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Der sinnlose Krieg im Südsudan wird noch viele Menschenleben fordern

Offensichtlich sind auch in den deutschen Medien wieder Nachrichten über den Südsudan aufgetaucht, die aus ferner Sicht nicht so einfach einzuordnen sind. So will ich zumindest einmal versuchen, eine Einschätzung zu geben, auch wenn ich weiß, dass sie subjektiv und aufgrund der Komplexität ungenau sein wird.

Was war das doch für eine Freude als am 9. Januar 2011 ein Referendum die Unabhängigkeit des Südsudans vom verfeindeten Nordsudan einleitete, die dann ein halbes Jahr später zur Teilung des Landes führte. Aber das jüngste Land Afrikas, der 54. Staat auf dem afrikanischen Kontinent, ist nach so kurzer Zeit schon wieder mitten im Bürgerkrieg. Auch wir Missionare waren naiv und glaubten, dass nach den vielen Kriegsjahren (1956-1973 und 1982-2005) jetzt endlich der „Friede ausbrechen“ würde. Endlich befreit vom unterdrückerischen arabischen Norden schien das „Gelobte Land“ so nah. Wir aber haben doch gewusst, dass noch in den oben erwähnten Kriegsjahren die Sudan People‘s Liberation Army (SPLA = Sudanesische Volksbefreiungsarmee) große Konflikte untereinander hatte und, dass es zu Aufspaltungen untereinander gekommen war. Schwere interne Kämpfe hatten schon in den beiden Kriegen vor der Unabhängigkeit mehr Tote gefordert als die Kämpfe gegen den Feind im Norden.

Nach der Staatenbildung im Juli 2011 wollten natürlich alle, die sich im Krieg „verdient“ gemacht hatten, einen guten Platz in der Regierung. Das heißt, die neue Regierung entstand aus Politikern, die einen militärischen Hintergrund hatten und entsprechend das Land bis heute führen. Auch ist für sie ein Krieg nicht „The end oft the world“, sondern „Normalsituation“. Interessanterweise hat die Armee im neuen Staat nicht einmal den Namen gewechselt und heißt bis heute SPLA. Korruption und „Vetternwirtschaft“ wurde zur Tagespolitik und schnell kam es zu Uneinigkeiten und Streitigkeiten. Das bevölkerungsreichste Volk der Dinkas schaffte es, sich an die Spitze zu setzen und machte sich in allen Ämtern und einflussreichen Stellen breit. Das zweitgrößte Volk, das der Nuer, stellte den Vizepräsidenten. Sie aber stell(t)en fast 70 Prozent des Militärs, weil sie die besten „Krieger“ und „Kämpfer“, schon in der Zeit der Kriege mit dem Norden, waren. Und genau da ist das Problem.

Der Vizepräsident wurde Mitte 2013 entlassen und der Präsident baute sich eine Privatarmee aus seinen Stammesgenossen, den Dinka, auf. Mitte Dezember 2013 kam es zu einem als Militärcoup bezeichneten Überfall auf eine Kaserne in Juba, der sich blitzschnell in einem völkermordähnlichen Konflikt gegen die Nuer ausweitete. Es liegt nahe zu vermuten, dass die Regierung diesen Konflikt vom Zaun gebrochen hat, um die Übermacht der Nuer-Soldaten zu brechen und der vermuteten Gefahr einer militärischen Regierungsübernahme durch die Nuer zuvorzukommen. In der Folge kam es zu schweren Vergeltungsschlägen der Nuer in ihren Siedlungsgebieten, die sich bis heute fortsetzen.

