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Festhalten an der Hoffnung

Gott will bei uns ganz unten auf Erden in aller Einfachheit ankommen; eine Erinnerung an uns, auch auf den „Boden zu kommen“.

Ich schreibe aus meiner unruhigen Situation im Südsudan in Eure auch nicht gerade ruhige Zeit. Die Welt ist aufgemischt und steht vielerorts Kopf. Ein wirklicher Friede, der ja Menschsein erst möglich macht, ist anscheinend für viele Menschen in unendliche Ferne gerückt und wenn wir nicht aufpassen, dann bestimmen Unsicherheit und Angst (vor der Zukunft) unsere Gefühle; eine Mischung, die uns gar nicht weiter hilft und gut tut. Das Frohe und die Hoffnung verschwinden dann allzu leicht aus unserem Leben und die „Wüste“ bekommt Raum in uns. Wir wollen aber festhalten an der Hoffnung.

Der Bürgerkrieg hier im Land und der Terrorismus weltweit leben von der Rache. Aber wer hat schon die menschliche Größe, der Schwächere zu sein und die Spirale der Gewalt zu überwinden? Ein Mann, der beim Terroranschlag in Paris seine Frau verloren hat, sagte: „Meine Rache bekommen die Terroristen nicht, denn davon leben sie.“ Die Rache ist auch hier der Motor des Krieges.

So oft habe ich im zu Ende gehenden Jahr erlebt, dass eine Versöhnung nur schwer möglich ist. Dabei ist sie doch die einzige Alternative, damit es im Leben weitergeht. Ohne Versöhnung ist die Vergangenheit immer die Gegenwart und das Leben wird arm. Das höchste Gut in unserem Glauben ist die Versöhnung, die auf Liebe und Wahrheit aufbaut. In den Flüchtlingslagern hier am Stadtrand, wo trotz der Versorgung durch die UN nach zwei Jahren noch immer keine Perspektive zu sehen ist, stelle ich fest, dass der erste Schritt zu einer Versöhnung dann geschieht, wenn die Lage und das Leiden der Betroffenen wahrgenommen und anerkannt wird. Der Weg zum Frieden ist eben kein Kippschalter, sondern ein Prozess. Jeder will ernst genommen werden und die ausgesprochene Wahrheit, die hier oft leidvoll ist, ist Voraussetzung für jede Heilung.

Seit Mai arbeiten wir an einem Friedenszentrum in Kit nahe der Hauptstadt Juba und bis Mitte des kommenden Jahres 2016 soll das Zentrum hoffentlich fertig sein. Die hier im Land tätigen Ordensgemeinschaften haben lange überlegt, was in dem vom Krieg verwüsteten und Stammeskonflikten zerrütteten Südsudan aus missionarischer Sicht angesagt ist. Es wurde klar gesagt, dass wir hier nicht auf bessere Zeiten warten können. Aktive Friedensarbeit muss jetzt geschehen, jetzt wo so viele Menschen an den Folgen des unsinnigen Krieges leiden; denn traumatisierte und seelisch verletzte Menschen gibt es sehr viele.

Hunderte von Organisationen hier im Land bemühen sich – Gott sei Dank – um die vielfältigen Notlagen. Jedoch tut kaum jemand etwas für eine wahrhaft menschliche Entwicklung, denn das braucht Zeit, Kenntnis der Menschen und der Lage und unendliche Geduld. Kaum eine Einrichtung setzt sich mit den Menschen und ihren zum Teil „hausgemachten“ Problemen und ihrer Perspektivlosigkeit auseinander. Natürlich wissen wir, dass die Herausforderungen sehr groß sind: Die Feindschaft, der Hass und das Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen sind groß. Es gibt wenig Verständnis für das Gemeinwohl. Eine allgegenwärtige, militärische Arroganz und Härte prägen das Bild des Landes.

