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Das fünfte Evangelium entdecken

Die Gemeinschaft des Collegium Orientale Eichstät unternam kürlich eine Studien- und Pilgerreise in das Heilige Land. 21 Kollegiatinnen und Kollegiaten bereisten gemeinsam mit ihrer Hausleitung und einigen Freunden biblische Orte in Israel.

Die schriftliche Quelle der christlichen Religion ist die Bibel. Insbesondere in den vier Evangelien ist das Leben und Wirken von Jesus Christus überliefert. Viele Christen sind mit den biblischen Texten und Geschichten gut vertraut. Eine besonders intensive Beschäftigung mit der Bibel findet im Theologiestudium statt. Jedoch bleiben die Erwähnung von Orten und die Schilderung von Entfernungen, Natur oder Architektur abstrakt und sind der Vorstellungskraft des Einzelnen überlassen. Deswegen ist eine Reise ins Heilige Land für junge Theologiestudenten von nicht überschätzbarem Nutzen. Sie verhilft dazu, einiges aus den Evangelien besser zu verstehen und macht die Heimat Jesu „physisch“ spürbar. Nicht umsonst wird das Heilige Land vom Kirchenvater Hieronymus als „das fünfte Evangelium“ bezeichnet.
Unsere Reise bestand aus drei Teilen. Die ersten zwei vollen Tage verbrachten wir in Galiläa, im Norden des Heiligen Landes, wo die Kindheit und Jugend Jesu vergingen und wo seine Verkündigung der Frohen Botschaft begann. Wir besichtigten die Stadt Nazareth, die Ausgrabungen der Hafenstadt Magdala, die Stadt Kapharnaum und den Berg der Seligpreisungen. Gemütliche Abende im Austausch und in Gesprächen sowie das Baden im See Genezareth sorgten für schöne Erinnerungen an Galiläa.

Vom Norden Israels begaben wir uns Richtung Süden, nach Judäa. Wie uns unser Reiseleiter erklärte, fuhren wir entlang der Route, die auch Jesus auf dem Weg nach Jerusalem benutzt haben dürfte. Unterwegs besuchten wir den Berg Tabor, auf dem der Überlieferung nach die Verklärung Jesu stattgefunden hat (Mt 17), die an der Grenze zu Jordanien liegende Stelle am Fluss Jordan, an der aller Wahrscheinlichkeit nach Johannes getauft hat (Mt 3), sowie die berühmten Ausgrabungen von Qumran, wo 1947 Lederrollen mit Bibelhandschriften entdeckt wurden. Auf der Weiterfahrt wartete noch eine Überraschung auf uns. Etwa 20 Kilometer vor Jerusalem fuhren wir ein paar hundert Meter von der Hauptstraße ab in Richtung Wüste. Unseren Augen bot sich eine beeindruckende Aussicht auf das griechisch-orthodoxe St.-Georg-Chozebit-Kloster, das an der senkrecht abfallenden Felswand einer Schlucht hängt. Das Kloster trägt den Namen seines berühmtesten Mönchs und Vorstehers Georg von Choziba, der dort im 6./7. Jh. wohnte.

Die nächsten fünf Tage verbrachten wir in Jerusalem im Paulus-Haus, außerhalb der Jerusalemer Altstadt, direkt neben dem Damaskustor. Von Jerusalem aus besichtigten wir am nächsten Tag Jericho, die erste Stadt im verheißenen Land, die das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten eroberte (Jos 6). Jericho gilt als die älteste und am tiefsten gelegene bewohnte Stadt der Welt. Im westlichen Teil Jerichos fuhren wir mit einer Seilbahn zum griechisch-orthodoxen Qarantal-Kloster, dem Kloster der Versuchungen. Der Überlieferung nach wurde an dieser Stelle Jesus nach seiner Taufe vom Satan versucht (Mt 4, 1-11). Von Jericho aus folgten wir der Küste des Toten Meeres bis nach Masada, einer Festung aus der Zeit des Königs Herodes (um 40 v. Chr.). Auf einem isolierten Tafelberg gelegen sorgt sie für beeindruckende Ausblicke auf das Tal um sich herum. Ursprünglich als Palast erbaut, diente die Anlage auch als eine Festung für Rebellen im Jüdischen Krieg gegen die Römer (1. Jh. n. Chr.). Für Entspannung am Nachmittag sorgte das Baden im Toten Meer. Dieses liegt 425 m unter dem Meeresspiegel und sein Wasser ist mit einem Salzgehalt von etwa 30 % fast zehn Mal salziger als in den Weltmeeren. Wegen der hohen Wasserdichte kann sich sogar der unerfahrenste Schwimmer ohne Mühe an der Oberfläche halten.

