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An der Krippe begegnen wir uns

Jesus, das Kind in der Krippe, das wir anbeten, sagt uns: „Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Ich komme gerade aus Bolivien zurück. Diesmal hat mich unser Freund Klaus Sperlich (81) von Cristo Vive Europa begleitet, der uns zusammen mit dem Göttinger Freundeskreis schon seit über 40 Jahren unterstützt. Er hat miterlebt, was hier gewachsen ist. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wie froh und dankbar ich bin, wenn ich sehe, wie viele Menschen wir vor Ort in ihren verschiedenen Nöten und Bedürfnissen durch eure Solidarität zu einem würdigeren Leben verhelfen können.

Bei unserer Sitzung des Teams der Leiter unserer verschiedenen Dienste der Fundacion Cristo Vive Bolivia lasen wir das Tagesevangelium, in dem Jesus freudig ausruft: „Vater, ich preise dich, dass du den Kleinen dieser Welt geoffenbart, was du den Weisen und den Mächtigen verborgen hast.“ (Lukas 20, 21-24)

Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen
Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen

Beim Austausch über diese Botschaft sagte Tilme, die Leiterin der Kindertagesstätte Chaskaya, der Elternschule und der Poliklinik Tirani: „Bei diesem Wort Jesu denke ich an mich. Ich bin als kleines Kind in Tirani aufgewachsen, war verachtet und habe schrecklich viel gelitten. Wenn ich heute ein trauriges, hungerndes, leidendes Kind sehe, sehe ich in ihm die kleine Tilme und tue alles, was mir möglich ist, ihm beizustehen. Das habe ich von Jesus gelernt.”
Alle im Team kannten Tilmes Geschichte und waren betroffen von ihren Worten. Ihre Eltern waren bekannt als Alkoholiker, die oft vor aller Augen die Bergstraße hoch torkelten oder betrunken am Wegrand saßen. Auch ich habe sie noch so gesehen. Eine ihrer Tanten in Tirani hat Tilme großgezogen und zur Schule geschickt. Nach ihrem Schulabschluss konnte sich niemand vorstellen, dass sie es schaffen würde, an die Staatsuniversität zu kommen und Pädagogik zu studieren.

Sie war gerade am Ende ihres Studiums, als unsere Schwester Mercedes im Februar 2007 in die Bergsiedlung Tirani zog, um das Leben der Menschen dort zu teilen. Sie lernte Tilme kennen, die Quetchua sprach, und ihr zunächst als Freiwillige half. Während Mercedes mit den Müttern zu arbeiten begann, die auf ihren kleinen Feldern Blumen anbauten, um sie in der Stadt zu verkaufen, bemerkte sie, dass die Frauen oft ihre Kinder vernachlässigten. Tilme, die den Leuten ja bekannt war, stand Mercedes bei, das Vertrauen der Leute zu gewinnen. Daraufhin stellten die Verantwortlichen der Siedlung ein altes, verlassenes Gebäude für den Dienst zur Verfügung. Bald konnte begonnen werden, Kinder darin aufzunehmen und zu betreuen, während die Mütter auf dem Acker arbeiteten oder zum Verkauf der Blumen in die Stadt hinuntergingen. Schnell kamen immer mehr Kinder und wir beschlossen Tilme anzustellen, zusammen mit Karina, einer jungen Psychologin, da wir mit Mercedes sahen, wie viele Probleme die Kinder mitbrachten, dass in deren Familien häusliche Gewalt, Alkoholismus, Verrohung und materielles Elend herrschte. Gleichzeitig sah das kleine Team, dass sie nicht fertig wurden mit den rund 50 Kindern und beschlossen, junge Mütter gegen ein kleines Entgelt einzuladen, ihnen zu helfen.

Ohne die Hilfe der vielen Freunden der Organisation Cristo Vive hätten wir das nicht bezahlen können. In kurzer Zeit bemerkten wir, dass mehrere dieser Frauen das Zeug hatten, ihre Schulausbildung zu beenden und eventuell sogar eine Kindergärtnerinnenausbildung zu machen. So hatten wir nach einem Jahr sechs Frauen, die halbtags bei uns mitarbeiteten und halbtags ihre Ausbildung in einem uns befreundeten Institut begannen. Zunächst finanziert mit Spenden von Cristo Vive Europa, später von der Organisation Niños de la Tierra.

