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Chrisamweihe in der Armenisch-Apostolischen Kirche

Besondere Erfahrung einer umfassenden kirchlichen Gemeinschaft

Ende September führte mich mein diesjähriger Urlaub – im 100. Gedenkjahr an den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich – auf eine neuntägige Pilger- und Studienreise in die heutige Republik Armenien. Die Reise wurde von der armenisch-apostolischen (orthodoxen) Gemeinde von München zusammen mit einer Reiseagentur in Armenien organisiert, wobei die geistliche Seite hervorragend berücksichtigt wurde. Ein seltener Höhepunkt unserer Pilgerreise war die Weihe des heiligen Myron (Chrisamöl) durch den Katholikos aller Armenier, Karekin II. in Etschmidazin, nahe der Hauptstadt Yerevan gelegen, eine größere Stadt und der kirchliche Muttersitz der orthodoxen Armenier weltweit.

Im Christentum spielen wohlriechende Öle eine ganz besondere Rolle. Noch im Alten Testament gibt es genaue Anleitungen, wie das Salböl für Priester und vor allem Könige herzustellen sei. Im Neuen Testament wurde Jesus mit wertvollem Nardenöl gesalbt (Mk 14,3-9, Mt 26,6-13, Lk 7,36-50, Joh 12,1-8). Der Titel „Christus“ ist die griechische Übersetzung für das hebräische „Messias“ bzw. „Maschiach“ und bedeutet auf Deutsch: der Gesalbte. Gesalbt zu sein, bedeutet von Gott erwählt und für etwas Besonderes bestimmt sein. Wir Christinnen und Christen, die wir auch diesen Titel tragen dürfen, erfahren die Salbung im Sakrament der Taufe und der Firmung, und werden dort zu Priestern, Königen und Propheten gesalbt. Leider ist uns diese besondere Erwählung später kaum noch bewusst; mit Salbung verbinden wir meistens – wenn überhaupt – das Sakrament der Krankensalbung. Bei allen kirchlichen Salbungen werden allerdings die Öle sorgfältig vorbereitet und in einem besonderen Gottesdienst feierlich geweiht.

In der Armenischen-Apostolischen Kirche ist die Ölweihe etwas ganz Besonderes: Im Unterschied zu den bei uns gewohnten alljährlichen Chrisamweihen am Gründonnerstag, weihen die Armenier die heiligen Öle nur jedes siebte Jahr und zusätzlich noch dann, wenn ein neuer Katholikos (Kirchenoberhaupt) gewählt wird. Im Jahr seiner Wahl darf der neu gewählte Katholikos das heilige Myron zusätzlich weihen, besonders in den Fällen, wenn sichtlich zu wenig Myron vorrätig ist, und durch die Verteilung der Öle über seine Bischöfe an alle Pfarrgemeinden seine Kommuniongemeinschaft mit ihnen ausdrückt. Dieses geweihte Öl wird dann für die Myronsalbung (= Firmung), für die Bischofs- und Priesterweihen sowie auch für die Einweihung einer neuen Kirche und die Wasserweihen verwendet.

Für die Armenier, sowohl die Gläubigen als auch die weniger kirchlich Gebundenen, ist die Myronweihe ein wichtiges Fest und wird feierlicher als Ostern oder Weihnachten gefeiert. Mit großem Aufwand wird es vorbereitet, was auch in diesem Jahr am Sonntag, 27. September, sehr deutlich zum Ausdruck kam: Ein großes Aufgebot von Polizei, die Anwesenheit des Staatspräsidenten, aufsehenerregende Anzeigen zum Fest auf den Straßen und in den Medien. Dazu kommen kirchlicherseits hochrangige Vertreter verschiedener Kirchen wie der römisch-katholische Vertreter Leonardo Kardinal Sandri, Präfekt der Ostkirchenkongregation, der melkitische Patriarch Gregorios III. und der Patriarch der armenisch-katholischen Kirche Grigor Petros XX. sowie der griechisch-orthodoxe Patriarch Theodoros II. von Alexandrien.

