Das Evangelium mit Freude verkünden

Die Freude, die aus dem Evangelium kommt und das Herz des Menschen erfüllt, ist für Papst Franziskus das wesentliche Kennzeichen derer, die Jesus begegnet sind. Ihr hat er sein Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium (EG) gewidmet, das er selbst als programmatisch für sein Pontifikat bezeichnet.

Was sind die Inhalte? Wie können sie in die Pastoral Eingang finden? Welche Bespiele in aller Welt sind hilfreiche Wegweisung? Diesen Fragen widmete sich vom 18. bis 20. September 2014 im Vatikan eine internationale Pastoralkonferenz mit dem Titel „Das Evangelium mit Freude verkünden“. Etwa 2000 Vertreter aus mehr als 60 Ländern folgten den Beiträgen der 20 Referenten aus allen Kontinenten, die der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung eingeladen hatte. Für das Bistum Eichstätt nahmen Prälat Dr. Christoph Kühn, Beauftragter für die Angelegenheiten der Weltkirche und stellvertretender Hauptabteilungsleiter für Pastoral und kirchliches Leben, und Dr. Markus Oelsmann, Referent in der gleichen Hauptabteilung des Bischöflichen Ordinariates, gemeinsam mit Carolin Kissling (Sachausschuss „Pastorale Ent­wicklung“ des Diözesanrates) und Maria Groos (Diözesanpastoralrat) an dem Kongress im Vatikan teil.

Eichstätter Teilnehmer des Pastoralkongresses im Vatikan (von links nach rechts): Dr. Markus Oelsmann, Maria Groos, Prälat Dr. Christoph Kühn und Carolin Kissling. pde-Foto: Privat
Eichstätter Teilnehmer des Pastoralkongresses im Vatikan (von links nach rechts): Dr. Markus Oelsmann, Maria Groos, Prälat Dr. Christoph Kühn und Carolin Kissling. Foto: Privat

Den Auftakt machte Jean Vanier, der 76 Jahre alte Gründer der Lebensgemeinschaften der „Arche“, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben. Er erzählte von Pauline, einer der ersten Personen, die er aufgenommen hat. Sie war blind geboren, von ihrer Familie und Umgebung abgelehnt, und schließlich gewalttätig geworden. Ihr Leben war für Vanier ein Schrei: „Gibt es jemand, der mich liebt, der mich anschaut, der mit mir leben will?“ In der Wohngemeinschaft erfuhr Pauline Annahme, Zärtlichkeit und Liebe. Nach einer Weile verschwand ihre Aggressivität. Jean Vanier betonte: Dies ist der Schrei aller Armen, auf den es zu antworten gilt. Auch die Helfenden verändern sich dabei. Viele kommen anfangs aus einer Großzügigkeit heraus, und sie gehen nach einiger Zeit als Personen, die ihre eigene Bedürftigkeit kennen gelernt haben. „Ich brauche Dich“ – für Vanier sind das die „Zauberworte“, die die Grundlage des Glaubens und der Freundschaft darstellen. Beredtes Zeugnis für die Freude, die dabei in ihm selbst lebt, sind seine strahlenden Augen, die ihm trotz seines Alters eine große Jugendlichkeit verleihen.

"L'Arche"-Gründer Dr. Jean Vanier mit Kongressteilnehmern. Foto: Privat
„L’Arche“-Gründer Dr. Jean Vanier mit Kongressteilnehmern. Foto: Privat

Theologisch griff ein Vortrag über „Die kerygmatische Verkündigung“ diese Lebenserfahrung auf. Das Kerygma ist die Erstverkündigung, die lautet: „Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien…“ Sie ist die „erste“ im qualitativen Sinn, denn sie ist die hauptsächliche Verkündigung, die man immer wieder auf verschiedene Weisen neu hören muss und die man … immer wieder verkünden muss.“ (EG 164). Nur so, das betonte der Referent Xavier Morlans i Molina aus Barcelona, könne der ursprüngliche Sinn des christlichen Glaubens als persönlicher und gemeinschaftlicher Begegnung mit Christus wiedergewonnen werden. In ihr komme die Anziehungskraft Gottes auf den Menschen zum Ausdruck.

