Kategorie-Archiv: Papst

Verfolgung um Christi und des Evangeliums willen: „Es ist eine religiöse Säuberung“

„Grausame, unmenschliche, unerklärliche Verfolgungen, vor allem gegen Christen“, nennt Papst Franziskus das Vorgehen von islamischen Terroristen und Fanatikern im Nahen Osten gegen Minderheiten. „Sie sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert um ihrer Treue zum Evangelium willen“ (Papst Franziskus, rv 6.8.2015). „Ich rufe die internationale Gemeinschaft von neuem dazu auf, nicht stumm und tatenlos zu bleiben angesichts dieses inakzeptablen Verbrechens“ (Papst Franziskus, Mai 2014). Seit Beginn der Kämpfe in Syrien im Frühjahr 2011 wurden Schätzungen zufolge rund 250.000 Menschen getötet. Fast die Hälfte der Bevölkerung – zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder – sind auf der Flucht. Der Patriarch der syrisch-katholischen Kirche Ignace Youssif III. Younan ruft uns zu:

„…Es ist eine religiöse Säuberung! Was Ihre Regierungen nicht sehen wollen, und wovon Ihre Regierungen nichts wissen wollen. Denen ist die Religionsfreiheit dieser Gemeinschaften, die über Hunderte von Jahren durch ihre Treue zum Evangelium dort durchgehalten haben, ziemlich egal! …Man sagt uns, es gebe internationale Einrichtungen zur Verteidigung der Menschenrechte und der Religionsfreiheit – aber wo sind die denn? Das ist eine Lüge! …Was sollen wir tun? Wie hat es der ‚Islamische Staat’ geschafft, so weit zu kommen!“(rv 08.08.15).

Wachen wir endlich auf! Realitätssicht und kein falsches Neutralitätsprinzip! Wir werden an unserer Äquidistanz und verbaler Ausgeglichenheit noch kaputt gehen. Wir sind dabei, die eigenen christlichen Wurzeln zu verleugnen. Ohne eigene Identität aber fehlt uns die Fähigkeit, Ereignisse und Zusammenhänge richtig zu deuten. Der permanente Versuch, die Christenverfolgungen der Gewalt gegen andere religiöse Gruppen gleichzustellen, entspricht nicht den Tatsachen. Mindestens 70 Prozent aller Verfolgungen in der Welt trifft Christen (Pew Research Center, Washington). Die EU verwechselt leider bis heute oft die europäische Identität mit der eigenen Brieftasche. Europäische Identität ist ohne das Christentum nicht denkbar.

Die Ankunft von immer mehr muslimischen Flüchtlingen bei uns wird sehr bald zu einer großen Herausforderung für die christliche und demokratische Identität des Kontinents werden. „Als Christen haben wir die Pflicht, die Flüchtlinge aufzunehmen, aber Europa muss auch die eigene, d.h. eine christliche Identität wahren können. … Es gibt muslimische Migranten, die sich (bei uns) mit einem speziellen Problem konfrontiert sehen. Sie können z.B. die Trennung von Religion und Politik, von Kirche und Staat, wie wir es sagen würden, nicht akzeptieren. Das hat einen direkten Einfluss auf den Integrationsprozess. Und was machen wir da? Wir müssen sagen, dass es Grundwerte gibt, die akzeptiert werden müssen. Dazu gehört die Wahrung des Pluralismus in unserer Gesellschaft, die Trennung von Politik und Religion und die Akzeptanz normaler demokratischer Prozesse, sodass ein friedliches, konstruktives Zusammenleben möglich ist, und die Menschen, die kommen, Teil der Gesellschaft werden und sie bereichern“ (Erzbischof S. M. Tomasi, Vertreter des Hl. Stuhls bei der UNO, 23/08/2015).

Hilfe für alle, ja – aber auch in Rücksicht auf unsere christlichen Schwestern und Brüder. Wenn wir größere Zusammenstöße vermeiden wollen, dann müssen wir bei der Flüchtlingsverteilung bei uns auch über die nationale und religiöse Zusammensetzung der einzelnen Gruppierungen nachdenken. Es müssen sich die Christen wenigstens in unseren Einrichtungen sicher und wohl fühlen können, was längst nicht mehr überall gewährleistet ist.

