Kategorie-Archiv: Ostkirchen

„Deutschland soll sich für Versöhnung in Syrien und Irak einsetzen“

Interview mit Seiner Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan

Seine Seligkeit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan, das Oberhaupt der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien, hat vom 21. bis 24. November die Diözese Eichstätt besucht. In diesem Rahmen führte Archimandrit Dr. Thomas Kremer, Vizerektor des Collegium Orientale Eichstätt, am 23. November 2015 das nachfolgende Interview mit dem Patriarchen.

Eure Seligkeit, man spricht vielfach vom Reichtum der christlichen Traditionen des Orients. Den Gläubigen in Deutschland fällt es oft schwer, die Besonderheiten der einzelnen Traditionen zu unterscheiden. Sie sind der Patriarch der Syrisch-katholischen Kirche von Antiochien. Könnten Sie einen Eindruck vom Reichtum der Tradition Ihrer Kirche geben?

Patriarch Younan: Wenn wir von der Syrisch-katholischen Kirche sprechen, sprechen wir vom syrischen Erbe des Patriarchats von Antiochien – ein reiches Erbe, das aber noch immer in vielem unentdeckt ist, da die Römisch-katholische Kirche stets den Kontakt mit den Kirchen der byzantinischen Tradition stärker gepflegt hat, mit denen sie ja auch bis 1054 verbunden war. Wir dagegen sind bereits seit dem 5. bzw. 6. Jh. von den großen Zentren der römischen und byzantinischen Kirche abgeschlagen. Wir lebten unter muslimischer Herrschaft und wir wurden dadurch in vielem gebremst, etwa in Fragen der liturgischen Erneuerung, der Ikonographie, und wir waren in gewisser Weise gettoisiert. Wir konnten kaum mehr tun, als das zu bewahren, was wir aus den ersten Zeiten des Christentums geerbt haben. Dazu zählen die Texte so bekannter Väter wie Ephräm dem Syrer und Jakob von Sarug und anderer, die in syrischer Sprache geschrieben haben und der west- wie der ostsyrischen Tradition angehören. Diese Kirchen wurden durch die soziokulturelle Situation ins Abseits gedrängt, da wir stets unter Bedrohungen gelebt haben und in die Berge oder die Wüste abgedrängt wurden. Immer wieder wurden unsere Kirchen und Klöster aufgrund der jeweiligen Situation aufgegeben und zerstört. Der Westen hat im Allgemeinen eine unzureichende Kenntnis unseres spirituell-liturgischen Erbes. Dieses ist vor allem für seine Einfachheit bekannt. Es gab nie die großen theologischen Entwürfe wie im Westen und in der byzantinischen Kirche, doch wir blieben stets den Ursprüngen eng verbunden. Heute beginnt die Gesamtkirche glücklicherweise, sich für das syrische Erbe zu interessieren. Als syrische Kirchen – dazu gehören die syrisch-katholische, die syrisch-orthodoxe, die maronitische, aber auch die chaldäische und assyrische Kirche sowie die syro-malabarische und syro-malankarische Tradition Indiens – besitzen wir ein reiches spirituell-liturgisches Erbe, dessen Kennzeichen stets die Einfachheit ist.

: Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr
Thomas Kremer (2. Von links) im Gespräch mit Patriarch Ignatius Youssef III. Younan (rechts). Links im Bild: Abouna Ignatius Offy aus Qaraqosh im Irak, ab 2016 Kollegiat des Collegium Orientale Eichstätt. pde-Foto: Rostyslav Myrosh/COr

Die Kirchen syrischer Tradition verwenden bis heute nahezu dieselbe Sprache, die Jesus Christus selbst gesprochen hat. Hat die Verwendung und die Verwurzelung in der semitischen Tradition eine besondere Bedeutung für Ihre Kirche?

Patriarch Younan: Die syrische Sprache betrachten wir als einen großen Schatz. Uns ist es gelungen, sie zu bewahren trotz aller Hindernisse, die uns entgegengetreten sind. Wir haben sie in unserer Liturgie bewahrt. Aber leider kennen sie nicht mehr alle Gläubigen, abgesehen von denen, die in Gegenden wie dem Nordirak, dem Tur Abdin oder in der Gegend von Ma’alula lebten und leben, die bis heute einen aramäischen Dialekt sprechen. Leider konnten wir sie aufgrund der Umstände, die uns von den Regierungen auferlegt wurden, in den großen Städten als gesprochene Sprache nicht lebendig erhalten, wohin viele unserer Gläubigen aufgrund sozioökonomischer Gründe hinziehen mussten. Die Politik in Syrien, im Irak und in der Türkei, wo unsere Syrisch-katholische Kirche ihre Wurzeln hat, hat uns nicht gestattet, in unserer Sprache zu kommunizieren, so dass sie heute im Wesentlichen auf die Liturgie beschränkt ist und von Priestern und Mönchen beherrscht wird, die sie studieren. Leider sind wir Christen nicht mehr so sehr in unserer Sprache verwurzelt, so dass nur noch wenige Christen die Sprache Christi und der Gottesmutter sprechen. Anderen Religionen gelingt es besser, ihre Ursprungssprache zu bewahren, wenn wir an das Arabische und Hebräische denken. Vielleicht hatten wir die Vorstellung, dass die Universalkirche nicht an ein spezielles Gebiet und eine Sprache gebunden sei.

Kommen wir jetzt zur derzeitigen Lage. Können Sie uns beschreiben, wie sich heute die Situation der Gläubigen Ihrer Kirche angesichts der vielen aktuellen Probleme darstellt?

