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Dramatische Fortsetzung des Konfliktes in der Ukraine

Seit dem 18. Februar 2014 machen die Ereignisse in der Ukraine wieder Schlagzeilen in der westeuropäischen Presse. Der Grund dafür sind Eskalation der Gewalt und blutige Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und den Demonstranten auf dem Hauptplatz in Kiew, dem Maidan. Wegen der mangelnden Kompromissbereitschaft bzw. fast völligen Ignorierung der Forderungen der Demonstrierenden traten die fast zwei Monate dauernden friedlichen Proteste in eine neue Phase ein. Blitzartig verbreiten sich die Nachrichten darüber, dass das Land unmittelbar vor dem Bürgerkrieg steht oder ihm eine Spaltung droht.

Heute eine Prognose zu machen, wie sich die Lage in diesem Land weiterentwickelt, wäre nur rein hypothetisch möglich. In diesem Beitrag verzichte ich daher auf eine Analyse oder Prognose, sondern versuche, aus meiner persönlichen Sicht eine Bestandaufnahme der gegenwärtigen Situation und zwar mit Blick auf die ukrainischen Kirchen.

Reaktionen der ukrainischen Kirchen auf die Eskalation der Gewalt

Die Kirchen waren von Anfang an im Mittelpunkt der Proteste auf dem Hauptplatz in Kiew präsent. Für die geistige Betreuung der Protestierenden wurde auf dem Maidan sogar eine Zeltkapelle eingerichtet, in der wochenlang ununterbrochen gebetet wurde. Ganz besonders engagierten sich dort die Priester der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Während des Sturmes des Maidans durch die Sondereinheiten der Polizei in der Nacht auf den 19. Februar wurde die Zeltkapelle in Brand gesetzt. Nach Augenzeugenberichten schafften die Priester es gerade noch, aus dem brennenden Zelt das Evangelium und die Messkelche zu retten. Mein Freund und Arbeitskollege, Dr. Vasyl Rudeyko, Priester der UGKK und Dozent für Liturgiewissenschaft an der Ukrainischen Katholischen Universität, befindet sich zurzeit im Brennpunkt des Konfliktes in Kiew. Er teilte gestern mit, dass er zusammen mit den anderen Priesterkollegen eine neue Zeltkapelle eingeweiht hat.

Am 19. Februar meldete sich der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen zu Wort und verurteilte zum wiederholten Male die Eskalation der Gewalt: „Wir rufen erneut dazu auf, bitten und flehen alle Beteiligten an den Auseinandersetzungen an, die Gewaltanwendung abzubrechen, und die Vertreter der Regierung und der Opposition, die Verhandlungen fortzusetzen“, so der Appell des Rates.
Während der Generalaudienz am Mittwoch, dem 19. Februar, äußerte sich auch Papst Franziskus besorgt über die Lage in der Ukraine: „Mit großer Sorge verfolge ich das, was sich in diesen Tagen in Kiew ereignet. Ich versichere dem ukrainischen Volk meine geistige Unterstützung und bete für die Opfer der Gewalt, für ihre Familien und für die Verletzten. Ich rufe alle Seiten des Konfliktes auf, auf jegliche Gewaltanwendung zu verzichten, und nach der gegenseitigen Verständigung und dem Frieden zu suchen“.
Wie in den letzten Monaten mangelt es in diesen dramatischen Tagen nicht an Stellungsnahmen der einzelnen ukrainischen Kirchen bzw. Kirchenvertreter. Hier sind nur einige von ihnen zusammengefasst.

Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche

Das Oberhaupt der UGKK, Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk, ist der Auffassung, der Widerstand solle einen friedlichen Charakter haben: „Die Gewalt ist keine konstruktive Form der Konfliktlösung“, unterstrich er am 19. Februar in einem Interview. Er erinnerte an die großen Gestalten der Menschheitsgeschichte wie Martin Luther King, Nelson Mandela aber auch die in der Sowjetunion verbotene Griechisch-Katholische Kirche oder die Dissidentenbewegung in den 60er Jahren. Sie hätten nicht mit Hilfe der Waffengewalt, sondern mit moralischen und geistigen Mitteln diese Welt verändert.