Ich bitte Sie alle, soweit es Ihnen möglich ist, engagieren Sie sich in Helferkreisen für die Flüchtlinge. Jeder von Ihnen hat ein Talent, das dringend gebraucht wird. Im Vertrauen auf die Hilfe Gottes, seiner Mutter und aller Heiligen, werden wir, dank Ihrer Mithilfe und Ihrem Gebet, auch weiterhin unseren notleidenden Brüdern und Schwestern helfen können.

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Papst Franziskus in Bolivien – ein Besuch wie ein Wunder

Der Besuch von Papst Franziskus brachte – positiv – ganz Bolivien durcheinander. Alles drehte sich um den Papst. Sein Besuch war der pastorale Brennpunkt, der auch entsprechend vorbereitet werden musste. Die Vorbereitungszeit war kurz: nur gut drei Monate. Aber Bolivien machte es möglich, schließlich ist es “Weltmeister “ im Improvisieren. Trotz mancher Pannen ging alles gut, fast bestens!

Der Papst kam am Mittwoch, 8. Juli, am Nachmittag von Ecuador aus nach Bolivien. Vom Flugplatz El Alto, auf rund 4000 Meter Höhe, ging es hinunter nach La Paz, wo er sich mit Staatspräsident Evo Morales traf und eine Rede in der Kathedrale hielt. Auf dem Weg machte er kurz Halt dort, wo man den Jesuitenpater Luis Espinal ermordet aufgefunden hatte. Noch am späten Abend flog er nach Santa Cruz, wo ihn die Menschen begeistert empfangen haben. Er selbst logierte mit einigen wenigen Mitarbeitern im Haus von Kardinal Julio Terrazas, der  selbst aber schwerkrank das Krankenhaus nicht verlassen konnte. In der Nacht des 10. Juli machte der Papst einen Besuch am Krankenbett. Einige Kardinäle und Bischöfe waren hier bei uns – den Franziskanern –  in unserem neuen Exerzitienhaus untergebracht. Zuvor war eine Kommission aus Rom da, die alles besichtigt und begutachtet hatte. Für uns Franziskaner war dies eine Ehre, aber wir hatten auch viel vorzubereiten.

Am Donnerstag, 9. Juli, war die große Papstmesse fast im Zentrum der Stadt, wo ein großes Christusdenkmal an den Eucharistischen Kongress erinnert. Es kamen Leute aus ganz Bolivien und auch aus den Nachbarländern. Man spricht von mehr als einer Million Teilnehmern. Der Papstaltar wurde nach dem Vorbild der Fassade von Concepcion gebaut. Concepcion ist eine alte Jesuitenreduktion aus dem 18. Jahrhundert und Weltkulturerbe (Ich war dort 26 Jahre als Kaplan und “Dompfarrer”  tätig). Rund 900 Jugendliche sangen und musizierten bei der Papstmesse, darunter auch der Chor und das Orchester aus Concepcion und anderen Dörfern der Chiquitano- und Guarayos-Indianer.

In der Sporthalle der Salesianer fand ein Treffen des Papstes mit den Priestern, Schwestern und Seminaristen statt. Ein Chor aus Ordensleuten (Brüder und Schwestern) bereitete einige Lieder vor. Nach einigen Proben bat man auch mich, mitzusingen, da die Männer Verstärkung brauchten. Was sollte ich machen? Und so sang ich für den Papst!

Weitere Treffen waren dann mit  den sozialen und indigenen Bewegungen, ein Besuch im großen Gefängnis Palmasola und eine Begegnung mit den Bischöfen.

Was kann man zu so einem Besuch sagen?

