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Nachhaltige Wege in die Zukunft

Der Entwicklungsexperte Jorge Krekeler aus Sucre, Bolivien, war zu Besuch in Eichstätt, um lokale Nachhaltigkeitsinitiativen und die Katholische Universität kennenzulernen sowie über sein Projekt „Zukunftsalmanach“ zu informieren. Krekeler ist für die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) und das katholische Hilfswerk Misereor in den Andenländern Kolumbien, Peru, Ecuador und Bolivien tätig und sammelt Geschichten des Gelingens. Sein „Zukunftsalmanach“ ist in Anlehnung an das Zukunftsarchiv von „futurzwei“ entstanden. Es erzählt und teilt lokale Erfahrungen aus Lateinamerika zum Beispiel in den Bereichen Mobilität, Wasserversorgung, Wirtschaft oder Konsum. Angesichts globaler Herausforderungen möchte Krekeler damit zeigen, dass Formen der Entwicklung möglich sind, die einen Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung in den Mittelpunkt stellen. Im Gespräch  über das Projekt „Mensch in Bewegung“, das von der KUE und der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) durchgeführt wird, zeigte er sich angetan von den Initiativen und dem Potential, das in diesem Bereich in Eichstätt vorhanden ist. Stefan Raich hat mit ihm gesprochen.

Herr Krekeler, Sie sammeln Geschichten des Gelingens und haben einen Almanach dazu herausgebracht. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich habe den Zukunftsalmanach von der Stiftung „futurzwei“ vor Jahren gelesen und dann gesagt: Das kann man für Lateinamerika auch machen. Im konkreten Fall sind das vier Länder in der Andenregion: Chile, Peru, Bolivien und Kolumbien. Ich bin davon ausgegangen, dass es erfolgreiche oder besser gesagt motivierende Projekte gibt. Erfolg richtet sich immer nach schneller, höher, weiter. Dort wollen wir aber gar nicht hin. Dass es solche Projekte gibt, habe ich mittlerweile in 26 Fällen dokumentiert, und ich will daran weiterarbeiten.

Können Sie beschreiben, was so eine Geschichte ausmacht?

Die Geschichten kommen aus unterschiedlichen Themenbereichen. Es geht einerseits um saubere Produktion, um Ernährung, also Essen einerseits. Auf der anderen Seite geht es um Identität, Kommunikation, Stadt, Wohnfragen, also ein ziemlich breites Spektrum, das abgedeckt ist. Es sind Prozesse, die eigentlich nicht am Tropf von Projekten hängen, also nicht von externer Finanzierung abhängig sind, sondern aus dem Willen und der Aufbruchsstimmung von Menschen wachsen. Das sind zum Teil Einzelpersonen, zum Teil Familien oder kleinere Gruppen, die einfach anfangen, aus der Notwendigkeit heraus die Dinge anders zu machen und es auch geschafft haben, dass die Geschichten nachhaltig sind. Am Ende dieser verschiedenen Geschichten des Gelingens stehen ein paar Quintessenzen für die Zukunft. Menschen, die diese Geschichten lesen, die ja sicher nicht die Erfahrung eins zu eins wiederholen oder kopieren wollen, sollen für sich einen Mehrwert daraus ziehen können und sich überlegen, welche Transformationsprozesse sie in ihrem konkreten Lebensumfeld angehen können.

Jorge Krekeler mit Mitarbeiterinnen der Weltbrücke Eichstätt. Foto: Dagmar Kusche

Kann man also sagen, dass die gemeinsame Klammer der Geschichten nachhaltige Entwicklung ist?

Auf jeden Fall. Zukunft, nachhaltige Entwicklung, „Enkeltauglichkeit“. Sich selbst in den Spiegel schauen zu können, wenn man den Enkeln sagt, jetzt macht mal weiter auf diesem Planeten.

Welche Verbreitung hat dieser Almanach bislang gefunden und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bei der Verbreitung muss man sehr bescheiden sein. Die Kunst ist, kleine Schritte zu gehen, wenn sie denn in die richtige Richtung gehen. Wir dürfen da nicht den großen Wurf erwarten, auch nicht hinsichtlich der Kommunikation. Der Almanach ist zuerst einmal ein Kommunikationsprodukt im Internet und da darf man nicht von Millionen Klicks träumen, die passieren nämlich nicht so schnell. Aber was ich interessant finde ist, dass mittlerweile 20.000 Klicks zusammengekommen sind auf unterschiedlichen Kontinenten. Worum es mir aber vor allen Dingen geht, ist nicht nur einen Informationszugang zu motivierenden, hoffnungsweckenden Geschichten zu ermöglichen, sondern auch dazu, dass diese Inputs, die in diesen Geschichten stecken, lokale Prozesse hier wie dort anstoßen.