In der Zwischenzeit zählen wir fast eine Million Flüchtlinge im eigenen Land, die in verschiedene Flüchtlingslager – zum Teile unter dem Schutz der UN – oder auch nach Uganda, Kenia, Äthiopien und in den Nordsudan geflohen sind. Die meisten sind jetzt schon in einer prekären Situation mit wenig oder fast gar keiner Nahrung. Dazu kommen ca. 20.000 Tote in den vergangenen Monaten. Wäre nicht Ende Dezember die Armee von Uganda in Juba und weiter im Norden bei Malakal eingeschritten, hätten wir wahrscheinlich bereits eine andere Regierung hier in Juba. Denn nachdem so viele Nuer-Soldaten von der SPLA, der Regierungsarmee, in die sogenannte „SPLA in Opposition“, der Armee der Nuer, übergelaufen sind, ist die Regierungsarmee enorm geschwächt und braucht Hilfe von außen. Die Gefahr, dass sich der Krieg zu einem regionalen Konflikt ausweitet, liegt nahe, denn leider gibt es sehr viele militärische Gruppierung in diesem Teil Afrikas, die sich – gegen Geld – als Kriegssöldner anheuern lassen und heute hier und morgen dort kämpfen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist, dass man nicht weiß, auf welcher Seite die vielen kleineren Völker des Landes (mehr als 60) stehen. Die Dinka und die Nuer machen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Südsudans aus, wobei das Volk der Dinka doppelt so groß ist wie das der Nuer. Mit Sicherheit sind die kleineren Völker mit der Regierung nicht zufrieden, sie trauen aber auch der „SPLA in Opposition“ nicht. Diese hat – vor allem mit ihrer sogenannten „White Army“ (Weiße Armee = Wilde Jungs aus den Cattle camp, die sich zum Schutz vor Mosquitios mit Asche beschmieren) böse Vergeltungsschläge in den drei hauptsächlich von Nuer bewohnten Regionen (oder Bundesländern) Unity, Jonglei und Upper Nile verübt, die man nur als Kriegsverbrechen bezeichnen kann.

Da für die Nuer ein Marsch nach Juba aufgrund der militärischen Unterstützung der Regierung durch Söldner und der Armee des Nachbarlandes Uganda zurzeit nicht möglich ist, konzentriert sich die „SPLA in Opposition“ unter Führung des ehemaligen Vizepräsidenten auf die drei Regionen, wo die Nuer zuhause sind oder die sie als ihr angestammtes Gebiet bezeichnen. Es sind die großen Gebiete von Jonglei-, Upper Nile- und Unity State, in denen auch die Ölquellen des Landes liegen. Die Nuer wollen die Regierung in die Knie, zumindest an den Verhandlungstisch, zwingen. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass sich der Konflikt noch lange hinziehen und noch viele Menschenleben fordern wird.

Jagd auf Menschen

Die letzte Woche hat das gezeigt: Am Dienstag in der Karwoche hat die „SPLA in Opposition“ (also die Nuer) mithilfe von Söldnern aus dem Nordsudan, den Janjaweed, die Öl-Stadt Bentiu überfallen und die Regierungsarmee mit vielen Verlusten an Menschenleben vernichtend geschlagen. Auch sehr viele Zivilisten wurden Opfer eines Massakers. Auch Mayom, eine weitere wichtige Stadt im Norden, wurde überfallen und eingenommen. Die Nuer in den Lagern haben den Sieg gefeiert. So kam es in einen Flüchtlingslager in Bor (Hauptstadt von Jonglei), wo viele der Flüchtlinge dem Volk der Nuer angehören, zu ausgelassenen Feiern. Die Dinka-Jugend der verwüsteten Stadt Bor drang daraufhin in das UN-Lager ein, überwältigte selbst die Blauhelmsoldaten und töteten viele Nuer.

Hier in Juba sind seit Dezember zwei Flüchtlingslager der UN. Wir gehen regelmäßig in die Lager zu Gottesdiensten und helfen auch, wo es möglich ist. Auch „unsere“ Leute dort im Camp haben am selbigen Dienstag den Sieg in Bentiu gefeiert und sind mit den Palmzweigen, die wir am Palmsonntag mitgebracht hatten, tanzend durch das Lager gezogen. Im Lager ist seitdem wieder erhöhte Alarmstufe. Wir (Comboni-Missionare) haben noch größere Schwierigkeiten reinzukommen und werden kritisch beäugt, weil man uns unterstellt, die „Rebellen“ zu unterstützen.

Natürlich warten die Menschen in den Camps auf ihre Befreier. Viele können vom Lager aus sogar ihre Häuser sehen, die sie bewohnt haben und die jetzt von anderen in Besitz genommen worden sind. Der Hass und die Ohnmacht sind groß. Fast alle im Lager haben Angehörige verloren. Viele hier in den Lagern sind Soldaten und würden sofort ihren Leuten zu Hilfe kommen, wenn sie könnten. Der sinnlose Krieg wird noch viele Menschenleben fordern. Die Möglichkeiten der Vereinten Nationen hier sind begrenzt. Sie können nur das Schlimmste an ein paar Orten im Land verhindern.