  • Nach der Papstmesse wurde ein Kind gefragt, was denn der Papst gesagt habe. “Er ist so bescheiden“, lautete die Antwort. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, was er gesagt hat, sondern dass er bei uns in Bolivien war, dass er als bescheiden empfunden wird, als einer des Volkes, der trotz aller Sicherheitsvorkehrungen den Kontakt zum einfachen Volk sucht. Nach dem Treffen mit den Ordensleuten zeigten mir zwei unserer Schwestern Fotos mit dem Papst. Je eine Schwester und der Papst, und sonst niemand. Wo ist das schon möglich? Ein Papst des Volkes!
  • Es ist schon sehr erstaunlich, dass der Papst mit seinen 78 Jahren und einer halben Lunge so ein Mammutprogramm in drei Ländern (Ecuador, Bolivien und Paraguay) überhaupt durchsteht. Manchmal merkte man ihm aber schon an, dass er müde war.
  • Der linksgerichtete Präsident Boliviens, Evo Morales, ließ es sich nicht nehmen, möglichst oft zusammen mit dem Papst zu erscheinen. Und als der Papst Bolivien und Chile zum Dialog aufrief, über die Rückgabe des Meeres an Bolivien zu reden, so war dies schon für die Bolivianer und die Regierung ein Erfolg. Doch ein Geschenk des Präsidenten sorgte für Schlagzeilen, ist umstritten und wird noch viel diskutiert werden: Hammer und Sichel und das Kreuz darauf! Manche behaupten, der Papst sei darüber nicht erfreut gewesen, habe aber nichts gesagt.
  • Bei den gesellschaftlichen Gruppierungen hielt er eine lange Rede zu den sozialen Problemen und Spannungen und der Aufgabe aller, dass es keine “Ausgeschlossenen” gebe. Alle hätten ein Recht auf Land, Dach und Arbeit. Die Kirche habe dazu keine Rezepte, doch alle Gruppierungen müssten im Dialog Lösungen finden. Der Papst entschuldigte sich für die Sünden der Kirche, die im Zusammenhang mit der Eroberung gegen die Ureinwohner begangen worden seien. Doch fehlten auch nicht die Männer und Frauen der Kirche, die sich für sie eingesetzt hätten.
  • Zwar sagte der Papst in seiner Messe kein Wort über das Gerichtswesen in Bolivien, doch sprach der Erzbischof von Santa Cruz die korrupte Justiz an. Dass der Papst das große Gefängnis Palmasola besuchen wollte, spricht für sich. Und dass man für den Papstbesuch dort  alles  auf Hochglanz brachte, ist  fast unwichtig: Es geht darum,  gegen Rauschgift, Gewalt, Verbrechen, Zerstörung der Umwelt, Korruption,  Armut, Auswanderung, Ungerechtigkeiten auch in der Justiz und der Regierung etwas zu tun.
  • Es geht dem Papst darum, “Mauern einzureißen und Brücken zu bauen”. Wie Recht er doch hat. Was wird Bolivien jetzt tun? Wird man etwas tun, viel tun… einen positiven Wandel ernsthaft anstreben? Der Papst und der Präsident reden vom “Wandel”, doch verstehen beide darunter dasselbe?

Nach 27 Jahren war wieder ein Papst bei uns in Bolivien. 1988 war es Papst Johannes Paul II.. Der Besuch des Papstes war wie ein Wunder! Der Papst kam – und ging. Wir aber bleiben: nachdenklich und froh.  Und mit der Mission des Papstbesuches: Mit Franziskus verkünden wir die Freude des Evangeliums – auch Morgen und Übermorgen. Der Papst sagt auch: „Lasst Euch die Hoffnung und die Freude nicht nehmen!“

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Papst Franziskus und die Kirche in Bolivien

Nach dem Start seiner Lateinamerikareise am Wochenende in Ecuador ist Papst Franziskus vom Mittwoch, 8. Juli, bis Freitag, 10. Juli, in Bolivien zu Gast. Das Andenland ist auf den Besuch aus Rom gespannt.

