Ein katholischer König in einem katholischen Spanien?

Damit hat keiner gerechnet. Don Juan Carlos I de Borbón ist als König von Spanien zurückgetreten und will Krone und Zepter in die Hände seines Sohnes Felipe legen. Was man von anderen europäischen Königshäusern her schon kennt, ist in der erst knapp 40 Jahre alten Verfassung der demokratischen Monarchie Spaniens eigentlich nicht vorgesehen. Der König von Spanien bleibt Oberhaupt seines Volkes bis zum Tod. Juan Carlos hat aber entschieden, mit dieser Tradition und mit diesem Artikel der spanischen Verfassung zu brechen.

Hat der König von Spanien von Papst Benedikt XVI. gelernt? Vor eineinhalb Jahren überraschte der Bischof von Rom die ganze katholische Kirche, ja die ganze Welt mit seinem Rücktritt als Papst. Und keine andere Entscheidung in seinem achtjährigen Pontifikat hat ihm mehr Sympathie und Bewunderung eingebracht als dieser „letzte Schritt“. Wollte sich auch Don Juan Carlos nach 39 Jahren König von Spanien mit seinem final cut nochmal die Sympathie und Bewunderung der Spanier sichern?

„Durch sein Abdanken hat der König Spanien, seiner Familie und sich selbst einen Gefallen getan“ sagte der Journalist Salvador Aragonès, Professor an der Universidad Internacional de Cataluña, in „Ràdio Estel“, dem katholischen Rundfunk Kataloniens. Denn, so schreibt die katholische Wochenzeitung „CatalunyaCristiana“, die Gründe für das Abdanken Juan Carlos‘ liegen neben der ökonomischen, sozialen, politischen und institutionellen Krise Spaniens vor allem im Prestigeverlust der spanischen Monarchie. Mit Elefanten-Safari, außerehelichen Affären und Vaterschaftsklagen hat der 76jährige Monarch in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Das war aber nicht immer so. „Sein Dienst am spanischen Volk ist von einem außergewöhnlichen Wert gewesen“, bescheinigte auch die spanische Bischofskonferenz dem scheidenden König.

Die katholischen Bischöfe haben damit ausgedrückt, was die große Mehrheit der Spanier empfindet. Sie alle wissen, was sie ihrem König verdanken: nichts weniger als die Demokratie. Und vor allem auch eine friedliche und unblutige Einführung der Demokratie nach einem grausamen Bürgerkrieg (1936 – 1939) und einer brutalen Militärdiktatur (1939 – 1975). Gleich in den Jahren nach den wilden 68ern, als sich das revolutionäre Studentenvolk Europas mühevoll von den „Fesseln“ der Traditionen, des Bürgertums und der Kirchen befreien wollte, jubelt das spanische Volk Juan Carlos de Borbón zu, dem letzten Nachkommen des Jahrhunderte alten französischen Königshauses, das bis zu den unglückseligen Republiken Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts den spanischen Monarchen stellte.

„Los reyes católicos“ werden Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon genannt. Papst Alexander VI. höchstpersönlich hat ihnen den Titel aufgrund ihrer großen Verdienste für die Kirche verliehen. Mit ihrer Hochzeit 1469 haben die beiden die zwei mächtigsten Königreiche der iberischen Halbinsel vereint und damit den Grundstein für das heutige Spanien gelegt. Ihr großer Erfolg war die Reconquista (Rückeroberung) der über Jahrhunderte von den Mauren besiedelten Gebiete. 1492 wurde Muhammad XII., der letzte in Spanien verbliebene Emir, aus seinem märchenhaften orientalischen Palast in Granada, der Alhambra, vertrieben. Im gleichen Jahr haben die „katholischen Könige“ alle Juden gezwungen, das Land zu verlassen oder sich taufen zu lassen. Und schließlich setzt im selben Schicksalsjahr 1492 mit der Entdeckung Amerikas von Spanien ausgehend eine Eroberung und damit auch Christianisierung der Neuen Welt ein. Über zwei Jahrhunderte lang war nun Spanien die katholische Weltmacht, von der das Evangelium in alle Teile der ganzen Erde getragen wurde. Katholische Kirche und spanisches Königshaus waren immer eng miteinander verflochten und die Könige sahen sich als die von Gott berufenen „Aposteln“ ihrer Zeit. Außerdem kennt Spanien keine Reformation und Spaltung der Kirche, wie sie im 16. Jahrhundert in Deutschland stattgefunden hat. Spanier sein bedeutete Katholik sein.

