Papst Franziskus als Brückenbauer in Kolumbien

Papst Franziskus wird vom 6. bis 11. September Kolumbien besuchen. Der Papst hatte versprochen, dies zu tun, sobald der Friedensprozess mit der bisherigen Guerilla-Organisation FARC zu einem guten Ende gekommen ist. Laut den Vereinten Nationen haben die rund 7.000 Kämpfer vor kurzem ihre Waffen vollständig abgegeben. Der Papstbesuch soll nun Mut machen, im Land einen dauerhaften und umfassenden Friedensprozess in Gang zu setzen. Im Grunde setzt das Oberhaupt der katholischen Kirche damit ein ähnliches Zeichen wie es bereits im vergangenen Jahr die Osloer Verleiher des Friedensnobelpreises an den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos gesetzt hatten. Beide machen deutlich: Die von so vielfältigem Unfrieden geprägte heutige Welt hat ein Interesse daran, dass ein von einer Geschichte der Gewalt geprägtes Land zeigt, dass es einen Weg zum Frieden einschlagen kann. Hierzu zu ermutigen ist zweifellos gut und wichtig.

Nicht zu euphorisch sein

Freilich darf man nicht zu euphorisch sein, denn das Land steht erst am Anfang eines weiten und schwierigen Weges zum Frieden. Wie sehr es gespalten ist, hatte schließlich erst im vergangenen Jahr die knappe Ablehnung des Friedensabkommens mit den FARC durch die Bevölkerung deutlich gemacht. Viele sind skeptisch. Und die Herausforderungen an Politik und Gesellschaft sind immens. Zum einen geht es nun darum, die derzeit in sogenannten „Friedenscamps“ untergebrachten früheren Rebellen einerseits vor Gegnern zu schützen und sie andererseits in Gesellschaft und Arbeitsleben zu integrieren sowie ihnen Bildung zu ermöglichen.

Gleiches gilt aber auch für die Millionen durch den jahrezehntelangen internen Krieg vertriebenen Menschen. Sie sowie andere Opfer müssen entschädigt werden und eine Wahrheitskommission muss die Verbrechen aufarbeiten können. Um der Drogenproblematik Herr zu werden, gilt es, Alternativen zum Coca-Anbau zu entwickeln. Soziale Ungleichheit, Armut und Korruption müssen abgebaut werden. Ganz wesentlich ist der Aufbau von demokratischen Gemeindestrukturen, in welche die bisherigen FARC-Kämpfer einbezogen werden. Ob und wie dies gelingen kann, wird in Kürze übrigens in einer politikwissenschaftlichen Forschungsarbeit eines kolumbianischen Promotionsstudenten an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt untersucht werden.

Frieden wird es zudem nicht geben, wenn es dem Staat nicht gelingt, die Gewalt aller bewaffneten Akteure zu beenden. Die Caritas in Kolumbien sieht derzeit nicht von ungefähr als größtes Hindernis die fehlende Präsenz des Staates in weiten Teilen des Landes und die deshalb anhaltende Gewalt durch bewaffnete Gruppen, die in das Machtvakuum stoßen, das der Abzug der FARC hinterlassen hat.

An der Seite der Armen

Angesichts der großen Herausforderungen zeigen die kolumbianischen Organisatoren des Papstbesuches mit dem Motto und gleichnamigen Lied zum bevorstehenden Ereignis „Demos el primer paso“ (Lasst uns den ersten Schritt machen) durchaus eine realistische Einschätzung.

„Demos el primer paso“ (Lasst uns den ersten Schritt machen) lautet das Motto des Papstbesuches. Quelle: www.cec.org.co

Papst Franziskus macht unterdessen auch in Kolumbien durch die Auswahl der Orte seines Besuches einmal mehr deutlich, worauf es ihm – außer einem eigenen Beitrag zur Versöhnung – vor allem für sich und die Kirche ankommt: an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Eine Station wird ein Kinderheim in Medellin sein. In dieser Stadt bekannten sich vor fast 50 Jahren bei einer kirchengeschichtlich bedeutsamen lateinamerikanischen Bischofsversammlung die Kirchenführer dieses Kontinents zur „Option für die Armen“. Und dementsprechend steht für den Papst  anschließend zum sozusagen wegweisenden Abschluss des Kolumbienbesuchs eine Begegnung mit Armen in Cartagena auf dem Programm. Dabei will Franziskus die Grundsteine von Häusern für Obdachlose segnen.

Dass der Papst dies ausgerechnet in der Küstenstadt Cartagena tut, ist bezeichnend. Denn wie kaum eine andere Stadt in Kolumbien steht die attraktive Touristenmetropole mit ihrer Festung und ihren historischen Schutzmauern symbolhaft für die Spaltung von Wohlhabenden und Armen, von Teilhabenden und Ausgegrenzten. Als ich vor einigen Jahren selbst dort war, sagte mir der seinerzeitige Caritasdirektor im zuständigen Erzbistum: „Hier in Cartagena gibt es zwei Städte: eine Stadt innerhalb der Mauern und einen größeren Teil außerhalb, in dem die arme Bevölkerung lebt. Die Besucher sehen vor allem die Stadt innerhalb der Mauern – und die andere Seite in der Regel nicht.“ Ich durfte hingegen auf dieser anderen Seite außerhalb der Mauern ein interessantes sozial-caritatives Gemeinschaftsprojekt kennenlernen: In fünf Randvierteln errichteten und erneuerten traditionell arme Menschen gemeinsam mit hinzugekommenen Binnenflüchtlingen – die durch gewaltsame Vertreibung Heimat und Besitz verloren hatten –  über 200 Kleinhäuser. Zunächst hatte zwischen beiden Gruppen oft Missgunst geherrscht. Bei dem Bauprojekt arbeiteten sie aber dann Hand in Hand für das Gemeinwohl: Einige formten Steine, andere mischten Beton, weitere richteten die Wände auf, wiederum andere setzten die Dächer – je nach ihren Fähigkeiten. Nahezu alle waren beteiligt. Wer nicht mitbaute, engagierte sich beim gemeinsamen Organisieren oder Kochen für alle. So lernten sich von verschiedenen Schicksalen geprägte Menschen kennen, die bisher nichts miteinander zu tun hatten und halfen sich gegenseitig. In der Stadt der Mauern wurden Mauern überwunden.

Präsident Santos hat Papst Franziskus bescheinigt, er baue Brücken, nicht Mauern. In diesem Sinn kann man sich nur wünschen: Möge der Papst für Cartagena und ganz Kolumbien im weiteren Friedensprozess zu einem Brückenbauer werden.

 

 

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