Kategorie-Archiv: Religion

Mönche am See Genezareth

Am biblischen Ort der Brotvermehrung, wo ich derzeit als Volontärin tätig bin, leben seit 1939 deutschsprachige Benediktinermönche. Seit fast zwei Jahren wohnen sie im neu errichteten Kloster. Ein Klosterneubau wurde notwendig, nachdem das alte Wohngebäude im erdbebengefährdeten Gebiet am Nordufer des Sees Genezareth immer mehr Risse bekam, zum Teil armdick. Der einsturzgefährdete Altbau wurde unmittelbar nach Bezug des Neubaus abgerissen.

Der Neubaukomplex des Klosters von Tabgha wurde südlich an die Brotvermehrungskirche angebaut, an jene Stelle, wo bereits in byzantinischer Zeit ein Kloster stand. Im neuen Benediktinerkloster leben zurzeit sechs Mönche. Da Abt Gregory und Cellerar Bruder Simon Petrus aus Jerusalem regelmäßig kommen, wird für sie eine Zelle freigehalten. Die noch verbleibenden Zellen werden von Gastmönchen genutzt. Gäste fehlen dem Kloster nie!

Das Refektorium im neuen Kloster ist sehr großzügig gebaut. Dort essen – nach monastischer Tradition – in Stille, mit Tischlesung beziehungsweise Tischmusik – die Mönche gemeinsam mit den anwesenden Gästen und Volontären zu Abend. Ein angenehm ruhig und klar gestalteter Raum. Das gemeinsame Essen hat eine beeindruckende Wirkung auf uns alle, es findet still und sehr schnell statt.

Das Gästerefektorium unter dem Oratorium, in dem wir unsere anderen Mahlzeiten einnehmen, schätzen wir alle sehr. Hier kann geredet, gelacht und diskutiert werden, wir lernen die neuen Gäste kennen und haben gute Gemeinschaft mit den arabischen Mitarbeitern.

Im Zuge des Neubaus entstand auch ein modern gestalteter Gebetsraum, das Oratorium des Klosters. Es steht tagsüber für alle offen, hat 12 bunte Glasfenster und über dem Altar eine schwebende eucharistische Taube. Hier finden, außer dem morgendlichen Gottesdienst, alle gemeinsamen Gebetszeiten statt, die auch von Gästen und Volontären gut besucht werden. Eine weitere Besonderheit des Oratoriums ist der Wetterfisch auf dem Dach, er ist etwas dick, fast wie ein Wetterwal:)

Mit dem Neubau entstanden zwei schlicht gestaltete Sprechzimmer, die für Begleit- und Beichtgespräche genutzt werden. Nach Tabgha kommen sehr viele Touristen und Pilger. An manchen Tagen bis zu 5000. Daher ist es für alle, die permanent an diesem Ort leben, wichtig, auch einen Raum des Rückzugs zu haben. Neben den bereits erwähnten Mönchszellen sind das der Klausurhof, ein vom Neubau umschlossener Gartenbereich, der Kapitelsaal (der Versammlungsraum der monastischen Gemeinschaft), die Rekreation (Wohnzimmer des Klosters) und die Bibliothek.

Selbstverständlich sind auch viele Nutzräume errichtet worden, wie zum Beispiel die neue Küche, eine Wäscherei, eine Werkstatt und eine Besonderheit in Israel: ein großer Bunker für Kriegstage. Alles ist erdbebensicher gebaut. Der Klosterneubau ist klar, ruhig und schön. Er erleichtert den Mönchen das Dasein im Heiligen Land, besonders in der heißen Zeit. Es ist eine Herausforderung, einem so wunderbaren Gebäude das Leben zu geben, das man ihm schuldet. Wir haben außer beim Gebet, Abendessen und in der neuen Küche wenig Berührung mit dem Inneren des Klosters, denn wir wohnen und arbeiten außen. Ich persönlich habe inzwischen eine kleine Wohnung unter dem alten Speisesaal, mit Blick auf den Klosterneubau, Kirche und See. Sie ist alt, aber ich bin dort sehr glücklich.