Smartphone-Aufnahme der Chrisamweihe in Etschmidazin (Oleksandr Petrynko)

Aber auch der Gottesdienst zu dieser besonderen Ölweihe ist etwas Besonderes: Im Vorfeld und bei der liturgischen Feier der Weihe müssen viele eherne Regeln beachtet und eingehalten werden. So muss das Öl, das für die Weihe zubereitet wird, 40 Tage lang gekocht werden, währenddessen ununterbrochen bestimmte Gebete gesprochen werden. Die Grundsubstanz ist wie bei den meisten orientalischen Düften das Olivenöl. Dazu kommen 40 Pflanzenöle und -düfte von armenischen Bergblumen – dies alles nach einem alten Rezept, das früher nur dem Katholikos sowie einem sehr engen Kreis von Priestern bekannt war und von Generation zu Generation überliefert wird. Bei dem Raum im Eingangsbereich zur Hl. Gajane-Kirche, in dem das zu segnende Öl gekocht wurde, durften wir uns kurz aufhalten und schon vor der Weihe den intensiven und wohlriechenden Duft des Öles genießen.

Für mich persönlich war die gesamte Weihe, die außerhalb der Eucharistie am späteren Sonntagnachmittag mit Tausenden von Pilgern stattfand, ein besonderes Erlebnis in jeder Hinsicht. Was ich besonders schön fand, war, dass dabei die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander und in ihrer Verbindung mit Christus – als dem Haupt seiner Kirche – sichtbar geworden ist. Auf mehrfache Weise wurde diese horizontale und vertikale Verbindung innerhalb der Gemeinschaft der Getauften sichtbar: So mussten bei der Weihe zwölf Bischöfe aus bestimmten Teilen der armenischen Kirche anwesend sein, die die Weihehandlung unter dem Vorstand des Katholikos und im gemeinsamen Gebet der Versammelten vollzogen. Unter den zwölf Bischöfen, die einem römisch-katholischen Christen aufgrund der mittelalterlichen Beeinflussung (im 12 Jh., in der Zeit der Kreuzzüge) aus der Westkirche an den zugespitzten Mitren sehr bekannt vorkommen dürften, müssen die Oberhäupter bzw. bischöflichen Vertreter aus den drei anderen mehr oder weniger selbst verwalteten armenischen Teilkirchen von Kilikien (heute mit dem Sitz im Libanon), Jerusalem und Konstantinopel (Istanbul) anwesend sein.

Das lange Weihegebet nach den Psalmen und mehreren Lesungen aus den Evangelien, das durch den Katholikos unter Assistenz von den zwölf Bischöfen feierlich und gesungen vorgetragen wird, bildet mit ihrer starken Symbolkraft den Kernpunkt der Weihe und lässt die innere Verbindung der armenischen Kirche und ihre Vereinigung mit Christus, dem Gründer unseres Glaubens, auf eine wunderbare Weise erfahren. Im ersten Teil des Gebetes werden die Reste des alten Öles des Katholikos von Etschmiadzin und der von den armenischen Bischöfen aus dem Libanon, Jerusalem und Konstantinopel mitgebrachten Öle in das frisch gekochte Öl dazugegeben und vermischt, und zwar als Zeichen dafür, dass sie untereinander verbunden sind und dass sie auch Anteil haben an dem von ihren Vorgängern geweihten Öl. Auch nach der Weihe nehmen die Bischöfe von dem frischgeweihten Öl mit und verteilen dies an alle Gemeinden, in denen mit diesem Öl getauft und gefirmt wird.

Im zweiten Teil des Gebetes wird ein altehrwürdiges und verehrtes Kreuz in das Öl eingetaucht und es wird damit gesegnet als Hinweis auf den gekreuzigten Herrn Jesus Christus, den Bringer des Heils für uns Menschen. Darauf wird die heilige Lanze gebracht, mit der Jesus am Kreuze durchstochen werden sollte, die also den Herrn selber berührte und uns in seiner Seite die Quelle des lebenspendenden Blutes und Wassers öffnete. Sie soll der Apostel Thaddäus, der zusammen mit dem Apostel Bartholomäus als die Apostel Armeniens gelten, auf seiner Mission nach Armenien mitgebracht haben. So kommt die ehrwürdige Lanze, die sonst in der patriarchalen Schatzkammer von Etschmiadzin aufbewahrt wird, zum gottesdienstlichen Einsatz, indem sie genauso wie zuvor das Kreuz in das Öl kreuzweise eingetaucht wird. Zum Schluss wird das Öl auch auf gleiche Weise wie vorher mit einer Reliquie – mit dem Reliquiar in Form eines Armes – des heiligen Gregor des Erleuchters Armeniens (+ 331) gesegnet, sowohl das Öl als auch anschließend das um den Weihealtar und das geweihte Myron versammelte Volk.