Indessen half uns das Schweizer „Notnetz Sankt Petrus“ aus Embrach zunächst auf dem Grundstück, das uns die Siedler zugewiesen haben, für unsere Gemeinschaft ein Haus zu bauen, in dem jetzt die Freiwilligen wohnen. Danach entstand das Gemeindezentrum, das gleichzeitig als Kapelle und Gemeindehaus dient.

Im Jahr 2010 begeisterten sich unsere Luxemburger Freunde, uns in Tirani beizustehen und die inzwischen notwendig gewordene Kindertagesstätte Chaskalla zu bauen, sowie die Ausbildung von weiteren Frauen zu finanzieren. Heute sind es im neuen Gebäude 120 Kinder zwischen drei Monaten und fünf Jahren, die liebevoll von den sieben Müttern – inzwischen ausgebildete Kindergärtnerinnen – betreut werden. Vier junge deutsche Freiwillige stehen ihnen bei. Zwei Mütter, ausgebildete Köchinnen, sorgen für ein gutes Essen für alle.

Im alten Gebäude werden indessen um die 60 Schulkinder und Jugendliche begleitet mit Hausaufgabenbetreuung, Spielen und kultureller Förderung. Schwester Mercedes, die den ganzen Aufbauprozess begleitet hat, überraschte uns vor drei Jahren mit dem Vorschlag, Tilme die Verantwortung für diesen Dienst zu übergeben. Nicola Wiebe, die damalige Geschäftsführerin von Fundación Cristo Vive Bolivia, ließ sich darauf ein und wir konnten in diesen Jahren nur über Tilmes Einsatz staunen. Zeugen dieser Leistung sind auch die „Niños de la Tierra“, die nach dem Bau der Kindertagesstätte Chaskalla für fünf Jahre die laufenden Kosten für die Arbeit mit den Kindern, den Eltern und der Poliklinik tragen.
Am Ende unserer Versammlung erzählte uns Tilme an jenem Tag, dass ihre Eltern nach Jahrzehnten wieder zusammenleben und immer weniger trinken würden, nachdem sie gemerkt hätten, welch wichtige Aufgabe ihre Tochter in Tirani habe. Übrigens wurde auch mir bei meinem Besuch eines Abends in der Elternschule gesagt, dass viele Eltern in Tirani weniger Alkohol trinken, seit wir dort arbeiten und ihre Kinder “wacher” geworden sind.

Wie ihr seht, werde ich immer reich beschenkt mit ermutigenden Erfahrungen in Chile, Bolivien und Peru. Aber wie noch nie zuvor fühlen wir uns im Dienst des Reiches Gottes vom Papst Franziskus gestärkt. Der Papst hatte Anfang November rund 200 Vertretern der Volksbewegungen der Armen aus 69 Ländern nach Rom eigeladen und sie mit den Worten ermutigt: 1) Steht auf gegen die Knechtschaft des Geldes (des Kapitals), 2) seid solidarisch, 3) belebt die Demokratie neu, 4) seid nüchtern und bescheiden, flieht der Bestechung.

Wir bleiben als seine Jüngerinnen und Jünger auf Jesu Spuren. Zusammen mit all unseren Mitarbeitern möchte ich euch in dieser Heiligen Nacht viel Liebe und Freude und ein gesegnetes Jahr 2017 wünschen. An der Krippe des göttlichen Kindes begegnen wir uns.

„Gott braucht keine Kelche aus Gold“: Frühlingsgrüße aus Chile

„Willst du den Leib Christi ehren? Erlaube nicht, dass er in seinen Gliedern verachtet wird, das heißt in den Armen, denen die Kleidung fehlt, um sich zu bedecken. Ehre ihn nicht hier in der Kirche mit Seidentüchern, während du ihn draußen bei Seite lässt und er an Kälte und Nacktheit leidet. Jener, der gesagt hat: ‚Das ist mein Leib‘ und diese Tatsache mit dem Wort bestätigt hat, der sagte auch: ‚Ihr habt mich hungrig gesehen und mir nicht zu essen gegeben‘ und auch ‚was ihr jeweils nicht an diesen Kleinen getan habt, habt ihr nicht an mir getan‘ (Mt.25. 42-45). Der Leib Christi auf dem Altar braucht keine Tücher, sondern reine Seelen, während der, der draußen ist, viel Aufmerksamkeit braucht. Lernen wir, so zu denken und Christus zu ehren, wie Er es will. In der Tat, die Ehre, die am meisten dem entspricht, den wir verehren wollen, ist die, die er selbst möchte, nicht die wir denken. Auch Petrus glaubte, dass er ihn ehren würde, als er verhindern wollte, dass er ihm die Füße wasche. Das war keine Ehre, sondern eine wirkliche Unhöflichkeit. Ehre du ihn ebenso, wie er befohlen hat. Sieh zu, dass die Armen von deinem Reichtum genießen. Gott braucht keine Kelche aus Gold, sondern Seelen aus Gold.“ (Johannes Chrysostomus aus Antiochien, Kirchenvater, 2. Patriarch von Konstantinopel, Jahr 344-407).

