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Traktoren und Pflüge für Klöster in Georgien

Über das Collegium Orientale Eichstätt erreichte die Katholische Landvolkbewegung (KLB) im Bistum Eichstätt die Anfrage des georgisch-orthodoxen Bischofs Svimeon Tsakashvili von Surami-Khashuri um Unterstützung seiner Klöster bei der Beschaffung von landwirtschaftlichen Geräten. Der Diözesanausschuss der KLB befasste sich mit diesem Wunsch und stellte 15.000 Euro zur Verfügung. Auf Antrag von Bischof Svimeon stellte die Diözese Eichstätt weitere 15.000 Euro bereit.

Nun stellte sich die Frage, welche Fahrzeuge für die georgischen Klöster geeignet sein könnten. Die meisten der über 20 Klöster in der Diözese Surami bewirtschaften mit zwei oder drei Brüdern bzw. Schwestern je eine Fläche von 2 bis 10 Hektar. Bei den Überlegungen kamen wir auf gebrauchte Kubota-Traktoren, die speziell für japanische Reisbauern gebaut werden. Sie sind robust und ohne technischen Schnickschnack selbst zu warten. So machten wir – Herbert und Agnes Bauernfeind sowie Thomas und Gertraud Schneider – uns auf den Weg ins ferne Georgien, um dort nach geeigneten Geräten zu suchen. Die Reisevorbereitungen zeigten bereits, dass wir in ein Land reisen wollen, das touristisch noch nicht besonders erschlossen ist. Spätestens als wir georgische Lari – das Zahlungsmittel in unserem Zielland – beschaffen wollten, mussten wir feststellen, dass diese nicht einmal über die Bundesbank besorgt werden konnten. So nahmen wir einige Euro mit, in der Hoffnung, dass sie auch in Georgien akzeptiert würden.

Von München über Istanbul flogen wir nach Tiflis. Bereits während des Fluges konnten wir aufgrund der hervorragenden Sichtverhältnisse einen ersten Eindruck von Georgien gewinnen. Bergrücken ohne Bewuchs deuteten auf größere Höhen hin, dazwischen lagen grüne Täler, aber relativ wenige Orte konnten wir erkennen. Straßen oder Eisenbahnlinien, wie wir sie in Deutschland gewohnt sind, fehlten fast komplett aus der Vogelperspektive. Ein sandig-beigen Braun prägte das Bild des Landes im August. Unser Dolmetscher Erekle und der Chauffeur Schio warteten bereits am Flughafen. Zwei Stunden dauerte die Fahrt zum Bischofshaus in Surami, wo wir in einem relativ neuen Hotel

Kühe auf der Autobahn

Nachdem wir die Details der Beschaffung am nächsten Tag mit dem Bischof besprochen hatten, fuhren zum wir Einkauf nach Tiflis. Grasende Kühe auf dem Mittelstreifen der Autobahn waren eine gewisse Überraschung als wir auf der relativ gut ausgebauten Autobahn unterwegs waren. Die Bauern lassen ihre Kühe in Georgien frei grasen. Daher findet man sie auf jeder Straße und sogar auf der Autobahn. Ab und zu kommt es natürlich zu Unfällen, aber zum Glück blieben wir davon verschont.

Bereits im Vorfeld hatten wir eine Firma gefunden die Kubota-Traktoren in Tiflis verkauft. Der Händler ist Mitglied im Deutsch-Georgischen-Wirtschaftsforum. Herbert Bauernfeind nahm die Traktoren in Augenschein und testete sie. Nachdem wir drei geeignete Fahrzeuge gefunden und markiert hatten, ging es an die Anbaugeräte. In Georgien wird auf dem Basar hart verhandelt, in Geschäften jedoch eigentlich nicht. Trotzdem gelang es uns, die Traktoren um rund 3.000 Euro günstiger zu bekommen. Dafür konnten wir andere Geräte beschaffen. Wir kauften 3 Traktoren mit Fräse, 3 Pflüge, 3 Kunstdüngerstreuer, 2 Unkrautspritzen, eine zweireihige Kartoffellegemaschine und einen Schüttelroder für die Kartoffelernte. In einem nahegelegenen Geschäft konnten wir dann noch eine Unkrautspritze mit Gebläse für den Weinanbau erwerben. Nachdem wir rund 28.000 Euro ausgegeben hatten, fuhren wir bei 30 Grad im Schatten wieder in Richtung Surami.

Begegnung mit den Mönchen

Am dritten Tag unserer Reise stand die Begegnung mit den Mönchen im Vordergrund. Wir besuchten einige der Klöster, für die die Traktoren bestimmt waren. So starteten wir zum 1200 Meter hoch gelegenen Kloster „Korangedi“, was so viel bedeutet wie „Rabenspitze“. Dort wirkte Bischof Svmeon früher als Abt. Mit einer Landfläche von 13 Hektar ist es eines der größten Klöster in der Diözese. Doch bevor wir zur Besichtigung aufbrachen, besuchten wir den Gottesdienst in der Klosterkirche: ein beeindruckendes und doch seltsames Erlebnis. Erst nach diesem Gottesdienstbesuch wurde mir bewusst, wie schön es in unserer Kirche ist, gemeinsam die Eucharistie zu feiern. Die Liturgie dauerte über zwei Stunden. Bänke gibt es keine in der georgischen Kirche. Die ganze Messe findet hinter der Ikonenwand statt. Ab und zu sieht man einen Geistlichen, doch was hinter dem Vorhang geschieht bleibt dem gemeinen Gottesdienstbesucher verborgen. Allein die Gesänge lassen erahnen, an welcher Stelle die Liturgie gerade ist. Nach dem Gottesdienst waren wir Gäste im Kloster und wurden dort wieder mit lokalen Köstlichkeiten verwöhnt.

Nach dem Essen besuchten wir das Kloster „Mtazminda“ (heiliger Berg). Auf 1400 Meter leben dort einige Mönche und bauen, trotz kaum befahrbarer Straße, eine wunderbare Klosterkirche. Sie leben vom Kartoffel- und Bohnenanbau. In der Nähe des Klosters liegt ein Nationalpark. So erhoffen sich die Mönche zusätzliche Einnahmen durch Wanderer. Da das Kloster so abgelegen liegt, wird auch dort einer der Traktoren der KLB stationiert.

In der Nähe des Parks liegt ein ehemaliges Schulgebäude mit Erholungsheim, das schon fast zerfallen ist. Der Staat Georgien hat es der Diözese Surami-Khashuri überlassen. Bischof Svmeon sucht nun nach Investoren, die dort einen Hotelbetrieb errichten. Durch die Nähe zum Nationalpark wären sicher Touristen für diese Lage zu gewinnen. Der Bischof verspricht sich von dem Projekt Arbeitsplätze und etwas mehr Wohlstand für die Menschen in seiner Diözese.

Borjomi und die Felsenklöster

Zu Beginn unserer Reise hatten wir mit unserem Dolmetscher besprochen, dass wir gerne das Land kennen lernen wollten. So führte er uns am 4. Tag nach Borjomi, zum bekanntesten Thermalwasserort in Georgien, um uns die berühmten Felsenklöster zu zeigen. Kaum angekommen, haben wir das bekannte Heilwasser probiert. So übel wie dieses Wasser geschmeckt hat, muss es wirklich heilende Wirkung haben. Das Thermalbad ist eine Mischung aus Freizeitpark und Kurort. An den modernen Gebäuden hat der Zahn der Zeit bereits sehr genagt. Die Anlagen wurden noch zu Zeiten der Sowjetunion von Russland gebaut. Nun haben die Georgier offensichtlich nicht die nötigen Mittel. Weiter ging es zu den berühmten Felsenklöstern, eine in Stein gemeißelte Stadt, die vor Jahrhunderten von Mönchen bewohnt wurde. Leider sind bereits große Teile der Felsen abgebrochen. So steht die Felsenkirche nun schon sehr nahe an der Felskante. Einzelne Zellen werden auch heute noch von Mönchen bewohnt.

