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Marianisches Jahr in Brasilien – „Marias“ im Gefängnis

Nach dem Jahr der Barmherzigkeit 2016 feiert Brasilien heuer ein Marianisches Jahr, das 300-jährige Jubiläum der Verehrung der Gottesmutter Maria. 1717 erschien die Gottesmutter angeblich drei Fischern, die eine Marienstatue fanden. An Fundort entstand das Heiligtum Aparecida, mit jährlich rund 8 Millionen Pilgern der größte Marienwallfahrtsort Brasiliens. 1929 erklärte Papst Pius XI. „Unsere Liebe Frau von Aparecida“ zur Schutzpatronin des Landes. Das Fest zu Ehren der Heiligen ist der 12. Oktober.

Basilika Nossa Senhora Aparecida im Bundesstaat Sao Paulo. Foto: Valter Campanato/ABr
Basilika Nossa Senhora Aparecida im Bundesstaat Sao Paulo. Foto: Valter Campanato/ABr

Die Frauengefängnisseelsorge im Rahmen der Brasilianischen Bischofskonferenz hat Maria zum Leitthema für Jahr 2017 gemacht: „Maria und die vielen ‚Marias‘ im Gefängnis“ lautet das Motto. Maria, die Hoffnung gibt, wo es scheinbar keine Hoffnung gibt.

Maria ist eine Frau inmitten der Menschen, die in einer ungleichen und patriarchalischen Gesellschaft leben, in der nur die mächtigen Männer das Sagen haben. Sie wohnt in Galiläa, im Dorf Nazareth, in einer armen und an den Rand gedrängten Region, wo ein widerstandsfähiges Volk lebt, das sich gegen die willkürliche Unterdrückung durch die Römer wehrt. In diesem Ort wird Jesus geboren. Wo würde Maria heute leben? In den ausgegrenzten Stadträndern, den unzugänglichen Hügeln der Städte, in den Armenvierteln, in den Gefängnissen? Wäre sie arm, schwarz, jung?

Mit Maria werden die Grundsätze dieser Gesellschaft gebrochen und wird das Neue geboren. Für Jesus war Maria mehr als nur seine Mutter: In ihr erkennt er eine Frau, die zur Geschichte der Menschheit gehört, in einer Gesellschaft, in der die Frau kein (Mit-) Sprachrecht hatte. Maria, mit ihrer Spiritualität der „Armen im Herzen“, gibt den Armen und Unterdrückten ein Zeugnis des Glaubens und der Hoffnung. Sie steht den Gefangenen und den Vergessenen im ständigen Kampf um das Leben und die Würde bei.

Woher kommt diese Bevorzugung Gottes der Armen? Der brasilianische Theologe Afonso Murad drückt es so aus: “Gott erwählt zuerst die Armen, weil er barmherzig ist und sich den Bedürftigen zuwendet. Das ist die Strategie seiner allumfassenden Liebe. Er liebt alle gleich, aber er kommt zuerst denen zu Hilfe, die es am nötigsten haben”.

Die Kraft, die von Maria für so viele „Marias“ in den Gefängnissen ausgeht, ist spürbar in diesem Kampf um die Freiheit von Frauen und Männern, die im Gefängnis eine Welt erfahren, die das Leben zerstört. Eine Welt, die ausgegrenzten sozialen Gruppen in Verliese steckt und Menschenrechtsverletzungen aussetzt. In dieser an Strafe und an Männern orientierten Gesellschaft wird die gefangene Frau nicht einmal als Frau anerkannt. Hinter den Wänden der Gefängnisse sind die Frauen in der Minderheit. Die massenhaften Gefängniseinweisungen der letzten Jahre betreffen auch sie in großem Ausmaß. Die Inhaftierung nimmt ihnen die Selbstbestimmung, ihre Wünsche, ihre Entscheidungsfreiheit, ihre familiäre und emotionale Beziehungen.