Noch immer bin ich sehr bewegt von diesem Text, den unser Papst Franziskus zitiert und der uns Christen einlädt, bewusst den Leib Christi, den Leib Gottes zu berühren, wenn wir einen Armen anfassen.

Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie Deutschland heute „von außen“ gesehen wird. Deutschland, als Teil des christlichen Abendlandes, hat die Welt überrascht mit der Entscheidung der Frau Angela Merkel, die vielen Flüchtlinge an den Grenzen aufzunehmen. Das war eine Entscheidung, die in die Geschichte Europas eingehen wird. Ich weiß, dass dieser Entschluss ein unvorstellbares Wagnis ist und einen noch nicht abzuschätzenden Preis kosten wird. Dennoch möchte ich alle Deutschen einladen zu diesem Opfer für die Menschheit.

Ich bin Teil eines nach der Kapitulation 1945 verachteten Volkes, das es geschafft hat, ein zerstörtes Deutschland zusammen mit 11 Millionen deutschen heimatlosen Flüchtlingen unter unbeschreiblichen Opfern wieder aufzubauen. Kaum aus den Trümmern, haben unsere Kirchen 1958 und 1959 die großen Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt gegen Hunger und Krankheit in der Welt und für eine menschenwürdige Entwicklung der benachteiligten Völker gegründet. Und dann haben wir auch die Wiedervereinigung geschafft.

Wovor sollen wir heute Angst haben? Vor den Mitbürgern der AfD? Wenn die Zahlen stimmen, dann gibt es mehr als 70.000 Freiwillige, die sich für die Flüchtlinge in verschiedenster Weise einsetzen: Sie erfüllen Jesu Wort „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“. Aber am meisten würde ich mir natürlich wünschen, dass wir einer großen Zahl von Flüchtlingen beistehen, dass sie mit Würde zurückkehren können, um ihre Heimat wieder aufzubauen, sobald der Krieg dort zu Ende ist.

Unsere lieben Freunde, hier in Chile hängen schon wieder üppig kleine Aprikosen an den Bäumen, wie ihr auf dem obigen Foto sehen könnt. Dabei denke ich an alle, die uns unterstützt haben, tausende dieser Bäume zu pflanzen…

Sr. Karoline Mayer im Gespräch mit Daniela Schadt. Foto: Fundacion Cristo Vive
Sr. Karoline Mayer im Gespräch mit Daniela Schadt. Foto: Fundacion Cristo Vive

Während unsere Dienste auf Hochtouren laufen, hatten wir hier in den vergangenen Monaten mehrmals hohen Besuch, der die Herzen unserer Mitarbeiter und der Leute im Armenviertel erfreut hat. Mitte Juli war Frau Daniela Schadt, Lebensgefährtin unseres Bundespräsidenten, mit ihrer Delegation bei uns im Gesundheitszentrum und in der Krankenpflegeschule. Sie hat uns alle überrascht, wie viel sie von uns wusste. So ging sie auch gleich mit Fragen auf die Krankenpflegeschüler/-Innen zu: Warum sie diesen Beruf gewählt haben und was diese Ausbildung für sie bedeutet? Erstaunt hörten wir eine unserer Schülerinnen, die mit der Schulleiterin viele Konflikte gehabt hatte, sagen, dass sie nie ihre Ausbildung hätte bezahlen können, sich aber für den Krankendienst berufen gefühlt habe. Nun wolle sie mit den erlernten geistigen Werten des Dienens und der Liebe in den öffentlichen Krankendienst gehen, wo diese Werte fehlen, um diesen Dienst zu verändern. Ende des letzten Jahres konnten wir Garrelt Duin, den Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, und seine Delegation bei uns begrüßen und nun werden wir Unterstützung in Form von Lehrmitteln für die Berufsschulen bekommen.