Sie haben in Eichstätt Einblick in lokale Nachhaltigkeitsinitiativen bekommen. Wie haben Sie das wahrgenommen und welches Potential sehen Sie darin?

Ich sehe ein sehr großes Potential. Ich bin wirklich sehr angenehm überrascht. Einerseits weil die örtliche Institutionen, sprich die Uni, Diözöse Eichstätt, die sicher immer noch eine große Rolle spielt, und auch die lokale Stadtverwaltung auf den ersten Blick schon gemeinsame Sache machen. Was ich nicht einordnen kann ist, inwieweit es Lippenbekenntnisse sind, die in der Praxis noch ein bisschen kranken. Was ich sehr interessant finde ist die Offenheit seitens zahlreicher Bereiche der Universität und auch die Einbeziehung der Studierenden. Ich glaube, hier sind Grundvoraussetzungen gegeben, zu wesentlich mehr Synergien zu kommen.

Liebe säen: Cristo Vive in Bolivien und Chile

Überwältigt und beschenkt vom Dienst unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fundación Cristo Vive Bolivia und Perú kehre ich nach Chile zurück. Aber all dieser Einsatz in den drei Ländern ist nur möglich mit Hilfe eurer solidarischen Unterstützung, liebe Freunde in Europa. Ich danke und lobe Gott für jede eurer Spenden, die wir in Bolivien, Peru und Chile für unsere Geschwister in Not einsetzen und in ein besseres Leben für sie verwandeln können. All das gäbe es nicht ohne euren treuen Beistand über die vielen Jahre hinweg.

Ein Höhepunkt für Cristo Vive im Jahr 2017 war am 10. Oktober die Einweihung des Internats für 16 Landwirtschaftsschüler aus den ärmsten Gegenden Boliviens: Ein unglaubliches Fest auf dem Quetchua-Bauerndorf Bella Vista am Fuß des Berges Tunari (5000m) mit Freunden aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, Vietnam, Argentinien, Peru und Chile. Wir konnten Margarita, die Präsidentin der Louis Dreyfus Stiftung und ihre Delegation, die den Bau und den Unterhalt der Landwirtschaftsschule finanziert, begrüssen und ihr von Herzen danken. Auch freuten wir uns über Franziska Hildebrand, die Präsidentin von Cristo Vive Schweiz, den Architektur-Professor des Baus, Ralf Pasel und seine wissenschaftliche Assistentin Lorena Valdivia, sowie über Elisabeth Voyeux in Vertretung der Luxemburger Pfadfinder. Auch der Gobernador von Cochabamba Iván Canelas, der französische Botschafter, der deutsche Honorarkonsul Gerardo Wille, Vertreter der deutschen und der Schweizer Botschaft und die Quetchua-Maurerinnen, die zusammen mit den anwesenden deutschen Studenten der TU auf dem Bau gearbeitet haben, feierten mit unseren Lehrern und Schülern. Vor dem Segen wiederholte unser Freund Tito Solari, der Alt-Erzbischof von Cochabamba, mehrmals: “Das ist ein Wunder, ein Wunder Gottes!“

Nun ein kleiner Überblick über den Einsatz der Cristo Vive in Bolivien:

  • 260 Kinder zwischen 6 Monaten und 5 Jahren sind ganztags in unseren Tagesstätten in Bella Vista, Chocaya und Tirani. Es wird auch mit ihren Eltern erzieherisch gearbeitet.
  • 140 Schulkinder bekommen Schulaufgaben-Nachhilfe und kulturelle Förderung in Bella Vista und Tirani
  • 500 junge Menschen erhalten eine 3-jährige Berufsausbildung im Instituto Tecnológico Sayarinapaj in Elektrizität, Metallmechanik, Schweißer, Tischler, Landwirtschaft, Küche und Bäckerei, Sozialarbeit und Kleinkindererziehung. 45 dieser Schüler leben in unserem Internat Musuj Kanchay, da sie aus entlegenen Gegenden kommen. Im neuen Internat werden weitere 16 Schüler unterkommen.
  • 85 arme, alte, häufig auf der Straße lebende Menschen, meist Frauen, werden ambulant betreut.
  • 26 Familien wird professionell beigestanden, um ihre Gärten und Kleinfelder ertragreicher anzubauen

In den beiden Polikliniken in Bella Vista und Tirani werden die Kranken behandelt, aber auch Gesundheitserziehung geleistet.

In Bolivien erreichen wir es nach und nach, kleine Subventionen für die Kindergärten von den Stadtgemeinden zu bekommen. Gleichzeitig kämpfen wir weiter um eine staatliche Unterstützung für unser Berufsausbildungszentrum Sayarinapaj.

