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Hilfe zum Ausstieg aus der Prostitution

Auf einer privaten Reise nach Kolumbien habe ich die Möglichkeit, ein beeindruckendes Hilfsprogramm von Ordensschwestern kennenzulernen, die betroffenen Frauen einen Weg zu neuem Leben sowie würdiger und fairer Arbeit ermöglichen. Dafür bin ich bei den Schwestern und in einer Fabrik in Bogotá zu Besuch.

Direktorin Schwester Rosaura Patiño  und Mitarbeiterin Olga Lucia Camelo bei der Endkontrolle der Kleidungsstücke. Foto: Peter Esser
Direktorin Schwester Rosaura Patiño und Mitarbeiterin Olga Lucia Camelo bei der Endkontrolle der Kleidungsstücke. Foto: Peter Esser

In der großen Werkhalle der Fabrik „Creaciones Miquelina“ rattern Nähmaschinen. Rund 200 Frauen produzieren hier Kleidung. Ich gehe an zahlreichen „Werktätigen“ vorbei bis zum Arbeitsplatz von Alicia Gomez Quintero (36). Sie bringt gerade die Kapuze an einer Jacke an. Die Schneiderin war bis vor einigen Jahren Prostituierte in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. „Ich lebte mit vielen Problemen auf der Straße, war drogenabhängig. Schon mit 14 Jahren ging ich auf den Strich“, erzählt sie mir. Ihr Lebenspartner ließ sie mit zwei Töchtern allein. Ein Pfarrer informierte sie über das Hilfsprogramm der Hermanas Adoratrices (Schwestern der Anbetung) „Ciudadela María Micaela“. Hier erhielt sie psychologische Hilfe, dann absolvierte sie in der Schneiderei eine halbjährige Ausbildung. Eine ihrer Töchter machte auf der Schule der Ordensgemeinschaft ihr Abitur. „Mein Traum wäre es, eine eigene kleine Fabrik für Schlafanzüge zu errichten“, sagt Alicia Gomez Quintero und sieht sich noch nicht am Ende ihrer Karriere. Vor allem zeigt sie sich aber dankbar, dass sich ihr Leben mit Hilfe der Ordensfrauen zum Guten wendete.

Engagement seit 40 Jahren

Die Schwestern zeigen Frauen wie Alicia in vielen Ländern Wege aus der Prostitution auf. In Kolumbien tun sie das seit genau 40 Jahren. Seit Anfang an dabei ist Schwester Ofelia Rivera. Sie sucht gemeinsam mit einem Helferteam betroffene Frauen im Rotlichtmilieu auf und bietet ihnen an, das Hilfsprogramm kennenzulernen. „Die Situation hat sich verschlechtert. Jetzt fangen immer mehr jüngere Frauen an“, beobachtet sie. In den vergangenen Jahrzehnten sind immer mehr Bordelle in Bogotá aus dem Boden geschossen und die „Geschäfte auf der Straße“ sind unüberschaubar. Entschieden wendet sich Ofelia dagegen, Prostitution als Arbeit anzuerkennen. Sie verweist auf eine Studie, nach der sich rund 80 Prozent von befragten betroffenen Frauen in Kolumbien aus sozialer Not prostituieren. „Das Einzige, was sie brauchen, ist eine richtige Arbeit, um so schnell wie möglich aussteigen zu können“, erfährt Schwester Ofelia immer wieder.

Viele der Frauen sind vom Land in die Stadt geflüchtet, um dort bessere Lebensbedingungen zu suchen oder auch aufgrund des internen Krieges zwischen Guerilla, paramilitärischen Gruppen und dem Militär. Dort landen sie meistens in Holz- und Blechhütten der Armenviertel und stehen erst einmal vor dem Nichts. Viele Frauen treibt es so in die Prostitution.

Solcher Frauen nehmen sich im Hilfsprogramm zunächst eine Psychologin, eine Sozialarbeiterin, bei Bedarf auch eine Rechtsanwältin und ein Arzt, an. Kinder werden im Kindergarten und in der Schule der Einrichtung betreut. Die Frauen können zwischen verschiedenen Ausbildungen wählen: Neben der Schneiderei werden etwa auch Lehren im Friseur- und Bäckerhandwerk sowie im Gastronomiewesen angeboten. „In unserem Haus gehen täglich etwa 1.000 Menschen ein und aus in Fabrik, Werkstätten, Kindergarten und Schule“, gibt mir Direktorin Schwester Rosaura Patiño einen Eindruck von der Größe des Programms. Dieses wird vom Hilfswerk „Caritas international“ und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert.