Und heute? Wie katholisch ist Spanien heute? Die religiöse Situation der spanischen Gesellschaft heute ist vor allem geprägt von dem Staatskatholizismus der Franco-Ära. 36 Jahre wurde alles Nicht-Katholische von Seiten der Diktatur systematisch unterdrückt. Mit Hilfe eines religiösen Drucks hat die weltliche Macht versucht, das Volk im Zaum zu halten. Und nicht selten haben die Vertreter der Kirche die Machenschaften des Militärs gedeckt, um damit die eigene Autorität in der Gesellschaft zu stärken. So empfanden die meisten Spanier den Tod General Francos im Jahre 1975 nicht nur als Befreiung von einer politischen Unterdrückung, sondern auch gleichzeitig als eine Befreiung von einer religiösen und moralischen Unterdrückung durch die katholische Kirche. Endlich fühlte man sich befreit von jeder Fremdbestimmung des eigenen Lebens. Und den König, wie gesagt, den ließ man nur gelten, weil man ihm diese Freiheit ja verdankte.

Nur knapp 35 Prozent der steuerpflichtigen Spanier wollten 2012 ihre Renta der Kirche zukommen lassen. (Eine für jeden Steuerzahler verpflichtende Sozialabgabe, bei der man wählen kann, welcher Einrichtung oder Institution sie zukommen soll.) In Katalonien waren es sogar unter 20 Prozent. Hier sind in den letzten 26 Jahren zum Beispiel auch die kirchlichen Eheschließungen von 76 Prozent auf nur noch 19,4 Prozent zurückgegangen. Von einem katholischen Spanien kann man heute also nicht mehr sprechen. Nach zwei Generationen „Freiheit“ scheint mir außerdem auch ein christliches Bewusstsein und Wissen in der Bevölkerung Spaniens immer mehr zu verschwinden. Christliche Traditionen und Bräuche verkümmern vielfach zu einer oberflächlichen Folklore.

Noch am selben Tag der Abdankung des spanischen Königs versammelten sich auf der Puerta del Sol von Madrid 20.000 und auf der Placa Catalunya von Barcelona 5.000 Demonstranten, die die Abschaffung der Monarchie und die Einführung der III. Republik forderten. Obwohl Kronprinz Felipe noch völlig unbeschadet ist von Skandalen und einen weitaus besseren Ruf genießt als fast alle Politiker, kann er im Unterschied zu seinem Vater nicht mehr mit einem Vertrauensbonus im Volk rechnen. Das einzige, was zählen wird, ist, wie der Thronfolger seine königliche Macht zum Wohl Spaniens einsetzen wird. Ähnlich wie bei der katholischen Kirche. Das einzige was für die Spanier zählt, ist, wie sie sich zum Wohl der Menschen einsetzt. Und was das Wohl der Menschen ist, das lässt man sich von keiner Institution mehr vorschreiben, das definiert jeder für sich selbst.

Ein katholischer König in einem katholischen Spanien? Ja und Nein. Nur wer aus den Veränderungen, den Krisen und Verlusten lernt und Konsequenzen zieht, der wird einen neuen, anderen und vielleicht auch besseren Weg in die Zukunft finden. Das gilt für Könige, und das gilt für die katholische Kirche.

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