Es kann nicht sein, dass Konflikte, Verachtung und Ehrenkränkung immer nur mit Waffen ausgetragen werden. Die Versöhnungskraft unseres Glaubens an Christus, auf den sich ja viele hier berufen, ist keine fromme Idee, sondern ein Ausweg, wo sich alle anderen Wege verschlossen haben. So wollen wir festhalten an der Hoffnung, die uns Weihnachten aufs Neue bringt, nämlich wahrhaft menschlich zu werden.

Das Friedensprojekt der Ordensgemeinschaften ist ca. 15 km von Juba entfernt, nahe wo der Fluss Kit in den Nil mündet. Auf dem ehemaligen Land der Comboni Missionare entsteht das Friedenszentrum mit Konferenz-, Tagungs- und Unterkunftsmöglichkeiten für ca. 120 Personen. Für die Finanzierung des Zentrums haben sich Bischofskonferenzen, Diözesen und Hilfswerke stark gemacht. Klassische Spenden kommen hier nicht zum Einsatz. Es war das Anliegen der Orden, alle Unterstützer/Diözesen und Hilfswerke mit in die Mission in den Süd Sudan zu nehmen und ich denke, dass das gelungen ist.
Friedensarbeit durch schulische Bildung und Gemeindebildung

Wir sind hier 50 Comboni-Missionare, kommen aus allen Teilen der Welt und sind an 10 Orten des Landes tätig. Mithilfe Eurer Spenden konnte viel geschehen und geholfen werden: Schulprojekte (Bauten, Lern- und Lehrmaterialien und Schulgelder), Hilfe in den Flüchtlingscamps, Feldhacken und Saatgut für Menschen in den unsicheren Gebieten von UNITY- und JONGLEI STATES – Nahrungsmittelhilfe, Fischernetze, Brunnen und Bau von Krankenstationen. Wichtig sind die Gemeindearbeit und der Aufbau von Pfarreien als Ausgangspunkt für all unsere sozial-caritative Arbeit sowie der Einsatz für Gerechtigkeit und Friede. Ein ganz herzliches Vergelt’s Gott für Eure großherzige und ehrliche Hilfe.

Flüchtlingslager im Südsudan. Foto: Paul Jeffrey
Flüchtlingslager im Südsudan. Foto: Paul Jeffrey

Ich selbst verbringe die meiste Zeit auf der großen Baustelle in Kit und anderen kleinen Projekten wie Straßenkinder „Drop in Center“, Schul-Toiletten, Regenwasserschutz für Gebäude und Anlagen etc. Zu kurz kommt die spirituelle Seite meines Missionseinsatzes. Dazu kenne ich die Stammessprachen zu wenig und auch an der Zeit fehlt es. Gern gehe ich aber in die Flüchtlingslager oder helfe ein wenig mit in der Jugendarbeit, immer im Hinblick auf Friedensförderung.

Für das Neue Jahr 2016 Gesundheit, Gelassenheit, Geduld, Freude, Frohsinn, Friede und Gottes reichen Segen. Machen wir es wie Gott, werden wir einfach Mensch. Oder besser ausgedrückt und mein Weihnachtswunsch: „Werde Mensch wie Gott, Menschwerdung nach dem göttlichen Wie“.

Aus dem Herzen Afrikas

Seit Mai 2015 wird auf der Baustelle gearbeitet und bis Mitte des kommenden Jahres 2016 soll das Zentrum für Frieden, Versöhnung und das Überwinden von traumatischen Erlebnissen im Südsudan funktionsfähig sein. In den Jahren zuvor wurde viel innerhalb der Orden diskutiert, was in dem vom Krieg verwüsteten und von Stammeskonflikten zerrütteten Südsudan aus missionarischer Sicht angesagt sei. Die Genesis jedoch geht zurück auf verschiedene Tagungen und Besprechungen der „Religious Superiors‘ Association of South Sudan“ (RSASS). Der endgültige Beschluss wurde im Mai 2014 auf der Jahrestagung gefasst. Dies ist also die Zeit nach den Massakern im Dezember 2013 mit der bis heute andauernden Unsicherheit und Zerstörung. Es wurde klar gesagt, dass wir hier nicht auf bessere Zeit warten können, denn die Zeit der Not (Peace Building, Trauma Healing, Human and Spiritual Formation) ist jetzt.