Zumindest Mindestlohn gezahlt

Nicht ohne Stolz erwähnt die Schwester, dass die Schneiderei wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht: „Wir stellen monatlich zwischen 5.000 und 6.000 Kleidungsstücke her.“ Ein Großteil wird nach England verkauft, doch die Frauen produzieren auch für einheimische Schulen, Krankenhäuser und Firmen. Dass alle Angestellten in der Fabrik zumindest den staatlich festgesetzten Mindestlohn mit Sozialleistungen erhalten, ist für die leitende Ordensschwester selbstverständlich. Höherqualifizierte vermitteln die Schwestern auch an andere Unternehmen. Wiederum andere machen sich selbstständig: Frauen, die im Gastronomiewesen ausgebildet wurden, gründen zum Beispiel eigene Restaurants.

In der Schneiderei schätzen viele, dass sie immer wieder einmal Neues tun können. Die 44-jährige siebenfache Mutter Olga Lucia Camelo ist zum Beispiel jetzt zur letzten Station der Produktionskette gewechselt. Während Schwester Rosaura Patiño und ich bei ihr sind, überprüft Olga gerade eine Jacke auf Falten und Nähte. Dabei entdeckt sie noch einen kleinen losen Faden und beseitigt ihn: „Das hier ist die Endkontrolle der Kleidungsstücke. Von unseren Augen hängt ab, wie das hier rausgeht“, sagt sie mir und freut sich über ihre neue verantwortungsvolle Aufgabe.

Spenden erbeten

Die Anzahl der begünstigten Frauen in dem Hilfsprogramm ist gestiegen: Im Jahr 2012 wurde 580 Frauen psychologisch und sozial sowie durch Ausbildung geholfen, 2013 waren es 615. Die Zahl der in Arbeit Vermittelten erhöhte sich von 209 auf 303. Spenden tragen dazu bei, das Programm zu sichern, weiter zu verbessern sowie noch mehr Frauen zu helfen. Die monatlichen Kosten für eine Sozialarbeiterin betragen rund 1.100 Euro. Eine gute Industrie- und Spezialnähemaschine kostet etwa 2.000 Euro. Der Caritasverband Eichstätt bittet unter dem Stichwort „Frauen in Kolumbien“ um Unterstützung auf folgendes Caritaskonto in Eichstätt: LIGA Bank: Konto-Nr . 107 617 313, BLZ 750 903 00, IBAN DE94 7509 0300 0107 6173 13

Radio K1-Beitrag zum Thema

Betania: Haus für alleinerziehende Mütter in Bogotá

„Das ist ein Weihnachtsmann und das ist eine Weihnachtsfrau“, schmunzelt Marina Ahuanari Carbajal, während sie mir stolz präsentiert, was sie in den zurückliegenden Wochen in der Nähwerkstatt von Betania produziert hat. Die alleinerziehende Mutter einer drei Monate alten Tochter hat im vergangenen Jahr Aufnahme in der Einrichtung in Bogotá/Kolumbien gefunden, nachdem sie aus ihrer Heimatregion Tolima geflüchtet war. Dort war eine Bekannte von ihr von der Guerilla umgebracht worden und sie selbst von dieser als Komplizin des Militärs bezichtigt worden. Als die Beziehung zum Vater des Kindes in die Brüche ging, vermittelten sie Sozialarbeiter nach Betania.

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Das Haus für schwangere und stillende alleinstehende Mütter, das Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ leiten, wird seit mehreren Jahren vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke unterstützt. Die Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche lernte die Einrichtung in den Neunziger Jahren bei einem Kolumbienaufenthalt kennen sowie schätzen – und startete in Eichstätt Unterstützungsaktionen. Da ich seit dem Jahr 2000 alle zwei bis drei Jahre regelmäßig privat nach Bogotá reise, kann ich die Entwicklung der wichtigen menschlichen wie fachlichen Sozialarbeit in Betania nun recht kontinuierlich verfolgen – und habe sie so ebenso schätzen gelernt.

Etwa ein Viertel der Mütter in Betania zählt nach Angaben der Einrichtung wie Marina zu den mittlerweile rund fünf Millionen Inlandsvertriebenen, die seit 1985 aufgrund des internen Krieges zwischen Guerila, paramilitärischen Gruppen und Militär aus ihrer Heimat meist in Großstädte geflüchtet sind. „Doch es kommen inzwischen auch viele, die einfach in finanzieller Not sind und die keine Familie haben“, erklärte mir Ordensoberin Ana Vitalia Joya Duarte beim jüngsten Besuch. Gewalt in der Familie sowie Vernachlässigung durch diese und anschließendes Verlassen der Mutter durch den Vater des gemeinsamen Kindes seien in den meisten Fällen die Hintergründe. Im vergangenen Jahr wurden der Schwester zufolge 60 Mütter mit ebenso vielen Kleinkindern in Betania für in der Regel jeweils ein Jahr betreut. Dank vielfältiger psychologischer, familiärer, sozialer und berufsbezogener Hilfe in der Einrichtung schafften es laut der Ordensoberin durchschnittlich 40 Prozent der Frauen in den letzten Jahren, in ihre Herkunftsfamilie, zu einer Tante oder einem anderen Angehörigen zurückzukehren – das ist ein Grundziel von Betania. Das andere hätten immerhin etwa 60 Prozent erreicht: Arbeit zu finden, um wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen, zum Beispiel als Hausmädchen, Rezeptionistinnen oder in Schneidereien.

In der einrichtungseigenen Schneiderei möchten die Schwestern die Qualifikation der Frauen in Zukunft dadurch weiter verbessern, dass sie eine professionelle Mitarbeiterin für diese Werkstatt engagieren. Sie soll die lernenden Frauen, aber auch die derzeit helfenden Freiwilligen und Ordensschwestern in diesem Bereich anleiten. Auf diesem Arbeitsmarkt haben die Mütter den Schwestern zufolge gute Aussichten. Um das Engagement einer  Fachkraft in der Schneiderei finanzieren zu können, hoffen sie auf weitere Unterstützung aus Eichstätt: von institutioneller Seite, aber auch von Spendern. Das Referat Weltkirche der Diözese und die Welt-Brücke haben in den vergangenen drei Jahren mit jährlich insgesamt 3.500 Euro ein Fachkräfteprogramm in Betania gefördert, wofür sich die Schwestern bei mir auf Herzlichste bedankten. Das Programm kann nach ihrer Erfahrung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihm geben eine Sozialarbeiterin, eine Psychologin und eine Ernährungsberaterin auf Honorarbasis den Frauen und Kindern neue Lebensperspektiven.

Die Fachkräfte haben die Lebensläufe aller Mütter analysiert, leisten Individual- sowie Familientherapien und führen mit den Betroffenen eine Vielzahl an Workshops durch. Zu diesen gehören solche mit Themen wie Selbstwertschätzung, die Rolle als Mutter, die Entwicklung des Babys sowie Berufsorientierung. In ihrem Fachkräfteprogramm arbeitet Betania vielfach mit anderen Institutionen zusammen, zum Beispiel einem Krankenhaus, einer Universität und der Stadtverwaltung von Bogotá. Die Förderung von Weltkirche und Welt-Brücke deckt gut die Hälfte der Kosten für ein Jahr Arbeit der Fachkräfte. Die anderen Gelder bringt Betania selbst auf: zum Beispiel durch den Verkauf von in der Einrichtung angefertigten handwerklichen und künstlerischen Waren bei Basaren. In Zukunft wollen die Schwestern die Arbeit dieser Fachkräfte zu einem noch höheren Anteil selbst finanzieren – zum Beispiel aus Mehreinnahmen durch Verkäufe der Schneiderei, die sie sich nach der erwünschten Gewinnung einer Fachkraft dort erhoffen. Sie baten mich beim Besuch aber darum, mich dafür einzusetzen, dass das Fachkräfteprogramm zumindest für ein weiteres Jahr – wenn auch zu einem geringeren Teil als bisher – noch aus Eichstätt unterstützt wird.

Mit der Unterstützung von Förderern in Kolumbien hat Betania seine sanitären Räume und die Küche umfassend erneuert sowie einen Schönheitssalon eingerichtet. Dort sollen interessierte alleinstehende Mütter in Kürze im Friseurhandwerk, in Mani- und Pediküre ausgebildet werden. Für viele der Mütter ist das eine weitere Chance. Marina Ahuanari Carbajal zieht unterdessen weiter die Schneiderei vor. „Hier fühle ich mich im Moment gut aufgehoben. Die Konfektion von Kleidern gefällt mir, vor allem die von Galagewändern.“ Während sie näht, weiß sie ihre kleine Tochter in der Krippe von Betania gut aufgehoben. Spendenkonto: Liga Bank, Eichstätt, Kto-Nr. 7603002, BLZ 75090300, Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá