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Der Stammbaum Jesu Christi

Wenn jemand in das Collegium Orientale, das ostkirchliche Priesterseminar des Bistums Eichstätt, zu Besuch kommt, taucht er in eine besondere Welt ein. Diese ist zum Beispiel durch den mehrstimmigen Gesang im Gottesdienst und durch den muttersprachlichen Akzent der Hausbewohner in deutscher Sprache gekennzeichnet. Dazu gehört auch das Erlebnis einer Umgebung von Ikonen in all ihrer Buntheit und Vielfalt von Motiven.

Ein besonderes Motiv, vor allem in der weihnachtlichen Zeit, ist das mit dem Baum. Dabei geht es nicht um einen Christbaum, sondern um den Stammbaum unseres Herrn Jesus, den wir als menschgewordenen Gott, den Gott mit und unter uns Menschen, feiern. Eine Darstellung des Stammbaumes in ikonenhafter Ausführung aus der westsyrischen Tradition der Maroniten, der Christen Libanons, findet sich im Collegium Orientale. Sie stellt die uns allen bekannte Aufzählung der einzelnen Geschlechter der Vorfahren Jesu „dem Fleische nach“ dar. Man sieht den im Wurzelbereich liegenden Vorvater Isai („die Wurzel Jesse“). So heißt es im Neuen Testament: „Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Juda und seine Brüder … Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar … Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, Isai zeugte David, den König … Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird … usw.“ (vgl. Mt 1,1-17, am Sonntag vor Weihnachten, dem Vierten Adventssonntag).

Genealogie Jesu Christi – Darstellung im Collegium Orientale Eichstätt

Diese gekürzt zitierte Lesung galt für mich als jugendlichen Ministranten in meinem ukrainischen Heimatdorf als eine der langweiligsten Lesungen: das Vortragen der sogenannten Genealogie Jesu Christi. Der Inhalt und die gleichklingende Kette von Fremdnamen ergaben für mich keinen Sinn und ließen mich immer wieder wundern, dass man in der unmittelbaren Vorbereitungszeit auf eines der Hochfeste so eine Lesung wählt. Da man sich im Ukrainischen wegen der abschätzigen Konnotation des Wortes „zeugen“ in der offiziellen Übersetzung auch noch für das „gebären“ entschieden hatte, kam mir diese Lesung nicht nur langweilig, sondern auch seltsam vor. Denn im Vortrag hieß es dann: „Abraham gebar den Isaak, Isaak gebar den Jakob, Jakob gebar den Juda und seine Brüder …“.

Erst als ich ins Priesterseminar eingetreten bin und mich mit der Bibel intensiver beschäftigte, verstand ich immer mehr, wie wichtig diese Texte sind: für die Menschwerdung des Sohnes Gottes und vor allem für jeden Christen und für mich persönlich.

Bekanntlich hört eine Sache oder eine Angelegenheit auf, langweilig zu sein, wenn sie plötzlich für einen selbst relevant wird, wenn man in ihr einen Sinn und Bedeutung für sich sieht. So ist es auch mit dem Stammbaum Jesu. Es lohnt sich ihn zu betrachten, besonders in der Weihnachtszeit, die uns darüber Einiges offenlegt.

Die erste und wohl allgemein bekannte Erkenntnis ist: Durch die klare Nachfolge der einzelnen Geschlechter des Ziehvaters und der Mutter Jesu Christi, Josef und Maria, wird seine wahre Menschheit dokumentiert. Gott ist in seinem Sohn, so wie er wahrer Gott war und bleibt, wahrer – echter – Mensch geworden, und zwar mit einer Vorfahren-Kette hier auf Erden.

Der zweite Aspekt liegt mehr oder weniger auch offen: Durch Jesu Einordnung in das Menschengeschlecht, mit all den Männern und Frauen in all ihrer unterschiedlichen charakterlichen, existentiellen und moralischen Verfasstheit, wird der klare Wille Gottes manifestiert, sich in das menschliche Geschlecht mit allen Schwächen und Stärken einzubinden und einer von uns zu werden. Der menschgewordene Gott nimmt die Menschheit so an, wie er sie vorfindet: erlösungsbedürftig, unzulänglich und auf den Messias, den Befreier, harrend.

Mit diesem zweiten Gesichtspunkt, mit dem der Stammbaum Jesu Christi wertvoll wird, kommt man schon dem eigenen Interesse näher, das uns zum dritten für mich als sehr wichtig erscheinenden Punkt bringt. Denn dieser letzter erschloss mir das Verlesen des Evangeliums vom Stammbaum Christi, ja freundete mich mit dem Stammbaum für immer an.

Der Stammbaum Jesu Christi ist ein lebendiger Baum. Er endet nicht mit der Geburt Jesu Christi, er wächst weiter, auch heute noch. Und wir alle sind Zeugen dafür. Jesus Christus ist die lebenspendende Mitte unseres Geschlechts und unseres Stammbaumes.

Wir sollen seine Äste und Zweige nicht nur in der Perspektive nach unten betrachten, zu den Wurzeln hin. Unser Blick soll sich wenden, und zwar vor allem in seine Wucht nach oben, in die Krone hinein. Denn mit dem Eintritt Jesu in unsere menschliche Geschichte wurden am Baum des auserwählten Volkes unzählige Anschnitte verursacht, an die angedockt werden kann, an die – mit dem Apostel Paulus gesagt – eingepfropft werden kann. Durch unsere Taufe werden wir, ein jeder und eine jede von uns zu einem Zweig am Stammbaum Jesu. Wir gehören somit zu einem tollen Geschlecht, zum Geschlecht der Erlösten, der Auserwählten: Wir sind aus dem Geschlecht Jesu Christi, des menschgewordenen Heilands! Kann es für uns Menschen, für uns Christen, eine schönere genealogische Linie geben als die der Eingepfropften an Jesus Christus, an der Quelle des Lebens?!

Dies ist der wahre Grund, um den Stammbaum und die Lesung darüber zu lieben. Dies ist auch der wahre Grund zur Freude in dieser Weihnachtszeit und warum wir einander „Frohe Weihnachten“ wünschen dürfen.

In der Freude, zum Stammbaum Jesu, des menschgewordenen Heilands, gehören zu dürfen, mögen alle Leserinnen und Leser des Blogs WEITBLICK gegrüßt werden. Ein freudiges Fest der Geburt Jesu Christi und Seinen reichen Segen für das mit großen Schritten kommende Neue Jahr 2020!

Keiner soll alleine glauben – 170 Jahre Bonifatiuswerk

Als Seelsorgeheferinn begann Barbara Naumann 1956 in der Pfarrei Christus König Luckau. Bei jedem Wetter machte sie sich auf, um auf den 56 Dörfern die verstreut lebenden katholischen Familien zu besuchen. „Am Küchentisch habe ich die Kinder in Religion unterrichtet“, erzählt die heute 87-Jährige. So erinnert sie sich, wie sie in Eisenhüttenstadt von Tür zu Tür gehen musste, um von den Einwohnern zu erfahren, wer von ihnen katholisch ist: „Nicht wenige haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen oder drohten mir, mich von der Vortreppe zu schupsen. Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, zitiert sie einen Slogan der staatlich verordneten Entchristlichung.

Der Bonifatiusverein, der seit 1968 den Namen „Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken“ trägt, habe die Katholiken in der DDR durch diese schwierige Zeit begleitet, betont Naumann. Das Bonifatiuswerk bildete während der 40-jährigen deutschen Teilung das zentrale Werk der Solidarität zwischen den Gläubigen in West und Ost. Ungefähr 454 Millionen DM konnten zwischen 1949 und 1990 der Kirche in der DDR zugeleitet werden.

Wenn das Bonifatiuswerk auf seine 170-jährige Geschichte zurückblickt, gelten die 40 Jahre der deutschen Teilung als ein Ausrufezeichen der Solidarität mit Katholiken, die als Minderheit ihren Glauben leben. Dabei stand das Hilfswerk stets vor großen Herausforderungen. Am 4. Oktober 1849 auf der „Dritten Generalversammlung des Katholischen Vereins Deutschlands“ in Regensburg gegründet, sollte der Bonifatiusverein Hilfe „für arme katholische Gemeinden“ in der Diaspora leisten sowie ein „Missionsverein in und für Deutschland“ sein.

Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 stieg die Zahl der Katholiken in den Industriezentren sprunghaft an. Das Bonifatiuswerk unterstützte in dieser Zeit den Bau von Kirchen und katholischer Infrastruktur. Zudem weitete sich der Blick auf neue Nöte. So gründeten Paderborner Kaufleute 1885 den „Bonifatius-Sammelverein“, der sich für Waisenhäuser engagierte. 1891 bildete sich der „Schutzengelverein“, später „Bonifatiuswerk der Kinder“, für die Förderung katholischer Schulen. Gemeinsam mit dem 1921 gegründeten „Bonifatiuswerk der Jugend“ bilden die beiden Kinderhilfswerke die Wurzel der heutigen Kinder- und Jugendhilfe. Seit 1918 sammeln auf Beschluss der deutschen Bischöfe die Erstkommunionkinder und seit 1952 die Firmbewerber für Projekte der Kinder- und Jugendhilfe.

Nach dem Ersten Weltkrieg hielt der Bedarf an neuen katholischen Orten in den Städten an. Während der Weimarer Republik entstanden jährlich fast 40 Kirchen. Der Nationalsozialismus allerdings schränkte das Wirken des Bonifatiuswerkes ein, bis es zum Erliegen kam. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Mit der Gründung der Diaspora-MIVA 1949 wurde die heutige Verkehrshilfe ins Leben gerufen. Die rapsgelben BONI-Busse, von denen derzeit circa 600 in den Diasporaregionen in Deutschland unterwegs sind, sind bis heute ein weiteres sichtbares Zeichen der Unterstützung. Aufgrund von Flucht und Vertreibung kamen in den 1940er Jahren zahlreiche Katholiken in bis dahin evangelisch geprägte Gebiete. Das Bonifatiuswerk förderte daher den Bau von Notkirchen, Priesterwohnungen, Gemeinderäumen sowie die Anschaffung von Fahrzeugen für die Seelsorge. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten allein in Deutschland mehr als 2.000 zerstörte Kirchen wiederaufgebaut werden. Von 1949 bis heute wurden sogar mehr als 11.500 Kirchen, Kapellen, Gemeindehäuser oder Kindergärten unterstützt.

Mit der deutschen Teilung erlebten sich Katholiken in der DDR nicht mehr nur in einer Minderheitensituation, sondern auch unter einer Staatsführung, die den christlichen Glauben missbilligte und Gläubige wie Kirche schikanierte. Doch das Bonifatiuswerk blieb über die Grenze hinweg an deren Seite, und der 1966 erstmals abgehaltene „Diaspora-Sonntag“ entwickelte sich zum großen Tag der Solidarität mit den Katholiken in der DDR. Doch das Bonifatiuswerk nahm sich nicht nur der Nöte der Katholiken der innerdeutschen Grenze an. Seit 1974 setzt es sich auch für die Katholiken in der Diaspora Nordeuropas und seit 1995 für die Katholiken in Lettland und Estland ein.

Der Mauerfall bildete ein freudiges Ereignis in der Geschichte des Hilfswerkes. Endlich konnte den Katholiken wieder direkt geholfen werden. Doch der mit der Wende erhoffte Eintritt ostdeutscher Bürger in die Kirchen blieb aus. Vielmehr sehen sich bis heute Christen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in der Diaspora. Fast 80 Prozent der Einwohner sind weder getauft, noch gehören sie einer Religion an. Eine weltweit besondere Situation, die sonst nur noch in Tschechien und Estland ähnlich ist.

Mit dem Amtsantritt von Generalsekretär Monsignore Georg Austen 2008 begann das Bonifatiuswerk einen Reflexionsprozess zur veränderten Situation der Diaspora in Deutschland. Denn: Die Säkularisierung der Gesellschaft lässt Katholiken in einer emotionalen Diaspora des Glaubens zurück. Das Hilfswerk reagierte mit dem neuen Bereich »Missionarische und diakonische Pastoral«, der heutigen Glaubenshilfe. Sie unterstützt missionarische Projekte in ganz Deutschland und damit auch in katholischen Regionen. Neu hinzugekommen sind auch das Praktikum im Norden und die Personalstellenförderung. Der Schwerpunkt der Förderung liegt weiterhin aber in der zahlenmäßig extremen Diaspora in Nord- und Ostdeutschland, Nordeuropa und dem Baltikum. Unter dem Motto »Hilfswerk für den Glauben« richtet das Bonifatiuswerk seinen Blick in die Zukunft: Denn die Not der Einsamkeit im Glauben fordert die Kirche in ganz neuem Maße heraus, in Ost wie in West, in Nord wie in Süd.

Kirche lebt von Menschen, die sich einbringen und engagieren. Mit der Diaspora-Aktion 2019 unter dem Leitwort „Werde Glaubensstifter“ hat das Bonifatiuswerk zum Ausdruck gebracht, dass alle Christen dazu eingeladen sind, Glaubensstifter zu sein oder zu werden, zum einen durch das eigene Glaubenszeugnis und zum anderen durch tätige Nächstenliebe. „Wir wünschen uns eine Kirche, in der die Menschen deutlich spüren, dass der Glaube für sie persönlich ein Segen ist. Und das geht nur, wenn er von Menschen bezeugt wird, die authentisch leben, was sie glauben: durch ihr Reden, Handeln und Beten. Wenn wir genau hinsehen, finden wir vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern, die aus der Zuversicht des Glaubens leben und handeln. Diese Menschen zu entdecken und sie zu ermutigen, neue missionarische Initiativen anzugehen – um auch Menschen anzusprechen, denen der Glaube fremd ist –, ist für uns ein zentrales Ziel“, sagte der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen. Gleichzeitig dankt Austen all denjenigen, die das Bonifatiuswerk dabei unterstützen, „das Evangelium in unsere Zeit zu übersetzen, und helfen, unsere Werte – die für uns seit der Gründung des Bonifatiuswerkes bis heute Auftrag und Ziel sind – zu leben, sei es im Gebet, durch ehrenamtliches Engagement oder durch ihre Spende.“

Mehr zum Thema:
Rückblick: Diaspora-Aktion 2019

Das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde – meine Lieblingskirche in Georgien

Das Ziel der aus 46 Personen bestehenden Pilgergruppe von Studenten und Freunden des Collegium Orientale aus Eichstätt war in diesem Jahr das Land Georgien (24.8.-7.9.2019). Für mich als Reiseleiter war dies bereits das vierte Mal, dass ich dieses Land im Kaukasus bereisen durfte.

Auch diesmal durfte in dem dicht bestückten Reisegramm der Besuch der bergigen Region Ratscha im Nordwesten Georgiens nicht fehlen. Es waren tatsächlich mehrere Gründe, warum unser Weg auch dahin führte. Zum einen ist dort ein ehemaliger Kollegiat, Teimuraz Grdzelishvili, als Staatsbeamter für die Fragen der Infrastruktur zuständig; ihm wollten wir auf seine freundschaftliche Einladung hin einen Besuch abstatten. Ferner verlockt diese bezaubernde Region Einheimische und Touristen auch durch ihre vielen Seen, darunter der Shaori-See, zahlreiche Bergflüsse und dichtbewaldete Bergen. Doch der eigentliche Grund war für mich – und wird es wohl immer bleiben – ein Kulturdenkmal, von Menschen erbaut, eine Kirche mit vielen kaum allein von Menschenhand ausgeführten Merkmalen.

In dem kleinen Städtchen Nikortsminda (= St. Nikolaus), 14 km in süd-westlicher Richtung von Ambrolauri gelegen, besichtigte unsere Pilgergruppe die dortige gleichnamige Kathedralkirche „Nikortsminda“.

Diese Kirche zu sehen gehört für mich persönlich zu einem der Höhepunkte unserer gesamten Georgienreise. Für jeden kirchlich interessierten Touristen bzw. Pilger würde ich den Besuch dieser Kirche aufs Herzlichste empfehlen (für größere Gruppen muss man mehr Zeit einplanen!).

Die heutige Bischofskirche wurde, wie aus der Überschrift des westlichen Portals hervorgeht, in den Jahren 1010/14 unter König Bagrat III. im Grundriss als Kreuz-Kuppel- Kirche erbaut und im Laufe der Geschichte mehrmals umgebaut und renoviert: Im 11. Jh. erhielt die Kirche ihr südliches und westliches Nebenschiff; König Bagrat III. von Imeretien renovierte sie ab dem Jahr 1534; aus diesem und dem folgenden Jahrhundert stammen auch die wunderbaren und relativ gut erhaltenen Fresken auf den Innenwänden des Fünf-Apsiden-Baus. Zuletzt wurde die Kirche im 18. Jh. renoviert; der dreistöckige Glockenturm in der Nähe der Kathedrale stammt aus dem 19. Jh. Die massive Kuppel ist befestigt auf fünf Halbsäulen und seine zwölf schmalen und hohen Fenster lassen dezent Außenlicht in den Kirchenraum ein und machen die Kirche so, natürlich unterstützt durch die vollständig ausgemalten Innenwände, zu einem meditativen Raum des Gebetes und der Nähe Gottes.

Wir durften einige Lieder auf Georgisch singen und damit uns selber und mehreren georgisch-sprachigen Besuchern eine Freude bereiten.

Der Altarraum ist ebenfalls voll ausgemalt; der Altartisch ist mit einem hölzernen und ebenso ausgemalten Baldachin überdacht. Die Kirche ist verständlicherweise dem heiligen Nikolaus geweiht, anderes kann man ja in einer Ortschaft mit dem Namen St. Nikolaus nicht erwarten. Somit beherbergt die Kirche mehrere Ikonen und Fresken ihres Patrons, des Wundertäters von Myra.

Bei all der Fülle des bisher Gesagten über die Kirche ist jedoch das eigentlich Bewundernswerte noch nicht angesprochen: Dies sind die wunderschönen und zahlreichen Ornamente und Figuren, in Steine gemeißelt, als Außenverzierung der Kirche. Besonders diese Steinmetzarbeiten und die figürlichen Fassadenreliefs machen die Kirche in Nikortsminda zum Meisterwerk der georgischen Architektur und Steinornamentik. Das menschliche Auge kann sich an der Schönheit dieser Kirche nicht sattsehen. Vor den glatt und meisterhaft bearbeiteten und unglaublich zahlreichen Ornamenten und Arkaden kann man Stunden verbringen. Besonders qualitätsvoll und in ihrer Ausführung unübertrefflich fand ich die Einzeldarstellungen und einzelne Relieffiguren aus der Bibel und auch Motive weltlicher Folklore. Neben den Darstellungen der Verklärung, der zweiten Ankunft und der Himmelfahrt Christi sowie des heiligen Georg mit dem niedergeschmetterten Diokletian finden wirkliche und erdachte Tiere ihren Platz.

An verschiedenen Stilen der Ausführung ist zu sehen, dass hier mehrere Künstler am Werk waren. Möglicherweise wird dadurch auch die künstlerische Freiheit der damaligen Zeit verraten. Wahrscheinlich erreicht und manifestiert die kirchliche Steinmetzkunst in Georgien gerade in Nikortsminda ihren Höhepunkt. Nicht umsonst hat der georgische Dichter Galaktion Tabidze (1892-1959) diesem Kulturdenkmal sein Gedicht „Das Hohelied für Nikortsminda“ gewidmet. In diesem bringt er zum Ausdruck, dass ein Besucher vor dem überwältigenden Antlitz der Nikortsminda-Kirche einfach sprachlos wird. Der unbekannte Architekt und Meister dieser Kathedrale, so schreibt Tabidze (nach russ. Übersetzung), „muss mit Gott, dem Schöpfer, per ,Du‘ gewesen sein“, dass er ihn mit den Fähigkeiten ausstattete, die ihm erlaubten, gleichsam „das reichlich geschmückte Diadem auf dem Kopf der Erde“ zu erbauen, nämlich die Kirche von Nikortsminda.

Hier zwei Strophen in Prosaübersetzung:

„Wie die Abrundungen einer Lyra sich ineinander verflechten
und wie der Schießbogen sich wunderbar spannt,
so folge ich stumm deinen Arkaden in Erwartung eines Wunders;
doch muss mein unwürdiges Gedicht sterben, bevor es geboren wird.
Denn wenn jemand den Höhenglanz erreicht hat,
dann ist es derjenige, der dich erbaute,
du, Kirche von Nikortsminda.

Der Steine Geflecht fordert des Auges Stern danach zu fragen:
Kann denn jemand einen Felsen besticken und ausbügeln,
gleich einem Musikstück, in dem die Töne zueinander passen?
Und die Antwort wäre: Dem ist es gelungen,
der die Trümmer der Felsen verwandelte
in die Kirche von Nikortsminda …“

Gastprofessor in „little Vatican“

Was haben die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright, die oscarprämierte US-Schauspielerin Susan Sarandon und der Eichstätter Diözesanpriester Marco Benini gemeinsam? Allen dreien ist die Catholic University of America (CUA) in Washington vertraut. Die beiden Frauen studierten an der Hochschule, die von der katholischen Bischofskonferenz der USA getragen wird. Liturgiewissenschaftler Benini ist seit knapp einem Jahr Gastprofessor an der CUA. Während dort gerade Semesterferien sind, nutzt der gebürtige Ingolstädter im Heimaturlaub die Gelegenheit, sich in Ruhe wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu widmen oder Vorlesungen vorzubereiten.

Zurück in Pfraunfeld

Dass er die Chance bekam, an der renommierten CUA zu lehren, sei „das Beste, was mir hätte passieren können“, stellt der 37-Jährige im Gespräch mit der Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt fest. Benini hat in Eichstätt und Rom Theologie studiert. 2015 schloss er seine Doktorarbeit ab, 2018 seine Habilitationsschrift. Zugleich war er seit 2012 Kaplan in Raitenbuch und Pfraunfeld, wo er kürzlich wieder einmal einen Gottesdienst hielt und sich über das Wiedersehen freute.

Das Angebot, Gastprofessor in den USA zu werden, bekam Benini bei einer wissenschaftlichen Tagung in Belgien. Als er dort einen Vortrag hielt, saß der Dekan der CUA im Publikum, „so hat sich der Kontakt entwickelt“. Mit Zustimmung des Eichstätter Bischofs lehrt der Liturgiewissenschaftler nun an der School of Theology and Religious Studies. Dort hat er es in den Vorlesungen mit weit mehr Studierenden zu tun als in Eichstätt. So habe er zum Beispiel ein Seminar über Buße und Krankensalbung für 28 Diakone gegeben, erzählt Benini. Während des Pastoralkurses stehen für angehende Priester in den USA nämlich noch Vorlesungen an, während deutsche Weihekandidaten das Studium in dieser Phase schon hinter sich haben. Umgekehrt würden US-Priesteramtskandidaten schon von Studienbeginn an Pfarreien zugeordnet, um am Wochenende Praxiserfahrung zu sammeln, berichtet er.

Seine Adressaten sind aber nicht nur Theologiestudenten. Er gibt auch theologische Einführungsseminare für fachfremde Studierende. So spricht er an der „Nursing school“, an der angehende Krankenschwestern eine akademische Ausbildung erhalten, über die Krankensalbung, oder er gibt in einem Basismodul zur Bibel Einblick in die Heilige Schrift. Ganz gleich, für welches Fach man sich an der CUA auch einschreibt – Vorlesungen in Theologie sind obligatorisch. „Wissensvermittlung im Licht des christlichen Glaubens“ gibt die Homepage der Hochschule als Ziel aus: „Wir leben unseren Glauben an der Katholischen Universität. Wir bieten unseren Studenten Zugang zu den Sakramenten.“

1889 hatte die amerikanische Vollversammlung der Bischöfe die Erlaubnis aus Rom erwirkt, eine katholische Universität zu errichten. War doch der Katholikenanteil in der Neuen Welt wegen der vielen Einwanderer aus Europa stark gestiegen. Aber sie seien von den gebürtigen Amerikanern misstrauisch beäugt und als „papstgesteuert“ betrachtet worden, erzählt Benini. Dass in den Kirchen US-Flaggen hängen, gehe auf diese Zeit zurück. Es sei ein Zeichen der Loyalität gewesen. Einen Imagegewinn für die katholische Kirche habe letztlich aber erst das Zweite Vatikanische Konzil gebracht. Und die Tatsache, dass mit John F. Kennedy erstmals ein katholischer Präsident ins Weiße Haus einzog.

Rund 20 Prozent der US-Amerikaner sind heute katholisch. „Grundsätzlich muss man sich die USA viel religiöser vorstellen als Deutschland“, berichtet Benini. Der durchschnittliche Kirchenbesuch liege bei 30 Prozent. Und im Baseballstadion, in das die Kollegen ihn mitgeschleppt haben, erklinge „God bless America“.

Katholisches Zentrum

An der CUA schlägt das Herz des katholischen Amerika. „Little Vatican“ wird das weitläufige Unigelände genannt, auf dem Klöster und viele katholische Organisationen ihren Hauptsitz haben. Es gibt mehrere Priesterseminare, in denen Studierende aus vielen US-Bistümern gemeinsam leben. Dominiert wird der Campus von der Basilika der Unbefleckten Empfängnis, deren Bau 1920 begann. Das Gotteshaus ist die größte katholische Kirche Nordamerikas und eine der zehn größten weltweit. „Riesig“ beschreibt sie Benini, der dort jeden Samstag die Beichte hört und staunt, wie viele Menschen zum Gottesdienst kommen. Sechs Heilige Messen finden allein werktags statt.

Dr. Marco Benini. Foto: Gabi Gess

In Washington, wo er in einem Priesterhaus auf dem Campus mit 20 Geistlichen lebt, möchte Benini zumindest das kommende Semester noch als Gastprofessor wirken. Wie klein die Welt ist, hatte der junge Eichstätter Diözesanpriester bereits bei seiner Ankunft festgestellt: Der Benediktiner, der ihn vom Flughafen abholte, kannte das Eichstätter Kloster St. Walburg. Als nun eine Amerikanerin dort Äbtissin wurde, „da hat er mir das gleich berichtet“, lacht Benini. Ein andermal unterhielt er sich mit einem Professorenkollegen, der früher Regens in Milwaukee war. „Er erinnerte mich an einen Vorgänger namens Michael Heiß. Der 1890 verstorbene spätere Erzbischof von Milwaukee war der berühmteste Sohn der Pfarrei Pfahldorf bei Eichstätt.

Pilger als Zeugen der Auferstehung

Tief beeindruckt von den Osterfeierlichkeiten kehre ich mit einer Pilgergruppe gerade von Jerusalem zurück. Das war schon ein besonderes spirituelles Erlebnis, den Leidensweg des Herrn nachzugehen, unter seinem Kreuz zu stehen und seine Auferstehung zu bejubeln.

