Eindrücke aus dem Flüchtlingslager von Idomeni

Seit Wochen gibt es Meldungen in den Nachrichten, dass sich die Flüchtlingsströme aufgrund von Grenzschließungen auf der sogenannten Balkanroute von Nahost und Afrika nach Europa zunehmend stauen. Vor wenigen Tagen wurde die Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland bei Idomeni nahezu vollständig geschlossen. Die Folge ist, dass sich rund 15.000 Menschen vor der Grenze in einem nicht organisierten Lager aufhalten. Nicht organisiert heißt, dass es keine geordnete Lebensmittelversorgung gibt, dass keine offizielle Verteilung von lebensnotwendigen Dingen stattfindet und dass die medizinische Versorgung  nicht existiert.

Die internationale Nichtregierungsorganisation humedica hat – wie auch andere Hilfsorganisationen  – entschieden, Ärzteteams nach Idomeni zu senden. Wie dringend der Bedarf vor Ort in Griechenland ist zeigt die Tatsache, dass es akzeptiert wird, dass ich nur eine Woche in den Einsatz fahren kann – normalerweise sind keine Einsätze unter zwei oder drei Wochen möglich. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich meine Erfahrungen aus den Einsätzen in Afrika und Asien irgendwann mal auf europäischen Boden anwenden sollte und könnte.

Bei der Ankunft im Lager direkt vom Flughafen aus gehe ich durch das Areal, um mir einen ersten Eindruck zu verschaffen. Die Zelte stehen zwischen den Bahngleisen, auf den Bahnsteigen, auf jedem denkbaren freien Fleck, direkt aneinander. Dazwischen brennen oft die stark rauchenden Feuer, auf denen Wasser gekocht oder auch Essen zubereitet wird. Es sind viele hunderte von Zelten, meist kleine Campingzelte, gelegentlich erweitert mit Decken und Folien. In bestimmten Bereichen stehen auch Großzelte mit Betten, die von Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, UnHCR, Rotes Kreuz und anderen Organisationen aufgebaut wurden. Hier sind auch „sanitäre Anlagen“ vorhanden, die von allen benutzt werden: rund 30 Dixi-Toiletten an einer Stelle, daneben die Waschcontainer, etwas weiter unten ist ein (neu erstandener?) See, auf dem viel Unrat schwimmt. Man hat das Gefühl, dass die Toiletten auch nicht immer ihr „Dichtigkeitsversprechen“ halten und manchmal etwas in den See ablassen. An mehreren Stellen sind solche Plätze aufgebaut. Auch wenn wirklich täglich zweimal versucht wird, diese Toiletten zu reinigen, bei der Vielzahl der Menschen reichen sie einfach nicht aus und die Verschmutzung der Häuschen passiert ziemlich schnell immer wieder.

An der zentralen Stelle, neben dem Lager der griechischen Polizei, ist ein mit Drahtverhau abgeschirmter Gang, der direkt zur Essensausgabe führt. Wenn hier die Uhrzeit gekommen ist, ist es schon ein stark gewöhnungsbedürftiges Bild, wenn die dichten Menschmassen in diesem Käfiggang stehen, um zu ihrem Essen zu gelangen. Aber es ist nicht sinnlos. Vor Kurzem wurde die Essensausgabe an einem Tag ausgesetzt, weil vorher die Essensverteiler – freiwillige Helfer – von einer kleinen Gruppe militanter Flüchtlinge mit dem Essen beworfen wurden. Sie wollten Forderungen mit einem Hungerstreik durchsetzen und mit dieser Aktion alle anderen zum Mitmachen zwingen. Andere solche Aktionen sind zum Beispiel das Absperren der Autobahn. Das alles wird natürlich immer medienwirksam inszeniert. Wie übrigens die Presse sehr oft hier vertreten ist. Praktisch jeder von uns wird von Journalisten angesprochen, zu einem Interview gebeten, telefonisch oder persönlich. Wir versuchen unsere Arbeit und Motivation zu erklären und enthalten uns jeder politischen Stellungnahme.

Politik – auch für uns ist es nicht so ganz einfach, hier zu arbeiten: Es dauert einige Tage bis wir von der inoffiziellen Duldung dann die Erlaubnis der griechischen Ärztekammer haben, hier als mobile Klinik im Lager auf griechischen Boden arbeiten zu können.

Unsere Arbeit: Jeden Morgen fahren wir über die griechisch-mazedonische Grenze zum Lager. In den griechischen Dörfern und Städtchen in der Umgebung des Lagers finden wir einfach keine Unterkunft. Die Bereitschaft, Unterkünfte zu vermieten ist sehr stark eingeschränkt oder die Preise sind massiv überteuert für ziemlich heruntergekommene Häuser. Also sind wir in einer mazedonischen Unterkunft kurz hinter der Grenze. Wir holen aus einem der anderen Lager unseren Übersetzer ab, fahren anschließend zu unserem Standplatz am Bahnhof und bauen aus dem Sprinter heraus unser Vorzelt auf. Hierin befinden sich eine der Behandlungsplätze und die Medikamentenausgabe zusammen mit dem Wundbehandlungs- und Versorgungsplatz für die Verbände und Ähnliches. Im Wagen ist der zweite Behandlungsplatz. Ein Arzt und der Übersetzer sind immer beim Patienten und versuchen, so gut wie eben möglich, eine Diagnostik zu erstellen und mit den vorhandenen Mitteln eine adäquate Therapie durchzuführen. Natürlich sind da Grenzen gesetzt. Die eventuell empfohlene Krankenhausbehandlung wird in den allermeisten Fällen nicht durchgeführt – aus Geldmangel, aus Angst nicht zurückzukommen oder auch anderen für uns nicht nachvollziehbaren Gründen.

Wir sehen die üblichen grippalen Infekte, Bronchitiden und Lungenentzündungen, Sonnenbrände, Verbrennungen von den offenen Feuern, Erschöpfungszustände, aber auch chronischen Erkrankungen (bei denen die benötigten Medikamente ausgehen), Kriegsfolgen und akute Verletzungen von Rücktransporten aus mazedonischem Gebiet, wo Kontakt mit der dortigen Polizei stattgefunden hat. Vom 27 Tage alten Säugling bis zum 85 jährigen Opa – auf alle Altersklassen sind wir eingestellt. Bis zu 33 Grad hatte es schon, alles wird staubig und der Helikopter, der vormittags und nachmittags teilweise stundenlang über dem Lager kreist, führt nicht unbedingt zu einer ruhigen Atmosphäre. Ebenso die Tatsache, dass nicht klar ist, wie lange das Lager überhaupt noch besteht – morgen schon die Räumung oder in den nächsten Tagen – oder überhaupt nicht. Eine Räumung würde wohl mit ziemlicher Unruhe einhergehen – es bleibt abzuwarten und spannend.

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