Man sagt – zu Recht oder Unrecht – dem linksgerichteten Präsidenten Boliviens, Evo Morales, gute Beziehungen zu Papst Franziskus nach. Andererseits wird es wahrscheinlich so sein, dass Morales alles nutzt, was bei den Wählern zu seinen Gunsten ist. Mit dem Papst im Fernsehen oder in der Presse zu erscheinen ist natürlich vorteilhaft. Denn der Präsident hat sich des Öfteren mit den „Hierarchen“ der Kirche, sprich Bischöfen, angelegt. Und die Kirche wird einfach allgemein mit den Eroberern Amerikas vor 500 Jahren gleichgesetzt. Eine Gegenbewegung von Seiten der Regierung gegen die Kirche ist eindeutig erkennbar, auch wenn man meistens eher schweigend miteinander umgeht.

Bolivien hat einen einzigen Kardinal, Julio Terrazas, und er ist auch Bolivianer. Allerdings ist er fast 80 Jahre alt und schwer krank. In seiner guten Zeit war er ein echtes Sprachrohr auch in politischen und gesellschaftlichen Streitigkeiten. Dieses Sprachrohr und Gewissen fehlt momentan in der Kirche und Gesellschaft Boliviens.

Nach wie vor ist die bolivianische Kirche sehr stark engagiert in Schule, Gesundheit und anderen sozialen Bereichen. Ohne Zweifel lebt man die von der Befreiungstheologie geprägten „Option für die Armen” – also eine Kirche für die Armen. Andererseits gelingt es nicht, die gesellschaftlichen Strukturen so zu ändern, dass es eine flächendeckende Verbesserung zugunsten der Armen gibt. Staatlicherseits tut sich praktisch kaum etwas in dieser Hinsicht. Zwar gibt es einige neue Versicherungen im Gesundheitswesen, doch die staatlichen Krankenhäuser funktionieren nur sehr schlecht – wie immer. Arbeitsplätze werden nicht geschaffen, und so steigt die Arbeitslosigkeit weiter. Rauschgiftanbau und -Vermarktung wird zwar bekämpft, doch geht alles weiter, und man spricht von Tonnen. Das Rechtswesen steht ziemlich unter dem Einfluss der Regierung.

Und die Kirche? Sie tut ihre Arbeit. Momentan scheint es, dass man Konflikte vermeiden will, da wahrscheinlich doch nichts erreicht werden kann. Da die Regierung die Kirche eher im Schulwesen zurückdrängen will, sieht man es als klug an, vorerst in Ruhe weiterzuarbeiten.

Natürlich leidet auch die bolivianische Kirche unter Priestermangel. So sind wir Franziskaner in den letzten 25 Jahren von rund 200 auf nur noch 100 Ordensangehörige geschrumpft, und dazu sind die meisten alt oder krank. Die Zahl der einheimischen Mitbrüder nimmt zwar etwas zu, doch wir sind dabei, Pfarreien und andere Einrichtungen abzugeben. Die Frage ist: an wen? Die Bischöfe haben auch keine Priester und die Priesterseminare sind fast leer. So sind die ausländischen Priester – trotz ihres Alters – noch die große Stütze der Kirche Boliviens.

Erfreulich ist allerdings, dass sich viele Laien stark engagieren. So gibt es viele jugen Katecheten in der Erstkommunion- und Firmvorbereitung. Eltern und Paten werden von Laien auf die Taufe vorbereitet. Gebetsgruppen fördern das spirituelle Leben und sind auch in Pastoral und Sozialarbeit aktiv. Da es praktisch keine Orgeln und auch keine bezahlten Organisten gibt, gibt es überall Jugendliche, die in den Liturgien die Musik machen.

Es gibt in Bolivien keine Kirchensteuer, und dies in einem armen Land. Wie soll sich die Kirche selbst finanzieren? Das ist ein großes Problem, und es wird noch größer, wenn die ausländischen Priester ausfallen und damit auch die finanzielle Unterstützung. So spricht man zunehmend vom “Zehnten”, eine Abgabe, die schon im Alten Testament auftaucht, und hier auch von vielen Sekten praktiziert wird. Tatsächlich gibt zunehmend Gläubige, die nicht nur bei der Kollekte in der Messe etwas spenden, sondern auch immer wieder größere Spenden geben.

Kirche in Bolivien? Wir sind gespannt, was uns der Papst, der ja Südamerikaner und als Argentinier unser Nachbar ist, zu sagen hat. Nicht alles wird der Regierung schmecken, und sicherlich auch nicht der Kirche. Wir dürfen also wirklich gespannt auf den Papstbesuch sein.