An seine Priester wandte er sich mit einer Art Instruktion, wie sich der Klerus in der gegenwärtigen Lage verhalten soll. Die Verhaltensgrundlage seien die fundamentalen Normen des priesterlichen Dienstes. Jeder Priester sei das Gesicht der Kirche und müsse sich deshalb an ihrer Lehre orientieren. Seine Hauptaufgaben bestünden in der Verkündigung des Evangeliums, der Spendung der Sakramente und dem Dienst an den anderen. Die Kirche bleibe weiterhin ein aktives Mitglied der gesellschaftlichen Prozesse, daher solle der Seelsorger in allen Lebenssituationen den ihm anvertrauten Gläubigen zur Seite stehen.

Die Ukrainische Katholische Universität veröffentlichte am selben Tag eine Erklärung zur Situation in der Ukraine. Darin wird unmissverständlich darauf hingewiesen, dass der Präsident der Ukraine, Viktor Yanukovych, für die Eskalation des Konfliktes persönlich Verantwortung trage. Diese Eskalation streiche jede Hoffnung auf eine friedliche Überwindung der Krise und nähre die humanitäre Katastrophe.

Die Ukrainische Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat

Noch am Tag des Konfliktausbruches, dem 18. Februar, forderte Patriarch Filaret Denysenko eine sofortige Aufnahme und Fortsetzung der Unterredungen, bis ein positives Ergebnis erzielt werde. In derselben Erklärung wiederholte er seinen dreistufigen Vorschlag, wie man die Krise überwinden könnte: Einstellung der Gewaltanwendung, ein fruchttragender Dialog und politischer Kompromiss. Gestern Nachmittag, nachdem die Hoffnungen auf eine friedliche Lösung noch weiter in die Ferne rückten, beschloss die Bischofssynode dieser Kirche, in den Gottesdiensten die im byzantinischen Ritus übliche Fürbitte für die Staatsregierung vorläufig zu streichen.

Ähnliche Stellungnahmen haben auch die Vertreter der anderen Kirchen abgegeben. Wegen ihrer Positionen oder ihrer Öffentlichkeitsarbeit wurden bereits einige Priester angegriffen und verletzt, wie z.B. Andrej Hamburg, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Odessa.

Die Diakonia der Kirchen

Neben den kritischen Stellungsnahmen und Aufrufen machen die Kirchen eigenartige Erfahrungen, was es heißt, im Dienst an den Anderen zu stehen. Diese dienende Unterstützung leisten die Kirchen den Verletzten und Bedrohten. Einige kirchliche Räume fungieren seit vier Tagen als Behandlungs- oder Zufluchtsorte für die Bedürftigen. In der Michaels-Kathedrale der Ukrainischen Orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchat wurde ein Spital eingerichtet, in dem die Verletzten behandelt werden. Ähnliche Hilfe erhält man auch in der griechisch-katholischen Kirche des hl. Basilius des Großen der Basilianermönche.
Am 18. Februar wurde die römisch-katholische Kirche des hl. Aleksander zum Zufluchtsort für die Demonstranten, die vor den gewalttätigen Sicherheitseinheiten fliehen mussten. Letztere versuchten sogar, die Kirche zu stürmen, wurden aber rechtzeitig aufgehalten. Etwa 30 Flüchtlinge, darunter auch einige Verletzte, blieben über Nacht in der Kirche.

Wie geht es weiter? Was kann man tun, um die Situation zu verbessern? – diese Fragen stellen sich heute viele Ukrainer und mittlerweile auch viele Westeuropäer.

Alles entwickelt sich so rasch, dass man kaum vorhersagen kann, was die nächste Stunde bringen wird. Eines ist aber unverkennbar: dass die nächsten Tage für die Ukraine entscheidend werden.

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Die ukrainische Minderheit in Ostpolen

Die Minderheit der katholischen Ukrainer in Polen ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Ukraine nur wenig bekannt. Eine gute Gelegenheit diese Volksgruppe, die sich durch ihre griechisch-katholischen Traditionen und ihre dramatische Geschichte durch die letzten Jahrhunderte hervorheben, näher kennenzulernen, bietet das Weihnachtsfest.

