Eine Nachtwanderung durch das innerste Afrika

In meinen Arbeiten im Südsudan komme ich weit herum. So will ich von einer Erfahrung berichten, die ich im Innersten Afrikas gemacht habe. In der Pfarrei Tali, eine Tagesreise von Juba, der Hauptstadt entfernt, mitten im äquatorialen Afrika bauen wir derzeit eine Hauptschule und ein Schwesternhaus. In der Pfarrei dort, die erst vor sechs Jahren wiedereröffnete werden konnte, lebt Pater Markus aus Pottenstein mit zwei Mitbrüdern aus dem Südsudan. Seit kurzer Zeit ist auch eine international aufgestellte Schwesterngemeinschaft vor Ort, die aber noch notdürftig untergebracht ist.

Zurzeit ist Regenzeit und wenn diese einmal angefangen hat, dann regnet es richtig. Das große Becken des Südsudans ist topfeben und es sammelt sich sehr viel Wasser in vielen kleinen Niederungen. Die Erdwege – als einzige Verbindungen – sind dann fast nicht mehr passierbar.

Vor einigen Wochen sind wir auf der Rückfahrt von Tali, die wir schon um 5 Uhr früh begonnen hatten, stecken geblieben. Und das schon nach rund 60 km. Wir hatten noch 120 km vor uns. Ich hatte eine Mitfahrgelegenheit mit einem kleinen Lkw des Bauunternehmers Mattia. Schon nach wenigen Stunden Fahrt sind wir total aufgesessen, aber wir kämpften bis in den Abend hinein. Die Natur ist gerade in der Regenzeit wirklich extrem. Die Männer, die mit dabei waren, sind echte Draufgänger und haben versucht, den Wagen immer wieder aus den Sümpfen raus zubringen: mit Schaufeln, Steinen, Zweigen und anderen Hau-Ruck-Techniken.

Als gar nichts mehr ging, bin ich dann mit Mattia fast 40 km zu Fuß weitergezogen, bis tief in die Nacht hinein, mitten durch zum Teil 500 m lange Sümpfe mit einer Tiefe von ca. 80 cm. In diesen Tümpeln, die natürlich auch die Wege kreuzen, gibt es wahrhaftige Froschkonzerte. Diese waren gewaltig anzuhören. Heute noch klingen sie in meinen Ohren. Überhaupt habe ich noch nie eine so kraftvolle Natur erlebt. Überall findet sich überquellendes Leben. Überall krabbelt oder bewegt sich was oder macht sich durch exotische Laute bemerkbar. Ungefähr auf halber Strecke, so um ca. 11 Uhr nachts, fanden wir dann an einer Wegkreuzung einen Wasserbrunnen mit Handpumpe und waren heilfroh darüber. Mattia meinte, wir sollten hier übernachten. Nahe des Brunnens war eine heruntergekommene Schule. Ich wollte aber eigentlich, schon wegen der Mosquitos, die Nacht im Laufen verbringen. Dann ließ ich mich aber doch überzeugen und wir legten uns auf dem Betonboden der Schule nieder. Zuvor haben wir noch – ohne Erfolg – nach einem „Watchman“ Ausschau gehalten. Als wir aber so ein bisschen dahin dösten, hatte ich plötzlich einen Lichtstrahl einer Taschenlampe im Gesicht. Gott sei Dank konnte Mattia ein bisschen Arabisch und erklärte dem Mann unsere Lage. Er meinte, sein Gewehr versteckend, dass er uns schon gesehen habe, aber sich nicht melden wollte. Immer wieder gibt es hier versprengte Soldaten, mit denen er nichts zu tun haben will, erklärte er uns. Nachdem wir aber „entdeckt“ waren, war mir wohler und ich konnte immer wieder ein wenig einnicken, natürlich auf den Morgen wartend.

Bei der „Nachtwanderung“ hatte ich am Anfang etwas Angst (Schlangen im Sumpfwasser, andere Gefahren und Menschen, die sich durch Durchziehende angegriffen fühlen), aber nach einer halben Stunden Marsch im Mondlicht habe ich festgestellt, dass man läuft wie ein Soldat. Alle Geräusche und Bewegungen des Dschungels werden dann einem vertraut und nach einer gewissen Zeit machten mir auch die Männer mit ihren Kalaschnikows nicht mehr so viel aus. Denn jeder Mann hier hat eine Waffe zur Selbstverteidigung oder für geplante Rinderdiebstähle.

Auch habe ich, während dieser doch extremen Erfahrung für mich, die gutherzige Art meines Kollegen Mattia erlebt, der wirklich die Fähigkeit hat, mit Menschen gut umzugehen und eine Ruhe ausstrahlt. Ich spürte seine Verbundenheit in Gott und das daraus resultierende Vertrauen nämlich, dass es immer wieder weiter geht und doch letztendlich gut ausgeht. Mattia kennt einige notwendige Sprachen, die hier gesprochen werden, und das war eine große Hilfe. Leid hat mir nur der Mopedfahrer getan, den wir dann schlussendlich am nächsten Tag um die Mittagszeit getroffen haben und der uns in einer Drei-Stundenfahrt durch den Busch auf einem kleinen Moped zu dritt nach Rockom gebracht hat. Beim Sturz, den wir wegen des Regens hatten, hat er sich ganz schön den Unterschenkel verbrannt. Aber einen Schmerz hat er nicht gezeigt.

So bin ich ungeplant in das Innerste Afrikas vorgedrungen. Dabei habe ich Gehöfte, Menschen und eine Natur angetroffen, die wohl vor 500 Jahren nicht viel anders waren. Insgesamt haben die Menschen auf mich eine große innere Ruhe ausgestrahlt und die Gastfreundschaft Afrikas konnte ich auch wieder neu erleben. Die angehängten Bilder können einen kleinen Einblick in die Welt des Südsudans in der Regenzeit geben.

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