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Missionsarbeit in Südafrika

Wir feierten vor wenigen Wochen den 95. Gründungstag der Benediktinerabtei Inkamana in Vryheid in Südafrika. Der 3. August ist zugleich der Gründungstag der Ottilianer Benediktinermission im Zululand. Als ich 1968 als Neumissionar ins Zululand kam, lebten noch mehrere der Pioniere, die 1922 unter schwierigen Bedingungen mit der Missionierung begannen. Der letzte der Pioniere starb 1983. Inzwischen gehört die Epoche der Erstmission im Zululand längst der Vergangenheit an. Rund 150 Jahre protestantische Missionsarbeit und knapp 100 Jahre Missionsarbeit der Ottilianer Benediktiner haben den Zulus den Weg zum Christentum geöffnet. Die große Mehrheit der Zulus gehört jetzt einer christlichen Kirche oder Sekte an. Das Gebiet, das Rom 1921 der Kongregation von St. Ottilien zur Missionierung zugeteilt hatte, ist nun eine Diözese. Mittlerweile hat unsere Diözese bereits ihren zweiten einheimischen Bischof. In den 30 Pfarreien sind ausschließlich einheimische Priester tätig. Zwei Zulu Priester unserer Diözese sind momentan sogar in Pfarreien im Ausland tätig. Einer ist in den USA im Einsatz, der andere auf einer Pfarrei in der Pfalz in Deutschland.

In den knapp 100 Jahren seit der Ankunft der ersten Benediktiner im Zululand stellte unsere Kongregation großzügig Personal für die Mission in dieser Nordostecke von Südafrika zur Verfügung. Insgesamt erhielten nicht weniger als 72 Ottilianer Patres und 65 Ottilianer Brüder das Missionskreuz für das Zululand. 1968 wurde zum letzten Mal eine ganze Gruppe ausgesandt. Sie bestand aus vier Mann; ich war einer von den Vieren. Seitdem erhielt die Zululand Mission nur noch wenig Verstärkung aus den Heimatabteien. Mit Recht sagten unsere Äbte in Deutschland: „Seht zu, dass ihr im eigenen Land um Nachwuchs wirbt und Benediktinermissionare heranbildet.“ Das haben wir auch getan. Es war kein einfaches Unterfangen. Seit 1968 sind nicht weniger als 220 einheimische Kandidaten in die Abtei Inkamana eingetreten. Von diesen 220 Kandidaten legten nach zwei- bzw. dreijähriger Vorbereitung immerhin 64 die einfachen Gelübde ab. Von diesen 64 banden sich 30 nach weiteren drei bzw. sechs Jahren durch die ewigen Gelübde auf Lebenszeit an unsere Gemeinschaft. Allerdings traten auch von diesen „ewigen Professen“ acht nach einiger Zeit wieder aus dem Kloster aus. Von den 64, die seit 1968 die einfachen Gelübde abgelegt hatten, sind zurzeit sechs in der Vorbereitung auf die ewige Profess.

Mönche der Benediktinerabtei Inkamana. Foto: inkamana.mariannhillmedia.org

Erfolgreiche Missionsarbeit

Ähnliche Erfahrungen wie Inkamana machten auch andere Missionskongregationen in Südafrika, ganz gleich ob es sich um religiöse Frauengemeinschaften oder religiöse Männergemeinschaften handelt. Südafrika ist nun einmal kein „Mistbeet“ für Priester- und Ordensberufe. Das haben wir schon lange festgestellt. Die Hälfte der afrikanischen Kandidaten, die zwischen 1968 und 2017 in Inkamana die ewigen Gelübde abgelegt hatten, stammte aus Namibia bzw. aus Malawi. Aus diesem Grund haben wir vor zwanzig Jahren eine Niederlassung in Namibia eröffnet. Dieses Nachbarland Südafrikas hat mit rund 20% einen weit höheren Prozentsatz an Katholiken als Südafrika, wo nur rund 6% der Einwohner katholisch sind.

