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Im Dienst für die Armen in Lateinamerika

Wie gerne würde ich heute alle unsere lieben Freunde einladen, von meinem Fenster aus, die im Glanz der Wintersonne schneebedeckten strahlenden Anden zu betrachten. Ich bin von Herzen dankbar für die vielen wunderbaren Begegnungen während meiner „Missionsreise“ im vergangenen Juni durch Deutschland, Luxemburg und die Schweiz.

Nur wenigen Freunden habe ich während meines Aufenthaltes in Europa erzählt, dass meine Reise ein Schatten begleitete: Vor meinem Abflug nach Europa lag unser langjähriger ehrenamtlicher Mitarbeiter und Geschäftsführer, Freund und Mitgründer von Cristo Vive, Jorge Fernandez, todkrank im Krankenhaus und der Arzt fragte mich, was ich machen würde, im Falle wenn er heimgehen würde… Der Arzt wusste, dass Jorge mich gebeten hatte, seine Beerdigung zu feiern. Ich hatte immer geantwortet mit ja, – wenn er dann auf meine Beerdigung gehen würde, aus Spaß. Dem Arzt versprach ich, ich würde sofort meine Reise unterbrechen und zur Beerdigung kommen. Jorge selbst rief ich dann an, um ihn zu erinnern, dass wir am 11. Juli seinen 80. Geburtstag feiern wollen und er sich daran halten müsste.

Während meiner Reise jedoch war ich immer mit einem Ohr in Chile und im Herzen bat ich Gott, dass wir noch Jorges Geburtstag feiern dürfen. So rief ich ihn gleich nach meiner Rückkehr an und machte mich auf, um ihn umarmen zu können. Wir verbrachten zwei glückliche Stunden und ich konnte ihm die Grüße aller Freunde überbringen, worüber er sich unglaublich gefreut hat. Dennoch ließ er mich wissen, dass es ihm voll bewusst ist, dass er zwischen Leben und Tod lebt, in Gottes Händen.

Es ist unbeschreiblich, wie unser lieber Jorge Fernández über jeden der vielen Hundert Geburtstagsgrüße überrascht war und sich gefreut hat. Aber auch ich bin überwältigt und kann nur danken für die unzähligen Zeilen, Wünsche, Gedanken und Gebete für Jorge. In einer Zeit des Lebens, in dem jeder Tag für Jorge ein besonderes Geschenk ist, konnte ich in einem persönlichen Gespräch herausfinden, wie er sich die Feier seines 80. Geburtstages mit uns wünschte. Er wollte, dass wir mit ihm und seiner Frau Nena „im Kleinen“ in seiner Wohnung als Comunidad, im Kreis der Gründergemeinschaft und Vorstandsmitglieder Cristo Vive, das Gedächtnis Jesu feiern. So verwandelte sich Jorges Wohnzimmer in den Abendmahlssaal, wo wir miteinander Gott für Jorges Leben, seinen Einsatz für die Armen und seinen Beitrag zur Gründung der Fundación Cristo Vive dankten. Mit Nena und Jorge und dem mit Jorge verwandten Befreiungstheologen, Pater Sergio Torres, waren wir zusammen 18 Jünger und Jüngerinnen Jesu.

Was unsere Dienste angeht, habe ich inzwischen viele Mitarbeiter getroffen und mit Freude gesehen, dass die Arbeit auf Hochtouren läuft. Immer geht es darum, den Menschen mit Liebe zu dienen.

Wir hatten in der vergangenen Woche das Abschieds-Seminar unserer 25 Freiwilligen, die ein Jahr in unseren verschiedenen Diensten unter den Armen Einsatz geleistet haben. Ist das nicht eine neue Form von missionarischem Dienst? Durch ihr Engagement wird den Menschen Jesu Frohe Botschaft sichtbar.

