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Zu Besuch bei Pater Josef Schmidpeter in Arequipa

„Josef, kümmere dich um die Kranken und Armen“, das war und ist die Berufung, die P. Josef Schmidpeter verspürt und die den 81jährigen Comboni-Missionar aus dem Bistum Eichstätt bis heute nicht ruhen lässt.

Nachdem er von 1982 bis 1994 bereits in Peru tätig war ist er vor sechs Jahren wieder an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt, an der er nie vergessen war. 2008 hat man aus Dankbarkeit für sein sozial-pastorales Wirken ein kommunales Hallenbad nach ihm benannt. Und auch in vergangenen Tagen habe ich die Liebe der Menschen zu ihrem „Padre Jose“ in der Pfarrei Buen Pastor in einem der armen Randgebiete von Arequipa erlebt. Man grüßt ihn über die Straße, Kinder winken ihm zu. Die Mitarbeiter im Altenheim freuen sich, wenn er vorbeischaut, und selbst die über 90jährige Indigene, die kein Spanisch spricht, ruft seinen Namen zur Begrüßung. Aktuell fehlen rund 8.000 Euro, um einen Aufzug in den zweiten Stock zu bauen, dann könnte die Aufnahmekapazität in der sehr familiär konzeptionierten Einrichtung verdoppelt werden.

Aber Schmidpeters größte Leistung sind seine beiden Polikliniken „Espiritu Santo“, in denen täglich 2000 Menschen von 140 Fachärzten behandelt werden. Viele der Mediziner haben auch eine eigene Praxis, aber einen Tag in der Woche arbeiten sie bei Padre Jose für die Armen und Kranken mit. Während des Streiks in den öffentlichen Krankenhäusern waren es täglich bis zu 2600 Hilfesuchende.

Stolz verweist P. Josef am Eingang auf die drei Tafeln mit Namen von Spendern und dass sein Heimatbistum ganz weit oben darauf steht. Auch der deutsche Botschafter hat sein herausragendes Werk gewürdigt.

So sehr er sich darüber freut, noch wichtiger sind ihm die Menschen, die als Kranke kamen, aber wie Menschen behandelt wurden. Dazu gehört auch, dass er als Klinikseelsorger wirkt, weil er aus Erfahrung berichten kann, dass viele Krankheiten seelische Ursachen haben. Darum sind ihm die Stunden im Beichtstuhl wichtig, als Ort der Versöhnung. „Leider gibt es aber unter den jungen Priestern wenige, die für diese Aufgabe Zeit aufwenden“, findet Schmidpeter, aufgrund seiner pastoralen Erfahrungen.

Leider ist der Aufenthalt hier viel zu schnell vorbei, um sein gesamtes Wirken nachvollziehen zu können. Dazu gehört zum Beispiel seine Zeit als Gründer des Kolpingwerks in Peru Mitte der 80er Jahre. Aber er hat auch in Zukunft noch viel vor. So will er in einer der Kapellen, in der am Samstagabend Mariä Himmelfahrt gefeiert wurde, einen Chor aufbauen und sich um die Ministranten kümmern. Missionare der alten Schule gehen halt nie in den Ruhestand. Was für ein Leben für die Armen und Kranken.

Hoffnung für das Klima in Peru

Derzeit findet die 20. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (COP20) in der peruanischen Hauptstadt Lima statt. Der Klimawandel lässt auch die Peruaner nicht kalt, wie man hier im Alltag erfahren kann. Vor einigen Wochen war ich mit einer anderen Laienmissionarin aus Brasilien im Armutsviertel von Arequipa unterwegs, um eine Familie mit einem frisch geborenen Baby zu besuchen. Auf dem Rückweg von diesem Besuch kamen wir ins Gespräch mit einer Frau, die in einer einfachen Hütte wohnt. Sie erzählte, dass sie Angst hat vor den Starken Regenfällen im Januar und Februar und dass sie hofft, dass der Regen wie in diesem Jahr „ausbleibt“ oder sich auf geringe Mengen beschränkt. Der Regen bedeutet für sie, für ihre kleine Hütte und alles was für sie existenziell ist, eine ernsthafte Bedrohung. Der Regen könnte ihr mit seiner gewaltigen Macht alles nehmen.

Ihre Aussage ist verständlich und doch zugleich verstörend. Denn das Wasser ist knapp hier. Besonders nachdem es im letzten Jahr in der Regenzeit kaum geregnet hat. Alle Pflanzen, die sich nicht mit der Hilfe von Bewässerung ans Leben klammern können, vertrocknen. Der große Fluss Arequipas, der „Rio Chili“, führt wenig Wasser. Alle warten sehnsüchtig auf die Tropfen, die vom Himmel fallen sollen, außer die Bewohner im Armutsviertel. Für sie ist scheinbar der Regen eine Bedrohung und kein Segen.