Die Kontinuität des Glaubens von Christus bis auf den heutigen Tag wird in der armenischen Kirche auf diese beeindruckende Weise sichtbar. Außerdem heißt es bei den armenischen Christen: Wer an diesem heiligen Öl teilhat, es besitzt und davon in der Pfarrei bei der Sakramentenspendung Gebrauch macht, ist in der Gemeinschaft der Kirche und mit ihrem Herrn und Erlöser Jesus Christus verbunden.

Quo vadis, Ukraine?

Seit letztem Jahr und noch mehr in den letzten Monaten kann die Ukraine als „ein Land der Tränen in Europa“ bezeichnet werden. Die „Revolution der Würde“ (wie der Euromaidan in der Ukraine rückblickend genannt wird – A.d.R.*), die Proteste im ganzen Land, das brutale Vorgehen der Janukowitsch-Polizei und die Todesfälle am Maidan-Platz in Kiew, der Konflikt mit Russland um die Halbinsel Krim, der „inoffizielle Krieg“ mit Russland in der Ostukraine, Tausende Tote und zahlreiche Flüchtlinge – dies alles ist die Realität der heutigen Ukraine, in der eine neue Generation heranwächst und sich gesellschaftlich formiert. Sie ist die Zukunft der Ukraine, und daher ist es überaus wichtig für sie, sowie für alle Ukrainer, die gegenwärtigen Geschehnisse im christlichen Geist einzuordnen und manche Seite der heutigen ukrainischen Geschichte auch positiv zu betrachten. Aus meiner Sicht entwickelten sich aus den letzten Ereignissen auch positive Aspekte für die Zukunft des Landes, unter anderem:

  • eine klare Entscheidung der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer für die Werte der Demokratie und Freiheit;
  • das Gefühl der Würde und des Bewusstseins, ein eigenes Volk zu sein;
  • die Relativierung der unterschiedlichen Sprachen für die Einheit der Ukraine;
  • ein starkes Zeichen der Menschlichkeit in den Krisensituationen.

Die Erfahrung der Menschlichkeit und des Eintretens füreinander hat für die Gesellschaft in der Ukraine weitreichende Folgen. Die Ukrainer zeigen gegenwärtig ein großes Maß an Selbstorganisation, der gegenseitigen Hilfe und des Altruismus. Dies bemerken auch viele Menschen, die aufmerksam die heutige Situation in der Ukraine beobachten. Beispielhaft ist das kurze Zitat der Lemberger Journalistin Tetiana Sliysarschuk vom Medienportal „Zaxid.net“, die den Einsatz ihrer Mitbürger so beschreibt: „Der Freiwillige ist ein Phänomen der „Revolution der Würde“ und eine unentbehrliche Hilfe […]. Der Enthusiasmus und der Erfindungsreichtum der Ukrainer im Hinterland machen einen großen Eindruck“.

Seit dem Anfang der „Revolution der Würde“, den Ereignissen auf der Krim und in der Ostukraine unterstützen die Ukrainer einander mit einem beispielhaften Engagement. Es geht nicht nur um die große finanzielle Unterstützung der freiwillig Engagierten, die von unzähligen Menschen guten Willens erbracht wird, sondern auch um die breite Basis für die „Revolution der Würde“, die auf diese Weise sichtbar wird. Man kann in diesen Tagen besonders bemerken, wie das konkrete menschliche Leben geschätzt wird. Die Menschen in der Ukraine kümmern sich um die Familien der Verstorbenen am Maidan genauso wie um die Angehörigen der Opfer der Kämpfe und um die hunderttausend Binnen-Flüchtlinge.

Die ukrainischen Kirchen spielen momentan im Prozess dieser neuen Menschlichkeit auch eine wichtige Rolle: Sie möchten dem eigenen Volk in diesen schweren Stunden seiner Geschichte beistehen und versuchen mit verschiedenen sozialen Projekten die Gesellschaft zu unterstützen. Darüber hinaus sind viele Priester der verschiedenen ukrainischen Kirchen als Militärkapläne tätig, um die Zivillisten und die Soldaten in der Ostukraine geistlich zu betreuen. Im Blick auf die zurück liegenden Monate kann man sagen: Durch die Ereignisse seit dem Beginn der „Revolution der Würde“ haben die Ukrainer die Gesellschaft und den Alltag für sich selbst reorganisiert und befinden sich heute in einer Phase gelebter Solidarität.