Hunderte von Organisationen hier im Land bemühen sich, die vielfältigen Notlagen zu lindern, jedoch kaum jemand tut etwas für eine wahrhaft menschliche Entwicklung. Kaum eine Einrichtung setzt sich mit den Menschen und ihren „hausgemachten“ Problemen auseinander. Kaum jemand nimmt sich Zeit und hat den Mut, Konflikte offen anzusprechen. Nur das kann eine Veränderung bringen. Mit dem Projekt des Friedenszentrums versuchen die Orden einen tiefer gehenden Ansatz. Das Zentrum ist ein konkreter Weg, die christlichen Werte für ein menschliches Miteinander neu zu definieren und friedensbereite Menschen zu stützen und zu fördern. Diese machen die Erfahrung, dass ein friedliches und respektvolles Miteinander möglich ist und tragen diese Erfahrung in die Gesellschaft hinein.

Ein Zentrum in der Leitung der Ordensoberenkonferenz (RSASS).

Das Zentrum, das vom Zusammenschluss der 46 Ordensgemeinschaften, die im Südsudan arbeiten, geplant und geleitet wird, setzt gerade da an wo das Land und die Menschen kranken. Die größten Herausforderungen sind: Feindschaft, Hass und Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen, kaum ein Verständnis für ein Gemeinwohl und wie ein Staat funktionieren könnte, mangelnde Bereitschaft zur Versöhnung und damit keine Heilung von Menschenleben, das durch Krieg und blinde Gewalt zerstört worden ist. Eine allgegenwärtig militärische Kultur der Arroganz und Härte prägen das Bild des Landes. Die Orden, zusammen mit der Ortskirche, wollen einen Kontrapunkt setzen und das christliche Menschenbild für einen friedlichen Südsudan eindeutiger vorschlagen. Die Leitung des Zentrums wird deshalb eine Gruppe von Ordensleuten aus verschiedenen Kongregationen haben. Auch werden kirchennahe NGOs (Hilfswerke) die Möglichkeit haben, Kurse abzuhalten, die in das Zentrum inhaltlich (siehe Titel) passen. Auch werden regelmäßig für Ordensleute und Laien Exerzitien angeboten werden.

„Zusammensetzen, um sich auseinanderzusetzen“

Es gilt Menschen zusammenzubringen, deren Leben und Lebenswahrnehmung so unterschiedlich ist wie nur möglich. Es gibt, wie schon erwähnt, große Unterschiede innerhalb der Völker und Clans in Bezug auf die Kultur, die Lebensweise, die Konfliktaustragung. Missverständnisse, Rachegefühle und falscher Stolz sind die größten Stolpersteine auf dem Weg zu einem Miteinander. Ich glaube sagen zu können, dass die langen Kriege und der neue Bürgerkrieg die Menschen verroht haben. So ist das Menschliche ein Stückweit auf der Strecke geblieben. Über all die Jahre hat sich eine Kultur „des nur Überlebens“ (survival), die den anderen nicht sieht oder als Gegner und Feind sieht, entwickelt. Es braucht deshalb Versöhnung von Grund auf, Heilung und die Entfaltung menschlicher Qualitäten, die zwar in jedem Menschen als Fähigkeit da sind, aber in der Vergangenheit und im Krieg schwer unter die Räder gekommen sind. Der noch so junge und unentwickelte Staat braucht einen Neustart. Wir dürfen das Schicksal der Menschen nicht nur den machthungrigen Militärs und Politikern überlassen. Die Orden wollen beitragen, nach vielen Rückschlägen, eine bessere Gesellschaft helfen aufzubauen. Einige der Orden sind schon viele Jahre im Land (Comboni seit 1857), andere sind erst gekommen. Sie kommen um zu bleiben – im Gegensatz zur Arbeitsweise von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Die Menschen müssen „abgeholt“ werden, wo sie derzeit stehen. Das braucht Nähe zu den Menschen, Verständnis und Wertschätzung. Und gerade da ist Mission wieder aufs Neue gefragt.