Angehende Krankenschwestern in der Krankenpflegeschule. Foto: Fundacion Cristo Vive
Angehende Krankenschwestern in der Krankenpflegeschule. Foto: Fundacion Cristo Vive

Vor 14 Tagen hatten wir die Freude, dass uns der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier mit seiner Delegation von 50 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft besucht hat. Die ganze Mannschaft ging vom Gesundheitszentrum zu Fuß durch die Siedlung zur Kindertagesstätte Naciente, wo sie von Kindern und Eltern erwartet wurde. Schwester Maruja erhielt eine Spende überreicht.

Von dort aus ging es in unser Berufsbildungszentrum. Da bat Nelson, ein Schüler überraschend, dass er uns und dem Besuch etwas sagen dürfe. Mit wenigen Worten beschrieb er sein bisher hartes, trauriges Leben, wahrscheinlich ähnlich dem Leben seiner Mitschüler, wie er bemerkte, bis er Aufnahme in unserer Schule fand. Zum ersten Mal in seinem Leben fühle er sich angenommen und respektiert. Jetzt könne er sich auf ein neues, gutes Leben vorbereiten und dafür wolle er danken. Wir waren alle sehr berührt. Der Ministerpräsident sprach zu uns ermutigende Worte und wir dankten ihm und seiner Delegation für den Besuch bei uns in der Welt der Armen, die sich geehrt fühlen und sich über die Solidarität freuen. […]

Auszug aus dem Frühlingsbrief – Santiago zum Frühlingsanfang in Chile, 2016

Warme Worte aus dem chilenischen Winter

Der Prophet Jesaja fragt: 58.6-7

„Besteht nicht ein Gott wohlgefälliges Fasten (Handeln) darin, die Unterdrückten zu befreien, den Hungrigen dein Brot zu brechen und heimatlose Elende in dein Haus zu führen, wenn du einen Nackten siehst, dass du ihn bedeckst und dass du dich deinem Nächsten nicht entziehst?“

Und gleich fährt er fort: 58.8: „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte. Und deine Heilung wird schnell sprossen. Deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen, die Herrlichkeit des Herrn wird deine Nachhut sein. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten…“

Diese Worte des Propheten Jesaja möchte ich mit euch teilen, weil sie mich seit langen Jahren begleiten und ermutigen, sie in unserer Zeit zusammen mit euch an unseren verschiedenen Orten und mit unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten zu verwirklichen. All euer Einsatz für unsere Dienste in Chile, Bolivien und Peru betrachte ich aus dieser Perspektive, aber auch all euer Engagement für das Wohl anderer Menschen vor Ort oder in anderen Ländern, wie auch für die Flüchtlinge…

Nach meiner langen Reise durch Deutschland und Luxemburg möchte ich euch allen danken, denen ich begegnet bin, aber auch allen, die mich liebevoll in Gedanken und Gebeten begleitet haben. Voll Freude kehre ich heim, zusammen mit meinen beiden Mitarbeiterinnen Marla Solari und Dr. Ana Maria Pereira, die zur Mitgliederversammlung Cristo Vive Europa eingeladen waren. Wir fühlen uns reich beschenkt. Meine beiden Freundinnen hören nicht auf, von den wundervollen Erfahrungen während ihres Aufenthaltes in Deutschland zu erzählen. Sie waren – wie auch ich – ganz begeistert von der Cristo Vive Europa-Mitgliederversammlung. Ich kann nur staunen über den großen Einsatz des Vorstandes und die fröhliche Unterstützung der ehemaligen Freiwilligen. Auch die Migliederversammlung von Amntena war ein großes geschwisterliches Treffen.

Während meines Rückfluges überkam mich eine große Freude und Dankbarkeit. Auf Einladung des Katholikentages in Leipzig hatte ich zum Leitwort: „Seht, das ist der Mensch!“ folgendes geschrieben: „Mensch, ich und du und alle, gewünscht, gesehen und bedingungslos geliebt von Gott! Diesem Menschen – uns Menschen heute – gibt Gott die Erde in die Hände. Jesus hat uns die gute Botschaft gebracht und uns eingeladen, seine Jüngerinnen und Jünger zu werden. Er vertraut uns, dass wir von ihm lernen und mitarbeiten, allen Völkern das Reich Gottes anzukündigen und uns einzusetzen, dass es durch unseren konkreten Dienst in der Familie, in der Gemeinde, in der Arbeit, in Politik, Wirtschaft und Kultur Wirklichkeit wird.