„Maria ist eine Frau, die ganz Gott gehört, mit einem Bewusstsein für die Geschichte, des sozialen Engagements, der Hoffnung”, schreibt Murad. Auf gleicher Weise haben die gefangenen Frauen ein Bewusstsein für ihr Leben außerhalb der Gefängnismauern. Sie kämpfen für ihre Kinder, für ihre Würde, und sie leben den nie endenden Traum eines besseren Lebens. Nur wer die Gefängnisumwelt kennt, diesen Ort, an dem die Grund- und Menschenrechte systematisch verletzt werden, diesen Ort der erniedrigenden Lebensbedingungen und der Folter, wird die Kraft der Liebe und der Hoffnung verstehen, die in diesen vielen gefangenen Marias lebendig ist. Wir sprechen hier von mehr als 40.000 Frauen in Brasilien, die diese schreckliche Situation in den Gefängnissen durchstehen.

Marienstatue in einem Gefängnis in Brasilien. Foto: Petra Pfaller
Marienstatue in einem Gefängnis in Brasilien. Foto: Petra Pfaller

In den Gesprächen mit den Frauen im Gefängnis wird eine Figur Marias besonders deutlich: die immer gegenwärtige „Mutter Gottes“, die in den schwierigsten und dunkelsten Stunden hilft, in den stinkenden und überfüllten Zellen, in der Einsamkeit und der Sehnsucht nach den Kindern und den Familienangehörigen. Es sind eingesperrte ‚Marias‘, Frauen voll von Träumen und Bedürfnissen, die lieben und die ihre Rechte geachtet sehen wollen, jedoch gebrandmarkt sind vom einem Staat, der ihre Würde verletzt und ignoriert; so wie Maria von Nazareth, eine Frau aus einem so vergessenen Ort, die die Liebe von tief innen kannte. Sie hat diese Liebe zu Gott ernstgenommen und nahm ihre Aufgabe mutig an, die Mutter des Sohnes Gottes zu sein. Möge der Glaube an Maria uns helfen im Einsatz für eine Welt, in der wir alle in Freiheit und Würde leben können.

Antworten der „Marias” im Gefängnis auf die Frage, wer für sie Maria ist:
„Maria kennt den Schmerz und die Sehnsucht der Mutter, die an ihre Kinder denkt”. „Maria ist die weibliche Hand, die sich den Frauen entgegenstreckt.“
„Maria ist ein Brunnen inmitten der gefangenen Frauen.“
„Maria ist die Mutter der Barmherzigkeit.“

Diesen Beitrag hat Schwester Petra Silvia Pfaller zusammen mit Luisa M. Cytrunowicz, Mitglied des juristischen Teams der nationalen Gefängnisseelsorge Brasiliens, verfasst.

 

Gewalt und unmenschliche Haftbedingungen in Brasilien

Gestern bekam ich einen Anruf. Es ging um eine Rebellion im Männergefängnis von Goiânia (1.900 Insassen mit nur 850 Haftplätzen). Zwei rivalisierende Drogenbanden bekriegen sich nicht nur auf der Straße, sondern auch hinter Gitter. Das Resultat: 5 Tote, mehr als 50 Verletzte, 150 Gefangene wurden mit nur der kurzen Hose am Leib in ein anderes Gefängnis verlegt. Verzweifelte Familienangehörige versuchten blieben ohne Nachricht von ihren Söhnen oder Ehemännern.

Die Situation in Brasiliens Haftanstalten ist angespannt, und das nicht erst seit den blutigen Gefängnisrevolten im Dezember 2016 in Manaus und Boa Vista im Norden des Landes. In den vergangenen Wochen gab es weitere Aufstände in Rio Grande do Sul, Paraíba, São Paulo, Rio Grande do Sul, Paraíba, Rio de Janeiro – die Liste ist lang.
Die Gefängnisseelsorge, in der ich über zwei Jahrzehnte in Brasilien tätig bin, klagt seit Jahren die unmenschlichen Verhältnisse in den Gefängnissen an. Jedes einzelne ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. 25 Jahre nach dem Massaker von Carandiru in São Paulo, bei dem offiziell 111 Gefangene getötet wurden, hat sich im brasilianischen Straffvollzug nichts verändert. Im Gegenteil: Es wurde schlimmer. In Manaus wurden 56 Gefangene, im Boa Vista 33 bei den Revolten getötet.

