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„… hier her fährt eigentlich kein Taxi“

… das sagt uns die Projektpartnerin, Schwester Hortensia in Popotlan, etwas außerhalb von San Salvador gelegen, als wir ihr vorschlagen, am nächsten Tag mit dem Taxi zu kommen. Hier in Popotlan stoßen die Gebietsgrenzen der Mara 18, die sich mittlerweile gespalten hat, und die der Mara Salvatrucha aufeinander. Der Bandenkrieg ist mittlerweile so extrem, dass die meisten Taxis nicht in diese Gegend fahren. Die Gefahr, überfallen und ausgeraubt zu werden, ist zu groß. Auch der Taxifahrer, der mich an einem anderen Tag zur Universität fährt, bestätigt das. „Nur wenn man jemand kennt, fährt man dahin. Ich kenne niemanden, ich fahr da nicht hin.“

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Während wir mit Schwester Hortensia durch Popotlan fahren, erzählt sie von dem Krieg der Banden. „Hier an dieser Straßenecke wurde vor ein paar Monaten ein Junge erschossen“. Er kam aus dem anderen Teil der Siedlung und durfte eigentlich diesen Teil nicht betreten. Er wollte seine Freundin, die hier lebt, abholen. In den Bäumen warteten die Mitglieder der Bande und haben ihn getötet. An dieser Straßenecke haben die Jugendlichen jetzt an die Hauswand in bunten Farben „Hay juventud y esperanza“ geschrieben. „Es gibt eine Jugend und es gibt Hoffnung“. Zuvor stand dort eine große 18. Das Kennzeichen der Mara 18. Nach der Erlaubnis der führenden Bandenmitglieder haben die Jugendlichen diese 18 übermalt.

Die Jugend in El Salvador gibt es tatsächlich, nur ein kleiner Teil von ihnen ist Mitglied einer Bande. Doch die beherrschen das Leben der Mehrheit. Und so ist es nicht verwunderlich, dass viele der jungen Menschen vor allem von einem träumen: Auswandern in die USA.

„Menschen der Erde“ – eine Mapuche in Eichstätt*

Die 42 Stunden in denen die 34-jährige chilenische Lehrerin Pamela del Carmen Tripailaf Lefio in Eichstätt war, sind gerade rum. Die Arbeit am Schreibtisch hat schon wieder das Kommando übernommen und die Eindrücke der intensiven Begegnung beginnen in den Hintergrund zu rücken.

Am Bahnhof war das vorhin noch ganz anders: Der Besuch in der Pfarrei Reichertshofen, die Unterrichtsstunden am Eichstätter Willibald-Gymnasium, der Austausch über den fairen Handel im Eichstätter Weltladen, die ungewöhnlich niederschwellige Kontaktaufnahme mit Studenten der Katholischen Universität beim „Lebendigen Adventskalender“ und natürlich der Vortrag in der Katholischen Hochschulgemeinde waren noch so präsent, dass wir beide erleben konnten, was es heißt, der Globalisierung ein menschliches Antlitz zu geben. Natürlich auch dank der Unterstützung von der Adveniat-Mitarbeiterin Steffi Hoppe, die uns die sprachlichen Barrieren überbrücken half.

Klar kann ich nicht alles ändern in Chile, speziell die kulturelle Identität des Mapuche-Volkes (zu dem rund eine Million der 17,4 Millionen Chilenen gehören) zu stärken fällt mir da ein, aber auch die Sorge wegen der Privatisierung des Grundwassers. Und Pamela kann auch nur wenig gegen das rückläufige Interesse an der Kirche hier unternehmen. Wir beide hatten jedoch das Gefühl, dass durch die Adveniat-Aktion uns beiden geholfen wird. Pamela bekommt Unterstützung, um ihren Weg weiter zu gehen und wir haben erleben dürfen, dass man noch Menschen erreichen kann. Immerhin über 100 Personen haben ihr in diesen Stunden zugehört und sind in den Dialog mit ihr gekommen.

Beeindruckt haben mich speziell die Schüler des Willibald-Gymnasiums, weil sie wirklich über Entwicklung und unsere Rolle nachgedacht haben. Ein Fazit: Das missionarische Wirken der Kirche wird zum einen noch von unseren Missionaren, aber zunehmend auch von den Einheimischen selbst getragen.

*In der Sprache der Mapuche, dem Mapudungun, die Pamela spricht, bedeutet Mapu Erde und Che so viel wie Mensch. Die Mapuche nennen sich selbst, wie viele andere Indianervölker, „Menschen der Erde“.

El Salvador – Zwischen Glaube und Gewalt

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten … oder so ähnlich. Bereits jetzt beginnt eine kleine Gruppe von Journalisten, die Adveniat Jahresaktion 2014 vorzubereiten. Erstes Ziel der Reise ist El Salvador.

Das kleine Land in Mittelamerika hat viel zu bieten. Nach drei sehr intensiven Tagen mit den Partnern von Adveniat, die gefüllt waren mit den unterschiedlichsten Impressionen, ist schnell klar, man trifft immer wieder auf zwei Themen: Glaube und Gewalt. Sowohl in der Vergangenheit als auch heute. 1980 wurde der damalige Erzbischof Oscar Romero während der Messe erschossen, heute wartet das Land auf den Seligsprechungsprozess.
Heute kämpfen in den kleinen Gemeinden verfeindete Jugendbanden, sogenannte „Maras“ erbarmungslos gegeneinander. Die Kirche will mit verschiedenen Programmen die jungen Menschen davon abhalten, sich den Banden anzuschließen. Vergibt Stipendien für Schulen und Universitäten, um den Jugendlichen eine Alternative zu geben. Nach der Messe am Donnerstag verteilt der Weihbischof gemeinsam mit Schwestern Kaffee und Brot an Bedürftige.

Fast auf jedem Bus, der durch die überfüllten Straßen von San Salvador rattert, liest man „Jesus Christus unser Herr“ oder „Vertraue auf Gott“. Gleichzeitig patrouillieren Soldaten oder Polizisten mit Messern, Schlagstöcken und Maschinengewehren in den Straßen, vor Restaurants oder sogar vor Krankenhäusern.

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Begegnung bei Kaffee und Brot in der Pfarrei San Francisco

Wenn man tagsüber durch die Stadt fährt, wirkt sie wie irgendeine Stadt in Mittelamerika: alte Busse, die ihre Abgase in die Luft schleudern, Straßenhändler, die Chips verkaufen, riesige Werbetafeln. Doch sicher ist in San Salvador eigentlich niemand. Eine Frau aus der Pfarrei erzählt mir, wer nach 21 Uhr nicht mehr unbedingt raus muss, bleibt zu Hause. Und dass merkt man: Sobald es dunkel wird, ist die Stadt erschreckend leer. Schwestern der Pfarrei San Francisco wurden auch am Tag schon überfallen. Eine hatte ein Messer an der Seite, eine andere eine Pistole am Hals.

In der Pfarrei treffe ich immer wieder junge Menschen, die ihre Zukunft in der Kirche sehen. Jungs, die mit 15 Jahren schon den Wunsch haben, Priester zu werden. Mädchen, die mit 18 Jahren bereits im Noviziat sind. Aber auch andere, die Lehrer oder Psychologe werden wollen. Junge Menschen, die trotz der harten Realität, die sie umgibt, tief im Glauben verwurzelt sind.