Kategorie-Archiv: Reise

„Deutlich katholisch, aber nicht ideologisch“: Eindrücke von einer Domweihe in Norwegen

Das Datum hätte nicht passender sein können: genau an dem Wochenende, an dem das Bonifatiuswerk deutschlandweit um Spenden für die Christen in der Diaspora bat, wurde in Trondheim/Norwegen die katholische Domkirche St. Olav geweiht. Ihr Bau wurde maßgeblich durch das Bonifatiuswerk unterstützt. Mein Mann und ich durften zusammen mit einer deutschen Reisegruppe bei diesem festlichen Anlass zugegen sein.

Norwegen ist wahrhaftig Diaspora:  Unter den rund 5 Millionen Einwohnern leben etwa 160.000 Katholiken, das entspricht gerade mal 3,2 Prozent.  Die Norweger unter den Katholiken machen nur 15 % aus. Die anderen 85 % haben einen Migrationshintergrund, kommen zumeist aus Polen, von den Philippinen, aus Vietnam, Äthiopien, Eritrea. Bischof Bernt Eidsvig aus Oslo, als Apostolischer Administrator auch für Trondheim zuständig, sagt: „Bei uns ist jeden Sonntag Pfingsten!“  Auf dem Gebiet der Territorial-Prälatur Trondheim (56.458 qkm – im Vergleich dazu: Bayern hat rund 70.000 qkm) gibt es fünf Pfarreien, in denen 12 Priester die Seelsorge an den knapp 15.000 Katholiken zu bewältigen haben.

Die Domgemeinde St. Olav  ist mit 5500 registrierten Mitgliedern etwas größer als unsere Heimatpfarrei St. Walburga und darf sich freuen über kontinuierlichen Zuwachs. – Ich versuche mir vorzustellen, was das für die Zusammensetzung der Gemeinde bedeutet:  825 Einheimische auf 4675 Gastarbeiter oder Flüchtlinge – kann der katholische Glaube bei so einem „steilen“ Verhältnis genug integrative Kraft entfalten?  Tatsächlich bestätigt die Bürgermeisterin von Trondheim, die Dompfarrei St. Olav sei ein vorzüglicher Ort der Integration! – Auch wir erleben bei der Domweihe eine bunte Mischung – Ordensleute, Ministranten, Festgäste, Gemeindemitglieder aus aller Herren Länder (goldig: die drei Sprösslinge einer philippinischen Familie mit Krawatten in den norwegischen Landesfarben) – und ein fröhliches, unkompliziertes Miteinander. Die Liturgie nimmt auf diese Internationalität Rücksicht: es wird im gelenkigen Wechsel  norwegisch, lateinisch und englisch gebetet und gesungen; ein deutscher Wortbeitrag richtet sich speziell an unsere Gruppe vom Bonifatiuswerk.

Eigentlich beginnt die Geschichte der Trondheimer Domkirche auf der gegenüber liegenden Straßenseite: dort steht der altehrwürdige Nidaros-Dom. An dieser Stelle wurde vor fast 1000 Jahren  ein Holzkirchlein als Grabstätte für König Olav Haraldsson errichtet, der auf einem Wikingerzug bis nach Nordfrankreich kam. In Rouen überwinterte er, lernte das Christentum kennen und ließ sich schließlich taufen. Der von ihm importierte und propagierte neue Glaube konnte sich nur schwer durchsetzen. Olav selbst kam 1030 in der Schlacht von Stiklestad ums Leben. Bald setzten Pilgerströme zu seinem Grab ein. Wegen des Olavsschreins gilt die Kathedrale – seit der Reformation lutherisch – als „Herz Norwegens“ und war bis ins 20. Jh. Krönungskirche der norwegischen Könige. Zwar werden die Monarchen Skandinaviens heute nicht mehr gekrönt, erfahren wir. Aber das Königspaar komme verlässlich einmal im Jahr nach Trondheim, und dann sei die riesige Kirche auch voll. Und Pilger kämen natürlich, heute mehr denn je.

Die neue katholische Domkirche St. Olav nimmt sich gegenüber dem prächtigen Nidaros-Dom schlicht und solide aus. (Ein Vorgängerbau aus den 70er Jahren war nicht mehr zu retten.) Im Grundriss ist sie einer römischen Basilika nachempfunden. Das Baumaterial ist so international wie ihre Besucher. Wir dürften uns wie zu Hause fühlen, versichert man uns, denn die Bodenfliesen seien aus Juramarmor und die Ziegel ebenfalls deutscher Herkunft. Die dänischen Fliesen und schwedischen  Steine wären teurer gekommen. Der Beichtstuhl sei ein Geschenk aus Dol-de Bretagne (Frankreich), der Stein für den Altar komme aus Carrara/Italien. Die Kirchenbänke seien in Polen hergestellt  worden – immerhin hätten norwegische Physiotherapeuten das Aufmaß zum ergonomisch Besseren hin verändert, schmunzelt Dompfarrer Egil Mogstad beim Domrundgang mit unserer Gruppe.

Sonntags gibt es einen dichten Gottesdienst-Takt in St. Olav: um 9 Uhr in Latein („Wir sind doch die Domkirche!“), um 11.00 Uhr in Norwegisch, um 13.00 Uhr in Polnisch, um 15.00 Uhr abwechselnd in Vietnamesisch und Tagalog, um 18.00 Uhr in Englisch; die Gottesdienste sind allesamt gut besucht. Hinterher trifft sich die Gemeinde in den sehr zweckmäßig ausgestatteten Gemeinderäumen zum „kirkekaffe“, dem „8. Sakrament“, wie man in Skandinavien augenzwinkernd sagt. Für die wenigen Katholiken zählt die Gemeinschaft umso mehr.