Den schönten Platz der Welt

Über Kontakte, die wir im Hotel herstellten, führte uns Zaza, ein wohlhabender Georgier, in ein Skigebiet, in dem er zwei Ferienhäuser errichtet hat. Schließlich wollte er uns neben einer Reihe seiner Projekte „den schönsten Platz der Welt“ zeigen. In einem Hochtal auf 2700 Metern errichtete er ein Jagdhotel an einem wunderschön gelegenen See. In dem Dorf am See herrschte reges Treiben, denn die spärliche Ernte musste eingefahren werden. Obwohl schon im Oktober der Winter einkehrt, blühen erst Ende August die Kartoffeln. Die Menschen auf dem Hochplateau leben von den rund 300.000 Schafen, die im Sommer auf den Wiesen weiden. Geschlachtet wird am Bach und gewohnt wird in kleinen Hütten aus Plastikplanen. Was auf den Bildern wildromantisch anzusehen ist, bedeutet für die Menschen einen harten Überlebenskampf, dem sie sich jeden Tag neu stellen müssen. Aber auch hier hoffen die Menschen durch den Bau des Hotels auf etwas mehr Wohlstand.

Caritas in Kutaissi

Unsere nächste Station war die alte Königsstadt Kutaissi. Aus dieser Region stammte unser Dolmetscher Erekle. In Kutaissi angekommen suchte er uns ein Gästehaus der Caritas als Übernachtungsmöglichkeit aus. Die katholische Kirche hat es in Georgien nicht einfach und wird vielerorts unterdrückt. Trotzdem ist es der katholischen Diözese gelungen, in Kutaissi dieses kleine Gästehaus zu erhalten. Wir besuchten die alte philosophisch-theologische Hochschule und damit ein wichtiges geistliches Zentrum der Vergangenheit. Das Kloster Gelati gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Anlage wird derzeit mit viel Aufwand restauriert.

Am vorletzten Tag machten wir uns auf zum Schwarzen Meer. In Batumi mussten wir natürlich das Schwarze Meer testen. Anschließend fuhren wir zum bekannten botanischen Garten in Batumi und besuchten schließlich einen klassischen Basar, die Einkaufsmeile der Georgier. Obwohl die Menschen nicht viel zum Leben haben, hört man niemanden jammern. Die Menschen sind freundlich und machen einen zufriedenen Eindruck.

Familienzusammenhalt

Der Höhepunkt des Tages war aber dann der Besuch bei Erekles Eltern. Er lud uns zu einem kleinen Abendessen ein. Dies hat sich dann jedoch als Festmahl dargestellt. Die ganze Familie hat uns voller Gastfreundschaft empfangen und verwöhnt. In Georgien dürfen bei einem Festmahl niemals die Schüsseln leer werden. Es wird immer nachgereicht. So erhielten wir auch einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen.

In Georgien zählt vor allem die Familie. So waren alle Geschwister und sogar ein Onkel beim Festessen dabei. Im Haus gibt es keine Küche, denn das Leben findet meistens draußen statt. Gekocht wird im Keller. Die Häuser sehen von außen recht baufällig aus, sind aber wohnlich eingerichtet. Jede Familie versucht sich selbst zu versorgen, denn die staatliche Rente reicht nicht aus. 150 Lari (rund 60 Euro) bekommt ein Rentner im Monat. Wasserversorgung gibt es nicht. Das Trinkwasser kommt meistens recht salzig aus dem Hausbrunnen und hat nichts mit dem Trinkwasser zu tun, das wir gewohnt sind. Ein Stand wie bei uns auf dem Land vor 70 Jahren oder früher. Das Hauptgetränk ist selbstgemachter Wein, der in Amphoren vergoren wird. Das Brot wird in einer Art Amphoren-Backofen selbst gebacken. Auf staatliche Stellen verlässt sich kaum jemand in Georgien, denn Sozialhilfe usw. gibt es nicht. Aus diesem Grund ist der Familienzusammenhalt so besonders wichtig.

Fazit

Wie im Flug sind die Tage in Georgien vergangen. Während viele orthodoxe Kleriker der katholischen Kirche gegenüber große Vorbehalte haben, konnten wir Bischof Svmeon als engagierten Hirten und Glaubensbruder kennenlernen. So machte es auch Freude, seine Arbeit und die Menschen in seiner Diözese aktiv zu unterstützen. Als wir bereits auf dem Rückweg waren, kam uns das Fahrzeug des Bischofs entgegen und wir stoppten an der nächsten Möglichkeit, um uns zu verabschieden.

Vor dem Rückflug nach Deutschland wollte unser Dolmetscher Erekle uns noch unbedingt den „georgischen Vatikan“ zeigen. Die Svetiskhoveli-Kathedrale ist ein bedeutendes religiöses Zentrum für Georgien. In der Kathedrale werden die heiligen Öle geweiht. Ein prachtvoller Bau, der auch im Inneren voll kultureller Schätze ist. In Tiflis konnten wir am Abend noch die Schönheit der Stadt hautnah erleben. Die beleuchtete Burg und der sanierte Bereich, die nach Ausgrabungen erst vor wenigen Jahren zum Vorschein kamen, geben der Hauptstadt Georgiens ein ganz besonderes Flair.

Georgien ist ein wunderschönes Land mit einer fleißigen Bevölkerung, die in ländlichen Gegenden unter sehr widrigen Bedingungen ihr Leben meistern muss. Etwas bessere Lebensverhältnisse gibt es nur für sehr reiche Menschen in den Städten. Selbstverständlichkeiten wie sauberes Trinkwasser, Abwasserentsorgung und ein funktionierendes Straßensystem sind in diesem Land zwischen Europa und Asien noch nicht einmal in Städten mit 40.000 Einwohnern vorhanden. Aber die Menschen jammern nicht, sondern versuchen das Beste daraus zu machen. Neben dem christlichen Armenien und Russland ist Georgien von islamischen Staaten umringt. Wir kamen zu dem Schluss, dass es unsere Glaubensbrüder verdient haben, dass wir sie auf ihren weiteren Weg begleiten und unterstützen.

„Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“

Von Johann Wolfgang von Goethe soll das Wort stammen: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“. Mit diesem Spruch hat er – denke ich – noch besser auf den Punkt gebracht, was auch ein ostslawisches Sprichwort besagt: „Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr bist du Mensch“. In den letzten Adventstagen auf dem Weg zum Weihnachtsfest ist mir dies nochmals ganz bewusst geworden.

Unser Seminaristenchor hat in diesem Jahr einige deutschsprachige Weihnachtslieder in sein Repertoire aufgenommen. Beim Einüben dieser Weihnachtsgesänge wurde mir immer bewusster, was ich durch mein Auslandsstudium in Eichstätt immer wieder verspürte, aber darüber im Grunde genommen nie richtig nachdachte. Der geistliche Gehalt eines Textes erschließt sich auf eine besondere Weise, wenn der Text in einer erlernten Fremdsprache gelesen, gebetet, gesungen oder meditiert wird. Zumindest erlebe ich es immer wieder, dass gut bekannte Texte aus der Heiligen Schrift und der Liturgie – in Fremdsprachen vorgetragen – sich plötzlich neu zeigen. Wenn ich die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament in deutscher Sprache höre, entdecke ich etwas Neues und denke oft: Das habe ich so auf Kirchenslawisch bzw. Ukrainisch noch nie gehört. Wahrscheinlich liegt es daran, dass das gelesene und gehörte Wort in der Muttersprache nicht immer mit ausreichender Konzentration vernommen wird. Das Zuhören und Lesen in einer Fremdsprache ist womöglich eher durch Wissbegierde ausgezeichnet und scheint mir somit gesammelter zu sein.