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Nicht nur die liturgischen Feier im byzantinischen Ritus prägt die Zeit der Geburt des Herrn, sondern auch das jahrhundertealte, westukrainische Liedgut, kulinarische Traditionen und das reiche Brauchtum haben die polnischen Ukrainer bis heute bewahrt. Diese Verflechtung der Religion und des Volksbrauchtums soll aber nicht verwundern, da kaum ein Ereignis aus dem Leben Jesu uns so konkret an die Menschwerdung Gottes erinnert, wie seine Geburt in Betlehem. Weil die Geburt Christi den Menschen von jeher nahe ging und grade die Freude über die Ankunft des Retters in der Geburtsfeier ihren schönsten Ausdruck findet, haben die Völker dieses religiöse Fest mit ihrem Brauchtum bereichert.

Die Besonderheit der ukrainischen Minderheit in Polen erkennt man schon am Weihnachtsdatum: es wird nicht am 25. Dezember gefeiert, nach dem gregorianischen Kalender, vielmehr verwendet die griechisch-katholische Kirche in Polen neben dem staatlichen gregorianischen Kalender den alten kirchlichen, julianischen Kalender bei dem Weihnachten am 7. Januar – also 13 Tage später – gefeiert wird.

Die diesjährigen Feierlichkeiten in der griechisch-katholischen Kathedrale St. Johannes der Täufer in Przemyśl wurden von zwei besondere Ereignisse umrahmt: die Bischofsweihe des neuen Weihbischofs Eugeniusz Popowicz am 21. Dezember 2013 und das Hinscheiden von Kateryna Pipka, ein lichtes Beispiel einer frommen Mutter der ukrainischen Untergrundkirche, am 1. Januar 2014. In diesen Geschehnissen trafen wie in einem Brennpunkt sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK) in Polen aufeinander.

Weiterlesen im ausführlichen Beitrag als PDF:
– Anfänge des byzantinischen Bistums in Przemyśl
– Die unierte Kirche in Ostgalizien
– Katholische Ukrainer in Polen nach 1945
– Geschichte einer gläubigen Mutter
– Wiederaufblühen der UGKK in Polen nach 1989
– Zukunft in der Treue zur Tradition

Ukrainische Kirchen auf den Barrikaden

Zur gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Rolle der Kirchen in der Ukraine

Seit mehr als einigen Wochen protestieren viele Menschen in der Ukraine gegen die Entscheidung der Regierung und des Präsidenten, die Unterzeichung des seit langer Zeit geplanten Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union zu verschieben. Die Proteste setzten ein, nachdem offiziell erklärt worden war, dass die wirtschaftliche Situation in der Ukraine angeblich noch nicht erlaube, eine Öffnung und Annäherung an die EU zu wagen. Die Massendemonstrationen wurden wegen der Ereignisse in der Hauptstadt Kiew in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2013 verstärkt. In jener Nacht haben Spezialeinheiten der ukrainischen Polizei „Berkut“ gegen 4.00 Uhr auf eine bislang noch nie zuvor gegebene Weise die auf dem Hauptplatz Kiews „Maidan“ demonstrierende Menschen, vor allem die studentische Jugend, brutal verprügelt und auseinander getrieben. Die erschreckenden Bilder der Gewaltanwendung gegen die friedlichen Demonstranten lösten die seit 2004 größte Welle des Protestes aus.

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Vergleicht man die gegenwärtigen Proteste mit der „Orangenen Revolution“ 2004, die sich gegen die massiven Wahlfälschungen richtete, kann man schon jetzt eine deutliche Akzentverschiebung erkennen. Während die Menschen damals eher auf eine bestimmte Gruppe von Oppositionspolitikern mit dem späteren Präsidenten Viktor Juschtschenko (2005-2010) an der Spitze setzten, protestieren sie heute vor allem für ihre Rechte, Freiheiten und Menschenwürde und nicht zuletzt für die Idee einer europäischen Ukraine.