Die Ukraine ist anders geworden. Obwohl die Ukrainer fast täglich Tote zu betrauern haben und viele Menschen Not leiden, sehen sie trotzdem mit großer Hoffnung in die Zukunft. Wie oben gesagt, das letzte Jahr ist das Jahr der großen positiven Änderungen in der ukrainischen Zivilgesellschaft geworden. Die Ukraine wartet auch auf die gleichen positiven Änderungen in der eigenen Politik und will ein Land mit europäisch-demokratischen Werten sein, in dem Frieden herrscht.

*Anmerkung der Redaktion: Der Euromaidan – in der Ukraine auch „Revolution der Würde“ genannt – wurde im November 2013 ausgelöst durch die Ankündigung der damaligen ukrainischen Regierung, ein geplantes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen zu wollen.

Andreasfest und Papstbesuch in der Türkei – Ökumene und Dialog

„Kommt und seht … Wir haben den Messias gefunden!“

Nach dem Bericht des Evangelisten Johannes gehörte der heilige Apostel Andreas zu den ersten Jüngern des Herrn. Gemäß dieser Überlieferung erhielt der Apostel Andreas den Beinamen der Erstberufene, weil er auf das Wort des Herrn hin „Kommt und seht!“ (Joh 1,39) als erster Jesus nachgefolgt ist, um zu schauen, wo Er wohnt. Andreas war auch derjenige, der unmittelbar nach der Begegnung mit dem menschgewordenen Erlöser zu seinem leiblichen Bruder, dem Apostel Petrus, lief und sagte „Wir haben den Messias gefunden“; und er führte auch seinen Bruder zum Herrn (Joh 1,41f.).

Für die Kirche im oströmischen Reich, mit dem Zentrum in Konstantinopel, heute Istanbul,  diente dieser Abschnitt des Evangeliums, untermauert durch eine Apostel-Andreas-Legende, seit dem 6./7. Jahrhundert als Legitimation für den Führungsanspruch des eigenen Bischofssitzes, des Patriarchen von Konstantinopel. Gerne berufen sich die frühen christlichen Gemeinden und die aus ihnen herausgebildeten Teilkirchen auf die Gründung durch einen Apostel. Seit früher Zeit hat der Apostel Andreas für die byzantinischen Kirchen eine große Bedeutung. Er ist ihr Apostel, genauso wie die Apostelfürsten Petrus und Paulus für die Kirche von Rom, der Apostel Markus für die Kopten, die Christen Ägyptens, und der Apostel Thomas für die Christen Indiens.  Es lag deshalb nahe, dass die östlich-byzantinischen Kirchen, die mit Byzanz in der Theologie, der Glaubenspraxis und der Kirchenpolitik besonders verbunden waren beziehungsweise von Konstantinopel aus missioniert wurden und von dort die Taufe erhielten, den Apostel Andreas ebenfalls zu Ihrem Patron wählten. So entstanden frühe Berichte, mitunter mit legendären Zügen, gemäß denen der Apostel Andreas grundlegend für die Ausbreitung des Christentums beispielsweise in Kleinasien, im westlichen  Georgien, in der Kiewer Rus (ostslawischer Vorgänger Staat für die heutigen Länder Russland, Weißrussland und Ukraine mit Zentrum in Kiew) wirkte. Manche Historiker schließen einen Wahrheitskern zum Beispiel bei der Legende über die Wanderung des Apostels Andreas am Fluss Dnipro (Dnjepr)/Ukraine nicht aus.

Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr
Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr

Der Gedächtnistag des Apostels Andreas wird in der byzantinischen Tradition am 30. November begangen. Dies entspricht dem 13. Dezember nach dem julianischen Kalender. Im Unterschied zu den kleineren Tagesgedächtnissen und -heiligen wird dieses Fest liturgisch gesehen als großer Festtag gefeiert (zum Beispiel große Vesper mit Einzug). Dieser Heilige war schon immer einer der beliebtesten Namenspatronen für die Kinder in den östlichen Ländern und ist es auch bis heute geblieben. Deshalb dürfen im Collegium Orientale in Eichstätt gleich sieben Bewohner des Kollegs am Andreastag ihren Namenstag feiern. Außerdem haben sich einige Volksbräuche um das Andreas-Fest entwickelt, die einen weiteren Beleg für die Bedeutung dieses Heiligen im Leben und im Bewusstsein der östlichen Christen liefern. So besuchen junge Burschen in der Ukraine am Vorabend zum Andreasfest die Familien ihrer Freundinnen und versuchen dabei eine Kleinigkeit im Haus mitzunehmen – erlaubterweise zu stehlen –, damit die Dame ihres Herzens einen Grund hat, danach zu suchen und mit ihnen wieder Kontakt aufzunehmen. Die Gastgeber müssen besonders aufpassen, dass ihnen die Töchter selber nicht gestohlen werden. Es verläuft alles natürlich in einem lustigen Rahmen. Vielleicht spiegelt sich in diesem Brauch ein weiter gefasster Widerhall der eingangs zitierten Worte des Apostels Andreas wider: „Ich habe den Messias, die wichtige Person in meinem Leben, gefunden.“ Denn die jungen Männer sind bei diesem Brauch tatsächlich auf der Suche nach einer Partnerin für das ganze Leben und dürfen mit der Fürsprache des Apostels Andreas rechnen.

