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Papst Franziskus und die Kirche in Bolivien

Nach dem Start seiner Lateinamerikareise am Wochenende in Ecuador ist Papst Franziskus vom Mittwoch, 8. Juli, bis Freitag, 10. Juli, in Bolivien zu Gast. Das Andenland ist auf den Besuch aus Rom gespannt.

Man sagt – zu Recht oder Unrecht – dem linksgerichteten Präsidenten Boliviens, Evo Morales, gute Beziehungen zu Papst Franziskus nach. Andererseits wird es wahrscheinlich so sein, dass Morales alles nutzt, was bei den Wählern zu seinen Gunsten ist. Mit dem Papst im Fernsehen oder in der Presse zu erscheinen ist natürlich vorteilhaft. Denn der Präsident hat sich des Öfteren mit den „Hierarchen“ der Kirche, sprich Bischöfen, angelegt. Und die Kirche wird einfach allgemein mit den Eroberern Amerikas vor 500 Jahren gleichgesetzt. Eine Gegenbewegung von Seiten der Regierung gegen die Kirche ist eindeutig erkennbar, auch wenn man meistens eher schweigend miteinander umgeht.

Bolivien hat einen einzigen Kardinal, Julio Terrazas, und er ist auch Bolivianer. Allerdings ist er fast 80 Jahre alt und schwer krank. In seiner guten Zeit war er ein echtes Sprachrohr auch in politischen und gesellschaftlichen Streitigkeiten. Dieses Sprachrohr und Gewissen fehlt momentan in der Kirche und Gesellschaft Boliviens.

Nach wie vor ist die bolivianische Kirche sehr stark engagiert in Schule, Gesundheit und anderen sozialen Bereichen. Ohne Zweifel lebt man die von der Befreiungstheologie geprägten „Option für die Armen” – also eine Kirche für die Armen. Andererseits gelingt es nicht, die gesellschaftlichen Strukturen so zu ändern, dass es eine flächendeckende Verbesserung zugunsten der Armen gibt. Staatlicherseits tut sich praktisch kaum etwas in dieser Hinsicht. Zwar gibt es einige neue Versicherungen im Gesundheitswesen, doch die staatlichen Krankenhäuser funktionieren nur sehr schlecht – wie immer. Arbeitsplätze werden nicht geschaffen, und so steigt die Arbeitslosigkeit weiter. Rauschgiftanbau und -Vermarktung wird zwar bekämpft, doch geht alles weiter, und man spricht von Tonnen. Das Rechtswesen steht ziemlich unter dem Einfluss der Regierung.

Und die Kirche? Sie tut ihre Arbeit. Momentan scheint es, dass man Konflikte vermeiden will, da wahrscheinlich doch nichts erreicht werden kann. Da die Regierung die Kirche eher im Schulwesen zurückdrängen will, sieht man es als klug an, vorerst in Ruhe weiterzuarbeiten.

Natürlich leidet auch die bolivianische Kirche unter Priestermangel. So sind wir Franziskaner in den letzten 25 Jahren von rund 200 auf nur noch 100 Ordensangehörige geschrumpft, und dazu sind die meisten alt oder krank. Die Zahl der einheimischen Mitbrüder nimmt zwar etwas zu, doch wir sind dabei, Pfarreien und andere Einrichtungen abzugeben. Die Frage ist: an wen? Die Bischöfe haben auch keine Priester und die Priesterseminare sind fast leer. So sind die ausländischen Priester – trotz ihres Alters – noch die große Stütze der Kirche Boliviens.

Erfreulich ist allerdings, dass sich viele Laien stark engagieren. So gibt es viele jugen Katecheten in der Erstkommunion- und Firmvorbereitung. Eltern und Paten werden von Laien auf die Taufe vorbereitet. Gebetsgruppen fördern das spirituelle Leben und sind auch in Pastoral und Sozialarbeit aktiv. Da es praktisch keine Orgeln und auch keine bezahlten Organisten gibt, gibt es überall Jugendliche, die in den Liturgien die Musik machen.