Patriarch Younan: Die Situation unserer Kirche als Gemeinschaft von Gläubigen zusammen mit ihrem Klerus ist derzeit sehr bewegt und steht vor der Gefahr einer regelrechten Auslöschung, des Verschwindens, denn die beiden Länder, in denen unsere Kirche seit Jahrhunderten ihre Wurzeln hat, Syrien und Irak, leiden unter einem brudermörderischen Krieg, einem konfessionellen Bürgerkrieg. Was wir erleben, ist ein äußerst gewalttätiger Krieg. Ein großer Teil der Infrastruktur ist zerstört, viele archäologische Monumente, Kirchen und Klöster. Unsere Kirche hat ebenso wie die syrisch-orthodoxe, die chaldäische und assyrische viele Beschädigungen hinnehmen müssen, vieles liegt in Ruinen. Die wesentliche Frage ist: Wie können wir unsere Gläubigen und Kleriker überzeugen, im Land unserer Vorfahren verwurzelt zu bleiben, sowohl in Syrien wie im Irak, und für die Zukunft eine hoffnungsvolle Vision zu entwickeln. In der Praxis versagt selbst diese optimistische Vision vielfach. So stehen wir vor der Tatsache, dass es einen verstärkten Exodus der Christen gibt, insbesondere seit dem vergangenen Jahr und der Entwurzelung von mehr als 140.000 Christen aus Mossul und der Ebene von Niniveh. Sie hoffen, zu ihren Dörfern und Ländereien zurückkehren zu können, während bis auf den heutigen Tag diese terroristischen Banden, die sich „Daesch“ oder „Islamischer Staat“ nennen, immer noch die Herrschaft über diejenigen Gebiete ausüben, wo die Christen in einer relativen Freiheit leben konnten. Ähnliches gilt auch für Dörfer in Syrien, etwa im Nordosten Syriens oder nordöstlich von Homs, wo ebenso das Überleben unserer Christen ernsthaft bedroht ist. So ist die Kirche immer wieder herausgefordert, auf die Bedürfnisse unserer Gläubigen und Gemeinden zu reagieren. Es geht nicht nur um die grundlegende humanitäre Versorgung der Menschen, sondern darum, wie man sie inspirieren kann, Zuversicht angesichts der Zukunft zu gewinnen.

Darf ich Sie angesichts der schwierigen Lage nach den ökumenischen Beziehungen unter den christlichen Kirchen fragen: Arbeiten die Kirchen der verschiedenen Konfessionen im Vorderen Orient zusammen, um die Probleme gemeinsam zu lösen und die christlichen Gemeinden zu retten?

Patriarch Younan: Wissen Sie, Papst Franziskus hat einen Satz geprägt, der sehr ausdrucksstark ist, wenn er davon spricht, dass unsere christliche Berufung und die Botschaft unseres Glaubens darin besteht, dass die Christen heute an der „Ökumene des Blutes“ teilhaben. Das heißt, dass im Vorderen Orient den Christen aller Kirchen, der orthodoxen, katholischen und protestantischen, diese barbarische, terroristische Bedrohung bewusst ist und alle Kirchen Märtyrer und Bekenner des Glaubens zu verzeichnen haben. Sie alle müssen Unterdrückung und Gefängnis ertragen. Was den geschwisterlichen Umgang miteinander anbelangt, hat dies die Kirchen einander näher gebracht. Die Kirchenführer werden nicht müde, sich zu versammeln, um diejenigen, die die politische Macht besitzen, zu ersuchen, ihre Politik zu ändern und den Frieden im Vorderen Orient zu fördern, insbesondere um den Christen zu helfen, fest in ihren Heimatländern verwurzelt zu bleiben. Was unsere beiden Kirchen syrischer Tradition anbelangt, die orthodoxe und die katholische, kann ich sagen, dass wir in bestem Kontakt stehen. Wir hatten noch nie eine Zeit eines solch wahren ökumenischen Kontaktes zwischen unseren Kirchen. Wir, Orthodoxe wie Katholiken, betrachten uns als eine syrische Kirche mit einem orthodoxen und einem katholischen Zweig. Mit der Wahl des neuen syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Ephräm II. Karim haben sich diese Kontakte sowohl in der Qualität wie in der Quantität intensiviert. Wir treffen uns oft, sprechen regelmäßig miteinander und beraten uns gegenseitig in der Frage, wie wir dieser entsetzlichen Situation unserer syrischen Kirchen begegnen sollen. Mehrfach haben wir im Irak und in Syrien gemeinsam Flüchtlinge und ihre Helfer besucht, um sie mit Zuversicht und Hoffnung zu erfüllen. Dabei denken wir auch beständig darüber nach, wie sich unsere Kirchen noch mehr als in der Vergangenheit näher kommen können, auch um die Pastoral unserer beiden Kirchen sowohl im Vorderen Orient wie auch in der Diaspora stärker zu koordinieren.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, möchten Sie in guter Zusammenarbeit mit der Syrisch-orthodoxen Kirche den Gemeinden in ihrer Heimat bei ihrem Überlebenskampf helfen, aber ebenso auch diejenigen als Gemeinden sammeln, die in die Diaspora gegangen sind.

Patriarch Younan: Auch hier zeigt sich, dass die Gläubigen uns oft in der Frage einer wahren Ökumene voraus sind. Deshalb hindern wir unsere Gläubigen in keiner Weise daran, wenn sie ihre christliche Berufung in Gemeinschaft mit der Syrisch-orthodoxen Kirche leben möchten, da wo wir keine kirchlichen Strukturen besitzen. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Trennung rein nominal gewesen ist und nichts mit der Substanz unseres christlichen Glaubens zu tun hat. Wir gehen sogar so weit, gemeinsam an der Eucharistie teilzunehmen. Ich nehme keinerlei Anstoß daran, wenn man die Kommunion in einer syrisch-orthodoxen Kirche empfängt, um unsere Einheit im Glauben und in den Sakramenten zu bezeugen. Ich selbst kann diese Position nicht teilen, dass man zunächst die volle Kirchengemeinschaft verwirklicht haben müsse, um die Kommunion teilen zu können. Wenn wir davon überzeugt sind, dass in unseren beiden Liturgien die eine wahre Eucharistie gefeiert wird, warum sollten wir uns dessen enthalten, die Kommunion in dieser selben Liturgie zu empfangen, in der die eucharistische Gegenwart des Herrn wahrhaftig ist?! Ich habe es selbst schon praktiziert, auch einige Bischöfe, sicher nicht wenige Priester und wir empfinden kein Problem dabei. Wir sind die einzigen Schwesterkirchen, die diese Überzeugung teilen, dass uns nichts wirklich Substantielles trennt außer den historischen Umständen, die leider zur Trennung geführt haben, als sich ein Teil der Orthodoxen mit dem Heiligen Stuhl von Rom wiedervereinigt hat. Wir sind an den Punkt gekommen, das Vergangene zu überwinden. Wir bleiben nicht in der Vergangenheit verhaftet, sondern müssen in die Zukunft schauen, da wir alle vor die Herausforderung gestellt sind, zu überleben. Das fordert unsere Aufmerksamkeit, und dem geben wir die Priorität.