Fanpage auf Facebook zum Papstbesuch in Bolvien

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Papst Franziskus besucht Bolivien

In Bolivien geschieht so manches auf den letzten Drücker“ oder noch später. So auch beim bevorstehenden Papstbesuch vom 8. bis 10. Juli. Vor drei Monaten war es noch nicht klar oder offiziell: Hat Präsident Evo Morales den Papst eingeladen und seine Zusage erhalten? Was sagen die bolivianische Bischofskonferenz und der Nuntius? Schließlich war es dann doch amtlich, dass Papst Franziskus von Ecuador nach Bolivien kommt und dann nach Paraguay weiterfliegt.

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Boliviens Staatspräsident Evo Morales bei Papst Franziskus in Rom. Foto: Gabriela Bonus

Weihbischof Aurelio Pessoa, ein Franziskaner, wurde von der Bischofskonferenz zum offiziellen Koordinator ernannt. Da der Papst nur wenige Stunden in La Paz sein wird und fast zwei Tage dann in Santa Cruz, ist Bischof Aurelio auch immer wieder in Santa Cruz und quartiert sich hier in seinem Kloster ein. So haben wir Auskunft aus erster Hand, wenn auch unter strenger Vertraulichkeit.

Hier in Santa Cruz wird der Papst einen Besuch im berühmten Gefängnis Palmasola machen. Wie man hört, sitzen dort viele ohne Verurteilung ein. Hoffentlich kann der Papst hier etwas bewegen. Außerdem gibt es ein Treffen mit Priestern und Ordensleuten, und ein anderes mit den bolivianischen Bischöfen.

Die große Messe wird am Donnerstag, 9. Juli, an einer wichtigen Strassenkreuzung stattfinden, wo das Denkmal “El Cristo” steht. Der Papstaltar wird im Stil der Fassade der ehemaligen Jesuitenkirche Concepcion erstellt, mit geschnitzten Holzsäulen. Darüber freue ich mich persönlich sehr, da ich dort 26 Jahre Pfarrer an der Kathedrale war. Einige diese Jesuitenkirchen wurden von Franzikanern restauriert und sind seit 1990 Weltkulturerbe.

Zur Papstmesse erwartet man bis zu zwei Millionen Menschen, auch aus den Nachbarländern, besonders aus Argentinien, den der Papst stammt von dort. Nun geht es darum, dies alles zu organisieren und auch für die Sicherheit des Papstes zu sorgen. Das gibt sicherlich noch einiges Kopfzerbrechen für die Kirche und die Politiker…

In unserem Franziskanerkloster San Antonio haben wir auch intensiv mit dem Papstbesuch zu tun. 1988 war der erste Papstbesuch in Bolivien: Johannes Paul II, und er war hier in San Antonio untergebracht. Dieses Zimmer ist das sogenannte Papstzimmer, und seitdem ist es eine “Gnade” für jeden Besuch, dort schlafen zu dürfen. Diesmal soll der Papst im Haus des Kardinals einlogiert werden. Es gibt ja nur einen einzigen Kardinal, Julio Terrazas, und er ist Bolivianer. Er war in letzter Zeit sehr krank, so dass manche meinten, der Papst komme doch wieder nach San Antonio. Allerdings kommen 30 Leute seiner Komission hier bei uns im neuen Exerzitienhaus für zwei Nächte unter. Das ist zwar eine Ehre für uns, aber es bringt auch Aufgaben mit sich: Unterkunft, Essen, Sicherheit… Es sollen auch Bischöfe und Kardinäle darunter sein.

Nun erscheinen zunehmend auch große Plakate mit dem Bild des Papstes, und das Motto ist: „Mit Franziskus das Evangelium verkünden“. Hoffentlich gelingt uns dies vor, während und nach dem Papstbesuch. Der Papst kommt und geht – wir bleiben. Und Bolivien braucht – ohne Zweifel – Evangelium. Möge der Papstbesuch dafür eine Hilfe sein.