Der Weihegottesdienst am 19. November dauert satte drei Stunden und fesselt von Anfang bis Ende. An das Taufgedächtnis und die Wortverkündigung mit den kraftvollen Lesungen des Kirchweihfestes schließen sich das feierliche Credo und die Allerheiligenlitanei an. Mithilfe des Textheftes finden wir die Heiligen des Landes und der Region heraus:  Der Hl. Olav natürlich (er wird gleich dreimal angerufen), Hallvard, Magnus, Sunniva, Eystein, Thorfinn. Kardinal em. Cormac Murphy-O’Connor, der Abgesandte des Papstes, setzt Reliquien des Hl. Olav in den Altar ein, salbt ihn mit Chrisam und inzensiert ihn mit Weihrauch. Dann werden die 12 Apostelkreuze gesegnet und angebracht, ebenso die Leuchter. Bei der musikalischen Begleitung wechselt sich die Orgel mit der aus Frauen bestehenden Schola Sancta Sunnivae ab (norwegische Gregorianik und ein strahlender „Ingressus Solemnis Regis Olavi“) und den Buben und Männern des „Nidarosdomens guttekor“, die Teile aus der „Messe solennelle op. Nr. 16“ von Louis Vierne singen und das zu Herzen gehende „Som en brudgom“ von John Rutter. Der Kardinal emeritus bringt es am Schluss auf den Punkt: „What a wonderful liturgy in a wonderful church!“ und erntet ein hörbares Schmunzeln, als er hinzufügt: „I‘ll recommend Pope Francis: If you don’t have anything better to do, go to Trondheim!“

Manches kommt uns deutschen Katholiken im Nachsinnen über die Kirche und den Weiheakt ein wenig altmodisch vor:  Ein barock anmutender Baldachin aus grünem Samt markiert den Bischofssitz. Priester und Bischöfe tragen Rochetts mit breiten Spitzen, die Kapläne den Talar und darüber einen schwarzem Umhang, sogar ein Birett auf dem Kopf. Statt nüchterner Flambeaus bringen die Ministranten zum Sanctus eine Art Laternen aus Buntglas auf Tragestangen; ein Schirm aus Goldstoff dient als „Himmel“ bei der Übertragung des Allerheiligsten. Ein „Speisgitter“ (Kommunionbank) trennt Altarraum und Kirchenschiff. Hätte man da nicht auch ein wenig moderner sein können?  Dompfarrer Mogstad beruhigt uns: In Norwegen sei man zwar deutlich katholisch, aber nicht ideologisch. Für die Kommunionbank habe man sich z.B. auch aus praktischen Gründen entschieden, weil der Dom den ganzen Tag offen bleiben solle, für Touristen ebenso wie für Beter. Durch das Gitter werde der Altarraum als „heiliger Bereich“ markiert. Man lege großen Wert auf den Ritus, auf eine festliche Liturgie und auf eine verlässliche Lehre  – das werde (in Abhebung zur lutherischen Kirche)als „katholisch“ wahrgenommen. Aber wohlgemerkt: Nicht ideologisch!

Der festliche Tag klingt mit einem Empfang in einem nahe gelegenen Hotel aus, da das neu erbaute Gemeindezentrum die Zahl der Gäste nicht annähernd fassen könnte. Eine Trommelgruppe aus Äthiopien empfängt uns mit rhythmischen Gesängen. In der Schlange vorm kalten Büffet mischen sich nicht nur geborene und zugewanderte Norweger/innen mit Gästen aus der halben Welt, sondern auch Kleriker und Laienleute.  Wir stehen hinter dem Bischof von Reykjavik, der mit seinem dunkelroten Vollbart aussieht wie ein Nachfahre der Wikinger – weit gefehlt, er ist ein slowakischer Kapuziner. Eine junge Dominikanerin fällt mir auf, weil sie – sehr passend zu den Farben ihres Ordensgewandes – eine schwarz-weiße Wolljacke mit Norwegermuster unterm Skapulier trägt. Ich spreche sie lächelnd an: „A norwegian nun in a norwegian  sweater!“ – und erfahre, dass sie aus Polen stammt….

Überhaupt sind die Ordensleute in Norwegen eine ganz besondere Spezies!
Aber davon soll in einem späteren Beitrag berichtet werden.

Weitere Fotos und Informationen zur Reise nach Norwegen gibt es bei einem Vortrag am Sonntag, 22. Januar,  um 15 Uhr im Pfarrheim von St. Walburga, Nürnberg-Eibach.

 

Hilfe für verfolgte Christen im Irak

Ende September reisten wir (Maria und Martin Groos) zusammen mit anderen ehrenamtlichen Mitarbeitern des Vereins Support International nach Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Wir wollten dort die Menschen kennenlernen, denen unsere Unterstützung aus der Aktion „Für ein neues Zuhause im eigenen Land“ zu Gute kommt.