Während der nächsten drei Tage besichtigten wir verschiedene biblische und historische Stätten in Jerusalem, der Heimatstadt der drei Weltreligionen. Wir sahen den Ölberg mit seinen Kirchen, den Tempelberg mit der Klagemauer, die al-Aqsa Moschee und den Felsendom (nur Außenbesichtigung möglich), die Ausgrabungen der Stadt Davids und die Kirche der Auferstehung (= Grabeskirche), in der sich einige aus unserer Gruppe über Nacht einschließen ließen, um dort in Ruhe und Gebet zu verweilen. Für eine persönliche Atmosphäre bei unserer Reise sorgten Begegnungen und Gespräche mit dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem S.E. Pierbattista Pizzaballa OFM und mit den Vertretern der Armenischen Apostolischen Kirche sowie mit Bruder Simeon aus der deutschen benediktinischen Dormitio-Abtei. Unser Aufenthalt in Jerusalem endete mit der Besichtigung des ehemaligen georgisch-orthodoxen Kreuzesklosters. Der Legende nach wuchs an der Stelle des Klosters der Baum, aus dem später das Kreuz für Jesus gemacht wurde.
Auf dem Weg zur dritten ud letzten Station unserer Reise, der Stadt Bethlehem, kehrten wir in den Ort Ain Karim ein, der als Geburtsort des hl. Johannes des Täufers gilt. Hier hat Maria wahrscheinlich ihre schwangere Tante Elisabeth besucht (Lk 1,39). In Bethlehem, der Geburtsstadt Jesu, besichtigten wir die Geburtsbasilika mit der Geburtsgrotte und die Hirtenfelder, wo wir ukrainische und deutsche Weihnachtslieder erklingen ließen.

Das Heilige Land vom Kirchenvater Das Heilige Land wir vom Kirchenvater Hieronymus als „das fünfte Evangelium“ bezeichnet

Unsere Reise wurde durch Referate einiger Kollegiaten zu bestimmten Themen oder Orten bereichert. Besonders wertvoll und interessant waren einzelne Ausführungen und exegetische Vertiefungen von Dr. Miroslaw Lopuch, der im Fach Altes Testament promoviert. Durch seine Bibelkenntnisse hat er sich während der Reise bei unserer Gruppe den Namen „Schriftgelehrter“ verdient.
Die tägliche Eucharstiefeier, Gebete und Gesänge trugen dazu bei, dass unsere Reise ins Heilige Land zu einer Pilgerschaft wurde. Es war eine wunderbare Studienreise und Wallfahrt zugleich, die wir als eine lernende, singende und betende Gemeinschaft in harmonischer Stimmung unternommen haben.

Am letzten Abend trafen wir uns zu einer Austauschrunde zusammen. Der Rektor des Collegium Dr. Petrynko resümierte im Einklang mit dem Kirchenvater Hieronymus, dass nach unserer Reise die biblischen Texte nun neu gelesen und verstanden werden können. Und vielmehr jeder, der sie liest und betrachtet, schreibe mit seinem Leben sein eigenes, „sechstes Evangelium“.

Eine ganz andere Mission

Als mein Vater im Sterben lag, informierte ich meinen Provinzial hier im Südsudan und ich war überrascht von seinem spontanen Vorschlag, doch sofort nach Hause zu fliegen. „Das ist jetzt deine Mission und zwar eine besondere“. Diese Worte hat er mir noch mit auf den Weg gegeben.

Es hat interessanterweise nicht lange gedauert und ich war bei meinem Vater. Die ganze Reise, quasi unerreichbar, habe ich mich gefragt, ob ich ihn noch lebend antreffen würde. Bei ihm angekommen, waren dann seine ersten Worte: „Gott sei Lob und Dank“. Vielleicht hat er auf den Sohn gewartet, der, neben den anderen vieren, in unerreichbarer Entfernung lebt?