Es gibt in Bolivien keine Kirchensteuer, und dies in einem armen Land. Wie soll sich die Kirche selbst finanzieren? Das ist ein großes Problem, und es wird noch größer, wenn die ausländischen Priester ausfallen und damit auch die finanzielle Unterstützung. So spricht man zunehmend vom “Zehnten”, eine Abgabe, die schon im Alten Testament auftaucht, und hier auch von vielen Sekten praktiziert wird. Tatsächlich gibt zunehmend Gläubige, die nicht nur bei der Kollekte in der Messe etwas spenden, sondern auch immer wieder größere Spenden geben.

Kirche in Bolivien? Wir sind gespannt, was uns der Papst, der ja Südamerikaner und als Argentinier unser Nachbar ist, zu sagen hat. Nicht alles wird der Regierung schmecken, und sicherlich auch nicht der Kirche. Wir dürfen also wirklich gespannt auf den Papstbesuch sein.

Fanpage auf Facebook zum Papstbesuch in Bolvien

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Papst Franziskus besucht Bolivien

In Bolivien geschieht so manches auf den letzten Drücker“ oder noch später. So auch beim bevorstehenden Papstbesuch vom 8. bis 10. Juli. Vor drei Monaten war es noch nicht klar oder offiziell: Hat Präsident Evo Morales den Papst eingeladen und seine Zusage erhalten? Was sagen die bolivianische Bischofskonferenz und der Nuntius? Schließlich war es dann doch amtlich, dass Papst Franziskus von Ecuador nach Bolivien kommt und dann nach Paraguay weiterfliegt.

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Boliviens Staatspräsident Evo Morales bei Papst Franziskus in Rom. Foto: Gabriela Bonus

Weihbischof Aurelio Pessoa, ein Franziskaner, wurde von der Bischofskonferenz zum offiziellen Koordinator ernannt. Da der Papst nur wenige Stunden in La Paz sein wird und fast zwei Tage dann in Santa Cruz, ist Bischof Aurelio auch immer wieder in Santa Cruz und quartiert sich hier in seinem Kloster ein. So haben wir Auskunft aus erster Hand, wenn auch unter strenger Vertraulichkeit.

Hier in Santa Cruz wird der Papst einen Besuch im berühmten Gefängnis Palmasola machen. Wie man hört, sitzen dort viele ohne Verurteilung ein. Hoffentlich kann der Papst hier etwas bewegen. Außerdem gibt es ein Treffen mit Priestern und Ordensleuten, und ein anderes mit den bolivianischen Bischöfen.

Die große Messe wird am Donnerstag, 9. Juli, an einer wichtigen Strassenkreuzung stattfinden, wo das Denkmal “El Cristo” steht. Der Papstaltar wird im Stil der Fassade der ehemaligen Jesuitenkirche Concepcion erstellt, mit geschnitzten Holzsäulen. Darüber freue ich mich persönlich sehr, da ich dort 26 Jahre Pfarrer an der Kathedrale war. Einige diese Jesuitenkirchen wurden von Franzikanern restauriert und sind seit 1990 Weltkulturerbe.

Zur Papstmesse erwartet man bis zu zwei Millionen Menschen, auch aus den Nachbarländern, besonders aus Argentinien, den der Papst stammt von dort. Nun geht es darum, dies alles zu organisieren und auch für die Sicherheit des Papstes zu sorgen. Das gibt sicherlich noch einiges Kopfzerbrechen für die Kirche und die Politiker…

In unserem Franziskanerkloster San Antonio haben wir auch intensiv mit dem Papstbesuch zu tun. 1988 war der erste Papstbesuch in Bolivien: Johannes Paul II, und er war hier in San Antonio untergebracht. Dieses Zimmer ist das sogenannte Papstzimmer, und seitdem ist es eine “Gnade” für jeden Besuch, dort schlafen zu dürfen. Diesmal soll der Papst im Haus des Kardinals einlogiert werden. Es gibt ja nur einen einzigen Kardinal, Julio Terrazas, und er ist Bolivianer. Er war in letzter Zeit sehr krank, so dass manche meinten, der Papst komme doch wieder nach San Antonio. Allerdings kommen 30 Leute seiner Komission hier bei uns im neuen Exerzitienhaus für zwei Nächte unter. Das ist zwar eine Ehre für uns, aber es bringt auch Aufgaben mit sich: Unterkunft, Essen, Sicherheit… Es sollen auch Bischöfe und Kardinäle darunter sein.