Ich danke Ihnen von Herzen für diese große ökumenische Vision! Mit Ihrer Offenheit können Sie anderen Patriarchen und Bischöfen ein wunderbares Beispiel geben.

Ich möchte nun zu Frage einer möglichen Unterstützung kommen. Sie sind nach Deutschland gekommen, in ein Land, das in verschiedener Hinsicht die Möglichkeit besitzt, womöglich auch Ihrer Kirche zu helfen. Ich denke insbesondere an die Position der deutschen Regierung. Vielleicht können Sie etwas dazu sagen, welche Unterstützung Sie sich wünschen.

Patriarch Younan: Was die deutsche Regierung anbelangt, so wünschen wir uns, dass sie sich wesentlich stärker einbringt und engagiert, um die verschiedenen Konfliktparteien miteinander zu versöhnen, sowohl in Syrien wie im Irak. Die Tatsache, dass Deutschland Abertausende von syrischen Flüchtlingen aufgenommen hat, ist eine schöne Geste von Freundschaft, Geschwisterlichkeit und Gastfreundschaft. Aus humanitärer Sicht ist das sehr lobenswert. Wir wünschen uns, dass Deutschland noch einen Schritt weiter geht, um die wahren Ursachen für diesen massiven Exodus von Hunderttausenden Syrern zu ergründen.

Welches sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Patriarch Younan: Die westlichen Länder haben die Uneinigkeit und die Konflikte geschürt und nicht geholfen, die Konfliktparteien zu versöhnen und im Dialog eine demokratische Lösung zu finden und sie auf das Ideal der Menschenrechte und die wahren Ideale einer echten Demokratie zu gründen. Wir wünschen uns, dass die deutsche Regierung sich nicht darauf beschränkt, Flüchtlinge aufzunehmen, sondern dass sie sich mit allen Beteiligten guten Willens zusammentut, um die Konfliktparteien zu versöhnen. Die humanitären Hilfen werden in höchstem Maße geschätzt, da sie auf die Bedürfnisse der leidenden Menschen, derer, die alles verloren haben, antworten und auf die Hilfe ihrer Brüder und Schwestern in Deutschland angewiesen sind.

Erlauben Sie mir noch, den Wunsch zum Ausdruck zu bringen, dass die westeuropäischen Länder sich noch stärker darin engagieren, den Ländern des Vorderen Orients zu helfen, eine stabile Situation in Frieden und Wohlstand wieder zu erlangen, insbesondere indem der gegenseitige Respekt wiederhergestellt wird. Wenn Deutschland und Europa etwas zu sagen hat, sollten sie nicht nur die eigenen materiellen Interessen verfolgen und dabei die Prinzipien und Werte vergessen, auf denen Europa gegründet worden ist. Ich wünsche mir, dass sie verstehen, dass ein Land, das man bezichtigen kann, eine Diktatur zu sein, immer noch viel besser ist als ein Land, das einem religiösen Totalitarismus unterliegt, d. h. dass es über alle Maßen schlecht ist, wenn die Religion in das private Leben des Einzelnen und in das öffentliche der ganzen Gesellschaft eingreift. Wenn man eine Wahl zu treffen hat, muss man die Regime wählen, die eher laizistisch sind und die Freiheit den Minderheiten und unter ihnen eben auch den Christen gewährleisten. Das, was ich mir wünsche, ist, dass Europa wahrhaft Europa ist und als Gemeinschaft von vielen Staaten, die sehr viel im internationalen Kontext zu sagen haben, seine Entscheidungen trifft und sich nicht vor allem von den Amerikanern und den Russen ihre Lösungen diktieren lässt.

Eure Seligkeit, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für ihre klaren Worte und für dieses ausführliche Gespräch!

Erlauben Sie mir zu guter Letzt noch die Frage zu ergänzen, in welcher Weise die Diözese Eichstätt und insbesondere das Collegium Orientale seinen Beitrag leisten kann.

Ich bin dem Collegium Orientale und seinen Verantwortlichen sehr dankbar, dass ich so brüderlich und mit so großer Hingabe empfangen worden bin. Ich glaube, dass das Collegium Orientale in Eichstätt eine besondere Berufung besitzt, und ich hoffe, dass es sowohl in Deutschland wie auch in Europa eine immer größere Bekanntheit erlangt, damit wirklich in die Tat umgesetzt werden kann, was wir mit dem Worten des hl. Papstes Johannes Paul II. bekennen, dass die Kirche mit zwei Lungenflügeln atmet, dem des Ostens und dem des Westens. Und das ist wahr. Es gibt einen so großen Reichtum in beiden Teilen der Kirche, in den beiden Traditionen. Es berührt mich sehr, dass das Collegium Orientale sowohl Seminaristen wie auch Priester, die postgraduierte Studien betreiben, aufnimmt und sich dabei nicht auf die Kirchen byzantinischer Tradition beschränkt, sondern eben auch offen ist für die Kirchen syrischer Tradition. Wir freuen uns, dass im kommenden Jahr einer unserer Priester mit seinem Promotionsstudium im Collegium Orientale beginnen wird, und ich hoffe, dass wir weitere Kandidaten entsenden können, die ihre Studien der syrischen Tradition in diesem Collegium vertiefen möchten.