Neun Tage konnte ich noch meinen Vater begleiten und mithelfen, ihn zu pflegen. Er wollte nicht mehr ins Krankenhaus. Das Herz war sehr, sehr schwach und sein Atem schwer. In diesen Tagen habe ich eine neue und tiefere Beziehung zu meinem Vater aufgebaut. Darüber bin ich froh und dankbar.

Mein Vater war kein besonders frommer Mann. Eher ein Mann mit Prinzipien. Es war für ihn klar, dass man sonntags in die Kirche geht und zu Tisch betet. Das tiefere Beten, so habe ich den Eindruck, hat er mit seiner Hoffnung auf den Himmel gelernt. Es wird für mich immer in Erinnerung bleiben, wie er in seinen letzten Tagen um das Gebet verlangt und gebeten hat. Wegen seines schweren Atems hat er kaum mehr mitbeten können. Die Luft hat dann gerade noch gereicht für: „jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.“ Dann war er schon wieder völlig ermattet. In diesen Tagen habe ich meine besondere Mission entdeckt. Der Sonntagabend (24. April), der Tage seins Todes, wird mir immer in Erinnerung bleiben. Auch fühle ich mich ihm jeden Sonntagabend besonders nahe.

Über die vergangenen Jahre hat mein Vater durch sein Hobby für sich und für uns alle in der Familie „Neue Welten“ und „tiefere Schichten des Lebens“ erschlossen. Er war Landkreis-weit bekannt für seine sehr großen Sammlungen von Fossilen, Rosenkränzen, Frömmigkeitsartikel, Sterbe- und Andachtsbildchen. Durch diese Dinge wurde ihm klar, dass das Leben in einem größeren Zusammenhang steht; weit über den Tod hinaus. Das hat ihm Hoffnung und Zuversicht gegeben und geholfen, dem Abschied vom Leben mit aufrechtem Sinn und Gottvertrauen entgegenzusehen.

Mein Vater war stolz auf das, was er alles gesammelt hat. Ich selbst habe mich zunehmend darüber gefreut, wie er sich mehr und mehr in die Reihe derer einbetten konnte, die schon im Himmel einen Platz für immer gefunden haben. In diesem Zusammenhang ist mir auch der Wert von Sterbebildchen bewusst geworden.

Bei der Beerdigung wurde dann das Lied: „Wir sind nur Gast auf Erden“ gesungen und ich habe mir gedacht wie wahr doch diese Worte sind.

Für mich heißt das: Mit leichtem Gepäck, mit froher Gesinnung und der Hoffnung, dass sich hinter dem Dunkel des Todes etwas Großes auftut, durch das Leben zu schreiten. Denn es wird maximal die Zeit einer Generation dauern, bis auch ich meinem Vater folgen werde.

Sechs Monate USA – Ein Traum wird wahr

Inzwischen leben ich schon seit über sechs Monaten in Washington. Ich hab schon so viel erlebt, andere Au Pairs von überall auf der Welt kennengelernt, Freundschaften geknüpft und Freunde heimfahren gesehen. Es ist einfach immer was los hier! Meine beste Freundin, Maria, hat vor zwei Wochen frühzeitig ihren Dienst abgebrochen und ist nach Hause nach Dänemark geflogen. Meine zwei anderen Freunde sind gerade in ihrem Reisemonat (am Ende des Au-Pair-Jahres hat man einen Monat lang die Möglichkeit, in den USA zu bleiben und zu reisen). Zur Zeit haben wir in meiner Nachbarschaft vier südafrikanische Au Pairs, eine aus Dänemark und (mit mir) zwei Deutsche.