Priorat Tabgha, See Genezareth

Andreasfest und Papstbesuch in der Türkei – Ökumene und Dialog

„Kommt und seht … Wir haben den Messias gefunden!“

Nach dem Bericht des Evangelisten Johannes gehörte der heilige Apostel Andreas zu den ersten Jüngern des Herrn. Gemäß dieser Überlieferung erhielt der Apostel Andreas den Beinamen der Erstberufene, weil er auf das Wort des Herrn hin „Kommt und seht!“ (Joh 1,39) als erster Jesus nachgefolgt ist, um zu schauen, wo Er wohnt. Andreas war auch derjenige, der unmittelbar nach der Begegnung mit dem menschgewordenen Erlöser zu seinem leiblichen Bruder, dem Apostel Petrus, lief und sagte „Wir haben den Messias gefunden“; und er führte auch seinen Bruder zum Herrn (Joh 1,41f.).

Für die Kirche im oströmischen Reich, mit dem Zentrum in Konstantinopel, heute Istanbul,  diente dieser Abschnitt des Evangeliums, untermauert durch eine Apostel-Andreas-Legende, seit dem 6./7. Jahrhundert als Legitimation für den Führungsanspruch des eigenen Bischofssitzes, des Patriarchen von Konstantinopel. Gerne berufen sich die frühen christlichen Gemeinden und die aus ihnen herausgebildeten Teilkirchen auf die Gründung durch einen Apostel. Seit früher Zeit hat der Apostel Andreas für die byzantinischen Kirchen eine große Bedeutung. Er ist ihr Apostel, genauso wie die Apostelfürsten Petrus und Paulus für die Kirche von Rom, der Apostel Markus für die Kopten, die Christen Ägyptens, und der Apostel Thomas für die Christen Indiens.  Es lag deshalb nahe, dass die östlich-byzantinischen Kirchen, die mit Byzanz in der Theologie, der Glaubenspraxis und der Kirchenpolitik besonders verbunden waren beziehungsweise von Konstantinopel aus missioniert wurden und von dort die Taufe erhielten, den Apostel Andreas ebenfalls zu Ihrem Patron wählten. So entstanden frühe Berichte, mitunter mit legendären Zügen, gemäß denen der Apostel Andreas grundlegend für die Ausbreitung des Christentums beispielsweise in Kleinasien, im westlichen  Georgien, in der Kiewer Rus (ostslawischer Vorgänger Staat für die heutigen Länder Russland, Weißrussland und Ukraine mit Zentrum in Kiew) wirkte. Manche Historiker schließen einen Wahrheitskern zum Beispiel bei der Legende über die Wanderung des Apostels Andreas am Fluss Dnipro (Dnjepr)/Ukraine nicht aus.

Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr
Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr

Der Gedächtnistag des Apostels Andreas wird in der byzantinischen Tradition am 30. November begangen. Dies entspricht dem 13. Dezember nach dem julianischen Kalender. Im Unterschied zu den kleineren Tagesgedächtnissen und -heiligen wird dieses Fest liturgisch gesehen als großer Festtag gefeiert (zum Beispiel große Vesper mit Einzug). Dieser Heilige war schon immer einer der beliebtesten Namenspatronen für die Kinder in den östlichen Ländern und ist es auch bis heute geblieben. Deshalb dürfen im Collegium Orientale in Eichstätt gleich sieben Bewohner des Kollegs am Andreastag ihren Namenstag feiern. Außerdem haben sich einige Volksbräuche um das Andreas-Fest entwickelt, die einen weiteren Beleg für die Bedeutung dieses Heiligen im Leben und im Bewusstsein der östlichen Christen liefern. So besuchen junge Burschen in der Ukraine am Vorabend zum Andreasfest die Familien ihrer Freundinnen und versuchen dabei eine Kleinigkeit im Haus mitzunehmen – erlaubterweise zu stehlen –, damit die Dame ihres Herzens einen Grund hat, danach zu suchen und mit ihnen wieder Kontakt aufzunehmen. Die Gastgeber müssen besonders aufpassen, dass ihnen die Töchter selber nicht gestohlen werden. Es verläuft alles natürlich in einem lustigen Rahmen. Vielleicht spiegelt sich in diesem Brauch ein weiter gefasster Widerhall der eingangs zitierten Worte des Apostels Andreas wider: „Ich habe den Messias, die wichtige Person in meinem Leben, gefunden.“ Denn die jungen Männer sind bei diesem Brauch tatsächlich auf der Suche nach einer Partnerin für das ganze Leben und dürfen mit der Fürsprache des Apostels Andreas rechnen.