Vielen Dank, unsere Türen sind stets geöffnet – für Sie, für Ihre Priester und Seminaristen und für die Gläubigen Ihrer Kirche! Wir vom Collegium Orientale wünschen Ihnen die Kraft, Ihren Gläubigen auf der ganzen Welt beizustehen. Wir fühlen uns den Kirchen der syrischen Tradition mit ihrem spirituellen Reichtum aufs Engste verbunden und wünschen Ihnen und Ihrer Kirche Gottes reichen Beistand für eine gesegnete Zukunft!

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Chrisamweihe in der Armenisch-Apostolischen Kirche

Besondere Erfahrung einer umfassenden kirchlichen Gemeinschaft

Ende September führte mich mein diesjähriger Urlaub – im 100. Gedenkjahr an den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich – auf eine neuntägige Pilger- und Studienreise in die heutige Republik Armenien. Die Reise wurde von der armenisch-apostolischen (orthodoxen) Gemeinde von München zusammen mit einer Reiseagentur in Armenien organisiert, wobei die geistliche Seite hervorragend berücksichtigt wurde. Ein seltener Höhepunkt unserer Pilgerreise war die Weihe des heiligen Myron (Chrisamöl) durch den Katholikos aller Armenier, Karekin II. in Etschmidazin, nahe der Hauptstadt Yerevan gelegen, eine größere Stadt und der kirchliche Muttersitz der orthodoxen Armenier weltweit.

Im Christentum spielen wohlriechende Öle eine ganz besondere Rolle. Noch im Alten Testament gibt es genaue Anleitungen, wie das Salböl für Priester und vor allem Könige herzustellen sei. Im Neuen Testament wurde Jesus mit wertvollem Nardenöl gesalbt (Mk 14,3-9, Mt 26,6-13, Lk 7,36-50, Joh 12,1-8). Der Titel „Christus“ ist die griechische Übersetzung für das hebräische „Messias“ bzw. „Maschiach“ und bedeutet auf Deutsch: der Gesalbte. Gesalbt zu sein, bedeutet von Gott erwählt und für etwas Besonderes bestimmt sein. Wir Christinnen und Christen, die wir auch diesen Titel tragen dürfen, erfahren die Salbung im Sakrament der Taufe und der Firmung, und werden dort zu Priestern, Königen und Propheten gesalbt. Leider ist uns diese besondere Erwählung später kaum noch bewusst; mit Salbung verbinden wir meistens – wenn überhaupt – das Sakrament der Krankensalbung. Bei allen kirchlichen Salbungen werden allerdings die Öle sorgfältig vorbereitet und in einem besonderen Gottesdienst feierlich geweiht.

In der Armenischen-Apostolischen Kirche ist die Ölweihe etwas ganz Besonderes: Im Unterschied zu den bei uns gewohnten alljährlichen Chrisamweihen am Gründonnerstag, weihen die Armenier die heiligen Öle nur jedes siebte Jahr und zusätzlich noch dann, wenn ein neuer Katholikos (Kirchenoberhaupt) gewählt wird. Im Jahr seiner Wahl darf der neu gewählte Katholikos das heilige Myron zusätzlich weihen, besonders in den Fällen, wenn sichtlich zu wenig Myron vorrätig ist, und durch die Verteilung der Öle über seine Bischöfe an alle Pfarrgemeinden seine Kommuniongemeinschaft mit ihnen ausdrückt. Dieses geweihte Öl wird dann für die Myronsalbung (= Firmung), für die Bischofs- und Priesterweihen sowie auch für die Einweihung einer neuen Kirche und die Wasserweihen verwendet.

Für die Armenier, sowohl die Gläubigen als auch die weniger kirchlich Gebundenen, ist die Myronweihe ein wichtiges Fest und wird feierlicher als Ostern oder Weihnachten gefeiert. Mit großem Aufwand wird es vorbereitet, was auch in diesem Jahr am Sonntag, 27. September, sehr deutlich zum Ausdruck kam: Ein großes Aufgebot von Polizei, die Anwesenheit des Staatspräsidenten, aufsehenerregende Anzeigen zum Fest auf den Straßen und in den Medien. Dazu kommen kirchlicherseits hochrangige Vertreter verschiedener Kirchen wie der römisch-katholische Vertreter Leonardo Kardinal Sandri, Präfekt der Ostkirchenkongregation, der melkitische Patriarch Gregorios III. und der Patriarch der armenisch-katholischen Kirche Grigor Petros XX. sowie der griechisch-orthodoxe Patriarch Theodoros II. von Alexandrien.

Smartphone-Aufnahme der Chrisamweihe in Etschmidazin (Oleksandr Petrynko)

Aber auch der Gottesdienst zu dieser besonderen Ölweihe ist etwas Besonderes: Im Vorfeld und bei der liturgischen Feier der Weihe müssen viele eherne Regeln beachtet und eingehalten werden. So muss das Öl, das für die Weihe zubereitet wird, 40 Tage lang gekocht werden, währenddessen ununterbrochen bestimmte Gebete gesprochen werden. Die Grundsubstanz ist wie bei den meisten orientalischen Düften das Olivenöl. Dazu kommen 40 Pflanzenöle und -düfte von armenischen Bergblumen – dies alles nach einem alten Rezept, das früher nur dem Katholikos sowie einem sehr engen Kreis von Priestern bekannt war und von Generation zu Generation überliefert wird. Bei dem Raum im Eingangsbereich zur Hl. Gajane-Kirche, in dem das zu segnende Öl gekocht wurde, durften wir uns kurz aufhalten und schon vor der Weihe den intensiven und wohlriechenden Duft des Öles genießen.