Als sein Abbild tragen wir Gottes Liebe in unserem Herzen. Diese Liebe ist eine unendliche Energie. Durch sie können wir teilnehmen, die Erde verwandeln, Hunger, Ausgrenzung und Unterdrückung bekämpfen, Gerechtigkeit und Frieden schaffen. Ein alter Kirchenvater sagte: „Die Herrlichkeit Gottes ist, dass der Mensch lebe!“, San Oscar Romero sagte darauf: „Die Herrlichkeit Gottes ist, dass der Arme lebe!“ Dafür treffen wir uns auf dem 100. Katholikentag.

Wir sind alle Gottes Kinder. Was will ein Gott, der sich Vater nennen lässt, mehr als dass wir, seine Söhne und Töchter auf Erden, glücklich werden? Doch dieses Glücklich-Werden ist nicht von vornherein gegeben, fällt nicht vom Himmel und hat mit uns selbst und den anderen zu tun. Aber alle haben wir eine Sehnsucht danach.

Oft frage ich mich, ohne eine Antwort zu finden, warum viele Menschen – und ich kenne so viele – von klein auf ein so schweres Leben haben? Umso mehr spüre ich den liebenden Ruf Gottes in meinem Herzen, alles mir Mögliche zu tun, um den Menschen in Not beizustehen, dass sie in Würde und mit ihrer Mitarbeit ein gutes Leben oder wenigstens bessere Bedingungen erreichen. Das macht mich glücklich. Ich habe gesehen, dass auch ihr, liebe Freunde, an euren Orten auf dem gleichen Acker Gottes beschäftigt seid und ich fühle mich darin mit euch verbunden.

Nun ein paar Nachrichten: Am Freitag nach meiner Ankunft hatte ich gleich zusammen mit Gustavo und Ignacio eine Audienz bei unserem chilenischen Sozialminister, Marcos Barraza. Wir haben ihm unsere verschiedenen Dienste vorgestellt und um Unterstützung, vor allem für die Arbeit mit den Kranken im Gesundheitszentum, gebeten. Beistand, den wir dringend brauchen! Er hat uns sehr aufmerksam zugehört. Nächsten Mittwoch freuen wir uns, dass – während des Staatsbesuches unseres deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck – seine Lebensgefährtin Daniela Schadt, uns mit einer Delegation besuchen kommt, um das Gesundheitszentrum Cristo Vive und die Krankenpflegeschule kennenzulernen.

Ansonsten kann ich euch berichten, dass alle unsere Mitarbeiter sich engagiert einsetzen. Ende nächster Woche geht es wieder nach Bolivien, wo wir unsere Freunde, Familie Hildebrand Alberti und Familie Schenker von Cristo Vive Suiza, erwarten. Natürlich möchte ich dabei auch unsere Mitarbeiter in den verschiedenen Diensten begleiten. Wieder möchte ich euch allen für eure Liebe und Unterstützung danken.

Ein Jahr in Chile – meine beste Entscheidung

Ich melde mich wieder – ein letztes Mal. Denn ich bin wieder zu Hause. Ein ganzes Jahr war ich jetzt weg von zu Hause. Von meiner Familie und meinen Freunden habe ich nur meinen Bruder gesehen. Seit einer Woche befinde ich mich nun wieder hier in Deutschland!

Doch zunächst zu den letzten Wochen in Chile… Sie waren voll von Abschied und deshalb voll von schönen Momenten, aber auch von Traurigkeit begleitet. Denn für mich war es ein sehr schrecklicher Gedanke, all die Menschen in Chile verabschieden zu müssen. Auch der Gedanke „das mache ich jetzt zum letzten Mal“ war sehr schrecklich. So habe ich meine Freunde und Arbeitskolleginnen oft nochmal zu mir nach Hause eingeladen und versucht, so viel Zeit wie möglich mit ihnen zu verbringen.