Papst Franziskus beim Andreasfest in Konstantinopel

Das Andreasfest in diesem Jahr steht unter dem Zeichen des Besuches des Heiligen Vaters in Konstantinopel. Das Oberhaupt der Katholischen Kirchen, Papst Franziskus, der Nachfolger des Apostels Petrus und Paulus, besucht unter anderem seinen Mitbruder im patriarchalen Dienst, den Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, den Nachfolger des Apostels Andreas, des Erstberufenen. Damit reiht sich der Heilige Vater in die seit Jahrzehnten andauernde gute Tradition der gegenseitigen Besuche zwischen Rom und Konstantinopel an den Apostelfesten ein: Am Andreasfest in Konstantinopel und am Hochfest Peter und Paul in Rom. Somit rufen sie die erste dieser brüderlichen Begegnungen zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Jahr 1964 in Jerusalem in Erinnerung.

Durch diesen Besuch wird einerseits das offizielle Bekenntnis der katholischen Teilkirchen zum Ökumenismus, der Einheitsbewegung unter den Christen, bestätigt. Es ist aber auch ein Herzensanliegen des Papstes selbst, das er in seinen Ansprachen immer wieder zum Thema macht, wie zum Beispiel im August dieses Jahres in einer Mittwochskatechese. Sinngemäß sagte er damals Folgendes: Viele haben sich mit der Teilung der Kirche abgefunden, auch innerhalb der katholischen Kirche; dies ist eine Schande. Mit seinem offenen, ökumenischen Besuch in Konstantinopel bestärkt der Heilige Vater auf eine sehr deutliche Weise alle Initiativen, die sich in den Dienst der Einheit der Kirchen stellen, in ihrem Engagement und ruft immer wieder unermüdlich zum Dialog auf, zum Gebet für die Einheit und zur Offenheit gegenüber den anderen christlichen Konfessionen.

Was auf der höchsten Ebene zwischen den offiziellen Sprechern und Repräsentanten der Kirchen zum Ausdruck gebracht wird und als dreitägiges punktuelles Geschehen gewertet werden kann, gilt insbesondere, ganz konkret und tagtäglich für uns im Collegium Orientale, für unser gemeinsames Leben und Studieren in diesem internationalen, interrituellen sowie ökumenisch offenen Haus der Diözese Eichstätt, in der praktischen Werkstatt der Annäherung und des Kennenlernens der einzelnen Ostkirchen.

Die Apostelfeste eignen sich meines Erachtens sehr gut für das Besinnen auf die Einheitsbemühungen innerhalb der Kirchen. Bekanntlich beruhen alle Bemühungen um die Einheit auf dem letzten Gebet unseres Herrn im Johannes-Evangelium im Kreise seiner Jünger vor seinem Kreuzweg, seinem lebenspendenden Tod und der Auferstehung. Jesus betete damals: „[Vater], ich bitte Dich nicht nur für diese hier [für die Apostel], sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein!“ (Joh 17,20f.) Eine wunderbare Tatsache: Jesus Christus betet für die Apostel und für uns und bringt beide, die Apostel und uns, in eine lebendige Verbindung zueinander; besonders was den Einsatz für die Einmütigkeit und Einheit im Glauben angeht. Auf die Fürbitten aller Apostel des Herrn, besonders der Apostelbrüder Petrus und Andreas, des Erstberufenen, dessen Fest wir am kommenden Sonntag begehen, dürfen wir hoffen, dass die ganze Christenheit irgendwann gemeinsam und einmütig bekennen wird: Seht, wir haben den Messias gefunden.

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Ökumene – ein wichtiger Auftrag für eine zeitgemäße Pastoral

Wenn man den Beginn der sogenannten „Ökumenischen Bewegung“ mit der hauptsächlich von evangelischen Christen getragenen Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 markieren will, dauerte es zunächst einige Jahrzehnte, bis die katholische Kirche sich dieser Bewegung anschließt.