Reges Treiben herrscht auf dem kleinen Gelände der St. Joseph’s Charity Clinic in Ankawa, einem vorwiegend von Christen bewohnten Vorort von Erbil. Zahlreiche Patienten sind in die Morgen-Sprechstunde der aus Metallcontainern gebauten Ambulanz gekommen. Sie möchten ihre Medikamente gegen chronische Erkrankungen abholen oder sich wegen kleinerer akuter Beschwerden behandeln lassen. Das Besondere: Die Menschen sind alle in den letzten zwei Jahren vor dem Terror des sogenannten Islamischen Staat (IS) aus ihrer Heimatregion Mossul und der Ninive-Ebene geflohen und in Flüchtlingslagern in Erbil untergekommen. Das gilt für die Patienten ebenso wie für die Ärzte und Apotheker, die hier unentgeltlich in zwei Schichten am Tag Dienst tun. Angesichts zehntausender Vertriebener hatte das Chaldäische Erzbistum Erbil das Grundstück zur Verfügung gestellt. Dank der Initiative der Betroffenen selbst und der Finanzierung durch die Malteser in Deutschland konnte die Ambulanz errichtet werden. Anfang 2015 kam Support International durch Vermittlung eines Priesters aus Ankawa in Kontakt mit den Verantwortlichen der Klinik und entlastet seitdem monatlich mit 5.000 Euro das Arzneimittelbudget, das sich auf rund 50.000 Euro pro Monat beläuft. Die Spenden dafür kamen auch aus Eichstätt: Unter dem Motto „Für ein neues Zuhause im eigenen Land“ wurde im vergangenen Jahr besonders zu Pfingsten und – verbunden mit dem Verkauf von Weihnachtskarten – in der Weihnachtszeit am Markt- und Domplatz gesammelt. Hinzu kamen Spenden des Rotarier-Hilfswerkes und des Bistums Eichstätt. Für einen Kindergarten veranstaltete die Grundschule Pollenfeld einen Benefizlauf mit einem großartigen Ergebnis. Insgesamt sind bei der Aktion, die auf ganz Deutschland ausgeweitet wurde, bisher weit über 100.000 Euro zusammen gekommen, die in insgesamt vier Hilfsprojekte in Irak, Syrien und Libanon fließen.

Die vielzitierte Devise „Fluchtursachen bekämpfen“ wird dort Wirklichkeit. Warum verlässt man das eigene Land, wenn man der Bedrohung durch das Terrorregime zunächst entkommen ist? Es sind die Schwierigkeiten hinsichtlich der Bedürfnisse, die jeden Menschen betreffen: Wohnraum, Essen, Arbeitsplätze, Bildung besonders für die Kinder, Gesundheitsfürsorge. Das Engagement vieler Einzelner hat vielfältige Antworten darauf entstehen lassen. An der St. Joseph Charity Clinic kommen in einem festen Wochentagsrhythmus auch Fachärzte, die selbst Vertriebene sind, zur Sprechstunde. Ein EKG- und ein Ultraschallgerät konnten beschafft werden. Zusätzliche Behandlungsräume werden gerade gebaut. Drei Ordensschwestern aus Indien sind die Bezugspersonen in dem an sechs Tagen pro Woche laufenden Betrieb. Der Leitende Arzt Dr. Azzam erzählt, wie sehr es eine Freude für ihn und seine Kollegen ist, anderen helfen zu können. Sie würden selber durch die Arbeit bereichert. Die Pharmaziestudentin Mirna beschreibt, wie sehr sie ihren Beruf in der Beziehung mit den Patienten schätzen gelernt hat. Die strahlenden Gesichter der beiden unterstreichen ihre Worte. Derzeit werden 3.000 registrierte chronisch Kranke versorgt und täglich etwa 80 Akutfälle. Das Arzneimittelbudget ist damit an seine Grenze gekommen: Weil das Geld nicht reicht, werden bereits seit mehreren Wochen keine neuen Patienten mehr angenommen. Es gibt aber nach wie vor großen Bedarf. Für jeden neuen Patienten werden rund 70 Euro pro Monat für Arzneimittel benötigt.

Dem Bedürfnis nach Erziehung und Bildung für die Kinder kommt der Kindergarten Haus vom Jesuskind in Ozal City, einem anderen Vorort von Erbil entgegen. Die Initiatorinnen sind Ordensschwestern und Erzieherinnen aus Karakosch, die schon dort vor dem Angriff des IS einen Kindergarten betrieben haben. Die Dominikanerinnen Ibtihaj und Feidaa kümmern sich mit 11 Mitarbeiterinnen um 180 Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Support International trägt seit Mitte 2015 zu den laufenden Kosten wie Gehälter, Strom und Miete bei. Das Gehalt der Erzieherinnen ist gering und kann auch nur in zehn Monaten pro Jahr bezahlt werden; eine schwierige Lage, denn die Frauen sind Alleinverdienende in ihren Familien. Die Qualität ihrer Arbeit, die auch ersten Unterricht in Rechnen und Lesen vorsieht, ist in der Gegend bekannt. Beim Übertritt in die Grundschule schneiden die Kinder sehr gut ab. Eine Gruppe für Kinder mit körperlichen Einschränkungen wird gerade gegründet. Das ist keine einfache Aufgabe in einer Kultur, in der solche Kinder oft versteckt werden, weil sie von der Gesellschaft abgelehnt werden. Ein in der Nachbarschaft lebender Moslem, seinerseits aus Falludschah geflohen, zeigte sich sehr beeindruckt. Schwester Feidaa vertraute er an, wie sehr es ihn berühre, dass das Erzbistum die Miete für die mittellosen christlichen Flüchtlinge zahle. Auch sehe er, wie sehr die Christen sich nicht nur untereinander, sondern auch den moslemischen Nachbarn helfen. So habe er nun, im hohen Alter, erfahren dürfen, wer Jesus Christus ist. Kurze Zeit später starb er.

Mitten im Stadtzentrum von Erbil, gleich neben dem belebten, bunten und duftenden Basar, erstreckt sich ein großer Gebäudekomplex. Im Erdgeschoss sind Geschäfte untergebracht, wie wir sie auch bei uns finden. Die fünf oberen Etagen bieten allerdings eine Überraschung: Hier leben 210 Flüchtlingsfamilien auf engstem Raum zusammen. Jede Familie hat eine kleine Zweizimmerwohnung aus Wohnküche, Schlafzimmer und einem kleinen Bad. Kinder spielen in den langen Fluren, Erwachsene lächeln uns freundlich zu, möchten uns zum Tee oder zum Essen einladen. Unübersehbar sind die vielen, von bunten Lichterketten umrandeten Kreuze an den Wohnungstüren. Auch diese Flüchtlingsunterkunft ist das Resultat des entschiedenen Eingreifens von Privatpersonen.

