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Lebensperspektive durch Betania in Kolumbien

„Das Textilhandwerk gefällt mir sehr. Ich lerne, wie man Stoffe verarbeitet, mit den entsprechenden Maschinen umgeht und neue Kleidungsstücke entwirft.“ Begeistert demonstriert mir die 28-jährige Angela Salazar im Haus Betania in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá, was sie im Schneiderkurs gelernt hat. Auf einer privaten Reise habe ich die Sozialeinrichtung für alleinstehende Mütter der Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ vor kurzem besucht, die ich seit viele Jahre gemeinsam mit der Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche unterstütze. Angela Salazar lebt seit einem Jahr in Betania, inzwischen mit einem acht Monate alte Töchterchen.

Vor einigen Jahren hatte sie in der Stadt San José de Guaviare etwa 400 Kilometer südöstlich von Bogotá Furchtbares erlebt: „Es gab Massaker mit vielen gewaltsamen Gruppen der Paramilitärs, Guerilla und anderer Banden. Mein Bruder verschwand im Alter von 13 Jahren spurlos, was für mich besonders hart war. Und ich hatte viele familiäre Probleme“, erzählt sie mir. Sie wurde alkohol- und drogenabhängig. Eine Ausbildung hat Angela Salazar nie absolviert. Neben ihr im Schneiderkurs sitzen und werkeln die 20-jährige Laura Camila, die erst seit drei Wochen mit ihrem Baby in Betania wohnt, und die 30-jährige Mary Luz Susa Martinez, die bereits seit elf Jahren in der Einrichtung ist und ihr Kind zur Adoption freigegeben hat. Wie Angela Salazar konnten auch sie nicht mehr in ihren Familien leben. Eine der beiden gesteht mir, dass sie missbraucht wurde.

In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung. Foto: Peter Esser
In der Schneiderei werden die Mütter mit Eichstätter Unterstützung beruflich qualifiziert und finden sie Spaß und Entspannung.
Foto: Peter Esser

Hilfe durch psychosoziale Begleitung und Bildung

Dass die drei Frauen sowie derzeit zehn weitere in Betania wohnende alleinerziehende Mütter mittlerweile neuen Lebensmut schöpfen, verdanken sie einer Vielzahl an Hilfen in Betania: zum Großteil der Betreuung durch das Team einer Psychologin, Sozialarbeiterin und Ernährungsberaterin, auch dem Kurs in der Schneiderei. Beides wird vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke finanziell gefördert. Dass die Frauen von Anfang an und sogar noch mehrere Monate nach ihrem Auszug aus der Einrichtung durch das psychosoziale Team begleitet werden, kann nach Überzeugung der Ordensoberin Marlén Pulido in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: So können sie als Persönlichkeiten gestärkt und mit ihren Kindern ein stabileres Leben anfangen.

Seit zwei Jahren koordiniert Schwester Sandra Lopez die verschiedenen Hilfeprogramme. Wie sie mir mitteilt, hat das Team der drei Fachkräfte erheblichen Anteil daran, dass etwa die Hälfte der jährlich rund 60 Mütter in der Einrichtung im Durchschnitt nach einem Jahr wieder in ihre alte Familie zurückkehrt oder ein neues Familienleben beginnt sowie ebenfalls rund die Hälfte eine Arbeit aufnimmt. Zu Letzterem trägt freilich wesentlich bei, dass die Frauen während ihrer Zeit in Betania den Schulabschluss nachholen -, an der Ausbildung in der Schneiderei, dem Angebot „Computer“ eines Ehrenamtlichen und den Werkstätten Friseurhandwerk und Maniküre/Pediküre teilnehmen können, die von Bürgern in Bogotá unterstützt werden.

Eine Schneiderin lehrt interessierte Frauen zum Beispiel, Röcke und Blusen, Kissen, Etuis für Handys, aber auch Kinder- und Sportkleidung zu produzieren. Der Verkauf von selbst hergestellten Produkten wird in neue Materialien für die Schneiderei reinvestiert. Aus dem seit gut zwei Jahren angebotenen Kurs hat es mittlerweile eine Frau geschafft, eine Festanstellung in einem Textilbetrieb zu bekommen. Mehrere andere haben sich selbstständig gemacht und arbeiten für Betriebe und Privatleute von zu Hause aus. Dies tun viele durchaus gerne, weil sie so bei den Kindern bleiben können, wie die Schwestern mir sagen. Angela Salazar träumt davon, später eine eigene Textilfabrik zu gründen. Nicht alle im Kurs haben solche Ziele. Laura Camilia stellt sich beruflich anderes vor, „aber ich mache in der Schneiderei gerne mit, weil ich merke, dass ich dadurch Stress abbauen kann.“

