Von Fernweh und Heimweh oder: Was uns leben lässt

Wieder daheim. Nach sieben Jahren in der Auslandsseelsorge bin ich wieder daheim angekommen. Zumindest vorerst. In Pietenfeld, einem kleinen Dorf in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem Heimatort Tauberfeld, feiere ich mit der Dorfgemeinde und einer Reisegruppe aus unserer Auslandsgemeinde in Barcelona eine heilige Messe. Wir feiern das Fest der beiden Apostelfürsten Peter und Paul (die zwei wichtigsten Gründergestalten unserer Kirchengeschichte, die in ihrer Persönlichkeit vielleicht nicht unterschiedlicher hätten sein können, der eine traditionell und eher ängstlich, der andere weltgewandt und nach vorne drängend). Dem Gottesdienst schließt sich ein fröhlicher bayrischer Abend an, selbstverständlich mit einer zünftigen Brotzeit, mit Blasmusik und Volkstanz.

In meiner Zeit als Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Barcelona war es zu einer guten Tradition geworden, einmal im Jahr eine „Bayernfahrt“ zu unternehmen. Unsere Ziele waren aber weniger die berühmten Sehenswürdigkeiten des schönen Bundeslandes, sondern vielmehr die Schönheiten „meiner“ Heimat. Meine Freunde aus Barcelona interessierten sich dafür, woher ich komme, wo meine Familie lebt und wer meine Freunde sind. Und ich freute mich andererseits, ihnen „meine“ Heimat zeigen zu dürfen, die Orte und Menschen, die mein Leben geprägt haben. Gleichzeitig kamen natürlich auch unzählige Freunde aus der „alten Heimat“ mich in der „neuen Heimat“ besuchen. Rasch waren die 1500 Kilometer zwischen alter und neuer Heimat nur noch einen „Katzensprung“ voneinander entfernt und nicht nur mein Horizont war um ein Vielfaches erweitert worden.

„Ottmar, das machst du!“ Der Personalchef der Diözese stimmte sofort zu, ja er ermutigte mich, als ich mit der Idee zu ihm kam, für eine bestimmte Zeit in die Auslandsseelsorge zu gehen. „Und wenn du dann nach einigen Jahren mit deinen Erfahrungen wieder zurück kommst, wird das auch irgendwie für uns eine Bereicherung sein.“ Auf eine derartige Offenheit und einen solchen Weitblick war ich gar nicht gefasst. Aber er hat recht: Was mich persönlich bereichert, wird letztlich auch andere irgendwie bereichern.

Vielleicht war es zunächst Fernweh, was mich hinaus in die große weite Welt lockte. Fernweh allein kann es aber nicht gewesen sein. Es muss vielmehr auch eine Sehnsucht nach Begegnung mit dem Neuen und Unbekannten, nach dem Andern gewesen sein. Denn auch ich bin plötzlich ganz neu angefragt, meine Überzeugungen und meine Visionen, genauso wie meine Wurzeln und meine Herkunft. Der Begriff „Heimat“ bekommt eine neue, konkrete Bedeutung. Neues kennenlernen bedeutet gleichzeitig sich selber kennenlernen. Fremdes schätzen lernen setzt voraus, mich selber zu schätzen, das was mich in Vergangenheit geprägt und wachsen lassen hat.

„Herr, wo wohnst du? – Kommt und seht!“ Es ist das Interesse am Andern und gleichzeitig die Bereitschaft, sich dem Andern zu zeigen. Das und nur das ermöglicht Begegnung. Das und nur das lässt uns wachsen und leben.

Heiliges Grab aus Eichstätt wird in der Ukraine nachgebaut

Die Eichstätter Version des Heiligen Grabes in der Heilig-Kreuz-Kirche steht nun auch in der Ukraine: Im Marienwallfahrtsort Zarvanytsja entstand in den letzten Jahren eine Kopie. Die Idee dazu hatte der Metropolit von Ternopil, Vasyliy Semenyuk, vor längerer Zeit. Der Plan war die heiligen Stätten von Jerusalem in der Ukraine nachzubauen und sie für die Verehrung in der Ukraine zugänglich zu machen.