Für mich persönlich war die gesamte Weihe, die außerhalb der Eucharistie am späteren Sonntagnachmittag mit Tausenden von Pilgern stattfand, ein besonderes Erlebnis in jeder Hinsicht. Was ich besonders schön fand, war, dass dabei die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander und in ihrer Verbindung mit Christus – als dem Haupt seiner Kirche – sichtbar geworden ist. Auf mehrfache Weise wurde diese horizontale und vertikale Verbindung innerhalb der Gemeinschaft der Getauften sichtbar: So mussten bei der Weihe zwölf Bischöfe aus bestimmten Teilen der armenischen Kirche anwesend sein, die die Weihehandlung unter dem Vorstand des Katholikos und im gemeinsamen Gebet der Versammelten vollzogen. Unter den zwölf Bischöfen, die einem römisch-katholischen Christen aufgrund der mittelalterlichen Beeinflussung (im 12 Jh., in der Zeit der Kreuzzüge) aus der Westkirche an den zugespitzten Mitren sehr bekannt vorkommen dürften, müssen die Oberhäupter bzw. bischöflichen Vertreter aus den drei anderen mehr oder weniger selbst verwalteten armenischen Teilkirchen von Kilikien (heute mit dem Sitz im Libanon), Jerusalem und Konstantinopel (Istanbul) anwesend sein.

Das lange Weihegebet nach den Psalmen und mehreren Lesungen aus den Evangelien, das durch den Katholikos unter Assistenz von den zwölf Bischöfen feierlich und gesungen vorgetragen wird, bildet mit ihrer starken Symbolkraft den Kernpunkt der Weihe und lässt die innere Verbindung der armenischen Kirche und ihre Vereinigung mit Christus, dem Gründer unseres Glaubens, auf eine wunderbare Weise erfahren. Im ersten Teil des Gebetes werden die Reste des alten Öles des Katholikos von Etschmiadzin und der von den armenischen Bischöfen aus dem Libanon, Jerusalem und Konstantinopel mitgebrachten Öle in das frisch gekochte Öl dazugegeben und vermischt, und zwar als Zeichen dafür, dass sie untereinander verbunden sind und dass sie auch Anteil haben an dem von ihren Vorgängern geweihten Öl. Auch nach der Weihe nehmen die Bischöfe von dem frischgeweihten Öl mit und verteilen dies an alle Gemeinden, in denen mit diesem Öl getauft und gefirmt wird.

Im zweiten Teil des Gebetes wird ein altehrwürdiges und verehrtes Kreuz in das Öl eingetaucht und es wird damit gesegnet als Hinweis auf den gekreuzigten Herrn Jesus Christus, den Bringer des Heils für uns Menschen. Darauf wird die heilige Lanze gebracht, mit der Jesus am Kreuze durchstochen werden sollte, die also den Herrn selber berührte und uns in seiner Seite die Quelle des lebenspendenden Blutes und Wassers öffnete. Sie soll der Apostel Thaddäus, der zusammen mit dem Apostel Bartholomäus als die Apostel Armeniens gelten, auf seiner Mission nach Armenien mitgebracht haben. So kommt die ehrwürdige Lanze, die sonst in der patriarchalen Schatzkammer von Etschmiadzin aufbewahrt wird, zum gottesdienstlichen Einsatz, indem sie genauso wie zuvor das Kreuz in das Öl kreuzweise eingetaucht wird. Zum Schluss wird das Öl auch auf gleiche Weise wie vorher mit einer Reliquie – mit dem Reliquiar in Form eines Armes – des heiligen Gregor des Erleuchters Armeniens (+ 331) gesegnet, sowohl das Öl als auch anschließend das um den Weihealtar und das geweihte Myron versammelte Volk.

Die Kontinuität des Glaubens von Christus bis auf den heutigen Tag wird in der armenischen Kirche auf diese beeindruckende Weise sichtbar. Außerdem heißt es bei den armenischen Christen: Wer an diesem heiligen Öl teilhat, es besitzt und davon in der Pfarrei bei der Sakramentenspendung Gebrauch macht, ist in der Gemeinschaft der Kirche und mit ihrem Herrn und Erlöser Jesus Christus verbunden.

Verfolgung um Christi und des Evangeliums willen: „Es ist eine religiöse Säuberung“

„Grausame, unmenschliche, unerklärliche Verfolgungen, vor allem gegen Christen“, nennt Papst Franziskus das Vorgehen von islamischen Terroristen und Fanatikern im Nahen Osten gegen Minderheiten. „Sie sind die Märtyrer von heute, gedemütigt und diskriminiert um ihrer Treue zum Evangelium willen“ (Papst Franziskus, rv 6.8.2015). „Ich rufe die internationale Gemeinschaft von neuem dazu auf, nicht stumm und tatenlos zu bleiben angesichts dieses inakzeptablen Verbrechens“ (Papst Franziskus, Mai 2014). Seit Beginn der Kämpfe in Syrien im Frühjahr 2011 wurden Schätzungen zufolge rund 250.000 Menschen getötet. Fast die Hälfte der Bevölkerung – zwölf Millionen Männer, Frauen und Kinder – sind auf der Flucht. Der Patriarch der syrisch-katholischen Kirche Ignace Youssif III. Younan ruft uns zu:

„…Es ist eine religiöse Säuberung! Was Ihre Regierungen nicht sehen wollen, und wovon Ihre Regierungen nichts wissen wollen. Denen ist die Religionsfreiheit dieser Gemeinschaften, die über Hunderte von Jahren durch ihre Treue zum Evangelium dort durchgehalten haben, ziemlich egal! …Man sagt uns, es gebe internationale Einrichtungen zur Verteidigung der Menschenrechte und der Religionsfreiheit – aber wo sind die denn? Das ist eine Lüge! …Was sollen wir tun? Wie hat es der ‚Islamische Staat’ geschafft, so weit zu kommen!“(rv 08.08.15).

Wachen wir endlich auf! Realitätssicht und kein falsches Neutralitätsprinzip! Wir werden an unserer Äquidistanz und verbaler Ausgeglichenheit noch kaputt gehen. Wir sind dabei, die eigenen christlichen Wurzeln zu verleugnen. Ohne eigene Identität aber fehlt uns die Fähigkeit, Ereignisse und Zusammenhänge richtig zu deuten. Der permanente Versuch, die Christenverfolgungen der Gewalt gegen andere religiöse Gruppen gleichzustellen, entspricht nicht den Tatsachen. Mindestens 70 Prozent aller Verfolgungen in der Welt trifft Christen (Pew Research Center, Washington). Die EU verwechselt leider bis heute oft die europäische Identität mit der eigenen Brieftasche. Europäische Identität ist ohne das Christentum nicht denkbar.

Die Ankunft von immer mehr muslimischen Flüchtlingen bei uns wird sehr bald zu einer großen Herausforderung für die christliche und demokratische Identität des Kontinents werden. „Als Christen haben wir die Pflicht, die Flüchtlinge aufzunehmen, aber Europa muss auch die eigene, d.h. eine christliche Identität wahren können. … Es gibt muslimische Migranten, die sich (bei uns) mit einem speziellen Problem konfrontiert sehen. Sie können z.B. die Trennung von Religion und Politik, von Kirche und Staat, wie wir es sagen würden, nicht akzeptieren. Das hat einen direkten Einfluss auf den Integrationsprozess. Und was machen wir da? Wir müssen sagen, dass es Grundwerte gibt, die akzeptiert werden müssen. Dazu gehört die Wahrung des Pluralismus in unserer Gesellschaft, die Trennung von Politik und Religion und die Akzeptanz normaler demokratischer Prozesse, sodass ein friedliches, konstruktives Zusammenleben möglich ist, und die Menschen, die kommen, Teil der Gesellschaft werden und sie bereichern“ (Erzbischof S. M. Tomasi, Vertreter des Hl. Stuhls bei der UNO, 23/08/2015).

Hilfe für alle, ja – aber auch in Rücksicht auf unsere christlichen Schwestern und Brüder. Wenn wir größere Zusammenstöße vermeiden wollen, dann müssen wir bei der Flüchtlingsverteilung bei uns auch über die nationale und religiöse Zusammensetzung der einzelnen Gruppierungen nachdenken. Es müssen sich die Christen wenigstens in unseren Einrichtungen sicher und wohl fühlen können, was längst nicht mehr überall gewährleistet ist.

Ich bitte Sie alle, soweit es Ihnen möglich ist, engagieren Sie sich in Helferkreisen für die Flüchtlinge. Jeder von Ihnen hat ein Talent, das dringend gebraucht wird. Im Vertrauen auf die Hilfe Gottes, seiner Mutter und aller Heiligen, werden wir, dank Ihrer Mithilfe und Ihrem Gebet, auch weiterhin unseren notleidenden Brüdern und Schwestern helfen können.

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Ein Jahr nach dem Opfer der Himmlischen Hundertschaft

Im letzten Jahr haben wir jeden Tag hören müssen, dass soundsoviele Soldaten und soundsoviele Zivilisten durch die Kämpfe in der Ostukraine getötet wurden. Vor einem Jahr hat der Tod der sogenannten Himmlischen Hundertschaft der auf dem Maidan getöteten Demonstranten noch die Welt bewegt. Heute, so scheint es, sind die Getöteten zur Normalität geworden. Bei vielen Opfern haben wir Schwierigkeiten sie noch als Einzelschicksale wahrzunehmen. Ohne die einzelnen Namen wird sogar das größte Opfer – und unsere eigene Verantwortung ihnen gegenüber – nur verschwommen wahrgenommen.

Aus diesem Grund möchte ich Ihnen heute von einem jungen Mann erzählen, dessen Leben und Sterben uns die Entwicklung in der Ukraine zu verstehen helfen.

Sein Name war Bohdan Solchanyk und er wurde 28 Jahre alt. Ein vielversprechender Historiker, ein Mitglied der Fakultät der Ukrainischen Katholischen Universität (UKU), ein Dichter, ein junger Mann, der sich verliebt hat. Er versuchte, die Vergangenheit seiner Heimat zu verstehen, während er mit all seinen Kräften im Hier und Jetzt an einer besseren Zukunft seines Volkes mitgebaut hat. Diese bessere Zukunft bedeutete für ihn auch die Ehe mit seiner Frau Maria Pohorilko, die ihrerseits eine aufstrebende Historikerin, eine Promovendin an der UKU ist. Beide wollten, wie wir es in der Ukraine nennen, ein „Leben in Würde“. Sie hofften, die Geschichte ihres Landes mit den Studenten, mit den Lesern ihrer Artikel und mit der ganzen Welt zu teilen.

Leider wurde Bohdan Solchanyk am 20. Februar vor einem Jahr jäh aus diesen Träumen gerissen. Zusammen mit weiteren achtzig  unbewaffneten Idealisten, die von einer europäischen Ukraine träumten, wurde Bohdan kaltherzig erschossen, getötet von Scharfschützen der Polizei auf dem Zentralplatz der ukrainischen Hauptstadt, während die Fernsehkameras der Welt das Massaker live sendeten.

Die Botschaft von Bohdans Leben und Sterben ist einfach. Es ist eine Botschaft, die Europa und die Welt im Angesicht der großen Sorge und der Verworrenheit zwischen der Ukraine und Russland nötig hat. Die entstandene Verworrenheit ist größtenteils durch die Propaganda derer geschaffen worden, die die Träume und Hoffnungen von Bohdan verachten und die von Bohdans Opferbereitschaft, sich bis in den Tod hinzugeben, verwirrt worden sind.

Bohdan war einer der Millionen, die sich monatelang friedlich versammelt haben, die fröhlich, mit Liedern und Gebeten, mit Gedichten und Straßentheater, mit Musik und Tanz im Zentrum von Kiew und in zahllosen anderen ukrainischen Städten und Dörfern ihren Traum, ihr Ziel verwirklichen wollten. Dieses Ziel ist einfach: Freiheit, eine lebendige Zivilgesellschaft, Pressefreiheit, keine Korruption in Wirtschaft, Politik, Bildung oder im Gesundheitswesen und ein funktionierender Rechtsstaat. Wir in der Ukraine nennen das: ein Leben in Würde. Ein Leben, das in Europa gelebt wird.

Bohdans Leben war kurz, weil seine staatsbürgerliche Haltung eine Bedrohung für die bestehenden Autoritäten, die Vetternwirtschaft und die Korruption war. Er war eine Bedrohung für die radikale gesellschaftliche Ungleichheit, bei der Oligarchen und Politiker in obszönem Überfluss lebten, während der Rest des Volkes um sein Überleben kämpfte. Er wurde getötet, weil die Mächtigen seine Lieder und Freude fürchteten, den Tanz von Millionen und die Eintracht einer Nation.