Staatliche Unterstützung in Chile

Nach 48 Jahren Arbeit unter den Armen in Chile haben wir es zusammen mit unseren Mitarbeitern geschafft, dass der chilenische Staat im Jahr 2016 ganze 88,6% der Kosten unserer Dienste finanziert hat. Durch private Spenden in Chile waren 5,4% eingegangen und unsere europäischen Freunde haben 6% beigetragen, das waren aber immerhin noch 448.000 Euro, ohne die wir nicht über die Runden gekommen wären.

Fundacion Cristo Vive hilft armen Kindern. Foto: Cristo Vive Chile

Jesus, der Sohn Gottes, hat uns keinen Zweifel hinterlassen, wie wir ihm begegnen können, als er sagte: „Ich war hungrig, durstig, wohnungslos, nackt, krank, im Gefängnis und du kamst mir zu Hilfe!“ In allen Menschen, denen wir dienen, begegnen wir Ihm. Wir können auf die Menschen in Not mit liebevollem Herzen zugehen und ihnen nach unseren Möglichkeiten beistehen. Dabei werden wir selbst auf die Dauer eine tiefe innere Freude spüren, in der Jesus uns seine wirkliche Gegenwart erfahren lässt.

Cristo Vive ist in Chile weiter gewachsen. Schwester Teresa begleitet mit ihrem Team die Arbeit mit den Obdachlosen, den Dienst, den wir im Mai 2012 begonnen haben. In der Herberge Cristo Acoge können 20 bis 25 Obdachlose übernachten, im Wohnheim werden 30 Menschen auf ihrem Weg zur Resozialisierung begleitet, während weitere 32 Obdachlose ambulant betreut werden. In den beiden Rehabilitationszentren Talitakum sind rund 130 jugendliche und erwachsene Drogenabhängige in ambulanter Begleitung und Behandlung. In der Poliklinik Villa Mercedes werden rund 4000 Pobladores medizinisch und krankenpflegerisch versorgt und im Familiengesundheitszentrum Cristo Vive haben 22.000 Menschen von morgens 8 Uhr bis 24 Uhr, sieben Tage die Woche, bei uns das Recht auf medizinische Behandlung.

Rund 1.200 Schülerinnen und Schüler konnten wir in diesem Jahr in unseren vier Berufsschulzentren ausbilden. Zu unserer Freude haben die meisten von ihnen nach ihrem Praktikum Arbeit gefunden. Ich bin weiter davon überzeugt, dass der Staat mindestens zwei Semester beruflicher Ausbildung für die jungen Arbeiter/innen finanzieren müsste, damit sie einen besseren Einstieg mit mehr Kenntnissen und praktischer Erfahrung fänden, aber das ist unserem Staat immer noch zu teuer und wir konnten das Arbeitsministerium bisher nicht davon überzeugen. Eine Ausnahme ist unsere kostenfreie Krankenpflegeschule mit bis zu drei Semestern Ausbildung – bis jetzt die Einzige in ganz Chile – finanziert mit 70% staatlicher Subventionen und 30% Spenden von Cristo Vive Schweiz und Europa.

Viele tausend Kinder sind seit ihrer Gründung im Jahr 1973 durch unsere Kindertagesstätte Naciente im ehemaligen Elendsviertel Angela Davis gegangen. Inzwischen ist aus diesem Viertel eine Arbeitersiedlung geworden, in der rund 12.000 Menschen leben

Liebe Freunde, unser Dienst, die Liebe zu säen, ist kein „MÜSSEN“, sondern unser höchstes Ziel, unsere tiefste Berufung und unser größtes Glück. Zusammen mit all unseren Mitarbeitern möchte ich euch in dieser Heiligen Nacht viel Liebe und Freude und ein gesegnetes Jahr 2018 wünschen. An der Krippe des göttlichen Kindes begegnen wir uns.

(Aus dem Weihnachtsbrief 2017)

Mein FSJ in Bolivien

Jetzt sind schon beinahe zwei Monate vergangen, seit ich zusammen mit den drei anderen Cristo Vive Freiwilligen in Frankfurt ins Flugzeug gestiegen bin und meine Reise nach Bolivien angetreten habe. Nach sechs Stunden Aufenthalt in Madrid und sehr wenig Platz während des Langstreckenfluges sind wir auch endlich in Cochabamba angekommen. Dort wurden wir auch herzlich von den bereits 10 Tage vorher angereisten Amntena-Freiwilligen, unserer Betreuerin Rosario und einigen Tias mit Blumen in Empfang genommen. Sehr bolivianisch ging es dann auf der Ladefläche eines Pickups für mich und Simon, meinem Mitfreiwilligen, nach Marquina, wo die neue Wohnung für uns Bella Vista-Freiwillige ist.

