Glaubens- und Ordensleben in Bolivien

Am 9. Dezember ist hier in Santa Cruz der einzige bolivianische Kardinal, Julio Terrazas, mit fast 80 Jahren gestorben. Bis vor wenigen Jahren war er auch noch Erzbischof von Santa Cruz und Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz. Er war vom Orden der Redemptoristen und stammte aus Vallegrande in der Nähe von Santa Cruz. In vielen politischen und gesellschaftlichen Konflikten hat er kein Blatt vor den Mund genommen und prophetisch seine Stimme erhoben. Wir haben einen großen Mann der Kirche in Bolivien verloren. Sein Vorgänger als Kardinal war Erzbischof Josef Clemens Maurer aus Deutschland. Wann wird es wieder einen Kardinal in und für Bolivien geben?

Unser Franziskanerbischof, Weihbischof Aurelio Pessoa von La Paz, wurde kürzlich zum Sekretär der Bolivianischen Bischofskonferenz gewählt. In dieser Funktion war er auch zwei Wochen in Rom. Da er aus Concepción, dem Dorf wo ich viele Jahre Pfarrer war, stammt und er auch einige Jahre in der Pfarrei San Antonio mein Kaplan war, übernachtet er immer wieder mal in unserem Kloster.

Heiligabend wie Silvesternacht

Rückblick auf Weihnachten: Mit der “stillen Nacht” ist es in Bolivien nicht weit her. Da man die Freude immer lautstark zum Ausdruck bringen muss, ist der Heiligabend traditionell geprägt von lauten Böllern, der Silvesternacht ähnlich. In Santa Cruz de la Sierra habe ich Nostalgie wegen der Herbergssuche, die man in Concepción aufführt: Das ganze Dorf ist neun Tage und Nächte lang unterwegs: Von der Kathedrale holt man jeden Abend die Statuen von Maria und Josef auf einem Traggestell ab und trägt sie dann durch die Straßen des Dorfes. Dabei singt man Lieder und betet. Die Kinder machen sich Sonachas, d.h. an einem Holzstück nageln sie je zwei blattgeklopfte Bierdeckel, so dass sie sich bewegen können und man die Lieder rhythmisch begleiten kann. An zwei Häusern macht man Station und bittet singend um Unterkunft, was aber abgelehnt wird. Erst beim dritten Haus hat man dann Glück: Zuerst wird ein kurzer Wortgottesdienst gehalten oder etwas aus der Bibel szenisch dargestellt. Dann wird der letzte Teil der Posada gesungen. Während sich die Tür öffnet, wird ein “Schnaderhüpfel” gesungen und die Hausmutter lustig um Bonbons gebeten. Und die Familie lässt sich da nicht lumpen. Manchmal gibt es die Piñata: Man spannt ein Seil über die Straße und befestigt daran ein Paket mit Bonbon usw., aber auch mit Mehl oder Wasserbeuteln. Das Seil wird dann nach unter gelassen und wieder schnell hochgezogen. Mit einem Stock muss dann das Paket getroffen und geöffnet werden. Mit einem großen Krack fallen die Sachen herunter und es gibt eine Riesengaudi. Das ganze Dorf macht mit. Und man verabschiedet sich mit einem herzlichen “bis morgen”. Da darf man nicht fehlen. An Heiligabend sind dann die “Figuren” echt, und da es in Concepcion noch Esel gibt, führt der Josef den Esel mit der María darauf vorsichtig zwischen den Leuten um den Dorfplatz. Natürlich ist auch der Eigentümer in der Nähe, um notfalls den störrischen Esel zur Vernunft zu bringen. Dann ziehen alle – auch María und Josef (ohne den Esel) – in die Kathedrale ein. Dort leiht man der Muttergottes ein Baby, und es beginnt das Krippenspiel mit dem Engelschor. – Es gibt auch Versuche in der Stadt Santa Cruz, doch ist dies “Mitschi”, d.h. man hat hier keine Tradition und es sind nur wenige Kinder dabei.

Papstbesuch

Im Juli war Papst Franziskus zu Besuch in Bolivien. Dreißig seiner wichtigsten Begleiter waren im Exerzitienhaus von San Antonio untergebracht. Er selbst war in der Wohnung des Kardinals untergebracht, der aber bereits im Krankenhaus war. Bei der Papstmesse in Santa Cruz war der Altar der Fassade von Concepcion nachgebildet, und dieser Altar steht auch weiterhin auf seinem Platz. Verschiedene Chöre und Orchester aus den Indianerdörfern spielten und sangen. Da die Kinder und Jugendlichen aus Concepcion in unserer Pfarrei San Antonio untergebracht waren, nutzte ich die Gelegenheit, um den Verantwortlichen folgende Idee vorzutragen: Es gibt einige Jugendliche, die in diesen Musikgruppen sangen oder spielten, jetzt aber hier in Santa Cruz sind. Könnte man diese nicht einladen und so zu einer musikalischen Gruppe formen? Und seit zwei Wochen üben bereits rund 20 Jugendliche hier in unserem Pfarrsaal.

Ordensleben

Wir Franziskaner in Bolivien sind “international” und kommen aus Polen, Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Nordamerika, Argentinien und natürlich auch aus Bolivien. Doch waren wir vor 20 Jahren noch gut 200, so sind wir jetzt nur noch 100. Davon aber sind viele alt oder krank. Wir betreuen Wallfahrtsorte, unterhalten Schulen und die meisten sind in der Pfarrseelsorge. Es fällt schwer, Konvente aufzugeben und Pfarreien an die Bischöfe abzugeben. Doch sind wir dabei, einen entsprechenden Plan zu erarbeiten. Unser einheimischer Nachwuchs? Wir haben fünf Postulanten, sieben im Noviziat, 13 in Philosophie und Theologie. Das heißt, wir haben durchaus Nachwuchs, doch sind auch die Austritte meist hoch, so dass nur wenige bleiben: einer pro Jahr! Auch die Alten und Kranken müssen versorgt werden. Einige kehren freiwillig in ihre Herkunftsländer zurück, und hier in San Antonio habe ich schon vor einigen Jahren begonnen, eine Krankenstation zu organisieren. Langsam wird daraus auch ein Altenheim. Wir haben also eine Pastoral nach innen und außen zu verwirklichen. Es sind schwierige Zeiten mit vielen Herausforderungen.

Als Pfarrei betreuen wir zwei Speisesäle für Kinder. Während des Schuljahres bekommen rund 100 Schüler täglich ein gutes Mittagessen. Für die notwendigen 15.000,– Euros jährlich bekommen wir Hilfen vom Franziskanermissionsverein in München, der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn und meiner persönlichen Spender. Der Eigenbeitrag der Familien ist minimal. Zu Weihnachten organisierten die Gebetskreise für die Straßenkinder ein Fest mit Spiel, Sport und gutem Mittagessen. Es sind Stunden der Freude für diese Kinder. Erlebtes Evangelium! Gott und seine Liebe sind gegenwärtig und spürbar!

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