Krokodilfleisch zum Probieren

Zurzeit bin ich in Tabatinga, einer kleine Stadt mitten im Urwald vom riesigen Amazonas-Gebiet. Die Stadt hat ca. 25.000 Einwohner und liegt an der Grenze von Peru und Kolumbien. Gestern war ich abends mit den Schwestern in Kolumbien beim Pizzaessen und morgen fahre ich schnell mal nach Peru – auf die andere Seite des Flusses „Rio Solimoes“ – kurz gesagt, es geht mir sehr, sehr gut hier.

Die Gegend, die Menschen, einfach alles ist sehr geprägt vom Drogenhandel, die Route geht von Kolumbien und Peru durch den brasilianischen Dschungel, auf dem Fluss und/oder mit kleinen Fliegern in „alle Welt hinaus!“. Die Gewalt, Korruption, Morde, Folter,… sind hier Alltag. Ich habe ja schon einiges gesehen und gehört in Brasilien, aber was ich hier antreffe ist noch viel, viel schlimmer, dem entsprechend sind auch die Gefängnisse, aber davon später mal mehr.

Das Gesicht der Menschen hier ist „Indigena“ – Gesicht der Indianer, das prägt natürlich auch die Kirche, eine sehr lebendige Kirche der Basisgemeinden. Die Städte Tefe und Tabatinga sind mit dem Flieger erreichbar (und natürlich mit dem Schiff), alle andere Städte und Dörfer nur mit Booten, die Preise sind sehr gesalzen. Ich flog von Manaus nach Tefe (1 ½ Std.) und dann ging es weiter mit dem Schiff (18 Std.) nach „Fonte Boa“, nach drei Tagen dann wieder 9 Std. mit dem Schiff nach Jutai und nun wieder 12 Stunden unterwegs auf dem riesigen Fluss nach Tabatinga ins sogenannte „Drei-Länder-Eck“.

Ich bin noch keinen Monat unterwegs, aber mir scheint es schon viel, viel länger. Es sind viele verschiedenste Eindrücke. Die Menschen hier sind sehr freundlich, meistens bin ich bei Schwestern untergebracht, besuche immer die Gefängnisse, die Richter und Staatsanwälte (wenn es sie gibt), die Gruppe der Gefängnisseelsorge vor Ort. Das Programm ist sehr dicht, aber dann auf dem Schiff geht es ruhig dahin, flussaufwärts mitten in einer riesigen Dschungellandschaft. Ein riesiger Fluss, der Rio Solimoes, besser gesagt es sind viele Flüsse, große Inseln, riesige Nebenflüsse, da ist die schöne blaue Donau ein kleines „Bach’l“. Es gibt natürlich viel Fisch zum Essen, viele verschiedenste Sorten, mir schmeckt das sehr, diese Tage bekam ich sogar Krokodilfleisch zum Probieren, es gibt wenig Gemüse und Salat, aber dafür viele verschiedenste Früchte. Ich habe schon viele Fluss-Delfine gesehen und natürlich die Krokodile am Ufer.

Die Armut der Menschen, die Gewalt, die verheerenden Zustände in den Gefängnissen, das Desinteresse der Regierung für diese Gegend und dieser Menschen – außer wenn es um große Projekte mit den multinationalen Firmen geht, um das reiche Amazonasgebiet auszubeuten – berührt mich sehr, beschäftigt mein Denken, Fühlen, mein Gebet und meine Träume,… und es ist ein Geschenk morgen gerade hier das Christkönigsfest zu feiern – für uns Missionarinnen Christi ein sehr wichtiges und schönes Fest – ich werde in einem kleinen Indianer-Dorf im Urwald die Messe mitfeiern.

Herzlichen Gruß und Vergelt’s Gott an allen, die mitgeholfen haben, diese Reise zu ermöglichen, noch ist sie nicht zu Ende, andermal wieder mehr.

Ich wünsche Euch allen einen gesegneten Advent und hoffe vor Weihnachten nochmal „online“ zu sein, um euch Weihnachtsgrüße schicken zu können.

Um grande abraço!

Petra

Hier im Amazonas Zugang zum Internet zu haben ist gar nicht so leicht, in Tabatinga funktioniert es ganz gut, die letzten 14 Tage war ich aber „offline“!

Einsatz im Flüchtlingslager im Libanon

Wieder bin ich unterwegs – und wieder im Libanon bei den syrischen Flüchtlingen – zur medizinischen Basisversorgung bei den nicht Registrierten in der Beeka-Ebene.

Wegen der in den Nachrichten immer wieder berichteten Situation hier mit Schießereien (v.a. in Tripoli), Autobomben und zuletzt vor wenigen Tagen der Anschlag auf die iranische Botschaft in einem südlichen Viertel von Beirut gab es natürlich viele Fragen und Ängste — aber: die Wahrscheinlichkeit, dass es gerade jetzt einen weiteren Anschlag gibt, ist definitiv nicht groß! Des Weiteren hat unser Team hier eine sehr enge Anbindung an die internationalen Sicherheitsinformationen (mit Alarmierungssystem und Notfall-Evakuierungsplan) und weiterhin sehr vielfältige Kontaktmöglichkeiten (Internet, Handy mehrfache Notnummern, Satellitentelefon).

Land und Mentalität sind mir ja nicht unbekannt. Trotzdem nutze ich die Wartezeit auf dem Flughafen in Istanbul bis zum Weiterflug nach Beirut um mich nochmals eingehend zu informieren: Landesinfo, Projektskizze, Info über das medizinische Team, allgemeine Sicherheitsrichtlinien und speziell für den Libanon, Sicherheitshinweise vom auswärtigen Amt.

In Beirut angekommen (23.20) holt mich ein Taxi ab und bringt mich ins Guesthouse – mitten in Beirut eine Unterkunft, wo alle Teammitglieder „durchlaufen“. Am frühen Vormittag geht’s dann in das Einsatzgebiet – in die Beeka-Ebene nach Zahle. Hier hält sich ein Teil der mittlerweile geschätzten Millionen syrischer Libanonflüchtlinge auf – nahe der Heimat (es sind ca 30 km bis zur syrischen Grenze) und doch sicher. Oft unregistriert – aus Angst, dass Listen in falsche Hände geraten und Angehörige „daheim in Syrien“ zu leiden haben oder es mit dem Leben büßen. Unregistriert – und dadurch aber auch nicht offiziell für Hilfslieferungen vorgemerkt!

Jetzt am ersten Tag – Sonntag – ist keine Behandlung in den Lagern – und wir nutzen die Zeit zu Kennenlernen, zur Sicherheitsunterweisung, zum Check der Medikamente und zur Absprache von Behandlungsmöglichkeiten und medizinischen Möglichkeiten – auch durch Einbeziehung offizieller Stellen, die so langsam für wichtige Erkrankungen Ansprechpartner und Behandlungen zur Verfügung stellen – wenn denn jemand Patienten zu ihnen schickt. Es ist beruhigend, dass die Absprache mit den anderen Teilnehmern hier – Amerikaner mit Doc und Krankenpfleger – völlig problemlos ist.

Soeben kommt eine Sicherheitsmeldung, dass es einen kleinen waffenmässigen Konflikt im Norden gegeben hat. Betrifft uns nicht. Aber es zeigt, dass das System funktioniert.

Und während ich da so sitze, kommen natürlich ein paar Gedanken: Im Nahen Osten, Menschen unterwegs ohne würdige und vernünftige Unterkunft, gerade noch geduldet aber bestimmt nicht willkommen, eher irgendwo noch hingeschoben! – so oder ähnlich hab ich das doch schon mal – immer wieder – gehört, es passt in die kommenden Wochen: nicht als Erzählung, Geschichte, Bericht, sondern Real Live!

Einen Gruß an alle
Gerhard Gradl