Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 2

Die Trauer klopft an die Tür.

Entkommen kann man ihr nicht, besonders hier, wo man ohne große Ablenkung sich selbst ausgesetzt ist. Mal streift sie einen wie eine Katze, mal steht sie an der Tür wie eine Bettlerin und will herein. Sie gibt sich nur selten ehrlich zu erkennen. Würde sie sichtbar kommen, könnte ich sie erkennen. Aber sie wird ausgelöst von mitmenschlichen Banalitäten, die die innere Stabilität ins Wanken bringen und unerwartet einen dunklen Raum eröffnen. Da steht man nun, leicht geneigt sich dem Selbstmitleid zu ergeben.

Aufgewülte Seelenstimmung. Foto: Andrea Krebs
Aufgewülte Seelenstimmung. Foto: Andrea Krebs

Was ich lerne: Der Trauer oder Traurigkeit Aufmerksamkeit zu schenken, sie auszuhalten und zu versuchen, herauszufinden, was sie mir eigentlich sagen will. Denn sie hat eine Botschaft, keine „Weltschmerz-leg-Dich-ins-Bett-Botschaft“, sondern sie spricht von Realitäten, die angenommen werden wollen: Vom Alleinsein, von der Einsamkeit, dem Übriggebliebensein, von verloren gegangenem Lebenssinn. Sie fragt mich, wer ich eigentlich bin, wozu ich hier bin, was ich eigentlich auf der Welt will. Unter ihrem Mantel bringt sie dunkle Gefühle mit, die lahm legen wollen. Ich lerne, ihr nicht die Tür zuzuschlagen, sondern mit der Trauer zu kooperieren, sie quasi auf einen Kaffee einzuladen, ihr Raum und Zeit zu geben. Ich schaue sie an, ich höre ihr zu, lasse mich aber nicht gängeln, von dem was sie im Koffer hat und auspacken will: Selbstmitleid, Beschuldigung, Ärger, Wut.

Weil sie immer wieder kommt, in verschiedenen Verkleidungen. lerne ich, ihr aktiv und kreativ zu begegnen: Ich stehe auf, koche einen Tee, gehe raus, schwimme, bete, nähe, spreche mit jemanden und sage ihr auf diese Weise: auf Wiedersehen (für heute). Ich hoffe, dass ich mit der Zeit ihre Botschaft immer besser verstehe und in Liebe die Wahrheit annehmen kann: Dass ich einsam, allein und manchmal übrig bin, anders als alle um mich herum.

Ich weiß: Gottes Liebe umfasst mein Sein und seine persönliche Liebe und Nähe füllt mit Leben, wo ich Mangel spüre. Ein Hauch seiner Liebe langt, dass ich wieder fröhlich werde. Und dann ist sie auch wieder weg, die Trauer, wie ein Blütenblatt im Wind.

Soror in Seculo (Schwester in der Welt)

Im „liturgischen“ Tabgha lebe ich mit fünf Mönchen, oft kommen die Brüder von Jerusalem, dann wird es im Oratorium ganz dunkel wegen der schwarzen Habite. Am Gottesdienst um 7 Uhr nehmen die sechs philippinischen Schwestern teil. Besucher sind in der Mehrzahl Priester und Ordensleute, besonders in der Winterzeit, in der der Gastbetrieb eher ruht. Oft bin ich die einzige „Andere“, was gelegentlich ein deutliches Unbehagen in mir auslöst. Denn in der katholischen Kirche versteht man unter besonderer Christus-Nachfolge gern, Priester oder Ordenschrist zu sein. Dass die Ehe ein sehr lebendiger Ort gestalteter Liebe zu Gott und dem Nächsten sein kann, der dem Leben dient, indem man der Welt geliebte Menschen schenkt, die die Zukunft mittragen, ist eher unterbelichtet. Ich schätze es sehr, dass es Klöster gibt und achte jeden, der sein Leben auf diese besondere Weise Gott zur Verfügung stellt, muss aber für mich selbst immer wieder feststehen darin, dass ich als getaufte Christin, quasi „Soror in Seculo“, als „Schwester in der Welt“, wie es die Heilige Elisabeth ausdrückte, Gott meine Antwort auf seinen Anruf gebe. Ich führe keinen Titel, erfahre keine Ehrung aufgrund meiner äußeren Erscheinung, bin einfach nur das, was ich bin. Bei Jesus selbst bin ich in bester Gesellschaft, er war auch „nur“ er selbst. Nicht, dass mich irgendjemand jemals zweitklassiger behandelt hätte. Im Gegenteil, ich empfinde Respekt, Achtung und Wohlwollen. Es ist einfach das Dasein in einem anderen Umfeld, das mir helfen kann, herauszufinden, was ich bin und was nicht. Bisher habe ich herausgefunden, dass ich eine vollwertige Christin ohne Ordensstand bin:)

Arabische Freunde. Jüdische Freunde.

Man darf sie leider nicht in einem Satz zusammenfassen, das geht nicht. Ich liebe sie von Herzen, die arabischen Mitarbeiter, meist Christen, die hier ihre Arbeit tun: Zuhad, und Rodaina in der Küche, Aosayma und Adel in Laden und Verwaltung, Nizar, der weit mehr ist als ein Hausmeister und außerdem fließend deutsch spricht, Munir und Murat im Kiosk, die Mädels im Souvenirshop. Von manchen weiß ich, wo und wie sie wohnen, kenne ihre Familien und weiß um die warmherzige, liebenswürdige Gemeinschaft in ihren Familien. Man meint, der halbe Ort sei miteinander verwandt. Der größte Teil aller Freizeit ist den gegenseitigen Familienbesuchen gewidmet.

Wegbereiter. Foto: Andrea Krebs
Wegbereiter. Foto: Andrea Krebs

Die Zusammenarbeit empfinde ich sehr angenehm, wir kochen verschieden, lernen gern voneinander, arbeiten aufeinander zu und schmecken gegenseitig unsere Gerichte ab. Dabei bleiben wir fröhlich verschieden. Habe ich mal ein Problem und spreche mit Nizar oder Zuhad, so wird es schnell verschwindend klein und wir lachen zusammen. Ein Tipp von Zuhad: “Don’t think about it, it was yesterday, that is past!” Man sitzt hier gern und oft zu einer arabischen Kaffeepause zusammen und erzählt sich leichte und lustige Banalitäten. Diese Kaffeepausen sind nach außen vielleicht Zeitschinder, haben aber eine hohe mitmenschliche Qualität und stabilisieren Gemeinschaft.

Auch in Beith Noah habe ich bei den kleinen Nähprojekten mit den Behinderten wunderbare engagierte arabische und jüdische Menschen kennengelernt, die sich mutig und mit Hingabe dafür einsetzen, dass Menschen mit Behinderung wertvolle Menschen sind mit einem Recht auf Lebensqualität und Förderung. Dabei sind die religiösen Hintergründe ganz unterschiedlich. Tabgha ist einer der wenigen Orte des Landes, wo die Verschiedenheit respektvoll gelebt wird.

Ich mag die Menschen hier gern, diese unbeschwerte und vom Herzen gesteuerte Mentalität. Mit einer liebenswürdigen, jüdischen Freundin und ihrem Mann durch den – für unsere Verhältnisse – schmutzigen Suk zu gehen und im quirligen Durcheinander energisch-fröhlicher Verhandlungen für einen guten Preis einzukaufen, und danach zu einem Treffen jüdischer Künstlerinnen zu gehen, die miteinander malen, macht mich glücklich.

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 1

Die sieben Quellen von Tabgha – Teil 3

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