Schlagwort-Archiv: Bücher

„Generation Beziehungsunfähig“ contra „Der unbesiegbare Sommer in uns“

Zwei neue Bücher liegen vor mir: Michael Nasts „Generation Beziehungsunfähig“ (vor der Veröffentlichung schon in 2. Auflage) und Nina Ruges „Der unbesiegbare Sommer in uns (in neuer, 4. Auflage).

Michael Nast, „Sprachrohr seiner Generation“ (so sein Verlag), dem bei seinen Lesungen (meist im Audimax der Unis) junge urbane Singles zu Tausenden lauschen, hat seinen Netz-Artikel zu einem Buch mit gleichem Titel ausgebaut. Der literaturbewanderte 40-jährige Single, Buchhändler aus Köpenick, spricht seinem zu 90 Prozent weiblichen Publikum aus der Seele. Mit der Formel „Ich kann nicht, ich bin beziehungsunfähig“, legt er ein Bekenntnis ab über seine emotionale Unzulänglichkeit. Zu kompliziert sei das zeitgenössische Ich, um sich einem Leben in Partnerschaft auszusetzen. Die „Flexibilisierungslogik der Arbeitswelt“ verlange ein entsprechend kühles Kalkulieren auch im Privatleben. Es bleibe eine Unzufriedenheit von immer nur potenziell einander Liebenden. Und diese bilden die Anhängerschaft dieses „charismatischen Wanderpredigers der Beziehungsunfähigkeitslehre“, eines „Suchenden, der zu Suchenden spricht“ (ZEIT 18.02.16). Für ihn ist am Ende immer „das System“ schuld an der emotionalen Verkorkstheit der jungen Erwachsenen.

Nasts Lösungen? Die Ehe als herkömmliche Antwort, als Beziehungsform, die „ja religiös geprägt“ sei drohe sich aufzulösen. Man wage dafür keinen Einsatz mehr, weil man Verletzungen vermeiden wolle. Gegen diesen Egotrip verweist Nast auf den Schriftsteller Jonathan Franzen: „Mein Herz sagt es mir, und mein gesunkenes Maß an Selbstsucht liefert verlässliche Beweise dafür“. Es sei die Liebe, die den Impuls auslöst, ein „besserer Mensch zu werden“ und damit „die Selbstsucht zu überwinden“.

Neue Anfänge lägen in uns, mit ihnen beginne die Veränderung, so endet Nasts Buch.

Neue Anfänge – wie das aussehen könnte, das zeigt Nina Ruge in ihrem sehr persönlichen Buch „Der unbesiegbare Sommer in uns“. Die bekannte TV-Moderatorin versteht ihr Buch als „Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort“. Die ehemalige Studienrätin für Biologie und Deutsch sieht sich als „Mitglied der modernen Wissensgesellschaft“ und ist zugleich dankbar, dass sie „die tiefe Bewusstheit für das Geschenk des Lebens“ entdeckt hat. „Seit mehr als 40 Jahren befinde ich mich auf einem anderen Weg. Ich preise das Geschenk unseres Verstandes und trainiere mich zugleich in einem neuen Bewusstsein“. Nach der Angstphase ihrer Kindheit und nach der Pubertät erfuhr sie die Kraftquelle in sich selbst, die durch Worte nicht erreichbar ist, weil sie auf einer anderen Ebene als der des Verstandes wohnt. „Letztlich haben alle Religionen das zum Ziel: uns die Tür zu dem zu öffnen, was der Verstand nicht zu fassen weiß“. Jenen Ort intensiver Kraft nennt sie den unbesiegbaren Sommer, nach der Metapher von Albert Camus: „Mitten im tiefsten Winter entdeckte ich, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

Solches Entdecken, das ständiges Üben erfordert, ist eine „mühsame Reise ins Innere der Liebe“. „Gott verspricht eine sichere Landung, aber keine ruhige Reise. Also, los!“

In Ruges Reiseführer ist besonders bemerkenswert das Kapitel 13 (S. 167 – 181), mit der Überschrift: WAS IST LIEBE – UND WENN JA, WIE VIELE?) Und als Untertitel:
„Ihr seid das Licht für die Welt“ (Mt. 5,15).

Angesichts einer Riesenpalette verschiedener Spielarten von Liebe auf dem Markt der Gefühle im 21. Jahrhundert fragt Ruge nach einem „Quell für Liebe, und wenn ja – wo entspringt er?“ Die „Erretter – Liebesvorstellungen der Hollywood- und TV-Schmonzetten“ (à la Pretty Woman und Rosamunde Pilcher) sind für Ruge „großartige Lehrstücke darüber, was die Essenz der Liebe gerade nicht sein kann“.

Gibt es, so fragt sie, vielleicht Formen von Liebe, die weniger in Abhängigkeit von außen stehen. Und sie antwortet: „Vielleicht solche, die aus uns selbst kommen. Zum Beispiel die, von der uns das Johannesevangelium erzählt? Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott, und Gott lebt in ihm.

„Die Scarlett-Julia-Liebe hat mit der Bibel-Liebe nichts zu tun, oder? Jawohl, dieser Meinung bin ich (weitgehend)“. Ein starkes Bekenntnis von Nina Ruge – und sie belegt es aus ihren Erfahrungen mit Menschen –„ich fürchte, es sind nicht so sehr viele -, die tun alles mit Liebe.“

In solchen Menschen finde das Ego einfach keinen Nährboden! Und sie verweist auf Meister Eckhart (der vor 700 Jahren auch in Köln gepredigt hatte): „Der wahrhaft Liebende liebt Gott in allem und findet Gott in allem.“

Und Nina Ruge fragt weiter, „was uns denn überhaupt liebesfähig macht, im Sinne von Johannes und Meister Eckhart natürlich“.

„Durch den unbesiegbaren Sommer in uns“, also „aus dem klaren und permanenten Bewusstheit für das Wunder des Lebens in uns und um uns herum“, lautet die Antwort. „Diese Bewusstheit ist nicht Liebe. Aber aus ihr heraus sprudelt sie.“

Ruge nennt diese Bewegtheit im Anklang an den Zen-Buddhismus ihr Satori, eine Art befristete Erleuchtung, empfunden als Befreiung vom Ich und vom Diktat der Zeiten. Von Gotteserfahrung mag sie nicht sprechen, „weil die Vokabel zu verquer aufgeladen ist“.

Aus dieser Erfahrung entstehe eine „unerschöpfliche, unzerstörbare Liebe zu allem, was ist“. Wer in diesem Bewusstsein lebt, der fragt nicht: „Wo kriege ich Liebe her?“, weil er weiß, dass diese Frage einer der größten Irrtümer überhaupt über die Liebe ist.

© Patrick Marty / cc0 - gemeinfrei / Quelle: pixabay.com/Pfarrbriefservice.de
„Gott verspricht eine sichere Landung, aber keine ruhige Reise. Also, los!“ (Nina Ruge). Foto: Patrick Marty / cc0-gemeinfrei / pixabay.com/pfarrbriefservice.de

1:0 für Nina Ruge, mit Gruß an Michael Nasts „Generation Beziehungsunfähig“!

„Wenn wir sie vermessen wollen, die Liebe unseres Partners, dann verlieren wir uns.“

„Wenn keiner den anderen retten muss, verlieren Liebesgeschichten ihren tragischen Charakter.“

„Wo wir den starken Quell der Liebe in uns selbst entdecken, dann, ja dann wird Liebe zwischen zwei Menschen auf einer ganz anderen Ebene möglich.“

Und wie öffnet sich für Nina Ruge das Portal zum unbesiegbaren Sommer in uns? Indem wir ein Bewusstsein für die Heiligkeit und Kraft des Seins als zweite Wahrnehmungsebene in den Alltag einbeziehen.

Wie gelingt das Nina Ruge?