Am 26. November haben wir Thanksgiving gefeiert. Zum ersten Mal habe ich diesen speziellen amerikanischen Feiertag miterlebt. Meine Gastfamilie ist für Thanksgiving nach New Jersey gefahren (die Familie meines Gastvaters lebt dort). Die Kinder hatten von Mittwoch bis Sonntag keine Schule, deswegen sind wir am Dienstagabend losgefahren. Wir haben im Haus der Großeltern übernachtet und ein paar schöne Tage zusammen gehabt. Wir sind eislaufen gegangen, ins Kino und haben uns mit der Familie getroffen. Am Donnerstag war es dann so weit und wir sind nach Manhattan, New York, gefahren, um in einem Apartmentkomplex zusammen Dinner zu haben. Der Bruder meines Gastvaters wohnt in diesem Gebäude und wir hatten einen großen Saal zur Verfügung. Es waren so viele Menschen da! Sogar meine Gastmutter hat nicht jeden gekannt, wir waren über 70 Leute, alle irgendwie miteinander verwandt. Und jeder hat etwas mitgebracht zum Essen. Wir hatten so viel Truthahn, Süßkartoffelbrei (der war das Beste!), andere Beilagen und ganz viel Essen, dass ich nicht kannte. Ich habe von allem ein bisschen probiert und ich muss sagen, dass Truthahn mit Cranberry-Sauce gar nicht so schlecht schmeckt wie ich gedacht habe! Und dann noch der Nachtisch: Nusskuchen, Apfelkuchen, Plätzchen, ein anderer Nusskuchen, Schlagsahne und vieles mehr! Allein bei dieser Mahlzeit habe ich locker zwei Kilo zugenommen! Es war so gutes Essen!

An dem Abend ist meine Gastfamilie weiter nach Connecticut gefahren, um den Rest der Woche mit der Familie meiner Gastmutter zu verbringen. Ich habe mir einen Sitzplatz im Bus gebucht und bin nach Hause gefahren. Ich wollte ja unbedingt den Black Friday miterleben! (Black Friday ist der Tag, an dem alle Geschäfte ganz viele Angebote und Rabatte machen). Lisa und Maria haben mich vom Bus abgeholt (es war so 11 Uhr abends) und dann sind wir direkt in ein Einkaufszentrum gefahren, um mit den Ersten um Mitternacht einkaufen zu gehen. Um Mitternacht war die Mall noch relativ leer und je später es wurde desto mehr Leute kamen. Und es war echt stark reduziert! Ich habe mir viele Klamotten gekauft!

Um ca. 3 Uhr morgens hatten wir dann fertig geshoppt und dann waren wir hungrig. Also sind in einem amerikanischen Diner, um zu frühstücken. Pancakes mit Eiern und Würstchen oder Bacon! Es war echt lecker und obwohl wir alle ganz viel an Thanksgiving gegessen haben, hat uns die Einkaufstour noch einmal hungrig gemacht. Hundemüde sind wir dann um 5 Uhr morgens daheim angekommen und ins Bett gefallen…


Es war sehr spannend, Weihnachten hier zu verbringen. Meine deutsche Freundin Lea und ich sind an Heiligabend in eine katholische Kirche gegangen. Es war sehr interessant, eine Messe auf Englisch mitzuerleben. Der Ablauf war im Großen und Ganzen der gleiche wie in deutschen Kirchen, auch wenn Lea und ich bei einigen Gebeten und Predigten nicht alles verstanden haben. Das Vater Unser konnten wir auch nicht mitbeten und selbst den Friedensgruß kannten wir nicht auf Englisch. Es war jedoch eine echt spannende Erfahrung!

Aber wie feiert man denn den ersten Weihnachtstag in einem jüdischen Haushalt? Eigentlich gar nicht. Meine Gastfamilie ist Ende Dezember in den Urlaub gefahren, sodass ich das Haus zur Verfügung hatte. Ich habe alle meine Au Pair Freunde eingeladen und wir haben zusammen ein (kosheres) Weihnachtsessen gekocht, wir hatten Hähnchen, allerlei Beilagen und Gemüse. Und ganz viel Nachtisch! Wir hatten viel Spaß alles zusammen zuzubereiten, gemeinsam zu essen und zu Wichteln.

Weihnachten im Allgemeinen wird in den USA anders verbracht als in Deutschland. Die Geschäfte und Straßen sind weihnachtlich geschmückt mit Schneeflocken und roten Schleifen, jedoch hab ich mir das viel extremer vorgestellt, so wie man das in den meisten Filmen sieht. Auch hat es mich sehr gewundert, dass Supermärkte an Heiligabend und am ersten Weihnachtstag offen waren (von 8 Uhr bis 17 Uhr). In Deutschland ist das ja unvorstellbar. Und ich muss sagen, dass auch relativ viele Menschen an Weihnachten einkaufen waren, u.a. auch meine Freundin, die zwei Stunden vor unserem Dinner erst das Hähnchen eingekauft hat! Den zweiten Weihnachtsfeiertag feiert man hier eigentlich gar nicht.