Wenn man im Rückblick von einer erfolgreichen katholischen Missionsarbeit im Zululand sprechen kann, dann verdanken wir das nicht zuletzt dem Einsatz und der Mitarbeit mehrerer Schwesterngemeinschaften. In erster Linie sind da die Tutzinger Missionsbenediktinerinnen zu nennen. Sie haben von 1922 bis zu ihrer Ablösung im Jahr 2000 mit den Ottilianern zusammengearbeitet, haben Krankenhäuser und Schulen geleitet und haben in verschiedenen Bereichen auf allen Hauptstationen gewirkt. Nicht weniger als 110 Tutzinger Schwestern kamen in den 78 Jahren zwischen 1922 und 2000 im Zululand zum Einsatz. Fünfundvierzig sind in Inkamana gestorben und haben auf unserem Klosterfriedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden, darunter auch Schwester Reinolda May (1901–1981).

Wallfahrtsort Ngome

Ihr Name wurde über die Grenzen von Zululand und sogar über Südafrika hinaus bekannt, als sich nach ihrem Tod die Kunde verbreitete, dass sie Marienerscheinungen hatte. Zwischen 1954 und 1971 sei ihr die Muttergottes angeblich nicht weniger als zehn Mal in der Krankenhauskapelle von Nongoma erschienen. Sie selber hat darüber Aufzeichnungen gemacht. Bei einer dieser Erscheinungen äußerte die Muttergottes angeblich den Wunsch, „an einem Ort im Zululand, an dem sieben Quellen entspringen, als Tabernakel des Allerhöchsten verehrt zu werden“. Dieser Ort wurde mit Hilfe von Schwester Reinolda als ein Außenposten der Missionsstation Nongoma namens Ngome identifiziert.

Ngome liegt etwa 20 km westlich von Nongoma am Rand eines dichten Urwalds. In diesem Urwald wurden tatsächlich mehrere Quellen entdeckt. Der zuständige Bischof, Aurelian Bilgeri OSB (1909-1973), der von 1947 bis zu seinem Tod die Diözese Eshowe leitete, stand der ganzen Geschichte eher skeptisch gegenüber, genehmigte aber aufgrund inständiger Bitten von Schwester Reinolda, dass in Ngome 1966 eine kleine Kapelle von kaum mehr als vier Quadratmeter gebaut wurde. Erst 1984 erlaubte Bischof Mansuet Biyase (1933-2005), der Nachfolger von Bischof Bilgeri, den Bau einer größeren Kapelle. Sie wurde auf einem Felsplateau errichtet und enthält ein von einem Kunstmaler angefertigtes Gemälde der „Muttergottes, Tabernakel des Allerhöchsten“. Rasch stieg die Zahl der Pilger, die privat oder durch eine organisierte Pilgertour nach Ngome kamen. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, wurde 2002 noch eine zweite, größere Kirche errichtet.

Auf ihrem Weg nach Ngome machen viele Pilger bei uns in Inkamana Halt und besuchen das Grab von Schwester Reinolda, legen Blumen nieder und hängen Rosenkränze über ihren Grabstein. Schon seit längerem wird in der Diözese sogar die Möglichkeit eines Seligsprechungsprozesses erwogen. Aufgrund dieser Entwicklung hat nun der Bischof von Eshowe, Thaddeus Xolelo Kumalo, einen seiner Priester beauftragt, Material über das Leben und Wirken von Schwester Reinolda zu sammeln. Für diesen Schritt hatte der Bischof zuvor von Rom das nötige Placet eingeholt in der Hoffnung, dass nach einiger Zeit der Seligsprechung Prozess eröffnet werden kann. Ob es jemals so weit kommt, wird sich zeigen.

Auch Mallersdorfer Schwestern im Zululand´

Außer den Missions-Benediktinerinnen von Tutzing haben auch noch drei weitere Schwesterngemeinschaften aus Deutschland in den 1950er Jahren Missionarinnen ins Zululand entsandt und sind dort heute noch präsent. In diesen rund sechzig Jahren kamen 33 Franziskanerinnen aus Oberzell bei Würzburg, 21 Benediktinerinnen von St. Alban am Ammersee und 37 Mallersdorfer Schwestern in die Zululand Mission. Alle drei Gemeinschaften nahmen sehr bald auch einheimische Kandidatinnen auf. Heute sind unter den 26 Oberzeller Schwestern mehr als die Hälfte Afrikanerinnen, darunter auch die Oberin der Gemeinschaft. Unter den 40 Mallersdorfer Schwestern (dazu gehört auch die in der Missionsstation „Vryheid“ tätige Sr. Emanuela Kraus aus Breitenbrunn/Oberpfalz, Bistum Eichstätt) befinden sich 23 einheimische; die Leitung der Gemeinschaft liegt jedoch noch in den Händen einer deutschen Schwester. Das gleiche gilt auch für die Benediktinerinnen von St. Alban. Die Gemeinschaft setzt sich momentan aus acht afrikanischen und sechs deutschen Schwestern zusammen. Oberin ist eine deutsche Schwester.