Wie viele in Kolumbien sehnen sich auch die Ordensschwestern und die ihnen anvertrauten alleinstehenden Mütter danach, dass der derzeit in Kolumbien stattfindende Friedensprozess zwischen der Regierung und der größten Guerillaorganisation FARC erfolgreich verläuft. Auf die eigene Arbeit hat sich dieser bisher allerdings offenbar noch nicht ausgewirkt. Viele Frauen, welche Hilfe in Betania suchen, sind wie Angela Salazar auch Opfer politischer Gewalt sowie Vertreibung. „Und es kommen jetzt auch etliche, die Drogen, zum Beispiel Marihuana oder Kokain, konsumieren“, berichtet mir Schwester Sandra. Auch müsse sich Betania in Kürze vermutlich minderjähriger alleinstehender Mütter annehmen. Um sie kümmerten sich zwar grundsätzlich staatliche Einrichtungen. „Doch diese sind zum Teil überbelegt“, hat die Schwester erfahren.

Neue Kinderkrippe geplant

Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will. Foto: Peter Esser
Die Ordensobere Schwester Marlén Pulido zeigt, wo die Einrichtung eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen errichten will.
Foto: Peter Esser

Ein weiterer Trend, den sie beobachtet, ist, dass inzwischen mehrere alleinstehende Mütter, die Betania verlassen haben, oder auch solche, die nie dort gewohnt haben, die Dienste der Einrichtung wahrnehmen. Auch jenen, die nicht in der Instituion wohnen möchten, wollen die Schwestern Chancen eröffnen. Ein Nachteil für diese Mütter ist allerdings, dass sie ihre Kinder zu Hause lassen müssen. Denn die derzeitige Kinderkrippe, von der ein Teil zudem keine Belüftungsanlage hat und der andere in einem Kellerraum liegt, bietet für sie keinen Platz.  Daher planen die Ordensschwestern, eine neue Kinderkrippe mit rund 30 Plätzen zu errichten. Die Kosten von kalkulierten rund 18.000 Euro sollen – wie für andere Initiativen auch – durch eine Kofinanzierung unterschiedlicher Geldgeber aufgebracht werden. Dabei hoffen sie auch auf Unterstützung aus Eichstätt.

Wer für dieses Projekt oder andere Anliegen in Betania spenden will, kann dies auf folgendes Konto der Diözese Eichstätt tun:
Liga Bank, Eichstätt
IBAN: DE96 7509 0300 0007 6030 02
BIC: GENODEF1M05
Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá

Betania: Haus für alleinerziehende Mütter in Bogotá

„Das ist ein Weihnachtsmann und das ist eine Weihnachtsfrau“, schmunzelt Marina Ahuanari Carbajal, während sie mir stolz präsentiert, was sie in den zurückliegenden Wochen in der Nähwerkstatt von Betania produziert hat. Die alleinerziehende Mutter einer drei Monate alten Tochter hat im vergangenen Jahr Aufnahme in der Einrichtung in Bogotá/Kolumbien gefunden, nachdem sie aus ihrer Heimatregion Tolima geflüchtet war. Dort war eine Bekannte von ihr von der Guerilla umgebracht worden und sie selbst von dieser als Komplizin des Militärs bezichtigt worden. Als die Beziehung zum Vater des Kindes in die Brüche ging, vermittelten sie Sozialarbeiter nach Betania.

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Das Haus für schwangere und stillende alleinstehende Mütter, das Ordensschwestern der Gemeinschaft „Töchter des barmherzigen Herzens Mariens“ leiten, wird seit mehreren Jahren vom Referat Weltkirche der Diözese Eichstätt und dem Eichstätter Verein Welt-Brücke unterstützt. Die Eichstätter Journalistin Dagmar Kusche lernte die Einrichtung in den Neunziger Jahren bei einem Kolumbienaufenthalt kennen sowie schätzen – und startete in Eichstätt Unterstützungsaktionen. Da ich seit dem Jahr 2000 alle zwei bis drei Jahre regelmäßig privat nach Bogotá reise, kann ich die Entwicklung der wichtigen menschlichen wie fachlichen Sozialarbeit in Betania nun recht kontinuierlich verfolgen – und habe sie so ebenso schätzen gelernt.

Etwa ein Viertel der Mütter in Betania zählt nach Angaben der Einrichtung wie Marina zu den mittlerweile rund fünf Millionen Inlandsvertriebenen, die seit 1985 aufgrund des internen Krieges zwischen Guerila, paramilitärischen Gruppen und Militär aus ihrer Heimat meist in Großstädte geflüchtet sind. „Doch es kommen inzwischen auch viele, die einfach in finanzieller Not sind und die keine Familie haben“, erklärte mir Ordensoberin Ana Vitalia Joya Duarte beim jüngsten Besuch. Gewalt in der Familie sowie Vernachlässigung durch diese und anschließendes Verlassen der Mutter durch den Vater des gemeinsamen Kindes seien in den meisten Fällen die Hintergründe. Im vergangenen Jahr wurden der Schwester zufolge 60 Mütter mit ebenso vielen Kleinkindern in Betania für in der Regel jeweils ein Jahr betreut. Dank vielfältiger psychologischer, familiärer, sozialer und berufsbezogener Hilfe in der Einrichtung schafften es laut der Ordensoberin durchschnittlich 40 Prozent der Frauen in den letzten Jahren, in ihre Herkunftsfamilie, zu einer Tante oder einem anderen Angehörigen zurückzukehren – das ist ein Grundziel von Betania. Das andere hätten immerhin etwa 60 Prozent erreicht: Arbeit zu finden, um wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen, zum Beispiel als Hausmädchen, Rezeptionistinnen oder in Schneidereien.

In der einrichtungseigenen Schneiderei möchten die Schwestern die Qualifikation der Frauen in Zukunft dadurch weiter verbessern, dass sie eine professionelle Mitarbeiterin für diese Werkstatt engagieren. Sie soll die lernenden Frauen, aber auch die derzeit helfenden Freiwilligen und Ordensschwestern in diesem Bereich anleiten. Auf diesem Arbeitsmarkt haben die Mütter den Schwestern zufolge gute Aussichten. Um das Engagement einer  Fachkraft in der Schneiderei finanzieren zu können, hoffen sie auf weitere Unterstützung aus Eichstätt: von institutioneller Seite, aber auch von Spendern. Das Referat Weltkirche der Diözese und die Welt-Brücke haben in den vergangenen drei Jahren mit jährlich insgesamt 3.500 Euro ein Fachkräfteprogramm in Betania gefördert, wofür sich die Schwestern bei mir auf Herzlichste bedankten. Das Programm kann nach ihrer Erfahrung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihm geben eine Sozialarbeiterin, eine Psychologin und eine Ernährungsberaterin auf Honorarbasis den Frauen und Kindern neue Lebensperspektiven.

Die Fachkräfte haben die Lebensläufe aller Mütter analysiert, leisten Individual- sowie Familientherapien und führen mit den Betroffenen eine Vielzahl an Workshops durch. Zu diesen gehören solche mit Themen wie Selbstwertschätzung, die Rolle als Mutter, die Entwicklung des Babys sowie Berufsorientierung. In ihrem Fachkräfteprogramm arbeitet Betania vielfach mit anderen Institutionen zusammen, zum Beispiel einem Krankenhaus, einer Universität und der Stadtverwaltung von Bogotá. Die Förderung von Weltkirche und Welt-Brücke deckt gut die Hälfte der Kosten für ein Jahr Arbeit der Fachkräfte. Die anderen Gelder bringt Betania selbst auf: zum Beispiel durch den Verkauf von in der Einrichtung angefertigten handwerklichen und künstlerischen Waren bei Basaren. In Zukunft wollen die Schwestern die Arbeit dieser Fachkräfte zu einem noch höheren Anteil selbst finanzieren – zum Beispiel aus Mehreinnahmen durch Verkäufe der Schneiderei, die sie sich nach der erwünschten Gewinnung einer Fachkraft dort erhoffen. Sie baten mich beim Besuch aber darum, mich dafür einzusetzen, dass das Fachkräfteprogramm zumindest für ein weiteres Jahr – wenn auch zu einem geringeren Teil als bisher – noch aus Eichstätt unterstützt wird.

Mit der Unterstützung von Förderern in Kolumbien hat Betania seine sanitären Räume und die Küche umfassend erneuert sowie einen Schönheitssalon eingerichtet. Dort sollen interessierte alleinstehende Mütter in Kürze im Friseurhandwerk, in Mani- und Pediküre ausgebildet werden. Für viele der Mütter ist das eine weitere Chance. Marina Ahuanari Carbajal zieht unterdessen weiter die Schneiderei vor. „Hier fühle ich mich im Moment gut aufgehoben. Die Konfektion von Kleidern gefällt mir, vor allem die von Galagewändern.“ Während sie näht, weiß sie ihre kleine Tochter in der Krippe von Betania gut aufgehoben. Spendenkonto: Liga Bank, Eichstätt, Kto-Nr. 7603002, BLZ 75090300, Stichwort: Betania, junge Mütter in Bogotá