Das neue Jahr 2016! Neujahr hab ich mit meiner dänischen Freundin Maria und meinen beiden südafrikanischen Freunden Lisa und Amanda verbracht. Wir sind nach Downtown (ins Stadtzentrum zu all den Touristenattraktionen) gefahren und haben dort zusammen angestoßen. In einer Stadt wie Washington DC zu leben und hier Neujahr zu verbringen ist echt cool!

Was mir dagegen wirklich gefehlt hat, war die Sternsingeraktion. Ich bin seit Jahren als Betreuer mitgelaufen und hier hat man diese Tradition nicht. Selbst den Feiertag Heilige Drei Könige gibt es hier nicht. Zum Glück hat mich Irene Keil auf dem Laufenden gehalten, was Erfolg und Wettersituation dieses Jahr in meiner Heimat angeht.

Meine Gastkinder sind am 4. Januar wieder in die Schule gegangen, meine Gasteltern sind wieder zur Arbeit und die Feiertagsstimmung war vergessen. Der Alltag ist hier wieder eingekehrt!

Festhalten an der Hoffnung

Gott will bei uns ganz unten auf Erden in aller Einfachheit ankommen; eine Erinnerung an uns, auch auf den „Boden zu kommen“.

Ich schreibe aus meiner unruhigen Situation im Südsudan in Eure auch nicht gerade ruhige Zeit. Die Welt ist aufgemischt und steht vielerorts Kopf. Ein wirklicher Friede, der ja Menschsein erst möglich macht, ist anscheinend für viele Menschen in unendliche Ferne gerückt und wenn wir nicht aufpassen, dann bestimmen Unsicherheit und Angst (vor der Zukunft) unsere Gefühle; eine Mischung, die uns gar nicht weiter hilft und gut tut. Das Frohe und die Hoffnung verschwinden dann allzu leicht aus unserem Leben und die „Wüste“ bekommt Raum in uns. Wir wollen aber festhalten an der Hoffnung.

Der Bürgerkrieg hier im Land und der Terrorismus weltweit leben von der Rache. Aber wer hat schon die menschliche Größe, der Schwächere zu sein und die Spirale der Gewalt zu überwinden? Ein Mann, der beim Terroranschlag in Paris seine Frau verloren hat, sagte: „Meine Rache bekommen die Terroristen nicht, denn davon leben sie.“ Die Rache ist auch hier der Motor des Krieges.

So oft habe ich im zu Ende gehenden Jahr erlebt, dass eine Versöhnung nur schwer möglich ist. Dabei ist sie doch die einzige Alternative, damit es im Leben weitergeht. Ohne Versöhnung ist die Vergangenheit immer die Gegenwart und das Leben wird arm. Das höchste Gut in unserem Glauben ist die Versöhnung, die auf Liebe und Wahrheit aufbaut. In den Flüchtlingslagern hier am Stadtrand, wo trotz der Versorgung durch die UN nach zwei Jahren noch immer keine Perspektive zu sehen ist, stelle ich fest, dass der erste Schritt zu einer Versöhnung dann geschieht, wenn die Lage und das Leiden der Betroffenen wahrgenommen und anerkannt wird. Der Weg zum Frieden ist eben kein Kippschalter, sondern ein Prozess. Jeder will ernst genommen werden und die ausgesprochene Wahrheit, die hier oft leidvoll ist, ist Voraussetzung für jede Heilung.

Seit Mai arbeiten wir an einem Friedenszentrum in Kit nahe der Hauptstadt Juba und bis Mitte des kommenden Jahres 2016 soll das Zentrum hoffentlich fertig sein. Die hier im Land tätigen Ordensgemeinschaften haben lange überlegt, was in dem vom Krieg verwüsteten und Stammeskonflikten zerrütteten Südsudan aus missionarischer Sicht angesagt ist. Es wurde klar gesagt, dass wir hier nicht auf bessere Zeiten warten können. Aktive Friedensarbeit muss jetzt geschehen, jetzt wo so viele Menschen an den Folgen des unsinnigen Krieges leiden; denn traumatisierte und seelisch verletzte Menschen gibt es sehr viele.