In diesen Tagen macht sich auch die Aktivität der ukrainischen Kirchen bemerkbar. Es ist nicht verwunderlich, dass die Kirchen in solchen Krisensituationen ihre Stimme erheben, denn seit Jahren zeigen die Umfragen, dass sie in ihrem Ansehen gegenüber den staatlichen und anderen gesellschaftlichen Instituten weit überlegen sind. Eine der letzten soziologischen Befragungen vom 11. Februar 2013 bestätigt diesen status quo. Danach vertrauen den Kirchen 66,5% der Befragten.

Das hohe Vertrauen ist unter anderem dadurch begründet, dass es der politischen Elite, die in den letzten zwei Jahrzehnten an der Macht war, bis jetzt nicht gelungen ist, glaubwürdige und vor allem zukunftsfähige Entwicklungsperspektiven für die Ukraine zu entwerfen und wirksam umzusetzen. Wegen des permanenten Scheiterns der politischen Systeme und deren Unfähigkeit, eine dauerhafte Stabilität zu gewährleisten, werden die Kirchen als Institutionen angesehen, auf die man sich stützen kann. So ist die Kirche, besonders in den letzten Jahren, zu einem wichtigen Subjekt des gesellschaftspolitischen Lebens in der Ukraine geworden.

Die historisch bedingte Vielfalt der Kirchen in der Ukraine lässt es aber nicht zu, von einem kirchlichen Engagement im Singular zu sprechen. Die Kirchen stellen in den Beziehungen zum Staat keinen einheitlichen Organismus dar, sondern sind in verschiedene Konfessionen aufgeteilt. Die größte Gruppe unter ihnen bilden die orthodoxen Kirchen, die in drei selbständige Jurisdiktionen aufgespaltet sind: die Ukrainische Orthodoxe Kirche unter der Obhut des Patriarchats von Moskau (UOK MP), die Ukrainische Orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat (UOK KP) und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK). Die  katholische Kirche setzt sich aus zwei katholischen Ostkirchen, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) und die Griechisch-Katholische Diözese Mukachevo, sowie der römisch-katholischen Kirche in der Ukraine zusammen. Hinzu kommen unterschiedlich große Denominationen der evangelischen und evangelikalen Kirchen und Kirchengemeinschaften.

So uneinheitlich die ukrainische konfessionelle Landschaft ist, so unterschiedlich fielen auch die kirchlichen Positionen während der „Orangenen Revolution“ 2004 aus. Das kirchliche Verhalten bestimmten damals vor allem die politischen Sympathien der Mehrheit ihrer Mitglieder, die jeweils in zwei unversöhnte Lager – den pro-westlichen und den pro-russischen getrennt waren. Im Allgemeinen unterstützten damals die UGKK und die unabhängige Orthodoxie (UOK KP) die Anhänger von Juschtschenko und die UOK MP seinen Opponenten Viktor Janukovytsch.

Viele Kirchen – eine Stimme

Seit dem Anfang der gegenwärtigen politischen Krise lässt sich wieder ein erhöhtes kirchliches Engagement beobachten. In den Medien findet man eine Flut von kirchlichen Stellungsnahmen zur gesellschaftspolitischen Situation im Land. Bemerkenswert ist zunächst die Tatsache, dass die Kirchen im Vergleich zu 2004 darum bemüht sind, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Eine wichtige institutionelle Rolle spielt dabei der Allukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen, der in den letzten Jahren immer stärker als Sprachrohr der Kirchen und der religiösen Organisationen in den Beziehungen zum Staat wahrgenommen wird. Dem im Jahre 1996 gegründeten Rat, dessen Hauptaufgaben in der Förderung des interkonfessionellen Dialogs und der Zusammenarbeit mit dem Staat bezüglich der Erarbeitung der Rechtsnormen in den Kirche-Staat-Beziehungen bestehen, gehören alle bedeutenden religiösen Gruppen der Ukraine an. […]

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Maidan in Eichstätt
Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche und die Demonstrationen auf dem „Maidan“

Maidan in Eichstätt

Am Mittwoch, den 18. Dezember, fand von 8 bis 16 Uhr am Eichstätter Marktplatz, wie in vielen anderen Städten der Welt, eine Solidaritätsaktion für die Protestierenden in der Ukraine statt. Sie wurde von einer Gruppe ukrainischer Studierender der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt organisiert und stand unter dem Hauptmotto: „Maidan, wir sind bei Dir“.

