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Brasilien im Krieg gegen die Tigermücke Aedes Aegypti

Seit Jahrzenten kämpft Brasilien gegen die Virus-Erkrankung “Dengue-Fieber”, die von der Stechmücke Aedes Aegypti übertragen wird. Die Erkrankung ist ein weltweites Gesundheitsproblem, vor allem in tropischen und subtropischen Regionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich zwischen 50 Millionen und100 Millionen Personen in 100 Ländern in allen Erdteilen – außer in Europa – infiziert werden. Rund 550.000 Menschen müssen im Krankenhaus behandelt werden und rund 20.000 sterben.

In Brasilien erkrankten im Jahr 2015 mehr als 1,6 Millionen Menschen an Dengue, 843 sind an den Folgen der Krankheit gestorben. Es gibt vier Arten von Dengue, die meistens ohne größere Probleme verlaufen mit Symptomen wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, die nach etwa sieben Tagen abheilen. Die Krankheit kann aber auch zu einer hämorragischen Dengue werden mit hohem Todesrisiko.

Überascht wurden die brasilianischen Gesundheitsbehörden im vergangenen Jahr durch das Auftreten eines neuen Virus, dem Zika-Virus, bisher unbekannt in Brasilien. Der Zika-Virus wurde 1947 bei Affen in Uganda festgestellt und ab 1951 bei Menschen in Asien, Afrika und Ozeanien. Die Übertragung erfolgt auch durch die Mücke Aedes Aegypti. Doch in den vergangenen Wochen kamen Meldungen vom Forschungsinstitut Osvaldo Cruz in Rio de Janeiro, dass man den Zika-Virus auch im Speichel und Urin nachgewiesen hat. Es wird auch vom Nachweis des Zika-Virus in Blutproben, Muttermilch und Spermatozoiden berichtet, eine mögliche Übertragung konnte jedoch noch nicht nachgewiesen werden. Hauptüberträger bleibt der Aedes Aegypti. Obwohl eine Zika-Infizierung bei mehr als 80% der Infizierten symptomlos verläuft, kann es bei schwangeren Frauen schwere Folgen für die Neugeborenen haben. Der Zika-Virus ist mit hoher Wahrscheinlichkeit verantwortlich für Mikrozephalie bei Neugeborenen (Fehlbildungen bei Schädel und Gehirn).

Die WHO schätzt, dass ca vier Millionen Menschen in Lateinamerika an Zika erkranken werden, davon 1,5 Milionen in Brasilien. Aktuell stehen 4.107 Patienten unter Mikrozephalie-Verdacht in Brasilien (Zahl ändert sich täglich), 508 Fälle wurden bereits bestätigt, aber nur bei 67 Fällen wurde der Zika-Virus nachgewiesen. Bei weiteren 80 Todesfälle wird der Zusamenhang noch untersucht. Die Region Nordosten ist mit 82% der Fälle am meisten betroffen. Zika verbreitet sich fünf mal schneller als Dengue und 21 Bundesstaaten meldeten bereits Fälle von Mikrozephlie. Wegen der schnellen Verbreitung des Zika-Virus und der Zunahme von Mikrozephalie bei Neugeborenen hat die brasilianische Regierung Sondermaßnahmen zur Bekämpfung des Aedes Aegypti angeordnet und die WHO den Zika-Virus als Weltgefahr eingestuft.

Die Stechmücke Aedes Aegypti ist auch für die Übertragung des Virus Chicungunya veranwortlich, einer fieberhaften Erkrankung, die meistens harmlos verläuft. 2015 wurden in Brasilien 7.823 Fälle von Chikungunya-Fieber in 84 Städten registriert.

Brasilen rüstet sich im Kampf gegen die Mosquitos (Stechmücken). Es gibt zwei Arten von Mosquitos: Pernilongos oder Culex Quinquefasciatus und Aedes Aegypti.

Schmutziges Wasser dient als Brutstellen des Aedes Aegypti. Foto: José Cruz/Agência Brasil
Schmutziges Wasser dient als Brutstelle des Aedes Aegypti. Foto: José Cruz/Agência Brasil

Pernilongos sind nur halb so gross wie der Aedes Aegypti, ca 3-4mm, stechen in der Dämmerung und hauptsächlich nachts, um Blut zu saugen. Sie legen ihre Eier in schmutziges kontaminiertes Wasser, wie z.B. Abwasser. Ohne Wasser überleben die Eier nicht. Die Symptome bei Pernilongos sind Juckreiz und Hautrötung. Sie können auch die Wurmerkrankung Filariose (elefantiase) übertragen, die als nicht epidemische Krankheit eingestuft wird.

