Neues Gefängnis mit alten Problemen in Brasilien

Aparecida de Goiânia hat ein neues Gefängnis. Das sogenannte „Centro de Triagem“ wurde Ende 2014 feierlich eingeweiht. Es sollte andere Haftanstalten in Goiânia, der Hauptstadt des Bundesstaates Goiás im zentralen Westen Brasiliens, entlasten und zur Eindämmung der Gewalt in der Region beitragen. Nun ist das neue Gefängnis bereits überfüllt. Beim letzten Besuch der Gefängnisseelsorge teilten sich nicht weniger als 529 Gefangene die 212 vorhandenen Haftplätze. Die meisten Insassen sind bereits weit über 30 Tagen in Haft, obwohl das Gefängnis für die sogenannte Erstaufnahme geplant wurde, d.h. für die ersten zwei bis vier Tage bis entschieden wird, ob der Angeklagte in U-Haft bleiben muss oder nicht.

Das neue Gefängnis wurde bereits mit den altbekannten Problemen eröffnet: Eine immense Überbelegung und deren untragbaren Folgen, die im Widerspruch zu allen gesetzlichen Vorgaben des Strafvollzugsgesetztes stehen. Die Gefängnisseelsorge von Goiânia hat gegen diese Situation eine öffentliche Anzeige erstattet.

In den kleinen Zellen, vorgesehen für zehn Haftplätze, sind heute durchschnittlich zwischen 23 und 28 Häftlinge eingepfercht. In einer Zelle zählten wir sogar 32 Männer. Da es keine „gesetzlich festgelegte Grenze“ nach oben gibt, wird erwartet, dass in den nächsten Tagen die Gefängnispopulation auf über 600 Insassen steigt, womit drei Häftlinge auf einen Haftplatz kämen. Es wird in Schichten geschlafen, zu mehreren in einem Bett, am Boden und in der Dusch- und Klo-Ecke. Auch das Wasser ist knapp und schmutzig.

Gefangene haben uns berichtet, dass die Sicherheitsvorschriften vorsehen, dass nach dem täglichen Hofgang alle Häftlinge völlig nackt und mit den Händen auf dem Kopf sich bücken müssen und den Wächtern ihre Geschlechtsteile zu zeigen haben. So soll geprüft werden, ob jemand in Drogenbesitz ist oder eventuell ein Handy eingeschmuggelt hat. Bei dieser Prozedur werden die Häftlinge noch von den Wächtern beschimpft.
In Brasilien werden Gefangene in der Regel von ihren Familien mit Lebensmitteln, Wäsche, Medikamenten und Hygieneartikel versorgt. Wenn die Männer direkt von der Polizeistation in den Knast kommen, dürfen oder können sie oft nichts mitnehmen. Dann bleiben sie gemäß dem Bericht des Direktors der neuen Haftanstalt tagelang „nur in der Unterhose“, da sie noch keinen Familienbesuch erhalten dürfen.

Bei unserem letzten Besuch wurden wir auf fehlende Matratzen aufmerksam gemacht. So hat unsere Gruppe der Gefängnisseelsorge derzeit viel zu tun. Matratzen konnten wir noch nicht organisieren, haben aber 150 Decken, einige kurze Hosen und T-Shirts und 500 „Waschbeutel“ mit jeweils einer Seife, Zahnpasta, Zahnbürste und einer Klopapierrolle aufgetrieben. Es war bereits das dritte Mal, dass wir die Gefangenen mit diesen “Waschbeuteln” versorgten, aber auf die Dauer übersteigt das auch unsere Möglichkeiten.
Da das „Centro de Triagem“ für Kurzaufenthalte gebaut wurde, gibt es keine Infrastruktur für Familienbesuche. Nur einmal pro Woche – jeweils am Mittwoch – darf die Familie ein Päckchen Kekse, Medikamente und Waschutensilien (eine Seife, Zahnpasta und Zahnbürste) ins Gefängnis schicken. Direkter Kontakt mit den Gefangenen ist nicht möglich. Da auch Briefe verboten sind, fällt jeglicher Außenkontakt weg. Nur der Besuch der Gefängnisseelsorge ist gestattet. Wir notierten bei unseren letzten Besuchen über 60 Telefonnummern, um mit Familienangehörigen in Kontakt zu treten.

Einige Häftlinge klagen, dass die Essensversorgung nicht ausreichend ist. Auch die Gesundheitsversorgung ist äußerst prekär. Es gibt nur eine Krankenschwester, keine Medikamente. Viele der Neuankömmlinge sind verletzt, vor allem mit Messerstichen oder Schusswunden, die im Schnellverfahren in einem staatlichen Krankenhaus versorgt wurden, bevor sie ins Gefängnis eingeliefert wurden. Andere sind psychisch krank, bekommen keine medizinische Betreuung in ihren Krisen und werden äußert aggressiv.
Da wir diese Realität in der Öffentlichkeit bekannt machen, haben wir nun wenigstens die Aufmerksamkeit der Medien bekommen. Die Staatsanwaltschaft hat auch das Gefängnis besucht und bereits eine Art Anklageschrift gegen die zuständige Behörde eingeleitet. Aber leider haben sich die zuständigen Richter noch nicht dazu geäußert. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation im neuen überfüllten Gefängnis von Goiânia weiterentwickelt.

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