Der aus Karakosch stammende Tierarzt Rabee Yousi Soran war aus beruflichen Gründen in Erbil, als der Flüchtlingsstrom sich in einer Nacht in der ganzen Stadt ausbreitete. Menschen lagerten auf den Straßen und in den Parks. Rabee bemerkte das weitgehend leerstehende Gebäude, nahm Kontakt zu dessen Besitzer auf und erhielt die Erlaubnis, die Vertriebenen dort einziehen zu lassen. Er gründete die Gruppe Jesus Lovers und begann mit finanzieller Hilfe einer französischen Hilfsorganisation den Umbau der Rohbau- und Büroetagen zu Wohnräumen. Flüchtlinge erhielten dabei bezahlte Arbeit, richteten ihre eigenen Wohnungen her. Ein Bäcker hat sogar einen großen Backofen in das winzige Apartment gestellt und kann seitdem wieder selbst Geld verdienen. Großzügig verteilt er Plätzchen an uns. Auf dem Kühlschrank wartet das Grundgerüst einer Hochzeitstorte auf seinen Einsatz. Bis zum Jahresende soll in dem Gebäude auch ein Kindergarten entstehen. Für dessen Einrichtung wird noch Geld benötigt. Das könnte eine Aufgabe für uns sein. Auf den Arbeitshemden der Bauarbeiter steht „Das Beste, was wir bauen können, ist Gewissheit“. Wie wahr! Eine Familie, die ihr Glück in Frankreich versucht hatte, ist bereits zurückgekommen. Weitere zehn Familien, die sich noch in der Slowakei befinden, bereiten ebenfalls ihre Rückkehr vor. Gemeinsam mit Rabee’s Familie nehmen wir das Mittagessen ein. Seine Töchter Sura und Sandra singen mit ihrer Freundin Roaa ein Lied über ihren Wunsch, in ihre Heimatstadt Karakosh zurück zu gehen. Es endet mit den Zeilen:

Wenn wir zurückkehren, werden wir unsere Häuser neu aufbauen; wir werden die Felder wieder bestellen und den Frieden aussäen.

Besonders beeindruckt hat uns das alte Ehepaar Yaokob und Daniela Najeeb. Mit ihren etwa 75 Jahren sind sie 20 Tage lang vom IS festgehalten worden. Dann gelang ihnen die Flucht – 60 Kilometer zu Fuß durch die Wüste mit nur einem halben Brot als Proviant. Yaokob ist seitdem bettlägerig. Wir schenken den beiden das mitgebrachte Walburgisöl. Sie sind bewegt; Yakokob bekreuzigt sich damit.

Am letzten Tag treffen wir den in Erbil für humanitäre Angelegenheiten verantwortlichen deutschen Konsul Lars-Uwe Kettner zu einem Gespräch. Uns allen ist klar, dass unsere Unterstützung für die Einrichtungen zugunsten der Flüchtlinge weitergehen wird. Weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten unter www.supportinternational.de.

Partnerschaft Kolping Eichstätt-Peru

Seit fast 30 Jahren besteht die Partnerschaft zwischen dem Kolping-Nationalverband Peru und dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt. Vom 14. bis 29. August sind wir – eine Reisegruppe von zwölf Personen aus dem Kolping-Diözesanverband Eichstätt – zu Besuch bei den Partnern in Südamerika. Ziel der Reise ist es, die Kontakte zu unseren peruanischen Kolpingschwestern und -brüdern zu verstärken und auszubauen.

Erster Station war Cajamarca im Nordwesten des Landes. Die Stadt, einst Residenz des Inkaherrschers Atahualpa, ist für seine barocken Kirchengebäude, heißen Quellen und Inkabäder bekannt. Nach einem Stadtrundgang ging es mit dem Bus über einen 3950 Meter hohen Pass nach Bambamarca. Alle Kolpingfamilien der Umgebung waren mit Abordnungen erschienen, um uns zu begrüßen. In einem Umzug mit Musik um den Marktplatz wurden wir in das Pfarrheim geführt zu einer feierlichen Zeremonie mit Tanz- und Gesangseinlagen.


Von Bambamarca aus besuchten wir eine Kolpingfamilie in Chalapampa Bajo. Das Kolpingwerk unterstützt und begleitet wichtige Projekte in dem Dorf. Der Erlös aus den Projekten kommt in eine gemeinsame Kasse. Angefangen hat es mit dem Aufbau einer kleinen Schafzucht. Jetzt wird auch eine Cuyzucht (Meerscheinchenzucht) betrieben. Aktuell ist die  Wasserversorgung das größte Problem. Das Grundwasser ist zum Teil durch die umliegenden Minen verseucht und das Regenwasser reicht nicht aus. Mehr Wassertanks würden hier helfen. Spannend war der Besuch bei einer der Frauen zu Hause, wie sie lebt, kocht und arbeitet. Es ist schon bewundernswert, was diese Frauen alles leisten.

Weitere Besuche führten uns zu Kolpingfamilien in San Juan de Lacamaca, Miraflores und Capuli. In Machaypongo Bajo erwarteten uns die Familien vor dem Haus im Gras sitzend. Das besondere hier ist eine große Meerschweinchenzucht mit manchmal über 500 Tieren. Ein Cuy (aus dem Quechua Quwi für Meerschweinchen) lebt drei Monate und bringt rund 25 Soles Erlös. In San Antonio trafen wir uns im Rohbau einer Kirche, deren Bau von der dortigen Kolpingfamilie unterstützt wurde. Einige Mitglieder sind in politischen Gremien tätig. So begrüßte uns auch der Bürgermeister vor Ort.

