„Menschen in der Zeit“ – Karoline Mayer

Die Mutter Teresa von Südamerika wird sie genannt – und in Chile, ihrem Missionsland, wird sie von den Armen wie eine Heilige verehrt.

Karoline Mayer – Das Geheimnis ist immer die Liebe

Die aus Eichstätt in Bayern stammende Missionarin und seit einem halben Jahrhundert in Südamerika wirkende Karoline Mayer bezeichnet sich selbst als Chilenin. Etwa wie der aus Südtirol stammende China-Missionar Joseph Freinademetz von sich selbst sagte: ich bin ein Chinese. Das heißt: das sind Menschen, die ihr Herz in ihr Missionsland und an andere Menschen verloren haben, bedingungslos und ohne Abstriche.

Eigentlich hatte es Karoline auch nach China gezogen – doch das Schicksal wollte es anders. Die Enttäuschung, von der Ordensgemeinschaft der Steyler Missionsschwestern nicht in das Reich der Mitte geschickt zu werden, war anfangs groß – doch bald sollte Chile für Karoline Mayer das Land ihrer Verwirklichung werden. Immer wieder wird sie von den Schergen der Pinochet-Diktatur verfolgt und wird für kurze Zeit sogar verhaftet. – Seit dem Übergang von der Diktatur von Augusto Pinochet zur Demokratie leitet die Missionarin ihre eigene Stiftung Cristo vive. Christus lebt. Unter dem Regime Pinochet war die Entwicklungshelferin eine offene Unterstützerin des zuvor demokratisch gewählten Salvador Allende. Die Steyler Missionsschwestern riefen sie darauf zurück in die Zentrale nach Holland. Kaum zwei Monate später tritt Karoline aus der Gemeinschaft aus und kehrt nach Santiago zurück. Zurück in die Elendsviertel am Rande der Großstadt.

Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt .

Zurück in die Bergregionen Lateinamerikas. Hier kann die begabte Missionarin ihren Weg nach oben beginnen: begleiten wir Karolina Mayer jetzt persönlich auf ihrem mühsamen aber erfolgreichen Weg der Nächstenliebe:

„Es ist ein sehr schwieriges Erlebnis, in die Hütten der Leute zu kommen und zu sehen, dass die Kinder unterernährt sind, dass es im Haus an allem fehlt und dass der Inhalt des Kochtopfes für eine gesunde Ernährung der ganzen Familie nicht ausreicht. Ich merkte, dass der Familienvater zwar hart arbeitete – oft mehr als 48 Stunden pro Woche – sein Verdienst jedoch nicht ausreichte, die Familie zu ernähren und die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dieses Erlebnis hat mich für immer geprägt und ich verstehe jetzt, warum die Menschen, die dort inmitten der Armut leben, immer darum bangen, dass sie genügend zum Leben haben. Diese Grunderfahrung bleibt über Jahrzehnte hinweg nicht nur in ihren Kleidern, sondern auch in der Seele haften. Und auch, wenn es ihnen dann bessergeht, haben sie dennoch nie genug. Denn in ihrem Leben gibt es immer das „Gespenst“, dass es nicht ausreichen könnte.

Als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen

Das habe ich auch gemerkt, als ich mit den Frauen die Suppenküche anfing. Sie hatten die Idee gehabt, dass wir miteinander kochen könnten, dass wir in den Supermärkten nach Lebensmitteln mit abgelaufenem Verfallsdatum und auf Märkten nach leicht angefaultem Obst und Gemüse fragen könnten, das sich nicht mehr verkaufen lässt. Die Männer mussten in die Berge gehen und dort alles Brennbare holen, damit wir Feuer für den Suppentopf machen konnten. Und als dann die Kinder zum Essen kamen, staunte ich, dass sie in den ersten Wochen stets drei überhäufte Teller leeraßen. Ich hatte oft das Gefühl, sie müssten Bauchschmerzen haben und ich wollte ihnen so viel Essen verwehren, aber die Kinder mussten futtern. Das war ein Bedürfnis. Manchmal, wenn es ein Stück Brot dazugab, haben sie sich auch noch das ihres Nachbarn geschnappt. So war es zunächst.

Nach sechs bis acht Wochen regelmäßigen Essens ist dieses Bedürfnis bei den Kindern verschwunden, während ich oft gemerkt habe, dass die Eltern sehr viel mehr Sorge hatten, dass es nicht ausreichen könnte. Und das nicht nur bezüglich des Essens, sondern auch ihrer ganzen Lebensbedingungen. Sie haben Sorge, dass ihre Kinder keine Chance auf eine bessere Zukunft haben. Das ist ihr größter Wunsch. Gleichzeitig ist dieser aber immer verbunden mit dem Gefühl, dass das, was sie jetzt haben, wieder verloren gehen könnte oder dass sie nicht in der Lage sind, endgültig aus dieser sehr schwierigen Situation herauszukommen. Das ist ein Gefühl der Ohnmacht vor dem Leben und für diejenigen, die solche Situationen nie erlebt haben und nicht kennen, ist es sehr schwierig, diese Menschen zu verstehen.

… vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile

Von daher ist es eine ganz wunderbare Erfahrung, ihnen so nahe zu kommen und auch zu wissen, was im Armenviertel nachts passiert. Welche Probleme es gibt, worüber sich die Familien streiten. In den Holzhütten mit nur 50 Zentimeter Entfernung hörte ich alles: Die Person von nebenan, die sich gerade im Bett herumdreht, den Streit, wenn der Familienvater nach Hause kam und seine Frau anfing zu schimpfen, weil er betrunken war, die Kinder im Haus schrien und kreischten. Diese Situation mitzuerleben ermöglicht es, den Menschen näherzukommen, vor allem, wenn sie spüren, dass ich sie nicht verurteile, dass wir sie so annehmen, wie sie sind. In dieser Erfahrung war dann vor allem wichtig, dass die Menschen an der Lösung ihrer Probleme selbst beteiligt waren.“
Karoline Mayer aus den Anfängen ihrer Zeit

Unter dem Schutz der Kirche und in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Hilfsorganisation „Cristo vive“ baut Karoline in den nächsten Jahren als gelernte Ärztin ein großes Familiengesundheitszentrum und eine Polyklinik auf, eröffnet weitere Kindergärten, Drogen-Therapiezentren sowie eine Obdachlosenherberge in acht Stadtteilen von Santiago de Chile. Weitere Stiftungen gibt es nun auch in Peru und in Bolivien. Eine fast unmenschliche Leistung. Fast 90 Prozent der Kosten werden inzwischen durch den chilenischen Staat übernommen, doch rund zehn Prozent müssen über Spenden finanziert werden. – Doch hören wir noch einmal Karoline selbst:

„Damals überlegten wir mit den Frauen: „Was könnt ihr machen?“ Ich hatte vorgeschlagen: „Wir könnten stopfen.“ Sie sollten ihre kaputten Sachen mitbringen, aber keine der Frauen – wir waren etwa zwölf – hatte etwas mitgebracht. Sie sagten, sie hätten nichts zum Mitbringen, hatten gar kein Interesse daran, stopfen zu lernen. Unglücklicherweise sagte eine von uns Frauen daraufhin unglücklicherweise: „Aber in deiner Jacke ist doch so ein dickes Loch!“ Da hat sich die Frau mit der Jacke so geärgert und fühlte sich so beleidigt, dass sie weggegangen ist. Wir mussten lernen damit umzugehen, wie sich diese armen Menschen vor uns, die wir ihnen ja helfen wollen, verteidigen. Einer von uns fiel dann ein, dass sie ja auch noch andere Dinge mitgebracht hatte und sie fing an, den Armen Kreuzstich beizubringen. Und das war fantastisch. Wir haben dann diese Individuals für den Tisch gemacht und die Frauen waren fasziniert. Sie wollten auch den Anderen zeigen, was sie konnten. Dass daraus Werkstätten und eine richtige Schule für Frauen werden würde, konnten wir uns damals nicht vorstellen.

Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas

In den späteren Jahren konnten wir den Frauen anbieten, dass sie nicht nur Kreuzstich lernen, sondern auch Stricken und Nähen. Eine Frau gibt eine Jacke ab, die verkauft werden soll, doch der eine Ärmel ist drei Zentimeter länger als der andere. Im ersten Moment ärgert sich die Frau: „Ich habe so viel gearbeitet. Ihr versteht das nicht!“ Sie besteht darauf: „Ich habe so viel gearbeitet!“ Aber mit Liebe und Festigkeit musste ich ihr sagen: „Nein, es ist ganz wichtig, dass du das noch einmal aufmachst. Ich kann das natürlich auch für dich tun. Ich kann den Ärmel jetzt auch so machen, dass es ordentlich ist, aber auf die Dauer ist das nicht möglich, denn du wirst dein Produkt nicht verkaufen können.“ Die Leute haben es gelernt, und das hat auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie merkten, dass sie etwas wert sind und dass sie etwas können, dass ihre Produkte auch verkauft werden können – zu einem guten Preis, wenn sie es gut machen. Wir haben an die Wände geschrieben: „Verboten ist hier nur eines, nämlich zu sagen: „Ich bin nicht fähig. Ich kann nicht. Ich weiß nicht.“ Alle können etwas, alle wissen etwas und alle sind fähig zu etwas.

Die Frauen haben so einen kleinen Horizont. Unsere Mission ist, mit ihnen einen größeren Horizont zu erreichen. Das bedeutet, dass die Frauen etwas dazulernen müssen, sich mit dem, was sie wissen, nicht zufriedengeben dürfen. Sie müssen dazulernen, vor allem, um auch den Kindern mehr vermitteln zu können. Talente sollen gefördert werden, von denen die Frauen sich manchmal gar nicht vorstellen können, dass sie in ihren Kindern schlummern. Unsere Aufgabe ist, die Frauen auf ihrem Weg zu begleiten, um den Kindern eine Erziehung zu ermöglichen, die ihnen Zukunft gibt und das Potential, das in ihnen steckt zum Blühen bringt. Aber der Weg ist noch lang. Er darf nicht von oben herunter bestimmt werden, sondern gemeinsam mit den Leuten. Sie sollen immer spüren, dass sie dabei sind. Ganz wichtig in unserer Mission ist, dass das, was uns prägt, die Liebe zum Menschen ist. Eine Liebe nicht nur auf emotionaler oder sentimentaler Ebene, sondern eine Liebe, die bereit ist, das Leben für den Anderen einzusetzen, ein Stück Leben für den Anderen zu geben. Das ist eines der Ziele. Mit diesem Dienst wollen wir auch viele andere in der Gesellschaft zum Mitträumen einladen.“

Die Ehrungen und die Ungerechtigkeiten

Soweit ein kurzer, unvollständiger Rückblick auf das segensreiche Werk und Wirken von Karoline Mayer im O-Ton und auf ihre große Stärke, Menschen anzuregen und zu begeistern.