Kirche in Bolivien: Interview mit dem Erzbischof von Sucre, Jesús Juárez Párraga SDB

Andreasfest und Papstbesuch in der Türkei – Ökumene und Dialog

„Kommt und seht … Wir haben den Messias gefunden!“

Nach dem Bericht des Evangelisten Johannes gehörte der heilige Apostel Andreas zu den ersten Jüngern des Herrn. Gemäß dieser Überlieferung erhielt der Apostel Andreas den Beinamen der Erstberufene, weil er auf das Wort des Herrn hin „Kommt und seht!“ (Joh 1,39) als erster Jesus nachgefolgt ist, um zu schauen, wo Er wohnt. Andreas war auch derjenige, der unmittelbar nach der Begegnung mit dem menschgewordenen Erlöser zu seinem leiblichen Bruder, dem Apostel Petrus, lief und sagte „Wir haben den Messias gefunden“; und er führte auch seinen Bruder zum Herrn (Joh 1,41f.).

Für die Kirche im oströmischen Reich, mit dem Zentrum in Konstantinopel, heute Istanbul,  diente dieser Abschnitt des Evangeliums, untermauert durch eine Apostel-Andreas-Legende, seit dem 6./7. Jahrhundert als Legitimation für den Führungsanspruch des eigenen Bischofssitzes, des Patriarchen von Konstantinopel. Gerne berufen sich die frühen christlichen Gemeinden und die aus ihnen herausgebildeten Teilkirchen auf die Gründung durch einen Apostel. Seit früher Zeit hat der Apostel Andreas für die byzantinischen Kirchen eine große Bedeutung. Er ist ihr Apostel, genauso wie die Apostelfürsten Petrus und Paulus für die Kirche von Rom, der Apostel Markus für die Kopten, die Christen Ägyptens, und der Apostel Thomas für die Christen Indiens.  Es lag deshalb nahe, dass die östlich-byzantinischen Kirchen, die mit Byzanz in der Theologie, der Glaubenspraxis und der Kirchenpolitik besonders verbunden waren beziehungsweise von Konstantinopel aus missioniert wurden und von dort die Taufe erhielten, den Apostel Andreas ebenfalls zu Ihrem Patron wählten. So entstanden frühe Berichte, mitunter mit legendären Zügen, gemäß denen der Apostel Andreas grundlegend für die Ausbreitung des Christentums beispielsweise in Kleinasien, im westlichen  Georgien, in der Kiewer Rus (ostslawischer Vorgänger Staat für die heutigen Länder Russland, Weißrussland und Ukraine mit Zentrum in Kiew) wirkte. Manche Historiker schließen einen Wahrheitskern zum Beispiel bei der Legende über die Wanderung des Apostels Andreas am Fluss Dnipro (Dnjepr)/Ukraine nicht aus.

Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr
Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr

Der Gedächtnistag des Apostels Andreas wird in der byzantinischen Tradition am 30. November begangen. Dies entspricht dem 13. Dezember nach dem julianischen Kalender. Im Unterschied zu den kleineren Tagesgedächtnissen und -heiligen wird dieses Fest liturgisch gesehen als großer Festtag gefeiert (zum Beispiel große Vesper mit Einzug). Dieser Heilige war schon immer einer der beliebtesten Namenspatronen für die Kinder in den östlichen Ländern und ist es auch bis heute geblieben. Deshalb dürfen im Collegium Orientale in Eichstätt gleich sieben Bewohner des Kollegs am Andreastag ihren Namenstag feiern. Außerdem haben sich einige Volksbräuche um das Andreas-Fest entwickelt, die einen weiteren Beleg für die Bedeutung dieses Heiligen im Leben und im Bewusstsein der östlichen Christen liefern. So besuchen junge Burschen in der Ukraine am Vorabend zum Andreasfest die Familien ihrer Freundinnen und versuchen dabei eine Kleinigkeit im Haus mitzunehmen – erlaubterweise zu stehlen –, damit die Dame ihres Herzens einen Grund hat, danach zu suchen und mit ihnen wieder Kontakt aufzunehmen. Die Gastgeber müssen besonders aufpassen, dass ihnen die Töchter selber nicht gestohlen werden. Es verläuft alles natürlich in einem lustigen Rahmen. Vielleicht spiegelt sich in diesem Brauch ein weiter gefasster Widerhall der eingangs zitierten Worte des Apostels Andreas wider: „Ich habe den Messias, die wichtige Person in meinem Leben, gefunden.“ Denn die jungen Männer sind bei diesem Brauch tatsächlich auf der Suche nach einer Partnerin für das ganze Leben und dürfen mit der Fürsprache des Apostels Andreas rechnen.