Das zeigte in sehr lebendiger Weise der Beitrag von Erzbischof Kardinal Barbarin aus Lyon über die Pastoral in großen Städten. Er stellte klar, dass die Mission nichts „Zusätzliches“ ist, sondern ganz einfach der Natur des Menschen entspricht. So ist es auch in Evangelii Gaudium beschrieben: Wer von Freude ergriffen ist, der will diese Freude den Mitmenschen mitteilen und sucht Wege dazu. So war zum Beispiel in der Vergangenheit das Fest Unbefleckte Empfängnis in Lyon ein sehr wichtiger Tag, jedoch von Seiten der Kirche begrenzt auf die Kathedrale der Stadt. Die Türen aller anderen Kirchen waren verschlossen. Eine Frau ergriff die Initiative, um mehr Kirchen zu öffnen für alle, die mit ihren Freuden und Leiden dort Aufnahme suchten. Mittlerweile gibt es 1.500 „Missionare des 8. Dezember“, die den Besuchern heiße Schokolade ausschenken, ihnen zuhören und mit ihnen beten. Drei Millionen Menschen kommen in vier Tagen in die Stadt – eine riesige Zahl, und darunter viele Suchende. Das Wahrnehmen des einfach Notwendigen im Alltag der Menschen hat eine neu gelebte Spiritualität und Solidarität in alten und neuen Strukturen hervorgebracht, die ihren Grund in einer Beobachtung von Kardinal Lustiger von Paris haben: „Die Kraft der Liebe errichtet die Stadt. Wer möchte sich nicht davon anstecken lassen?“

So ging es dem Zuhörer auch unwillkürlich bei den Ausführungen des Wallfahrtsdirektors von Lourdes, Pater Horacio Brito, über die Volksfrömmigkeit. Er zeigte sich sehr bewegt über die vielen einfachen menschlichen Gesten, die er bei den Wallfahrten beobachten kann. Sie bringen das Vertrauen der Menschen in Gott gerade im Leid zum Ausdruck. „Wer kann nicht bewegt sein, wenn eine Mutter ihr krankes Kind an den Felsen von Massabielle drückt?“ Die Volksfrömmigkeit zeigt, dass durch die Gnade des Heiligen Geistes ein ganzes Volk mit der ihm eigenen Kultur fähig wird zur Verherrlichung Gottes. Alle werden einbezogen, auch die Armen, auch diejenigen, die nicht einmal einen offiziellen Status haben. Vielleicht haben nicht alle ein klares Bewusstsein ihres Glaubens, aber gerade hier liegt ja eine Chance der Neuevangelisierung. Das Gebet sowie die Feier der Eucharistie und des Sakramentes der Buße sind wesentlich, damit der offenbarte Glaube vertieft und das Band mit Gott erfahrbar wird.

Jeder Vortrag – als Lebenszeugnis oder als anthropologisch-theologische Darstellung – hob eine der zahlreichen Facetten von Evangelii Gaudium hervor. Der Wert der Familie, die Bedeutung der Begegnung und der Schönheit, die Notwendigkeit der Nutzung Sozialer Medien oder die Darstellung historischer Bezüge zu päpstlichen Verlautbarungen früherer Jahre. In allem schien die Vielfalt auf, die uns zur Verkündigung gegeben ist. Und immer war dabei eine der großen Betonungen von Papst Franziskus deutlich, nämlich das Hinausgehen in die Peripherie, dort wo die menschliche und materielle Armut am größten ist.

Begegnung der Kongressteilnehmer mit Papst Franziskus. Foto: Privat
Begegnung der Kongressteilnehmer mit Papst Franziskus. Foto: Privat

Der Papst selbst ließ es sich schließlich nicht nehmen, am Freitagnachmittag persönlich an der Begegnung teilzunehmen. Mit ansteckender Lebendigkeit und Freude betrat er den Saal, um das Wort an die Teilnehmer zu richten. Er betonte noch einmal, dass die Evangelisierung die Hauptaufgabe der Kirche sei. Er verglich die Kirche mit einem Feldlazarett mit vielen verwundeten Menschen, die von uns das erbitten, was die Menschen von Jesus erbeten haben: ein Zeichen der Nähe, der Güte, der Solidarität und der Barmherzigkeit Gottes. Jede einzelne Aktivität muss aber von der Aufmerksamkeit auf die einzelne Person und ihre Begegnung mit Gott gekennzeichnet sein. Eine Pastoral ohne Gebet und Kontemplation könne niemals die Herzen der Menschen erreichen und den Samen des Wortes Gottes aufkeimen lassen. Sein Schlusswort lautete: „Lasst uns säen und Zeugnis geben. Das Zeugnis ist der Anfang einer Evangelisierung, die das Herz berührt und es verwandelt.“ Folgen wir ihm!

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