Die Medien geben den rivalisierenden Drogenbanden die Schuld. Aber wir von der Gefängnisseelsorge sehen andere Gründe. Es ist ein fadenscheiniges Argument, die derzeitige Gewalt in den Gefängnissen einfach auf die rivalisierenden Drogenbanden zu schieben. Damit zieht sich der Staat aus der Verantwortung. Denn die organisierten Drogenbanden sind nur ein Produkt der unmenschlichen Haftbedingungen und der repressiven Politik der Regierung. Masseninhaftierungen, das selektive Strafsystem, unterdrückende Drogenpolitik, Folter und verzögerte und langwierige Gerichtsverfahren sind die wahren Ursachen der Gefängnisrevolten: 40 bis 70 Prozent der Gefangenen befinden sich über Monate oder sogar Jahre in Untersuchungshaft.

Der brasilianische Staat hat jüngst ein Sicherheitsprogramm vorgestellt, von dem wir nicht erwarten, dass sich die Situation im Strafvollzug ändern wird. Im Gegenteil: Jahrelanges Wegschauen und ausschließlich repressive Politik kann man nicht in kürzester Zeit mit einen Notprogramm rückgängig machen. Noch dazu mit Vorschlägen, die unserer Meinung nach die aktuelle unterdrückende und selektive Strafpolitik verstärken.

Auf der Agenda der Gefängnisseelsorge stehen vor allem die folgenden Richtlinien, um die Situation in den Gefängnissen zu ändern, die Haftentlassungen und den Straferlass möglich zu machen und die gemeinschaftlichen Praktiken der friedlichen Konfliktlösung zu stärken. Wir setzen uns für folgende Maßnahmen ein: Aussetzung jeglicher Investitionen in den Bau von neuen Gefängnisgebäuden; eine Einschränkung der vorläufigen Festnahmen; die Verkürzung der Strafzeiten und eine Entkriminalisierung im Bereich der Drogenpolitik; die Erweiterung der Garantien im Strafvollzug und Öffnung der Gefängnisse für die Gesellschaft; ein absolutes Verbot der Privatisierung des Gefängnissystems; die Bekämpfung der Folter sowie die Entmilitarisierung der Polizeieinheiten und der öffentlichen Verwaltung.

Zu diesem Thema habe ich kürzlich auch ein Interview mit Adveniat geführt.

Der siebte Tag: Eine Reise in die bedrohte Welt der Yanomami

In sechs Tagen schuf Gott die Welt. Am siebten Tag machten sich Bulldozer daran, das Paradies wieder einzureißen. Die voranschreitende Vernichtung des Amazonaswaldes bedroht auch die letzten noch in ihm und mit ihm lebenden indigenen Völker.

Aus dem Kleinflugzeug heraus sieht Armindo Goes Melo schier unendliche Wälder unter sich vorbeiziehen. Die Abgeschiedenheit seiner Heimat hat seinem Volk, den Yanomami, hier im äußersten Norden Brasiliens bisher das Überleben gesichert. Dafür arbeitet Goes als Generalsekretär der Yanomami-Organisation Hutukara tagtäglich. „Unsere Arbeit hat drei Säulen: die Gesundheitsversorgung und Schulbildung für unser Volk sowie den Schutz unseres Territoriums.“ Es gilt, mit Hilfe der lokalen Zivilgesellschaft und ausländischen Medien Druck auf die Lokalpolitik auszuüben. In den letzten 30 Jahren hat Hutukara-Gründer Davi Kopenawa weltweit unermüdlich auf die Bedrohung durch die Kultur der Weißen aufmerksam gemacht.

Angesichts des internationalen Mediendrucks sprach Brasiliens Regierung den Yanomami am Vorabend der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein zehn Millionen Hektar großes Schutzgebiet zu. Hier können die meisten der 35.000 Yanomami weiter nach ihren Traditionen leben. Doch immer wieder dringen Goldsucher und Holzfäller illegal in ihr Land ein, verseuchen Flüsse und vernichten Wald.

Auch von staatlichen Sozialprogrammen sind die Yanomami bedroht. Besonders nahe den urbanen Zentren geben Indigene ihre traditionelle Landwirtschaft auf, begeben sich in die staatliche Abhängigkeit. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam dringt die moderne weiße Zivilisation auch zu den Yanomami vor.

Die Kollision mit der weißen Kultur haben die Tenharin schon hinter sich. Anfang der 1970er-Jahre erreichte das Transamazônica-Straßenprojekt der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) die Wälder des westbrasilianischen Amazonasgebietes. Plötzlich standen riesige Bulldozer in ihren Dörfern, planierten ihre Friedhöfe und durchschnitten ihre Gebiete. Von einst 10.000 Tenharin überlebten nur 200. Der Rest starb rasch an Masern und Grippe.

Zuerst starben die Schamanen, die religiösen Führer und Medizinmänner. Sie hatten vergeblich versucht, den Krankheiten des weißen Mannes Einhalt zu gebieten. Ohne sie taumeln die heute rund 1.000 Tenharin von einem Kulturschock zum nächsten. Handys und Fertiggerichte, Telenovelas und flotte Motorräder stehen Geisterbeschwörungen und der Mbotawa, ihrem traditionellen Erntedankfest, gegenüber. Werden die Riten nicht korrekt vollzogen, verlieren sie den Beistand ihrer Urgeister.

Zuletzt wurden die Riten gebrochen. Grund war der Konflikt mit den weißen Siedlern. Es geht um das ihnen vom Staat zugesprochene Schutzgebiet, die letzte grüne Oase, umringt von Zerstörung. Viehbarone wollen es sich einverleiben. Der Staat schaut nur zu. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit weißen Siedlern sind fünf Anführer der Tenharin wegen Mordes angeklagt. Ihre Abwesenheit bei den Mbotawa-Festen hat bittere Konsequenzen für das Volk. „Sie glauben, dass ihre Geister sie verlassen haben“, sagt Bischof Dom Roque Paloschi, Präsident des katholischen Indigenen-Missionsrates Cimi, dessen Arbeit das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat seit vielen Jahren unterstützt. Cimi stellte den Tenharin Anwälte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung.

Im Gegensatz zum Ressourcen fressenden und Natur zerstörenden Lebensmodell der weißen Kultur sei das Überleben der indigenen Völker unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft. „Die indigenen Gebiete sind die, die noch am besten erhalten sind“, so Paloschi. Doch Brasiliens mächtige Agrarlobby wolle die Amazonaswälder lieber wirtschaftlich nutzen, statt sie den Indigenen zu überlassen.

„Der Papst schreibt in seiner Umweltenzyklika Laudato si´, dass wir mit jeder aussterbenden Tierart ein Stück weit mitsterben, dass unsere Welt ärmer wird, wenn ein indigenes Volk ausstirbt. Aber ihr Überleben zu garantieren, garantiert das Überleben dieses wundervollen Gartens Amazonien“, ist Bischof Dom Roque überzeugt.

Zweitausend Kilometer weiter westlich schwelt ebenfalls ein Konflikt. Hier, wo Perus Anden in das Amazonastiefland übergehen, bedrohen Öl- und Minenunternehmen das Überleben der indigenen Völker der Awajún und Wampi. Zuletzt brach eine Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Petroperu an mehreren Stellen. Die Flüsse, die den indigenen Völkern der Awajún und Wampi als Lebensgrundlage dienen, sind verseucht. „Mit diesem Wasser bewässern sie ihre Felder, sie essen die Fische, baden hier und trinken aus dem Fluss. Ein Desaster“, sagt Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori.