Hunderte von Organisationen hier im Land bemühen sich – Gott sei Dank – um die vielfältigen Notlagen. Jedoch tut kaum jemand etwas für eine wahrhaft menschliche Entwicklung, denn das braucht Zeit, Kenntnis der Menschen und der Lage und unendliche Geduld. Kaum eine Einrichtung setzt sich mit den Menschen und ihren zum Teil „hausgemachten“ Problemen und ihrer Perspektivlosigkeit auseinander. Natürlich wissen wir, dass die Herausforderungen sehr groß sind: Die Feindschaft, der Hass und das Misstrauen unter den verschiedenen Volksgruppen sind groß. Es gibt wenig Verständnis für das Gemeinwohl. Eine allgegenwärtige, militärische Arroganz und Härte prägen das Bild des Landes.

Es kann nicht sein, dass Konflikte, Verachtung und Ehrenkränkung immer nur mit Waffen ausgetragen werden. Die Versöhnungskraft unseres Glaubens an Christus, auf den sich ja viele hier berufen, ist keine fromme Idee, sondern ein Ausweg, wo sich alle anderen Wege verschlossen haben. So wollen wir festhalten an der Hoffnung, die uns Weihnachten aufs Neue bringt, nämlich wahrhaft menschlich zu werden.

Das Friedensprojekt der Ordensgemeinschaften ist ca. 15 km von Juba entfernt, nahe wo der Fluss Kit in den Nil mündet. Auf dem ehemaligen Land der Comboni Missionare entsteht das Friedenszentrum mit Konferenz-, Tagungs- und Unterkunftsmöglichkeiten für ca. 120 Personen. Für die Finanzierung des Zentrums haben sich Bischofskonferenzen, Diözesen und Hilfswerke stark gemacht. Klassische Spenden kommen hier nicht zum Einsatz. Es war das Anliegen der Orden, alle Unterstützer/Diözesen und Hilfswerke mit in die Mission in den Süd Sudan zu nehmen und ich denke, dass das gelungen ist.
Friedensarbeit durch schulische Bildung und Gemeindebildung

Wir sind hier 50 Comboni-Missionare, kommen aus allen Teilen der Welt und sind an 10 Orten des Landes tätig. Mithilfe Eurer Spenden konnte viel geschehen und geholfen werden: Schulprojekte (Bauten, Lern- und Lehrmaterialien und Schulgelder), Hilfe in den Flüchtlingscamps, Feldhacken und Saatgut für Menschen in den unsicheren Gebieten von UNITY- und JONGLEI STATES – Nahrungsmittelhilfe, Fischernetze, Brunnen und Bau von Krankenstationen. Wichtig sind die Gemeindearbeit und der Aufbau von Pfarreien als Ausgangspunkt für all unsere sozial-caritative Arbeit sowie der Einsatz für Gerechtigkeit und Friede. Ein ganz herzliches Vergelt’s Gott für Eure großherzige und ehrliche Hilfe.

Flüchtlingslager im Südsudan. Foto: Paul Jeffrey
Flüchtlingslager im Südsudan. Foto: Paul Jeffrey

Ich selbst verbringe die meiste Zeit auf der großen Baustelle in Kit und anderen kleinen Projekten wie Straßenkinder „Drop in Center“, Schul-Toiletten, Regenwasserschutz für Gebäude und Anlagen etc. Zu kurz kommt die spirituelle Seite meines Missionseinsatzes. Dazu kenne ich die Stammessprachen zu wenig und auch an der Zeit fehlt es. Gern gehe ich aber in die Flüchtlingslager oder helfe ein wenig mit in der Jugendarbeit, immer im Hinblick auf Friedensförderung.

Für das Neue Jahr 2016 Gesundheit, Gelassenheit, Geduld, Freude, Frohsinn, Friede und Gottes reichen Segen. Machen wir es wie Gott, werden wir einfach Mensch. Oder besser ausgedrückt und mein Weihnachtswunsch: „Werde Mensch wie Gott, Menschwerdung nach dem göttlichen Wie“.

Ein Jahr in Chile – meine beste Entscheidung

Ich melde mich wieder – ein letztes Mal. Denn ich bin wieder zu Hause. Ein ganzes Jahr war ich jetzt weg von zu Hause. Von meiner Familie und meinen Freunden habe ich nur meinen Bruder gesehen. Seit einer Woche befinde ich mich nun wieder hier in Deutschland!