Auf fast 3000 Höhenmeter leben die Mitglieder der Kolpingfamilie San Isidro Labrador, benannt nach dem Heiligen ihrer Kapelle. Die Mitglieder der noch jungen Kolpingfamilie versorgen sich weitgehend selbst mit dem Anbau von Mais und Kartoffeln und der Kleintierzucht. Das größte Problem ist auch hier die Wasserversorgung. Es gibt zwar ein Wasserreservoir, aber das gehört der Nachbargemeinde. Die Wasserverschmutzung durch den Bergbau ist hier ebenfalls ein sehr wichtiges Thema.

Über abenteuerliche Wege gelangten wir zu einer weiteren Kolpingsfamilie in der Nähe von Bambamarca. Dazu gehört eine Gruppe von taubstummen Menschen. Die Menschen dort sind von staatlichen und anderen Organisationen weitgehend allein gelassen. Umso wichtiger ist für sie die Kolpinggemeinschaft, um Unterstützung zu bekommen.

Ereignisreiche Tage in Bagua

Am Sonntag, 21. August, waren wir Gäste bei der zentralen Aufnahmefeier neuer Kolpingmitglieder in der Pfarrkirche in Bagua in der Provinz Amazonas. Pfarrer Don Magno hielt eine Katechese mit Gruppenarbeit zur Papstenzyklika „Amoris Laetitia“. Im Gottesdienst versprachen die 21 Neumitglieder, dass sie den Zielen des Kolpingwerkes verbunden bleiben wollen.

Am Nachmittag fuhren wir am Rio Maranon, einem der beiden großen Quellflüsse des Amazonas entlang, überquerten ihn mit einer abenteuerlichen Seilbahnfahrt und wanderten zu einem Wasserfall hinauf. Am Abend trafen wir uns noch im Pfarrheim mit der Kolpingfamilie Virgen de Fatima, einer Frauengruppe aus der Stadt Bagua.

Am zweiten Tag in Bagua ging es wieder hinauf auf ca. 800 Meter Höhe zur Kolpingfamilie San Isidro de Labrador. Der Vorsitzende, der auch der Bürgermeister ist, zeigte uns mit Stolz das neue Projekt: den Aufbau einer Fischzucht. Am Abend besuchten wir die Kolpingfamilie Virgen de Primavera in einem Vorort von Bagua. In diesem Armenviertel bessern vor allem die Frauen das Familieneinkommen durch Sammeln, Trennen und Verkaufen von Kompost und Wertstoffen auf. Stolz zeigten sie uns ihre aus Plastikmüll gefertigten Kleider, Taschen und Hüte. Bei einem Wettbewerb für recycelte Kleidung haben sie dafür schon einen Preis bekommen. Dank des Einsatzes der Kolpingfamilie erhielten sie auch den Preis für das sauberste Stadtviertel in Bagua. Es entwickelte sich ein sehr interessantes Gespräch über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Länder und Kolpingfamilien, was mit dem Singen der Bagua- und Bayernhymne endete.

Auf dem Programm der letzten Etappe unserer Reise stehen Besuche bei Kolpingfamilien

der Region Loreto in Nordosten Perus.

Mehr zum Thema:

  • Ausführliches Reisetagebuch mit vielen Bildern und weitere Informationen zu Kolping Peru
  • Video: Verband lebt von Verbindung – Kolping Partnerschaft mit Peru

Ausharren an der Grenze zum Lande des Terrors – ein Besuch bei den Christen im Irak

Der Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, Archimandrit Dr. Thomas Kremer, hat im März 2016 zusammen mit Prof. Dr. Karl Pinggéra (Marburg) die christlichen Gemeinden im Irak, näherhin in der Autonomen Region Kurdistan, besucht. Einige seiner Eindrücke hält er in diesem Beitrag fest.

Ruhig ist es auf der Terrasse von Mor Mattai, kein Geräusch ist zu hören. Der Blick schweift in die Ferne, die Ebene liegt zu unseren Füßen. Es ist Frühling. Die Felder stehen in saftigem Grün, die Sonne scheint hell und klar. Kornkammer Mesopotamien, uraltes Kulturland. Alles wirkt so friedlich, so harmlos, so in Ordnung, wo doch von Ordnung und Friede die Rede nicht sein kann. Unser Blick schweift vorbei an Ninive hinüber nach Mossul, Hochburg des sogenannten „Islamischen Staates“, der gar nicht verdient „Staat“ genannt zu werden und „islamisch“ eigentlich auch nicht. Da unten stehen sie, die Schergen islamistischer Söldner aus allen Landen, kaum drei Kilometer entfernt. Da irgendwo verläuft auch die Front zwischen den Feldern. In der Ebene kleine Städte, ehemals christlich. Heute sind sie verlassen, überrannt nicht nur von wütenden Kriegern, sondern vor allem vom Hass und der Verstocktheit derer, für die Respekt und Achtung des anderen und seiner Kultur Fremdworte sind. Da stehen wir nun, in dem syrisch-orthodoxen Kloster, das, so erzählt die Geschichte, 363 gegründet, sich klammert an den Berghang des Jebel Maqlub, sich im Innern in Höhlen in ihn auch eingrub, um sich untrennbar mit diesem Land zu vereinen. Mehr als eineinhalb Jahrtausende ist hier der Lobpreis Christi erklungen, in seiner eigener aramäischen Sprache. Über allem schwebt heute gespenstische Ruhe: Ist es die Ruhe vor dem nächsten Ansturm des Wahnsinns? Die Totenruhe der geplünderten Städte, die hinaufsteigt? Die Angststarre derer, die geblieben sind und doch nicht wissen, wann vielleicht auch sie Hals über Kopf weglaufen müssen, eine der ältesten christlichen Stätten verlassend?!

Der Besuch in Mor Mattai steht symptomatisch für das, was man erleben kann, wenn man heute zu den Christen im Irak aufbricht: ein Leben am Rande des Abgrunds, das aber voll ist von Hoffnung und einem Tatendrang, bei dem nicht immer klar ist, ob es wirklich Zuversicht oder auch Trotz ist, der zum Neuaufbau antreibt. Viele Christen haben das Land längst verlassen. Die andern konzentrieren sich auf einige Orte. Sicher, in Bagdad sind manche geblieben, es ist ja die Hauptstadt. Doch die meisten sind in Erbil, dem Zentrum der Autonomen Region Kurdistan. Oder um genauer zu sein: in Ainkawa, einem in sich geschlossenen Vorort nördlich der Stadt, selbst schon zur eigenen Stadt geworden. Hier wohnen nur Christen. Der Begriff des Ghettos wäre zu vorbelastet und auch zu negativ besetzt. Und doch lebt man unter sich, Christen verschiedener Bekenntnisse, die „Ökumene des Blutes“ schweißt sie zusammen. Den Einheimischen mangelt es nicht an Geld, die Häuser sind bestens in Schuss. Für die vielen freilich, die geflüchtet sind, Zehntausende aus Mossul und den eroberten christlichen Orten der Ebene, die meisten von ihnen syrisch-katholisch, ists freilich bitter, das Erbland der Väter in 30 oder 50 Kilometer Entfernung verwüstet zu wissen und selbst in Containern zu darben, demütig auszuharren in Blechbüchsen, die wie Karawanen von einem Kriegsschauplatz dieser Erde weiterziehen zum nächsten.

Immerhin professionell eingerichtet sind sie und gut auch versorgt, nicht nur mit dem Brot allein, das der Tod wahren menschlichen Lebens ist. An einem Abend werden wir eingeladen ins Flüchtlingscamp Mar Elia. Der Apostolische Nuntius, Bischof Alberto Ortega Martín, macht seinen Antrittsbesuch im Norden des Landes. Sehr praktisch, so ist alles bereitet und wir brauchen bloß seinen Fußstapfen zu folgen, um überall offene Türen zu finden. Im Camp Mar Elia empfängt uns Pfarrer Douglas al-Bazi. Er war in den Händen des IS, doch ist ihm entronnen: ein Mann voller Tatendrang. Unermüdlich müht er sich um die vielen inlandsvertriebenen Christen, baut Camps auf, reist ins Ausland, sammelt Geld, vermittelt Exil, besonders im Osten Europas. Unter dem Vielem, was mich an ihm faszinierte, ist eines besonders zu nennen: Er hat den ganzen Menschen im Blick, Leib und Seele vereint, darin offenbart sich sein wahrhaft christlicher Geist. Zum Konzept seiner Camps gehört zunächst und vor allem ein Kirchengebäude: Ort der Zuflucht, der Hoffnung, des Trostes – sicherer Anker in Zeiten des Sturms, so wie zugleich Bischöfe und Priester als geistliche Väter Zuflucht und Heimat der vertriebenen Seelen sind. Professionelle Behandlung der Traumatisierten und Betreuung der Kinder nach einem wohldurchdachten, anspruchsvollen pädagogischen Konzept in Kindergärten und Schulen sind sichergestellt: Hier werden Menschen nicht bloß irgendwie halbherzig versorgt, hier wird einer Generation vermittelt, dass es Zukunft gibt, für sie, und zwar in ihrem eigenen Land. Die selbst bereiteten Speisen schmeckten köstlich, und zu Ehren der Gäste wurden Tänze aufgeführt. Die Kinder hatten ihren Spaß und die Erwachsenen auch. Das Leben geht weiter, auch am Rande des Abgrunds, und es ist viel zu kurz und zu wertvoll, um sich die Freude daran stehlen zu lassen.

Einer, der wie kaum ein anderer vieles bewegt, war auch mit dabei: Erzbischof Bashar Warda, das Oberhaupt der katholischen Chaldäer in Erbil. Mit 46 ist er noch jung, über fünf Jahre schon leitet er das Geschick seiner Kirche vor Ort, ein Mann, der an die Zukunft der Christen glaubt. Er predigt mit Überzeugung vom Bleiben und begeistert viele, schenkt den Menschen stets neuen Mut. Er ist aber auch ganz ein Mann des Konkreten, ein begnadeter Organisator seiner Projekte: neue Kirchen ließ er entstehen, baute ein Zentrum mit Priesterseminar, kirchlicher Kurie und Wohneinheiten für vertriebene und alte Priester, und er steht überall zur Seite, wo es in den Camps an irgendetwas mangelt. Er ist ein Mann unserer Zeit, der es auch versteht, die kurdische Regierung für die Sache der Christen zu gewinnen, die schon Millionen in seine Projekte gesteckt hat. Das jüngste Vorhaben ist die Katholische Universität Erbil. Am 8. Dezember 2015 gegründet, ist der Campus gerade im Entstehen begriffen. Nun werden zahlreiche Hektar Ackerland am Rande der Stadt verwandelt in ein Zentrum der Bildung – professionell und mit hoch gesteckten Zielen.

Es ist erstaunlich, doch beschreiben diese Eindrücke die Grundstimmung Ainkawas. Trübsal und Resignation trifft man nur selten, obschon an Gründen dafür Mangel nicht herrschte. Man hat den Eindruck, ein jeder versucht, das Beste in seiner Lage zu tun, konzise und stets das Ziel vor Augen. Von dem orientalischen Phlegma, das den Dingen ihre Patina anhaften und die Menschen gleichgültig erscheinen lässt, ist kaum etwas zu spüren. Dafür aber gibt es viele Idealisten, deren Taten es wert sind, sich dem Gedächtnis der Menschheit einzuprägen. Einer von ihnen ist P. Nageeb Michaeel OP. Er ist ein echter Büchernarr, liebt seine Handschriften wie eigene Kinder und schläft gar bei ihnen. Er war es, der den Ernst der Lage witterte und aus Mossul rettete, was einer allein retten kann: die Bibliothek der Dominikaner mit ihren kostbaren Schätzen, mit Schubkarren und einer alten Camionnette im letzten Augenblick in Sicherheit gebracht. Großartige Bauten können die Christen des Orients nicht vorweisen, keine Dome und Kathedralen wie hierzulande. Ihr kulturelles Gedächtnis lebt in den Büchern, in den Manuskripten vergangener Jahrhunderte, welche die Poesie der großen syrischen Dichter auffangen, ein Florilegium poetisch-symbolischer Theologie, wie es nur von Menschen gepflückt werden kann, für die die Schönheit der Worte Ersatz ist für den Mangel an Farbe in der Kargheit der Wüste. „Centre Numérique des Manuscrits Orientaux Dominicains“ steht stolz an der primitiven Behausung von P. Nageeb im Erdgeschoss eines unvollendet gebliebenen Hotels. Dort arbeitet er unermüdlich mit seinem Team, katalogisiert, digitalisiert und restauriert auf höchstem Niveau. Absurde Nostalgie in Zeiten größerer Not? Keinesweg. Der Mensch braucht Identität, und P. Nageeb rettet, was christliches Leben im Irak immer schon ausmachte.

So gehen auch wir den Spuren der Geschichte nach und fahren nach Mor Mattai, nach Alqosh mit seinen Klöstern Rabban Hormizd und Notre Dame des Semences, begegnen dem Archidiakon Emanuel Youkhana von der Assyrischen Kirche des Ostens in Dohuk, dem Leiter des „Christian Aid Program Nohadra-Iraq“, und besuchen auch das Heiligtum der Jesiden in Lalesh. Mesopotamien: Land der Aramäer, Assyrer, Chaldäer. Die Völker von einst gibt es nicht mehr, doch die Christen von heute lassen die Erinnerung an sie weiterleben, wenn sie sich selbst nach ihnen benennen. Anachronistisch mag man das nennen. Und auch wenns so ist, dann ist wie in allem doch auch etwas Wahres daran: dass nämlich die irakischen Christen zutiefst ihrem Lande verbunden sind, gleichsam mit ihm verwachsen seit den ersten Tagen der Christen. Sie wollen nicht bloß Ausharren an der Grenze zum Lande des Terrors. Sie wollen leben und das Leben der anderen fördern, wollen lebendiger Teil einer modernen irakischen Gesellschaft sein, Teil ihres Landes, das in seiner langen Geschichte immer schon verschiedene Kulturen, Ethnien und Religionen miteinander zu vereinen vermochte. Die neue Katholische Universität in Erbil-Ainkawa ist vielleicht das sprechendste Zeichen der Hoffnung, dass es Zukunft gibt in diesem Land – auch für die Christen.

Wenige Tage und doch eine Fülle von Eindrücken. Nur ungern bestieg ich die Maschine nach Ankara, Istanbul und weiter nach München. Gerne wäre ich noch geblieben. Die Gastfreundschaft der Iraker ist großartig, ihre Herzlichkeit anrührend, Ainkawa, ja auch Alqosh und Dohuk sind Orte, in denen man bleiben möchte. Zuhause bei Freunden, Schicksalsgenossen, denn wem könnte das Schicksal anderer Christen je gleichgültig sein. Und dennoch: Es war Mor Mattai, das sich mir am tiefsten ins Herz gegraben hat. Shawki Sham‘un, ein junger syrisch-katholischer Christ aus Baghdeda, hat uns dorthin begleitet. Auf der Terrasse des Klosters hält er mit dem Feldstecher Ausschau. Vor ihm ein Hügel und dahinter ebenjenes Baghdeda, seine Heimat. So nah, ein Fußweg von zwei Stunden vielleicht, und doch unerreichbarer als eine verlassene Insel im Ozean. Auch er gehört zu denen, die am 6. August 2014 Hals über Kopf weglaufen mussten. Wann er je seine Heimat wiedersehen wird, ist ungewiss. Und was er dann wiederfinden wird, wenn der Weg über den Hügel noch einmal frei wird… Die Christen im Irak sind traumatisiert, und doch lebt die Hoffnung in ihnen weiter. Im Diwan des Klosters begegnet uns später die Familie des Shamshono Jakob Matti. Auch sie mussten fliehen, aus Bartilla in der Ebene, und wohnen heute in Zako. Ob sie noch einmal zurückkehren oder für immer den Irak verlassen werden? Ja, sie wollen zurück, wenn ihnen internationaler Schutz gewährt wird, zurück in ihre Heimat, denn wenn sie sich erst in alle Welt zerstreut haben, ist ihre Kultur und ihr Erbe für immer verloren. Und so bleibt, wer bleiben kann. Der Bischof und die sechs Mönche von Mor Mattai harren aus am Rande des Abgrunds und strahlen die beeindruckende Zuversicht aus, dass der IS die letzten beiden Kilometer zu ihnen nie überwinden werde. Und die kurdischen Peschmerga versichern uns, sie hätten die Lage völlig im Griff.

Wir verlassen den Diwan und treten in der Kirche mit Vater Jakob an das Grab des Gründers Mor Mattai und an das Grab des großen Gregorios Bar Hebräus. Wir beten gemeinsam mit den Worten, die uns gleichermaßen vertraut sind, die Worte Jesu, in seiner eigenen Sprache: „Wa-shebuq lan chaubain wa-chtohain, aikano d-of chnan shbaqn l-chayobain…“ Welch eigenen Klang entfalten diese Worte aus dem Vaterunser an diesem Ort: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“ Ein anrührender Augenblick, der erklärender Worte nicht bedarf. Christliche Präsenz im Nahen Osten ist mehr als die Sache persönlichen Glaubens. Christentum ist kulturprägend und kulturbildend. Es hat die Kraft, Frieden zu stiften in einem Landstrich, zu dessen Identität immer auch religiöse Pluralität gehörte. Es gibt viele gute Gründe dafür, darauf zu hoffen, dass Christen dort weiterhin Zukunft haben werden.

Exit im Glauben: als Willibald sich für „leave“ entschied

„Niemand ist eine Insel“ – England schon, in seiner ganzen Geschichte! Und doch kamen aus England die Missionare zu uns, auf den Kontinent. Willibald und seine Gefährten sind Menschen eines „Exit“ – eines Herausgehens aus ihrem Land. Willibald hätte mit „leave“ gestimmt: mit „verlassen“, aber anders als die Brexit-Befürworter! Die eigene Heimat, die Insel verlassen, um auf den Kontinent zu gehen, um „aufzubrechen im Glauben“.

Nicht „remain“, nicht unter sich bleiben auf der Insel, war das Motiv, sondern: „leave“ – verlassen, die Heimat, die Insel, um zu evangelisieren; auf Wunsch des Papstes in unserer Heimat. Alle Missionare von der Insel – angelsächsische, irische, schottische – gaben damit dankbar zurück, was sie selber als Geschenk bekommen hatten: die beglückende Erfahrung, dass der Glaube an Christus zur Weitergabe drängt. Aufbrechen und reisen, das war damals alles andere als bequem für Willibald und Gefährten. Statt der heute schnellen Fahrt mit dem „EuroStar“ durch den Channel-Tunnel war die Überfahrt damals eher vergleichbar heutigen Flüchtlingsbooten. Doch, Willibald brach auf im Glauben, weil er eine Botschaft hatte und diese Botschaft leben wollte.

Und auch das, was er vorfand, schreckte ihn nicht: nur ein kleines Marienkirchlein fand er vor, keine Stadtverwaltung und auch kein Ordinariat! Auch das Zusammenleben mit den indigenen Stämmen, den Bajuwaren, Franken, Schwaben – es war nicht einfacher als in der heutigen transkontinentalen Völkerwanderung; die gleichen Probleme mit: Sprache, Mentalität, Kulturen; überkommene Glaubensreste, mit heidnischen Kulten vermischt. Willibald, der Missionar, er führte geduldig, über Jahrzehnte, zusammen, und machte damit deutlich: Die Kirche Jesu Christi ist kein Club von Einheimischen, die unter sich bleiben wollen. Kirche ist Gemeinschaft, über jede soziale, abstammungsmäßige Schranke hinweg! Die Kirche Jesu Christi kennt keine Fremden; in Jesus Christus sind alle zur Einheit und zur Gemeinschaft berufen. Ein Getaufter, der sich abschotten will, der sein Gruppen-Ego bedienen und sich auf eine eigene Insel zurückziehen will, der hat das Evangelium nicht verstanden. Und einer solchen Haltung muss auch jeder Verkünder des Evangeliums entgegentreten – so wie es Willibald auch bei unseren Vorfahren immer getan hat. Über vier Jahrzehnte hat Willibald hier standgehalten, er ist als erster Bischof „geblieben“.

„Remain – bleiben“: im biblischen Verständnis, besonders im Johannes-Evangelium, heißt das für jeden Getauften: bei Jesus bleiben, mit ihm in innerer Verbindung stehen – „Bleibt in mir, dann bleibe ich in Euch“!

„Aufbrechen im Glauben“: Wie steht es überhaupt mit der Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen, ausgetretene Pfade zu verlassen? Haben wir, so sagen wache Beobachter, in unserer Gesellschaft heute nicht eine ganz andere Bewegung? Überzogene, ja, irrationale Ängste machen sich breit und führen zum Rückzug vieler in private Sicherung und Abschottung, wegen vermeintlicher Bedrohung durch alles, was fremd ist. Willibald und die Glaubensboten kamen als Fremde zu Fremden, allein mit der Botschaft, dass alle in Jesus Christus eine Gemeinschaft werden können. Eine Gemeinschaft, die Eigenheiten und Unterschiede nicht einebnet, sondern nutzen will zum Wohl aller. Aufzugeben, zu verlassen haben wir freilich, im Sinne Jesu, das Kreisen um uns selbst, um unser Ego, das sich gerne, sich selbst genügend, auf eine Insel zurückziehen möchte.

Dass diese Botschaft zu allen Zeiten verstanden wurde, das zeigt die Meditation eines Mannes, der über 700 Jahre nach Willibald ebenfalls in England lebte. Es ist der anglikanische Priester John Donne; er galt als einer der gewandtesten Prediger seiner Zeit. Er starb im Jahr 1631 als Dekan von St. Paul’s in London.

Zwei Wendungen aus dem Werk Donnes fanden Eingang in die Populärkultur, nämlich das sprichwörtliche „Niemand ist eine Insel“, das Thomas Merton und Johannes Mario Simmel als Buchtitel wählten, und „Wem die Stunde schlägt“ als Titel eines Romans von Ernest Hemingway. Beide stammen aus demselben Absatz in Meditation XVII: „Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt, sie schlägt dir selbst.“ (aus: Wikipedia, John Donne).

„No man is an island – Niemand ist eine Insel, in sich ganz“ – leave or remain – verlassen oder bleiben: Willibald verließ die Insel, ging aufs Festland und blieb, bis ihm die Stunde schlug in Eichstätt. Leave and remain – loslassen, aufbrechen und bleiben: Willibald lädt uns ein, den anderen Weg zu gehen – Aufbrechen im Glauben!

Dieser Blogbeitrag basiert auf der Predigt von Generalvikar Isidor Vollnhals bei der Pontifikalvesper zum Tag der Mitarbeiter(innen) im Rahmen der Willibaldswoche am 6. Juli 2016 im Eichstätter Dom