Das Problem sei nicht alleine die Verseuchung der Umwelt durch die Konzerne. „Auch die Indigenen konsumieren mittlerweile industrielle Lebensmittel, benutzen Wegwerfwindeln für ihre Kinder, verschmutzen ihre eigenen Trinkwasserquellen mit dem Müll. Sie haben nicht gelernt, mit diesen Produkten umzugehen“, so Bischof Vizcarra. Der Kontakt mit der ihnen unbekannten weißen Konsumgesellschaft hat das Leben der Indigenen auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ansteckungsrate mit dem HI-Virus und falsche Ernährung sind das Ergebnis.

Die Kirche unterstützt Landwirtschaftsprojekte, Fischzucht und den Anbau traditioneller Agrarprodukte, die den Indigenen eine neue Überlebensbasis geben sollen. „Aber schauen Sie sich um, wir sind mitten in diesem riesigen Urwaldgebiet. Die Kirche alleine kann das nicht stemmen. Wir bräuchten Hilfe vom Staat und ausländischen Organisationen.“

Die weit von den urbanen Zentren lebenden indigenen Gruppen zu organisieren, sei eine riesige Aufgabe, sagt Padre Pedro Hughes. Im September 2014 hatte der in Lima wirkende Geistliche an der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerkes Repam (Red Eclesial PanAmazónica) teilgenommen, an dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat beteiligt ist. Mit Hilfe der kirchlichen Strukturen in der Amazonasregion soll auf die Zerstörung der Natur und die Bedrohung der Indigenen aufmerksam gemacht werden.

Man müsse „durch Repam politischen Druck aufbauen und Allianzen zwischen den indigenen Völkern schmieden“. Nur gemeinschaftlich sei der Zerstörung der Natur und der in ihnen lebenden Völker Einhalt zu gebieten. Gelingt dies nicht, verschwinde mit den letzten Naturvölkern auch der letzte Garten Eden auf Erden.

Mit Weihnachtsaktion 2016 unter dem Motto Schützt unser gemeinsames Haus setzt sich das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat für die ursprünglichen Völker des Amazonasgebiets ein.

Brasilien: Das einfache Volk leidet am meisten

Seit Monaten bewegt uns die politisch brisante Situation in Brasilien. Heute nun (12/05/2016) ist diese langwierige brasilianische Novela zu einer sehr entscheidenen Phase gekommen. Präsidentin Dilma Rousseff wurde heute, nach einer über 20-stündigen Sitzung des Senates, für 180 Tagen vom Amt suspendiert. Michel Temer, Vize-Präsident, hat bereits die Amtsgeschäfte übernommen, während nun das eigentliche Verfahren der Amtsenthebung von Dilma Rousseff beginnt.

Obwohl ich derzeit in Deutschland bin, habe ich in diesen Tagen mit Spannung die Situation in Brasilien per Internet verfolgt. Mich, eine brasilianische Juristin, bewegt besonders auch die Art und Weise, wie es zu diesem sogenannten „kalten Putsch“ gekommen ist.

Juristisch wird das Amtsenthebungsverfahren mit den vorgeworfenen Verstößen gegen das Haushaltsrecht begründet. Jedoch ist diese Begründung recht fadenscheinig und eher politisch als rechtlich motiviert. Auch wenn bewiesen wird, dass die Präsidentin Haushaltsgelder verschoben hat, würde dieses Vergehen nicht zu einer Amtsenthebung führen. Ich bin nicht allein mit dieser Meinung: Gewerkschafter, Künstler, Intellektuelle, Landarbeiter und Anhänger des Bündnisses „Frente Brasil Popular“ klagen diese im Grunde illegale Machenschaften an. Auch die brasilianische Bischofkonferenz veröffentliche verschiedene Verlautbarungen, um auf diese ethische Krise in der Politik aufmerksam zu machen.

Diese Absetzung einer direkt vom Volk gewählten Präsidentin ohne rechtlichen hinreichenden Grund seites der rechten Opposition wird ein „kalter Putsch“ genannt, der von gezielten Medienkampagnen begleitet wird, um so die Behauptung zu verstärken, die Präsidentin sei in Korruptionsskandle verstrickt – was jedoch bis jetzt nicht bewiesen wurde.

Ich werde oft gefragt, wer meiner Meinung nach besser ist: Dilma oder Temer?. Was mir aber in diesen Tagen vor allem nachgeht ist das, WIE mit dieser politischen Krise umgegangen wird. Das Vertrauen in Politiker ist stark gesunken, ständig werden neue Korruptuionskandale aufgedeckt und veröffentlicht. Verwickelt sind darin kleine und große multinationale Firmen, Stadträte, Bürgermeister, Parlamentsmitglieder, Senatoren und auch Richter aller Justizebenen, die Organisatoren vom Fußballweltmeisterschaft und Olympiade etc… die Liste ist lang. Es scheint, dass das Grundgesetz ignoriert und außer Kraft gesetzt worden ist. Geld und Manipulation durch die Medien spielen dabei eine große Rolle. Es gibt im Grunde keine Partei oder hervorragende Person in der Politik, die eine echte Alternative sein könnte.

Und wie immer, wer am meisten dabei leidet, ist das einfache Volk, das mehrfach betrogen und belogen wird. Michel Temer, der die konservative Opposition vertritt, verkündet schon  seit Wochen, dass die sozialen Errungenschaften der letzten Jahre abgebaut würden, wenn er die Amtsgeschäfte übernehmen wird.

Was dies für uns, die Gefängnisseelsorge bedeutet, für unser Anliegen für einen gerechteren und menschenwürdigen Strafvollzug, ist noch ungewiss. Im Justizministerium stehen die verschiedenen Programme still. Ein neuer Justizminister wird diese Tage sein Amt übernehmen  und folgedessen viele neue Staatssekretäre ernennen. Ich habe wenig Hoffnung, dass wir in den nächsten Monaten mit unseren sozialpolitischen Aktionen große Fortschritte machen werden, obwohl in den letzten Monaten doch so einiges in Bewegung kam, z. B. bei den Aktionen gegen die Privatisierung des Gefängnissystems oder der Straferlass für Frauen, die wegen kleiner Kurierdienste als Schwerverbrecherinnen verurteilt wurden, ohne dass sie eigentlich ein aktiver Teil der kriminellen Drogenwelt sind, ebenso für schwangere Frauen oder Mütter mit Neugeborenen, etc.

Auf gut bayrisch heißt es jetzt: „Schau ma mal“! Auf alle Fälle werden wir nicht aufgeben und mit Hoffnung weitergehen, denn „Deus é brasilieiro“ (Gott ist Brasilianer“).

Chaostage in Brasilien – Präsidentin suspendiert

Brasilien erlebt turbulente Tage. Heute wurde Staatspräsidentin Dilma Rousseff vorläufig für 180 Tage von ihrem Amt suspendiert. Der Senat hat dies mit 55 zu 22 Stimmen entschieden, um mögliche Amtsverfehlungen der ersten Frau, die es an die Spitze des brasilianischen Staates geschafft hat, juristisch untersuchen zu lassen. Die Nachricht von Rousseffs Suspendierung erreicht mich in Eichstätt, wo ich gerade auf Heimatbesuch bin. Es hatte sich aber bereits in den letzten Monaten abgezeichnet, dass es so kommen würde.

Rousseff soll mit Bilanztricks versucht haben, das Defizit im Staatshaushalt zu verringern, um somit ihre Chancen bei den Präsidentschaftswahlen 2014 zu verbessern. Sie wurde nach der Fußball-WM für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Das Amtsenthebungsverfahren wird nicht mit Korruptionsvorwürfen begründet, obwohl die Präsidentin auch immer wieder in Verbindung gebracht wurde mit dem größten Korruptionsskandal der Geschichte des Landes um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobrás. Schließlich saß sie jahrelang im Aufsichtsrat und war Präsidentin des Konzerns.