Kopie des Heiligen Grabes von Eichstätt

Bei den Planungen entschied man sich das Heilige Grab von Eichstätt der jetzigen Version in Jerusalem vorzuziehen. Beim Eichstätter Bau handelt es sich nämlich um eine Kopie des ursprünglicheren Zustands – das Heilige Grab in Jerusalem erfuhr im Laufe der letzten Jahrhunderte immer wieder Renovierungen, die sich auch in veränderter äußeren Gestalt des widerspiegelten. Das Heilige Grab in der Eichstätter Heilig-Kreuz-Kirche ist ein leicht verkleinerter, sonst aber detailgetreuer Nachbau des Heiligen Grabes in Jerusalem, wie es im 12. Jahrhundert ausgesehen hat. Der Bau ist aufgrund seiner Genauigkeit und seines guten Zustandes einzigartig.

Parallele zwischen Eichstätt und Zarvanytsja

Der Grund für den Bau einer Kopie des Heiligen Grabes war sowohl in Eichstätt (1166) als auch in der Ukraine (2014-2018) der gleiche: die heiligen Stätten des Lebens, des Leidens und der Auferstehung Jesu Christi für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht reisen oder pilgern können, in die Heimat zu bringen und auf diese Weise das geistliche Leben und die Frömmigkeit zu fördern. Nach wie vor ist es so, und wird wohl aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage noch lange sein, dass es für viele Gläubige – orthodox oder katholisch – in der Ukraine nicht möglich, nicht erschwinglich ist, ins Heilige Land zu reisen.

Wie die Idee entstand

Bei einem der Besuch des Collegium Orientale im Jahr 2013 erzählten Rektor Paul Schmidt und Vizerektor Oleksandr Petrynko dem Erzbischof Semenyuk und seinem Begleiter, dem Wallfahrtsrektor von Zarvanytsja, Volodymyr Firman, von dem Heiligen Grab in Eichstätt. Dabei stand die Geschichte der Entstehung des Hl. Grabes in Eichstätt und seine gottesdienstlich Verwendung im Mittelpunkt. Nach der Besichtigung des Grabes haben die beiden Gäste für dieses Modell Feuer gefangen. Dieses Grab sollte auch in der Ukraine stehen. Rektor Paul Schmidt vermittelte die Zeichnungen vom Diözesanbauamt, wofür die Architekten in der Ukraine vor Ort sehr dankbar waren. Die Architekten haben einige Monate später die ehemalige Kapuziner nochmals besucht, um sich das Realbild des Grabes vor Augen führen zu lassen und auch die letzten Messungen vorzunehmen, bevor es in der Ukraine dann konkret an die Planungen und den Bau ging.

Der Marienwallfahrtsort Zarvanytsja

Die Kopie des Heiligen Grabes von Eichstätt steht in Zarvanytsja. Der Ort entwickelte sich zum größten Marienwallfahrtsort in der Westukraine. Seine Gründung geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Ein Mönch aus dem Höhlenkloster in Kiew, der wie viele seiner Mitbrüder vor der Mongoleninvasion auf der Flucht in den Westen war, machte einen Rast im Wald: Am heutigen Ort des Dorfes Zarvanytsja. In einem Traum erschien ihm die Gottesmutter und teilte ihm mit, dass dies ein besonderer Gnadenort ist. Vom Schlafe erwacht, ließ er sich mit einigen Mitmönchen hier nieder und erbaute hier über der Quelle eine Marienkapelle mit einer Marienikone, vor der in den nachfolgenden Zeiten und bis heute viele Menschen Heilungen erfuhren und erfahren.

Nachdem die ukrainische griechisch-katholische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 von den Sowjets verboten wurde, wirkten viele Gemeinden in den Untergrund. Einer der Untergrundpriester war auch Vasyliy Semenyuk, der mit vielen Gläubigen nachts heimlich kleinere Wallfahrten in den Wald von Zarvanytsja durchführte. Auf diese Weise bewahrte dieser geschichtliche Ort der Volksfrömmigkeit auch in der kirchenfeindlichen Zeit der Sowjetunion. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1990 hatte sich Semenyuk – als Rektor des Seminars und auch als Erzbischof von Ternopil – des Wallfahrtsortes angenommen, baute die Stätte wieder auf und erweiterte sie nun durch das „ukrainische Jerusalem“.