Nun erscheinen zunehmend auch große Plakate mit dem Bild des Papstes, und das Motto ist: „Mit Franziskus das Evangelium verkünden“. Hoffentlich gelingt uns dies vor, während und nach dem Papstbesuch. Der Papst kommt und geht – wir bleiben. Und Bolivien braucht – ohne Zweifel – Evangelium. Möge der Papstbesuch dafür eine Hilfe sein.

Kirche in Bolivien: Interview mit dem Erzbischof von Sucre, Jesús Juárez Párraga SDB

Vielfältige Aufgaben in Bolivien

Seit Ende vergangenen Jahres helfe ich – neben meiner Aufgabe in der Pfarrei San Antonio – beim Kinderdorf “Aldea Padre Alfredo” mit. Vor rund 40 Jahren gehörte es zu den SOS-Kinderdörfern, ist dann aber unter Leitung des Tiroler Franziskaners Pater Alfredo Spiessberger eine selbstständige Einrichtung geworden. Den Statuten gemäß sitzt ein Franziskaner mit im Vorstand, und da Pater Alfredo schon ein Pflegefall ist, war einige Zeit der Bolivianer Pater Marcelo Garron im Vorstand. Jetzt hat man mich um diese Mitarbeit gebeten. Da diese Aufgabe sehr komplex ist, muss ich mich erst einarbeiten. Es handelt sich nämlich um zwei Kinderdörfer: eines hier in Santa Cruz de la Sierra und das andere in San José, rund 200 km entfernt. Neben der Finanzierung gibt es einige andere Probleme.

Pater Alfredo hat auch monatlich eine deutsche Messe mit den Deutschen in Santa Cruz gefeiert. Da er nicht mehr kann, hat man einen anderen deutschen Priester gesucht – und gefunden: Pater Reinaldo Brumberger. Da es kaum deutsche Priester in Bolivien gibt, blieb mir fast nichts anderes übrig als mitzuhelfen. Die Messe findet in der Kapelle des deutschen Friedhofs statt, der neben dem Generalfriedhof liegt. Und dort sah ich neulich an den Grabnischen folgende Nachnahmen: Ettmüller, Nürnberg, Voss, Schulze, Diescher, Wille, Engelmann Kuhn, Meyer… Ich werde nun versuchen, Kontakte mit den Angehörigen in Deutschland herzustellen und sehen, was in Sinne der Pastoral möglich ist.

Natürlich bin ich immer noch bei Kolping als sogenannter Regionalpräses tätig. Da ist zwar nicht viel zu tun, doch es ist immer wieder einmal eine Vorstandssitzung oder eine Messe. Auch in der nahegelegenen Kolpingschule helfe ich manchmal mit.
Im Januar waren 35 Franziskaner aus ganz Bolivien zu einer Exerzitienwoche in unserem Haus in Santa Cruz. Auch da hatte ich als Hausoberer einiges zu organisieren. In der Woche darauf hielt ich den neuen Novizen Exerzitien vor ihrer Einkleidung. Das muss natürlich auch vorbereitet werden – oder man braucht viel Improvisation (oder der Hl. Geist).

In der Franziskanerprovinz arbeite ich intensiv mit: Als Mitglied des Provinzrates (Definitorium) erledige ich einen Teil der Finanzen für den Osten Boliviens und in der Franziskanerprovinz San Antonio auch als Hausoberer. Zu San Antonio gehören auch das neue Exerzitienhaus und die Krankenstation. Und da ich auch Pfarrer der Gemeinde San Antonio bin… was soll man noch alles tun?!