Bohdan war in den letzten zehn Jahren, seit der Orangenen Revolution 2004, als er 19 Jahre alt, bei den gesellschaftlichen Protesten aktiv. Er wurde nicht von amerikanischen Agenten bezahlt, um bei minus fünfzehn Grad mitten in der Nacht zu demonstrieren. Er war keine Marionette einer fremden Macht, er war nicht ein geheimer Provokateur der Europäischen Union.

Er war einfach ein Mensch, der seine gottgegebene Würde erkannte und diese Würde für alle Ukrainer verteidigen wollte.

Bohdans Tod und der Tod der ersten Hundertschaft, von einer gnadenlosen Polizeimacht getötet, führten zum Kollaps des korrupten Yanukovych’ Regimes. Yanukovych floh, weil sein Sicherheitsapparat das brutale Vorgehen, das der ruchlose Präsident angeordnet hat, nicht weiter aufrechterhalten wollte. Genug war genug! Sie erkannten, dass die kriminellen Machenschaften das Land nicht länger unterdrücken konnten. Das österliche Opfer der Unschuldigen, das Blutvergießen – das tiefgründigste und ehrfürchtigste Sakrament – hat eine ungerechte Tyrannei gestürzt.

Der Zusammenbruch der korrupten und tyrannischen Regierung in Kiew durch den friedlichen Aufstand der ukrainischen Zivilgesellschaft, mit Liedern und Tänzen, im Kampf für Presse- sowie Versammlungsfreiheit und gegen Korruption sowie Bevormundung, konnte der Präsident von Russland nicht hinnehmen. Die Gefahr einer Ausbreitung dieses Freiheitskampfes war zu groß. Um ein russisches Ringen um ein Leben in Würde zu verhindern, suchte er seinem Volk Stolz auf einem anderen Weg zu geben. Er vergrößerte sein Reich: Die Krim wurde annektiert. Dazu wurde ein sinnloser Krieg angezettelt, um die neu erlangte Würde des ukrainischen Volkes zu zerstören. Es soll gezeigt werden, dass die Ukraine ein gescheiterter Staat war, und dass Bohdan Solchanyk umsonst gestorben ist.

Das ist die Geschichte von Bohdan Solchanyk und den Millionen, die an seiner Seite standen. Das ist die Erklärung, was in der Ukraine und worum der Kampf heute geht. Es gibt noch viele Seiten dieses Kampfes und es ist eine komplexe Geschichte, aber im Herzen ist es ein Pilgerweg von Unterdrückung und Angst, hin zu Freiheit und Würde – letztlich kann man sagen: von Tod zu Leben; es ist eine österliche Geschichte.

Am 20. Februar werden Ukrainer und alle Freunde der Ukraine der Opfer der Himmlischen Hundertschaft gedenken – der ersten, die auf diesem Weg zur Würde gestorben sind. Sie werden sich der 5500 Soldaten und Zivilisten erinnern, die durch die Invasion getötet wurden.

Wenn sie der Toten gedenken, denken sie auch an die humanitäre Krise die heute vorherrscht: Zehntausende Verwundete, tausende Witwen und Waisen, 1,5 Millionen Vertriebene und 5 Millionen, die direkt vom Krieg betroffen sind.

Uns Gläubige, die Christus nachfolgen, seines Leidens gedenken und seine Auferstehung feiern, erinnert das Opfer von Bohdan und seinen Leidensgenossen an das Blutzeugnis der Märtyrer. Es gibt keine größere Liebe als die, wenn man sein Leben hingibt für einen Freund (Joh 15,13). Diese Worte erklären vielleicht am Besten dieses schmerzliche Gedenken an Bohdan und die Himmlische Hundertschaft und die Ereignisse in der heutigen Ukraine.

Andreasfest und Papstbesuch in der Türkei – Ökumene und Dialog

„Kommt und seht … Wir haben den Messias gefunden!“

Nach dem Bericht des Evangelisten Johannes gehörte der heilige Apostel Andreas zu den ersten Jüngern des Herrn. Gemäß dieser Überlieferung erhielt der Apostel Andreas den Beinamen der Erstberufene, weil er auf das Wort des Herrn hin „Kommt und seht!“ (Joh 1,39) als erster Jesus nachgefolgt ist, um zu schauen, wo Er wohnt. Andreas war auch derjenige, der unmittelbar nach der Begegnung mit dem menschgewordenen Erlöser zu seinem leiblichen Bruder, dem Apostel Petrus, lief und sagte „Wir haben den Messias gefunden“; und er führte auch seinen Bruder zum Herrn (Joh 1,41f.).

Für die Kirche im oströmischen Reich, mit dem Zentrum in Konstantinopel, heute Istanbul,  diente dieser Abschnitt des Evangeliums, untermauert durch eine Apostel-Andreas-Legende, seit dem 6./7. Jahrhundert als Legitimation für den Führungsanspruch des eigenen Bischofssitzes, des Patriarchen von Konstantinopel. Gerne berufen sich die frühen christlichen Gemeinden und die aus ihnen herausgebildeten Teilkirchen auf die Gründung durch einen Apostel. Seit früher Zeit hat der Apostel Andreas für die byzantinischen Kirchen eine große Bedeutung. Er ist ihr Apostel, genauso wie die Apostelfürsten Petrus und Paulus für die Kirche von Rom, der Apostel Markus für die Kopten, die Christen Ägyptens, und der Apostel Thomas für die Christen Indiens.  Es lag deshalb nahe, dass die östlich-byzantinischen Kirchen, die mit Byzanz in der Theologie, der Glaubenspraxis und der Kirchenpolitik besonders verbunden waren beziehungsweise von Konstantinopel aus missioniert wurden und von dort die Taufe erhielten, den Apostel Andreas ebenfalls zu Ihrem Patron wählten. So entstanden frühe Berichte, mitunter mit legendären Zügen, gemäß denen der Apostel Andreas grundlegend für die Ausbreitung des Christentums beispielsweise in Kleinasien, im westlichen  Georgien, in der Kiewer Rus (ostslawischer Vorgänger Staat für die heutigen Länder Russland, Weißrussland und Ukraine mit Zentrum in Kiew) wirkte. Manche Historiker schließen einen Wahrheitskern zum Beispiel bei der Legende über die Wanderung des Apostels Andreas am Fluss Dnipro (Dnjepr)/Ukraine nicht aus.

Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr
Andreasfest im Collegium Orientale Eichstätt. Foto: COr

Der Gedächtnistag des Apostels Andreas wird in der byzantinischen Tradition am 30. November begangen. Dies entspricht dem 13. Dezember nach dem julianischen Kalender. Im Unterschied zu den kleineren Tagesgedächtnissen und -heiligen wird dieses Fest liturgisch gesehen als großer Festtag gefeiert (zum Beispiel große Vesper mit Einzug). Dieser Heilige war schon immer einer der beliebtesten Namenspatronen für die Kinder in den östlichen Ländern und ist es auch bis heute geblieben. Deshalb dürfen im Collegium Orientale in Eichstätt gleich sieben Bewohner des Kollegs am Andreastag ihren Namenstag feiern. Außerdem haben sich einige Volksbräuche um das Andreas-Fest entwickelt, die einen weiteren Beleg für die Bedeutung dieses Heiligen im Leben und im Bewusstsein der östlichen Christen liefern. So besuchen junge Burschen in der Ukraine am Vorabend zum Andreasfest die Familien ihrer Freundinnen und versuchen dabei eine Kleinigkeit im Haus mitzunehmen – erlaubterweise zu stehlen –, damit die Dame ihres Herzens einen Grund hat, danach zu suchen und mit ihnen wieder Kontakt aufzunehmen. Die Gastgeber müssen besonders aufpassen, dass ihnen die Töchter selber nicht gestohlen werden. Es verläuft alles natürlich in einem lustigen Rahmen. Vielleicht spiegelt sich in diesem Brauch ein weiter gefasster Widerhall der eingangs zitierten Worte des Apostels Andreas wider: „Ich habe den Messias, die wichtige Person in meinem Leben, gefunden.“ Denn die jungen Männer sind bei diesem Brauch tatsächlich auf der Suche nach einer Partnerin für das ganze Leben und dürfen mit der Fürsprache des Apostels Andreas rechnen.

Papst Franziskus beim Andreasfest in Konstantinopel

Das Andreasfest in diesem Jahr steht unter dem Zeichen des Besuches des Heiligen Vaters in Konstantinopel. Das Oberhaupt der Katholischen Kirchen, Papst Franziskus, der Nachfolger des Apostels Petrus und Paulus, besucht unter anderem seinen Mitbruder im patriarchalen Dienst, den Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus, den Nachfolger des Apostels Andreas, des Erstberufenen. Damit reiht sich der Heilige Vater in die seit Jahrzehnten andauernde gute Tradition der gegenseitigen Besuche zwischen Rom und Konstantinopel an den Apostelfesten ein: Am Andreasfest in Konstantinopel und am Hochfest Peter und Paul in Rom. Somit rufen sie die erste dieser brüderlichen Begegnungen zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Jahr 1964 in Jerusalem in Erinnerung.

Durch diesen Besuch wird einerseits das offizielle Bekenntnis der katholischen Teilkirchen zum Ökumenismus, der Einheitsbewegung unter den Christen, bestätigt. Es ist aber auch ein Herzensanliegen des Papstes selbst, das er in seinen Ansprachen immer wieder zum Thema macht, wie zum Beispiel im August dieses Jahres in einer Mittwochskatechese. Sinngemäß sagte er damals Folgendes: Viele haben sich mit der Teilung der Kirche abgefunden, auch innerhalb der katholischen Kirche; dies ist eine Schande. Mit seinem offenen, ökumenischen Besuch in Konstantinopel bestärkt der Heilige Vater auf eine sehr deutliche Weise alle Initiativen, die sich in den Dienst der Einheit der Kirchen stellen, in ihrem Engagement und ruft immer wieder unermüdlich zum Dialog auf, zum Gebet für die Einheit und zur Offenheit gegenüber den anderen christlichen Konfessionen.

Was auf der höchsten Ebene zwischen den offiziellen Sprechern und Repräsentanten der Kirchen zum Ausdruck gebracht wird und als dreitägiges punktuelles Geschehen gewertet werden kann, gilt insbesondere, ganz konkret und tagtäglich für uns im Collegium Orientale, für unser gemeinsames Leben und Studieren in diesem internationalen, interrituellen sowie ökumenisch offenen Haus der Diözese Eichstätt, in der praktischen Werkstatt der Annäherung und des Kennenlernens der einzelnen Ostkirchen.

Die Apostelfeste eignen sich meines Erachtens sehr gut für das Besinnen auf die Einheitsbemühungen innerhalb der Kirchen. Bekanntlich beruhen alle Bemühungen um die Einheit auf dem letzten Gebet unseres Herrn im Johannes-Evangelium im Kreise seiner Jünger vor seinem Kreuzweg, seinem lebenspendenden Tod und der Auferstehung. Jesus betete damals: „[Vater], ich bitte Dich nicht nur für diese hier [für die Apostel], sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein!“ (Joh 17,20f.) Eine wunderbare Tatsache: Jesus Christus betet für die Apostel und für uns und bringt beide, die Apostel und uns, in eine lebendige Verbindung zueinander; besonders was den Einsatz für die Einmütigkeit und Einheit im Glauben angeht. Auf die Fürbitten aller Apostel des Herrn, besonders der Apostelbrüder Petrus und Andreas, des Erstberufenen, dessen Fest wir am kommenden Sonntag begehen, dürfen wir hoffen, dass die ganze Christenheit irgendwann gemeinsam und einmütig bekennen wird: Seht, wir haben den Messias gefunden.

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