Ein bisschen Glauben hilft nicht mehr weiter

Meine Laufbahn als Missionar hat, zeitgeschichtlich bedingt, Anfang der 1980er Jahre als Weltverbesserer begonnen. In der Tat wollte ich wiedergutmachen, was an Afrika angerichtet worden ist. Meinen ersten Glaubenskurs habe ich dann in den Elendsvierteln von Kenia bekommen. Dort sind die Menschen naturgemäß „gottanfällig“ und die Hoffnung auf Gott ist eine starke Kraft für die Bewältigung ihres oft harten Alltags. Dort ist mir ein Ausdruck aufgefallen, der immer und überall zu hören war: „Mungu yupo“ – „Gott ist da“; ob es gut geht oder schlecht. In dieser Gewissheit kämpfen sich die Menschen durch das Leben, ohne Bankkonto, ohne Sicherheiten, vielleicht ohne zu wissen, was es am Abend zum Essen geben wird. Aber es geht immer irgendwie, natürlich auch mit leidvollen Abstrichen. Mit einem mittelmäßigen Glauben kämen so viele hier in Afrika nicht durch den rauen Alltag des Lebens.

Prozession im Südsudan. Foto: Comboni Press
Prozession im Südsudan. Foto: Comboni Press

Jetzt bin ich im Südsudan, ein Land heruntergekommen durch jahrelange Kriege mit dem arabischen Norden. Aber nach nur zweieinhalb Jahren Friede ist schon wieder Krieg. Es stehen sich die beiden großen Stämme im jüngsten Land Afrikas feindlich gegenüber und die Staatenbildung läuft rückwärts. Das ganze Leben erscheint blockiert, die Wirtschaft ist am Ende und viele Menschen sind Flüchtlinge im eigenen Land. Menschlich gesehen ist so vieles hier aussichtslos. Aber es wird gebetet. Für Frieden und Versöhnung. Den Gebeten schließe ich mich gerne an. Die Menschen hoffen und sagen: „God is able“ – „Gott ist in der Lage, unser Schicksal zum Besseren zu wenden“. Ich spüre – bei allem Fatalismus – einen großen Glauben hinter diese Aussage. So lerne ich aufs Neue, dass nur ein großer Glaube diesen Kontinent am Leben erhält.

Aber nicht nur in Afrika ist großer Glaube erforderlich. Ich erfahre von einem tiefen Schicksalsschlag in meinem Heimatdorf. Ein junger Familienvater stirbt völlig unerwartet. Die Verzweiflung muss groß sein. Ich denke an die Betroffenen und frage mich, wie es weiter gehen kann ohne den Vater, Ehemann, Bruder, Sohn.

Bei allen Fragen, die das Leben aufwirft, in Afrika und anderswo in der Welt, glaube ich, dass die Haltung „Mungu Yupo“ (= „Gott ist da! Gott geht mit!“) das Leben leichter macht, denn mit ein bisschen Glauben kommen wir nicht weit.

Machen wir es wie Gott, werden wir einfach zum Menschen

Schon wieder ist es Weihnachten: Gott wird in Jesus Christus Mensch, damit auch wir den Weg, die Wahrheit und das Leben finden, das uns zum wahren Menschen macht. Ich hoffe, wünsche und glaube, dass wir dieses An­gebot im persönlichen Bereich gerne annehmen. Wenn ich aber das Welt­szenario an­schaue – Ukraine, IS, Ebola in Afrika und ein militarisierter Südsudan –, dann muss ich feststellen, dass ein Friede, der ja Menschsein erst möglich macht, in anscheinend unendliche Ferne gerückt ist.

Bruder Hans Eigner im Südsudan. Foto: Privat
Frieden aufbauen: Bruder Hans Eigner im Südsudan. Foto: Privat

Seit knapp einem Jahr bin ich in einem rauen Teil Afrikas. Den Südsudan kann ich nicht mit anderen Ländern Afrikas vergleichen. Schon das Klima hier ist extrem und nur selten ist die Kleidung am Körper trocken. 40 Jahre Krieg haben Schlimmes an den Menschen hier verursacht. Vor dreieinhalb Jahren kam es zur endgültigen Trennung zwischen dem schwarzafrikani­schen Süden und dem arabischen Norden, der die Menschen des Sü­dens schon seit der Zeit des Sklavenhandels als Menschen zweiter, besser dritter Klasse betrachtet hat. Doch die überschwängliche Freude der Unab­hängig­keit ist seit einem Jahr ernüchtert, denn im jüngsten (54.) Staat Afri­kas ste­hen sich die zwei Hauptstämme feindlich gegenüber. Die vielen klei­nen Stämme im Süden haben nicht viel zu melden. Es herrscht Bürgerkrieg, der vor allem in den Gebieten des Nordens stattfindet, wo die Ölquellen sind. Die Rauigkeit, die im ganzen Land zu spüren ist, färbt auf alle Gesellschafts­schichten ab und ich glaube, dass auch ich nicht verschont bleibe. Es ist kein Wunder, dass sich in so einer Situation eine Kultur des „Überlebens“ ent­wi­ckelt. Jeder kämpft sich irgendwie durch. Einen Sinn für das Gemein­wohl gibt es wenig, somit ist jedem und jeder der eigene Stamm näher als der Staat, der sich in kürzester Zeit zu einer Diktatur entwickelt hat. Ganz im Sinn des Überlebens gilt das Gesetz des Mose: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Trotz der grundsätzlich religiösen Haltung der Leute greift der Glaube meines Er­achtens wenig in den Lebensvollzug ein. Die Botschaft eines Got­tes, der selbst die Feindesliebe fordert, klingt wie von einem anderen Stern. Und doch ist nur so die Kette der Feindschaft und des Hasses langsam zu durch­brechen. Aber wer fängt an, gibt nach und gibt sich als der Schwä­chere? Für die Militärs ist das schier unmöglich.

Es gibt hier unzählige (Hilfs)-Organisationen, die für die Menschen arbei­ten, aber kaum jemand tut etwas für die wahrhaft menschliche Entwicklung. Doch nur durch mühsame Arbeit mit den Menschen kann es eine Verände­rung geben. Die viel gepriesene Kirche des Südsudans, die die Zeit der Kriege (1956-1972 und 1984-2005) überstanden hat, hatte ihre Einheit vor allem durch den gemeinsamen Feind im arabischen Norden. Jetzt mer­ken wir, dass sich diese Kirche mehr auf die tieferen Werte des Glaubens besinnen muss (Versöhnung, Menschenwürde, Respekt des anderen). Mission hier muss neu überlegt werden. Zu viel läuft an der Oberfläche und im Rituellen ab, verändert aber nicht die Situation und greift nicht in das Leben der Men­schen ein. Vielleicht bin ich mit meinem Urteil zu hart und die Menschen hier sind mehr traumatisiert, als ich es wahrnehmen will und kann.

Friedensarbeit durch Bildung

Wir sind hier eine gute Gruppe von 55 Comboni-Missionaren und kommen aus allen Teilen der Erde. Schon immer war es das Anliegen der Missionare völker- bzw. stammesverbindend zu arbeiten, denn dies ist die Grundlage des christlichen Glaubens. 150 Jahre sind wir Comboni-Missionare nun tätig in diesem Land – mit Höhen und Tiefen.

