgefährlichen Umständen über‘s Mittelmeer schippern. Ich hatte Gott sei Dank etwas mehr Geld. Das ermöglichte mir, von der Türkei aus nach München zu fliegen. Aus der dortigen Erstaufnahmeeinrichtung kam ich 2013 in eine dezentrale Unterkunft nach Wettstetten. Hier hatte ich noch einmal Glück: Caritas-Asylberater Mathias Schmitt, der damals dort tätig war, lernte mich kennen und offenbar meine Sprachkenntnisse schätzen. Schmitt spannte mich in Dolmetschertätigkeiten ein. So half ich ehrenamtlich unter anderem, Post für arabisch sprechende Flüchtlinge zu übersetzen oder ich begleitete Betroffene zum Arzt, um die Verständigung zu ermöglichen. Dieses Engagement hat mir geholfen, auch selbst die deutsche Sprache besser zu lernen. Natürlich büffelte ich aber auch wie Andere Deutsch in einem von der studentischen Initiative „tun.starthilfe für flüchtlinge“ organisierten Sprachkurs. Erfreulicherweise hat sich dieser Einsatz gelohnt: 2013 wurde ich als Asylbewerber anerkannt. Das war wie frische Luft, denn ich wusste, jetzt kann ich mit dem Leben hier etwas anfangen.

„Sprache schafft Verständigung“

Mein nächstes Glück: Im März diesen Jahres wurde ich hauptamtlicher Mitarbeiter der Caritas-Kreisstelle Eichstätt auf Minijob-Basis. Sieben Stunden in der Woche helfe ich nun in der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward in Eichstätt mit Dolmetschertätigkeiten. Ich freue mich, dass sowohl die Caritasberater als auch Flüchtlinge das dankbar annehmen. „Sprache schafft Verständigung“, hat meine Kollegin Christine Pietsch die Bedeutung der Unterstützung neulich auf den Punkt gebracht. Zudem erfahren alle, dass es auch gut ist, wenn jemand dabei ist, der aus eigener Erfahrung weiß, was Flucht bedeutet. Zahlreiche arabisch sprechende Flüchtlinge – neben Syrien auch viele aus Eritrea und dem Irak – sind froh, dass ich diese Arbeit mache. „Das ist eine sehr wichtige Hilfe für die Kommunikation, aber auch, weil es Vertrauen schafft, wenn jemand aus unserer Kultur als Helfer da ist“, hat mir zum Beispiel Ahmad Abuzarad bestätigt, der ebenfalls aus Syrien kommt. Was mache ich konkret? Immer wieder kommt es zum Beispiel vor, dass ich Flüchtlingen einen Befreiungsantrag für GEZ-Gebühren erkläre.

Caritas-Dolmetscher Dorey Mamou (links) erklärt zwei syrischen Landsleuten den Befreiungsantrag von den GEZ-Gebühren. Foto: Peter Esser/caritas
Caritas-Dolmetscher Dorey Mamou (links) erklärt zwei syrischen Landsleuten den Befreiungsantrag von den GEZ-Gebühren. Foto: Peter Esser/caritas

Die Caritas ist eine Organisation, die den Leuten hilft, und ich bin sehr froh, dass ich für sie tätig sein kann. Später möchte ich möglichst auch einmal als Berater für Asylbewerber arbeiten. Deshalb will ich in Kürze ein Pädagogikstudium an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt beginnen – studienbegleitend aber auch weiterhin als Dolmetscher für Flüchtlinge tätig sein. Es ist eine Tätigkeit, die mir Spaß macht und die ich vor allem als sinnerfüllend empfinde, weil ich Menschen, die alles verloren haben, etwas Orientierung geben und sie somit auch beruhigen kann.

Fühle mich in Eichstätt wohl

Dank meiner neuen Perspektiven bin ich in letzter Zeit wirklich zufrieden und erleichtert. Ich vermeide es zunehmend, mir Nachrichten im Fernsehen über meine Heimat anzuschauen, aber ich weiß von Freunden, wie es dort zugeht. Besonders schockiert hat mich, dass in der Nähe von Al Hasaka vor einigen Monaten rund 200 Leute von der Terrorgruppe IS entführt wurden. Immer wieder erfahre ich auch, das frühere Weggefährten ums Leben kommen.

Deutschland erlebe ich als sehr organisiert, und ich möchte in Eichstätt bleiben. Erst wollte ich in einer großen Stadt leben, aber hier fühle ich mich wohler. Für andere Flüchtlinge wünsche ich mir vor allem, dass deren Asylverfahren schneller als bisher abläuft und dass sie in dieser Zeit nicht nur warten müssen, sondern sich auch beschäftigen können, zum Beispiel in einem Praktikum. Und dass sie so wie ich, auch das Glück haben, in ihrer neuen Umgebung Lebens- und Berufsperspektiven zu finden.