Dabei haben wir auch einen ersten Eindruck von der Umgebung bekommen. Unsere WG befindet sich im ersten Stock eines sonst noch nicht fertig gestellten Hauses, das von außen auch noch ziemlich nach Baustelle aussieht. Die Wohnung selbst ist jedoch sehr schön, wir haben für sieben Personen vier Schlafzimmer, weshalb ich mir mein Zimmer mit Dinah teile. Wir verstehen uns auch echt gut und ich bin sogar froh, kein Einzelzimmer zu haben. Dass wir für sieben Freiwillige nur ein kleines Bad haben, hat uns am Anfang etwas Sorgen bereitet, gestaltet sich aber als viel unkomplizierter als gedacht. Wir haben auch kein WLAN, weshalb ich bis jetzt auch nichts schreiben konnte. Zwar hieß es am Anfang, wir sollten in ein paar Wochen welches bekommen, doch bis jetzt hat sich noch nicht wirklich etwas getan.

In der ersten Woche war in Quillacollo, der Stadt, die zwischen Cochabamba und Marquina liegt, auch gleich eines der größten Feste des Jahres, die Urkupiña. Dabei konnten wir schon einmal die traditionellen Tänze und Musik kennenlernen und auch das erste Mal das Straßenessen testen…

Einige Tage nach unserer Ankunft habe ich auch erfahren, dass ich nicht wie bis dahin gedacht in Bella Vista arbeiten werde, sondern in Chocaya, einem kleinen Dorf, das durch ein Flussbett abgetrennt von den restlichen Dörfern ist. Hier gibt es eine Grundschule und zwei Kindergartengruppen. Die Einrichtung ist nicht nur kleiner, sondern auch viel jünger und somit auch noch nicht so gut entwickelt wie die restlichen Kindergärten der Fundación Cristo Vive. Zu Fuß benötige ich von uns zu Hause 30 Minuten und der Weg geht auch über eine sehr schiefe Holzbrücke. Im Moment ist das jedoch noch kein Problem, da das Flussbett noch ausgetrocknet ist, was sich aber in der Regenzeit ändern wird.

Die ersten zwei Wochen haben wir nur vormittags gearbeitet und gingen nachmittags in die Sprachschule. Da wir nach Cochabamba ca. eine Stunde brauchen und der Unterricht sehr interessant und effektiv war, war diese Zeit auch sehr anstrengend. Wir haben uns mit unseren Lehrerinnen auch so gut verstanden, dass wir zwei Mal mit ihnen gekocht haben und sogar Lama-Fleisch getestet haben. Außerdem wurden wir zu dem Kindergeburtstag des Sohnes einer Sprachlehrerin eingeladen und durften dadurch auch schon eine bolivianische Familienfeier erleben und einige Tänze lernen.

In der dritten Woche hier haben wir uns zusammen mit einigen Mitarbeitern der Fundación und anderen Freiwilligen frühmorgens getroffen, um den Berg Tunari zu besteigen. Das war auf jeden Fall ein Highlight, da es für mich nicht nur die erste Wanderung in Bolivien war, sondern gleichzeitig auch der erste 5000er. So hoch zu wandern war eine große Anstrengung, aber der Blick vom Gipfel hat das alles wettgemacht.

Nach dem Sprachkurs konnte sich der Arbeitsalltag aber noch nicht einstellen, da wir von einem Amt zum nächsten hetzen mussten, um unser Visum zu beantragen. Am Donnerstag haben wir aber endlich unseren Carnet, den bolivianischen Pass, erhalten und werden kommende Woche das erste Mal fünf Tage am Stück arbeiten können. Dass das bis jetzt noch nicht geklappt hat, liegt auch daran, dass zwei andere in der WG und ich uns vor einigen Wochen Amöben eingefangen haben und dadurch auch mehrere Tage flachlagen. Gleichzeitig habe ich aus dem Kindergarten Läuse mitgebracht, die jedoch durch ausreichend Läuseshampoo schnell besiegt waren. Das war beides nicht sehr angenehm, aber immerhin bin ich jetzt abgehärtet. 😊