In meiner praktischen Tätig­keit geht es häufig um die Be­ratung, Planung und Aus­führung von Gebäuden. Gerade hier in den heißen und schwü­len Tropen ist es wichtig, die Gebäude entsprechend zu pla­nen. So kann ich hier meinen Beruf gut einsetzen. Immer ha­ben wir Comboni-Missionare die schu­lische Bildung als den entscheidenden Faktor gese­hen. Heute mehr denn je ist die Bildung der Weg hin zu einem friedlichen Miteinander. Aus diesem Grund bin ich glücklich, in verschiedenen Projekten arbeiten zu können, die alle ein guter Beitrag für den Frieden sind. Meist geht es um Schulen, Begegnungsorte für die Jugend und auch um ein Zentrum für Friedensarbeit und die Be­wältigung von Trau­mata. In den Camps am Stadtrand von Juba leben nach den schweren Massa­kern im Dezember 2013 rund 32.000 Menschen vom Stamm der Nuer. Sie wer­den ver­sorgt und beschützt durch die Vereinten Na­tionen (Blauhelme). Es gibt viele Spannungen im Lager. Vor allem die Ju­gend ist ungeduldig und sucht nach Alternativen und Perspektiven. Wir helfen mit wo, immer es nur geht.

Kinder und Jugendliche erhoffen sich viel von der Bildung, denn sie möchten nicht wie ihre Väter, immer mit der Waffe in der Hand, leben. Der Bau eines Zentrums, ganz in der Nähe der Flüchtlings­lager, wo wir gezielt Jugendarbeit machen werden, ist uns wichtig. Jugend­liche brauchen eine Führung. Gute Unterhaltungs- und Bildungs­angebote gibt es nicht, und viele Ju­gend­liche erfahren sich gelangweilt, ver­gammeln oder kommen auf dumme Gedanken. Gleichzeitig wollen sie nicht wieder in einen Krieg gezo­gen wer­den. Einfache Antworten gibt es hier nicht. Wir wollen den Jugend­lichen hel­fen, bessere Aussichten für das Le­ben zu finden. Das geht am besten, wenn wir uns auf sie einlassen und uns mit ihnen auseinandersetzen.

So versuche ich, hier wie Ihr an Euren Orten dem Leben gerecht zu werden. Die Arbeit kostet manchmal viel Kraft und es bleiben Fragen offen, weil man doch nicht weiß und versteht, was im Kopf der Menschen wirklich vor sich geht. Aber mit Gottes Hilfe gibt es ein bisschen Erfolg und Früchte. Auch merke ich, dass das Vertrauen wächst. Ich danke Jeder und Jedem, die/der mitgeholfen hat, mich und unsere Arbeit hier in diesem Jahr zu unterstützen. Ein ganz herzliches Vergelt’s Gott! Friede ist möglich.

Es ist so gut zu wissen, dass Gott uns immer – egal wo wir gerade stehen – ent­gegenkommt. So wünsche ich Euch ein gesegnetes, friedenbringendes und freudiges Weihnachtsfest. Die drei Sterndeuter sind dem Stern gefolgt. Hän­gen wir doch auch „unseren Karren“ an den richtigen Stern. So be­kommt unser Leben die richtige Richtung und hat auch ein Ziel.

Für das Neue Jahr 2015 wünsche ich Euch Gesundheit, Gelassenheit, Geduld, Freude, Froh­sinn, Friede und Gottes reichen Segen. Machen wir es wie Gott, werden wir einfach zum Menschen.

Der sinnlose Krieg im Südsudan wird noch viele Menschenleben fordern

Offensichtlich sind auch in den deutschen Medien wieder Nachrichten über den Südsudan aufgetaucht, die aus ferner Sicht nicht so einfach einzuordnen sind. So will ich zumindest einmal versuchen, eine Einschätzung zu geben, auch wenn ich weiß, dass sie subjektiv und aufgrund der Komplexität ungenau sein wird.