Die Veranstaltung hatte drei Ziele: Erstens ging es darum, alle Passanten und Interessierten über die aktuelle Lage und die Chronologie der Ereignisse am Maidan zu informieren. Ein zweites Anliegen bestand darin, die Menschen in Deutschland mit der Ukraine besser vertraut zu machen und Klischees abzubauen. Zu guter letzt wollten die Veranstalter, indem sie acht Stunden in der Kälte stehen, auch physisch ihre Solidarität mit den ukrainischen Demonstranten zeigen – in der Ukraine harren die Menschen nun schon seit einem Monat bei Temperaturen im zweistelligen Minusbereich aus.

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Die ukrainischen Studierenden hatten einen Stand mit Fahnen, Plakaten und Info-Flyer über die Ukraine und die Maidan-Bewegung gestaltet. Außerdem bestand die Möglichkeit, auf einem großen Plakat schriftlich oder bildlich Wünsche und Grüße an die ukrainischen Protestierenden zu hinterlassen. Dabei ist ein ermutigendes Kunstwerk entstanden, das schon bald auf den Weg in die ukrainische Hauptstadt Kiew geschickt wird. Das Interesse der Eichstätter Bevölkerung und der Studierenden war erfreulich groß. Zahlreiche Passanten blieben am Stand der Solidaritätsaktion stehen und brachten ihre Unterstützung für die Ukraine zum Ausdruck.

Von 14 bis 15 Uhr fand schließlich eine Kundgebung statt, bei der die ukrainische Hymne angestimmt und weitere ukrainische Lieder gesungen wurden. Außerdem wurden einige bewegende Ansprachen gehalten. So erläuterte der Rektor des Collegium Orientale, Domkapitular Msgr. Paul Schmidt, wie er die Situation in der Ukraine aus deutscher Sicht betrachtet. Der Vize-Rektor des Collegium Orientale, Dr. Oleksandr Petrynko, und Prof. Andriy Mykhaleyko von der Ukrainischen Katholischen Universität sprachen als Ukrainer zu den Versammelten. Givi Lomidze bekundete als Vertreter der georgischen Studierenden die Solidarität seines Heimatlandes mit der Ukraine. Die Veranstaltung endete mit einem auf Deutsch gesungenen Vaterunser für eine positive Lösung des in der Ukraine entstandenen Dilemmas und für eine friedliche Welt.

Die Studierenden, die diese Solidaritätsaktion auf die Beine gestellt haben, sind allen dankbar, die sich ihnen angeschlossen haben und die ihre Verbundenheit und ihr Interesse zeigten. Viele Eichstätter Bürger und Studierende erzählten, dass sie die Ereignisse in den Nachrichten verfolgten, und brachten zum Ausdruck, dass ihnen nicht gleichgültig ist, was in der Ukraine geschieht. Im Namen der ukrainischen Studierenden in Eichstätt und im Namen der ganzen Ukraine ergeht daher ein herzlicher Dank an Eichstätt!

Mehr zum Thema: Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche und die Demonstrationen auf dem „Maidan“

Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche und die Demonstrationen auf dem „Maidan“

Seit rund drei Wochen dauern in der Ukraine bereits die Demonstrationen gegen die Regierung Janukowitschs an. Auslöser für die massenhaften Proteste war die plötzliche Entscheidung des Präsidenten, die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union, die für den 29. November in Vilnius (Litauen) vorgesehen war, zu verweigern. Kiew ist als Hauptstadt der Ukraine der Hauptschauplatz der Proteste. Dort versammeln sich die Menschen, wie bereits vor neun Jahren bei der Orangen Revolution, am Unabhängigkeitsplatz, dem „Maidan“. Dieser Platz ist nicht nur der zentrale Ort des friedlichen Aufstandes, sondern auch der Namengeber einer Bewegung, die im ganzen Land um sich gegriffen hat.

