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Das Phänomen der „Eurowaisen“ in der Ukraine

„Manchmal, in traurigen Minuten wie heute, kommen mir solche Gedanken: Du und Papa kehrt in die Ukraine zurück, und wir bleiben für immer zusammen. Lass es weniger Geld geben, weniger Möglichkeiten, aber wir werden glücklich sein!“, schreibt in einem Brief die elfjährige Olena, deren Eltern im Ausland arbeiten. Sie gehört zu den sogenannten ukrainischen „Eurowaisen“: Das sind Kinder der Arbeitsmigranten aus der Ukraine, die zwar wirtschaftlich gut versorgt sind, aber ohne Eltern bei ihren Familienangehörigen aufwachsen.

Dieses Phänomen ist nicht neu. Laut Olexandra Slobodian, der Migrationsexpertin des CEDOS [ukrainisches Sozialforschungszentrum] gingen allein 2016 rund 700 000 Ukrainer ins Ausland. Die gegenwärtige Tendenz wird leider nicht besser, und das hat klare Gründe: Wirtschaftliche und politische Krise im Staat sowie ständig steigende Arbeitslosigkeit zwingen immer mehr Bürgerinnen und Bürger ins Ausland zu gehen, dort eine bessere soziale und wirtschaftliche Lage zu suchen und von dort aus ihren Kindern eine „bessere“ Zukunft zu ermöglichen.

Ist es jedoch genug, die Beziehung mit Mama und Papa nur per Skype (wohl auf einem teuren Handy) zu pflegen? Einerseits ist die Aufgabe einer guten materiellen Kinderversorgung dadurch gewissenhaft erfüllt. Die meisten Kinder, deren Eltern im Ausland arbeiten, bestätigen, dass ihre Familien grundsätzlich keine materiellen Schwierigkeiten mehr haben. Anderseits führen die mangelnde Betreuung und Aufsicht vonseiten der Eltern zu einer Reihe sozialer und psychologischer Probleme: Immer öfter werden die Kinder der Arbeitsmigranten mit „Straßenkindern“ verglichen, da sie oft ohne jede Erziehung bleiben. Weil das Geld für die „Eurowaisen“ kein Problem ist, werden sie manchmal alkohol- oder sogar drogenabhängig, was sie zu einem guten Ziel und Opfer des Drogenhandels macht. Negative Folgen kann man auch bei ihrer Leistung in der Schule merken. Im Juni 2016 wurde in der Ukraine eine Umfrage unter mehr als 50 000 Schulabgänger durchgeführt, einschließlich der Kinder der Arbeitsmigranten: Ergebnisse zeigen, dass die durchschnittliche Note der Absolventinnen und Absolventen mit beiden Elternteilen im Ausland etwa zehn Prozentpunkte niedriger ist als bei ihren Altersgenossen, die mit ihren Eltern zusammenwohnen.

Obwohl das Problem der „Eurowaisen“ in der Ukraine nicht neu ist, gibt es da im Gegensatz zu anderen Ländern immer noch keine Einrichtungen bzw. erfolgreiche Projekte für die vorübergehende Betreuung solcher Kinder. In der Praxis heißt es auch, dass das Kind, dessen Eltern ins Ausland gegangen sind, ohne gesetzliche Vertreter bleiben kann, die seine Rechte schützen würden. Das Kind weiß in diesem Alter auch noch nicht immer, was für sich am besten ist. Dies weist darauf hin, dass die Kinder der Arbeitsmigranten eine verletzliche Kategorie sind, die deswegen eine besondere staatliche Hilfe benötigt. Diese Staatsaufgaben übernehmen in der Ukraine einige soziale und christliche Organisationen und Stiftungen. Spitzenreiter bei der Hilfe für die „Eurowaisen“ ist die Caritas Ukraine. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mehr als zehn Jahre aktiver Erfahrung in der Arbeit mit den Kindern und Familien der Arbeitsmigranten, erzählt in einem Gespräch mit dem Bistum Eichstätt Andrij Waskowycz, der Leiter der Caritas Ukraine. Caraitas stellt Fachleute zur Verfügung, wie z. B. Sozialarbeiter und Psychologen, die solche Familien ständig und professionell unterstützen und begleiten können.

Natürlich ist nicht jedes Kind, dessen Eltern derzeit in der EU arbeiten, erfolglos in der Schule oder sofort alkoholabhängig. Wenn es allerdings auch nur eins wäre, bräuchte das Problem eine Lösung. es sind jedoch viele Kinder, die kein Geld brauchen, sondern jemanden zu lieben und zu sprechen.

Sternsinger-Aktion

„Segen bringen, Segen sein. Kindern Halt geben – in der Ukraine und weltweit“ lautet das Motto der kommenden, 63. Aktion Dreikönigssingen. Dabei werden die Sternsinger auf das Schicksal von Mädchen und Jungen aufmerksam machen, die mit nur einem Elternteil, bei Großeltern oder in Pflegefamilien aufwachsen, weil ihre Eltern im Ausland arbeiten.

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