Bolivien – Evo Morales und die Kirche

Ende Oktober 2014 hat Papst Franziskus den linksgerichteten bolivianischen Präsident Evo Morales am „Welttreffen der Volksbewegungen“ in Rom begrüßt. Morales war einer der Hauptredner des Treffens und wurde später vom Papst zu einem privaten Gespräch empfangen. Bereits 2010 hatte der damalige Papst Benedikt XVI. ihm im Vatikan eine Privataudienz gewährt. Man kann davon ausgehen, dass Präsident Morales, wie die Mehrheit seiner Landsleute, katholisch, zumindest getauft und nicht aus der Kirche ausgetreten ist. Wie aber steht er politisch zur Kirche?

Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org
Boliviens Präsident Evo Morales bei Papst Franziskus. Foto: Gabriela Bonus/movimientospopulares.org

 

Evo Morales stammt aus dem Hochland, aus einem Indianerdorf in den Anden, also nicht aus einer Stadt. Bis heute sind dort – trotz Kirche – viele religiöse Bräuche von den ehemaligen Indianerkulturen und -religionen geprägt. Oft ist es einfach ein Synkretismus, also eine Vermischung verschiedener Religionen.

Morales war Vorsitzender (und ist es immer noch!) der Kokabauern-Gewerkschaften. Diese haben ihn gleichsam auf den Thron gehoben. Dazu kam auch, dass er sich vehement für die Indianer einsetzte, was sicherlich gut war und ist. Viele haben ihn gewählt, weil „er einer von uns ist”, das heißt, endlich ein Indianer als Präsident. Politische Programme interessieren in Bolivien wenig und sind auch kaum bekannt. Es spielt sich in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens vieles aufgrund von Gefühlen und nicht von Kriterien und Argumenten ab.

Seine politischen Freunde, Vorbilder und Ziehväter sind Fidel Castro und Hugo Chavez (ehemaliger Staatspräsident Venezuelas). Es ist also eine linke, kommunistische Politik und Partei, die das Sagen hat. Morales‘ Partei nennt sich MAS (Movimiento al socialismo = Bewegung hin zum Sozialismus). Doch welche Art von Sozialismus ist das oder hat er im Kopf?

Sein Problem ist, dass er zu sehr ideologisch vom Kommunismus geprägt und gefangen ist. Von daher kommt sicherlich auch seine ständige Abneigung gegen die katholische Kirche. Dies wird verstärkt durch die dunklen Seiten der Eroberung durch die Spanier, bei der die Kirche auch wirklich nicht immer gut agiert hat: Kreuz und Schwert! Positives in der Geschichte sieht Evo Morales natürlich nicht oder kennt es einfach auch nicht, zum Beispiel das gesellschaftliche Konzept der Jesuitenreduktionen (Siedlungen für die indigene Bevölkerung), die heute zum Weltkulturerbe gehören. (Ich war 26 Jahre in Concepcion tätig, einer der ehemaligen Jesuitenreduktionen, von Franziskanern restauriert). Auch was die Kirche seit den Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen von Medellin (1968) und Puebla (1979) an Positivem für die Armen und die Indianer getan hat und tut, kennt oder schätzt Evo Morales nicht. Kirche ist für ihn einfach “Kolonisation” und deshalb muss sie verschwinden.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die katholische Kirche immer eine kritische Haltung – auch öffentlich – gegenüber politischen Missbräuchen gewahrt und zum Ausdruck gebracht. Auch in Zeiten der Diktaturen! Natürlich tut sie dies auch gegenüber Evo Morales und seiner Regierung (auch da gibt es Missbräuche). Da die MAS so gut wie die ganze starke Opposition ausgeschaltet hat, ist fast nur noch die Kirche als “Opposition” geblieben, und ist damit Ziel so mancher Attacken. Die Angriffe richten sich meistens gegen die „Jerarcos“ (Hierarchie-Bischöfe). So versucht man, einen Keil zwischen die Basis und die kirchliche Führung zu treiben. Das geht so weit, dass sogar eine Art national-katholische Kirche gefördert wird. Als Zeichen der Abgrenzung von der Kirche hat man beim Vaterlandstag in Sucre (offizielle Hauptstadt Boliviens) während der Messe im Dom, an der normalerweise immer auch die politische Führungspersönlichkeiten teilgenommen hatten, auf dem Platz einen eigenen Wortgottesdienst mit den Anführern verschiedener Sekten und Präsident Evo Morales organisiert – und ohne die Kirche!

Es bleibt abzuwarten, was demnächst passiert, da sich Kuba und Nordamerika annähern und Venezuela finanziell am Abgrund steht. Da wird es auch schwieriger für Evo Morales. Doch ob dies etwas in seiner Einstellung zur Kirche ändert, ist fraglich.

Bolivien – Pfarrseelsorge in Santa Cruz de la Sierra

Es gibt einen gewissen Rhythmus im Leben, und doch ist jedes Jahr und jeder Tag neu und anders. Dies kann ich zumindest von 2014 sagen. In Bolivien herrscht relative Ruhe. Am 12. Oktober war Präsidentschaftswahl, und es war vorauszusehen, dass Evo Morales von der sozialistischen Partei wieder gewinnen würde. Es ist seine dritte Amtszeit. Dennoch hat er eigentlich nichts Wesentliches verändert oder verbessert, obwohl er immer vom Cambio (Wechsel) spricht. Rauschgift und Gewalt sind auf dem Vormarsch und kaum aufzuhalten. Die Behörden sind nicht in der Lage (oder auch nicht gewillt) ernsthaft durchzugreifen. Mal sehen, was die nächsten fünf Jahre bringen. Ein Freund der Kirche ist der Präsident jedenfalls nicht.

In der bolivianischen Franziskanerprovinz (Provincia Misionera San Antonio) hingegen hat sich einiges getan – und dies hat auch mich ziemlich betroffen. Am 25. März wurde unser einheimischer Provinzial Pater Aurelio Pessoa zum Weihbischof von La Paz ernannt. Damit musste er seine Ämter in der Provinz ruhen lassen. Da ich Vizeprovinzial war, musste ich automatisch die Provinzleitung übernehmen und somit auch das Provinzkapitel im September vorbereiten. Dies bedeutete, dass ich viele Visitationsreisen machen musste, um mit den Mitbrüdern zu reden. Dabei begleitete mich immer auch der bolivianische Provinzsekretär. Oft war er mein Fahrer, manchmal aber waren wir auch im Flugzeug unterwegs.

Zwar bin ich inzwischen 35 Jahre in Bolivien, doch viele und wichtige Teile des Landes hatte ich noch nie gesehen. Es war also eine einmalige Gelegenheit. Allerdings war dies nicht immer sehr erfreulich: Auf engen und kurvenreichen Schotterstraßen auf 3000 bis 4000 Meter Höhe, an tiefen Schluchten vorbei… Interessant, doch nicht immer angenehm.
Dann musste ich verschiedene Versammlungen leiten und unsere Vollversammlung vorbereiten. Um eine Kandidatenliste für den neuen Provinzial aufzustellen, wurden zwei Wahlen unter allen 103 Mitbrüdern durchgeführt. In beiden Wahlen lag ich klar an der Spitze. Ich gab den Mitbrüdern kund, dass ich mich nicht zur offiziellen Wahl stellen möchte. Gründe: Ich bin 69 Jahr alt und habe durchaus keine gute Gesundheit. Andererseits muss ein Provinzial ständig unterwegs sein. Und dies bei diesen Wegen, Entfernungen und Höhenunterschieden. Zudem ist knapp die Hälfte der Mitbrüder Bolivianer. Außerdem sind wir Ausländer fast alle mehr als 65 Jahre alt. Also ist es höchste Zeit, dass die Bolivianer selbst die Verantwortung übernehmen. Allerdings bin ich in das sogenannte Definitorium gewählt worden: Es sind fünf Ratsmitglieder, zu denen auch Pater Martin Sappl aus Bad Tölz zählt. Nun geht es bald um die Versetzungen. Es wird nicht einfach sein, und die kommenden Jahre werden schwierig. Nun ja, wir hoffen, dass es gut geht.

Pfarrei San Antonio

So bin ich vorerst noch Pfarrer von San Antonio in der Großstadt Santa Cruz de la Sierra, mit knapp 1,5 Millionen Einwohnern die größter Stadt Boliviens. Seit neun Jahren bin ich hier, nachdem ich 26 Jahre in Concepcion war. Wir betreuen 13 Außenstellen, die zum Teil wie eigene Pfarreien funktionieren. Im Haus sind wir momentan fünf Franziskaner: Drei Priester arbeiten in der Pfarrei (einer davon ist zugleich Leiter der Schule mit 2.400 Schülern). Zudem ist P. Walter Neuwirth (Deutscher) hier als Pensionär, und Bruder Feliz (Pole) als Hausökonom.

In diesen neun Jahren, die ich nun hier bin, konnte ich entscheidend mithelfen, dass eine Krankenstation im Haus für Franziskaner funktioniert, dass die Pfarrkirche zweimal erweitert wurde. Auch wurden verschiedene Säle und Räume als Pfarrzentrum geschaffen. Vor einem Jahr wurde auch das sogenannte Centro Franciscano mit Speisesaal, Versammlungsräumen und 50 Betten eröffnet. Dankbar kann ich sagen, dass es sehr gut angenommen wird und fast jede Woche Gruppen kommen. Doch dies alles muss natürlich organisiert werden.

In vielen Filialen konnte ich die Kapellen erweitern oder fertigstellen lassen, dazu auch Versammlungsräume. In vier Außenstellen am Stadtrand zelebrierte ich noch einige Jahre unter den Bäumen, doch inzwischen haben wir auch dort Kapellen und Räume. Doch ist nicht nur wichtig, zu bauen, sondern auch die Pastoral aufzubauen und zugleich zu entwickeln. So gibt es überall Gruppen, Vorbereitung für Erstkommunion und Firmung, einige Seniorenclubs, Musikgruppen, Jugendgruppen… Da es hier keine Orgeln gibt, spielen die Jugendlichen mit Gitarren, Trommeln und Elektroorgeln. Es ist gut, dass man älter und damit etwas schwerhörig wird. Doch den Leuten gefällt die Lautstärke. Jedes Wochenende können wir hier im Haus bis in die Morgenstunden kostenlos tanzen, da von den verschiedenen Bars die Musik tönt und sogar die Fensterscheiben vibrieren und klirren.

Andererseits kommen viele Jugendliche in die Kirche, spielen Musik und sind in der Gemeinde aktiv. So gibt es auch viele junge Katecheten für die vielen Filialen und Gruppen – wir haben zum Beispiel 350 Firmlinge und jährlich rund 100 Hochzeiten. Manchmal ist es nicht ganz so einfach, eine solche Pfarrei mit rund 50.000 Leuten in 13 Filialen zu organisieren und zusammenzuhalten. Aber bis jetzt scheint es, dass ich es ganz gut geschafft habe.

Nach wie vor haben wir zwei Speisesäle für Kinder aus armen Familien und eine Krankenstation. Auch helfe ich bei der Finanzierung eines Lehrers in der Taubstummenschule. Für einige Religionslehrer brauche ich monatlich gut tausend Euro. Wir sind dabei, Pfarr-Caritas zu verbessern, da Arme und Kranke aus der ganzen Stadt bei uns auftauchen. Wer ist wirklich arm, wer faul, wer betrügerisch? Immer wieder stehe ich vor Entscheidungen, den wirklich Armen zu helfen ohne in die Fallen der Schwindler zu tappen. Wir überlegen, ob wir nicht eine Sozialarbeiterin für diese wichtigen Aufgaben einstellen sollten und hoffentlich auch finanzieren können.