„Wenn ich nachfühle, mit welcher Bestimmtheit ich meine Umwelt betrachte (und sei es die Rose in meiner Badezimmer-Vase), dann weiß ich auch, wie es um meine Portale in Richtung unbesiegbarer Sommer steht. Keine liebevolle Bestimmtheit – kein offenes Tor. Ein Seismograph mit Namen Herzlichkeit.“

Kennen wir das nicht von Ignatius von Loyola? „Gebet liebender Aufmerksamkeit“ nennt er das in seinen geistlichen Übungen.

In den Schlusssätzen ihres Liebeskapitels spricht Nina Ruge vom „gravierenden Irrtum unserer Zeit, dass Liebe auf wenige Menschen zu beschränken sei und vor allem, dass sie auf der Haben-Seite verbucht wird. Es geht darum, Liebe zu GEBEN, umfassend und immer, mal mit hoher Frequenz, mal mit niedriger“.

Nina Ruges „Wegweiser zu unserem ureigenen Kraftort“ – eine dringende Lesempfehlung für die „Generation Beziehungsunfähig“!

Michael Nast, Generation Beziehungsunfähig, Edel Verlag (14,95 Euro)

Nina Ruge, Der unbesiegbare Sommer in uns, Kailash Verlag (17,99 Euro)

Von Drachen, Büchern und Rosen – der heilige Georg und die Katalanen

In Barcelona hat alles angefangen. Dort habe ich verstanden, wie weit ich gehen kann“ (Pablo Picasso, 1881-1973)

Gesunder Menschenverstand und zügellose Leidenschaft, das muss sich nicht unbedingt widersprechen. Wenigstens nicht bei den Katalanen. Dieses selbstbewusste kleine Völkchen im Nordosten Spaniens (nach eigener und fremder Beurteilung ganz und gar nicht spanisch!) demonstriert, wie ein Leben zwischen Vernunft und Wahnsinn problemlos möglich ist. Die Katalanen nennen es „seny“ und „rauxa“ (Vernunft, Besonnenheit und Jähzorn, Leidenschaft). Diese beiden scheinbar gegensätzlichen Charakterzüge gehören selbstverständlich zur katalanischen Volksseele und kommen offensichtlich sehr gut miteinander aus. Der heilige Georg zeigt’s uns.

Sant Jordi ist der Patron, gleichzeitig aber auch der beliebteste Heilige Kataloniens. Im ganzen Land und vor allem in der Landeshauptstadt Barcelona ist er nicht zu übersehen. Fast täglich entdecke ich ihn wieder neu an irgendwelchen Straßenecken und in Parks, an Palästen und natürlich in Kirchen. In der mittelalterlichen Gotik, im „modernisme“ des 18. und 19. Jahrhunderts, aber auch genauso für moderne und zeitgenössische Künstler wie Salvador Dalí oder Josep Subirachs, in allen Zeiten und Epochen war Sant Jordi ein beliebtes Motiv in der Kunst. Fast immer wird er als tapferer Ritter dargestellt, wie er gerade den bösen Drachen bezwingt. Angeblich wird der heilige Georg in Katalonien schon seit dem 8. Jahrhundert verehrt. Beweis dafür sind die unzähligen Kapellen und Kirchen im ganzen Land, die ihm geweiht sind. Bis heute ist Jordi der meistverbreitete männliche Vorname in Katalonien. Auch die Könige verehrten ihn. Jaume I. beschreibt, wie Sant Jordi den Katalanen bei der Eroberung Mallorcas half. 1456 verabschiedete das katalanische Parlament in der Kathedrale von Barcelona eine Verfassung, in der Sant Jordi als Festtag vorgeschrieben wird. Und bis heute prangt an der gotischen Fassade des Regierungspalastes von Katalonien an der Plaça Sant Jaume ein mächtiger Sant Jordi über dem Hauptportal. Im Inneren des weltlichen Gebäudes gibt es eine Kapelle zu Ehren des Heiligen.

Der Kampf zwischen Gut und Böse, Christentum und Heidentum, Tugend und Sünde, seny und rauxa, Vernunft und Irrsinn: Sant Jordi verkörpert die Vereinbarkeit dieser Gegensätze. Historische Informationen gibt es so gut wie keine zu dem Heiligen. Dafür eine umso mehr und reich verwurzelte Legende. Sie erzählt zum Beispiel davon, dass in Montblanc, einer Kleinstadt rund 150 Kilometer westlich von Barcelona auf einem kleinen Hügel nördlich von Tarragona gelegen, wo jedes Jahr ein großes Schauspiel im Rahmen des Mittelalterfestes stattfindet, ein Drache die Bewohner bedroht haben soll. In ihrer Not begannen sie, ihm jeden Tag ein Menschenopfer darzubringen. Eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Königs. Bevor der Drachen das Mädchen zu fassen bekam, tauchte Sant Jordi auf einem weißen Pferd auf, tötete den Drachen und befreite damit die Prinzessin und die Bewohner von Montblanc. Aus dem Blut des Drachen soll eine Rose entsprungen sein.

Und das ist dann auch der Grund, warum bis heute in Katalonien am Georgstag (23. April) die Frauen von den Männern mit Rosen beschenkt werden. An allen Ecken und Enden Barcelonas werden dazu Rosen verkauft. Am Abend, wenn man durch die Stadt läuft, wird man kaum eine Frau sehen, die nicht eine Rose bei sich hat. Aber nicht nur Rosen werden überall in den Straßen der Stadt angeboten. Die Straßen Barcelonas gleichen an Sant Jordi einem riesigen Open-Air-Buchladen. Die gesamten Ramblas (der berühmte Boulevard zwischen der Plaça Catalunya und dem alten Hafen), der ganze Plaça Sant Jaume (zentraler Platz im gotischen Viertel mit dem Rathaus und dem katalanischen Regierungsgebäude), genauso fast alle Gassen der Innenstadt sind voll von Buchständen. Im Jahr 1923 hatte Vincent Claver Andres den genialen Einfall, den Todestag von Miguel de Cervantes (übrigens auch der Todestag von William Shakespeare, 23. April 1616) zu einem Tag des Buches auszurufen. Seitdem revanchieren sich die Frauen bei den Männern für die Rosen, indem sie ihnen ein gutes Buch schenken. Angeblich sollen in der spanischen Verlagsmetropole Barcelona an diesem Tag allein 400.000 Bücher verkauft werden, was rund zehn Prozent der jährlich verkauften Bücher in Katalonien entspricht. Doch der Tag des heiligen Georg ist in Barcelona viel mehr als nur ein besonderer Tag des Buches. Es ist vor allem auch eine Feier der katalanischen Sprache und Identität. Neben den unendlichen Büchertischen und Rosenständen hängt an allen Hauswänden die gelbe, rot-gestreifte katalanische Flagge. Bäckereien verkaufen das typische, gelb-rot-gestreifte Sant Jordi-Brot. Überall in der Stadt wird katalanische Literatur rezitiert. Man kann Bücher von Autoren signieren lassen und an manchen Orten sogar kostenlose Katalan-Kurse besuchen.

El dia de Sant Jordi: Für die Katalanen ist das ein Tag der Liebe und der Kultur, der Tradition und der Literatur, der Romantik und der Vernunft. Und das Ganze tief verwurzelt im traditionellen katholischen Glauben, auch wenn man längst in einer durch und durch säkularen Gesellschaft einen völlig religionskritischen Lebensstil pflegt. Für manche Nicht-Katalanen passt da vieles nicht zusammen. Die Katalanen jedoch haben da keine Probleme. Ihnen gefallen die bunte Vielfalt und die heftige Auseinandersetzung.

Ich habe die Rosen für meine Hausfrau und die Sekretärin schon gekauft. Und ich bin gespannt, welche Bücher ich heuer geschenkt bekommen werde.