Fünf junge Frauen aus der Diözese Eichstätt kehren in ihre Heimat zurück: Franziska Breitenhuber und Katharina Geitner aus Eichstätt, Isabell Schöpfel aus Kipfenberg, Theresa Schmidt aus Weigersdorf und Susanna Bauer aus Rupertbuch, die schon daheim sein müsste. Ihnen allen von Herzen Dank! Gleichzeitig erwarten wir im August schon die neuen Freiwilligen für 2017/18 in Chile, Bolivien und Peru: Bienvenidos – Willkommen!

Ganz herzlich grüße ich alle Eichstätter Schulen, die unsere Arbeit beim Altstadtfest unterstützt haben und danke allen unseren lieben Unterstützern!

Eine ganze Reihe ehemaliger Freiwilliger ist bereit, bei Vorbereitungsseminaren künftiger Freiwilliger bei Cristo Vive Europa mitzumachen, um den Neuen aus erster Hand Erfahrungen für ihren Dienst zu vermitteln. So zum Beispiel Agnes Birzer aus Pietenfeld. Warum sie mitmache? Ihre Antwort: „Weil ich seit meinem Jahr in Chile ein Teil der Cristo-Vive-Familie bin und jedes Seminar wie ein Familientreffen ist. Es tut gut, die eigenen Erfahrungen an die neuen Freiwilligen weiterzugeben. Ich kann dort meine eigenen Erlebnisse immer wieder reflektieren und daran zurück denken. Es ist mir wichtig, dass die Vision und Mission von Cristo Vive weitergegeben werden und möglichst viele Menschen erreichen“.

Unterwegs an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien

Ich war in den vergangenen Wochen viel unterwegs und habe in Städten in der Region von Rondonópolis und auch an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien Lepravorträge für das Gesundheitspersonal gehalten. Ich habe auch einige neue Leprafälle entdeckt. Ein Arzt in der Urwaldstadt Araputanga, den ich schon 20 Jahre kenne, behandelte einen Patienten drei Jahre auf Reumathismus. Da keine Besserung auftrat, bat er mich den Patienten zu untersuchen, es war Lepra. Die Straßen zu einigen Städten an der bolivianischen Grenze waren teilweise sehr schlecht und ein plötzlich auftretender Tropenregen hat die Erdstraße schnell in Schlamm verwandelt, was meinem alten Jeep einiges an Kraft kostete. Doch die kleinen Städte in der Region sind noch ziemlich sicher mit wenig Gewalt und vor allem die Landschaft ist sehr schön mit vielen Wasserfällen. Doch bei den Wasserfällen muss man aufpassen, weil in letzter Zeit in einigen Wasserfällen Anakondas bis zu fünf Meter gesehen wurden. Das Bild mit der Anakonda auf der Straße wurde in der Region von einem Freund gemacht.

Buschstadt Jauru mit Kirche im Bundesstaat Mato Grosso: Foto Manfred Göbel

Dreimal in den letzten Monaten hat mich der Jeep auf der Straße gelassen. Der Motor schaltete plötzlich ab, weil die Sicherung für die Einspritzpumpen durchbrannte. Jedes Mal passierte das mitten in der Prärie. Einmal kurz vor einer Polizeistation, die mir einen Abschleppdienst organisierte und zweimal in einer sehr gefährlichen Region an der Grenze zu Bolivien, wo normalerweise keiner anhält. Da wurde es mir schon ein wenig bange. Doch ein Ehepaar hielt an und benachrichtige in der nächsten Stadt – ca. 40 Kilometer entfernt – einen Abschleppdienst. Zuerst wollte ich in einer nahegelegenen Farm Hilfe holen, doch scharfe Hunde und bewaffnete Angestellte verhinderten mir den Zutritt. Nach einer Stunde kam der Abschleppdienst und brachte mich in eine Werkstatt. Es wurde die Sicherung gewechselt und ich konnte weiterfahren. Doch nach drei Kilometer blieb der Jeep wieder stehen. Der Abschleppdienst kam wieder und der Jeep musste nach Cuiabá gebracht werden, ca. 200 Km entfernt. Der Besitzer des Abschleppdienstes meinte, dass es ein guter Tag für mich gewesen sei, worauf ich protestierte und meinte, nicht für mich, sondern für ihn, da er mich zweimal abschleppen musste und Geld damit verdiente. Doch er bestand darauf und meinte, dass ich Gott danken soll, dass nur der Jeep versagte und ich ohne Schaden blieb. Da hatte er Recht, denn wenn mir der Jeep beim Überholen versagt hätte und die schweren Fernlaster mit hoher Geschwindigkeit durch die Prärie rasen, hätte das für mich böse enden können. Jetzt habe ich eine Generalüberholung des Jeeps machen lassen: Zwei Einspritzpumpen wurden ausgewechselt und die Stromversorgung überholt. Inzwischen war ich schon wieder viel unterwegs und ohne Probleme.

In Rondonópolis besuchte ich ein altes Ehepaar, das vor mehr als 35 Jahren Lepra bei mir und meiner Frau behandelte. Heute leben sie in einem kleinen Häuschen in einem Armenviertel, das ihnen ein deutscher Priester gebaut hat. Der Mann hat schwere Verstümmelungen wegen Lepra und beide sind an Chagas erkrankt. Sie haben sich sehr über meinen Besuch gefreut. In Rondonópolis hatte ich auch eine Besprechung mit den Stadträten und der Leiterin des Gesundheitsdienstes.

Im Gespräch mit Stadträten und Leiterin des Gesundheitsdienstes in Rondonopolis. Foto: privat

In einer kleinen Buschstadt hielt ich einen Vortrag für Kleinbauern, viele kannten mich noch als ich vor 30 Jahren Leprakampagnen organisierte. Nach dem Vortrag organisierten sie ein typisches Abendessen mit Reis und Huhn. Die Freude der Kleinbauern über meinen Besuch war wirklich beeindruckend. Eine weitere Kampagne ist geplant.

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) hat die Gelder für Südamerika und vor allem auch Brasilien drastisch gekürzt, so dass nur noch wenige Projekte unterstützt werden können. Deshalb fahre ich wieder in die Städte und helfe an der Basis, das Gesundheitspersonal auszubilden und besuche Kranke. Das macht viel Freude, denn die Menschen sind sehr dankbar, vor allem auch die Fachkräfte.

Meine angeschlagene Wirbelsäule hat bisher gut mitgemacht dank der guten Behandlung durch das orthopädische Team des Klinikums in Ingolstadt.

Anakonda auf der Straße. Foto: Manfred Göbel

Die Lage in Brasilien ist chaotisch und trostlos. Grenzenlose Korruption auf allen Ebenen (Justiz, Politik, Unternehmen, Banken, Gewerkschaften und Gesellschaft) hat das Land zerstört. Massenarbeitslosigkeit, extrem hohe Kriminalitätsrate, Chaos in allen öffentlichen Diensten – vor allem Gesundheitsversorgung – und allgemeine Frustration sind die Folge. Viele Brasilianer, vor allem Jugendliche wollen das Land verlassen. Es ist momentan keine Perspektive auf Besserung da. Eine korrupte Elite dominiert das Land, sowohl die linksorientierten als auch rechtsorientierten, konservative oder progressive, alle sind sie in Korruption verwickelt. 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur haben gerade diejenigen, die gegen die Militärdiktatur kämpften, das Land in den Abgrund gestürzt.

Manfred Göbel mit Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt
Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt. Foto: Referat Weltkirche

Im letzten Jahr war ich in Deutschland und bei der Gelegenheit hat die Hörfunkredaktion der Diözese Eichstätt ein Interview mit mir geführt. Weltkirchereferent Gerhart Rott lud mich zusammen mit dem Erzbischof von Gitega (Burundi) zum Mittagessen ein. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch.

Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken

An der Krippe begegnen wir uns

Jesus, das Kind in der Krippe, das wir anbeten, sagt uns: „Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Ich komme gerade aus Bolivien zurück. Diesmal hat mich unser Freund Klaus Sperlich (81) von Cristo Vive Europa begleitet, der uns zusammen mit dem Göttinger Freundeskreis schon seit über 40 Jahren unterstützt. Er hat miterlebt, was hier gewachsen ist. Ihr könnt es euch nicht vorstellen, wie froh und dankbar ich bin, wenn ich sehe, wie viele Menschen wir vor Ort in ihren verschiedenen Nöten und Bedürfnissen durch eure Solidarität zu einem würdigeren Leben verhelfen können.

Bei unserer Sitzung des Teams der Leiter unserer verschiedenen Dienste der Fundacion Cristo Vive Bolivia lasen wir das Tagesevangelium, in dem Jesus freudig ausruft: „Vater, ich preise dich, dass du den Kleinen dieser Welt geoffenbart, was du den Weisen und den Mächtigen verborgen hast.“ (Lukas 20, 21-24)

Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen
Armenspeisung Bolivien: Foto von Sr. Edith Petersen

Beim Austausch über diese Botschaft sagte Tilme, die Leiterin der Kindertagesstätte Chaskaya, der Elternschule und der Poliklinik Tirani: „Bei diesem Wort Jesu denke ich an mich. Ich bin als kleines Kind in Tirani aufgewachsen, war verachtet und habe schrecklich viel gelitten. Wenn ich heute ein trauriges, hungerndes, leidendes Kind sehe, sehe ich in ihm die kleine Tilme und tue alles, was mir möglich ist, ihm beizustehen. Das habe ich von Jesus gelernt.”
Alle im Team kannten Tilmes Geschichte und waren betroffen von ihren Worten. Ihre Eltern waren bekannt als Alkoholiker, die oft vor aller Augen die Bergstraße hoch torkelten oder betrunken am Wegrand saßen. Auch ich habe sie noch so gesehen. Eine ihrer Tanten in Tirani hat Tilme großgezogen und zur Schule geschickt. Nach ihrem Schulabschluss konnte sich niemand vorstellen, dass sie es schaffen würde, an die Staatsuniversität zu kommen und Pädagogik zu studieren.

Sie war gerade am Ende ihres Studiums, als unsere Schwester Mercedes im Februar 2007 in die Bergsiedlung Tirani zog, um das Leben der Menschen dort zu teilen. Sie lernte Tilme kennen, die Quetchua sprach, und ihr zunächst als Freiwillige half. Während Mercedes mit den Müttern zu arbeiten begann, die auf ihren kleinen Feldern Blumen anbauten, um sie in der Stadt zu verkaufen, bemerkte sie, dass die Frauen oft ihre Kinder vernachlässigten. Tilme, die den Leuten ja bekannt war, stand Mercedes bei, das Vertrauen der Leute zu gewinnen. Daraufhin stellten die Verantwortlichen der Siedlung ein altes, verlassenes Gebäude für den Dienst zur Verfügung. Bald konnte begonnen werden, Kinder darin aufzunehmen und zu betreuen, während die Mütter auf dem Acker arbeiteten oder zum Verkauf der Blumen in die Stadt hinuntergingen. Schnell kamen immer mehr Kinder und wir beschlossen Tilme anzustellen, zusammen mit Karina, einer jungen Psychologin, da wir mit Mercedes sahen, wie viele Probleme die Kinder mitbrachten, dass in deren Familien häusliche Gewalt, Alkoholismus, Verrohung und materielles Elend herrschte. Gleichzeitig sah das kleine Team, dass sie nicht fertig wurden mit den rund 50 Kindern und beschlossen, junge Mütter gegen ein kleines Entgelt einzuladen, ihnen zu helfen.

Ohne die Hilfe der vielen Freunden der Organisation Cristo Vive hätten wir das nicht bezahlen können. In kurzer Zeit bemerkten wir, dass mehrere dieser Frauen das Zeug hatten, ihre Schulausbildung zu beenden und eventuell sogar eine Kindergärtnerinnenausbildung zu machen. So hatten wir nach einem Jahr sechs Frauen, die halbtags bei uns mitarbeiteten und halbtags ihre Ausbildung in einem uns befreundeten Institut begannen. Zunächst finanziert mit Spenden von Cristo Vive Europa, später von der Organisation Niños de la Tierra.

Indessen half uns das Schweizer „Notnetz Sankt Petrus“ aus Embrach zunächst auf dem Grundstück, das uns die Siedler zugewiesen haben, für unsere Gemeinschaft ein Haus zu bauen, in dem jetzt die Freiwilligen wohnen. Danach entstand das Gemeindezentrum, das gleichzeitig als Kapelle und Gemeindehaus dient.

Im Jahr 2010 begeisterten sich unsere Luxemburger Freunde, uns in Tirani beizustehen und die inzwischen notwendig gewordene Kindertagesstätte Chaskalla zu bauen, sowie die Ausbildung von weiteren Frauen zu finanzieren. Heute sind es im neuen Gebäude 120 Kinder zwischen drei Monaten und fünf Jahren, die liebevoll von den sieben Müttern – inzwischen ausgebildete Kindergärtnerinnen – betreut werden. Vier junge deutsche Freiwillige stehen ihnen bei. Zwei Mütter, ausgebildete Köchinnen, sorgen für ein gutes Essen für alle.

Im alten Gebäude werden indessen um die 60 Schulkinder und Jugendliche begleitet mit Hausaufgabenbetreuung, Spielen und kultureller Förderung. Schwester Mercedes, die den ganzen Aufbauprozess begleitet hat, überraschte uns vor drei Jahren mit dem Vorschlag, Tilme die Verantwortung für diesen Dienst zu übergeben. Nicola Wiebe, die damalige Geschäftsführerin von Fundación Cristo Vive Bolivia, ließ sich darauf ein und wir konnten in diesen Jahren nur über Tilmes Einsatz staunen. Zeugen dieser Leistung sind auch die „Niños de la Tierra“, die nach dem Bau der Kindertagesstätte Chaskalla für fünf Jahre die laufenden Kosten für die Arbeit mit den Kindern, den Eltern und der Poliklinik tragen.
Am Ende unserer Versammlung erzählte uns Tilme an jenem Tag, dass ihre Eltern nach Jahrzehnten wieder zusammenleben und immer weniger trinken würden, nachdem sie gemerkt hätten, welch wichtige Aufgabe ihre Tochter in Tirani habe. Übrigens wurde auch mir bei meinem Besuch eines Abends in der Elternschule gesagt, dass viele Eltern in Tirani weniger Alkohol trinken, seit wir dort arbeiten und ihre Kinder “wacher” geworden sind.

Wie ihr seht, werde ich immer reich beschenkt mit ermutigenden Erfahrungen in Chile, Bolivien und Peru. Aber wie noch nie zuvor fühlen wir uns im Dienst des Reiches Gottes vom Papst Franziskus gestärkt. Der Papst hatte Anfang November rund 200 Vertretern der Volksbewegungen der Armen aus 69 Ländern nach Rom eigeladen und sie mit den Worten ermutigt: 1) Steht auf gegen die Knechtschaft des Geldes (des Kapitals), 2) seid solidarisch, 3) belebt die Demokratie neu, 4) seid nüchtern und bescheiden, flieht der Bestechung.

Wir bleiben als seine Jüngerinnen und Jünger auf Jesu Spuren. Zusammen mit all unseren Mitarbeitern möchte ich euch in dieser Heiligen Nacht viel Liebe und Freude und ein gesegnetes Jahr 2017 wünschen. An der Krippe des göttlichen Kindes begegnen wir uns.

Glaubens- und Ordensleben in Bolivien

Am 9. Dezember ist hier in Santa Cruz der einzige bolivianische Kardinal, Julio Terrazas, mit fast 80 Jahren gestorben. Bis vor wenigen Jahren war er auch noch Erzbischof von Santa Cruz und Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz. Er war vom Orden der Redemptoristen und stammte aus Vallegrande in der Nähe von Santa Cruz. In vielen politischen und gesellschaftlichen Konflikten hat er kein Blatt vor den Mund genommen und prophetisch seine Stimme erhoben. Wir haben einen großen Mann der Kirche in Bolivien verloren. Sein Vorgänger als Kardinal war Erzbischof Josef Clemens Maurer aus Deutschland. Wann wird es wieder einen Kardinal in und für Bolivien geben?

Unser Franziskanerbischof, Weihbischof Aurelio Pessoa von La Paz, wurde kürzlich zum Sekretär der Bolivianischen Bischofskonferenz gewählt. In dieser Funktion war er auch zwei Wochen in Rom. Da er aus Concepción, dem Dorf wo ich viele Jahre Pfarrer war, stammt und er auch einige Jahre in der Pfarrei San Antonio mein Kaplan war, übernachtet er immer wieder mal in unserem Kloster.

Heiligabend wie Silvesternacht

Rückblick auf Weihnachten: Mit der “stillen Nacht” ist es in Bolivien nicht weit her. Da man die Freude immer lautstark zum Ausdruck bringen muss, ist der Heiligabend traditionell geprägt von lauten Böllern, der Silvesternacht ähnlich. In Santa Cruz de la Sierra habe ich Nostalgie wegen der Herbergssuche, die man in Concepción aufführt: Das ganze Dorf ist neun Tage und Nächte lang unterwegs: Von der Kathedrale holt man jeden Abend die Statuen von Maria und Josef auf einem Traggestell ab und trägt sie dann durch die Straßen des Dorfes. Dabei singt man Lieder und betet. Die Kinder machen sich Sonachas, d.h. an einem Holzstück nageln sie je zwei blattgeklopfte Bierdeckel, so dass sie sich bewegen können und man die Lieder rhythmisch begleiten kann. An zwei Häusern macht man Station und bittet singend um Unterkunft, was aber abgelehnt wird. Erst beim dritten Haus hat man dann Glück: Zuerst wird ein kurzer Wortgottesdienst gehalten oder etwas aus der Bibel szenisch dargestellt. Dann wird der letzte Teil der Posada gesungen. Während sich die Tür öffnet, wird ein “Schnaderhüpfel” gesungen und die Hausmutter lustig um Bonbons gebeten. Und die Familie lässt sich da nicht lumpen. Manchmal gibt es die Piñata: Man spannt ein Seil über die Straße und befestigt daran ein Paket mit Bonbon usw., aber auch mit Mehl oder Wasserbeuteln. Das Seil wird dann nach unter gelassen und wieder schnell hochgezogen. Mit einem Stock muss dann das Paket getroffen und geöffnet werden. Mit einem großen Krack fallen die Sachen herunter und es gibt eine Riesengaudi. Das ganze Dorf macht mit. Und man verabschiedet sich mit einem herzlichen “bis morgen”. Da darf man nicht fehlen. An Heiligabend sind dann die “Figuren” echt, und da es in Concepcion noch Esel gibt, führt der Josef den Esel mit der María darauf vorsichtig zwischen den Leuten um den Dorfplatz. Natürlich ist auch der Eigentümer in der Nähe, um notfalls den störrischen Esel zur Vernunft zu bringen. Dann ziehen alle – auch María und Josef (ohne den Esel) – in die Kathedrale ein. Dort leiht man der Muttergottes ein Baby, und es beginnt das Krippenspiel mit dem Engelschor. – Es gibt auch Versuche in der Stadt Santa Cruz, doch ist dies “Mitschi”, d.h. man hat hier keine Tradition und es sind nur wenige Kinder dabei.

Papstbesuch

Im Juli war Papst Franziskus zu Besuch in Bolivien. Dreißig seiner wichtigsten Begleiter waren im Exerzitienhaus von San Antonio untergebracht. Er selbst war in der Wohnung des Kardinals untergebracht, der aber bereits im Krankenhaus war. Bei der Papstmesse in Santa Cruz war der Altar der Fassade von Concepcion nachgebildet, und dieser Altar steht auch weiterhin auf seinem Platz. Verschiedene Chöre und Orchester aus den Indianerdörfern spielten und sangen. Da die Kinder und Jugendlichen aus Concepcion in unserer Pfarrei San Antonio untergebracht waren, nutzte ich die Gelegenheit, um den Verantwortlichen folgende Idee vorzutragen: Es gibt einige Jugendliche, die in diesen Musikgruppen sangen oder spielten, jetzt aber hier in Santa Cruz sind. Könnte man diese nicht einladen und so zu einer musikalischen Gruppe formen? Und seit zwei Wochen üben bereits rund 20 Jugendliche hier in unserem Pfarrsaal.

Ordensleben

Wir Franziskaner in Bolivien sind “international” und kommen aus Polen, Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Nordamerika, Argentinien und natürlich auch aus Bolivien. Doch waren wir vor 20 Jahren noch gut 200, so sind wir jetzt nur noch 100. Davon aber sind viele alt oder krank. Wir betreuen Wallfahrtsorte, unterhalten Schulen und die meisten sind in der Pfarrseelsorge. Es fällt schwer, Konvente aufzugeben und Pfarreien an die Bischöfe abzugeben. Doch sind wir dabei, einen entsprechenden Plan zu erarbeiten. Unser einheimischer Nachwuchs? Wir haben fünf Postulanten, sieben im Noviziat, 13 in Philosophie und Theologie. Das heißt, wir haben durchaus Nachwuchs, doch sind auch die Austritte meist hoch, so dass nur wenige bleiben: einer pro Jahr! Auch die Alten und Kranken müssen versorgt werden. Einige kehren freiwillig in ihre Herkunftsländer zurück, und hier in San Antonio habe ich schon vor einigen Jahren begonnen, eine Krankenstation zu organisieren. Langsam wird daraus auch ein Altenheim. Wir haben also eine Pastoral nach innen und außen zu verwirklichen. Es sind schwierige Zeiten mit vielen Herausforderungen.

Als Pfarrei betreuen wir zwei Speisesäle für Kinder. Während des Schuljahres bekommen rund 100 Schüler täglich ein gutes Mittagessen. Für die notwendigen 15.000,– Euros jährlich bekommen wir Hilfen vom Franziskanermissionsverein in München, der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn und meiner persönlichen Spender. Der Eigenbeitrag der Familien ist minimal. Zu Weihnachten organisierten die Gebetskreise für die Straßenkinder ein Fest mit Spiel, Sport und gutem Mittagessen. Es sind Stunden der Freude für diese Kinder. Erlebtes Evangelium! Gott und seine Liebe sind gegenwärtig und spürbar!

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Abenteuer in Bolivien und Abschied in Chile

Ich melde mich aus dem weit entfernten Chile – wahrscheinlich eines der letzten Male, bevor ich wieder nach Deutschland zurückkehre.

Im Mai war ich mit drei weiteren Freiwilligen im Urlaub. Von San Pedro de Atacama ging es zunächst auf eine Dreitagestour mit einem Jeep durch Wüstenlandschaft bis zur Salzwüste in Bolivien. Wir haben viele Lagunen, Alpakas und Flamingos gesehen. Es war echt beeindruckend! Teilweise waren wir auf über 5000 Meter Höhe bei -10°C. Leider habe ich die Höhe nicht ganz so gut vertragen, aber die Bolivianer haben ganz gute Hausmittelchen dagegen und so ging es mir relativ schnell wieder besser.

Von Uyuni aus sind wir dann über Oruru nach Cochabamba in Bolivien gefahren. Dort haben wir die anderen Freiwilligen unserer Organisation und ihre Projekte besucht. Ich bin fünf Tage dort geblieben und hab ein bisschen das Leben in Bolivien kennen gelernt. Es ist schon sehr anders und noch nicht so europäisch-amerikanisch geprägt wie es Chile ist. Auch die Arbeitsstelle von Patricia (eine Freiwillige von Cristo Vive), die dort im Kindergarten in Bellavista arbeitet, ist ganz anders als hier in Chile.

Von Cochabamba ging es dann nach La Paz, die Hauptstadt von Bolivien. Die Stadt befindet sich auf 3800 Meter Höhe und liegt sehr beeindruckend zwischen den Bergen. La Paz hat mir sehr gut gefallen, auch wenn es wirklich wahnsinnig dreckig und chaotisch war. Von dort aus haben wir dann Ausflüge an den Titicacasee, den weltweit höchstgelegenen See, und auf die Isla del Sol gemacht. Des Weiteren bin ich die „Death Road“ mit dem Fahrrad gefahren. Die sogenannte Todesstraße gilt als die weltweit gefährlichste Straße. Sie ist nur rund 3 Meter breit und seitlich geht es über 600 Meter steil in die Tiefe. Wir sind auf über 5000 Meter Höhe bei eiskalten Temperaturen gestartet und nach ca. drei Stunden nur bergabfahren mitten im Dschungel bei tropischen Temperaturen angekommen. Das war schon wahnsinnig beeindruckend!

Insgesamt war der Urlaub wirklich sehr schön und ich hab wieder mal sehr viel erlebt. Trotzdem war ich sehr froh und glücklich, als ich endlich wieder in Chile war, denn ich hab meine Freunde und Kinder schon nach zwei Wochen äußerst vermisst.

Auf der Arbeit hat sich nicht viel verändert. Es gab ein paar Wechsel innerhalb meiner Gruppe, denn zwei schon reifere Kinder sind gegangen, dafür haben wir mehrere neue noch sehr kleine Kinder dazu bekommen. Es macht wie immer sehr viel Spaß und ich geh sehr gern arbeiten, auch wenn im Moment eher weniger Kinder kommen, da viele krank sind. Aber das liegt, glaube ich, an der hohen Luftverschmutzung hier in Santiago. Vor Kurzem ist seit 16 Jahren zum ersten Mal wieder der Notstand ausgerufen worden. Das bedeutete, dass über 3000 Fabriken und Betriebe schließen mussten und 80 Prozent der Autos still standen. Des Weiteren durfte auch kein Sport mehr getrieben werden und an manchen Schulen fiel sogar der Unterricht aus.

Wir haben zwei neue Spielgeräte für den Innenhof der Sala Cuna (Kindergarten) gekauft, denn die alten waren schon ziemlich kaputt. An dieser Stelle herzlichen Dank an alle meine Spender, durch deren Geld dies ermöglicht werden konnte. Außerdem möchte ich mich bei den Landfrauen bedanken, die mir beziehungsweise den Kindergartenkindern ein Paket voller nützlicher Dinge (Windeln, Cremes, Zahnbürsten…) geschickt haben. „Meine“ Kinder und die Tías (Erzieherinnen) haben sich sehr darüber gefreut.

Leider ist in Chile gerade Winter, das heißt, es ist wirklich kalt. Die Häuser haben keine Heizung und ich muss immer mit mehreren Kleiderschichten zur Arbeit gehen, damit ich nicht friere. Eigentlich sollte es auch regnen, aber irgendwie klappt das nicht so ganz. Ich hoffe jedenfalls, dass es bald regnet, damit die Luft wieder besser wird.

Das war es auch schon wieder… Der nächste Blogeintrag kommt dann wahrscheinlich, wenn ich schon wieder zuhause bin. Denn die nächsten Wochen werden stressig sein. Die letzten Dinge müssen erledigt, Abschiedsgeschenke gekauft werden, Freunde besuchen, und und und …

Die Uhr tickt und es geht wirklich schneller als man denkt.

Ganz liebe Grüße aus Chile und bis bald!