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Palmsonntag in einem Flüchtlingslager in Südsudan

Heute ist Palmsonntag und ich war wieder in einem der beiden Flüchtlingscamps in Juba. Mit ein paar Bildern will ich euch teilhaben lassen, wie es hier liturgisch und auch sonst zugeht. Heute war es wieder heiß und weil es in der Nacht geregnet hat, auch verdammt schwül. Die Ministranten haben mir fast Leid getan, so ist ihnen der Schweiß heruntergelaufen. Die Regenzeit fängt langsam an und die Menschen in den Flüchtlingscamps leiden vor allem an der schlechten sanitären Situation. Viele Latrinen laufen über und der Geruch mischt sich mit dem von getrocknetem Fisch.

Die Palmsonntagsprozession durch das Camp war sehr bewegend. Viele haben teilgenommen, auch wenn sicher nicht alle davon Christen waren. Die Flüchtlinge, fast alle aus dem Stamm der Nuer, die noch bis Mitte Dezember nur wenige Meter oder Kilometer von Camp (also in der Stadt Juba) gelebt haben, haben durch eine Genozid ähnliche Attacke von Seiten der Regierung viele aus ihrer Verwandtschaft verloren und fühlen sich erniedrigt. Die Parallele zu Jesu Leidensweg liegt nahe. Auch er wurde erniedrigt und hat in der Annahme und Hingabe seine Größe gezeigt und den Weg unserer Erlösung eingeschlagen. Nur ist unter den Flüchtlingen die Wut, die Angst und der Hass zu groß, um Jesu Beispiel (als Volksstamm) zu folgen. Der Einzelne mag das durchaus versuchen. Aber es ist nicht leicht. Der Weg der Versöhnung hier wird lange brauchen und es gibt noch keine Anzeichen, dass erste Schritte gemacht werden.

Erbarmungslose Rache im Südsudan-Bürgerkrieg

Was war es doch für eine Freude, als am 9. Juli 2011 die Menschen des Südsudans nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg ihre Unabhängigkeit von dem islamistischen Norden feiern konnten. Noch sind mir die Bilder der überschwänglichen Freude und der Feiern im Gedächtnis und ich habe mir damals gedacht: „So kann nur Afrika feiern“. Viel zu lange hat es gedauert, bis sich die vielen Stämme des Südens als Menschen mit Würde erfahren durften. Aber kaum zweieinhalb Jahre danach steht das 54. Land Afrikas wieder im Krieg. Dieses Mal nicht gegen einen gemeinsamen Feind, sondern die beiden großen Stämme, die Dinka und Nuer, stehen sich feindlich gegeneinander. Korruption, Nepotismus und Streit um die Macht haben den Konflikt hervorgerufen.

Seit dem 15. Dezember geht ein großer Riss durch die junge Nation. Bei einer Meuterei innerhalb der Armee, bei der die Soldaten vom Stamm der Nuer entwaffnet werden sollten, sind große Grausamkeiten geschehen. Im Nu kam es zu Massakeren selbst an der Zivilbevölkerung. Besonders betroffen waren die Leute vom Stamm der Nuer. Nicht alle schafften es, in die beiden Einrichtungen der Vereinten Nationen im Südsudan (UNMISS) zu flüchten. Dort sind jetzt rund 47.000 Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht und warten auf ihre „Befreier“. So sind sie für die Regierung hier in Juba ein Risiko.

Zwar ist es in der Stadt zur Zeit einigermaßen ruhig, aber im ölreichen Norden, im Land der Nuer, dort wo die Haupteinnahmequellen des Landes liegen, dort wird mit der gleichen Brutalität vergolten und gekämpft wie zuvor in Juba. Hier vertreiben die Nuer die Dinka und alle „dinkafreundlichen“ Stämme. Denn Rache ist ein „Wert“. Wie so oft in Afrika werden Jugendliche aus den Cattlecamps (Hirtenjungen) für den Krieg als Kanonenfutter angeheuert, während die Reichen und die Politiker/die Militärs ihre Kinder im Ausland studieren lassen.

Seit zwei Wochen sind unsere Mitbrüder und die Comboni-Schwestern wieder in Juba. Fast drei Wochen waren sie im Busch, weil sie in der Missionsstation in Leer (Nuerland) nicht mehr sicher waren. Mit Pater Raimundo war ich jetzt zweimal in den Juba-Camps der Vereinten Nationen und wir haben die Flüchtlinge „im eigenen Land“ besucht. Erst nach einer strengen Personenkontrolle durfte man ins Lager. Die Menschen dort haben sich über unseren Besuch sehr gefreut, da ja doch einige von Leer oder Umgebung kommen und von P. Raimundo wissen wollten, wie es dort aussieht. Auch der ehemalige Bischof von Torit, Paride Taban, war mit dabei. Unermüdlich setzt er sich um Friedensgespräche ein, besucht Flüchtlingslager und auch die kleineren Volksgruppen, die in diesem Konflikt an den Rand gedrängt worden sind. Er ist hier eine Autorität und er ist der Einzige, so habe ich den Eindruck, der die Dinge beim Namen nennen kann. In den Sonntagslesungen in diesen Wochen spricht Jesus von der Feindesliebe und Pater Raimundo hat mich gebeten das Evangelium in Englisch zu lesen, nachdem er es schon in Nuer zuvor gelesen hat: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“.

Es war eine eigenartige Stimmung in mir, als ich den Text vorgelesen habe. Nur als Wort Gottes konnte ich es vortragen, selber hätte ich mir – angesichts der erfahrenen Brutalität – keinen Ratschlag geben trauen. Viele hier haben ihre Verwandten, Familienmitglieder, Hab und Gut, ja alles verloren. Bischof Paride hat dann in seiner Predigt gesagt, dass die erbarmungslose Rache das Land nicht nur blind und zahnlos macht, sondern auch irgendwann andere das Land bewohnen werden. Das waren starke Worte, die nur er sagen konnte. Gebetsmühlenartig hat er 20 Haltungen aufgezählt, die er sich selbst täglich zuspricht, um nicht in die allzu menschliche Spirale der Gewalt und Ablehnung des Nächsten zu geraten: Mit großer Innigkeit hat er aufgezählt und gleich viermal wiederholt: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Mitleidensbereitschaft, Sympathie, Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit, Güte, Selbstkontrolle und Demut, Armut, Versöhnung, Barmherzigkeit, Freundschaft, Vertrauen, Einigkeit, Reinheit, Glaube und Hoffnung. Mit diesen Worten und dem Aufruf zum Gebet für die Nation hat der Bischof mit Pater Raimundo den Gottesdienst beendet.

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Besuch und Gottesdienst in einem Flüchtlingslager in Juba

Flüchtlinge im Südsudan. UN Photo: Tim McKulka
Flüchtlinge im Südsudan. UN Photo: Tim McKulla

Mit Pater Pacifico Salvatore hatte ich gestern die Gelegenheit, ein Flüchtlingslager am südwestlichen Rand von Juba – der Hauptstadt des Südsudans (innerhalb des UN Camps, Checkpoint) zu besuchen. Dort befinden sich vor allem Menschen aus dem Stamm der Nuer, die Mitte Dezember schreckliche Massaker an ihren Stammesmitgliedern erleben mussten. Daneben findet man auch Leute aus Eritrea und Äthiopien, meist Händler, die ihr Hab und Gut verloren haben.

Viele der Nuer hatten ihre Häuser in relativer Nähe zum Lager und können teilweise ihre zurückgelassenen Behausungen sehen. Sie haben natürlich Angst, dass Nachbarn und andere ihren Besitz stehlen und ihre Häuser beziehen. Dies ist leider schon häufig geschehen. Bedrückend im Lager ist neben der Enge die sanitäre Situation. Notdürftig  wurden Gräben gegraben und mit Toilettensteinen überdeckt. Wäre nicht die Sonne und Hitze, wäre es wohl schlimmer. Man kann nur hoffen, dass sich bis zur Regenzeit wieder eine „normale“ Situation einstellt. Außerhalb des Lagers standen fünf große, lange Trailer (Lkws) auf denen Frauen und Kinder waren. Ihre Gesichter und Haare waren voller Staub und sie haben wohl eine lange, schwierige Reise hinter sich.

Beim Gottesdienst konnte man in den Gesichtern der Menschen sehen, dass sie sehr viel mitgemacht haben. Viele der Blicke waren immer wieder gedankenverloren, trotzdem haben sie aktiv mit schönem Gesang am Gottesdienst teilgenommen. Pater Pacifico Salvatore (73) aus Italien, ein sehr freundlicher, älterer Mitbruder und Sudankenner, hat mit viel Anteilnahme gesprochen und gute Worte für das Evangelium gefunden. „Das Böse entsteht ja schon in den Gedanken der Menschen noch bevor es ausgeführt wird“. Davon können alle ein Lied singen. Es ist erstaunlich, wie im Lager die religiöse Zugehörigkeit die Menschen zusammenbringt und so gegenseitige Hilfe viel leichter geschieht.