Die Instruktion der Kongregation des Heiligen Offiziums in Rom stellt noch am 20. Dezember 1949 fest, dass die katholische Kirche an den ökumenischen Kongressen und anderen derartigen Tagungen nicht teilnimmt, dass aber offizielle Glaubensgespräche und eine Zusammenarbeit der Christen im sozialen Bereich nicht ausgeschlossen seien.
Im Rückblick auf diese Vorgeschichte war es ein höchst erstaunlicher und erfreulicher Vorgang, dass am 21. November 1964 das Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils verabschiedet wurde, das alle katholischen Gläubigen ermahnt, „dass sie die Zeichen der Zeit erkennend, mit Eifer an dem ökumenischen Werk teilnehmen sollen“. In dem Bemühen, die Ergebnisse dieses Konzils in der konkreten Situation der Bistümer in der Bundesrepublik umzusetzen, war es nur folgerichtig, dass sich die „Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ im Jahre 1975 selbstverständlich auch mit dem Thema Ökumene befasste. Das Dokument dieser Synode „Pastorale Zusammenarbeit der Kirchen im Dienst an der christlichen Einheit“ beschreibt nicht nur die konkrete Situation, sondern gibt auch wertvolle Anregungen für die Umsetzung des genannten Konzilsbeschlusses in den einzelnen Bistümern und in den Pfarreien.

Erinnert werden darf auch an die Verabschiedung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31. Oktober 1999. Die Überwindung gegenseitiger Lehrverurteilungen und die Formulierung eines gemeinsamen Bekenntnisses zwischen den Lutheranern und Katholiken war ein großer Schritt nach vorne.
Freilich haben wir die volle Einheit noch nicht. Auch das müssen wir redlicherweise sagen. Große Unterschiede gibt es nach wie vor im Kirchenverständnis und im Amtsverständnis. Ohne die Lösung der kontroversen Themen wird es eine Einheit der Kirchen nicht geben können.

Gleichwohl kann schon jetzt viel Gemeinsamkeit der Christen in der Öffentlichkeit verwirklicht werden, zum Beispiel im gemeinsamen Gebet und im gesellschaftlichen Engagement aus christlicher Motivation.

Die größten Fortschritte in der Ökumene sind derzeit wohl durch gemeinsame Glaubenserfahrungen der Kirchen zu erreichen. Papst Benedikt XVI. hat es am 21. September 2011 anlässlich seines Besuches in Deutschland im Augustinerkloster in Erfurt als zentrale ökumenische Aufgabe der Kirchen bezeichnet, sich gegenseitig zu helfen, „tiefer und lebendiger zu glauben“. Diese Aussage hat nach wie vor höchste Aktualität.

Über längere Zeit habe ich im Dienst unserer Diözese immer wieder an Gesprächen teilnehmen dürfen zwischen dem früheren Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, und dem damaligen evangelischen Landesbischof Johannes Friedrich. Ich bin dankbar für diese Erfahrungen, für die Freundlichkeit mit der man sich begegnet ist, für den Ernst, mit dem offene Fragen erörtert wurden, für das gemeinsame Vertrauen, dass der Heilige Geist Gottes seine Kirche auf den rechten Weg führen wird.
Ich gehe davon aus, dass unter den jetzigen Verantwortlichen in Bayern und neuerdings auch in der Bundesrepublik Deutschland, Reinhard Kardinal Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, das gute Einvernehmen weiterbesteht und so die Bemühungen für weitere Gemeinschaft fortgesetzt werden.

Die Motivation zum Engagement für die Einheit im Glauben kommt nicht aus unserer menschlichen Nähe zueinander, die Motivation ist der Auftrag Jesu selbst.
Das große Anliegen unseres Herrn Jesus Christus, „dass doch alle eins sind“ wird unseren Weg in die Zukunft motivieren.

Je mehr wir uns um die Botschaft Jesu bemühen, umso näher kommen wir einander.