Auch beim Singen unserer ostkirchlichen Gesänge in unserer Heilig-Geist-Kapelle, in der die Gottesdienste hauptsächlich in deutscher Sprache gefeiert werden, ergeht es mir oft so. Schlagartig komme ich auf einen Gedanken, werde von einer blitzartigen Idee geradezu überwältigt oder bleibe einfach bei einem Wort oder Ausdruck hängen. Ich denke mir bzw. frage mich dann zugleich: Das war mir doch in der Muttersprache gut bekannt, warum habe ich dies bisher nie so gesehen oder verstanden?

In solchen Augenblicken, wenn sich das gelesene oder gehörte Wort plötzlich neu erschließt und ganz lebendig wird, wird man wirklich mit großer, innerer Freude und Zufriedenheit erfüllt. Denn als aufnehmender und meditierender Mensch geht man an die Inhalte der Texte und Lieder aus verschiedensprachigen Perspektiven heran, aus so vielen Blickrichtungen, wie viele Sprachen ich beherrsche. Wahrscheinlich ist gerade diese Erfahrung in den eingangs zitierten Sprichworten in Worte gefasst: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch“.

Auch im Geheimnis der Menschwerdung Gottes, des Wortes Gottes, bzw. seiner Geburt, die wir als Christen in diesen Tagen feiern, kommen die beiden Sprüche zum Tragen. Gott lässt nicht nur uns reifen und uns durch das Erlernen von Fremdsprachen wieder und wieder Mensch werden, sondern er geruhte in seiner Liebe zu den Menschen selber Mensch zu werden. Er hat unsere Sprache gelernt. Er hat die Sprache unseres Fleisches und Blutes gelernt und ist Mensch geworden, um uns zu verstehen und sich uns ganz und gar verständlich zu machen.

In der Freude über das Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, des wahren Menschen, der durch die Menschwerdung unsere Sprache spricht, grüßen wir vom Collegium Orientale alle Leserinnen und Leser des Blogs WEITBLICK mit einem ukrainischen Weihnachtslied in der wunderbaren deutschen Übersetzung von Michael Grill (München), die mich unter anderem zu diesem kleinen Impuls angeregt hat: „Himmel und Erde singen, jubilieren … (Satz: o. Nezhankivskyy / R. Stetsyk; Chor des Collegium Orientale)“

Ausharren an der Grenze zum Lande des Terrors – ein Besuch bei den Christen im Irak

Der Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, Archimandrit Dr. Thomas Kremer, hat im März 2016 zusammen mit Prof. Dr. Karl Pinggéra (Marburg) die christlichen Gemeinden im Irak, näherhin in der Autonomen Region Kurdistan, besucht. Einige seiner Eindrücke hält er in diesem Beitrag fest.

Ruhig ist es auf der Terrasse von Mor Mattai, kein Geräusch ist zu hören. Der Blick schweift in die Ferne, die Ebene liegt zu unseren Füßen. Es ist Frühling. Die Felder stehen in saftigem Grün, die Sonne scheint hell und klar. Kornkammer Mesopotamien, uraltes Kulturland. Alles wirkt so friedlich, so harmlos, so in Ordnung, wo doch von Ordnung und Friede die Rede nicht sein kann. Unser Blick schweift vorbei an Ninive hinüber nach Mossul, Hochburg des sogenannten „Islamischen Staates“, der gar nicht verdient „Staat“ genannt zu werden und „islamisch“ eigentlich auch nicht. Da unten stehen sie, die Schergen islamistischer Söldner aus allen Landen, kaum drei Kilometer entfernt. Da irgendwo verläuft auch die Front zwischen den Feldern. In der Ebene kleine Städte, ehemals christlich. Heute sind sie verlassen, überrannt nicht nur von wütenden Kriegern, sondern vor allem vom Hass und der Verstocktheit derer, für die Respekt und Achtung des anderen und seiner Kultur Fremdworte sind. Da stehen wir nun, in dem syrisch-orthodoxen Kloster, das, so erzählt die Geschichte, 363 gegründet, sich klammert an den Berghang des Jebel Maqlub, sich im Innern in Höhlen in ihn auch eingrub, um sich untrennbar mit diesem Land zu vereinen. Mehr als eineinhalb Jahrtausende ist hier der Lobpreis Christi erklungen, in seiner eigener aramäischen Sprache. Über allem schwebt heute gespenstische Ruhe: Ist es die Ruhe vor dem nächsten Ansturm des Wahnsinns? Die Totenruhe der geplünderten Städte, die hinaufsteigt? Die Angststarre derer, die geblieben sind und doch nicht wissen, wann vielleicht auch sie Hals über Kopf weglaufen müssen, eine der ältesten christlichen Stätten verlassend?!

Der Besuch in Mor Mattai steht symptomatisch für das, was man erleben kann, wenn man heute zu den Christen im Irak aufbricht: ein Leben am Rande des Abgrunds, das aber voll ist von Hoffnung und einem Tatendrang, bei dem nicht immer klar ist, ob es wirklich Zuversicht oder auch Trotz ist, der zum Neuaufbau antreibt. Viele Christen haben das Land längst verlassen. Die andern konzentrieren sich auf einige Orte. Sicher, in Bagdad sind manche geblieben, es ist ja die Hauptstadt. Doch die meisten sind in Erbil, dem Zentrum der Autonomen Region Kurdistan. Oder um genauer zu sein: in Ainkawa, einem in sich geschlossenen Vorort nördlich der Stadt, selbst schon zur eigenen Stadt geworden. Hier wohnen nur Christen. Der Begriff des Ghettos wäre zu vorbelastet und auch zu negativ besetzt. Und doch lebt man unter sich, Christen verschiedener Bekenntnisse, die „Ökumene des Blutes“ schweißt sie zusammen. Den Einheimischen mangelt es nicht an Geld, die Häuser sind bestens in Schuss. Für die vielen freilich, die geflüchtet sind, Zehntausende aus Mossul und den eroberten christlichen Orten der Ebene, die meisten von ihnen syrisch-katholisch, ists freilich bitter, das Erbland der Väter in 30 oder 50 Kilometer Entfernung verwüstet zu wissen und selbst in Containern zu darben, demütig auszuharren in Blechbüchsen, die wie Karawanen von einem Kriegsschauplatz dieser Erde weiterziehen zum nächsten.

Immerhin professionell eingerichtet sind sie und gut auch versorgt, nicht nur mit dem Brot allein, das der Tod wahren menschlichen Lebens ist. An einem Abend werden wir eingeladen ins Flüchtlingscamp Mar Elia. Der Apostolische Nuntius, Bischof Alberto Ortega Martín, macht seinen Antrittsbesuch im Norden des Landes. Sehr praktisch, so ist alles bereitet und wir brauchen bloß seinen Fußstapfen zu folgen, um überall offene Türen zu finden. Im Camp Mar Elia empfängt uns Pfarrer Douglas al-Bazi. Er war in den Händen des IS, doch ist ihm entronnen: ein Mann voller Tatendrang. Unermüdlich müht er sich um die vielen inlandsvertriebenen Christen, baut Camps auf, reist ins Ausland, sammelt Geld, vermittelt Exil, besonders im Osten Europas. Unter dem Vielem, was mich an ihm faszinierte, ist eines besonders zu nennen: Er hat den ganzen Menschen im Blick, Leib und Seele vereint, darin offenbart sich sein wahrhaft christlicher Geist. Zum Konzept seiner Camps gehört zunächst und vor allem ein Kirchengebäude: Ort der Zuflucht, der Hoffnung, des Trostes – sicherer Anker in Zeiten des Sturms, so wie zugleich Bischöfe und Priester als geistliche Väter Zuflucht und Heimat der vertriebenen Seelen sind. Professionelle Behandlung der Traumatisierten und Betreuung der Kinder nach einem wohldurchdachten, anspruchsvollen pädagogischen Konzept in Kindergärten und Schulen sind sichergestellt: Hier werden Menschen nicht bloß irgendwie halbherzig versorgt, hier wird einer Generation vermittelt, dass es Zukunft gibt, für sie, und zwar in ihrem eigenen Land. Die selbst bereiteten Speisen schmeckten köstlich, und zu Ehren der Gäste wurden Tänze aufgeführt. Die Kinder hatten ihren Spaß und die Erwachsenen auch. Das Leben geht weiter, auch am Rande des Abgrunds, und es ist viel zu kurz und zu wertvoll, um sich die Freude daran stehlen zu lassen.

Einer, der wie kaum ein anderer vieles bewegt, war auch mit dabei: Erzbischof Bashar Warda, das Oberhaupt der katholischen Chaldäer in Erbil. Mit 46 ist er noch jung, über fünf Jahre schon leitet er das Geschick seiner Kirche vor Ort, ein Mann, der an die Zukunft der Christen glaubt. Er predigt mit Überzeugung vom Bleiben und begeistert viele, schenkt den Menschen stets neuen Mut. Er ist aber auch ganz ein Mann des Konkreten, ein begnadeter Organisator seiner Projekte: neue Kirchen ließ er entstehen, baute ein Zentrum mit Priesterseminar, kirchlicher Kurie und Wohneinheiten für vertriebene und alte Priester, und er steht überall zur Seite, wo es in den Camps an irgendetwas mangelt. Er ist ein Mann unserer Zeit, der es auch versteht, die kurdische Regierung für die Sache der Christen zu gewinnen, die schon Millionen in seine Projekte gesteckt hat. Das jüngste Vorhaben ist die Katholische Universität Erbil. Am 8. Dezember 2015 gegründet, ist der Campus gerade im Entstehen begriffen. Nun werden zahlreiche Hektar Ackerland am Rande der Stadt verwandelt in ein Zentrum der Bildung – professionell und mit hoch gesteckten Zielen.

Es ist erstaunlich, doch beschreiben diese Eindrücke die Grundstimmung Ainkawas. Trübsal und Resignation trifft man nur selten, obschon an Gründen dafür Mangel nicht herrschte. Man hat den Eindruck, ein jeder versucht, das Beste in seiner Lage zu tun, konzise und stets das Ziel vor Augen. Von dem orientalischen Phlegma, das den Dingen ihre Patina anhaften und die Menschen gleichgültig erscheinen lässt, ist kaum etwas zu spüren. Dafür aber gibt es viele Idealisten, deren Taten es wert sind, sich dem Gedächtnis der Menschheit einzuprägen. Einer von ihnen ist P. Nageeb Michaeel OP. Er ist ein echter Büchernarr, liebt seine Handschriften wie eigene Kinder und schläft gar bei ihnen. Er war es, der den Ernst der Lage witterte und aus Mossul rettete, was einer allein retten kann: die Bibliothek der Dominikaner mit ihren kostbaren Schätzen, mit Schubkarren und einer alten Camionnette im letzten Augenblick in Sicherheit gebracht. Großartige Bauten können die Christen des Orients nicht vorweisen, keine Dome und Kathedralen wie hierzulande. Ihr kulturelles Gedächtnis lebt in den Büchern, in den Manuskripten vergangener Jahrhunderte, welche die Poesie der großen syrischen Dichter auffangen, ein Florilegium poetisch-symbolischer Theologie, wie es nur von Menschen gepflückt werden kann, für die die Schönheit der Worte Ersatz ist für den Mangel an Farbe in der Kargheit der Wüste. „Centre Numérique des Manuscrits Orientaux Dominicains“ steht stolz an der primitiven Behausung von P. Nageeb im Erdgeschoss eines unvollendet gebliebenen Hotels. Dort arbeitet er unermüdlich mit seinem Team, katalogisiert, digitalisiert und restauriert auf höchstem Niveau. Absurde Nostalgie in Zeiten größerer Not? Keinesweg. Der Mensch braucht Identität, und P. Nageeb rettet, was christliches Leben im Irak immer schon ausmachte.

So gehen auch wir den Spuren der Geschichte nach und fahren nach Mor Mattai, nach Alqosh mit seinen Klöstern Rabban Hormizd und Notre Dame des Semences, begegnen dem Archidiakon Emanuel Youkhana von der Assyrischen Kirche des Ostens in Dohuk, dem Leiter des „Christian Aid Program Nohadra-Iraq“, und besuchen auch das Heiligtum der Jesiden in Lalesh. Mesopotamien: Land der Aramäer, Assyrer, Chaldäer. Die Völker von einst gibt es nicht mehr, doch die Christen von heute lassen die Erinnerung an sie weiterleben, wenn sie sich selbst nach ihnen benennen. Anachronistisch mag man das nennen. Und auch wenns so ist, dann ist wie in allem doch auch etwas Wahres daran: dass nämlich die irakischen Christen zutiefst ihrem Lande verbunden sind, gleichsam mit ihm verwachsen seit den ersten Tagen der Christen. Sie wollen nicht bloß Ausharren an der Grenze zum Lande des Terrors. Sie wollen leben und das Leben der anderen fördern, wollen lebendiger Teil einer modernen irakischen Gesellschaft sein, Teil ihres Landes, das in seiner langen Geschichte immer schon verschiedene Kulturen, Ethnien und Religionen miteinander zu vereinen vermochte. Die neue Katholische Universität in Erbil-Ainkawa ist vielleicht das sprechendste Zeichen der Hoffnung, dass es Zukunft gibt in diesem Land – auch für die Christen.