Die Ottilianer Benediktiner haben in ihren ehemaligen Missionsgebieten in Afrika sechs Abteien und ein Konventualpriorat (Vorstufe zur Abtei) errichtet. Alle sieben selbständigen Klöster werden von einheimischen Mönchen geleitet. In vier dieser Klöster sind alle Patres und Brüder Afrikaner; in dreien ist der Konvent gemischt, wobei die Europäer jeweils nur noch eine Minderheit bilden. Noch einen Schritt weiter in dieser Entwicklung sind die Klöster, die von Ottilianer Mönchen in Korea, in China und auf den Philippinen gegründet wurden. Während einige unserer sechs Deutsch sprachigen Abteien (vier in Deutschland und jeweils eine in Österreich und in der Schweiz) unter Nachwuchsmangel leiden, verlagert sich der Schwerpunkt unserer Kongregation langsam auf unsere Klöster in Afrika und Asien. Mit weit über 600 Mitgliedern machen sie jetzt schon 60% der Ottilianer Missionsbenediktiner aus.

Jahrhundertdürre

In Südafrika herrschte in den letzten zwei Jahren eine katastrophale Trockenheit. Im Zululand sprach man von einer Jahrhundertdürre. Nicht nur die Großfarmer und Kleinbauern waren davon betroffen, sondern auch die Menschen in den Städten. Die Farmer konnten wegen Regenmangel nicht pflügen und säen und in den Städten mussten die Leute ihren Wasserverbrauch gewaltig einschränken. Mittlerweile hat sich die Situation verbessert, da es im Sommer (Dezember bis März) reichlich geregnet hat. Die Wasserversorgung in der Stadt Vryheid war ein ganzes Jahr lang (von Mai 2016 bis Mai 2017) von Tankfahrzeugen abhängig, die die im Stadtgebiet aufgestellten 5000 Liter Behälter immer wieder auffüllten. Bevor die Wasserleitungen wieder benützt werden konnten, mussten Hunderte von Hausanschlüssen repariert und mit neuen Messgeräten aus Plastikmaterial versehen werden. Während der langen Trockenheit waren nämlich die alten Messgeräte aus Metall reihenweise geklaut und von den Dieben als Altmetall verkauft worden.

Die lange Trockenheit hat auch unserer Abtei schwer zugesetzt. Um die Wasserversorgung sicher zu stellen, mussten wir zusätzlich Brunnen bohren. Weil die aber nicht den erwarteten Erfolg brachten, haben wir nun entschieden, Regenwasser zu „ernten“. Inzwischen wurden an den verschiedenen Dachrinnen 5000 Liter Plastikbehälter aufgestellt, die das Regenwasser sammeln, wenn sich im kommenden Sommer die Himmelsschleusen öffnen.

Benediktineroblatin in Tabgha

In der Rückschau auf die zwei Jahre in der benediktinischen Gemeinschaft von Tabgha und Jerusalem, wurde mir der Wert der monastischen Lebensstruktur besonders bewusst und veranlasste mich, nach guter Vorbereitung von Pater Jonas Trageser, dem Oblatenrrektor, mich dieser Gemeinschaft als Benediktineroblatin anzuschließen. Jedes Kloster mit Oblateninstitut kann Frauen und Männer – Kleriker und Laien – als Oblaten und Oblatinnen aufnehmen in einer zum Kloster passenden Größenordnung.

In der Taufe ist jeder Christ zur Nachfolge des Herrn und zum Leben nach dem Evangelium aufgerufen. Dazu geben die Meister des geistlichen Lebens besondere Weisungen. So hat der Heilige Benedikt im 6. Jahrhundert auf dem Monte Cassino die Regel als „Schule für den Dienst des Herrn“ eingerichtet. Von ihrem Geist lasse ich mich schon länger leiten, weil sie auch im Familienalltag wertvoll ist.

Grundzüge benediktinischer Lebensgestaltung sind: Gebet, geistliche Lesung, Arbeit, Gastfreundschaft und Friede. Das Leben versteht sich als eine Begegnung mit Jesus Christus in unterschiedlicher Ausprägung.

Oblation

Andrea Krebs (Mitte) bei ihrer Oblation in Tabgha. Foto: privat
Andrea Krebs (Mitte) bei ihrer Oblation in Tabgha. Foto: privat

Am 21. Mai feierte ich in Tabgha am See Genezareth im Sonntagsgottesdienst am See meine Oblation im Kreise unserer Mönche, Mitoblaten, Gäste und Pilger. Die Oblation ist das vor Gott abgegebene und von der Kirche angenommene Versprechen, sich in Verbindung mit einem bestimmten Kloster GOTT darzubringen. Dieses handschriftliche Versprechen liest man vor allen vor, es wurde vom Prior-Administrator Pater Nikodemus Schnabel entgegengenommen und unter die Altardecke gelegt, auf der die Gaben von Brot und Wein gewandelt wurden in Leib und Blut Christi. Ein schönes Zeichen, finde ich. Unser ganzes Leben ist Wandlung und und Gabe.

In der würdigen Eucharistiefeier haben die anderen 7 anwesenden Oblatinnen und Oblaten ihr Versprechen erneuert und wir hatten neben den Pilgergruppen aus Köln liebenswerte Gäste in unserer Mitte , besonders ein befreundetes Ehepaar aus Haifa: Günther und Judith mit Freunden und meine liebe Freundin, Sr. Marie Madeleine Wagner aus dem Benediktinerkloster von Abu Gosh. Der ganze Tag war wirklich ein Festtag, mit gutem Essen, benediktinischen Gastfreundschaft und vielfältigen Begegnungen. Ich musste selbst gar nichts dafür tun, was sehr ungewohnt ist als Mutter! Ein Ausflug am Nachmittag ließ uns von einem herrlichen Plateau aus den See Genezareth, der die Form einer Harfe hat, im gleißenden Sonnenlicht bestaunen.

Was bedeutet es für mich Oblatin der Abtei Dormitio Beatae Mariae Virginis mit dem Priorat Tabgha zu sein?

Es soll mir eine Hilfe sein, beständig Gott zu suchen, indem ich das monastische Stundengebet so gut es im Alltag möglich ist, in mein Leben integriere und die „lectio divina“, den regelmäßigen meditativen Umgang mit dem Wort Gottes pflege. Ich lebe nicht viel anders als zuvor, weiß mich aber durch dieses Engagement in offizieller Weise mit der Gemeinschaft verbunden. Wir gehen einen gemeinsamen geistlichen in verschiedener Ausprägung. So hat es der heilige Benedikt in seiner Regel vor 1500 Jahren bereits vorgesehen: Die Mönche und Nonnen leben die Regel in Stabilitas vor Ort und Oblaten im gleichen Geist angebunden an ein Kloster in der Welt. So trägt man sich gegenseitig, was ich besonders beim überraschenden Tod meines Sohnes erleben durfte.

Ich bin glücklich über diesen Schritt und habe noch viel Zeit im Austausch mit den anderen Oblaten und in Anbindung an das Kloster mit den sympathischen Mönchen, den Reichtum auszuschöpfen, der darin liegt.

Zusammenfassend habe ich entschiedener Jesus Christus gewählt als meinen Weg, meine Wahrheit und mein Leben und lebe monastisch verortet als das, was ich bin: Mutter, Oma, Witwe, Lehrerin, Freundin, Schwester, Nachbarin und Begleiterin.

Gebet in der Klostergemeinschaft

Vor einigen Wochen war das Glockenseil hier in der Kirche der Benediktinerabtei von Tabgha (am See Genezareth in Israel) abgerissen, so dass wir selbst die Zeit zum Gebet herausfinden mussten. Umso mehr freut es mich, wenn das Glöckchen wieder fünfmal am Tag zum Gebet ruft. Das mag von außen viel erscheinen. Ich erlebe es als einen wohlklingenden Ton, der dem Tag seine Struktur gibt und der Arbeit dazwischen ihren Wert. Das gleichmäßige Miteinander-vor-Gott-treten macht deutlich, dass hier ein Ort ist, an dem man Gott dient und vor seinem Angesicht lebt.

An die 150 Psalmen, jahrtausendealter Gebetsschatz, die hier in zwei Wochen alle gebetet werden, muss ich mich gewöhnen. In meinen Ohren klingen sie stark alttestamentlich. Mit der Zeit finde ich mich in vielen angesprochenen Lebenslagen wieder und finde nur Teile der Texte sehr befremdlich, besonders wenn man bedenkt, dass wir hier von radikalen Fundamentalisten aller Religionen umgeben sind.