Die Einweihung des Heiligen Grabes

Am 27. August wurde die Kopie des Heiligen Grabes in Zarvanytsja eingeweiht. Dieses Datum wurde von der Erzepsrchie Ternopil-Zboriv bewusst ausgewählt: der Vorabend des 28. Augustes, Hochfestes der Entschlafung Mariens (Himmelfahrt Mariens nach dem julianischen Kalender). An diesem Marienfest im Sommer wallfahren viele Gläubigen nach Zarvanytsja. Die Einweihung hat eine sehr positive Resonanz hervorgerufen, so dass am Nachmittag und Abend der Einweihung ca. 55.000 bis 60.000 Pilger vor Ort waren – eine unvergessliche und bewegende Atmosphäre!

Die Einweihung hat das Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Patriarch und Großerzbischof Sviatoslav Shevchuk, im Beisein von einigen Bischöfen und ca. 100 Priestern und Diakonen vorgenommen. Nach einer Marienandacht in der Hauptkirche und der Prozession zur eigentlichen Stätte des „ukrainischen Jerusalems“ wurde die Segnung des Grabes und der gesamten Stätte liturgisch vollzogen. Daran schlossen sich die Eucharistiefeier und die Lichterprozession mit Fürbitten und Gesängen an. Die Seminaristen von Ternopil übernahmen die gesangliche Gestaltung.

Der Großerzbischof Sviatoslav ging in seiner Predigt bei der Einweihung auf das Thema „Pilgern nach Jerusalem“ ein. Wie ein roter Faden zog sich dabei der Gedanke, dass die Menschen nach Jerusalem im Heiligen Land, aber auch zum ukrainischen Jerusalem pilgern, um um Frieden zu beten und ihn als die kostbarste Gabe von Gott zu erlangen. Ob das israelische Volk von damals, ob die die Völker von heute im Heiligen Land oder die ukrainischen Pilger in Zarvanytsja – sie alle pilgern nach Jerusalem mit ihren persönlichen Sorgen und den Sorgen der Menschheit zu beten und Frieden zu erlangen.

Als ein besonderer und hoher Gast war der derzeitige Kustos der Franziskaner im Heiligen Land, Francesco Patton, in Begleitung von zwei Mitbrüdern dabei. Er hat einen Stein aus der Grabeskirche in Jerusalem mitgebracht, der als Reliquie an der Heiligen Stätte in der Ukraine eingebaut wird.

Aus Eichstätt waren bei der Einweihung Domkapitular Wolfgang Hörl, der Bischof Gregor Maria Hanke OSB offiziell vertrat, sowie die Leitung und Studenten des Collegium Orientale vor Ort in der Ukraine. Nach der Einweihung wurde der offizielle Gruß von Bischof Hanke von Domkapitular Hörl mit Übersetzung ins Ukrainische vorgetragen. Darin wurde die Botschaft vom leeren Grab für den Glauben betont, die uns von der Auferstehung und dem Sieg über dem Tod zeugt. Die Errichtung des Heiligen Grabes von Jerusalem in der Ukraine nach der Vorlage von Eichstätt sei ein positives Zeichen der guten Beziehungen und Verbindung zwischen dem Bistum Eichstätt mit seinem Collegium Orientale und der gesamten ukrainischen griechsch-katholischen Kirche.

Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.
Nach Eichstätter Vorbild ist in der Ukraine eine Nachbildung des Hl. Grabes entstanden.

Nachhaltige Wege in die Zukunft

Der Entwicklungsexperte Jorge Krekeler aus Sucre, Bolivien, war zu Besuch in Eichstätt, um lokale Nachhaltigkeitsinitiativen und die Katholische Universität kennenzulernen sowie über sein Projekt „Zukunftsalmanach“ zu informieren. Krekeler ist für die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) und das katholische Hilfswerk Misereor in den Andenländern Kolumbien, Peru, Ecuador und Bolivien tätig und sammelt Geschichten des Gelingens. Sein „Zukunftsalmanach“ ist in Anlehnung an das Zukunftsarchiv von „futurzwei“ entstanden. Es erzählt und teilt lokale Erfahrungen aus Lateinamerika zum Beispiel in den Bereichen Mobilität, Wasserversorgung, Wirtschaft oder Konsum. Angesichts globaler Herausforderungen möchte Krekeler damit zeigen, dass Formen der Entwicklung möglich sind, die einen Wandel in Richtung nachhaltiger Entwicklung in den Mittelpunkt stellen. Im Gespräch  über das Projekt „Mensch in Bewegung“, das von der KUE und der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) durchgeführt wird, zeigte er sich angetan von den Initiativen und dem Potential, das in diesem Bereich in Eichstätt vorhanden ist. Stefan Raich hat mit ihm gesprochen.

Herr Krekeler, Sie sammeln Geschichten des Gelingens und haben einen Almanach dazu herausgebracht. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich habe den Zukunftsalmanach von der Stiftung „futurzwei“ vor Jahren gelesen und dann gesagt: Das kann man für Lateinamerika auch machen. Im konkreten Fall sind das vier Länder in der Andenregion: Chile, Peru, Bolivien und Kolumbien. Ich bin davon ausgegangen, dass es erfolgreiche oder besser gesagt motivierende Projekte gibt. Erfolg richtet sich immer nach schneller, höher, weiter. Dort wollen wir aber gar nicht hin. Dass es solche Projekte gibt, habe ich mittlerweile in 26 Fällen dokumentiert, und ich will daran weiterarbeiten.

Können Sie beschreiben, was so eine Geschichte ausmacht?

Die Geschichten kommen aus unterschiedlichen Themenbereichen. Es geht einerseits um saubere Produktion, um Ernährung, also Essen einerseits. Auf der anderen Seite geht es um Identität, Kommunikation, Stadt, Wohnfragen, also ein ziemlich breites Spektrum, das abgedeckt ist. Es sind Prozesse, die eigentlich nicht am Tropf von Projekten hängen, also nicht von externer Finanzierung abhängig sind, sondern aus dem Willen und der Aufbruchsstimmung von Menschen wachsen. Das sind zum Teil Einzelpersonen, zum Teil Familien oder kleinere Gruppen, die einfach anfangen, aus der Notwendigkeit heraus die Dinge anders zu machen und es auch geschafft haben, dass die Geschichten nachhaltig sind. Am Ende dieser verschiedenen Geschichten des Gelingens stehen ein paar Quintessenzen für die Zukunft. Menschen, die diese Geschichten lesen, die ja sicher nicht die Erfahrung eins zu eins wiederholen oder kopieren wollen, sollen für sich einen Mehrwert daraus ziehen können und sich überlegen, welche Transformationsprozesse sie in ihrem konkreten Lebensumfeld angehen können.

Jorge Krekeler mit Mitarbeiterinnen der Weltbrücke Eichstätt. Foto: Dagmar Kusche

Kann man also sagen, dass die gemeinsame Klammer der Geschichten nachhaltige Entwicklung ist?

Auf jeden Fall. Zukunft, nachhaltige Entwicklung, „Enkeltauglichkeit“. Sich selbst in den Spiegel schauen zu können, wenn man den Enkeln sagt, jetzt macht mal weiter auf diesem Planeten.

Welche Verbreitung hat dieser Almanach bislang gefunden und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Bei der Verbreitung muss man sehr bescheiden sein. Die Kunst ist, kleine Schritte zu gehen, wenn sie denn in die richtige Richtung gehen. Wir dürfen da nicht den großen Wurf erwarten, auch nicht hinsichtlich der Kommunikation. Der Almanach ist zuerst einmal ein Kommunikationsprodukt im Internet und da darf man nicht von Millionen Klicks träumen, die passieren nämlich nicht so schnell. Aber was ich interessant finde ist, dass mittlerweile 20.000 Klicks zusammengekommen sind auf unterschiedlichen Kontinenten. Worum es mir aber vor allen Dingen geht, ist nicht nur einen Informationszugang zu motivierenden, hoffnungsweckenden Geschichten zu ermöglichen, sondern auch dazu, dass diese Inputs, die in diesen Geschichten stecken, lokale Prozesse hier wie dort anstoßen.

Sie haben in Eichstätt Einblick in lokale Nachhaltigkeitsinitiativen bekommen. Wie haben Sie das wahrgenommen und welches Potential sehen Sie darin?

Ich sehe ein sehr großes Potential. Ich bin wirklich sehr angenehm überrascht. Einerseits weil die örtliche Institutionen, sprich die Uni, Diözöse Eichstätt, die sicher immer noch eine große Rolle spielt, und auch die lokale Stadtverwaltung auf den ersten Blick schon gemeinsame Sache machen. Was ich nicht einordnen kann ist, inwieweit es Lippenbekenntnisse sind, die in der Praxis noch ein bisschen kranken. Was ich sehr interessant finde ist die Offenheit seitens zahlreicher Bereiche der Universität und auch die Einbeziehung der Studierenden. Ich glaube, hier sind Grundvoraussetzungen gegeben, zu wesentlich mehr Synergien zu kommen.

Daheim in meiner Bar

Man kennt mich dort nicht nur, man weiß auch längst, was ich will. Ohne lange auf meine Bestellung zu warten, schenkt Jesús sofort ein Bier ein und stellt es mir auf den Tresen. Ich bin in meiner Stammkneipe. Für mich ist es die „Barça-Bar“, auch wenn über dem Eingang in großen Lettern steht „XAICA – BAR RESTAURANT PIZZERIA“. „Barça-Bar“, weil die Wände des Lokals in den Farben des berühmten Fußballclubs Barcelonas gestrichen sind und weil auf den über einem Duzend Fernsehbildschirmen fast ausschließlich Fussball läuft. Es ist keine besondere Bar, und schon gleich gar kein besonderes Restaurant, und es hat auch rein gar nichts mit einer italienischen Pizzeria zu tun. Aber es ist ganz einfach das meiner Wohnung am nächsten liegende Lokal. Ich brauche nur die Straße vor meiner Haustür überqueren und ein paar Meter in die nächste Gasse gehen. Touristen verirren sich in meine Barça-Bar ganz selten, obwohl sie keine 200 Meter von der Plaça Catalunya entfernt liegt. Dafür ist sie viel zu uninteressant und unauffällig. Auch ist die Speisenkarte nicht wirklich auf Touristen ausgerichtet. Es sind eher die einfachen Arbeiter, Alleinstehende, Arbeitslose und Rentner, nicht selten auch Obdachlose, die zum Stammpublikum meiner Barça-Bar gehören. In den benachbarten Szenen-Lokalen, die inzwischen auch hier im einst verrufenen Viertel Raval wie Pilze aus dem Boden schießen, könnten sie sich ein Essen gar nicht leisten. Und wenn’s mal auch für das einfache Tagesmenü nicht reicht, dann schlägt die immer lustige Köchin Beatriz halt schnell mal für 2 Euro 50 eine Tortilla ein.

Barça-Bar. Foto: Ottmar Breitenhuber

Es ist auch nicht nur des Essens wegen, weshalb die Gäste meine Barça-Bar aufsuchen. Es ist die Gesellschaft, es sind die Leute. Man kennt sich, auch wenn man nicht viel voneinander weiß. In der Barça-Bar können wir über alles reden und es gibt immer einen, der einem zuhört. Meist sind es nicht die großen Themen, vielmehr Alltägliches, Oberflächliches oder auch Belangloses. Aber trotzdem, es sind unsere Themen, das was uns gerade beschäftigt. Doch es muss auch nicht immer gesprochen werden, viele sitzen oft schweigend an ihrem Platz, vor einem Bier, essen in Ruhe vor sich hin, stieren auf den Bildschirm – und wissen trotzdem, sie sind nicht allein.

Wir sind schon ein buntes Häufchen: Die beiden Kellner Pau und Jesús sind Spanier, der eine aus Barcelona, der andere aus Galizien. In der Küche arbeitet Thai aus Vietnam – alle nennen ihn aber nur „el chino“ – und die Pizzen bäckt keiner besser als Beatriz aus der Dominikanischen Republik. Auf der anderen Seite der Theke sind es auch fast immer die selben: ein frühpensionierter Bankangestellter, ein von seiner Frau verlassener Bauarbeiter, eine vereinsamte Witwe, ein obdachloser Nigerianer, der sich mit Alteisensammeln über Wasser hält, ein deutscher Pfarrer, der keine Lust auf einen Abend allein hat, und so weiter. Lauter völlig unterschiedliche Persönlichkeiten, jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte, die verglichen miteinander vielleicht nicht gegensätzlicher sein können.

Und was führt uns hier zusammen? Trotz der niedrigen Preise könnten wir das, was wir zum Essen und Trinken brauchen, im benachbarten 24 Stunden geöffneten Supermarkt billiger haben. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein! Es sind die Menschen, die sich hier begegnen wollen. Wir sitzen hier nebeneinander, mehr oder weniger zufällig, treffen uns, hören einander unsere Geschichten erzählen, richten uns dabei vielleicht ein wenig gegenseitig auf, stärken uns – und fühlen uns ganz einfach daheim in meiner Barça-Bar.

Mit Augenmaß und Herz für geflüchtete Menschen

Über Chancen und Risiken, Erfolge und Misserfolge bei der Integration von Asylbewerbern wird auch beim Weltflüchtlingstag am 20. Juni wieder diskutiert oder sogar gestritten werden. Zeit, um einmal vor Ort zu beobachten und zu erkunden, wie diese tatsächlich erfolgt, zum Beispiel mit einem „Weitblick“  in eine Pflegeeinrichtung: Das Caritas-Seniorenheim Gaimersheim kooperiert dafür mit Ehrenamtlichen und Berufsschulen.

„Unser Haus ist letztlich ein Spiegelbild unserer sich verändernden Gesellschaft, in der vieles in Bewegung ist.“ Mit einfachen Worten bringt Irene Stiegler, Leiterin des Caritas-Seniorenheimes Gaimersheim, mir gegenüber auf den Punkt, was jedem auffällt, der mit offenen Augen durch die Einrichtung geht. In vielen Bereichen sind Mitarbeitende unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Hautfarben tätig. Knapp 30 Menschen mit Migrationshintergrund haben Irene Stiegler zufolge in den letzten drei Jahren in der Einrichtung gewirkt. Davon sind etwa die Hälfte Asylbewerber gewesen. Im Jahr 2014 stellte die in der Flüchtlingsarbeit engagierte Gaimersheimer Ruheständlerin Brigitte Böllet der Einrichtungsleiterin erstmals ein geflüchtetes Ehepaar vor. Kurze Zeit später waren der Mann und die Frau aus Eritrea in sogenannten Ein-Euro-Jobs in dem Seniorenheim engagiert:  er als rechte Hand des Hausmeisters, sie in der Hauswirtschaft. Beide arbeiten heute fest angestellt an anderer Stelle. Sie besuchen das Seniorenheim aber immer einmal wieder: auch aus Dankbarkeit dafür, dass dieses dazu beitrug, ihnen einen erfolgreichen Integrationsweg zu ebnen.

Andere, die Frau Böllet dem Haus vermittelt – oder die Irene Stiegler mittlerweile durch eine enge Kooperation mit Berufsschulen integriert hat – streben an,  in der Altenpflege zu arbeiten: zum Beispiel der 18-jährige Mehdi Mohamed Muss  aus Somalia. Er absolviert derzeit an zwei bis drei Tagen pro Woche im Rahmen eines Berufsintegrationsjahres an der Berufsschule Ingolstadt ein Praktikum in der Pflege sowie Betreuung. Er wäscht alte Menschen, hilft ihnen beim Essen sowie bei der Tabletteneinnahme, macht mit einigen Ballspiele und liest mit anderen die Zeitung. Den Beruf Altenpfleger gibt es in seinem Heimatland nicht. Doch zu seiner Motivation, diesen Beruf ergreifen zu wollen, trägt durchaus bei, „dass bei uns alte Leute als weise Menschen geschätzt werden“, erzählt er mir. Dann führt er einen Löffel mit Suppe zum Mund einer Bewohnerin. Dass der gläubige Moslem dies in einem katholischen Seniorenheim tut, stört ihn nicht: „Das ist kein Problem, sondern vielleicht sogar interessant, weil es ein religiöses Haus ist.“

Herausforderung Deutsch

Sein größte Herausforderung sieht er selbst noch darin, die deutsche Sprache besser zu beherrschen: „Oft müssen mir die Leute Dinge zweimal sagen.“ An seinem Deutsch will er noch verstärkt arbeiten, bevor er eine Ausbildung zum Pflegefachhelfer beginnen möchte. Eine solche Ausbildung startet im Haus bereits im September sein 19-jähriger Kollege Samuel Emam aus Eritrea. Er macht derzeit einen Bundesfreiwilligendienst in der Einrichtung: teils im Hausmeisterdienst, wo er im Moment Waschbecken austauscht, teils in der Betreuung alter Menschen. Bei diesen spürt er eine große Offenheit ihm gegenüber, was sicherlich auch daran liegt, „dass er ein wahnsinnig liebevoller Kerl ist“, wie mir Irene Stiegler sagt. Für seine künftige Helferausbildung macht Samuel sich derzeit neben seinem Dienst in einem Sprachkurs fit.