Vom 21. bis 23. Juli war unser Abschlussseminar mit allen Freiwilligen in Punta de Tralca, ein kleiner Ort am Pazifik. Dort haben wir noch einmal das ganze Jahr reflektiert und über unsere Erfahrungen und Erlebnisse gesprochen. Ein großes Thema war auch der bevorstehende Abschied und das Wiedereinleben in Deutschland. Mit allen Freiwilligen zusammen haben wir eine große Abschiedsparty veranstaltet und jeder konnte seine liebgewonnen Chilenen einladen, das war sehr schön!

Von der Fundación Naciente wurden alle Freiwilligen, die dort gearbeitet haben, mit einem leckeren Mittagessen verabschiedet. Außerdem haben mir noch meine eigene Sala und meine Kinderkrippe einen Abschied bereitet. Ich war jedes Mal den Tränen nahe und wenn ich in die kleinen Kinderaugen blickte und wusste, dass es meine letzten Stunden mit ihnen sein würden, war es vorbei und die Tränen liefen mir nur so herunter.

Am 1. August ist meine Mitbewohnerin bereits nach Hause geflogen – die Freiwilligen der Organisation Amtena kommen und fliegen immer eine Woche vor uns und ich konnte die neuen Freiwilligen schon begrüßen. Am 5. August war mein letzter Arbeitstag und es war für mich schrecklich, alle verabschieden zu müssen!

Die letzten Tage in Chile habe ich damit verbracht, alle meine Liebsten noch mal zu sehen, Koffer zu packen und ein letztes Mal Santiago zu genießen. Von ein paar Arbeitskolleginnen und meiner chilenischen Familie wurde ich dann am 9. August zum Flughafen gebracht – es war ein sehr tränenreicher Abschied!

Nach einem etwas turbulenten Flug kam ich endlich in Deutschland an und wurde wahnsinnig lieb von meiner ganzen Familie empfangen. Meine Geschwister spielten mir noch am Flughafen ein Ständchen mit ihren Blasinstrumenten und ich habe mich wirklich gefreut, sie nach einem Jahr wieder in den Arm nehmen zu können!

Jetzt lebe ich mich wieder in Deutschland ein. Ich treffe Freunde und Familienmitglieder und darf immer wieder von meinen Erlebnissen in Chile erzählen. Auch wenn der Abschied und die Rückkehr nicht einfach waren, ist es schön, wieder zu Hause zu sein.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal allen Spenderinnen und Spendern danken, durch die ich viele Projekte in der Sala Cuna, aber auch in der Kindergruppe der Gemeinde verwirklichen konnte. Ein neuer Rasen, viele Bastelaktionen, neue Spielgeräte, eine Fotowand für die Kinder, Pizza backen mit den Kindern, ein Adventskalender mit vielen kleinen Dinge und sonstige Materialien waren ein Teil davon. Herzlichen Dank dafür!

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass dieses Jahr in Chile die beste Entscheidung war, die ich treffen konnte. Klar, das Jahr war voll von Höhen und Tiefen, aber das ist jedes Jahr und in meinem Fall haben die Höhen absolut überwogen. Diese Erfahrungen und Erlebnisse werden ein Leben lang in meinem Kopf bleiben, auch wenn mir jetzt nach meiner Rückkehr vieles wie ein Traum vorkommt.
Ich vermisse Chile jetzt schon, aber einen Ort, an dem man ein Jahr lang gelebt hat, und seine Sitten und Traditionen, die man liebgewonnen hat, vergisst man wohl nicht so schnell. Für mich steht jetzt schon fest, dass ich eines Tages – sei es im Urlaub, Auslandssemester oder zur Arbeit – nochmal zurückgehen werde.

„Nie wieder wirst du an einem Ort ganz zu Hause sein, denn ein Teil deines Herzens wird sich immer an einem anderen Ort befinden. Das ist der Preis, den du dafür zahlst, dass du Menschen an mehr als nur einem Ort kennen lernen und lieben darfst.“

Abenteuer in Bolivien und Abschied in Chile

Ich melde mich aus dem weit entfernten Chile – wahrscheinlich eines der letzten Male, bevor ich wieder nach Deutschland zurückkehre.

Im Mai war ich mit drei weiteren Freiwilligen im Urlaub. Von San Pedro de Atacama ging es zunächst auf eine Dreitagestour mit einem Jeep durch Wüstenlandschaft bis zur Salzwüste in Bolivien. Wir haben viele Lagunen, Alpakas und Flamingos gesehen. Es war echt beeindruckend! Teilweise waren wir auf über 5000 Meter Höhe bei -10°C. Leider habe ich die Höhe nicht ganz so gut vertragen, aber die Bolivianer haben ganz gute Hausmittelchen dagegen und so ging es mir relativ schnell wieder besser.