Nach dem Gottesdienst habe ich mit Jugendlichen gesprochen. Sie beklagen vor allem, dass sie keinen Zugang zur Schule haben sich nicht aus dem Lager trauen. Nur Frauen können sich unter die Bevölkerung mischen und zusätzliche Nahrungsmittel besorgen. Die UN hilft bei der Versorgung mit Hirse, Bohnen und Speiseöl. Das ist dann auch der ganze Speiseplan.

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Ein Gottsuchender auf dem Weg nach Afrika

Jetzt, in den Tagen vor meinem Einsatz im krisengeplagten Südsudan (ich bin gerade in Nairobi/Kenia angekommen – am 9. Februar fliege ich weiter nach Juba/Südsudan), werde ich immer wieder angesprochen, ob nicht ein missionarischer Einsatz bei uns in Deutschland wichtiger wäre als die erfüllende Arbeit in Afrika. In der Tat, diese Frage ist berechtigt und verunsichert mich.

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Die Weitergabe des Glaubens hat in den vergangenen Jahren in unserer Gesellschaft nicht mehr so richtig stattgefunden. Dazu gibt es viele Erklärungen. Wir waren alle mit Wohlstandsvermehrung, Fortschritt und Machbarkeitsdenken beschäftigt und haben das entscheidende, nämlich Gott einfach vergessen oder übersehen. Wir sind als Gesellschaft dabei, dass wir uns in uns selbst verirren. P. Alfred Delp hat schon vor vielen Jahren Deutschland als Missionsland erklärt, weil der Mensch der westlichen Welt gottunfähig, wie er es nennt, geworden ist. Wir nehmen uns nicht mehr als Kinder Gottes wahr. Wir haben alle Mittel entwickelt, um uns selbst zu erlösen und dabei hat sich uns der Himmel verschlossen. Und weil wir auch nicht mehr an einen Himmel glauben, sind wir bemüht, den Himmel auf Erden zu schaffen. Das überfordert uns nicht selten und noch schlimmer, wir überfordern uns gegenseitig. Um wieviel besser könnte unser Leben sein, wenn wir uns als Kinder Gottes wahrnehmen würden und uns von ihm geführt wüssten. Wir würden die Gebote Gottes als Angebote zum Leben entdecken und eine gesunde Gelassenheit und Zuversicht würde uns zu glücklicheren Menschen machen. Wir würden von uns selbst loskommen und erfahren, dass das Leben nur in der Hingabe gelingt.

Unser Papst Franziskus, der einem Missionar wirklich aus der Seele spricht, fordert eine Kirche, die sich selbst vergisst und sich an den Rand der Kirche und der Gesellschaft wagt. Papst Franziskus will eine Kirche, die sich im unermüdlichen Einsatz für die Menschen lieber verbeult und schmutzig macht als eine Kirche, die sich selbst gefällt und feiert. Er spricht von Bequemlichkeit in der wir uns Christen eingerichtet haben und so sind wir zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Die Kirche sei ein Feldlazarett, sagt er. Das sind starke Worte, die zwar ausgesprochen, aber noch lange nicht eingelöst sind. Jesus begegnen und erkennen wir halt nur, „wenn wir uns tief genug bücken“, sagt eine Chassidische Weisheit. Das ist dann Mission, wahre Nachfolge.

Jede Pfarrei steht heute vor der Frage: Wie lassen sich die Gemeindemitglieder neu ansprechen? Wahrscheinlich beschäftigt euch die Frage: Was muss geschehen, damit wieder mehr Menschen in die Kirche kommen? Vielleicht aber müssen wir die Frage anders stellen. Wie gelangen das Wort und die Werte Gottes – die menschenfreundliche Liebe – zu den Menschen von heute? Das ist Mission, wie sie hier bei uns stattfinden muss und die unverhältnismäßig schwerer ist als die Mission Afrika, wo eine religiöse Grundmelodie zum Leben gehört.

Meine Entscheidung für Afrika erscheint mutig und mein Glaube erscheint groß. Aber glaubt mir, ich bin wie ihr alle ein Gottsuchender, wie ein Blinder, dem man den Aufgang der Sonne verheißt. Nur im diesem Vertrauen gehe ich meinen Weg weiter. Genau so will ich den Menschen in Afrika begegnen.

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