Radio K1-Beitrag: Früherer syrischer Asylbewerber jetzt Caritasmitarbeiter

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Verfolgung um Christi und des Evangeliums willen: „Es ist eine religiöse Säuberung“

„Grausame, unmenschliche, unerklärliche Verfolgungen, vor allem gegen Christen“, nennt Papst Franziskus das Vorgehen von islamischen Terroristen und Fanatikern im Nahen Osten gegen Minderheiten. „Sie sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert um ihrer Treue zum Evangelium willen“ (Papst Franziskus, rv 6.8.2015). „Ich rufe die internationale Gemeinschaft von neuem dazu auf, nicht stumm und tatenlos zu bleiben angesichts dieses inakzeptablen Verbrechens“ (Papst Franziskus, Mai 2014). Seit Beginn der Kämpfe in Syrien im Frühjahr 2011 wurden Schätzungen zufolge rund 250.000 Menschen getötet. Fast die Hälfte der Bevölkerung – zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder – sind auf der Flucht. Der Patriarch der syrisch-katholischen Kirche Ignace Youssif III. Younan ruft uns zu:

„…Es ist eine religiöse Säuberung! Was Ihre Regierungen nicht sehen wollen, und wovon Ihre Regierungen nichts wissen wollen. Denen ist die Religionsfreiheit dieser Gemeinschaften, die über Hunderte von Jahren durch ihre Treue zum Evangelium dort durchgehalten haben, ziemlich egal! …Man sagt uns, es gebe internationale Einrichtungen zur Verteidigung der Menschenrechte und der Religionsfreiheit – aber wo sind die denn? Das ist eine Lüge! …Was sollen wir tun? Wie hat es der ‚Islamische Staat’ geschafft, so weit zu kommen!“(rv 08.08.15).

Wachen wir endlich auf! Realitätssicht und kein falsches Neutralitätsprinzip! Wir werden an unserer Äquidistanz und verbaler Ausgeglichenheit noch kaputt gehen. Wir sind dabei, die eigenen christlichen Wurzeln zu verleugnen. Ohne eigene Identität aber fehlt uns die Fähigkeit, Ereignisse und Zusammenhänge richtig zu deuten. Der permanente Versuch, die Christenverfolgungen der Gewalt gegen andere religiöse Gruppen gleichzustellen, entspricht nicht den Tatsachen. Mindestens 70 Prozent aller Verfolgungen in der Welt trifft Christen (Pew Research Center, Washington). Die EU verwechselt leider bis heute oft die europäische Identität mit der eigenen Brieftasche. Europäische Identität ist ohne das Christentum nicht denkbar.

Die Ankunft von immer mehr muslimischen Flüchtlingen bei uns wird sehr bald zu einer großen Herausforderung für die christliche und demokratische Identität des Kontinents werden. „Als Christen haben wir die Pflicht, die Flüchtlinge aufzunehmen, aber Europa muss auch die eigene, d.h. eine christliche Identität wahren können. … Es gibt muslimische Migranten, die sich (bei uns) mit einem speziellen Problem konfrontiert sehen. Sie können z.B. die Trennung von Religion und Politik, von Kirche und Staat, wie wir es sagen würden, nicht akzeptieren. Das hat einen direkten Einfluss auf den Integrationsprozess. Und was machen wir da? Wir müssen sagen, dass es Grundwerte gibt, die akzeptiert werden müssen. Dazu gehört die Wahrung des Pluralismus in unserer Gesellschaft, die Trennung von Politik und Religion und die Akzeptanz normaler demokratischer Prozesse, sodass ein friedliches, konstruktives Zusammenleben möglich ist, und die Menschen, die kommen, Teil der Gesellschaft werden und sie bereichern“ (Erzbischof S. M. Tomasi, Vertreter des Hl. Stuhls bei der UNO, 23/08/2015).

Hilfe für alle, ja – aber auch in Rücksicht auf unsere christlichen Schwestern und Brüder. Wenn wir größere Zusammenstöße vermeiden wollen, dann müssen wir bei der Flüchtlingsverteilung bei uns auch über die nationale und religiöse Zusammensetzung der einzelnen Gruppierungen nachdenken. Es müssen sich die Christen wenigstens in unseren Einrichtungen sicher und wohl fühlen können, was längst nicht mehr überall gewährleistet ist.

Ich bitte Sie alle, soweit es Ihnen möglich ist, engagieren Sie sich in Helferkreisen für die Flüchtlinge. Jeder von Ihnen hat ein Talent, das dringend gebraucht wird. Im Vertrauen auf die Hilfe Gottes, seiner Mutter und aller Heiligen, werden wir, dank Ihrer Mithilfe und Ihrem Gebet, auch weiterhin unseren notleidenden Brüdern und Schwestern helfen können.

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