Die Demonstrationen verliefen zunächst in friedlicher und optimistischer Atmosphäre und wurden hauptsächlich von Studenten getragen. In der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember, als die Spezialeinheiten der Polizei („Berkut“) den „Maidan“ gewaltsam räumten, kam es jedoch zu zahlreichen Verletzen. Dutzende Menschen, vorwiegend Studenten, aber auch zufällige Passanten, wurden grausam verprügelt. Auf der Flucht fanden die Demonstranten Schutz in der St. Michael-Kathedrale (Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats). Das gewaltsame Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte hat eine Empörungswelle im ganzen Land ausgelöst. Allein in Kiew fanden sich daraufhin hunderttausende empörte Bürger zu Demonstrationen zusammen.

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In dieser schwierigen Gesellschaftslage stehen die Kirchen der Ukraine nicht abseits. Die Türen der Gotteshäuser sind für die Demonstrierenden geöffnet: Die Menschen können sich dort aufwärmen, bekommen Essen und warme Getränke und die Möglichkeit zu übernachten. In vielen Kiewer Kirchen sowie auch auf dem „Maidan“ selbst – in einer eigens errichteten Zelt-Kapelle und auch auf der Bühne – werden Gottesdienste für den Frieden im Land gefeiert.

Vom Beginn der Proteste an nahm die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) eine aktive Rolle ein. Ihre Bischöfe, Priester, Priesteramtskandidaten und Ordensleute sind fester Bestandteil auf dem „Maidan“. Sie geben nicht nur geistliche Begleitung, feiern Gottesdienste, erteilen die heiligen Sakramente der Beichte und Kommunion, sondern helfen auch bei allen täglich auf dem „Maidan“ anfallenden Aufgaben.

Seine Eindrücke vom Leben auf dem „Maidan“ schilderte einer der Priesteramtskandidaten des Lemberger Priesterseminars wie folgt:

„Unsere Anwesenheit in der ukrainischen Hauptstadt, genauer auf dem zentralen Euro-Maidan, erwies sich als eine große Erfahrung nicht nur für uns selbst, sondern auch für die Menschen, die dort für eine bessere Zukunft unseres Vaterlandes einstehen. […] Es ist wirklich schwer, die geistig erhebende Atmosphäre mit Worten zu beschreiben […]. All das habe ich persönlich in dem Moment gespürt als wir – etwa hundert Seminaristen und Priester – mit einer großen ukrainischen Fahne singend durch Kiew gingen. Die Demonstrierenden applaudierten uns und stimmten in die Gesänge ein, womit sie uns für unsere Unterstützung und Solidarität dankten. Einen besonderen Eindruck hinterließen auch die Menschen, mit denen wir uns unterhielten, die auf uns zukamen, um mit uns zu reden und gemeinsam zu beten, die die Fahne in die Hand nahmen und mit uns durch die Straßen schritten, um zu bezeugen, dass wir mit Gott alles schaffen, das wir mit seiner Hilfe alles erlangen, wonach wir streben.“

Aus Solidarität mit dem zentralen „Euro-Maidan“ in Kiew finden zurzeit in vielen Städten der Ukraine und in der ganzen Welt, darunter auch in deutschen Städten, „Euro-Maidane“ statt. Am 7. Dezember versammelten sich zu diesem Zweck rund 200 Ukrainer und deren Freunde vor dem Bundestag in Berlin. Auch sechs ukrainische Studierende des Collegium Orientale in Eichstätt nahmen an dem Berliner „Maidan“ teil, um die Idee des „Maidan“ und ihre Freunde und Verwandten in der Heimat zu unterstützen.

Mehr zum Thema: Ukrainische Kirchen rufen zum Dialog auf

Video: Das Collegium Orientale in Eichstätt

Anmerkung der Redaktion: Diakon Nazar Mysyakovskyy hat diesen Beitrag zusammen Mykola Dobra verfasst. Dobra, geboren in Transkarpatien/Ukraine, lebt seit 2006 in Eichstätt. Nach dem Diplomabschluss promoviert er am Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte und Patrologie der Theologischen Fakultät an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.