Nossa Senhora Aparecida. Foto: Valter Campanato/ABr

Marianisches Jahr in Brasilien – „Marias“ im Gefängnis

Nach dem Jahr der Barmherzigkeit 2016 feiert Brasilien heuer ein Marianisches Jahr, das 300-jährige Jubiläum der Verehrung der Gottesmutter Maria. 1717 erschien die Gottesmutter angeblich drei Fischern, die eine Marienstatue fanden. An Fundort entstand das Heiligtum Aparecida, mit jährlich rund 8 Millionen Pilgern der größte Marienwallfahrtsort Brasiliens. 1929 erklärte Papst Pius XI. „Unsere Liebe Frau von Aparecida“ zur Schutzpatronin des Landes. Das Fest zu Ehren der Heiligen ist der 12. Oktober.

Basilika Nossa Senhora Aparecida im Bundesstaat Sao Paulo. Foto: Valter Campanato/ABr
Basilika Nossa Senhora Aparecida im Bundesstaat Sao Paulo. Foto: Valter Campanato/ABr

Die Frauengefängnisseelsorge im Rahmen der Brasilianischen Bischofskonferenz hat Maria zum Leitthema für Jahr 2017 gemacht: „Maria und die vielen ‚Marias‘ im Gefängnis“ lautet das Motto. Maria, die Hoffnung gibt, wo es scheinbar keine Hoffnung gibt.

Maria ist eine Frau inmitten der Menschen, die in einer ungleichen und patriarchalischen Gesellschaft leben, in der nur die mächtigen Männer das Sagen haben. Sie wohnt in Galiläa, im Dorf Nazareth, in einer armen und an den Rand gedrängten Region, wo ein widerstandsfähiges Volk lebt, das sich gegen die willkürliche Unterdrückung durch die Römer wehrt. In diesem Ort wird Jesus geboren. Wo würde Maria heute leben? In den ausgegrenzten Stadträndern, den unzugänglichen Hügeln der Städte, in den Armenvierteln, in den Gefängnissen? Wäre sie arm, schwarz, jung?

Mit Maria werden die Grundsätze dieser Gesellschaft gebrochen und wird das Neue geboren. Für Jesus war Maria mehr als nur seine Mutter: In ihr erkennt er eine Frau, die zur Geschichte der Menschheit gehört, in einer Gesellschaft, in der die Frau kein (Mit-) Sprachrecht hatte. Maria, mit ihrer Spiritualität der „Armen im Herzen“, gibt den Armen und Unterdrückten ein Zeugnis des Glaubens und der Hoffnung. Sie steht den Gefangenen und den Vergessenen im ständigen Kampf um das Leben und die Würde bei.

Woher kommt diese Bevorzugung Gottes der Armen? Der brasilianische Theologe Afonso Murad drückt es so aus: “Gott erwählt zuerst die Armen, weil er barmherzig ist und sich den Bedürftigen zuwendet. Das ist die Strategie seiner allumfassenden Liebe. Er liebt alle gleich, aber er kommt zuerst denen zu Hilfe, die es am nötigsten haben”.

Die Kraft, die von Maria für so viele „Marias“ in den Gefängnissen ausgeht, ist spürbar in diesem Kampf um die Freiheit von Frauen und Männern, die im Gefängnis eine Welt erfahren, die das Leben zerstört. Eine Welt, die ausgegrenzten sozialen Gruppen in Verliese steckt und Menschenrechtsverletzungen aussetzt. In dieser an Strafe und an Männern orientierten Gesellschaft wird die gefangene Frau nicht einmal als Frau anerkannt. Hinter den Wänden der Gefängnisse sind die Frauen in der Minderheit. Die massenhaften Gefängniseinweisungen der letzten Jahre betreffen auch sie in großem Ausmaß. Die Inhaftierung nimmt ihnen die Selbstbestimmung, ihre Wünsche, ihre Entscheidungsfreiheit, ihre familiäre und emotionale Beziehungen.

„Maria ist eine Frau, die ganz Gott gehört, mit einem Bewusstsein für die Geschichte, des sozialen Engagements, der Hoffnung”, schreibt Murad. Auf gleicher Weise haben die gefangenen Frauen ein Bewusstsein für ihr Leben außerhalb der Gefängnismauern. Sie kämpfen für ihre Kinder, für ihre Würde, und sie leben den nie endenden Traum eines besseren Lebens. Nur wer die Gefängnisumwelt kennt, diesen Ort, an dem die Grund- und Menschenrechte systematisch verletzt werden, diesen Ort der erniedrigenden Lebensbedingungen und der Folter, wird die Kraft der Liebe und der Hoffnung verstehen, die in diesen vielen gefangenen Marias lebendig ist. Wir sprechen hier von mehr als 40.000 Frauen in Brasilien, die diese schreckliche Situation in den Gefängnissen durchstehen.

Marienstatue in einem Gefängnis in Brasilien. Foto: Petra Pfaller
Marienstatue in einem Gefängnis in Brasilien. Foto: Petra Pfaller

In den Gesprächen mit den Frauen im Gefängnis wird eine Figur Marias besonders deutlich: die immer gegenwärtige „Mutter Gottes“, die in den schwierigsten und dunkelsten Stunden hilft, in den stinkenden und überfüllten Zellen, in der Einsamkeit und der Sehnsucht nach den Kindern und den Familienangehörigen. Es sind eingesperrte ‚Marias‘, Frauen voll von Träumen und Bedürfnissen, die lieben und die ihre Rechte geachtet sehen wollen, jedoch gebrandmarkt sind vom einem Staat, der ihre Würde verletzt und ignoriert; so wie Maria von Nazareth, eine Frau aus einem so vergessenen Ort, die die Liebe von tief innen kannte. Sie hat diese Liebe zu Gott ernstgenommen und nahm ihre Aufgabe mutig an, die Mutter des Sohnes Gottes zu sein. Möge der Glaube an Maria uns helfen im Einsatz für eine Welt, in der wir alle in Freiheit und Würde leben können.

Antworten der „Marias” im Gefängnis auf die Frage, wer für sie Maria ist:
„Maria kennt den Schmerz und die Sehnsucht der Mutter, die an ihre Kinder denkt”. „Maria ist die weibliche Hand, die sich den Frauen entgegenstreckt.“
„Maria ist ein Brunnen inmitten der gefangenen Frauen.“
„Maria ist die Mutter der Barmherzigkeit.“

Diesen Beitrag hat Schwester Petra Silvia Pfaller zusammen mit Luisa M. Cytrunowicz, Mitglied des juristischen Teams der nationalen Gefängnisseelsorge Brasiliens, verfasst.

 

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