Ich habe das Gefühl, dass man kein besserer Mensch wird, weil man viel betet, aber ich schätze mich glücklich, an einem Ort sein zu dürfen, an dem wir miteinander versuchen, Gott auf dieser Erde einen kleinen Anteil der Ehre zu geben, die ihm gebührt und gleichzeitig einen Beitrag für Frieden in dieser Region zu leisten.

Gebet gibt der Freundschaft, die Gott uns von sich aus anbietet, eine Antwort. Die Freundschaft zu Gott miteinander zu gestalten in allen Tagesformen, die man so durchlebt, ist ein Geschenk, das in der Form nur in Gemeinschaft möglich ist. Sie ersetzt nicht die ganz persönliche Beziehung zu Gott, die jeder für sich selber pflegen muss. Die Hinwendung zu Gott im Gebet ist wie das Einatmen, die Arbeit und Begegnung mit unseren Nächsten ist wie das Ausatmen.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die Fastenzeit 2016 hat bereits Halbzeit. Am Aschermittwoch wurden wir einmal mehr erinnert, wie endlich das Leben ist.

Das Ambiente, in dem wir uns bewegen, weist uns täglich auf den Brandanschlag vom Juni 2015 hin. Der grobe Schmutz ist weggekehrt, aber das verbrannte Atrium, die verkohlte Klostertüre und die Absperrungen erinnern uns täglich daran. 1400 Jahre zuvor haben die Perser die damalige Kirche vor Ort in Schutt und Asche gelegt. 1300 Jahre war hier Stille, die Tiere weideten auf den Wiesen, das Wasser der sieben Quellen ergoss sich über das Land… Bis eines Tages Archäologen den fast gänzlich erhaltenen Mosaikboden der alten Kirche fanden. Nach langen Jahren mühsamer Zusammenarbeit entstand wieder ein Pilgerort, von dem Tausende Menschen beseelt von der Erfahrung der Nähe zum Evangelium in ihre Heimat zurückkehren. Als Ludger Bornemann, der Leiter des Pilgerhauses, wieder einmal davon sprach, wachte etwas in mir auf: Schätze suchen, da wo man ist … und fündig werden!

Eine der sieben Quellen, die auf dem Gelände des Benediktinerklosters Tabgha entspringen. Foto: Andrea Krebs
Eine der sieben Quellen, die auf dem Gelände des Benediktinerklosters Tabgha entspringen. Foto: Andrea Krebs

So lasse ich Sie nach längerer Zeit Anteil nehmen an sieben Schätzen, die ich in Tabgha finde, in Anlehnung an die sieben Quellen, die hier auf dem Gelände entspringen. Sie werden in drei Teilen zu lesen sein.

Dasein

Wenn ich hier etwas gelernt habe und es immer wieder mühsam lerne, dann ist es die Antwort auf die Fragen: Wer bin ich? Was tue ich hier? Was ist meine Bestimmung? So viel wie hier habe ich mir bisher nicht die Sinnfrage gestellt, weil ich mein Leben als sinnvoll erfahren habe: mein Dienst in der großen Familie, als Religionslehrerin und die Begleitung meines Mannes in langen, leidvollen Phasen der Krankheit.

Aber hier, allen Verantwortlichkeiten enthoben, stehe ich mit leeren Händen da.

Anfangs musste ich lächeln, dass ich hier nähen und kochen soll, weil das ein Teil meines Lebens ist, den ich nicht unter Arbeit abrechnen würde. Wenn ich aber 6-7 Stunden im schönsten Nähatelier meines Lebens in Stille verbringe, greifen alle möglichen Gedanken an und versuchen zu verwirren. Bin ich echt aufgebrochen, habe so viel hinter mir gelassen, um zwischen Ordensleuten zu leben, zu nähen und zu kochen?

Es ist mir eine wichtige Lektion geworden: Das Leben besteht nicht aus dem, was ich tue. Mein Leben will eine liebevolle Antwort auf den Anruf Gottes sein, ihm schenke ich mein Vertrauen im Hier und Jetzt und stehe ihm zur Verfügung. Dass ich mit meinen Fähigkeiten dazu beitragen kann, dass der Gemeinschaft gedient ist, ist schön, macht mich aber nicht aus. Mein Dasein in Ihm soll ein fruchtbares Geschenk sein. Dies ist ein unsichtbares Geschehen. Wir Menschen haben es gern, wenn wir sehen, was wir tun. Ich kann mich nicht beschweren: Bei dem, was ich nähe, bleibt so manches sichtbar. Dieses Dasein vor Gott in Liebe und für die Menschen, ist im Grunde das, was mein Mann mir in den langen Phasen der Krankheit vorgelebt hat.

Ich glaube, deshalb sind die Klöster Kraftorte, weil Menschen sich dieser unsichtbaren Fruchtbarkeit überlassen und sich Gott in Freud und Leid zur Verfügung stellen, versuchen, in seiner Gegenwart zu bleiben.

Kreativität

Ob in der Küche, in der Nähstube oder bei allen Ideen, die ich einbringe, erfahre ich stets Offenheit und Gestaltungsfreiraum. Ich bin eingebunden in das benediktinische Regelwerk, das sehr strukturierend und ordnend ist, bleibe aber frei, mich kreativ auszudrücken und zu lernen.

Seidenes Messgewand: Auf der Stola steht Jesus in aramäisch und arabisch. Foto: Andrea Krebs
Seidenes Messgewand: Auf der Stola steht Jesus in aramäisch und arabisch. Foto: Andrea Krebs

So stehen für die nächste Zeit zwei Messgewänder, ein Habit für Pater Jonas, ein Wandbild, Kräuterkissen, Tabgha-Kissen, Stolen, Pallas und viele Gotteslobeinbände als Arbeit in der Nähstube an. Von manchem weiß ich nicht, wie es aussehen wird. Ein Messgewand entsteht für den Gottesdienst am See, der am 17. April (Sonntag vom Guten Hirten) vom Bayerischen Rundfunk übertragen wird.

Auch darf ich den Schwestern, die hier für die Mönche und den deutschen Verein vom Heiligen Land arbeiten, Deutschunterricht geben, was sich im freundschaftlichen Miteinander ergibt und anders ist als Deutsch in Sprachkursen oder in der Schule. Die Schwestern wollen lernen, was die Bedeutung dessen ist, was wir singen und beten. So hat dieser Unterricht viel mit der Freude an Gott zu tun und wir lachen und singen viel.

Ob beim arabisch-deutschen Miteinander in der Küche, in der Zusammenarbeit mit Pater Jonas oder bei den Nähprojekten in Beith Noah mit Gruppen behinderter Menschen, dem Miteinander mit den jungen Volontären – immer gibt es ein kreativer Gestaltungsspielraum, der das Arbeiten bereichert.

Ohne Stress

So wie ich Arbeit hier erlebe, ist sie ein fruchtbares Geschehen und Ausdruck der schöpferischen Kräfte, die jedem unterschiedlich verliehen sind und die in ihrer Gesamtheit dem Ganzen dienen.

Meine Arbeit in der Küche, in der Nähstube und mit Menschen ist ein natürlicher Lebensbeitrag ohne den Faktor Stress, den es hier nicht gibt. Als in einer bestimmten Zeit meine Arbeitsstunden das normale Maß deutlich überschritten, wurde ich darauf hingewiesen, dass ich, um im Gleichgewicht zu bleiben, für mich selbst verantwortlich bin. Meine Zurückhaltung bei Anfragen wurde dann sehr ernst genommen.

So würde ich mir die Welt wirklich wünschen: Dass jeder seine Begabung einbringt, darin gefördert und gefordert wird und sein Leben als nützlich empfinden kann, ganz ohne die Stress-Phänomene, die wir alle kennen. Aus der Entfernung spürt man noch intensiver, welcher Leistungsdruck in Deutschland vorherrscht, bis hinein in Kinderkrippen, Pflegeeinrichtungen, Schulen, ganz abgesehen von der Wirtschaft.

Arbeit hier im Kloster (und auch im arabischen Kontext) macht möglich, dass alle von allen leben, denn jeder Dienst bereichert die Gemeinschaft, ob er nun sichtbar ist oder nicht. Und was zu Hause eher ungewöhnlich ist: Arbeit unabhängig von Bezahlung (wir leben hier von einem Taschengeld).

Von außen betrachtet fragen Besucher gelegentlich nach, von was Tabgha lebt. Verglichen mit dem Niveau meiner Brüder, Söhne und Freunde, die sich in der Welt bewähren und ein hohes Engagement für den Lebensstandard ihrer Familien einbringen, gibt es da berechtigte Fragen. Ein ruhiges und gleichmäßiges Leben in der Gegenwart Gottes braucht aber eine Balance zwischen ora und labora, denn diese beiden Pfeiler stützen das Ganze. Die Arbeit prägt das Gebet und das Gebet die Arbeit, das wird im Tagesablauf deutlich, der seine Struktur von den fünf Gebetszeiten und Zeiten für die lectio erhält. Dabei trägt das Ganze viele Anliegen der Welt mit vor Gott.

Liebe der anderen Art

Zu Beginn meines Aufenthaltes fragte ich mich: Wie ist das hier nun mit der Liebe? Wie in einer Familie ist es echt nicht. Die Gottes- und Nächstenliebe wird in den Gebetstexten häufig erwähnt, aber nicht so offen und herzlich ausgedrückt. Auch mit Lob und Dank geht man hier zurückhaltend um.

Nach einer Weile empfange ich Nachrichten auf einem anderen Sender und sehe die Liebe! Sie lebt:
In einem achtsamen, höflichen Umgang miteinander,
den Anderen im Blick habend,
im freundlichen Aufeinander zugehen,
im geduldigen Aushalten,
in der Haltung, dem Anderen zu dienen,
sein Wohl zu suchen,
nicht urteilen zu wollen,
über Schwächen miteinander zu lachen,
sich zu entschuldigen, wenn es dran ist,
in einer überraschend liebevollen Versorgung im Krankheitsfall
und in dem kleinen Wörtchen „Danke“ von Bruder Franziskus am Ende des abendlichen Küchendienstes.
Die Liebe lebt hier in dem Satz Jesu: „Wer bittet, der empfängt“. Man empfängt oft überraschend anders, als gedacht.

Pater Jonas lernte mir die sieben neuen Werke der Barmherzigkeit (nach Bischof Joaquim Wanke):
„Du gehörst dazu
Ich höre dir zu
Ich rede gut über dich
Ich gehe mit dir
Ich teile mit dir
Ich besuche dich
Ich bete für dich.“

Sie gefallen mir. Ich finde sie hier nicht formvollendet, auch bei mir nicht, aber erlebe uns alle darum bemüht. Das ist eine schöne Form von Liebe, die dem Miteinander Sicherheit gibt.

Von Herz zu Herz

Von Herz zu Herz miteinander sprechen zu können, ist eine Gnade. Diese Sprache kann man erfahren, annehmen, bewahren und dann wieder loslassen. Man kann nicht darüber verfügen, sie ist da, öffnet sich, wie eine Blume im Sonnenlicht, erfreut und macht dankbar. Für die vielen Momente, die von dieser Sprache berührt werden und dem Leben eine tiefen Sinn geben, bin ich von Herzen dankbar. Ohne P. Matthias‘ Offenheit, sein Vertrauen und seine Herzenswärme, wäre Tabgha (nicht nur) für mich unvollständig. Aber auch mit verschiedenen Gästen bin ich in dieser Weise herzlich verbunden.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3

Kloster Tabgha: „Die Brandstifter haben unbewusst zwei Feuer gelegt“

Einige Tage nach dem Brandanschlag vom 17. auf 18. Juni 2015 auf das Benediktinerkloster Tabgha möchte ich kurz aus meiner ganz persönlichen Sicht vor Ort darüber berichten. An Informationen und Bildern mangelt es sicher nicht in unserer modernen Medienwelt.

Die erste Erfahrung: Nach einem fröhlichen Tag, an dem man lachend auseinander geht, findet man sich mitten in der Nacht vor einem gewaltigen Feuer, das unausweichlich niederbrennt, was alle lieben. So schnell kann alles anders sein und man lebt in einer anderen Wirklichkeit.

Pater Zacharias stand am längsten auf dem Dach und versuchte das Feuer aufzuhalten, damit es nicht auf die Kirche übergreift, was glücklicherweise auch nicht passiert ist. Die Schäden sind groß, allerdings sind Kirche, Oratorium und alle Speise- und Privaträume erhalten geblieben. Das Leben kann also eingeschränkt weitergehen. Menschliches Leben blieb unversehrt, bis auf die Rauchvergiftung, d.h. Sophie hatte etwas zu viel und Pater Zacharias deutlich zu viel Kohlenmonoxid abbekommen, so dass er bis Freitag in Safed im Krankenhaus blieb. Dort war ich die meiste Zeit bei ihm, weil er nur eingeschränkt englisch spricht. Mit Sicht auf den See von der schönen Stadt Safed aus beteten wir die Vesper zusammen.

Die zweite Erfahrung schließt sich an eine Bemerkung von jemand an, der meinte, nach diesem Feuer mag er den Gedanken nicht mehr, dass Gott wie verzehrendes Feuer sei. Nun sind Tausende und Abertausende von Menschen herbeigeströmt, um ihre Anteilnahme auszudrücken, sich für die Brandstifter zu entschuldigen, Hilfe anzubieten, zu beten, singen und in großer Gemeinschaft miteinander ihren Glauben zu teilen, der sich hier innerhalb der christlichen Welt in viele Lager aufspaltet. Es kamen auch Juden und Muslime in großer Zahl, vom Handwerker, der mit Blumen, Freunden und Werkzeug kam, Familien, die dem Abt ein Rosensträußchen überreichten, einem alten Mann, der einen Olivenbaum brachte mit einem Zettel, er möge 100 Jahre in Frieden bei uns wachsen, bis zu religiösen und politischen Führern aller Couleur … So glaube ich persönlich, die Brandstifter haben unbewusst zwei Feuer gelegt: Eins, das zerstört, und ein größeres, das verbindet und Liebe und Gemeinschaft stiftet, wie es zuvor nicht denkbar war.

Man fühlte sich fast erdrückt von so viel Anteilnahme. Die Christen im Land wurden auf außerordentliche Weise gestärkt. Allein am Sonntagnachmittag wurden 21 Busse erwartet und die Straße war bis zum Berg rauf eine einzige Autoschlange. Es trafen sich melkitische, orthodoxe und aramäisch sprechende Christen, die eine Demonstration für ihre Anliegen anschlossen. Das Treffen war laut und fröhlich und irgendwie hatte es in unseren Ohren Festivalcharakter. Unsere Aufgabe, die Grenzen hin zu privatem Grund zu schützen, war nicht einfach. Nicht alle Menschen fügen sich gern Anordnungen, und das arabische Temperament ist deutlich anders als unseres. Zu sehen, wie in dieser Hitze auf ausgedörrtes Gras Zigarettenkippen geworfen wurden, hat mir echt Nerven geraubt. In einem Tiefpunkt, als ich nicht mal mehr lächeln wollte, war da plötzlich ein nettes junges Paar, und es entstand ein Gespräch wie eine aufgehende Blume, geprägt von aufrichtigem gegenseitigen Interesse und lernendem Zuhören über Religion, Kultur bis hin zum Sinn des Lebens. Beide arbeiten für die UNO, kamen nur zufällig hier vorbei. Auch Suhad, unsere Köchin, die wie alle arabischen Mitarbeiter schwer mitgenommen war von der Art, wie man sich im Land Christen gegenüber verhält, war mit Familie bei diesem Treffen und glücklich über das stärkende Miteinander von Christen in dieser Region.

Die dritte Erfahrung ist, dass in der ganzen Zeit nie auch nur eine Spur von Hass, Wut oder Rache zu spüren war. Es ist eine durch und durch friedliche Stimmung. Wir kennen die Motive der Täter nicht tiefergehend. Abt Gregory hat deutlich aktive Aufklärung eingefordert, betonte aber, wie wichtig es gerade in dieser Region ist, Frieden zu leben, der von Liebe und Vergebungsbereitschaft lebt – im Kleinen und im Großen. Sogar ein Brandanschlag könne Teil einer Erziehung zum Frieden sein. Eine gute Erfahrung auch für die jungen Volontäre, die allmählich in ihre Heimat aufbrechen und sich vorbildlich ins Leben hier eingebracht haben.

Ich persönlich bin froh, dass hier im Kloster alle an Leib und Seele unversehrt geblieben sind. Der materielle Schaden kann behoben werden und ist hoffentlich versichert, da tut man sich mit der Vergebung natürlich leichter, als wenn Menschen schwer leiden müssen. Für die Täter und uns alle wünsche ich mir, dass wir Menschen nicht so verbohrt und engstirnig unsere Grenzen verteidigen, sondern der Liebe und Weisheit Gottes in den Herzen mehr Raum geben, um aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.

In diesem Sinne ein herzliches Shalom aus Israel!

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