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Das Evangelium mit Freude verkünden

Die Freude, die aus dem Evangelium kommt und das Herz des Menschen erfüllt, ist für Papst Franziskus das wesentliche Kennzeichen derer, die Jesus begegnet sind. Ihr hat er sein Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium (EG) gewidmet, das er selbst als programmatisch für sein Pontifikat bezeichnet.

Was sind die Inhalte? Wie können sie in die Pastoral Eingang finden? Welche Bespiele in aller Welt sind hilfreiche Wegweisung? Diesen Fragen widmete sich vom 18. bis 20. September 2014 im Vatikan eine internationale Pastoralkonferenz mit dem Titel „Das Evangelium mit Freude verkünden“. Etwa 2000 Vertreter aus mehr als 60 Ländern folgten den Beiträgen der 20 Referenten aus allen Kontinenten, die der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung eingeladen hatte. Für das Bistum Eichstätt nahmen Prälat Dr. Christoph Kühn, Beauftragter für die Angelegenheiten der Weltkirche und stellvertretender Hauptabteilungsleiter für Pastoral und kirchliches Leben, und Dr. Markus Oelsmann, Referent in der gleichen Hauptabteilung des Bischöflichen Ordinariates, gemeinsam mit Carolin Kissling (Sachausschuss „Pastorale Ent­wicklung“ des Diözesanrates) und Maria Groos (Diözesanpastoralrat) an dem Kongress im Vatikan teil.

Eichstätter Teilnehmer des Pastoralkongresses im Vatikan (von links nach rechts): Dr. Markus Oelsmann, Maria Groos, Prälat Dr. Christoph Kühn und Carolin Kissling. pde-Foto: Privat
Eichstätter Teilnehmer des Pastoralkongresses im Vatikan (von links nach rechts): Dr. Markus Oelsmann, Maria Groos, Prälat Dr. Christoph Kühn und Carolin Kissling. Foto: Privat

Den Auftakt machte Jean Vanier, der 76 Jahre alte Gründer der Lebensgemeinschaften der „Arche“, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben. Er erzählte von Pauline, einer der ersten Personen, die er aufgenommen hat. Sie war blind geboren, von ihrer Familie und Umgebung abgelehnt, und schließlich gewalttätig geworden. Ihr Leben war für Vanier ein Schrei: „Gibt es jemand, der mich liebt, der mich anschaut, der mit mir leben will?“ In der Wohngemeinschaft erfuhr Pauline Annahme, Zärtlichkeit und Liebe. Nach einer Weile verschwand ihre Aggressivität. Jean Vanier betonte: Dies ist der Schrei aller Armen, auf den es zu antworten gilt. Auch die Helfenden verändern sich dabei. Viele kommen anfangs aus einer Großzügigkeit heraus, und sie gehen nach einiger Zeit als Personen, die ihre eigene Bedürftigkeit kennen gelernt haben. „Ich brauche Dich“ – für Vanier sind das die „Zauberworte“, die die Grundlage des Glaubens und der Freundschaft darstellen. Beredtes Zeugnis für die Freude, die dabei in ihm selbst lebt, sind seine strahlenden Augen, die ihm trotz seines Alters eine große Jugendlichkeit verleihen.

"L'Arche"-Gründer Dr. Jean Vanier mit Kongressteilnehmern. Foto: Privat
„L’Arche“-Gründer Dr. Jean Vanier mit Kongressteilnehmern. Foto: Privat

Theologisch griff ein Vortrag über „Die kerygmatische Verkündigung“ diese Lebenserfahrung auf. Das Kerygma ist die Erstverkündigung, die lautet: „Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu stärken und zu befreien…“ Sie ist die „erste“ im qualitativen Sinn, denn sie ist die hauptsächliche Verkündigung, die man immer wieder auf verschiedene Weisen neu hören muss und die man … immer wieder verkünden muss.“ (EG 164). Nur so, das betonte der Referent Xavier Morlans i Molina aus Barcelona, könne der ursprüngliche Sinn des christlichen Glaubens als persönlicher und gemeinschaftlicher Begegnung mit Christus wiedergewonnen werden. In ihr komme die Anziehungskraft Gottes auf den Menschen zum Ausdruck.