Papst Franziskus beim Andreasfest in Konstantinopel

Das Andreasfest in diesem Jahr steht unter dem Zeichen des Besuches des Heiligen Vaters in Konstantinopel. Das Oberhaupt der Katholischen Kirchen, Papst Franziskus, der Nachfolger des Apostels Petrus und Paulus, besucht unter anderem seinen Mitbruder im patriarchalen Dienst, den Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, den Nachfolger des Apostels Andreas, des Erstberufenen. Damit reiht sich der Heilige Vater in die seit Jahrzehnten andauernde gute Tradition der gegenseitigen Besuche zwischen Rom und Konstantinopel an den Apostelfesten ein: Am Andreasfest in Konstantinopel und am Hochfest Peter und Paul in Rom. Somit rufen sie die erste dieser brüderlichen Begegnungen zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Jahr 1964 in Jerusalem in Erinnerung.

Durch diesen Besuch wird einerseits das offizielle Bekenntnis der katholischen Teilkirchen zum Ökumenismus, der Einheitsbewegung unter den Christen, bestätigt. Es ist aber auch ein Herzensanliegen des Papstes selbst, das er in seinen Ansprachen immer wieder zum Thema macht, wie zum Beispiel im August dieses Jahres in einer Mittwochskatechese. Sinngemäß sagte er damals Folgendes: Viele haben sich mit der Teilung der Kirche abgefunden, auch innerhalb der katholischen Kirche; dies ist eine Schande. Mit seinem offenen, ökumenischen Besuch in Konstantinopel bestärkt der Heilige Vater auf eine sehr deutliche Weise alle Initiativen, die sich in den Dienst der Einheit der Kirchen stellen, in ihrem Engagement und ruft immer wieder unermüdlich zum Dialog auf, zum Gebet für die Einheit und zur Offenheit gegenüber den anderen christlichen Konfessionen.

Was auf der höchsten Ebene zwischen den offiziellen Sprechern und Repräsentanten der Kirchen zum Ausdruck gebracht wird und als dreitägiges punktuelles Geschehen gewertet werden kann, gilt insbesondere, ganz konkret und tagtäglich für uns im Collegium Orientale, für unser gemeinsames Leben und Studieren in diesem internationalen, interrituellen sowie ökumenisch offenen Haus der Diözese Eichstätt, in der praktischen Werkstatt der Annäherung und des Kennenlernens der einzelnen Ostkirchen.

Die Apostelfeste eignen sich meines Erachtens sehr gut für das Besinnen auf die Einheitsbemühungen innerhalb der Kirchen. Bekanntlich beruhen alle Bemühungen um die Einheit auf dem letzten Gebet unseres Herrn im Johannes-Evangelium im Kreise seiner Jünger vor seinem Kreuzweg, seinem lebenspendenden Tod und der Auferstehung. Jesus betete damals: „[Vater], ich bitte Dich nicht nur für diese hier [für die Apostel], sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein!“ (Joh 17,20f.) Eine wunderbare Tatsache: Jesus Christus betet für die Apostel und für uns und bringt beide, die Apostel und uns, in eine lebendige Verbindung zueinander; besonders was den Einsatz für die Einmütigkeit und Einheit im Glauben angeht. Auf die Fürbitten aller Apostel des Herrn, besonders der Apostelbrüder Petrus und Andreas, des Erstberufenen, dessen Fest wir am kommenden Sonntag begehen, dürfen wir hoffen, dass die ganze Christenheit irgendwann gemeinsam und einmütig bekennen wird: Seht, wir haben den Messias gefunden.

