Archiv der Kategorie: Mission

Verheerende Folgen der Pandemie in brasilianischen Gefängnissen

Seit März 2020 wurden die eh schon abgeschotteten Gefängnisse in Brasilien noch mehr von der Aussenwelt abgeriegelt. Die Kirchen dürfen keine Seelsorge anbieten, auch Besuche von Familienangehörigen sind verboten. Rechtsanwälte können nur unter großen Schwierigkeiten ihre Mandanten besuchen. Da auch die Gerichte zum Teil im Homeoffice arbeiten, werden die Prozessakten nur sehr langsam bearbeitet. Viele Gerichtsverhandlungen wurden ausgesetzt oder finden online statt.

So hat die Pandemie verheerende Folgen in den brasilianischen Gefängnissen, in denen auch schon ohne Covid-19 menschenunwürdige Verhältnisse herrschen. Die medizinische Versorgung in den Haftanstalten ist kaum oder gar nicht vorhanden. Ansteckende Krankheiten wie Tuberkulose, Hepatitis, Krätze, HIV, Dauerdurchfall, Hautausschläge etc. gehören zum Alltag bei den Männer und Frauen in Haft. Wenn einmal ein Arzt vorbeikommt und ein Rezept ausstellt, wird nur von der Haftanstalt „Paracetanol“ und Aspirin für alle Krankheiten ausgegeben. Andere Medikamente müssen die Angehörigen selbst ins Gefägnis bringen.

In den total überfüllten Zellen mit viel Ungeziefer aller Art, ohne ausreichende Wasserversorgung und wenn, dann ohne sauberem Wasser, ungenügende und schlechte Ernährung, verbreiten sich Krankheiten in diesem tropischen Land ganz schnell. Und jetzt, in der Zeit von Corona, ist die Situation noch schrecklicher. Die Hygieneregeln, die für uns „hier draussen“ gelten, sind unmöglich umsetzbar im Gefängnis, dementsprechend haben sich viele Gefangene angesteckt und starben auch. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil fast keine Corona-Tests gemacht werden. So starben die Häftlinge laut offiziellen Angaben an Lungenentzündung oder Tuberkulose.

Durch das Besuchsverbot sind es nun schon zehn lange Monate der Ungewissheit für die Angehörigen und auch für die Häftlinge selbst, die somit keine Nachricht von ihren Familien haben und auch keine materielle Unterstützung bekommen, d.h. es gibt mehr Hunger, kaum oder keine Medikamente, Seife, Zahnpasta, Bekleidung… Alles fehlt, da der Staat diese Dinge nicht verteilt.

Die wenigen Nachrichten, die trotzdem nach aussen gelangen, sind schrecklich, vor allem die anonymen Beschwerden von Folterungen und Misständen aller Art, die uns online erreichen, haben sich seit März verdoppelt. Es ist keine leichte Zeit in dieser „Pandemie“, die sich zu einer „Hekatombe“ entwickelte – das Wort kommt aus dem griechischen und bedeutet im übertragenen Sinn eine erschütternd grosse Zahl von Menschen, die einem Massaker oder Unglück zum Opfer gefallen sind.

Wir von der Gefängnisseelsorge nützen die Zeit für Fort- und Ausbildungskurse – natürlich alles online. Die Technik macht es möglich, sich mit Menschen aus allen Ecken Brasiliens zu verbinden. Auch versuchen wir, möglichst viele Familienangehörige zu unterstützen. Einerseits konkret mit Lebensmitteln oder einfach mit Dasein und Zuhören, Solidarität und Unterstützung bei Protestveranstaltungen (vor allem online) und einreichen von Anklagen auf nationaler und internationaler Ebene.

Die Corona-Krise trifft die Menschen in Brasilien hart durch Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Krankheit, Tod von Angehörigen, Trauer, Isolierung, Kontaktsperre zu Familienangehörigen, die im Gefängnis sind, Angst und Schmerz.

Was hilft?

Dass die Menschen in einer vertrauten „Umgebung“ über ihre Erfahrungen sprechen können und dass ihnen zugehört wird. Die zirkulären, friedensschaffenden Prozesse, ermöglichen den Ausdruck von Gefühlen und menschlichen Bedürfnissen in einer Atmosphäre echten Respekts und Angenommenseins. Es werden Lebenserfahrungen und Lebenssituationen zu einem bestimmten Thema erzählt – das bewegt und verbindet alle Teilnehmer. Das Zuhören und das Teilen der Erfahrungen schenken ein Gefühl des Angenommenseins und können die Sensibilität für die Würde jedes Menschen stärken. Darüber hinaus fördern zirkuläre Prozesse die Kommunikation und eine Kultur des Friedens im Alltag, in der Familie, in einer Jugendgruppe, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Gefängnis.

Trotz allem dürfen wir die Hoffnung nicht verlieren, aufmerksam sein für die kleinen Zeichen der Verbundenheit, der Dankbarkeit der Menschen, denen wir Beistand geben können, solidarisch sein, präsent sein, auch wenn es nur online ist, die Technik ist derzeit eine grosse Hilfe dafür.

Auch das Gebet füreinander verbindet – auch online, ja, wir entdeckten sogar wie uns Online-Wortgottesdienste mit fast 100 ehrenamtlichen Gefängnissseelsorgern stärken und Hoffnung spenden.

Klein anfangen für eine bessere Zukunft

Im Süden von Niger kann nicht einmal jede dritte Frau lesen und schreiben. Mädchen werden im Kindesalter verheiratet, weil sich die Familien auf diese Weise Geld sparen. Aber es gibt auch Orte, an denen alles anders ist.