Das zeigte in sehr lebendiger Weise der Beitrag von Erzbischof Kardinal Barbarin aus Lyon über die Pastoral in großen Städten. Er stellte klar, dass die Mission nichts „Zusätzliches“ ist, sondern ganz einfach der Natur des Menschen entspricht. So ist es auch in Evangelii Gaudium beschrieben: Wer von Freude ergriffen ist, der will diese Freude den Mitmenschen mitteilen und sucht Wege dazu. So war zum Beispiel in der Vergangenheit das Fest Unbefleckte Empfängnis in Lyon ein sehr wichtiger Tag, jedoch von Seiten der Kirche begrenzt auf die Kathedrale der Stadt. Die Türen aller anderen Kirchen waren verschlossen. Eine Frau ergriff die Initiative, um mehr Kirchen zu öffnen für alle, die mit ihren Freuden und Leiden dort Aufnahme suchten. Mittlerweile gibt es 1.500 „Missionare des 8. Dezember“, die den Besuchern heiße Schokolade ausschenken, ihnen zuhören und mit ihnen beten. Drei Millionen Menschen kommen in vier Tagen in die Stadt – eine riesige Zahl, und darunter viele Suchende. Das Wahrnehmen des einfach Notwendigen im Alltag der Menschen hat eine neu gelebte Spiritualität und Solidarität in alten und neuen Strukturen hervorgebracht, die ihren Grund in einer Beobachtung von Kardinal Lustiger von Paris haben: „Die Kraft der Liebe errichtet die Stadt. Wer möchte sich nicht davon anstecken lassen?“

So ging es dem Zuhörer auch unwillkürlich bei den Ausführungen des Wallfahrtsdirektors von Lourdes, Pater Horacio Brito, über die Volksfrömmigkeit. Er zeigte sich sehr bewegt über die vielen einfachen menschlichen Gesten, die er bei den Wallfahrten beobachten kann. Sie bringen das Vertrauen der Menschen in Gott gerade im Leid zum Ausdruck. „Wer kann nicht bewegt sein, wenn eine Mutter ihr krankes Kind an den Felsen von Massabielle drückt?“ Die Volksfrömmigkeit zeigt, dass durch die Gnade des Heiligen Geistes ein ganzes Volk mit der ihm eigenen Kultur fähig wird zur Verherrlichung Gottes. Alle werden einbezogen, auch die Armen, auch diejenigen, die nicht einmal einen offiziellen Status haben. Vielleicht haben nicht alle ein klares Bewusstsein ihres Glaubens, aber gerade hier liegt ja eine Chance der Neuevangelisierung. Das Gebet sowie die Feier der Eucharistie und des Sakramentes der Buße sind wesentlich, damit der offenbarte Glaube vertieft und das Band mit Gott erfahrbar wird.

Jeder Vortrag – als Lebenszeugnis oder als anthropologisch-theologische Darstellung – hob eine der zahlreichen Facetten von Evangelii Gaudium hervor. Der Wert der Familie, die Bedeutung der Begegnung und der Schönheit, die Notwendigkeit der Nutzung Sozialer Medien oder die Darstellung historischer Bezüge zu päpstlichen Verlautbarungen früherer Jahre. In allem schien die Vielfalt auf, die uns zur Verkündigung gegeben ist. Und immer war dabei eine der großen Betonungen von Papst Franziskus deutlich, nämlich das Hinausgehen in die Peripherie, dort wo die menschliche und materielle Armut am größten ist.

Begegnung der Kongressteilnehmer mit Papst Franziskus. Foto: Privat
Begegnung der Kongressteilnehmer mit Papst Franziskus. Foto: Privat

Der Papst selbst ließ es sich schließlich nicht nehmen, am Freitagnachmittag persönlich an der Begegnung teilzunehmen. Mit ansteckender Lebendigkeit und Freude betrat er den Saal, um das Wort an die Teilnehmer zu richten. Er betonte noch einmal, dass die Evangelisierung die Hauptaufgabe der Kirche sei. Er verglich die Kirche mit einem Feldlazarett mit vielen verwundeten Menschen, die von uns das erbitten, was die Menschen von Jesus erbeten haben: ein Zeichen der Nähe, der Güte, der Solidarität und der Barmherzigkeit Gottes. Jede einzelne Aktivität muss aber von der Aufmerksamkeit auf die einzelne Person und ihre Begegnung mit Gott gekennzeichnet sein. Eine Pastoral ohne Gebet und Kontemplation könne niemals die Herzen der Menschen erreichen und den Samen des Wortes Gottes aufkeimen lassen. Sein Schlusswort lautete: „Lasst uns säen und Zeugnis geben. Das Zeugnis ist der Anfang einer Evangelisierung, die das Herz berührt und es verwandelt.“ Folgen wir ihm!

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Ein katholischer König in einem katholischen Spanien?

Damit hat keiner gerechnet. Don Juan Carlos I de Borbón ist als König von Spanien zurückgetreten und will Krone und Zepter in die Hände seines Sohnes Felipe legen. Was man von anderen europäischen Königshäusern her schon kennt, ist in der erst knapp 40 Jahre alten Verfassung der demokratischen Monarchie Spaniens eigentlich nicht vorgesehen. Der König von Spanien bleibt Oberhaupt seines Volkes bis zum Tod. Juan Carlos hat aber entschieden, mit dieser Tradition und mit diesem Artikel der spanischen Verfassung zu brechen.

Hat der König von Spanien von Papst Benedikt XVI. gelernt? Vor eineinhalb Jahren überraschte der Bischof von Rom die ganze katholische Kirche, ja die ganze Welt mit seinem Rücktritt als Papst. Und keine andere Entscheidung in seinem achtjährigen Pontifikat hat ihm mehr Sympathie und Bewunderung eingebracht als dieser „letzte Schritt“. Wollte sich auch Don Juan Carlos nach 39 Jahren König von Spanien mit seinem final cut nochmal die Sympathie und Bewunderung der Spanier sichern?

„Durch sein Abdanken hat der König Spanien, seiner Familie und sich selbst einen Gefallen getan“ sagte der Journalist Salvador Aragonès, Professor an der Universidad Internacional de Cataluña, in „Ràdio Estel“, dem katholischen Rundfunk Kataloniens. Denn, so schreibt die katholische Wochenzeitung „CatalunyaCristiana“, die Gründe für das Abdanken Juan Carlos‘ liegen neben der ökonomischen, sozialen, politischen und institutionellen Krise Spaniens vor allem im Prestigeverlust der spanischen Monarchie. Mit Elefanten-Safari, außerehelichen Affären und Vaterschaftsklagen hat der 76jährige Monarch in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Das war aber nicht immer so. „Sein Dienst am spanischen Volk ist von einem außergewöhnlichen Wert gewesen“, bescheinigte auch die spanische Bischofskonferenz dem scheidenden König.

Die katholischen Bischöfe haben damit ausgedrückt, was die große Mehrheit der Spanier empfindet. Sie alle wissen, was sie ihrem König verdanken: nichts weniger als die Demokratie. Und vor allem auch eine friedliche und unblutige Einführung der Demokratie nach einem grausamen Bürgerkrieg (1936 – 1939) und einer brutalen Militärdiktatur (1939 – 1975). Gleich in den Jahren nach den wilden 68ern, als sich das revolutionäre Studentenvolk Europas mühevoll von den „Fesseln“ der Traditionen, des Bürgertums und der Kirchen befreien wollte, jubelt das spanische Volk Juan Carlos de Borbón zu, dem letzten Nachkommen des Jahrhunderte alten französischen Königshauses, das bis zu den unglückseligen Republiken Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts den spanischen Monarchen stellte.