„Gut Deutsch zu sprechen ist einfach der Schlüssel zur Integration, auch in unserem Haus“, erklärt mir die Einrichtungsleiterin. Ihr Vorzeigebeispiel dafür ist eine Frau aus Kenia, die vor zehn Jahren der Liebe wegen nach Deutschland kam und nun als stellvertretende Bereichsleiterin in dem Seniorenheim arbeitet. So sehr sich Irene Stiegler darum bemüht, vielen geflüchteten Menschen eine Chance zu geben, so unmissverständlich stellt sie klar, wo die Grenzen sind: „Wir können nicht zum Beispiel 15 mitarbeitende Menschen im Haus haben, die schlecht Deutsch sprechen. Das würde die Bewohner sowie auch die Angehörigen überfordern. Und auch die Verantwortlichen, die dann zu viel Zeit für die Lernenden aufbringen müssten und zu wenig Ressourcen für die Bewohner und anderes hätten.“ Augenmaß sei daher bei der Integration schon nötig. Die Einrichtungsleiterin verschweigt mir auch nicht Enttäuschungen, die sie erlebt hat: „Wir hatten zum Beispiel zuletzt viel Zeit in einen hoffnungsvollen jungen Afrikaner investiert, der nach abgeschlossener Qualifizierung zum Helfer die Ausbildung zur Pflegefachkraft machen wollte. Doch er sprang dann plötzlich mit dem Argument ab, Altenpflege sei ein weiblicher Beruf.“

Für die Integration von geflüchteten Menschen ziehen Seniorenheimleiterin Irene Stiegler (links) und die Ehrenamtliche Brigitte Böllet an einem Strang. Foto: Peter Esser

Vor allem christlicher  Auftrag

Solche Erfahrungen halten Irene Stiegler jedoch nicht davon ab, sich weiterhin für die Integration von Geflüchteten zu engagieren: auch aus Eigeninteresse, um dem Pflegenotstand zu begegnen: „Da werden wir zum Teil auf diese Menschen angewiesen sein, wenngleich wir dieses Problem in erster Linie mit neuen motivierten eigenen Nachwuchskräften meistern müssen“, sagt mir die Einrichtungsleiterin. Nach wie vor sieht sie es vor allem  als christlichen Auftrag, den geflüchteten Menschen eine Chance zu geben. Da ist sie sich mit Flüchtlingshelferin Brigitte Böllet einig. Diese engagiert sich auch als Vorsitzende der Missionsgemeinschaft Gaimersheim, doch sie meint: „Wenn wir Menschen weltweit helfen, dann sollten wir auch umgekehrt die unterstützen, die zu uns nach Deutschland kommen und Hilfe brauchen.“

Probleme, so Irene Stiegler, dürften nicht unter den Tisch gekehrt werden, könnten grundsätzlich aber bewältigt werden:  „Insgesamt zeigt das gute Miteinander in unserem Haus ja auch, dass Integration klappt.“ Immer wieder erlebt die Leiterin junge geflüchtete Menschen auch als Bereicherung. Sie erzählt mir: Vor einiger Zeit habe ein Angehöriger eines Bewohners einmal beim Anblick eines mitarbeitenden Asylbewerbers im Haus zunächst zu ihr gemeint: „Was will denn der bei meiner Mutter, dunkelhäutig, jung und klein …“ Kurze Zeit später habe der Angehörige  festgestellt: „Ich habe gesehen, wie meine Mutter und der ganze Tisch gestrahlt haben, als er kam, sich zu ihnen setzte, mit ihnen redete und spielte. Die waren einfach nur glücklich. Da habe ich gesehen: Der hat einfach ein gutes Herz.“