Was war das doch für eine Freude als am 9. Januar 2011 ein Referendum die Unabhängigkeit des Südsudans vom verfeindeten Nordsudan einleitete, die dann ein halbes Jahr später zur Teilung des Landes führte. Aber das jüngste Land Afrikas, der 54. Staat auf dem afrikanischen Kontinent, ist nach so kurzer Zeit schon wieder mitten im Bürgerkrieg. Auch wir Missionare waren naiv und glaubten, dass nach den vielen Kriegsjahren (1956-1973 und 1982-2005) jetzt endlich der „Friede ausbrechen“ würde. Endlich befreit vom unterdrückerischen arabischen Norden schien das „Gelobte Land“ so nah. Wir aber haben doch gewusst, dass noch in den oben erwähnten Kriegsjahren die Sudan People‘s Liberation Army (SPLA = Sudanesische Volksbefreiungsarmee) große Konflikte untereinander hatte und, dass es zu Aufspaltungen untereinander gekommen war. Schwere interne Kämpfe hatten schon in den beiden Kriegen vor der Unabhängigkeit mehr Tote gefordert als die Kämpfe gegen den Feind im Norden.

Nach der Staatenbildung im Juli 2011 wollten natürlich alle, die sich im Krieg „verdient“ gemacht hatten, einen guten Platz in der Regierung. Das heißt, die neue Regierung entstand aus Politikern, die einen militärischen Hintergrund hatten und entsprechend das Land bis heute führen. Auch ist für sie ein Krieg nicht „The end oft the world“, sondern „Normalsituation“. Interessanterweise hat die Armee im neuen Staat nicht einmal den Namen gewechselt und heißt bis heute SPLA. Korruption und „Vetternwirtschaft“ wurde zur Tagespolitik und schnell kam es zu Uneinigkeiten und Streitigkeiten. Das bevölkerungsreichste Volk der Dinkas schaffte es, sich an die Spitze zu setzen und machte sich in allen Ämtern und einflussreichen Stellen breit. Das zweitgrößte Volk, das der Nuer, stellte den Vizepräsidenten. Sie aber stell(t)en fast 70 Prozent des Militärs, weil sie die besten „Krieger“ und „Kämpfer“, schon in der Zeit der Kriege mit dem Norden, waren. Und genau da ist das Problem.

Der Vizepräsident wurde Mitte 2013 entlassen und der Präsident baute sich eine Privatarmee aus seinen Stammesgenossen, den Dinka, auf. Mitte Dezember 2013 kam es zu einem als Militärcoup bezeichneten Überfall auf eine Kaserne in Juba, der sich blitzschnell in einem völkermordähnlichen Konflikt gegen die Nuer ausweitete. Es liegt nahe zu vermuten, dass die Regierung diesen Konflikt vom Zaun gebrochen hat, um die Übermacht der Nuer-Soldaten zu brechen und der vermuteten Gefahr einer militärischen Regierungsübernahme durch die Nuer zuvorzukommen. In der Folge kam es zu schweren Vergeltungsschlägen der Nuer in ihren Siedlungsgebieten, die sich bis heute fortsetzen.

In der Zwischenzeit zählen wir fast eine Million Flüchtlinge im eigenen Land, die in verschiedene Flüchtlingslager – zum Teile unter dem Schutz der UN – oder auch nach Uganda, Kenia, Äthiopien und in den Nordsudan geflohen sind. Die meisten sind jetzt schon in einer prekären Situation mit wenig oder fast gar keiner Nahrung. Dazu kommen ca. 20.000 Tote in den vergangenen Monaten. Wäre nicht Ende Dezember die Armee von Uganda in Juba und weiter im Norden bei Malakal eingeschritten, hätten wir wahrscheinlich bereits eine andere Regierung hier in Juba. Denn nachdem so viele Nuer-Soldaten von der SPLA, der Regierungsarmee, in die sogenannte „SPLA in Opposition“, der Armee der Nuer, übergelaufen sind, ist die Regierungsarmee enorm geschwächt und braucht Hilfe von außen. Die Gefahr, dass sich der Krieg zu einem regionalen Konflikt ausweitet, liegt nahe, denn leider gibt es sehr viele militärische Gruppierung in diesem Teil Afrikas, die sich – gegen Geld – als Kriegssöldner anheuern lassen und heute hier und morgen dort kämpfen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist, dass man nicht weiß, auf welcher Seite die vielen kleineren Völker des Landes (mehr als 60) stehen. Die Dinka und die Nuer machen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Südsudans aus, wobei das Volk der Dinka doppelt so groß ist wie das der Nuer. Mit Sicherheit sind die kleineren Völker mit der Regierung nicht zufrieden, sie trauen aber auch der „SPLA in Opposition“ nicht. Diese hat – vor allem mit ihrer sogenannten „White Army“ (Weiße Armee = Wilde Jungs aus den Cattle camp, die sich zum Schutz vor Mosquitios mit Asche beschmieren) böse Vergeltungsschläge in den drei hauptsächlich von Nuer bewohnten Regionen (oder Bundesländern) Unity, Jonglei und Upper Nile verübt, die man nur als Kriegsverbrechen bezeichnen kann.

Da für die Nuer ein Marsch nach Juba aufgrund der militärischen Unterstützung der Regierung durch Söldner und der Armee des Nachbarlandes Uganda zurzeit nicht möglich ist, konzentriert sich die „SPLA in Opposition“ unter Führung des ehemaligen Vizepräsidenten auf die drei Regionen, wo die Nuer zuhause sind oder die sie als ihr angestammtes Gebiet bezeichnen. Es sind die großen Gebiete von Jonglei-, Upper Nile- und Unity State, in denen auch die Ölquellen des Landes liegen. Die Nuer wollen die Regierung in die Knie, zumindest an den Verhandlungstisch, zwingen. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass sich der Konflikt noch lange hinziehen und noch viele Menschenleben fordern wird.

Jagd auf Menschen

Die letzte Woche hat das gezeigt: Am Dienstag in der Karwoche hat die „SPLA in Opposition“ (also die Nuer) mithilfe von Söldnern aus dem Nordsudan, den Janjaweed, die Öl-Stadt Bentiu überfallen und die Regierungsarmee mit vielen Verlusten an Menschenleben vernichtend geschlagen. Auch sehr viele Zivilisten wurden Opfer eines Massakers. Auch Mayom, eine weitere wichtige Stadt im Norden, wurde überfallen und eingenommen. Die Nuer in den Lagern haben den Sieg gefeiert. So kam es in einen Flüchtlingslager in Bor (Hauptstadt von Jonglei), wo viele der Flüchtlinge dem Volk der Nuer angehören, zu ausgelassenen Feiern. Die Dinka-Jugend der verwüsteten Stadt Bor drang daraufhin in das UN-Lager ein, überwältigte selbst die Blauhelmsoldaten und töteten viele Nuer.

Hier in Juba sind seit Dezember zwei Flüchtlingslager der UN. Wir gehen regelmäßig in die Lager zu Gottesdiensten und helfen auch, wo es möglich ist. Auch „unsere“ Leute dort im Camp haben am selbigen Dienstag den Sieg in Bentiu gefeiert und sind mit den Palmzweigen, die wir am Palmsonntag mitgebracht hatten, tanzend durch das Lager gezogen. Im Lager ist seitdem wieder erhöhte Alarmstufe. Wir (Comboni-Missionare) haben noch größere Schwierigkeiten reinzukommen und werden kritisch beäugt, weil man uns unterstellt, die „Rebellen“ zu unterstützen.

Natürlich warten die Menschen in den Camps auf ihre Befreier. Viele können vom Lager aus sogar ihre Häuser sehen, die sie bewohnt haben und die jetzt von anderen in Besitz genommen worden sind. Der Hass und die Ohnmacht sind groß. Fast alle im Lager haben Angehörige verloren. Viele hier in den Lagern sind Soldaten und würden sofort ihren Leuten zu Hilfe kommen, wenn sie könnten. Der sinnlose Krieg wird noch viele Menschenleben fordern. Die Möglichkeiten der Vereinten Nationen hier sind begrenzt. Sie können nur das Schlimmste an ein paar Orten im Land verhindern.

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