Frauen in brasilianischen Gefängnissen

Seit November bin ich nun nicht mehr die zweite Vorsitzende der nationalen Gefängnisseelsorge Brasiliens. Das Mandat ist nach vier Jahren ausgelaufen. Wir hatten im November in Belo Horizonte die nationale Hauptversammlung mit Neuwahlen. So ganz ohne Arbeit bin ich aber nicht davon gekommen. Ich wurde für einem anderen Dienst gewählt, zur “Coordenadora Nacional para a questão da mulher presa”, das heißt, jetzt bin ich beauftragt, auf nationaler Ebene für die Themen rund um Frauenseelsorge in den Gefängnissen. Die Aufgabenbereiche ändern sich also doch sehr, werden „kleiner“, aber die Herausforderung für mich ist größer. Ich bin aber recht zuversichtlich und motiviert, in diesem spezifischen Bereich nun zu arbeiten.

Im Jahr 1997 ist der brasilianischen Gefängnisseelsorge bewusst geworden, dass die Frau im Gefängnis nicht beachtet wird. So wurde seitdem die Frauenseelsorge besonders intensiviert. Heidi Cerneka, Amerikanerin und Missionarin der Mary Knoll Bewegung, begann damals die Realität der Frau im Gefängnis mehr in den Blick der Gefängnisseelsorge zu stellen und eine sozialpolitische Diskussion zu diesem Thema anzustoßen. Inzwischen gibt es eine Vernetzung von verschiedensten Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Problematik der Frau im Gefängnis zu diskutieren, die unmenschlichen Bedingungen im Frauenstrafvollzug anzuprangern und neue Wege aufzuzeigen.

In den letzten zehn Jahren ist die Frauenquote in den Gefängnissen ums Dreifache gestiegen. Heute sitzen rund 370.000 Frauen in Brasilien hinter Gittern. Wie auch bei den Männern sind es hauptsächlich Jüngere. Zwei Drittel der weiblichen Häftlinge sind zwischen 18 – 25 Jahren, 60 Prozent von ihnen sind wegen Drogendelikte oder Drogenbeschaffungsdelikte in Haft. Die meisten von ihnen sind sogenannte „mulas“, einfache Drogenkuriere, und nicht Drogenhändlerinnen. Sie kommen fast ausschließlich aus verarmten Familien und versuchen durch diese „Arbeit“ ihre Kinder zu ernähren

„Männer mit Menstruationszyklus“

Es sind verschiedenste Faktoren, die den Straffvollzug der Frauen beschwerlicher machen als für Männer. Ich möchte hier nur kurz einige davon erwähnen:

  • Die meisten Frauen werden von ihren Männer bei ihrer Verhaftung verlassen und somit bleiben sie ohne die Unterstützung von „außen“, was bei den brasilianischen Gefängnissverhältnissen allerdings notwendig ist. Die Besuche während ihrer Haftzeit beschränken sich oft nur auf ihre Mütter, die meistens auch die Kinder der Insassinnen während der gesamten Haftzeit versorgen.
  • Die größte Sorge dieser Frauen in Haft ist die um ihre Kinder. Wenn sie nicht von den Großeltern aufgenommen werden können, kommen sie in staatliche Heime. Die Väter sind da längst über alle Berge.
  • Schwangere Frauen haben es besonders schwierig im Gefängnis. Die medizinische Versorgung ist sehr prekär, Gynäkologen gibt es so gut wie gar nicht. Die Angst, ob sie rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht werden, wenn die Wehen beginnen, ist ständig präsent. Vor kurzem gab es eine große Aktion gegen die Vorgehensweisen für Gebärende, die während des Geburtsvorgangs mit Handschellen ans Bett gekettet wurden. Die Gefägnisseelsorge konnte zusammen mit anderen Organisationen die Behörden so unter Druck setzen, dass es nun eine Gesetzesvorlage gibt, die verbietet, dass während der Geburt Handschellen angelegt werden. Es ist schon ein Skandal, dass es dazu ein Gesetz braucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau während der Geburt ihres Kindes eine Flucht aus dem Krankenhaus versucht.
  • Wenn Frauen während ihrer Haft gebären, dürfen sie laut Gesetz ihre Neugeborenen sechs Monate bei sich behalten – so lange sie das Kind stillen. In vielen Gefängnissen gibt es für diese Frauen keine eigene Abteilung. Es wird einfach eine Zelle als „Berçário“ (Kinderstube) deklariert – mitten unter den anderen Frauen.
  • Die Frauengefängnisse sind in ihrer Mehrzahl alte, renovierte Männergefängnisse. Die Haftbedingungen sind „männlich“, auch für die Frauen. Wer schon Fotos von den brasilianischen Gefängnissen von mir gesehen hat – da gibt es keinen Unterschied zwischen Frauen- und Männergefängnisse. Es sind die gleichen Baustrukturen und Ordnungsregeln, Überbelegungen, Wassermangel, nicht ausreichende medizinische und juristische Betreuung etc. Der kleine Unterschied besteht darin, dass die Zellen rosa gestrichen sind und aufgeräumter scheinen. Besonders krass wird dies, wenn die Anstaltskleidung aus dem gleichen groben Stoff und Schnitt wie bei den Männern auch für Frauen benutzt wird. Heidi, meine Vorgängerin in der nationalen Frauenseelsorge, sagte mal: „Die Frauen im Gefängnis werden wie „Männer mit Menstruationzyklus“ behandelt.

Heute nur mal ein kleines Reinschnuppern in dieses Thema „Frau im Gefängnis“. Ihr werdet sicher in nächster Zeit noch mehr von mir davon hören. In den nächsten Wochen bin ich beschäftigt mit der Sammlung von Texten und Themen für eine kleine Fortbildungsbroschüre für die Gefängnisseelsorger/innen, die hauptsächlich mit den Frauen in Haft arbeiten. Auch wollen wir die bereits veröffentlichten 40 Gottesdienstvorlagen für spezielle Themen für die Frauen in Haft ausweiten, zum Beispiel Meditationen über die Frauen in der Bibel, Prophetinnen im Alten Testament und über die Begegnungen Jesu mit den Frauen. Na ja, es wird „groß werden“, wie schon unser Ordensgründer, der Herz-Jesu-Missionar Pater Christian Moser MSC vor fast 60 Jahren sagte. Also es gibt viel zu tun.

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