Ich war sehr gespannt, wie wir das Osterfest in Jerusalem erleben. Ob wir auf den Berg Golgatha hinaufsteigen und das Heilige Grab betreten können oder in der Masse untergehen. Beeindruckend die Gründonnerstagsliturgie mit Fußwaschung bei den Benediktinern in der Dormitio Abtei. Kein Besucherandrang wie an den Heiligen Stätten Jerusalems, sondern eher ein kleiner Kreis von Gläubigen. Und die Liturgie in deutscher Sprache. Ehrfurchtsvoll verfolgten die Pilger die Feier von den vorderen Plätzen aus. Die Teilnahme am Kreuzweg der Franziskaner entlang der Via Dolorosa am Karfreitag ist ein großes Spektakel. Menschentrauben drängen durch die engen Gassen Jerusalems, begleitet von der Weltpresse. Eine innige Andacht kommt nicht auf, wegen der sprachlichen Barrieren und der Geschäftigkeit im Basar. Die Prozession zieht sich in die Länge, reißt ab und ein Teil der Beter kommt zu spät in die Grabeskirche mit den letzten Stationen des Kreuzwegs. Das liegt auch an den Barrieren, die die israelische Polizei zur Sicherheit der Besucher errichtet.

Domvikar Reinhard Kürzinger neben dem Heiligen Grab bei der Osterliturgie. Foto: privat

Ein besonderes religiöses Erlebnis war die Teilnahme an der Osternachtfeier am frühen Morgen des Karsamstags. In der Grabeskirche wird die katholische Osternacht schon am frühen Samstagmorgen gefeiert. Dies geht zurück auf den sogenannten „Status Quo“, ein Regelwerk aus dem 19. Jahrhundert, in dem der Gebetsplan der an der Kirche beteiligten sechs Konfessionen festgeschrieben ist. Weltweit ist das die erste Auferstehungsfeier. Diese österliche Liturgie mit dem der Leiter des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem beginnt um 7.30 Uhr und zieht sich über dreieinhalb Stunden hin, die die Gläubigen stehend verfolgen.

Die Nacht sei gleichermaßen der Moment der Offenbarung Gottes wie auch die Zeit der Angst, des Zweifels, der Einsamkeit und der Gefahr, predigte Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. „Ich denke an jene, die wegen der Dunkelheit ihrer Nacht das Licht nicht sehen können: die Nacht unserer Familien, getrennt durch Abwanderung in der Not für Arbeit, gespalten durch kalte und zynische politische Kalkulationen. Ich denke an die Nacht so vieler junger Menschen, die darum kämpfen sich selbst Perspektiven für die Zukunft zu geben, ich denke an die Nacht unserer religiösen Spaltungen, die unsere Beziehungen erblinden lassen, an die neuen Formen der Sklaverei in der Arbeit von Migranten und Flüchtlingen, in vielen Formen der Abhängigkeit“, so der Italiener. Pizzaballa rief die Gläubigen auf, Licht zu sein und das Licht der Osterkerze und des auferstandenen Christus hoffnungsvoll weiterzutragen. „Wir sind das Licht. Es wird kein außerordentliches Wunder von außen kommen“, betonte er. Die Liturgie der Osternacht sei nicht nur eine Erinnerung an das, was Gott an den Vorfahren getan habe, sondern hier und heute ereigne sich Erlösung.

Das Heilige Grab – Innenansicht. Foto: privat

Wenn man es geschickt einfädelt, können die Pilger anschließend das Heilige Grab besuchen.

Am Ostersonntag feierte ich mit der Pilgergruppe den Gottesdienst um 11 Uhr im Dominus flevit und konnte bei diesem herrlichen Panoramablick von der Kapelle auf Jerusalem die Ereignisse von Tod und Auferstehung noch einmal Revue passieren lassen.

Interview mit der tagesschau

Mein Fazit in einem Interview für die ARD: Jerusalem ist für mich die Stadt dreier Weltreligionen. Eigentlich sollte man hier nicht gegeneinander arbeiten, sondern Schritte der Versöhnung aufeinander zu tun – religiös, aber vor allem auch politisch.