Wenige Tage und doch eine Fülle von Eindrücken. Nur ungern bestieg ich die Maschine nach Ankara, Istanbul und weiter nach München. Gerne wäre ich noch geblieben. Die Gastfreundschaft der Iraker ist großartig, ihre Herzlichkeit anrührend, Ainkawa, ja auch Alqosh und Dohuk sind Orte, in denen man bleiben möchte. Zuhause bei Freunden, Schicksalsgenossen, denn wem könnte das Schicksal anderer Christen je gleichgültig sein. Und dennoch: Es war Mor Mattai, das sich mir am tiefsten ins Herz gegraben hat. Shawki Sham‘un, ein junger syrisch-katholischer Christ aus Baghdeda, hat uns dorthin begleitet. Auf der Terrasse des Klosters hält er mit dem Feldstecher Ausschau. Vor ihm ein Hügel und dahinter ebenjenes Baghdeda, seine Heimat. So nah, ein Fußweg von zwei Stunden vielleicht, und doch unerreichbarer als eine verlassene Insel im Ozean. Auch er gehört zu denen, die am 6. August 2014 Hals über Kopf weglaufen mussten. Wann er je seine Heimat wiedersehen wird, ist ungewiss. Und was er dann wiederfinden wird, wenn der Weg über den Hügel noch einmal frei wird… Die Christen im Irak sind traumatisiert, und doch lebt die Hoffnung in ihnen weiter. Im Diwan des Klosters begegnet uns später die Familie des Shamshono Jakob Matti. Auch sie mussten fliehen, aus Bartilla in der Ebene, und wohnen heute in Zako. Ob sie noch einmal zurückkehren oder für immer den Irak verlassen werden? Ja, sie wollen zurück, wenn ihnen internationaler Schutz gewährt wird, zurück in ihre Heimat, denn wenn sie sich erst in alle Welt zerstreut haben, ist ihre Kultur und ihr Erbe für immer verloren. Und so bleibt, wer bleiben kann. Der Bischof und die sechs Mönche von Mor Mattai harren aus am Rande des Abgrunds und strahlen die beeindruckende Zuversicht aus, dass der IS die letzten beiden Kilometer zu ihnen nie überwinden werde. Und die kurdischen Peschmerga versichern uns, sie hätten die Lage völlig im Griff.

Wir verlassen den Diwan und treten in der Kirche mit Vater Jakob an das Grab des Gründers Mor Mattai und an das Grab des großen Gregorios Bar Hebräus. Wir beten gemeinsam mit den Worten, die uns gleichermaßen vertraut sind, die Worte Jesu, in seiner eigenen Sprache: „Wa-shebuq lan chaubain wa-chtohain, aikano d-of chnan shbaqn l-chayobain…“ Welch eigenen Klang entfalten diese Worte aus dem Vaterunser an diesem Ort: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“ Ein anrührender Augenblick, der erklärender Worte nicht bedarf. Christliche Präsenz im Nahen Osten ist mehr als die Sache persönlichen Glaubens. Christentum ist kulturprägend und kulturbildend. Es hat die Kraft, Frieden zu stiften in einem Landstrich, zu dessen Identität immer auch religiöse Pluralität gehörte. Es gibt viele gute Gründe dafür, darauf zu hoffen, dass Christen dort weiterhin Zukunft haben werden.

Jamala, Herr der Ringe und die Ukraine

Was könnte der Sieg von Jamala beim ESC 2016 noch alles bedeuten?

#Eurovision 2016, #Ukraine, #Jamala: Unter diesen Stichwörtern erscheint in der Internet-Suche als Erstes der Text des Liedes in Englisch und Deutsch, das beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen hat:

When strangers are coming
They come to your house
They kill you all
And say
We’re not guilty

We could build a future
Where people are free
To live and love
The happiest time

Wenn Fremde kommen
Kommen sie zu eurem Haus
Sie töten euch alle
Und sagen
Wir tragen keine Schuld

Wir könnten eine Zukunft erschaffen
Wo die Menschen frei sind
Zu leben und zu lieben
Die glücklichste Zeit

Das Lied Jamalas, einer Krimtartarin aus der Ukraine, ist ein sehr persönliches Lied. Es berührt den Hörer wegen des persönlichen Schicksals von Jamalas Urgroßmutter, auf dessen Grundlage das Lied entstanden ist. Trotz der Kürze des Liedes lässt der Text wegen seiner aktuellen Brisanz den Hörer tief in die Geschehnisse von damals eintauchen. Das Lied handelt von der Vertreibung der ethnischen Krimtataren im Jahre 1944 von der Krim nach Zentralasien im Rahmen der stalinistischen Säuberungen, unter denen die Ukraine mehrmals zu leiden hatte. So gab es neben der Verschleppung der Krimtartaren auch den Holodomor, die künstlich hervorgebrachte Hungersnot in der Ukraine, in der Millionen sterben mussten.

Erich Maria Remark schrieb einst: „Der Tod eines einzelnen ist eine Tragödie, der Tod von Millionen Statistik“ (Der schwarze Obelisk). Man vergisst die Zahlen leicht, wenn man die Namen nie gekannt hat. Eine ukrainische Dichterin, Lina Kostenko, hat dazu einmal tiefgehend und treffend geschrieben: „Alles muss vergehen, weil sonst nichts entstehen kann. Aber wenn dein Vater vergeht … tut es weh“. So hat Jamala ihre persönliche Familiengeschichte besungen, sie der Welt erzählt und damit den unbekannten Opfern ein Gesicht – und einen Namen – gegeben. Die Welt hat ihr zugehört.

Der ESC fand in diesem Jahr am Pfingstwochenende statt und so kann gesagt werden, es ereignete sich von neuem ein kleines Pfingstwunder: Jamala hat Englisch und Tatarisch gesungen und die Zuhörer konnten sie und ihre Botschaft in den verschiedenen Ländern verstehen. Im Vorfeld des ESC 2016 wurde Jamala von Journalisten gefragt, was ein eventueller Sieg für sie bedeuten würde. Jamala antwortete ganz spontan: Dann würde ich mich von allen verstanden wissen. Und dies ist auch zur Freude vieler eingetreten.

Durch Jamalas Lied wurde nicht nur dem Schmerz einer einzigen ukrainischen Familie eine Stimme gegeben, sondern das Leid der ganzen Ukraine gehört. Und hierbei wurde nicht nur das Leid aus der Vergangenheit, sondern die heutige Tragödie – das Vertreiben ganzer Dörfer, Städte und Gebiete – wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch wenn der Fokus der Medien zurzeit verständlicherweise auf den Nahen und Mittleren Osten gerichtet ist, geht der Krieg im Osten der Ukraine weiter, mit täglichen Meldungen über Verwundete, Vermisste und Tote. So starben zum Beispiel gestern sieben Menschen: Sieben Tote bedeuten sieben betroffene Familien, Eltern, Eheleute, Kinder und Freunde …

In dieser für ihr Heimatland schwierigen Zeit hat Jamala der Ukraine eine Stimme verliehen, um durch ihr Lied die in der Geschichte geschehene Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu benennen. In ihrem Lied trug sie jedoch auch die Hoffnung auf eine Zukunft weiter, eine menschenwürdige und friedliche Zukunft, besonders für ihr Land und dessen Nachbarn, bewohnt von Menschen mit redlichen und friedlichen Herzen.

Jamala und die ganze Ukraine sowie alle, die für sie gestimmt haben, freuen sich über ihren Sieg. Aber hat dieser Sieg beim ESC 2016 sonst noch eine Bedeutung?

Die Buchserie von Tolkien (v. a. „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“) wird oft als das beste literarische Werk des 20. Jahrhunderts bezeichnet, unter anderem weil ihr Autor selbst im Ersten Weltkrieg war und aus persönlichen Erfahrungen und einer besonderen Hoffnung schreibt. Einige Gedanken aus seinen Werken können auch einen neues Licht auf den ukrainischen Konflikt werfen.

Für Jamala: „Es ist nutzlos, Rache zu erfüllen mit Rache; es heilt nichts“ (Frodo in Die Rückkehr des Königs). Im 21. Jahrhundert, da es noch so viele Kriege in der Welt gibt, ist jeder dazu berufen, auf seine Weise die Botschaft des Friedens weiterzugeben und zu verbreiten. Die Familie der Sängerin  bewahrt die Erinnerungen an die furchtbare Vergangenheit, die sie besingt. Das Lied ist jedoch nicht vom Gefühl und Wunsch der Rache motiviert, sondern ihr Inhalt verweist auf die Zukunft, die schön und friedlich erhofft wird. Die Wahl Jamalas spricht für die Gesellschaft und die jungen und älteren Generationen: Die Zuhörer sind keine oberflächlichen Menschen, sie sind empfänglich auch für die tiefsten Empfindungen der Seele und für die ernsten Dinge eines menschlichen Lebens; vielleicht auch besonders sensibilisiert durch die humanitären Migrationskatastrophen unserer Zeit. Für die Sängerin ist der Sieg somit eine zufriedenstellende und befreiende Erfahrung, dass auch ernste und authentische Lieder heutzutage Gehör finden.

Für die Ukraine: „Krieg muss sein, solange wir unser Leben verteidigen gegen einen Zerstörer, der sonst alle verschlingen würde; aber das blanke Schwert liebe ich nicht um seiner Schärfe willen, den Pfeil nicht um seiner Schnelligkeit willen, den Krieger nicht um seines Ruhmes willen. Ich liebe nur das, was sie verteidigen: die Stadt der Menschen…“ (Faramir in Die zwei Türme). Für die Ukrainer ist derzeit sehr wichtig, nicht zu vergessen, warum man kämpft und wen man verteidigen will. Solange man für seine Heimat und für seine Verwandten kämpft, ist das meiner Meinung nach gerecht und auch verpflichtend. Es darf jedoch nicht einfach einen Krieg um eines Krieges selbst willen und ein Blutvergießen aus rachesucht geben. Der Krieg darf insbesondere nicht zu einem Geschäft werden. Wenn wir wirklich den christlichen Frieden wollen, dann ist das Ziel berechtigt, von Gott gesegnet und es wird auch erreicht werden. Jamala geht uns mit ihrem Aufruf zum Frieden unter den Menschen als Vorbild voran!

Für die Eurovision-Show: „Es geht nichts über das Suchen, wenn man etwas finden will. Zwar findet man bestimmt etwas, wenn man sucht, aber es ist nicht immer das, was man gesucht hat“  (Thorin Eichenschild in Der Hobbit). Da der ESC vor allem eine Pop-Show genannt wird, weil es dem populus, also dem Volk bzw. uns allen gefallen sollte, ist es nicht sehr einfach ein Lied auszusuchen, das allen gefallen könnte. Wenn Jamals Lied dieses Jahr gewonnen hat, d. h. mit einer ziemlich schwierigen Melodie und schon gar keiner „Pop-Melodie“, mit einer Harmonie ethnisch-lokalen Kolorits, mit einer solchen schwierigen und tiefen Vorgeschichte und dementsprechenden Worten, kann das allein schon ein Zeichen sein, dass die Zuhörerschaft wächst und reift, nicht nur was ihre Anzahl angeht, sondern auch die Mentalität und die Wahrnehmung. Vieleicht hat man etwas Anderes gesucht; vieleicht hat man aber auch genau das Richtige gefunden, wonach man ursprünglich gar nicht gesucht hat.

Für die Welt:Wir können nicht entscheiden, wie viel Zeit uns gegeben wird […]. Aber wir können uns entscheiden, was wir mit dieser Zeit anfangen wollen(Gandalf  in Die Gefährten). Die Zeit vergeht, die Generationen ändern sich. Das Einzige, was sich nicht ändert, ist, dass die Menschen kämpfen und zwar immer und nur untereinander. Anstatt diesen Ring des Todes, des Bösen, der Kriege, der Sünde zu zerstören oder zumindest eindämmen zu wollen, will man den Ring immer noch behalten, ja erweitern. Aus diesem Grund ist der Mensch bereit, seinen Bruder zu töten. Auf verschiedene Weise zeigt sich das überall in der Welt, nicht nur in der Ukraine. Der Sieg Jamalas ist deshalb wichtig, weil er zum Gesinnungswandel aufruft, zur Bereitschaft von uns allen, „eine Zukunft zu erschaffen, wo die Menschen frei sind, zu leben und zu lieben…“. Das meinte Tolkien auch, als er schrieb: „Die Welt ist wahrlich voller Gefahren, und es gibt viele dunkle Orte auf ihr; doch noch immer gibt es vieles Schöne, und obwohl heute in allen Landen Liebe mit Leid vermengt ist, wird das Schöne vielleicht um so größer“  (Haldir in Die Gefährten).

Die Vergangenheit soll man nie vergessen, aber wir nähern uns der Zukunft mit der Geschwindigkeit von 3600 Sek/Stunde, und die Zukunft ändert sich, während wir „unterwegs“ sind. Es kommt nun auf uns an, was unsere Kinder erleben werden: „Doch es ist nicht unsere Aufgabe, alle Zeiträume der Welt zu lenken, sondern das zu tun, wozu wir fähig sind, um in den Jahren Hilfe zu leisten, in die wir hineingeboren sind, das Übel in den Feldern auszumerzen, die wir kennen, damit jene, die später leben, einen sauberen Boden zu bestellen haben“ (Gandalf in Die Rückkehr des Königs).

„Deutschland soll sich für Versöhnung in Syrien und Irak einsetzen“

Interview mit Seiner Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan

Seine Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan, das Oberhaupt der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien, hat vom 21. bis 24. November die Diözese Eichstätt besucht. In diesem Rahmen führte Archimandrit Dr. Thomas Kremer, Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, am 23. November 2015 das nachfolgende Interview mit dem Patriarchen.

Eure Seligkeit, man spricht vielfach vom Reichtum der christlichen Traditionen des Orients. Den Gläubigen in Deutschland fällt es oft schwer, die Besonderheiten der einzelnen Traditionen zu unterscheiden. Sie sind der Patriarch der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien. Könnten Sie einen Eindruck vom Reichtum der Tradition Ihrer Kirche geben?

Patriarch Younan: Wenn wir von der Syrisch-katholischen Kirche sprechen, sprechen wir vom syrischen Erbe des Patriarchats von Antiochien – ein reiches Erbe, das aber noch immer in vielem unentdeckt ist, da die Römisch-katholische Kirche stets den Kontakt mit den Kirchen der byzantinischen Tradition stärker gepflegt hat, mit denen sie ja auch bis 1054 verbunden war. Wir dagegen sind bereits seit dem 5. bzw. 6. Jh. von den großen Zentren der römischen und byzantinischen Kirche abgeschlagen. Wir lebten unter muslimischer Herrschaft und wir wurden dadurch in vielem gebremst, etwa in Fragen der liturgischen Erneuerung, der Ikonographie, und wir waren in gewisser Weise gettoisiert. Wir konnten kaum mehr tun, als das zu bewahren, was wir aus den ersten Zeiten des Christentums geerbt haben. Dazu zählen die Texte so bekannter Väter wie Ephräm dem Syrer und Jakob von Sarug und anderer, die in syrischer Sprache geschrieben haben und der west- wie der ostsyrischen Tradition angehören. Diese Kirchen wurden durch die soziokulturelle Situation ins Abseits gedrängt, da wir stets unter Bedrohungen gelebt haben und in die Berge oder die Wüste abgedrängt wurden. Immer wieder wurden unsere Kirchen und Klöster aufgrund der jeweiligen Situation aufgegeben und zerstört. Der Westen hat im Allgemeinen eine unzureichende Kenntnis unseres spirituell-liturgischen Erbes. Dieses ist vor allem für seine Einfachheit bekannt. Es gab nie die großen theologischen Entwürfe wie im Westen und in der byzantinischen Kirche, doch wir blieben stets den Ursprüngen eng verbunden. Heute beginnt die Gesamtkirche glücklicherweise, sich für das syrische Erbe zu interessieren. Als syrische Kirchen – dazu gehören die syrisch-katholische, die syrisch-orthodoxe, die maronitische, aber auch die chaldäische und assyrische Kirche sowie die syro-malabarische und syro-malankarische Tradition Indiens – besitzen wir ein reiches spirituell-liturgisches Erbe, dessen Kennzeichen stets die Einfachheit ist.

: Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr
Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr

Die Kirchen syrischer Tradition verwenden bis heute nahezu dieselbe Sprache, die Jesus Christus selbst gesprochen hat. Hat die Verwendung und die Verwurzelung in der semitischen Tradition eine besondere Bedeutung für Ihre Kirche?

Patriarch Younan: Die syrische Sprache betrachten wir als einen großen Schatz. Uns ist es gelungen, sie zu bewahren trotz aller Hindernisse, die uns entgegengetreten sind. Wir haben sie in unserer Liturgie bewahrt. Aber leider kennen sie nicht mehr alle Gläubigen, abgesehen von denen, die in Gegenden wie dem Nordirak, dem Tur Abdin oder in der Gegend von Ma’alula lebten und leben, die bis heute einen aramäischen Dialekt sprechen. Leider konnten wir sie aufgrund der Umstände, die uns von den Regierungen auferlegt wurden, in den großen Städten als gesprochene Sprache nicht lebendig erhalten, wohin viele unserer Gläubigen aufgrund sozioökonomischer Gründe hinziehen mussten. Die Politik in Syrien, im Irak und in der Türkei, wo unsere Syrisch-katholische Kirche ihre Wurzeln hat, hat uns nicht gestattet, in unserer Sprache zu kommunizieren, so dass sie heute im Wesentlichen auf die Liturgie beschränkt ist und von Priestern und Mönchen beherrscht wird, die sie studieren. Leider sind wir Christen nicht mehr so sehr in unserer Sprache verwurzelt, so dass nur noch wenige Christen die Sprache Christi und der Gottesmutter sprechen. Anderen Religionen gelingt es besser, ihre Ursprungssprache zu bewahren, wenn wir an das Arabische und Hebräische denken. Vielleicht hatten wir die Vorstellung, dass die Universalkirche nicht an ein spezielles Gebiet und eine Sprache gebunden sei.

Kommen wir jetzt zur derzeitigen Lage. Können Sie uns beschreiben, wie sich heute die Situation der Gläubigen Ihrer Kirche angesichts der vielen aktuellen Probleme darstellt?

Patriarch Younan: Die Situation unserer Kirche als Gemeinschaft von Gläubigen zusammen mit ihrem Klerus ist derzeit sehr bewegt und steht vor der Gefahr einer regelrechten Auslöschung, des Verschwindens, denn die beiden Länder, in denen unsere Kirche seit Jahrhunderten ihre Wurzeln hat, Syrien und Irak, leiden unter einem brudermörderischen Krieg, einem konfessionellen Bürgerkrieg. Was wir erleben, ist ein äußerst gewalttätiger Krieg. Ein großer Teil der Infrastruktur ist zerstört, viele archäologische Monumente, Kirchen und Klöster. Unsere Kirche hat ebenso wie die syrisch-orthodoxe, die chaldäische und assyrische viele Beschädigungen hinnehmen müssen, vieles liegt in Ruinen. Die wesentliche Frage ist: Wie können wir unsere Gläubigen und Kleriker überzeugen, im Land unserer Vorfahren verwurzelt zu bleiben, sowohl in Syrien wie im Irak, und für die Zukunft eine hoffnungsvolle Vision zu entwickeln. In der Praxis versagt selbst diese optimistische Vision vielfach. So stehen wir vor der Tatsache, dass es einen verstärkten Exodus der Christen gibt, insbesondere seit dem vergangenen Jahr und der Entwurzelung von mehr als 140.000 Christen aus Mossul und der Ebene von Niniveh. Sie hoffen, zu ihren Dörfern und Ländereien zurückkehren zu können, während bis auf den heutigen Tag diese terroristischen Banden, die sich „Daesch“ oder „Islamischer Staat“ nennen, immer noch die Herrschaft über diejenigen Gebiete ausüben, wo die Christen in einer relativen Freiheit leben konnten. Ähnliches gilt auch für Dörfer in Syrien, etwa im Nordosten Syriens oder nordöstlich von Homs, wo ebenso das Überleben unserer Christen ernsthaft bedroht ist. So ist die Kirche immer wieder herausgefordert, auf die Bedürfnisse unserer Gläubigen und Gemeinden zu reagieren. Es geht nicht nur um die grundlegende humanitäre Versorgung der Menschen, sondern darum, wie man sie inspirieren kann, Zuversicht angesichts der Zukunft zu gewinnen.

Darf ich Sie angesichts der schwierigen Lage nach den ökumenischen Beziehungen unter den christlichen Kirchen fragen: Arbeiten die Kirchen der verschiedenen Konfessionen im Vorderen Orient zusammen, um die Probleme gemeinsam zu lösen und die christlichen Gemeinden zu retten?

Patriarch Younan: Wissen Sie, Papst Franziskus hat einen Satz geprägt, der sehr ausdrucksstark ist, wenn er davon spricht, dass unsere christliche Berufung und die Botschaft unseres Glaubens darin besteht, dass die Christen heute an der „Ökumene des Blutes“ teilhaben. Das heißt, dass im Vorderen Orient den Christen aller Kirchen, der orthodoxen, katholischen und protestantischen, diese barbarische, terroristische Bedrohung bewusst ist und alle Kirchen Märtyrer und Bekenner des Glaubens zu verzeichnen haben. Sie alle müssen Unterdrückung und Gefängnis ertragen. Was den geschwisterlichen Umgang miteinander anbelangt, hat dies die Kirchen einander näher gebracht. Die Kirchenführer werden nicht müde, sich zu versammeln, um diejenigen, die die politische Macht besitzen, zu ersuchen, ihre Politik zu ändern und den Frieden im Vorderen Orient zu fördern, insbesondere um den Christen zu helfen, fest in ihren Heimatländern verwurzelt zu bleiben. Was unsere beiden Kirchen syrischer Tradition anbelangt, die orthodoxe und die katholische, kann ich sagen, dass wir in bestem Kontakt stehen. Wir hatten noch nie eine Zeit eines solch wahren ökumenischen Kontaktes zwischen unseren Kirchen. Wir, Orthodoxe wie Katholiken, betrachten uns als eine syrische Kirche mit einem orthodoxen und einem katholischen Zweig. Mit der Wahl des neuen syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Ephräm II. Karim haben sich diese Kontakte sowohl in der Qualität wie in der Quantität intensiviert. Wir treffen uns oft, sprechen regelmäßig miteinander und beraten uns gegenseitig in der Frage, wie wir dieser entsetzlichen Situation unserer syrischen Kirchen begegnen sollen. Mehrfach haben wir im Irak und in Syrien gemeinsam Flüchtlinge und ihre Helfer besucht, um sie mit Zuversicht und Hoffnung zu erfüllen. Dabei denken wir auch beständig darüber nach, wie sich unsere Kirchen noch mehr als in der Vergangenheit näher kommen können, auch um die Pastoral unserer beiden Kirchen sowohl im Vorderen Orient wie auch in der Diaspora stärker zu koordinieren.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, möchten Sie in guter Zusammenarbeit mit der Syrisch-orthodoxen Kirche den Gemeinden in ihrer Heimat bei ihrem Überlebenskampf helfen, aber ebenso auch diejenigen als Gemeinden sammeln, die in die Diaspora gegangen sind.