Der Aedes Aegypti ist fast doppelt so gross wie der Pernilongo, 5-7mm, und unterscheidet sich auch in der Hautfarbe: Er hat einen schwarzen Körper und Flügel. Er fliegt in niedriger Höhe, ohne den typischen Sum-Sum-Lärm der Pernilongos, ist wesentlich schneller und hauptsächlich morgens von neuen bis 13 Uhr aktiv. Er legt seine Eier in normales Wasser, hauptsächlich Regenwasser, Wassertümpel, Blumengefäse mit Wasser, Wasserdepots, die nicht abgedeckt sind, Swimmingpools, die nicht entsprechend versorgt werden, alte Autoreifen und nicht entsorgter Müll auf leerstehendem Grundstücke usw. Doch letzte Meldungen informieren über Nachweis von Larven des Aedes Aegypti in schmutzigem Abwasser.

Die Eier können bis zu 18 Monate in einem trockenen Ambiente überleben und bei Kontakt mit Wasser wieder aktiv werden. “Aedes Aegypte” sticht mit “lokaler Betäubung”, so dass der Stich unbemerkt bleibt, auch ohne Hautsymptome wie beim Pernilongo. Doch die Folge kann eine Übertragung von Zika, Chikungunya und Dengue sein, mit teilweise schweren Folgen wie hämorragische Dengue oder Mikrozephalie.

Verantwortlich für die jährlich steigende Zahl von Dengue und jetzt Zika und Chikungunya sind vor allem die prekären sanitären Anlagen (Abwasser- und Müllentsorgung, schlecht funktionierende Wasserdepots, leerstehende Grundstücke, die häufig als Müllablagerung dienen, Baustellen, die vielen Straßenlöcher mit Wasserpfützen, defekte Wasserabflüsse in Wohnhäusern und Wohnungen usw.) und eine wenig kooperationsbereite Bevölkerung im Kampf gegen den Aedes Aegypti. Hinzu kommen chaotische Zustände in der Gesundheitsversorgung. Viele Komunen sind finanziell überfordert, auch die Wirtschafts- Finanz- und politische Krise verschärft die Situation. Der Staat Amazonas wird bis Ende März seinen Haushalt für 2016 ausgegeben haben. Im Mato Grosso sind 90% der Städte pleite und wissen nicht, wie sie die Versorgung der Bevölkerung garantieren können. Viele Krankenhäuser sind total überfordert und teilweise herrschen extrem chaotische Zustände.

Soldaten gegen Mosquitos

Die brasilianische Bundesregierung hat für 2016 einen Betrag von 1,27 Millarden Reais (rund 300 Millionen Euro) zur Bekämpfung des Aedes Aegypti zur Verfügung gestellt und dieser Betrag soll noch erhöht werden. Es geht um die Ausbildung von Gesundheitsagenten, Aufklärung der Bevölkerung und Spritzaktionen gegen den Aedes Aegypti. Alle Gebäude und Grundstücke sollen systematisch abgesucht und die vorgefundenen Brutstellen des Aedes Aegypti vernichtet werden. Mit Unterstützung des Militärs – mehr als 220.000 Soldaten – sollen über drei Millionen Haushalte nach möglichen Brutstellen der Stechmücke abgesucht werden.

Brasilien setzt Soldaten gegen die Stechmücken ein. Foto: Marcelo Camargo/Agencia Brasil
Brasilien setzt Soldaten gegen die Stechmücken ein. Foto: Marcelo Camargo/Agencia Brasil

Hochkonjunktur hat die Industrie für Schutzmittel gegen Stechmücken. Die Preise sind erheblich gestiegen und trotzdem fehlt manchmal das Produkt. Es gibt Schutzmittel in Form von Sprays oder Lösungen, die vier bis zehn oder mehr Stunden wirken. Ein kleines Fläschen mit ca. 100 ml kostet in Cuiabá 25 Euro. Da bleiben die Armen auf der Strecke, da sie das Geld dafür nicht haben.

Ein weiteres Schutzmittel ist das Mosquitonetz. Das Olympische Komitee in Rio de Janeiro will eine eine Milliarde Reais für die Installierung von Moskitonetzen in den Olympiastadien ausgeben.

Auf jeden Fall ist der Zika-Virus eine Herausforderung für die brasilianischen Behörden und fordert eine schnelle Lösung, um die Folgen wie Mikrozephalie in Grenzen zu halten.Von Panik in der Bevölkerung kann man nicht sprechen. Große Sorge gilt den schwangeren Frauen und viele Frauen wollen vorerst auf eine Schwangerschaft verzichten. Eine Reihe von Freunden und Bekannten erkrankten an Zika-Virus, jedoch ohne größere Probleme. Viele Brasilianer können zwischen Zika und Dengue unterscheiden, und Dengue ist seit Jahrzenten bekannt.

Das Zika-Problem grassiert hauptsächlich in den Armenvierteln, wo häufig Abwassersystem und Müllentsorgung nicht funktionieren und die Menschen oft wochenlange Wartezeiten auf eine ärztliche Untersuchung in Kauf nehmen müssen. Hinzu kommt, dass der Zika-Virus eines von vielen Problemen ist, wie hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Krankenversorgung, zunehmende brutale Gewalt und vielem mehr.

Doch er bietet auch eine Chance: Zika wird das Bewusstsein der Bevölkerung für bessere sanitäre Einrichtungen und Müllentsorgung und auch die Kooperationsbereitschaft im Kampf gegen den Aedes Aegypti stärken.

Brasilien steckt tief in der Krise

Ich sitze bei fast 40° an meinem Schreibtisch, die Klimaanlage rattert gegen die Hitze. Brasilien, das vor kurzem noch wirtschaftlich aufstrebende Schwellenland mit sehr guten Prognosen für die Zukunft, wird von einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise erschüttert. Regierungsmitglieder, einflussreiche Politiker und Wirtschaftsbosse sind in den größten Korruptionsskandal der Geschichte des Landes verwickelt. Der halbstaatliche Ölkonzern Petrobrás, eine der größten Ölfirmen weltweit, musste Milliarden Verluste verbuchen und bangte zeitweise um seine Existenz. Während weltweit die Benzinpreise fallen, steigen sie in Brasilien.

Fehlgeschlagene Wirtschafts- und Finanzpolitik, Strafverfolgung von einflussreichen Politikern und Wirtschaftsbossen haben das Vertrauen ausländischer Investoren beträchtlich beeinflusst und große Investitionen blieben aus. Die fünftgrößte Wirtschaftsnation der Welt fällt auf Position acht zurück.

Die Folge war und ist noch ein Ansteigen der Inflation auf derzeit über 10%, der Arbeitslosigkeit auf (offiziell) 8,7 % – bei Jugendlichen sogar auf 16%. Brasilien registrierte 2015 ein negatives Wachstum von 3,1%. Die Armut, die in den letzten Jahren rückgängig war, stieg wieder an. 50% der Ärmsten müssen mit 13% des Bruttosozialproduktes auskommen. Beim Index für menschliche Entwicklung verschlechtert sich Brasilien um 1,9% und belegt Rang 75 von 188 Ländern.

Die negative wirtschaftliche Entwicklung hat die sozialen Errungenschaften der letzten Jahre neutralisiert und die sozialen Probleme verschärft. Sozialleistungen werden gestrichen, Gesundheitsprogramme befinden sich in der Krise, den Kommunen geht das Geld aus, es sind Rückschläge im Kampf gegen Abholzung und Rodung zu verzeichnen.

Trinkwasserspeicher Cantareia in der Region Sao Paulo Mitte 2015. Foto: Sabesp
Trinkwasserspeicher Cantareia in der Region Sao Paulo Mitte 2015. Foto: Sabesp

Obwohl Brasilien 12% des Trinkwassers unseres Planeten besitzt, hat der Klimawandel in den letzten Jahren zu einem bedrohlichen Wassermangel vor allem in der Region Südosten (in den Bundesstaaten São Paulo, Espírito Santo, Minas Gerais und Rio de Janeiro) verursacht und zu drastischen Rationierungsmaßnahmen für mehr als 80 Millionen Menschen geführt. Einige Wasserspeicher in dieser Region operieren unter dem Minimum und laufen Gefahr auszutrocknen.

Gewalt und Kriminalität sind eine ständige Bedrohung und Herausforderung für die Sicherheitskräfte. Obwohl Brasilien in keinen Krieg verwickelt ist, ist die Sicherheitslage prekärer als in manchen Kriegsländern. Laut UNO-Bericht belegt Brasilien den 11. Platz unter den unsichersten Ländern weltweit, mehr als 55.000 Brasilianer verloren ihr Leben im vergangenen Jahr durch Gewalt. Städte wie São Luís in Maranhão und Cuiabá im Mato Grosso zählen zu den gefährlichsten in Brasilien.