Doch zunächst zu den letzten Wochen in Chile… Sie waren voll von Abschied und deshalb voll von schönen Momenten, aber auch von Traurigkeit begleitet. Denn für mich war es ein sehr schrecklicher Gedanke, all die Menschen in Chile verabschieden zu müssen. Auch der Gedanke „das mache ich jetzt zum letzten Mal“ war sehr schrecklich. So habe ich meine Freunde und Arbeitskolleginnen oft nochmal zu mir nach Hause eingeladen und versucht, so viel Zeit wie möglich mit ihnen zu verbringen.

Vom 21. bis 23. Juli war unser Abschlussseminar mit allen Freiwilligen in Punta de Tralca, ein kleiner Ort am Pazifik. Dort haben wir noch einmal das ganze Jahr reflektiert und über unsere Erfahrungen und Erlebnisse gesprochen. Ein großes Thema war auch der bevorstehende Abschied und das Wiedereinleben in Deutschland. Mit allen Freiwilligen zusammen haben wir eine große Abschiedsparty veranstaltet und jeder konnte seine liebgewonnen Chilenen einladen, das war sehr schön!

Von der Fundación Naciente wurden alle Freiwilligen, die dort gearbeitet haben, mit einem leckeren Mittagessen verabschiedet. Außerdem haben mir noch meine eigene Sala und meine Kinderkrippe einen Abschied bereitet. Ich war jedes Mal den Tränen nahe und wenn ich in die kleinen Kinderaugen blickte und wusste, dass es meine letzten Stunden mit ihnen sein würden, war es vorbei und die Tränen liefen mir nur so herunter.

Am 1. August ist meine Mitbewohnerin bereits nach Hause geflogen – die Freiwilligen der Organisation Amtena kommen und fliegen immer eine Woche vor uns und ich konnte die neuen Freiwilligen schon begrüßen. Am 5. August war mein letzter Arbeitstag und es war für mich schrecklich, alle verabschieden zu müssen!

Die letzten Tage in Chile habe ich damit verbracht, alle meine Liebsten noch mal zu sehen, Koffer zu packen und ein letztes Mal Santiago zu genießen. Von ein paar Arbeitskolleginnen und meiner chilenischen Familie wurde ich dann am 9. August zum Flughafen gebracht – es war ein sehr tränenreicher Abschied!

Nach einem etwas turbulenten Flug kam ich endlich in Deutschland an und wurde wahnsinnig lieb von meiner ganzen Familie empfangen. Meine Geschwister spielten mir noch am Flughafen ein Ständchen mit ihren Blasinstrumenten und ich habe mich wirklich gefreut, sie nach einem Jahr wieder in den Arm nehmen zu können!

Jetzt lebe ich mich wieder in Deutschland ein. Ich treffe Freunde und Familienmitglieder und darf immer wieder von meinen Erlebnissen in Chile erzählen. Auch wenn der Abschied und die Rückkehr nicht einfach waren, ist es schön, wieder zu Hause zu sein.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal allen Spenderinnen und Spendern danken, durch die ich viele Projekte in der Sala Cuna, aber auch in der Kindergruppe der Gemeinde verwirklichen konnte. Ein neuer Rasen, viele Bastelaktionen, neue Spielgeräte, eine Fotowand für die Kinder, Pizza backen mit den Kindern, ein Adventskalender mit vielen kleinen Dinge und sonstige Materialien waren ein Teil davon. Herzlichen Dank dafür!

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass dieses Jahr in Chile die beste Entscheidung war, die ich treffen konnte. Klar, das Jahr war voll von Höhen und Tiefen, aber das ist jedes Jahr und in meinem Fall haben die Höhen absolut überwogen. Diese Erfahrungen und Erlebnisse werden ein Leben lang in meinem Kopf bleiben, auch wenn mir jetzt nach meiner Rückkehr vieles wie ein Traum vorkommt.
Ich vermisse Chile jetzt schon, aber einen Ort, an dem man ein Jahr lang gelebt hat, und seine Sitten und Traditionen, die man liebgewonnen hat, vergisst man wohl nicht so schnell. Für mich steht jetzt schon fest, dass ich eines Tages – sei es im Urlaub, Auslandssemester oder zur Arbeit – nochmal zurückgehen werde.

„Nie wieder wirst du an einem Ort ganz zu Hause sein, denn ein Teil deines Herzens wird sich immer an einem anderen Ort befinden. Das ist der Preis, den du dafür zahlst, dass du Menschen an mehr als nur einem Ort kennen lernen und lieben darfst.“