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Der Konflikt in der Ostukraine und die Kirchen: ein Propagandakrieg

Seit mehreren Monaten wird der ukrainische Staat von dem Konflikt im Osten des Landes zerrissen. Dabei geht es nicht nur um die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen ukrainischen Militärkräften und prorussischen Separatisten, sondern parallel dazu wird auch ein Propaganda- bzw. Informationskrieg geführt. Die russische Propaganda versucht mit allen Mitteln, den Konflikt, der aus Russland mit allen Kräften unterstützt wird, als einen Krieg der Kiewer Regierung gegen das eigene Volk darzulegen.

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Ökumenisches Gebet für die Ukraine in Lviv / Lemberg. Foto: Pressestelle der griech.-kath. Erzeparchie Lviv

In den ersten Augustwochen gerieten auch die Kirchen in den Fokus der russischen Propaganda. Am 14. August meldete sich Patriarch Kyrill, der Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche, zu Wort. Er wandte sich an die orthodoxen Kirchen und rief ihre Vorsteher dazu auf, ihre Stimme zur Verteidigung der orthodoxen Christen zu erheben. In seinem Aufruf benannte er auch die „Schuldigen“ an der prekären Lage der Orthodoxen, nämlich die „Uniaten“ und „Schismatiker“. Damit waren die Mitglieder der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche und der ukrainischen orthodoxen Kirche Kiewer Patriarchat gemeint.

Das Moskauer Patriarchat erhob in der auf seiner Internetseite veröffentlichten Stellungnahme den Vorwurf, bewaffnete Mitglieder der griechisch-katholischen Kirche und des orthodoxen Kiewer Patriarchats hätten in der Ukraine „moskautreue Priester beschimpft, gefoltert und verhaftet“. Der Patriarch listete mehrere angebliche Fälle von „gezielter Verfolgung“ orthodoxer Priester auf, die er „Unierten und Schismatikern“ zuschrieb.

Dabei blieb es aber nicht. Am 20. August ging der russisch-orthodoxe Patriarch noch weiter und bat die Vereinten Nationen um Hilfe für seine Kirche in der Ukraine. Nach Angaben des russisch-orthodoxen Außenamtes und der Agentur „Interfax“ wandte er sich an die UNO, den Europarat und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mit der Bitte, sie sollten Gewalt gegen orthodoxe Priester „nicht gleichgültig“ gegenüberstehen. Im Mittelpunkt der Kritik standen wiederum die mit Rom verbundene griechisch-katholische Kirche und das orthodoxe Kiewer Patriarchat. Diese hätten der ukrainisch-orthodoxen Kirche, die mit Moskau verbunden ist, „Schaden zufügen“ wollen.

Beide betroffenen Kirchen waren herausgefordert, auf diese Angriffe zu reagieren. Entsprechende Vorwürfe weisen sie entschieden zurück. Der für die griechisch-katholische Militärseelsorge zuständige Erzpriester Lubomyr Jaworskyj erklärte in einer Stellungnahme, Kyrill I. lasse sich von „Informationen aus Quellen der russischen Propaganda leiten“. Es habe keinerlei Übergriffe von Geistlichen seiner Kirche auf orthodoxe Priester gegeben. Darauf folgten auch zwei offizielle Erklärungen der griechisch-katholischen Kirche (UGKK) auf die Vorwürfe des Moskauer Patriarchen. Am 15. August wurde in einer Mitteilung erklärt, dass die Situation in der Ukraine die „Tragödie des ganzen Volkes, der Anhänger aller Konfessionen und aller Schichten der Gesellschaft“ sei und nicht bloß nur der einen Konfession, wie es das Moskauer Patriarchat zu vermitteln versuche. Es sei unzulässig, den Konflikt auf die interkonfessionelle Ebene zu übertragen, denn dies würde die Spannungen in der ukrainischen Gesellschaft nur vertiefen.

Die UGKK unterstrich, dass „Geistliche aller Konfessionen, welche ihren Seelsorgedienst in den Regionen von Donetsk und Luhansk sowie in der Autonomen Republik Krim verrichten, leiden und ihr Leben riskieren“. Unabhängig von der konfessionellen und religiösen Zugehörigkeit der Betroffenen wurde in der Stellungnahme der UGKK jegliche Art von Gewalt gegen friedliche Bewohner verurteilt. Darin wurde ebenfalls an das Engagement des gesamtukrainischen Rates der Kirchen erinnert, dem alle ukrainischen Kirchen angehören und der sich seit Monaten um eine friedliche Lösung des Konflikts bemüht.