Gewaltige Gesundheitsprobleme

Brasilien führt weiterhin die Leprastatistik mit 31.000 Neuerkrankungen jährlich an, betroffen sind davon auch mehr als 2000 Kinder. Die Lepra konzentriert sich in den Regionen Norden, Nordosten und Zentralwesten, wobei die Bundesstaaten Mato Grosso mit 3000 Neuerkrankungen und Maranhão mit 3400 Neuerkrankungen die Leprastatistik anführen. Die brasilianische Regierung investiert viel in die Lepraarbeit, unterstützt nationale Kampagnen, vor allem auch in Schulen, fördert Forschung und die Ausbildung von Fachkräften. Sie schätzt die Leprahilfswerke als wichtige Partner im Kampf gegen die Krankheit.

Tuberkulose mit 70.000 Neuerkrankungen, Dengue-Fieber mit 588.000 neuen Fällen, Malaria, Leishmaniose, und viele andere Erkrankungen belasten die Gesundheitsdienste der Kommunen. Schnell wird Lepra als Gesundheitsproblem vergessen. Es ist Aufgabe der Leprahilfswerke, Lepra nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch wenn viele Länder von der Eliminierung der Lepra sprechen, haben wir den Kampf noch lange nicht gewonnen. Es besteht die Gefahr, dass Lepra plötzlich wieder verstärkt auftritt, wenn wir im Kampf gegen Lepra nachlassen.

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„Das Recht ströme wie Wasser“: Zu Besuch bei Ureinwohnern Brasiliens

Im November waren Vertreter fast aller bayerischen Diözesen in Brasilien, um sich über die Lage der Menschenrechte im Land ein eigenes Bild zu machen. Die Reise wurde vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor organisiert.

Im Fokus der besuchten Projekte stand die Frage nach dem Recht auf Wohnraum und Land. In Sao Paulo begegneten wir Menschen, die noch vor kurzem auf der Straße lebten und nun durch die Zusammenarbeit mit einer Misereor-Partnerorganisation leer stehende Gebäude besetzen und daraus in Eigenregie neuen Wohnraum schaffen.

An verschiedenen Orten im Amazonas und im Bundesstaat Pará mussten wir erleben, wie die Rechte von indigenen Bevölkerungsgruppen durch Investoren nicht beachtet werden, ihr Wald zerstört und zum Anbau von Soja missbraucht wird.

Besonders paradox erscheint es mir, dass genau in dem Monat, in dem sich eine der größten Umweltkatastrophen durch den Bruch eines Bergbau-Abwasserstaudamms in Brasilien ereignet hat, die Regierung an einer anderen Stelle die Erlaubnis zur Flutung des drittgrößten Staudamms der Welt erteilt. Die bisher am Ufer des Flusses Xingu lebenden indigenen Bevölkerungsgruppen haben zehn Jahre dagegen gekämpft. Bischof Erwin Kräutler, 2010 für seinen Einsatz für die Menschenrechte der Indios und die Erhaltung des tropischen Regenwaldes im Amazonas-Gebiet mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, war immer an ihrer Seite. Jetzt erlebe ich einen 29-jährigen Häuptling der Arara, der in unglaublich verantwortungsbewusster Art davon spricht, sein Volk in eine veränderte Zukunft führen zu müssen. Es macht mir trotz der Wut im Bauch, Mut im Kopf zu sehen, dass die Zukunft Brasiliens auch von Menschen gestaltet wird, die nicht nur an ihren Profit denken (in Brasilien leben rund 900.000 Indigene in etwa 240 Völkern).

Szenenwechsel: Keine 48 Stunden später sind wir südlich von Belém in einem anderen Indianerdorf. Dort verteidigen die Indigenen ihre ihnen gesetzlich zustehenden Wälder gegen Investoren, die Mais für den Export anbauen wollen. Dadurch finden die Ureinwohner auch zurück zu ihrer alten Kultur.

Misereor und seine Partner stehen an der Seite dieser Kämpfer für den Erhalt der Umwelt und eine gerechte Gesellschaft. Ich freue mich auf die Fastenaktion 2016, die sich mit diesen Fragen beschäftigen wird.