Dass Arequipa unter Wassernot leidet, ist kein Zufall. Peru bleibt nicht vom Klimawandel verschont. An nichts lässt sich das so gut ablesen wie am Wahrzeichen Arequipas, dem Hausberg Misti. Traditionell ist seine Spitze von einem zarten weißen Schneemantel überzogen. Doch seit zwei Jahren ist nur noch roher Stein die Zierde des Vulkans. Nur wenn Nebel den Berg verhüllt lässt sich manchmal hier und da ein kleiner Fleck Schnee entdecken. Auch der andere Vulkan in der Nähe von Arequipa, der Chachani, der wesentlich höher ist als der Misti, ist nur noch an oberster Stelle von Schnee bedeckt. Zerstört der Klimawandelt also die Wahrzeichen Arequipas?

Erst kürzlich habe ich mit einer Arbeitskollegin aus dem Kindergarten über dieses Phänomen gesprochen. Sie glaubt, dass der Klimawandel die Peruaner nachdenklich stimmt, sie beschäftigt. Sie hat mir gesagt, dass die meisten Menschen diese Anzeichen durchaus ernst nehmen. Aber es ändere sich nichts, weil es kaum Hilfestellungen von der Regierung gebe. Für die Politiker seien diese Anzeichen offensichtlich nicht so bedeutend wie sie es für die Bevölkerung sind. Steckt Resignation hinter dieser Aussage? Hoffnungslosigkeit, die ein Stoppen des Klimawandels nicht mehr für möglich hält?

Ich glaube nicht, denn es gibt Zeichen, die den Glauben an Möglichkeiten des Einzelnen und ihre Tragweite bestärken. Wenn meinen Fünfjährigen eine Woche lang im Kindergarten die Bedeutung von Strom und Wasser erklärt wird. Wenn sie die Bedeutung des Wassers und seine Kostbarkeit verstehen lernen und sich voller Begeisterung ausdenken, wie sie Wasser sparen können. Wenn sie Bilder malen, die das Einsparen von Strom zeigen, um das Klima zu schützen. Und wenn sie selbst kleine Pflanzen züchten, um ein Verständnis für deren Einfluss auf unser Leben zu erhalten.

Der Klimaschutz ist auch ein Anliegen der Kirche, die anlässlich der COP20 (vom 1. bis 12. Dezember) verschiedene Veranstaltungen zum Thema Klimawandel und Umweltschutz organisiert. Bereits am 9. November haben Katholiken in Peru und in Deutschland (hier besonders in der Erzdiözese Freiburg, die eine Partnerschaft mit der Katholischen Bischofskonferenz Peru pflegt) gemeinsam einen Tag des Fastens und Gebetes abgehalten. So haben sie unter anderem für die Achtung vor den Gütern der Schöpfung gebetet.

Am 5. Dezember findet zudem ein Treffen von Bischöfen aus der ganzen Welt mit Regierungsvertretern der teilnehmenden Staaten an der Klimakonferenz in Lima statt. Auswirkungen des Klimawandels insbesondere auf die arme und marginalisierte Bevölkerung sowie die Achtung vor den Gütern der Schöpfung und Vorschläge für mehr Klimagerechtigkeit stehen auf der Gesprächsagenda. Wenn das kein Anlass zur Hoffnung ist!

Mehr zum Thema:

Ein Jahr in Peru (persönlicher Blog von Anna Schönstedt)

Erlebnisse einer „Missionarin auf Zeit“ in Arequipa

Seit nun knapp drei Monaten befinde ich mich in Arequipa im Süden von Peru. Es hat mich sehr überrascht, mit welcher Herzlichkeit und Freundlichkeit ich aufgenommen wurde, obwohl ich oft nur sehr wenig bis nichts von dem verstanden habe, was an Worten auf mich eingeprasselt ist.

Kindergarten „San Daniel Comboni“ in dem Armutsviertel Villa Ecologica
Kindergarten „San Daniel Comboni“ in dem Armutsviertel Villa Ecologica. Foto: Anna Schönstedt

Nachdem ich die Stadt und die Pfarrei ein bisschen kennen lernen durfte, hatte ich meinen ersten Arbeitstag in der Cuna (Kindergarten) in dem Armutsviertel Villa Ecologia. Alle Mitarbeiter haben mich ebenfalls sehr herzlich und liebevoll aufgenommen. Ich arbeite zusammen mit Señorita Sonia und Betty bei den Fünfjährigen, den Großen der Cuna. Beide sind bereits zu Freundinnen geworden. Die Kinder habe ich sehr schnell in mein Herz geschlossen. Sie sind alle so aufgeschlossen und ohne jegliche Vorurteile. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht von mir wissen wollen, was das ein oder andere Wort in Deutsch oder Englisch heißt.

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Umzug zum Stadtjubiläum von Arequipa

Das prägendste Ereignis in meinen ersten Tagen hier war der riesige Umzug durch Arequipa anlässlich des Stadtjubiläums. Er hat mich ein bisschen an unseren Karneval erinnert. Es wurde sehr viel getanzt und alles war sehr bunt und farbenfroh. Das kam hauptsächlich daher, dass die Tänzer fast alle Trachten getragen haben. Die weiten Röcke der Frauen, die so schön bei den Drehungen mitschwingen, charakterisieren eine unbändige Lebensfreude und Fröhlichkeit. Kurz darauf  hatte ich mir leider eine recht heftige Erkältung zugezogen und konnte leider nicht in die Cuna gehen. Zum Glück haben sich die Padres und die Schwestern, welche gleich um die Ecke wohnen, gut um mich gekümmert. Mit Hilfe von ausreichend Medikamenten bin ich jedoch wieder auf die Beine gekommen.

Zusammen mit zwei anderen Freiwilligen, die für ein paar Wochen in Arequipa waren, konnte ich einen Ausflug zum Zentrum Arequipas in das Kloster Santa Catalina machen. Es ist wie eine kleine Stadt innerhalb der Stadt. Alles ist bunt und farbig, denn die meisten Wände sind rot, blau und gelb gestrichen. Viele Pflanzen erzeugen eine sehr entspannte Atmosphäre. Es gibt viele versteckte Winkel und Ecken sowie wunderschöne Kreuzgänge und Innenhöfe. Dies alles in der Verbindung mit den Berichten unserer Führerin über den Luxus, in dem einige Nonnen aus adeligem Hause lebten, ließ nicht das gewohnte Bild eines Klosters vor meinen Augen entstehen. Ich habe die Besichtigung sehr genossen.

Einschneidende Erlebnisse waren auch die Erdbeben, die ich hier schon miterlebt habe. Es ist beängstigend, wenn alles um einen herum anfängt zu wackeln, vom Wasserglas bis zum Schlüssel im Schrank. Umso merkwürdiger ist es, wenn diese Erdbeben für alle anderen Mitmenschen ganz normal sind und sie noch nicht mal zum Gesprächsthema am nächsten Tag werden.

Je besser meine Spanisch-Kenntnisse werden, umso mehr bekomme ich auch von den sozialen Verhältnissen vieler Menschen in Peru mit. So gibt es viele Mädchen, die schon sehr früh ihr erstes Kind bekommen, teilweise schon mit 14 Jahren. Auch gibt es viele Familien, in denen die Beziehung der Eltern nach zwei bis drei Kindern auseinanderbricht und die Frauen dann mit ihren Kindern alleine dastehen und sehen müssen, wie sie sich und ihr Kinder über Wasser halten können.

Einen ganz anderen Stellenwert und eine andere Präsenz als in Deutschland hat die Religiosität. Sonia sagt beispielsweise den Kindern, wenn sie nicht in den Gottesdienst gehen wollen: “Gott kommt immer zuerst“. Und wenn sie an einer Kapelle vorbeikommen, bekreuzigen sich die Menschen in Ehrerbietung. Der Glaube ist hier auch bestrebter, sich Dinge zu suchen, an denen er die Unsichtbarkeit Gottes mit dem Auge fest machen kann. So ist es unbedingt notwendig, sich bei der Weihwasserspende direkt vor dem Altar einzufinden, damit man auch so viel wie möglich von dem Wasser abbekommt und nach dem Kreuzzeichen gibt man einen Kuss auf die rechte Hand. Auch die Gottesdienste sind anders gestaltet. Alles läuft wesentlich entspannter, lockerer und fröhlicher ab. Wenn ein Padre eine halbe Stunde zu spät zum Gottesdienst kommt, weil andere Dinge ihn aufgehalten haben, dann fängt der Gottesdienst eben eine halbe Stunde später an. Mit der Gemeinde ist es nicht viel anders. Der Gottesdienst fängt an, wenn genug Leute da sind. Wer zu spät kommt, der setzt sich einfach noch dazu, egal ob das kurz vor Schluss ist oder noch am Anfang.

Am 12. Oktober hat unsere Cuna ihr „Aniversario“ gefeiert. Alle Kinder und Angestellt haben für diesen Festtag Tänze und Spiele eingeübt.  Das „Aniversario“ hängt mit dem Namensgeber der Cuna zusammen: San Daniel Comboni. Da sein Festtag am Freitag, dem 10. Oktober war, hat die Cuna am darauf folgenden Sonntag ihr „Aniversario“ begangen.

Aniversario der Cuna

Es war eine ziemliche Prozedur, die Kinder in ihre Kostüme zu stecken und sie hübsch zu machen für teilweise nicht mal vier Minuten Tanz. Es ist erstaunlich, mit welcher Hingabe und Liebe gerade diese Traditionen gepflegt werden. Die Mütter und Väter sind stolz auf ihre Kinder, wenn sie hin und her hopsen in den bunten, weiten Röcken und manchmal undurchsichtigem Gemenge aus Hosen, Blusen, Westen, Ponchos, Halstüchern und Hüten mit Bändern. Nachdem alle Kinder unter viel Applaus und stolzen Blicken ihre Tänze beendet hatten, waren wir Señoritas an der Reihe, unsere Tanzkünste unter Beweis zu stellen. Zwei Tänze brachten auch uns in den komplizierten Trachten sehr zum Schwitzen.

Mehr zum Thema: Ein Jahr Peru (persönlicher Blog von Anna Schönstedt)