„Los reyes católicos“ werden Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon genannt. Papst Alexander VI. höchstpersönlich hat ihnen den Titel aufgrund ihrer großen Verdienste für die Kirche verliehen. Mit ihrer Hochzeit 1469 haben die beiden die zwei mächtigsten Königreiche der iberischen Halbinsel vereint und damit den Grundstein für das heutige Spanien gelegt. Ihr großer Erfolg war die Reconquista (Rückeroberung) der über Jahrhunderte von den Mauren besiedelten Gebiete. 1492 wurde Muhammad XII., der letzte in Spanien verbliebene Emir, aus seinem märchenhaften orientalischen Palast in Granada, der Alhambra, vertrieben. Im gleichen Jahr haben die „katholischen Könige“ alle Juden gezwungen, das Land zu verlassen oder sich taufen zu lassen. Und schließlich setzt im selben Schicksalsjahr 1492 mit der Entdeckung Amerikas von Spanien ausgehend eine Eroberung und damit auch Christianisierung der Neuen Welt ein. Über zwei Jahrhunderte lang war nun Spanien die katholische Weltmacht, von der das Evangelium in alle Teile der ganzen Erde getragen wurde. Katholische Kirche und spanisches Königshaus waren immer eng miteinander verflochten und die Könige sahen sich als die von Gott berufenen „Aposteln“ ihrer Zeit. Außerdem kennt Spanien keine Reformation und Spaltung der Kirche, wie sie im 16. Jahrhundert in Deutschland stattgefunden hat. Spanier sein bedeutete Katholik sein.

Und heute? Wie katholisch ist Spanien heute? Die religiöse Situation der spanischen Gesellschaft heute ist vor allem geprägt von dem Staatskatholizismus der Franco-Ära. 36 Jahre wurde alles Nicht-Katholische von Seiten der Diktatur systematisch unterdrückt. Mit Hilfe eines religiösen Drucks hat die weltliche Macht versucht, das Volk im Zaum zu halten. Und nicht selten haben die Vertreter der Kirche die Machenschaften des Militärs gedeckt, um damit die eigene Autorität in der Gesellschaft zu stärken. So empfanden die meisten Spanier den Tod General Francos im Jahre 1975 nicht nur als Befreiung von einer politischen Unterdrückung, sondern auch gleichzeitig als eine Befreiung von einer religiösen und moralischen Unterdrückung durch die katholische Kirche. Endlich fühlte man sich befreit von jeder Fremdbestimmung des eigenen Lebens. Und den König, wie gesagt, den ließ man nur gelten, weil man ihm diese Freiheit ja verdankte.

Nur knapp 35 Prozent der steuerpflichtigen Spanier wollten 2012 ihre Renta der Kirche zukommen lassen. (Eine für jeden Steuerzahler verpflichtende Sozialabgabe, bei der man wählen kann, welcher Einrichtung oder Institution sie zukommen soll.) In Katalonien waren es sogar unter 20 Prozent. Hier sind in den letzten 26 Jahren zum Beispiel auch die kirchlichen Eheschließungen von 76 Prozent auf nur noch 19,4 Prozent zurückgegangen. Von einem katholischen Spanien kann man heute also nicht mehr sprechen. Nach zwei Generationen „Freiheit“ scheint mir außerdem auch ein christliches Bewusstsein und Wissen in der Bevölkerung Spaniens immer mehr zu verschwinden. Christliche Traditionen und Bräuche verkümmern vielfach zu einer oberflächlichen Folklore.

Noch am selben Tag der Abdankung des spanischen Königs versammelten sich auf der Puerta del Sol von Madrid 20.000 und auf der Placa Catalunya von Barcelona 5.000 Demonstranten, die die Abschaffung der Monarchie und die Einführung der III. Republik forderten. Obwohl Kronprinz Felipe noch völlig unbeschadet ist von Skandalen und einen weitaus besseren Ruf genießt als fast alle Politiker, kann er im Unterschied zu seinem Vater nicht mehr mit einem Vertrauensbonus im Volk rechnen. Das einzige, was zählen wird, ist, wie der Thronfolger seine königliche Macht zum Wohl Spaniens einsetzen wird. Ähnlich wie bei der katholischen Kirche. Das einzige was für die Spanier zählt, ist, wie sie sich zum Wohl der Menschen einsetzt. Und was das Wohl der Menschen ist, das lässt man sich von keiner Institution mehr vorschreiben, das definiert jeder für sich selbst.

Ein katholischer König in einem katholischen Spanien? Ja und Nein. Nur wer aus den Veränderungen, den Krisen und Verlusten lernt und Konsequenzen zieht, der wird einen neuen, anderen und vielleicht auch besseren Weg in die Zukunft finden. Das gilt für Könige, und das gilt für die katholische Kirche.