Babys im Frauengefängnis

Zurzeit bin ich wieder viel unterwegs. Die ganze letzte Woche habe ich in der Metropole Sao Paulo verbracht. Verschiedene Sitzungen und Besuche in den Frauengefängnissen standen auf dem Programm. Stellt euch vor, im Frauengefängnis mitten im Zentrum von Sao Paulo (U-Bahn-Sation  Carandiru) sind mehr als 3.000 Frauen in Haft. Davon sind rund 300 Ausländerinnen aus allen Herrenländern, unter anderem traf ich auch zwei deutsche Frauen im Alter von 64 und 72 Jahren.

Sehr betroffen war ich auch, als wir die „Babystation“ besuchten. Rund 80 Babys leben mit ihren Müttern in Haft. Die Neugeborenen dürfen bis zu sieben Monaten bei ihren Müttern bleiben, dann werden sie bei Familienangehörigen abgegeben oder, wenn es keine Familie gibt, in ein Heim gesteckt. Ganz schwierig ist es bei den ausländischen Frauen, vor allem, wenn deren Familien kein Geld haben, um nach Brasilien zu fliegen, damit sie das Kind abholen. Ich war mit Kathia Bond unterwegs. Sie bietet Yogakurse im Frauengefängnis an. Für die jungen Mütter mit den Babys gibt sie Babymassagekurse.

Viele Geschichten hörte ich dort von den Frauen. Sehr viel Leid geschieht durch den Drogenhandel. Die meisten Frauen in Haft kommen aus einer sehr armen Bevölkerungsschicht. Um ihre Familie zu ernähren, bieten sie sich als Drogenkuriere an. Vor diesen Tagen in Sao Paulo war ich im Nordosten unterwegs, genau gesagt im Bundesstaat Bahia. Innerhalb von zehn Tagen übernachtete ich in sieben verschiedenen Betten, das war etwas anstrengend, aber die Reise war doch sehr interessant.

Mit mir unterwegs war ein junger Praktikant aus Wien, der gerade bei der Gefängnisseelsorge in Sao Paulo seinen Zivildienst absolviert. Philipp ist halb Österreicher und halb Russe, das war wirklich eine sehr nette Begleitung. Wir haben verschiedene Gruppen der örtlichen Gefängnisseelsorge besucht und vor allem auch die Frauengefängnisse. Am Wochenende war ich als Referentin bei einem großen Fortbildungstreffen mit 42 Teilnehmerinnen und Teilnehmern tätig.

Die Situation in den brasilianischen Gefängnissen ist eigentlich überall gleich. Es gäbe eigentlich so viele gute Alternativen zur Gefängnisstrafe, um der steigenden Gewalt in Brasilien entgegenzutreten. Eine der Alternativen ist die sogenannte „Restorative Justice“, ich habe darüber bereits geschrieben. Dieses Wochenende bin ich unterwegs im Bundesstaat Goiás zum Wochenendkurs der Grundausbildung zur „Restorative Justice“. 30 Frauen und Männer, alle aus der Gefängnisseelsorge von verschiedenen Diözesen, machen sehr engagiert mit. Dieser Kurs ist nur möglich durch die Finanzierung der Diözese Eichstätt – so geht unser Dank ganz besonders an die Menschen dieser Diözese, die durch ihre Spende diesen Kurs ermöglicht haben. Vergelt´s Gott.

Im Internet gibt es drei kurze Dokumentationen zu diesen Ausbildungskursen – mit Untertitel in Deutsch. Wer Lust hat, kann ja mal reinschauen. Wenn ich richtig informiert bin, werden solche Kurse auch bereits in Deutschland angeboten.

Eine Welt ohne Gefängnis –  12 min.

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Neues Gefängnis mit alten Problemen in Brasilien

Aparecida de Goiânia hat ein neues Gefängnis. Das sogenannte „Centro de Triagem“ wurde Ende 2014 feierlich eingeweiht. Es sollte andere Haftanstalten in Goiânia, der Hauptstadt des Bundesstaates Goiás im zentralen Westen Brasiliens, entlasten und zur Eindämmung der Gewalt in der Region beitragen. Nun ist das neue Gefängnis bereits überfüllt. Beim letzten Besuch der Gefängnisseelsorge teilten sich nicht weniger als 529 Gefangene die 212 vorhandenen Haftplätze. Die meisten Insassen sind bereits weit über 30 Tagen in Haft, obwohl das Gefängnis für die sogenannte Erstaufnahme geplant wurde, d.h. für die ersten zwei bis vier Tage bis entschieden wird, ob der Angeklagte in U-Haft bleiben muss oder nicht.

Das neue Gefängnis wurde bereits mit den altbekannten Problemen eröffnet: Eine immense Überbelegung und deren untragbaren Folgen, die im Widerspruch zu allen gesetzlichen Vorgaben des Strafvollzugsgesetztes stehen. Die Gefängnisseelsorge von Goiânia hat gegen diese Situation eine öffentliche Anzeige erstattet.

In den kleinen Zellen, vorgesehen für zehn Haftplätze, sind heute durchschnittlich zwischen 23 und 28 Häftlinge eingepfercht. In einer Zelle zählten wir sogar 32 Männer. Da es keine „gesetzlich festgelegte Grenze“ nach oben gibt, wird erwartet, dass in den nächsten Tagen die Gefängnispopulation auf über 600 Insassen steigt, womit drei Häftlinge auf einen Haftplatz kämen. Es wird in Schichten geschlafen, zu mehreren in einem Bett, am Boden und in der Dusch- und Klo-Ecke. Auch das Wasser ist knapp und schmutzig.

Gefangene haben uns berichtet, dass die Sicherheitsvorschriften vorsehen, dass nach dem täglichen Hofgang alle Häftlinge völlig nackt und mit den Händen auf dem Kopf sich bücken müssen und den Wächtern ihre Geschlechtsteile zu zeigen haben. So soll geprüft werden, ob jemand in Drogenbesitz ist oder eventuell ein Handy eingeschmuggelt hat. Bei dieser Prozedur werden die Häftlinge noch von den Wächtern beschimpft.
In Brasilien werden Gefangene in der Regel von ihren Familien mit Lebensmitteln, Wäsche, Medikamenten und Hygieneartikel versorgt. Wenn die Männer direkt von der Polizeistation in den Knast kommen, dürfen oder können sie oft nichts mitnehmen. Dann bleiben sie gemäß dem Bericht des Direktors der neuen Haftanstalt tagelang „nur in der Unterhose“, da sie noch keinen Familienbesuch erhalten dürfen.

Bei unserem letzten Besuch wurden wir auf fehlende Matratzen aufmerksam gemacht. So hat unsere Gruppe der Gefängnisseelsorge derzeit viel zu tun. Matratzen konnten wir noch nicht organisieren, haben aber 150 Decken, einige kurze Hosen und T-Shirts und 500 „Waschbeutel“ mit jeweils einer Seife, Zahnpasta, Zahnbürste und einer Klopapierrolle aufgetrieben. Es war bereits das dritte Mal, dass wir die Gefangenen mit diesen “Waschbeuteln” versorgten, aber auf die Dauer übersteigt das auch unsere Möglichkeiten.
Da das „Centro de Triagem“ für Kurzaufenthalte gebaut wurde, gibt es keine Infrastruktur für Familienbesuche. Nur einmal pro Woche – jeweils am Mittwoch – darf die Familie ein Päckchen Kekse, Medikamente und Waschutensilien (eine Seife, Zahnpasta und Zahnbürste) ins Gefängnis schicken. Direkter Kontakt mit den Gefangenen ist nicht möglich. Da auch Briefe verboten sind, fällt jeglicher Außenkontakt weg. Nur der Besuch der Gefängnisseelsorge ist gestattet. Wir notierten bei unseren letzten Besuchen über 60 Telefonnummern, um mit Familienangehörigen in Kontakt zu treten.

Einige Häftlinge klagen, dass die Essensversorgung nicht ausreichend ist. Auch die Gesundheitsversorgung ist äußerst prekär. Es gibt nur eine Krankenschwester, keine Medikamente. Viele der Neuankömmlinge sind verletzt, vor allem mit Messerstichen oder Schusswunden, die im Schnellverfahren in einem staatlichen Krankenhaus versorgt wurden, bevor sie ins Gefängnis eingeliefert wurden. Andere sind psychisch krank, bekommen keine medizinische Betreuung in ihren Krisen und werden äußert aggressiv.
Da wir diese Realität in der Öffentlichkeit bekannt machen, haben wir nun wenigstens die Aufmerksamkeit der Medien bekommen. Die Staatsanwaltschaft hat auch das Gefängnis besucht und bereits eine Art Anklageschrift gegen die zuständige Behörde eingeleitet. Aber leider haben sich die zuständigen Richter noch nicht dazu geäußert. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation im neuen überfüllten Gefängnis von Goiânia weiterentwickelt.