Von Uyuni aus sind wir dann über Oruru nach Cochabamba in Bolivien gefahren. Dort haben wir die anderen Freiwilligen unserer Organisation und ihre Projekte besucht. Ich bin fünf Tage dort geblieben und hab ein bisschen das Leben in Bolivien kennen gelernt. Es ist schon sehr anders und noch nicht so europäisch-amerikanisch geprägt wie es Chile ist. Auch die Arbeitsstelle von Patricia (eine Freiwillige von Cristo Vive), die dort im Kindergarten in Bellavista arbeitet, ist ganz anders als hier in Chile.

Von Cochabamba ging es dann nach La Paz, die Hauptstadt von Bolivien. Die Stadt befindet sich auf 3800 Meter Höhe und liegt sehr beeindruckend zwischen den Bergen. La Paz hat mir sehr gut gefallen, auch wenn es wirklich wahnsinnig dreckig und chaotisch war. Von dort aus haben wir dann Ausflüge an den Titicacasee, den weltweit höchstgelegenen See, und auf die Isla del Sol gemacht. Des Weiteren bin ich die „Death Road“ mit dem Fahrrad gefahren. Die sogenannte Todesstraße gilt als die weltweit gefährlichste Straße. Sie ist nur rund 3 Meter breit und seitlich geht es über 600 Meter steil in die Tiefe. Wir sind auf über 5000 Meter Höhe bei eiskalten Temperaturen gestartet und nach ca. drei Stunden nur bergabfahren mitten im Dschungel bei tropischen Temperaturen angekommen. Das war schon wahnsinnig beeindruckend!

Insgesamt war der Urlaub wirklich sehr schön und ich hab wieder mal sehr viel erlebt. Trotzdem war ich sehr froh und glücklich, als ich endlich wieder in Chile war, denn ich hab meine Freunde und Kinder schon nach zwei Wochen äußerst vermisst.

Auf der Arbeit hat sich nicht viel verändert. Es gab ein paar Wechsel innerhalb meiner Gruppe, denn zwei schon reifere Kinder sind gegangen, dafür haben wir mehrere neue noch sehr kleine Kinder dazu bekommen. Es macht wie immer sehr viel Spaß und ich geh sehr gern arbeiten, auch wenn im Moment eher weniger Kinder kommen, da viele krank sind. Aber das liegt, glaube ich, an der hohen Luftverschmutzung hier in Santiago. Vor Kurzem ist seit 16 Jahren zum ersten Mal wieder der Notstand ausgerufen worden. Das bedeutete, dass über 3000 Fabriken und Betriebe schließen mussten und 80 Prozent der Autos still standen. Des Weiteren durfte auch kein Sport mehr getrieben werden und an manchen Schulen fiel sogar der Unterricht aus.

Wir haben zwei neue Spielgeräte für den Innenhof der Sala Cuna (Kindergarten) gekauft, denn die alten waren schon ziemlich kaputt. An dieser Stelle herzlichen Dank an alle meine Spender, durch deren Geld dies ermöglicht werden konnte. Außerdem möchte ich mich bei den Landfrauen bedanken, die mir beziehungsweise den Kindergartenkindern ein Paket voller nützlicher Dinge (Windeln, Cremes, Zahnbürsten…) geschickt haben. „Meine“ Kinder und die Tías (Erzieherinnen) haben sich sehr darüber gefreut.

Leider ist in Chile gerade Winter, das heißt, es ist wirklich kalt. Die Häuser haben keine Heizung und ich muss immer mit mehreren Kleiderschichten zur Arbeit gehen, damit ich nicht friere. Eigentlich sollte es auch regnen, aber irgendwie klappt das nicht so ganz. Ich hoffe jedenfalls, dass es bald regnet, damit die Luft wieder besser wird.

Das war es auch schon wieder… Der nächste Blogeintrag kommt dann wahrscheinlich, wenn ich schon wieder zuhause bin. Denn die nächsten Wochen werden stressig sein. Die letzten Dinge müssen erledigt, Abschiedsgeschenke gekauft werden, Freunde besuchen, und und und …

Die Uhr tickt und es geht wirklich schneller als man denkt.

Ganz liebe Grüße aus Chile und bis bald!