Am 21. August wandte sich auch das Oberhaupt der UGKK, Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk an die weltweite Gemeinschaft der Katholischen Kirche und an alle Menschen guten Willens. In seiner Erklärung wies er die Vorwürfe des Moskauer Patriarchen erneut zurück. Er hob das gemeinsame Martyrium der Kirchen und der kirchlichen Vertreter im vom Konflikt beladenen Osten der Ukraine hervor und führte eine Reihe von konkreten Beispielen auf, die zeigen, dass im Osten nicht nur die Katholiken, sondern auch die Orthodoxen und Protestanten zu Opfern von Gewalt, Misshandlung und Tötung werden. Der gegenwärtige Propagandakrieg macht es nochmals deutlich, dass der russische Staat alle Mittel einsetzt, damit die Situation nicht nur im Osten, sondern in der Gesamtukraine instabil bleibt. Es erweist sich erneut, dass auch die russisch-orthodoxe Kirche sich in diesem Propagandakrieg wieder in den Dienst des Staates stellen und missbrauchen lässt.

Die russischen Propagandastrategen und das Moskauer Patriarchat bedenken jedoch zu wenig, dass sie durch solche Vorwürfe und Versuche einen interkonfessionellen Konflikt in der Ukraine entfachen und der ukrainischen orthodoxen Kirche, die dem Patriarchen in Moskau unterstellt ist, großen Schaden zufügen können. Denn diese Kirche, die vor kurzem ihr neues Oberhaupt, den Metropoliten Onufrij, gewählt hat, wird in ihrer gegenwärtigen Haltung zwischen Kiew und Moskau zerrissen. Sie, die seit Jahren als eine Kirche galt, die die russischen Einflüsse und Interessen in der Ukraine vertrat, muss sich einerseits in der heutigen Situation neu definieren, um ihre Gläubigen nicht zu verlieren; andererseits muss sie ebenfalls einen solchen modus vivendi mit ihrem geistlichen und jurisdiktionellen Zentrum in Moskau finden, dass aus der öffentlichen Meinung der Verdacht weggeräumt wird, diese Kirche erfülle weiterhin die Funktion eines verlängerten Armes der russischen Politik in der Ukraine.
Es bleibt also die Hoffnung, dass die Kirchen in diesem Informationskrieg doch nicht missbraucht werden oder sich missbrauchen lassen, sondern umgekehrt durch ihr Engagement und ihre Frieden stiftende Rolle zur Beilegung des Konfliktes in der Ukraine beitragen.

Der Libanon und die Situation der syrischen Flüchtlinge

Die Situation im Libanon wird mit der zunehmenden Zahl der Flüchtlinge aus Syrien jeden Tag schwieriger. Es sieht bereits ähnlich aus wie im Jahr 1975, als der Zustrom von palästinensischen Flüchtlingen in den Libanon die Sicherheitslage destabilisierte und zu einem fünfzehn Jahre lang dauernden Bürgerkrieg führte. Aber heute ist die Gefahr auch deshalb sehr groß, weil die große Zahl der syrischen Flüchtlinge die libanesische Identität gefährdet. Geschätzt wird, dass bis 2015 rund vier Millionen syrische Flüchtlinge Schutz im Libanon suchen werden. Dies entspricht der Einwohnerzahl des Libanon. Derzeit schätzt die libanesische Regierung der Zahl der syrischen Flüchtlinge auf ca. 1,5 Millionen, das entspricht einem Drittel des libanesischen Volkes. Aus dieser hohen Zahl folgen viele Probleme:

  • Die Bevölkerung hat sich in vielen Städten und Dörfern mehr als verdoppelt.
  • Eine sehr hohe Belastung für die Lebensqualität und den Arbeitsmarkt, die Infrastruktur und die öffentlichen Dienste.
  • Der Wettbewerb um Arbeitsplätze zwischen den libanesischen und syrischen Flüchtlingen ist dramatisch.
  • Eine zunehmende Gewaltkultur: Die Zahl der festgenommenen Syrer beträgt heute bereits 17% der gesamten Insassen in libanesischen Gefängnissen. Die Ursache dafür ist, dass die Vertriebenen fast keine Arbeit finden können.
  • Äußerst schlimm ist der Gesundheitszustand von Vertriebenen: Die steigende Zahl der Vertriebenen und die damit verbundenen Lebens- und Wohnbedingungen hat sehr negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit.