Die Liste der bisherigen Auszeichnungen für die „Mutter Theresa von Südamerika“ ist schier endlos, hier die wichtigsten: Bundesverdienstkreuz am Bande, Schalompreis der katholischen Universität Eichstätt, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, Kardinaal Augustin Bea-Preis, Kardinal Fringspreis, Göttinger Edithstein-Preis, Marion Dönhofpreis, Preis „Heldin des Friedens“ der Jesuitenuniversität Santiago de Chile, „Goldenes Herz“ von „Ein Herz für Kinder“.

Post Scriptum: Karoline Mayer musste auch Ungerechtigkeiten erleben und ertragen. Von einem RTL-Explosiv Fernsehteam wurde ihre Stiftung „Cristo vive“ vor Jahren angeklagt, Spendengelder veruntreut zu haben. Natürlich hatte die Missionarin nichts damit zu tun, wie sich später herausstellte.. Zweitens: In einer Fernsehreportage der ARD war es Schwester Karoline vor laufenden Kameras nicht gelungen, sich von sexuellen Übergriffen eines Priesters aus Deutschland – mit dem sie viel zusammengearbeitet hatte – zu distanzieren. Die gute Samariterin zeigte, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht, wenig Talent zur Selbsthilfe. Das ist Charaktersache. Karoline Mayer hatte darunter sehr gelitten und beschrieb die Episode als eine der dunkelsten Stunden in ihrem bisherigen Leben. Dennoch hält sie weiterhin oder gerade deshalb eisern an ihrem Motto fest: Das Geheimnis ist immer die Liebe.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich von vatican news veröffentlicht.

Blogbeiträge von Karoline Mayer

Pilger als Zeugen der Auferstehung

Tief beeindruckt von den Osterfeierlichkeiten kehre ich mit einer Pilgergruppe gerade von Jerusalem zurück. Das war schon ein besonderes spirituelles Erlebnis, den Leidensweg des Herrn nachzugehen, unter seinem Kreuz zu stehen und seine Auferstehung zu bejubeln.

Ich war sehr gespannt, wie wir das Osterfest in Jerusalem erleben. Ob wir auf den Berg Golgatha hinaufsteigen und das Heilige Grab betreten können oder in der Masse untergehen. Beeindruckend die Gründonnerstagsliturgie mit Fußwaschung bei den Benediktinern in der Dormitio Abtei. Kein Besucherandrang wie an den Heiligen Stätten Jerusalems, sondern eher ein kleiner Kreis von Gläubigen. Und die Liturgie in deutscher Sprache. Ehrfurchtsvoll verfolgten die Pilger die Feier von den vorderen Plätzen aus. Die Teilnahme am Kreuzweg der Franziskaner entlang der Via Dolorosa am Karfreitag ist ein großes Spektakel. Menschentrauben drängen durch die engen Gassen Jerusalems, begleitet von der Weltpresse. Eine innige Andacht kommt nicht auf, wegen der sprachlichen Barrieren und der Geschäftigkeit im Basar. Die Prozession zieht sich in die Länge, reißt ab und ein Teil der Beter kommt zu spät in die Grabeskirche mit den letzten Stationen des Kreuzwegs. Das liegt auch an den Barrieren, die die israelische Polizei zur Sicherheit der Besucher errichtet.

Domvikar Reinhard Kürzinger neben dem Heiligen Grab bei der Osterliturgie. Foto: privat

Ein besonderes religiöses Erlebnis war die Teilnahme an der Osternachtfeier am frühen Morgen des Karsamstags. In der Grabeskirche wird die katholische Osternacht schon am frühen Samstagmorgen gefeiert. Dies geht zurück auf den sogenannten „Status Quo“, ein Regelwerk aus dem 19. Jahrhundert, in dem der Gebetsplan der an der Kirche beteiligten sechs Konfessionen festgeschrieben ist. Weltweit ist das die erste Auferstehungsfeier. Diese österliche Liturgie mit dem der Leiter des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem beginnt um 7.30 Uhr und zieht sich über dreieinhalb Stunden hin, die die Gläubigen stehend verfolgen.

Die Nacht sei gleichermaßen der Moment der Offenbarung Gottes wie auch die Zeit der Angst, des Zweifels, der Einsamkeit und der Gefahr, predigte Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. „Ich denke an jene, die wegen der Dunkelheit ihrer Nacht das Licht nicht sehen können: die Nacht unserer Familien, getrennt durch Abwanderung in der Not für Arbeit, gespalten durch kalte und zynische politische Kalkulationen. Ich denke an die Nacht so vieler junger Menschen, die darum kämpfen sich selbst Perspektiven für die Zukunft zu geben, ich denke an die Nacht unserer religiösen Spaltungen, die unsere Beziehungen erblinden lassen, an die neuen Formen der Sklaverei in der Arbeit von Migranten und Flüchtlingen, in vielen Formen der Abhängigkeit“, so der Italiener. Pizzaballa rief die Gläubigen auf, Licht zu sein und das Licht der Osterkerze und des auferstandenen Christus hoffnungsvoll weiterzutragen. „Wir sind das Licht. Es wird kein außerordentliches Wunder von außen kommen“, betonte er. Die Liturgie der Osternacht sei nicht nur eine Erinnerung an das, was Gott an den Vorfahren getan habe, sondern hier und heute ereigne sich Erlösung.

Das Heilige Grab – Innenansicht. Foto: privat

Wenn man es geschickt einfädelt, können die Pilger anschließend das Heilige Grab besuchen.

Am Ostersonntag feierte ich mit der Pilgergruppe den Gottesdienst um 11 Uhr im Dominus flevit und konnte bei diesem herrlichen Panoramablick von der Kapelle auf Jerusalem die Ereignisse von Tod und Auferstehung noch einmal Revue passieren lassen.

Interview mit der tagesschau

Mein Fazit in einem Interview für die ARD: Jerusalem ist für mich die Stadt dreier Weltreligionen. Eigentlich sollte man hier nicht gegeneinander arbeiten, sondern Schritte der Versöhnung aufeinander zu tun – religiös, aber vor allem auch politisch.

„Christus ist auferstanden, und das Leben waltet!“

Sowohl in der Ost wie in der Westkirche ist es üblich, dass an bestimmten Tagen im liturgischen Jahreskreis die sogenannten Hirtenbriefe der Diözesanbischöfe vorgetragen werden bzw. vorzutragen sind. So wurden beispielsweise zuletzt die Hirtenbriefe unseres Hochw. Herrn Bischofs Dr. Gregor Maria Hanke OSB zur Adventszeit 2018 (am Christkönigssonntag 2018) und zur vorösterlichen Bußzeit (am Ersten Fastensonntag 2019) in allen Pfarreien des Bistums Eichstätt vorgetragen. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, dass die Gläubigen eines Bistums die zentralen Botschaften ihres Oberhirten zu liturgisch hochwertigen Zeiten vernehmen können und der Ortsbischof zu seinem Bistum – vermittelt durch die Seelsorger vor Ort – in allen Eucharistiefeiern am gleichen Tag sprechen kann. Sicherlich wird damit ein Zeichen der gelebten Einheit einer Ortskirche gesetzt.

Eine Besonderheit in der Predigtpraxis der byzantinischen Ostkirchen, die ihren Ursprung wohl in dieser Praxis hat, gibt es in der Osternacht. Inmitten des gesamten, bis zu vier Stunden dauernden Ostergottesdienstes der Byzantiner, der Oströmer, wird eine kurze Osterpredigt des Kirchenvaters Johannes Chrysostomus vorgetragen. Dies ist das einzige gesprochene Wort, das nach dem Ostermorgenlob und vor der Göttlichen Liturgie (= Hl. Messe) seinen festen Platz hat, weshalb in der eigentlichen Eucharistiefeier keine Predigt mehr vorgesehen ist. Das Besondere liegt darin, dass diese Predigt nicht nur im geographischen und zeitlichen Rahmen des Johannes Chrysostomus stehengeblieben ist, sondern sich den gesamten byzantinischen Ritus für den Ostertag erobert hat. In jedem Land, das von Konstantinopel aus seine Taufe empfangen hat, wird diese Osterpredigt feierlich vorgetragen. Die Kirchenbesucher einer jeden byzantinischen Pfarrei in der Welt bekommt die Worte dieser berühmten Homilie zu Gehör, und dies Jahr für Jahr!

Johannes Chrysostomus (+ ca. 407) war ein Priester und Seelsorger in Antiochien, heute Antakya in der Südtürkei. Er wirkte demnach in einer Gemeinde, in der schon der Apostel Petrus seinerzeit segensreich wirkte und deren Mitglieder, die Anhänger Jesu von Nazareth, zum ersten Mal „Christen“ genannt wurden (vgl. Apg 11,26). Dort entwickelte sich Johannes aufgrund seiner schriftstellerischen Tätigkeit und seiner rhetorischen Begabung zu einem berühmten Prediger. Wegen seiner Homilien gab ihm das Volk den Beinamen Chrysostomus, zu Deutsch: Goldmund. Eine überregionale Bedeutung erlangte er und seine Predigten später durch seine Ernennung zum Erzbischof von Konstantinopel, dem Muttersitz aller byzantinischen Kirchen. Durch die Verbreitung der Liturgie der Hagia Sophia in Konstantinopel gelangte die Praxis des Verlesens seiner Osterhomilie in den gesamten Einflussbereich des byzantinischen Ritus und wird bis auf den heutigen Tag ununterbrochen gepflegt. Wer im Bistum Eichstätt in der Ostenacht keine Möglichkeit hat, sie während des Osternacht im Collegium Orientale vorgetragen zu hören, kann sie gerne nachfolgend lesen und sich für die Osterzeit inspirieren lassen.

Osterhomilie des heiligen Johannes Chrysostomus (um ca. 400)

Wer fromm und gottesfürchtig ist, soll sich an diesem schönen und herrlichen Fest erfreuen.
Wer ein getreuer Knecht ist, gehe fröhlich ein in die Freude seines Herrn.
Wer sich im Fasten verzehrt hat, empfange jetzt seinen Denar.
Wer von der ersten Stunde an gearbeitet hat, empfange heute seinen gerechten Lohn.
Wer um die dritte Stunde gekommen ist, soll dankbar feiern.
Wer um die sechste Stunde gekommen ist, soll keine Zweifel hegen, er wird nichts einbüßen.
Wenn jemand bis zur neunten Stunde säumte, soll er ohne Zaudern und Furcht herzutreten.
Und wer erst zur elften Stunde gekommen ist, fürchte sich nicht ob seines späten Kommens.
Denn der Herr ist großzügig, Er nimmt den Letzten wie den Ersten an.

Er lässt den Arbeiter der elften Stunde zur Ruhe eingehen ebenso wie den, der von der ersten Stunde an gearbeitet hat.
Mit dem Letzten hat Er Nachsicht, für den Ersten trägt Er Sorge.

Jenem gibt Er, und diesem schenkt Er.
Die Werke nimmt Er an und der gute Wille ist Ihm lieb. Die Tat ehrt Er, und die Bereitschaft lobt Er.
Gehet also alle ein in die Freude eures Herrn!

Ihr Ersten und ihr Letzten, empfangt euren Lohn!

Ihr Reichen und ihr Armen, jubelt miteinander!
Ihr Enthaltsamen und ihr Sorglosen, ehrt diesen Tag!
Die ihr gefastet habt und die ihr nicht gefastet habt, freut euch heute!
Der Tisch ist gedeckt, tretet alle herzu und genießt!

Das gemästete Kalb ist groß, niemand gehe hungrig hinaus!
Freut euch alle am Gastmahl des Glaubens!
Freut euch alle am Reichtum Seiner Güte!

Niemand beklage seine Armut, denn erschienen ist das Reich für alle!

Niemand trauere ob seiner Sünden, denn Vergebung ist aus dem Grabe aufgeleuchtet!

Niemand fürchte den Tod, denn der Tod des Erlösers hat uns frei gemacht!
Er hat den Tod vernichtet, von dem Er umfangen war.
Er hat der Hölle ihre Beute weggenommen!

Er, der zur Hölle hinabfuhr, ließ sie Bitterkeit erfahren, als sie von Seinem Fleisch kostete!

So hatte es Jesaja vorausgesagt:
„Die Hölle ward voll Bitterkeit, als sie Dir dort unten begegnete!“
Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde überwunden!
Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde verspottet!
Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde tödlich besiegt!
Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde gestürzt!

Sie war voll Bitterkeit, denn sie wurde gebändigt!

Die Hölle nahm einen Leib und stieß auf Gott!
Sie nahm Irdisches und traf auf Himmlisches!
Sie nahm, was sie sah, und kam zu Fall durch das, was sie nicht sah!

Tod, wo ist dein Stachel?

Hölle, wo ist dein Sieg?
Christus ist auferstanden, und du bist niedergeworfen!
Christus ist auferstanden, und die Dämonen sind gefallen!
Christus ist auferstanden, und es freuen sich die Engel!
Christus ist auferstanden, und das Leben waltet!
Christus ist auferstanden, und kein Toter ist mehr im Grabe!

Denn Christus ist zum Erstling der Entschlafenen geworden, da Er von den Toten auferstand.

Ihm gebührt Lob und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden!

(Text der Osterhomilie: Collegium Orientale)

Jugendliche als Akteure des Wandels

„Este es mi barrio“ ist eine in meinen Ohren sehr melodische Liebeserklärung an die Heimat, es wurde komponiert von Pater José Daniel Vallecillos und bildet den emotionalen Abschluss aller Vorträge, die Erika Torres in den letzten Wochen gehalten hat. Dabei hat die 26-jährige Sozialarbeiterin aus El Salvador, dem Beispielland der Misereor Fastenaktion 2019, sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, wie sie in ihrer Arbeit für die Stiftung Fundasal das Prinzip der Orientierung an den Stärken und Potentialen von jungen Menschen umsetzt.

Typisch für das bei uns vorherrschende Bild von Jugendlichen in El Salvador ist das Ergebnis einer Blitz-Recherche von Studentinnen und Studenten an der Katholischen Universität in Eichstätt-Ingolstadt. Es lautet: Bandenkriminalität!

Doch Erika Torres muss ihre Zuhörer enttäuschen. Sie sieht nicht die Defizite, sie setzt bei den Fähigkeiten und Interessen an. Zugleich rottet sie damit einen der Hauptgründe für die Migration vieler junger Menschen in Richtung USA aus. Bei Fundasal lernen die Jugendlichen nämlich, mit einer indigenen Technik Ziegel herzustellen und diese für den Bau der eigenen Häuser zu verwenden. Gleichzeitig öffnet ihnen das Erlernte Chancen, ein eigenes Einkommen zu generieren oder sich gegenseitig zu helfen. Doch das Konzept von Fundasal ist viel umfassender, es begnügt sich nicht mit der Vermittlung handwerklicher Kompetenzen. In dem von Misereor unterstützten Projekt werden auch die eigene Lebensgestaltung, der Zusammenhalt in der Gruppe und das gesellschaftliche Engagement geschult. Besonders auf den letzten Punkt legt Erika Torres ihren Schwerpunkt.

Ziegelherzustellung mit einer indigenen Technik. Foto: Schwarzbach/Misereor

Dieser Punkt ist ihr sehr wichtig, „die Schulung von Jugendlichen als Akteure des Wandels“, des gesellschaftlichen Wandels um noch genauer zu sein. Ermuntert fühlt sie sich dabei von Papst Franziskus, der zuletzt beim Weltjugendtag in Panama die jungen Menschen aufrief, sich aktiv für die Erhaltung des gemeinsamen Hauses, unserer Erde, und der Menschen, die darauf leben, einzusetzen. Fundasal schafft Räume und Gelegenheiten, damit junge Menschen ihre Themen und Anliegen zum Ausdruck bringen können. Ihre Argumente werden ernst genommen, ihre Lösungswege verdienen Respekt. „Friday for future“ lässt grüßen. So entsteht eine Identität, die sich an die Heimat gebunden fühlt und hier auch Perspektiven schaffen will. Nicht passiv auf Hilfe von außen wartend, sondern aktiv, mit dem, was man selbst zur Verfügung hat. Auf die Rückfragen aus dem Publikum beim abendlichen Vortrag in einer Pfarrei in Nürnberg-Langwasser bringt Erika Torres ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass auch die Kirche diesen Weg der Selbstorganisation in der Jugendpastoral mehr berücksichtigt. So könne es gelingen, die Kirche wieder mit der Jugend zusammen zu bringen und einen lebensorientierten Dialog zu beginnen.

Und natürlich kommt die Frau aus El Salvador damit auch auf den 1980 ermordeten Erzbischof Oskar Romero zu sprechen. Der Heilige habe in seinem bischöflichen Wirken immer wieder versucht, die Kirche in Kontakt zu bringen mit den Menschen, die sich eher an den Rändern befinden.

Torres nimmt auch etwas mit von ihrem Aufenthalt in Eichstätt. Ein Stück Jura-Marmor, mit einer kleinen Versteinerung. Beim nächsten Haus, das mit Hilfe von Fundasal gebaut wird, wird es ein Teil den Bodens, es soll zum Ausdruck bringen, dass durch ihren Besuch auch eine symbolische Verbindung entstanden ist und die jungen Menschen in El Salvador auf unsere Solidarität bauen können.

Im Liedertext des eingangs erwähnten Liedes werden übrigens nicht nur die tollen Seiten besungen, sondern auch die Schattenseiten. Zum Beispiel die kaputten Dächer oder der Dreck im Fluss. Aber das gehört dazu, es klingt nicht resignativ, sondern will Mut machen, gemeinsam nach besseren Lösungen zu suchen. Keine „Heile-Welt-Phantasie“, sondern eine pragmatische Botschaft der Hoffnung.

Mehr zum Thema:

Misereor-Fastenaktion 2019

Indien – ein Land für alle Sinne

Unter dem Motto – „Die Juwelen Indiens entdecken“ machte sich unsere 34-köpfige Reisegruppe aus der Seelsorgeeinheit Eitensheim, Buxheim und Tauberfeld auf, um dorthin zu reisen, „wo der Pfeffer wächst“. Die Vorfreude, aber auch die Aufregung bei uns allen war schon am Flughafen München deutlich spürbar. Ein erstes Highlight war sicherlich der Flug mit dem weltweit größten Passagierflugzeug, dem Airbus A 380, von München nach Dubai, zumal einige von uns das erste Mal in ihrem Leben überhaupt flogen. Nach einem vierstündigen Aufenthalt nachts am Flughafen in Dubai ging es dann endlich weiter zu unserem ersten Ziel Delhi im Norden Indiens, mit (zumindest offiziell) fast 17 Millionen Einwohnern.

Die ersten Wahrnehmungen dieser Millionen-Metropole waren die durch den Smog „würzige“ Luft sowie der neblig-verschleierte Himmel. Im unglaublichen und unvorstellbaren Straßenverkehr Delhis schließlich angekommen, erschloss sich eine weitere Sinnesqualität: das beständige Hupen von mindestens 20 Fahrzeugen gleichzeitig. Der Straßenverkehr in Indien gleicht einer Extremsportart, die uns auch nach zwei Wochen noch beeindruckte: Vor und auf den Kreuzungen standen mind. 50 Fahrzeuge (hauptsächlich Tuk-Tuks und Mopeds) und es gilt insbesondere eine landestypische Regel: „Egal, wie schnell und wohin du fährst, hupe, um dich anzukündigen.“ Eigentlich eine einfache Regel, die allerdings bei der unglaublichen Fülle an Fahrzeugen (teilweise acht in die gleiche Richtung fahrende Fahrzeuge nebeneinander) doch schnell zur Herausforderung wird und bei uns Deutschen zu neuen Dimensionen der Angst führte – aber Inder haben offensichtlich großes Vertrauen in ihre Multi-Tasking-Fähigkeiten.

Noch abenteuerlicher fühlte sich der Straßenverkehr in Nordindiens Großstädten an, wenn man selbst im wahrsten Sinne des Wortes hautnah dabei ist. So war es in Jaipur der Fall, als wir eine Tour mit Fahrrad-Rikschas durch die Innenstadt machten. Göttlicher Beistand war in dieser Stunde für unsere Gruppe mehr als nötig – doch scheinbar hatten unsere Guides, die für uns unermüdlich in die Pedale traten, genügend Gottvertrauen, so dass wir spontane Wendemanöver mit unseren Rikschas mitten auf der Fahrbahn oder im Kreisverkehr alle wohlbehalten überstanden.

Wer durch Indien reist, kommt mit einer Überfülle an Erinnerungen im Gepäck wieder zurück. Die Eindrücke können überwältigend schön und zugleich verstörend oder deprimierend sein. Das war vielen von uns durch Berichte und Erzählungen von Bekannten und Freunden schon bekannt. Darauf, die Gegensätze dann auch wirklich hautnah zu erleben und zu erfahren, konnte man sich jedoch nicht wirklich vorbereiten. Wahrscheinlich in kaum einem anderen Land ist man mit einer so großen Armut der Bevölkerung konfrontiert wie in Indien. Teilweise breitete sich eine Stille und auch Betroffenheit in unserem Reisebus, mit dem wir die Städte erkundeten, aus, angesichts der (einfachsten) Zustände, in denen ein Großteil der Menschen dort lebt – auf Matratzen am Straßenrand, umgeben von Müll und streunenden Hunden. Das rückt den eigenen Wohlstand und den Wert eines eigenen Daches über dem Kopf schnell wieder in ein anderes Licht. Vor diesem Hintergrund jedoch umso beeindruckender war die aus den Menschen selbst heraus kommende Freude am Leben und Dankbarkeit für das, was sie haben, zu erleben. Egal wo wir uns in Indien befanden – Nord oder Süd – mit unserem Reisebus fielen wir für indische Verhältnisse schon von Weitem ins Auge. Lassen wir uns in unserer westlichen Welt oft schnell von (sozialem) Vergleich leiten, reagierten die Inder, jung wie alt, mit großer Freude und Begeisterung auf uns, lachten und winkten uns zu. Von Neid oder Missgunst auf unseren weitaus höheren Lebensstandard keine Spur! Diese Erfahrung in diesen zwei Wochen immer und immer wieder machen zu dürfen, war sicherlich eine der berührendsten und definitiv bleibenden Erinnerungen.

In unserer ersten Woche im Norden Indiens besuchten wir die Städte Delhi, Agra und Jaipur und besichtigten eine Fülle unterschiedlicher Denkmäler, wie beispielsweise beeindruckende Hindutempel, Moscheen, große Festungsanlagen („Forts“) sowie das Grabmal „Taj Mahal“, auf dessen dahinter liegende Geschichte wir am Abend zuvor in einer Art Operette bzw. Musical, einer sog. „Kalakriti“-Show, musikalisch und mit vielen beeindruckenden Kostümen eingestimmt wurden.

Auf den Backwaters von Kerala

Nach dieser ersten Woche im Norden flogen wir nach Cochin in den Süden des Landes. Von Pater Praveen Job, Kaplan in Buxheim, Eitensheim und Tauberfeld, wurden wir bereits darauf eingestimmt, dass uns im Süden „ein ganz anderes Indien“ erwarten würde, was unsere Vorfreude auf das Bundesland Kerala, der Heimat unseres Paters, steigen ließ. Während wir im Norden viele religiöse Baudenkmäler besichtigen und vieles über die zahlreichen verschiedenen Religionen in Indien erfahren durften (u.a. Hinduismus, Islam, Christentum, Sikhismus, Buddhismus), lernten wir Indien schließlich von einer neuen Seite kennen, mit einer vielfältigen und bunten Natur und Pflanzenwelt. Im Gegensatz zu den nördlichen Bundesstaaten Indiens könnte man das Leben im Süden als langsamer und entspannter beschreiben, der Lebensstandard ist deutlich höher und die Menschen dort sind vergleichsweise wohlhabend.

Wir erkundeten Kerala zu Land wie auch zu Wasser. Einer der Höhepunkte war die Fahrt mit einem Hausboot auf den Backwaters von Kerala, die als eine der wichtigsten Handels- und Verkehrswege dort dienen. Es stellte sich sofort ein Gefühl von Urlaub ein, als wir bei Sonnenschein, fast 30 Grad und einem leichten Wind durch die Backwaters glitten, frisches Kokoswasser tranken und Kokospalmen, Reisplantagen und heimische Vogelarten sahen. Auch bereitete ein Koch extra für unsere Gruppe an Bord ein typisch indisches Essen mit Reis, Fisch, Fleisch und verschiedenen Soßen zu.