Am 14. September haben wir uns zusammen mit der Freiwilligenbeauftragten Rosario über ein verlängertes Wochenende aufgemacht nach Villa Tunari, einem Ort fünf Stunden entfernt von Cochabamba, um unser Einführungsseminar zu halten. Dieses Dorf liegt im Tropico, also gab es hier für uns das erste Mal Dschungel, Affen, Papageien, Nasenbären und vieles anderes zu sehen. In einem Naturpark waren die Spinnenaffen, die aus teilweise aus Zirkussen befreit wurden, sogar so zutraulich, dass man sie streicheln konnte. Sehr beeindruckend war auch das Klima, da es doch ganz anders ist als bei uns, obwohl es gar nicht so weit entfernt ist. Mehrmals wurden wir zum Beispiel von richtigen Platzregen überrascht und die Anziehsachen konnten auch über zwei Tage hinweg nicht richtig trocknen, weil es einfach so drückend schwül war. Die anderen Freiwilligen sind dann zum Rafting gefahren, doch ich bin im Hostel geblieben, da Rosario sich Sorgen gemacht hat. Immerhin bin ich die einzige 17-Jährige und somit die „peque“, also die Kleine. Dafür konnte ich dann aus der Hängematte heraus den Blick auf das große Flussbett und das viele Grün genießen, das doch ganz anders ist als die Bäume in Cochabamba.

Am Sonntag ging es dann schon wieder Richtung zu Hause, wo uns auch schon eine Überraschung erwartete: Die Mauer samt Eingangstor stand nicht mehr vor, sondern links vom Haus und der Riegel war vorgeschoben, doch nach längerem Klopfen hat uns die dueña auch geöffnet und wir konnten endlich erschöpft ins Bett gehen.

In der Zeit, die seitdem schon vergangen ist, konnte sich der Arbeitsalltag mehr und mehr normalisieren. In der Früh schwinge ich mich um 20 vor 8 auf mein neu erworbenes Fahrrad, was den Berg hinauf schon noch sehr anstrengend ist und nehme zusammen mit meiner Tia Anabel unsere Kinder nach und nach in Empfang. Dann gibt es erstmal Frühstück für alle, was häufig sehr süße Milch mit Semmel oder auch typisch bolivianisch aus Api mit Buñuelo besteht. Das ist wie Kinderpunsch mit Zimt und frittierter Teig und schmeckt sehr fein.

Danach gehen wir entweder auf den Spielplatz oder basteln etwas. Manchmal bekommen die Kinder auch etwas Kleber auf die Hand und dürfen diesen dann voller Freude wieder abzupfen. Nach dem Meriendita um halb 11, das meist aus Banane oder Papaya besteht, schauen wir meist neben dem Spielen Videos von südamerikanischen Kinderliedern an, was mir sehr viel Spaß macht, da ich inzwischen immer mehr davon auswendig mitsingen kann.

Zum Mittagessen gibt es meistens Suppe und danach Nudeln mit Fleisch, Reis mit Linsen oder anderes, was aber immer sehr gut schmeckt. Die Köchin Lucy ist echt spitze und auch superlieb. Beim Mittagessen schlafen dann auch schon die ersten Kinder ein und sobald die Tische abgeputzt und der Boden gefegt ist, legen sich auch die anderen nach und nach hin.

Wie das mit der Arbeit am Nachmittag sein wird ist mir noch nicht ganz klar. Die ersten Wochen war ich immer bei den großen Kindern und hab allein mit ihnen gebastelt oder auf der Cancha, also dem großen überdachten Platz, Fußball gespielt. Das war das erste Mal auch echt eine große Herausforderung, da die Kinder mich noch nicht ernst genommen haben und ich alleine mit zehn 4- bis 6-Jährigen etwas überfordert war. Doch normalerweise gab es keine Person, die die Kinder beaufsichtigen konnte.

Für das Apoyo, die Hausaufgabenbetreuung, und die Kindergartenkinder gab es nämlich nur Zoika, die Leiterin, die damit quasi doppelt belastet war. Vor ein paar Wochen kamen dann jedoch zwei Praktikantinnen, die das Apoyo beaufsichtigten. Nun schliefen aber auch die großen Kinder und ich hatte bis halb drei nicht wirklich viel zu tun, außer Zoika bei irgendeiner Bastelarbeit zu unterstützen. Wenn es aber nichts zum Basteln gab, gab es auch keine Beschäftigung für mich. Aber die Praktikantinnen kommen nicht jeden Tag, weshalb ich einfach schauen werde wie sich das entwickelt. Vorletzten Freitag war dann vormittags meine Tia krank und ich war allein mit zum Glück nur zwei Kindern. Das war jedoch kein Problem, sondern hat sehr viel Spaß gemacht. Anabel hat große Probleme mit dem Rücken und deshalb habe ich jetzt eine Woche auch nachmittags bei den Kleinen geholfen, da es ihr große Schmerzen bereitet, die Kinder hochzuheben oder am Ende den Raum herauszuwischen. Das hat mir auch viel Spaß gemacht, weil ich so einen noch engeren Bezug zu den Kindern bekommen habe und auch mit Anabel mehr reden konnte. Um halb vier bis vier ist dann alles geputzt und die Kinder wurden wieder von ihren Eltern abgeholt. Danach spiele ich noch mit den großen Kindern und auch mit den Apoyo-Schülern, mit denen ich mich auch sehr gut verstehe. Um halb fünf bekommt dann jeder noch ein Desayuno mit, was eine Tüte voll Milch mit Zimt, Kaba oder ein Müsliriegel ist, und danach gehe ich mit Zoika und den Kindern, die in Bella Vista wohnen, zurück und kann mich den Berg herunter bis Marquina auf dem Fahrrad einfach rollen lassen.

Ich bin wirklich sehr zufrieden mit meiner Stelle, weil ich Kinder von klein bis groß um mich habe und ich mich in Chocaya sehr aufgehoben fühle. Die Nachmittagsbeschäftigung besteht meistens darin, mit Lars, einem Mitbewohner, auf unserem Balkon auf den WG-Gitarren, die wir auf der Cancha billig gekauft haben, zu spielen und zu singen. Ansonsten spielen wir manchmal nach dem gemeinsamen Abendessen noch Karten oder schauen einen Film.

Zweimal in der Woche gehen wir jetzt auch noch zu viert in Quillacollo Chacarera-Tanzen, das ist einer der traditionellen Tänze in Bolivien und wir werden auch in Oruro beim großen Karnevalsumzug tanzen können, wenn alles klappt… Letzten Freitag war auch ein Gemeindefest in Bella Vista, wo wir mit den Tias, Mitarbeitern der Fundación Cristo Vive und Karoline im Cholita-Look das erste Mal eine Entrada tanzen durften.

Dieses Wochenende kamen uns Freiwillige aus La Paz besuchen, die ich vom fid-Seminar kenne. Uns ist aufgefallen, dass man in Cochabamba nicht wirklich viele touristisch interessante Orte herzeigen kann. Trotzdem hatten wir viel Spaß und es war sehr schön, sie wiederzutreffen. So, das war jetzt ein kleiner Einblick in meine erste Zeit hier in Bolivien. Natürlich hätte ich noch viel genauer auf Einzelheiten eingehen können, doch das würde ja dann uferlos werden. 😊

Muchos Salidos de Cochabamba!

Im Dienst für die Armen in Lateinamerika

Wie gerne würde ich heute alle unsere lieben Freunde einladen, von meinem Fenster aus, die im Glanz der Wintersonne schneebedeckten strahlenden Anden zu betrachten. Ich bin von Herzen dankbar für die vielen wunderbaren Begegnungen während meiner „Missionsreise“ im vergangenen Juni durch Deutschland, Luxemburg und die Schweiz.

Nur wenigen Freunden habe ich während meines Aufenthaltes in Europa erzählt, dass meine Reise ein Schatten begleitete: Vor meinem Abflug nach Europa lag unser langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter und Geschäftsführer, Freund und Mitgründer von Cristo Vive, Jorge Fernandez, todkrank im Krankenhaus und der Arzt fragte mich, was ich machen würde, im Falle wenn er heimgehen würde… Der Arzt wusste, dass Jorge mich gebeten hatte, seine Beerdigung zu feiern. Ich hatte immer geantwortet mit ja, – wenn er dann auf meine Beerdigung gehen würde, aus Spaß. Dem Arzt versprach ich, ich würde sofort meine Reise unterbrechen und zur Beerdigung kommen. Jorge selbst rief ich dann an, um ihn zu erinnern, dass wir am 11. Juli seinen 80. Geburtstag feiern wollen und er sich daran halten müsste.

Während meiner Reise jedoch war ich immer mit einem Ohr in Chile und im Herzen bat ich Gott, dass wir noch Jorges Geburtstag feiern dürfen. So rief ich ihn gleich nach meiner Rückkehr an und machte mich auf, um ihn umarmen zu können. Wir verbrachten zwei glückliche Stunden und ich konnte ihm die Grüße aller Freunde überbringen, worüber er sich unglaublich gefreut hat. Dennoch ließ er mich wissen, dass es ihm voll bewusst ist, dass er zwischen Leben und Tod lebt, in Gottes Händen.

Es ist unbeschreiblich, wie unser lieber Jorge Fernández über jeden der vielen Hundert Geburtstagsgrüße überrascht war und sich gefreut hat. Aber auch ich bin überwältigt und kann nur danken für die unzähligen Zeilen, Wünsche, Gedanken und Gebete für Jorge. In einer Zeit des Lebens, in dem jeder Tag für Jorge ein besonderes Geschenk ist, konnte ich in einem persönlichen Gespräch herausfinden, wie er sich die Feier seines 80. Geburtstages mit uns wünschte. Er wollte, dass wir mit ihm und seiner Frau Nena „im Kleinen“ in seiner Wohnung als Comunidad, im Kreis der Gründergemeinschaft und Vorstandsmitglieder Cristo Vive, das Gedächtnis Jesu feiern. So verwandelte sich Jorges Wohnzimmer in den Abendmahlssaal, wo wir miteinander Gott für Jorges Leben, seinen Einsatz für die Armen und seinen Beitrag zur Gründung der Fundación Cristo Vive dankten. Mit Nena und Jorge und dem mit Jorge verwandten Befreiungstheologen, Pater Sergio Torres, waren wir zusammen 18 Jünger und Jüngerinnen Jesu.

Was unsere Dienste angeht, habe ich inzwischen viele Mitarbeiter getroffen und mit Freude gesehen, dass die Arbeit auf Hochtouren läuft. Immer geht es darum, den Menschen mit Liebe zu dienen.

Wir hatten in der vergangenen Woche das Abschieds-Seminar unserer 25 Freiwilligen, die ein Jahr in unseren verschiedenen Diensten unter den Armen Einsatz geleistet haben. Ist das nicht eine neue Form von missionarischem Dienst? Durch ihr Engagement wird den Menschen Jesu Frohe Botschaft sichtbar.

Fünf junge Frauen aus der Diözese Eichstätt kehren in ihre Heimat zurück: Franziska Breitenhuber und Katharina Geitner aus Eichstätt, Isabell Schöpfel aus Kipfenberg, Theresa Schmidt aus Weigersdorf und Susanna Bauer aus Rupertbuch, die schon daheim sein müsste. Ihnen allen von Herzen Dank! Gleichzeitig erwarten wir im August schon die neuen Freiwilligen für 2017/18 in Chile, Bolivien und Peru: Bienvenidos – Willkommen!

Ganz herzlich grüße ich alle Eichstätter Schulen, die unsere Arbeit beim Altstadtfest unterstützt haben und danke allen unseren lieben Unterstützern!

Eine ganze Reihe ehemaliger Freiwilliger ist bereit, bei Vorbereitungsseminaren künftiger Freiwilliger bei Cristo Vive Europa mitzumachen, um den Neuen aus erster Hand Erfahrungen für ihren Dienst zu vermitteln. So zum Beispiel Agnes Birzer aus Pietenfeld. Warum sie mitmache? Ihre Antwort: „Weil ich seit meinem Jahr in Chile ein Teil der Cristo-Vive-Familie bin und jedes Seminar wie ein Familientreffen ist. Es tut gut, die eigenen Erfahrungen an die neuen Freiwilligen weiterzugeben. Ich kann dort meine eigenen Erlebnisse immer wieder reflektieren und daran zurück denken. Es ist mir wichtig, dass die Vision und Mission von Cristo Vive weitergegeben werden und möglichst viele Menschen erreichen“.

Unterwegs an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien

Ich war in den vergangenen Wochen viel unterwegs und habe in Städten in der Region von Rondonópolis und auch an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien Lepravorträge für das Gesundheitspersonal gehalten. Ich habe auch einige neue Leprafälle entdeckt. Ein Arzt in der Urwaldstadt Araputanga, den ich schon 20 Jahre kenne, behandelte einen Patienten drei Jahre auf Reumathismus. Da keine Besserung auftrat, bat er mich den Patienten zu untersuchen, es war Lepra. Die Straßen zu einigen Städten an der bolivianischen Grenze waren teilweise sehr schlecht und ein plötzlich auftretender Tropenregen hat die Erdstraße schnell in Schlamm verwandelt, was meinem alten Jeep einiges an Kraft kostete. Doch die kleinen Städte in der Region sind noch ziemlich sicher mit wenig Gewalt und vor allem die Landschaft ist sehr schön mit vielen Wasserfällen. Doch bei den Wasserfällen muss man aufpassen, weil in letzter Zeit in einigen Wasserfällen Anakondas bis zu fünf Meter gesehen wurden. Das Bild mit der Anakonda auf der Straße wurde in der Region von einem Freund gemacht.

Buschstadt Jauru mit Kirche im Bundesstaat Mato Grosso: Foto Manfred Göbel

Dreimal in den letzten Monaten hat mich der Jeep auf der Straße gelassen. Der Motor schaltete plötzlich ab, weil die Sicherung für die Einspritzpumpen durchbrannte. Jedes Mal passierte das mitten in der Prärie. Einmal kurz vor einer Polizeistation, die mir einen Abschleppdienst organisierte und zweimal in einer sehr gefährlichen Region an der Grenze zu Bolivien, wo normalerweise keiner anhält. Da wurde es mir schon ein wenig bange. Doch ein Ehepaar hielt an und benachrichtige in der nächsten Stadt – ca. 40 Kilometer entfernt – einen Abschleppdienst. Zuerst wollte ich in einer nahegelegenen Farm Hilfe holen, doch scharfe Hunde und bewaffnete Angestellte verhinderten mir den Zutritt. Nach einer Stunde kam der Abschleppdienst und brachte mich in eine Werkstatt. Es wurde die Sicherung gewechselt und ich konnte weiterfahren. Doch nach drei Kilometer blieb der Jeep wieder stehen. Der Abschleppdienst kam wieder und der Jeep musste nach Cuiabá gebracht werden, ca. 200 Km entfernt. Der Besitzer des Abschleppdienstes meinte, dass es ein guter Tag für mich gewesen sei, worauf ich protestierte und meinte, nicht für mich, sondern für ihn, da er mich zweimal abschleppen musste und Geld damit verdiente. Doch er bestand darauf und meinte, dass ich Gott danken soll, dass nur der Jeep versagte und ich ohne Schaden blieb. Da hatte er Recht, denn wenn mir der Jeep beim Überholen versagt hätte und die schweren Fernlaster mit hoher Geschwindigkeit durch die Prärie rasen, hätte das für mich böse enden können. Jetzt habe ich eine Generalüberholung des Jeeps machen lassen: Zwei Einspritzpumpen wurden ausgewechselt und die Stromversorgung überholt. Inzwischen war ich schon wieder viel unterwegs und ohne Probleme.

In Rondonópolis besuchte ich ein altes Ehepaar, das vor mehr als 35 Jahren Lepra bei mir und meiner Frau behandelte. Heute leben sie in einem kleinen Häuschen in einem Armenviertel, das ihnen ein deutscher Priester gebaut hat. Der Mann hat schwere Verstümmelungen wegen Lepra und beide sind an Chagas erkrankt. Sie haben sich sehr über meinen Besuch gefreut. In Rondonópolis hatte ich auch eine Besprechung mit den Stadträten und der Leiterin des Gesundheitsdienstes.

Im Gespräch mit Stadträten und Leiterin des Gesundheitsdienstes in Rondonopolis. Foto: privat

In einer kleinen Buschstadt hielt ich einen Vortrag für Kleinbauern, viele kannten mich noch als ich vor 30 Jahren Leprakampagnen organisierte. Nach dem Vortrag organisierten sie ein typisches Abendessen mit Reis und Huhn. Die Freude der Kleinbauern über meinen Besuch war wirklich beeindruckend. Eine weitere Kampagne ist geplant.

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) hat die Gelder für Südamerika und vor allem auch Brasilien drastisch gekürzt, so dass nur noch wenige Projekte unterstützt werden können. Deshalb fahre ich wieder in die Städte und helfe an der Basis, das Gesundheitspersonal auszubilden und besuche Kranke. Das macht viel Freude, denn die Menschen sind sehr dankbar, vor allem auch die Fachkräfte.

Meine angeschlagene Wirbelsäule hat bisher gut mitgemacht dank der guten Behandlung durch das orthopädische Team des Klinikums in Ingolstadt.

Anakonda auf der Straße. Foto: Manfred Göbel

Die Lage in Brasilien ist chaotisch und trostlos. Grenzenlose Korruption auf allen Ebenen (Justiz, Politik, Unternehmen, Banken, Gewerkschaften und Gesellschaft) hat das Land zerstört. Massenarbeitslosigkeit, extrem hohe Kriminalitätsrate, Chaos in allen öffentlichen Diensten – vor allem Gesundheitsversorgung – und allgemeine Frustration sind die Folge. Viele Brasilianer, vor allem Jugendliche wollen das Land verlassen. Es ist momentan keine Perspektive auf Besserung da. Eine korrupte Elite dominiert das Land, sowohl die linksorientierten als auch rechtsorientierten, konservative oder progressive, alle sind sie in Korruption verwickelt. 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur haben gerade diejenigen, die gegen die Militärdiktatur kämpften, das Land in den Abgrund gestürzt.

Manfred Göbel mit Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt
Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt. Foto: Referat Weltkirche

Im letzten Jahr war ich in Deutschland und bei der Gelegenheit hat die Hörfunkredaktion der Diözese Eichstätt ein Interview mit mir geführt. Weltkirchereferent Gerhart Rott lud mich zusammen mit dem Erzbischof von Gitega (Burundi) zum Mittagessen ein. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch.

Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken