Kloster Tabgha: „Die Brandstifter haben unbewusst zwei Feuer gelegt“

Einige Tage nach dem Brandanschlag vom 17. auf 18. Juni 2015 auf das Benediktinerkloster Tabgha möchte ich kurz aus meiner ganz persönlichen Sicht vor Ort darüber berichten. An Informationen und Bildern mangelt es sicher nicht in unserer modernen Medienwelt.

Die erste Erfahrung: Nach einem fröhlichen Tag, an dem man lachend auseinander geht, findet man sich mitten in der Nacht vor einem gewaltigen Feuer, das unausweichlich niederbrennt, was alle lieben. So schnell kann alles anders sein und man lebt in einer anderen Wirklichkeit.

Pater Zacharias stand am längsten auf dem Dach und versuchte das Feuer aufzuhalten, damit es nicht auf die Kirche übergreift, was glücklicherweise auch nicht passiert ist. Die Schäden sind groß, allerdings sind Kirche, Oratorium und alle Speise- und Privaträume erhalten geblieben. Das Leben kann also eingeschränkt weitergehen. Menschliches Leben blieb unversehrt, bis auf die Rauchvergiftung, d.h. Sophie hatte etwas zu viel und Pater Zacharias deutlich zu viel Kohlenmonoxid abbekommen, so dass er bis Freitag in Safed im Krankenhaus blieb. Dort war ich die meiste Zeit bei ihm, weil er nur eingeschränkt englisch spricht. Mit Sicht auf den See von der schönen Stadt Safed aus beteten wir die Vesper zusammen.

Die zweite Erfahrung schließt sich an eine Bemerkung von jemand an, der meinte, nach diesem Feuer mag er den Gedanken nicht mehr, dass Gott wie verzehrendes Feuer sei. Nun sind Tausende und Abertausende von Menschen herbeigeströmt, um ihre Anteilnahme auszudrücken, sich für die Brandstifter zu entschuldigen, Hilfe anzubieten, zu beten, singen und in großer Gemeinschaft miteinander ihren Glauben zu teilen, der sich hier innerhalb der christlichen Welt in viele Lager aufspaltet. Es kamen auch Juden und Muslime in großer Zahl, vom Handwerker, der mit Blumen, Freunden und Werkzeug kam, Familien, die dem Abt ein Rosensträußchen überreichten, einem alten Mann, der einen Olivenbaum brachte mit einem Zettel, er möge 100 Jahre in Frieden bei uns wachsen, bis zu religiösen und politischen Führern aller Couleur … So glaube ich persönlich, die Brandstifter haben unbewusst zwei Feuer gelegt: Eins, das zerstört, und ein größeres, das verbindet und Liebe und Gemeinschaft stiftet, wie es zuvor nicht denkbar war.

Man fühlte sich fast erdrückt von so viel Anteilnahme. Die Christen im Land wurden auf außerordentliche Weise gestärkt. Allein am Sonntagnachmittag wurden 21 Busse erwartet und die Straße war bis zum Berg rauf eine einzige Autoschlange. Es trafen sich melkitische, orthodoxe und aramäisch sprechende Christen, die eine Demonstration für ihre Anliegen anschlossen. Das Treffen war laut und fröhlich und irgendwie hatte es in unseren Ohren Festivalcharakter. Unsere Aufgabe, die Grenzen hin zu privatem Grund zu schützen, war nicht einfach. Nicht alle Menschen fügen sich gern Anordnungen, und das arabische Temperament ist deutlich anders als unseres. Zu sehen, wie in dieser Hitze auf ausgedörrtes Gras Zigarettenkippen geworfen wurden, hat mir echt Nerven geraubt. In einem Tiefpunkt, als ich nicht mal mehr lächeln wollte, war da plötzlich ein nettes junges Paar, und es entstand ein Gespräch wie eine aufgehende Blume, geprägt von aufrichtigem gegenseitigen Interesse und lernendem Zuhören über Religion, Kultur bis hin zum Sinn des Lebens. Beide arbeiten für die UNO, kamen nur zufällig hier vorbei. Auch Suhad, unsere Köchin, die wie alle arabischen Mitarbeiter schwer mitgenommen war von der Art, wie man sich im Land Christen gegenüber verhält, war mit Familie bei diesem Treffen und glücklich über das stärkende Miteinander von Christen in dieser Region.

Die dritte Erfahrung ist, dass in der ganzen Zeit nie auch nur eine Spur von Hass, Wut oder Rache zu spüren war. Es ist eine durch und durch friedliche Stimmung. Wir kennen die Motive der Täter nicht tiefergehend. Abt Gregory hat deutlich aktive Aufklärung eingefordert, betonte aber, wie wichtig es gerade in dieser Region ist, Frieden zu leben, der von Liebe und Vergebungsbereitschaft lebt – im Kleinen und im Großen. Sogar ein Brandanschlag könne Teil einer Erziehung zum Frieden sein. Eine gute Erfahrung auch für die jungen Volontäre, die allmählich in ihre Heimat aufbrechen und sich vorbildlich ins Leben hier eingebracht haben.

Ich persönlich bin froh, dass hier im Kloster alle an Leib und Seele unversehrt geblieben sind. Der materielle Schaden kann behoben werden und ist hoffentlich versichert, da tut man sich mit der Vergebung natürlich leichter, als wenn Menschen schwer leiden müssen. Für die Täter und uns alle wünsche ich mir, dass wir Menschen nicht so verbohrt und engstirnig unsere Grenzen verteidigen, sondern der Liebe und Weisheit Gottes in den Herzen mehr Raum geben, um aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.

In diesem Sinne ein herzliches Shalom aus Israel!

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