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Eine Liebeserklärung

„Oh, der Gottesdienst sollte um 7 Uhr anfangen? Ich dachte, wir sollen erst um 7.30 Uhr da sein? Naja, hab ich wohl mal wieder die Zeit meinen Bedürfnissen angepasst.“ – War er wohl nicht der einzige, auch der Pfarrer war deutlich später dran, so dass alle genügend Zeit hatten, zu spät und trotzdem pünktlich zu kommen. Selbiger Freund schuldet mir eine Tasse Chibwantu, weil er meinte, dieses Mal komme er pünktlich, also so wirklich. Ich war bei der Chorprobe, um die es ging, auch fast 20 Minuten zu spät – so langsam gewöhne ich mich an die sambische Zeit – aber immer noch pünktlicher als er. Wir können immer wieder drüber lachen. Und irgendwo da fängt der Kulturaustausch an. Er versucht, pünktlicher zu kommen und ich nehme Uhrzeiten nicht mehr ganz so ernst.

Vorschule in Choma/Sambia. Foto: Anna Hofbeck
Vorschule in Choma/Sambia. Foto: Anna Hofbeck

 

Das schöne an der Zeit, die ich mit den Jugendlichen bei der Kirche verbringe, ist, dass ich für sie nicht mehr nur die Muzungu (Weiße) bin, sondern ich mich dort als Person, als Anna, als Freundin, angenommen fühle. Als neulich eine Neue zu einem der Jugendtreffen gekommen ist und ich mich in der Vorstellungsrunde als Anna aus Deutschland vorgestellt habe, wurde ich gleich korrigiert – nein, ich bin jetzt aus Sambia. Auch meine Mom meinte, ich benehme mich, als wäre ich schon deutlich länger hier als einen guten Monat. Natürlich merke ich oft, dass ich bei weitem nicht immer weiß, wie ich mich zu verhalten habe oder in einigen Situationen sehr auf Hilfe angewiesen bin, aber es macht trotzdem glücklich, so was zu hören. Und außerdem fühlt es sich irgendwie auch so an. Als ob ich schon länger hier lebe, als ob ich hier daheim bin, als ob es sich einfach so gehört.

Als ich Leuten in Deutschland erzählt habe, dass ich für ein Jahr nach Sambia gehe, haben viele gemeint, wow, da haben sie Respekt davor – ein Jahr ist eine lange Zeit und so ganz alleine in eine ganz fremde Kultur… Und ich habe immer gedacht, ein Jahr geht auch rum und ich hatte eigentlich nie wirklich Angst oder war richtig aufgeregt (außer ganz zum Schluss die letzten Tage und Stunden vor dem Abflug). Und es hätte sich auch nicht gelohnt, aufgeregt und ängstlich zu sein, weil es sich jetzt einfach nur normal anfühlt, hier zu sein. Der einzige Nachteil davon ist, dass man gar nicht mitkriegt, wie schnell die Zeit vergeht.

Und die Zeit vergeht wirklich schnell, weil ich in meinem vollgepackten Alltag ständig kleine neue Dinge entdecke oder erlebe, die mich einfach zum Schmunzeln, lachen oder nachdenken bringen, oder dazu, mich immer mehr in dieses Land und dieses Leben zu verlieben.

Als wunderschönen, fast magischen Moment habe ich zum Beispiel empfunden, als ich vor ein paar Tagen abends mit meiner kleinen Cousine getanzt habe. Meine Oma kann nicht laufen, also sind wir um ihr Bett getanzt – zu den immer gleichen Liedern, weil ich noch nicht viel sambische Musik auf dem Handy habe, und im Kerzenschein, denn wir hatten Stromausfall. Und der Abend hätte nicht schöner sein können.

Oder als wir Jugendlichen Ziegelsteine geschlichtet haben. Da die Kirche, zu der ich gehöre, bald eine eigene Pfarrei sein soll, werden Aktionen gestartet um Geld zu verdienen. Eine davon ist das Brennen und Verkaufen von Ziegelsteinen. Alle packen mit an, und so war auch die Jugend gefragt. Die Arbeit hat Spaß gemacht, was die anderen anfangs gar nicht glauben wollten – ich als Weiße und körperliche Arbeit? –, war aber doch anstrengend und wir waren alle hungrig danach. Wir haben Brot und Saft gekauft und dieses einfache Essen zusammen mit Freunden hat besser geschmeckt als so manch aufwendig Gekochtes.

Oder als ich letztens mit einer der Schwestern im Krankenhaus Fotos auf meinem Handy angeschaut habe, als es gerade nichts zu tun gab. Als ich ein Bild von Zügen kommentiert habe, dass die bei uns eines der schnellsten Fortbewegungsmittel sind, hat sie mindestens fünf Minuten durchgelacht, um mir zwischendrin zu erklären, dass Züge hier nicht nur langsam, sondern unglaublich langsam sind und ich ja nicht mit dem Zug fahren soll. Sie meinte, so hätte sie schon lange nicht mehr gelacht, I made her day.

Oder als wir unseren letzten Vorbereitungsblock mit Sister Chrisencia in Livingstone einfach hinten auf der Ladefläche des Pick-Ups gemacht haben. Richtig schön afrikanisch improvisiert und spontan eben.

Oder viele andere Kleinigkeiten – die Freude eines der Kinder aus der Pre-School, in der ich arbeite, wenn es mich auf der Straße trifft; das fast wöchentliche Chibwantu (sweet beer / traditionelles Maisgetränk)–kochen mit den Jugendlichen; der Tag, an dem meine ganz kleine Cousine nicht mehr geweint, sondern gelacht hat, als ich sie gehalten habe; das abendliche Spülen im Hof; das Singen (oder Summen, wenn ich den Text auf Tonga nicht kann) im Chor; die Abende mit meiner Mom, wenn wir über Unterschiede im sambischen und deutschen Leben reden; Tanzen mit Freunden; ein Dankeschön von einer der Schwestern im Krankenhaus, wenn ich ihr ein bisschen Arbeit an einem stressigen Tag abnehmen konnte; das Leuchten herumliegender Plastiktüten im Licht der tief stehenden Sonne; der von der Strecke her kurze aber von der Zeit her lange Weg nach Hause von den Jugendtreffen, weil wir über alles mögliche reden und lachen müssen; oder einfach das Glitzern der Wassertropfen im nassen kurzen schwarzen Haar meiner Cousine.

Und wer weiß, vielleicht hat mir deswegen heute ein Freund den Tonga-Namen Luyando – Liebe – gegeben. Vielleicht hat er einfach gemerkt, dass ich dieses, mein sambisches Leben liebe.

Anna Hofbeck alias Luyando Munkombwe