Die Probleme gingen schon los im Wahlkampf, als die Präsidentin ein Brasilien präsentierte, das es in Wirklichkeit nicht mehr gab. Nach der Wahl wurde klar, dass Brasilien eigentlich in einer schweren wirtschaftlichen Krise steckt und die Zentralregierung den Haushalt schwer überzogen hatte ohne Genehmigung des Kongresses. Und laut Verfassung wird das mit Impeachment (Amtsenthebung) bestraft. Zuerst muss die Abgeordnetenkammer dem Bundessenat die Genehmigung zur Eröffnung eines Impeachment-Verfahrens geben. Und das ist Geschehen. Der Senat hat heute entschieden, dass das Impeachment-Verfahren jetzt beginnt. Jetzt wird untersucht, ob sie wirklich schuldig ist oder nicht. Erst nach Abschluss dieses Prozesses, wenn ihre Schuld nachgewiesen wird, verliert sie ihr Amt und ihre politischen Rechte. Sie darf dann für acht Jahre nicht mehr gewällt werden oder öffentliche Ämter begleiten.

Ausschlaggebend waren ihr schwieriges Verhältnis zu den Kongressabgeordneten und die rasche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Brasilien. Das Land hat inzwischen 11 Millionen Arbeitslose, viele Bundesstaaten und Kommunen können ihre finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen, die öffentlichen Dienste funktionieren mangelhaft und die Kriminalität hat extrem zugenommen. Viele Jugendlichen sehen keine Zukunft mehr in Brasilien wollen das Land verlassen.

Laut Umfragen ist die Mehrheit der Bevölkerung aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage für das Impeachment. Die Mehrheit hat auch die Suspendierung der Präsidentin heute auf den Straßen gefeiert. Man erhofft sich jetzt, dass die neue Regierung – die vom bisherigen Vize-Präsidenten Michael Temer angeführt wird – möglichst schnell die Kreditwürdigkeit Brasiliens wiederherstellt und die sozialen und wirtschaftlichen Probleme angeht durch die notwendigen Reformen. Er muss mit einer sehr starken Opposition der Anhänger Dilmas rechnen. Gewerkschaften und soziale Bewegungen wie die der Landlosen (MST) haben bereits angedroht, dass sie das Land stilllegen werden und der neuen Regierung keine ruhige Minute geben werden. Temer steht unter Druck, er muss Erfolg haben, weil sonst sich die Stimmung gegen ihn wenden wird. Auch Temer hat Probleme mit der Justiz aufgrund des Petrobrás-Skandals, so dass die Situation weiterhin undurchsichtig ist.

Die Präsidentin bezeichnet das Amtsenthebungsverfahren als „Putsch“, was vom Obersten Bundesgericht entschieden widersprochen wird. Die Bundesrichter sagen, dass sich das Verfahren strickt an die Verfassung gehalten hat (die Mehrheit der Bundesrichter wurde von ex-Präsidenten Lula da Silva und von Dilma ernannt). Ein Politikwissenschaftler der Universität Rio der Janeiro sieht in dem Gerede vom „Putsch“ ein Versuch, die Anhänger von Lula und Dilma mobil zu halten. Es ist eine große Frage, wie diese sich in den nächsten Tagen verhalten werden. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihre Drohungen nicht wahrnehmen und das Land nicht in ein totales Chaos stürzen.

Brasilien ist auch nach der heutigen Entscheidung gespalten und die Spaltung geht quer durch die Gesellschaft und durch die Familien. Wenn Temer Erfolg hat, wird sich die Situation sehr schnell zu seinen Gunsten ändern, andernfalls wird er der Nächste sein, der fällt. Brasilien kommt dann nicht zu Ruhe und die Probleme werden noch zunehmen. Die Brasilianer sagen „Gott ist ein Brasilianer“. Und da sie ein sehr starkes religiöses Empfinden und großes Gottvertrauen haben, hoffen sie, dass Brasilien seinen Weg findet und am Ende die Brasilianer sich wieder zusammenfinden.

Radio K1: Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken