Christliche Werte: Zündstoff oder warme Luft?

Im Blick auf die veränderte Gesellschaftliche Situation verweisen Bundeskanzlerin und Landrat in Ihren Ansprachen zum Neuen Jahr auf die christlichen Werte und wenn rechts-populistische Gruppierungen von den Werten des Abendlandes sprechen, dann meinen sie nichts anderes als diese.

Seit wenigen Wochen bin ich zurück aus dem Südsudan. Ich fahre auf Straßen, die ich nicht gebaut habe, lebe in einem Haus wozu ich vor vielen Jahren beim Bau nur ein wenig beigetragen habe. Es gibt eine Heizung, Krankenversorgung und so vieles mehr. So viele Bequemlichkeiten finde ich vor und nehme sie nicht einfach selbstverständlich. Ich lebe gewissermaßen auf dem Erbe meiner Vorfahren und eigentlich nicht schlecht.

Möglicherweise ist es auch so mit den sogenannten christlichen Werten. Wir sind gewohnt, dass das Gemeinwohl funktioniert, eine Abmachung gehalten wird, Recht und Ordnung eingehalten werden. Die soziale Verantwortung des Staates steht außer Zweifel. Die Glaubwürdigkeit ist ein großes Ideal.

Also alles geerbt? Eine alte Bauernregel, genauer gesagt Goethe, schreibt. „Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“.

Wahrscheinlich ist es notwendig, die christlichen Werte immer wieder neu zu buchstabieren und in die Zeit zu übersetzen. Nichts ist selbstverständlich und auf Dauer. Wenn die christlichen Werte nicht immer wieder neu erworben werden – um im Bild der Bauernregel zu bleiben –, dann wird es sie nicht mehr geben. Dann sind sie Muster ohne Wert.

Was aber sind die christlichen Werte? Viele Jahre habe ich Afrika verbracht. Extrem waren die vergangenen drei Jahre mit kriegerischen und militärischen Auseinandersetzung geprägt von Hassreden, Misstrauen und teilweise menschlicher Verrohung. Das ist das Erbe der Menschen im Südsudan nach vielen Jahren Krieg und jetzt Stammeskriegen. Die Fähigkeit zur Rache ist ein Wert, der das Überleben sichert. Nächstenliebe bis hin zur christlich geforderten Feindesliebe ist eine Utopie und passt eigentlich nicht in das Denken. Bei aller Frömmigkeit und Religiosität ist das wahrhaft Christliche nur bei einzelnen, nicht aber in der Gesellschaft aufgebrochen. Das macht den missionarischen Einsatz mühsam, aber umso mehr „Not-wendend“.

So habe ich oft die Abwesenheit der christlichen Werte erfahren und bin zur Überzeugung gekommen, dass nur sie eine bessere Gesellschaft schaffen können. Wüsste ich einen besseren Glauben, dann würde ich diesen hier vorschlagen. Jesus Christus stellt das „Allzu Menschliche“ auf den Kopf und zeigt einen Weg aus dem Teufelskreis des Misstrauens, des Hassens, der Angst, der Eifersucht und des Zukurzgekommenseins.

Christliche Werte sind ein großes Erbe und verweisen mich auf mein persönliches Bekenntnis zum wahrhaft Christlichen. „Jede Generation muss Christus neu entdecken“ sagt Bischof Gregor Maria in der Jahresschlussandacht. Gesellschaftlich relevant werden die Werte in dem Maße, wie ich sie persönlich umsetze und mein Leben danach gestalte. Deshalb habe ich über die Voraussetzungen nachgedacht, wie die Werte in mir und Dir wachsen können. Wenn ich hier ein paar Gedanken bringe, dann aus meiner Erfahrung (gewissermaßen ohne Gewähr).

  • Als erstes habe ich erkannt, dass die Gebote Gottes in Wirklichkeit Angebote Gottes sind. Angebote zu einem besseren Leben.
  • Gelten-Wollen, Haben-wollen und wie Gott-Sein-Wollen bestimmen entscheidend unser Menschsein. Sie sind eine Reflektion der Versuchungen Jesu und die Einfallstore für unsere Sünden und unser Falsch-Verhalten. Sie zu erkennen und an ihnen zu arbeiten ist unsere erste Christenpflicht. Als Gewinn stellt sich eine innere Freiheit ein.
  • Und zuletzt die Bereitschaft zur Wandlung. Sie ist auch Zentrum und Inhalt einer jeden Heiligen Messe. Christus will nicht unseren „Kirchenzehnt“. Er will uns ganz: also 100% statt 10%. Und gerade diese Wandlung fällt uns so schwer und bleibt ein lebenslanger Prozess. Aber nur die Fähigkeit und Offenheit zur Wandlung lässt uns in unserem „Menschwerden“ (Weihnachten = Gott wird Mensch) vorankommen und zum glücklichen Menschen werden. Dann wird der Glaube eine Therapie für mich und meine Mitmenschen und die Kirche wird zum Lazarett, wie es Papst Franziskus fordert.

Christliche Werte wachsen mit dem Interesse und der Liebe zum Glauben. Wir Christen bestimmen welchen Klang, Farbe und Kraft sie für den einzelnen und die Gesellschaft haben. Wir entscheiden, ob sie Zündstoff oder leere Floskeln sind. Wir müssen sie erkennen und vor allem in den Alltag umsetzen; nicht nur vorsichtig und diplomatisch, sondern, wenn nötig, auch radikal und ungeteilt. Wir sind die Hände, die Füße und das Herz Gottes. Hier und heute. Denn:

„Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“
Gebet aus dem 14. Jh.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.