Patriarch Younan: Auch hier zeigt sich, dass die Gläubigen uns oft in der Frage einer wahren Ökumene voraus sind. Deshalb hindern wir unsere Gläubigen in keiner Weise daran, wenn sie ihre christliche Berufung in Gemeinschaft mit der Syrisch-orthodoxen Kirche leben möchten, da wo wir keine kirchlichen Strukturen besitzen. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Trennung rein nominal gewesen ist und nichts mit der Substanz unseres christlichen Glaubens zu tun hat. Wir gehen sogar so weit, gemeinsam an der Eucharistie teilzunehmen. Ich nehme keinerlei Anstoß daran, wenn man die Kommunion in einer syrisch-orthodoxen Kirche empfängt, um unsere Einheit im Glauben und in den Sakramenten zu bezeugen. Ich selbst kann diese Position nicht teilen, dass man zunächst die volle Kirchengemeinschaft verwirklicht haben müsse, um die Kommunion teilen zu können. Wenn wir davon überzeugt sind, dass in unseren beiden Liturgien die eine wahre Eucharistie gefeiert wird, warum sollten wir uns dessen enthalten, die Kommunion in dieser selben Liturgie zu empfangen, in der die eucharistische Gegenwart des Herrn wahrhaftig ist?! Ich habe es selbst schon praktiziert, auch einige Bischöfe, sicher nicht wenige Priester und wir empfinden kein Problem dabei. Wir sind die einzigen Schwesterkirchen, die diese Überzeugung teilen, dass uns nichts wirklich Substantielles trennt außer den historischen Umständen, die leider zur Trennung geführt haben, als sich ein Teil der Orthodoxen mit dem Heiligen Stuhl von Rom wiedervereinigt hat. Wir sind an den Punkt gekommen, das Vergangene zu überwinden. Wir bleiben nicht in der Vergangenheit verhaftet, sondern müssen in die Zukunft schauen, da wir alle vor die Herausforderung gestellt sind, zu überleben. Das fordert unsere Aufmerksamkeit, und dem geben wir die Priorität.

Ich danke Ihnen von Herzen für diese große ökumenische Vision! Mit Ihrer Offenheit können Sie anderen Patriarchen und Bischöfen ein wunderbares Beispiel geben.

Ich möchte nun zu Frage einer möglichen Unterstützung kommen. Sie sind nach Deutschland gekommen, in ein Land, das in verschiedener Hinsicht die Möglichkeit besitzt, womöglich auch Ihrer Kirche zu helfen. Ich denke insbesondere an die Position der deutschen Regierung. Vielleicht können Sie etwas dazu sagen, welche Unterstützung Sie sich wünschen.

Patriarch Younan: Was die deutsche Regierung anbelangt, so wünschen wir uns, dass sie sich wesentlich stärker einbringt und engagiert, um die verschiedenen Konfliktparteien miteinander zu versöhnen, sowohl in Syrien wie im Irak. Die Tatsache, dass Deutschland Abertausende von syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat, ist eine schöne Geste von Freundschaft, Geschwisterlichkeit und Gastfreundschaft. Aus humanitärer Sicht ist das sehr lobenswert. Wir wünschen uns, dass Deutschland noch einen Schritt weiter geht, um die wahren Ursachen für diesen massiven Exodus von Hunderttausenden Syrern zu ergründen.

Welches sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Patriarch Younan: Die westlichen Länder haben die Uneinigkeit und die Konflikte geschürt und nicht geholfen, die Konfliktparteien zu versöhnen und im Dialog eine demokratische Lösung zu finden und sie auf das Ideal der Menschenrechte und die wahren Ideale einer echten Demokratie zu gründen. Wir wünschen uns, dass die deutsche Regierung sich nicht darauf beschränkt, Flüchtlinge aufzunehmen, sondern dass sie sich mit allen Beteiligten guten Willens zusammentut, um die Konfliktparteien zu versöhnen. Die humanitären Hilfen werden in höchstem Maße geschätzt, da sie auf die Bedürfnisse der leidenden Menschen, derer, die alles verloren haben, antworten und auf die Hilfe ihrer Brüder und Schwestern in Deutschland angewiesen sind.

Erlauben Sie mir noch, den Wunsch zum Ausdruck zu bringen, dass die westeuropäischen Länder sich noch stärker darin engagieren, den Ländern des Vorderen Orients zu helfen, eine stabile Situation in Frieden und Wohlstand wieder zu erlangen, insbesondere indem der gegenseitige Respekt wiederhergestellt wird. Wenn Deutschland und Europa etwas zu sagen hat, sollten sie nicht nur die eigenen materiellen Interessen verfolgen und dabei die Prinzipien und Werte vergessen, auf denen Europa gegründet worden ist. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass ein Land, das man bezichtigen kann, eine Diktatur zu sein, immer noch viel besser ist als ein Land, das einem religiösen Totalitarismus unterliegt, d. h. dass es über alle Maßen schlecht ist, wenn die Religion in das private Leben des Einzelnen und in das öffentliche der ganzen Gesellschaft eingreift. Wenn man eine Wahl zu treffen hat, muss man die Regime wählen, die eher laizistisch sind und die Freiheit den Minderheiten und unter ihnen eben auch den Christen gewährleisten. Das, was ich mir wünsche, ist, dass Europa wahrhaft Europa ist und als Gemeinschaft von vielen Staaten, die sehr viel im internationalen Kontext zu sagen haben, seine Entscheidungen trifft und sich nicht vor allem von den Amerikanern und den Russen ihre Lösungen diktieren lässt.

Eure Seligkeit, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für ihre klaren Worte und für dieses ausführliche Gespräch!

Erlauben Sie mir zu guter Letzt noch die Frage zu ergänzen, in welcher Weise die Diözese Eichstätt und insbesondere das Collegium Orientale seinen Beitrag leisten kann.

Ich bin dem Collegium Orientale und seinen Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich so brüderlich und mit so großer Hingabe empfangen worden bin. Ich glaube, dass das Collegium Orientale in Eichstätt eine besondere Berufung besitzt, und ich hoffe, dass es sowohl in Deutschland wie auch in Europa eine immer größere Bekanntheit erlangt, damit wirklich in die Tat umgesetzt werden kann, was wir mit dem Worten des hl. Papstes Johannes Paul II. bekennen, dass die Kirche mit zwei Lungenflügeln atmet, dem des Ostens und dem des Westens. Und das ist wahr. Es gibt einen so großen Reichtum in beiden Teilen der Kirche, in den beiden Traditionen. Es berührt mich sehr, dass das Collegium Orientale sowohl Seminaristen wie auch Priester, die postgraduierte Studien betreiben, aufnimmt und sich dabei nicht auf die Kirchen byzantinischer Tradition beschränkt, sondern eben auch offen ist für die Kirchen syrischer Tradition. Wir freuen uns, dass im kommenden Jahr einer unserer Priester mit seinem Promotionsstudium im Collegium Orientale beginnen wird, und ich hoffe, dass wir weitere Kandidaten entsenden können, die ihre Studien der syrischen Tradition in diesem Collegium vertiefen möchten.

Vielen Dank, unsere Türen sind stets geöffnet – für Sie, für Ihre Priester und Seminaristen und für die Gläubigen Ihrer Kirche! Wir vom Collegium Orientale wünschen Ihnen die Kraft, Ihren Gläubigen auf der ganzen Welt beizustehen. Wir fühlen uns den Kirchen der syrischen Tradition mit ihrem spirituellen Reichtum aufs Engste verbunden und wünschen Ihnen und Ihrer Kirche Gottes reichen Beistand für eine gesegnete Zukunft!

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