Statistiken der internationalen Hilfsorganisation Amel Association, die in ihren 24 Zentren und drei mobilen Kliniken etwa 90 000 Patienten pro Jahr betreut, zeigen folgendes:

  • Bis zu 47% der Patienten sind an Hautkrankheiten erkrankt unter anderem an Leishmaniose (Orientbeule, Kala Azar – eine Infektionskrankheit die weltweit in warmen Ländern vorkommt – in Europa zum Beispiel im Mittelmeerraum). Die Erreger werden von Sandmücken übertragen. Menschen und Tiere – wie Hunde – können erkranken).
  • 27% leiden an Krankheiten des Verdauungssystems und Darms.
  • 19% leiden an Erkrankungen der Atemwege.
  • 19% leiden an Unterernährung, vor allem Kinder.
  • 2% leiden an Infektionskrankheiten: Masern, Gelbsucht und Typhus.
  • 13% leiden an psychischen Erkrankungen als Folge von Trauma und Verdrängung.
  • Viele Menschen leiden zusätzlich an Krankheiten in Folge von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch von Frauen.

Viele syrische Flüchtlinge im Libanon leiden an chronischen Krankheiten und sind nicht in der Lage, eine Behandlung zu bezahlen. Die Hilfsorganisationen sagen, dass es bereits ca. 300 Nierenversagen gibt, 200 Fälle von Thalassämie – darunter 150 Kinder – und zusätzlich ca. fünfhundert Fälle von Krebs.

Die libanesische Regierung, der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge und die vielen medizinischen Hilfsorganisationen entschuldigen sich, nicht alle dieser Fälle behandeln zu können, da dafür einfach das Geld fehlt und die Kosten sehr hoch sind. Die Föderation der Hilfsorganisationen im Libanon sagt, dass die Anzahl der chronischen Krankheiten unter den Flüchtlingen sehr gefährlich ist und es schnellst möglichst einer internationalen Finanzierung unter großer Beteiligung der Regierungen bedarf.

Eine bezahlbare Behandlung von chronischen Krankheiten durch die libanesische Regierung und die Hilfsorganisationen besteht derzeit nur für die Dialyse und Thalassämie. Die Kosten dafür sind von Wohlfahrtsverbänden und Wohltätern, aber auch nur für eine begrenzte Zeit bezahlt. Das Hauptproblem ist, dass die internationalen und lokalen Gremien die chronischen Krankheiten nicht wahrnehmen und den Großteil ihres Budgets für andere Krankheiten aufwenden.

Von der Kommission der Geberländer wurde der Finanzbedarf für das Jahr 2014 auf 1,9 Milliarden Dollar geschätzt, davon sind bis jetzt einschließlich dieses Monats nur 13% finanziert. Zusätzlich verschlimmern sich die Leiden mit dem ständigen Zustrom von neuen Flüchtlingen.

Der wöchentliche Bericht des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge zeigt, dass offiziell die Zahl der syrischen Flüchtlinge im Libanon 1.044.000 Menschen erreicht hat und der Libanon das Land in der Welt ist, in dem in Bezug auf die Bevölkerung die höchste Konzentration von Flüchtlingen und Vertriebenen besteht.

Rund die Hälfte der Vertriebenen mieten Wohnungen und teilen oft kleine und bescheidene Unterkünfte mit anderen Familien, wobei eine sehr große Überbelegung herrscht. Vierzig Prozent leben in fragilen Umgebungen, wie zum Beispiel in Zelten, in informellen Siedlungen und Garagen  oder Arbeitsstätten und unfertigen Gebäuden.

Deutschland versucht den syrischen Flüchtlingen im Libanon zu helfen. Im Mai ist der zwölfte Flug aus humanitären Gründen vom Libanon nach Deutschland im Rahmen des deutschen Programms für Flüchtlinge erfolgt. Damit wurden 259 Vertriebene und Flüchtlinge nach Deutschland gebracht. Damit steigt die Zahl der Vertriebenen, die im Rahmen dieses Programms nach Deutschland gebracht wurden auf 2.555. Die Bundesregierung hat zwei Sonderprogramme mit insgesamt 10.000 Plätzen aufgelegt, um syrische Flüchtlinge gezielt nach Deutschland zu holen. Auch fast alle Bundesländer starteten eigene kleinere Aufnahmeprogramme.

Mehr zum Thema: Dr. Gerhard Gradl, Arzt für Allgemeinmedizin aus Nürnberg-Moorenbrunn, berichtet über seinen Einsatz im Flüchtlingslager im Libanon.