Wie schmeckt eigentlich Indien?

Auf jeden Fall intensiv und mit einer reichen Fülle unterschiedlichster Gewürze. Die Frage lässt sich jedoch nicht einheitlich beantworten, da sich der Geschmack von Region zu Region unterscheidet, im Norden schmeckt es anders als im Süden. Neben scharfen und milden Currys auf Sahne- oder Kokosmilchbasis, probierten wir auch die verschiedenen indischen Fladenbrote oder Masala-Tee, einen gewürzten Milchtee.

Was unseren Aufenthalt im Süden des Landes auf eine ganz besondere Art bereicherte, war das Kennenlernen der Familie unseres Paters. Wir wurden von seiner gesamten Familie (den Eltern, der Familie des Bruders sowie Tante und Onkel) zu einem Mittagessen eingeladen und bereits bei der Ankunft von seiner kleinen Nichte mit liebevoll selbstgebastelten Blumen sehr herzlich begrüßt. Anhand der Art und Weise, wie wir von allen Familienmitgliedern mit im wahrsten Sinne des Wortes offenen Armen empfangen wurden und auch anhand des aufwändig gekochten Buffets mit sehr leckerem indischen Essen erlebten wir nicht nur eine große Gastfreundschaft und Herzlichkeit seiner Familie und Stolz auf ihre indische Kultur. Sie drückten so auch ihre große Wertschätzung und Liebe für Pater Praveen und seinen Beruf aus, was berührend war miterleben zu dürfen.

Gruppenfoto mit Katholiken in Indien. Foto: Julia Sangl

Bei Katholiken in Südindien

Einen weiteren, sehr persönlichen Einblick in sein bisheriges Leben in Indien gewannen wir an unserem leider schon letzten Tag der Reise, als wir einen indisch-bayerischen Gottesdienst in der alten Heimatpfarrei von Pater Praveen gemeinsam mit den indischen Katholiken der Gemeinde feierten. Während wir von Zuhause farblich eher dezente, oft mit Gold geschmückte Kirchen kennen, staunten wir angesichts der farbenfrohen Gestaltung der indischen Kirchen. Knallige Farben (grün und pink) und mit Glitzer geschmückte Heiligenfiguren lassen die Gotteshäuser sehr fröhlich und lebendig wirken. Der Gottesdienst selbst wird im syro-malabarischen Ritus gefeiert und zu einem überwiegenden Großteil mit Gesängen und Musik begleitet. Der Begriff „syro-malabarisch“ ist eine Kombination aus den beiden Wörtern syrisch und malabarisch. Der heutige indische Bundesstaat Kerala wurde früher als Malabar bezeichnet. Die Liturgische Sprache war damals Syrisch. Heute wird anstatt Syrisch die Landessprache Malayalam in der Liturgie verwendet.

Es war schön zu sehen, wie viele Kinder und Jugendliche den Gottesdienst besuchten. Das Leben der Religion ist in Indien sehr wichtig. Pater Praveen erklärte uns, dass die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst in Indien sogar Pflicht sei, um später einmal heiraten zu dürfen. Normalerweise beginnen die Gottesdienste am Sonntag bereits um 6 Uhr morgens und dauern mindestens zwei Stunden. Im Anschluss erfolgt der Religionsunterricht für die Kinder. Als Zugeständnis an unsere – was die Gottesdienstzeiten angeht – verwöhnte Reisegruppe wurde der Gottesdienstbeginn an diesem Tag auf 8 Uhr verschoben 😊. Im Anschluss an den Gottesdienst hatten sowohl die indischen Kinder und Jugendlichen als auch wir selbst die Gelegenheit, uns gegenseitig Fragen zu stellen. Diese „Fragestunde“ wurde mit einem gemeinsamen Fotoshooting abgeschlossen. Bei diesem „Fototermin“ wurde wieder einmal die indische Fröhlichkeit und Offenheit deutlich. Während wir uns sehr „brav“ aufstellten, lachten die Kinder und Jugendlichen fröhlich durch die Gegend, schnitten Grimassen für das Foto, machten Späße und alberten herum. Doch nicht nur wir kamen aus dem Staunen angesichts unserer ganzen Eindrücke nicht mehr heraus, auch die indischen Jugendlichen staunten aufgrund der blonden Haarfarbe einiger unserer Gruppe. Da wurden fleißig Fotos und Selfies gemacht – also ein besonderes Erlebnis für uns alle 😊

Es ist schwer, ein Fazit für unsere Reise und dem Land Indien zu finden. Indien ist ein Land der Extreme und Kontraste: Es gibt sehr warme und kalte Orte, dichtbesiedelte Plätze und leere, weite Landschaften, sehr viele arme und im Verhältnis hierzu wenige reiche Leute, scharfes und mildes Essen und noch so vieles mehr… Aber wenn eines auf die Menschen in Indien zutrifft, dann folgende indische Lebensweisheit: „Am reichsten sind die Menschen, die auf das meiste verzichten können.“