Papst Franziskus beim Andreasfest in Konstantinopel

Das Andreasfest in diesem Jahr steht unter dem Zeichen des Besuches des Heiligen Vaters in Konstantinopel. Das Oberhaupt der Katholischen Kirchen, Papst Franziskus, der Nachfolger des Apostels Petrus und Paulus, besucht unter anderem seinen Mitbruder im patriarchalen Dienst, den Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, den Nachfolger des Apostels Andreas, des Erstberufenen. Damit reiht sich der Heilige Vater in die seit Jahrzehnten andauernde gute Tradition der gegenseitigen Besuche zwischen Rom und Konstantinopel an den Apostelfesten ein: Am Andreasfest in Konstantinopel und am Hochfest Peter und Paul in Rom. Somit rufen sie die erste dieser brüderlichen Begegnungen zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Jahr 1964 in Jerusalem in Erinnerung.

Durch diesen Besuch wird einerseits das offizielle Bekenntnis der katholischen Teilkirchen zum Ökumenismus, der Einheitsbewegung unter den Christen, bestätigt. Es ist aber auch ein Herzensanliegen des Papstes selbst, das er in seinen Ansprachen immer wieder zum Thema macht, wie zum Beispiel im August dieses Jahres in einer Mittwochskatechese. Sinngemäß sagte er damals Folgendes: Viele haben sich mit der Teilung der Kirche abgefunden, auch innerhalb der katholischen Kirche; dies ist eine Schande. Mit seinem offenen, ökumenischen Besuch in Konstantinopel bestärkt der Heilige Vater auf eine sehr deutliche Weise alle Initiativen, die sich in den Dienst der Einheit der Kirchen stellen, in ihrem Engagement und ruft immer wieder unermüdlich zum Dialog auf, zum Gebet für die Einheit und zur Offenheit gegenüber den anderen christlichen Konfessionen.

Was auf der höchsten Ebene zwischen den offiziellen Sprechern und Repräsentanten der Kirchen zum Ausdruck gebracht wird und als dreitägiges punktuelles Geschehen gewertet werden kann, gilt insbesondere, ganz konkret und tagtäglich für uns im Collegium Orientale, für unser gemeinsames Leben und Studieren in diesem internationalen, interrituellen sowie ökumenisch offenen Haus der Diözese Eichstätt, in der praktischen Werkstatt der Annäherung und des Kennenlernens der einzelnen Ostkirchen.

Die Apostelfeste eignen sich meines Erachtens sehr gut für das Besinnen auf die Einheitsbemühungen innerhalb der Kirchen. Bekanntlich beruhen alle Bemühungen um die Einheit auf dem letzten Gebet unseres Herrn im Johannes-Evangelium im Kreise seiner Jünger vor seinem Kreuzweg, seinem lebenspendenden Tod und der Auferstehung. Jesus betete damals: „[Vater], ich bitte Dich nicht nur für diese hier [für die Apostel], sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein!“ (Joh 17,20f.) Eine wunderbare Tatsache: Jesus Christus betet für die Apostel und für uns und bringt beide, die Apostel und uns, in eine lebendige Verbindung zueinander; besonders was den Einsatz für die Einmütigkeit und Einheit im Glauben angeht. Auf die Fürbitten aller Apostel des Herrn, besonders der Apostelbrüder Petrus und Andreas, des Erstberufenen, dessen Fest wir am kommenden Sonntag begehen, dürfen wir hoffen, dass die ganze Christenheit irgendwann gemeinsam und einmütig bekennen wird: Seht, wir haben den Messias gefunden.

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