Corona? Nein. Das ist hier wirklich kein Thema. Viele hier glauben nicht einmal, dass es das gibt. Die Frage, die sich für die Menschen hier stellt, ist, wie sie genug zu essen auftreiben können“, steht in der E-Mail. „Ich hoffe, das reicht als Antwort. Ich habe nämlich kein bisschen Zeit, ich bin ständig in den Dörfern. Die Nahrungsmittel werden knapp, jetzt werden die Mädchen verheiratet, denn so können sich die Familien Geld sparen. Gruß, Marie Catherine Kingbo, Ordensoberin der Fraternité des Servantes du Christ, Maradi, Niger.“

Wenn der Baum brennt, ist es oft zu spät, um Wasser zu holen, heißt es hier im westafrikanischen Niger. Noch brennt der Baum im Dorf Dan Bako und den umliegenden Ortschaften vielleicht nicht, noch lassen die Mütter vielleicht mit sich reden. Darum klopfen die Ordensoberin und ihre Mitschwestern an die Türen der Familien. „Nur ein Jahr für dein Mädchen“, bitten sie die Mütter. „Gib deinem Mädchen nur ein einziges Jahr, dann werden wir weitersehen.“

Durchschnittsalter: zwölf Jahre

Das Durchschnittsalter, in dem die Mädchen hier in den Dörfern im Süden von Niger verheiratet werden, liegt bei zwölf Jahren. Es sind aber auch Neunjährige unter den Bräuten. Die Ehemänner sind mindestens volljährig, meist Mitte zwanzig, manchmal aber auch alte Männer. „Das heißt, dass die Mädchen keinerlei Chance auf Bildung und Eigenständigkeit haben“, sagt Sr. Kingbo. Vor 14 Jahren ist die Senegalesin hierher in die Diözese Maradi gekommen, hat eine Ordensgemeinschaft gegründet und mit dem begonnen, was bis heute ihre Mission ist: Mädchen und Frauen eine Zukunft zu geben. Im Vorhof eines der sandfarbenen Häuser von Dan Bako, dem Dorf, in dem sie ihre Arbeit mit den Frauen auf dem Land begonnen hat, hängt die 15-jährige Rahatatou gerade Wäsche auf. Rahatatou ist eines der Mädchen, für die die Schwestern einen Aufschub erwirkt haben. „Was machst du denn hier bei deiner Mutter, ich dachte, du wohnst im Nachbardorf?“, fragt Sr. Arlette, die heute die Familien besucht.

Schulbildung für Mädchen, Hilfe zur Selbsthilfe für die Frauen: Dafür setzen sich die Schwestern der „Fraternité des Servantes du Christ“ in Maradi im Niger ein. Foto: Jörg Böthling

Die Antwort bleibt vage, es hat wohl Ärger mit dem Ehemann gegeben. „Sie hat im vergangenen Jahr geheiratet und vor kurzem eine Fehlgeburt gehabt“, wird die Ordensfrau später erklären. Damit ist das Mädchen keine Ausnahme. „Auf die verfrühten Ehen folgen alle Arten von Schwierigkeiten, leider eben auch Fehlgeburten“, sagt Sr. Kingbo. Zeit zu gewinnen, die Mütter dazu zu bringen, die Mädchen später wegzugeben, das ist für Sr. Kingbo und ihre Mitstreiterinnen zunächst das Wichtigste. Bei Rahatatou hat das nur bedingt geklappt: Die Schwestern hatten gehofft, dass sie viel länger zur Schule gehen dürfte. „Aber leider passiert das oft: Die Mädchen kommen einfach nicht mehr aus den Ferien in ihre Klassen zurück. Wenn wir dann nachforschen, wo sie geblieben sind, hören wir: Sie haben geheiratet.“

Frauen halten zusammen

Auf den gemeinsamen Feldern grünt es. Hier bewirtschaften die Frauen gemeinschaftlich und legen auch ihre Vorräte gemeinsam an. Eine Gruppe hat sich versammelt, es herrscht Unmut, denn die Bewässerungsanlage ist ausgefallen und nicht zum Funktionieren zu bringen. Die Alternative ist wenig verlockend: Ein paar hundert Meter weiter, auf dem weitläufigen Dorfplatz, befindet sich ein Brunnen. Ochsen sind in ein Joch gespannt und ziehen mit den Runden, die sie drehen, die Wassereimer aus der Tiefe. Baraka Makamma gehört zu den Frau en, die auf den Gemeinschaftsfeldern mitarbeiten und Vorräte in die von den Ordensfrauen gegründete Getreidebank einlagern. „Dadurch ist es möglich, zumindest ein bisschen Geld auf die Seite zu legen“, sagt die Mutter von sieben Kindern. Gemeinsam mit dem, was ihr Mann erwirtschaftet, halten sie sich über Wasser.

Im Dorf Dan Bako bewirtschaftet eine Frauenkooperative die Felder gemeinsam. Foto: Jörg Böthling

Die Sorgen sind weniger geworden. Ein bisschen zumindest. „Als wir anfingen, in die Dörfer zu gehen, haben wir zuerst die Frauen zusammengebracht um mit ihnen über ihre Lage zu sprechen“, sagt Sr. Kingbo. Dazu luden die Ordensfrauen die traditionellen Dorfchefs und die Imame ein. „Als sie sahen, dass wir nicht Chaos brachten, sondern dass die Gemeinschaft sogar stärker wurde, waren wir und unsere Arbeit willkommen“, erinnert sie sich. Heute steht Sr. Kingbo unter der schützenden Hand des Sultans. Wenn es darum geht, ein Stück Land zu erwerben, ist er Vermittler und Fürsprecher.

In der Getreidebank lagern Vorräte für mehrere Dörfer. Foto: Jörg Böthling

Die Christen sind eine winzige Minderheit in Niger, der vom traditionell toleranten Islam der Bruderschaften geprägt ist. Höchstens 1,5 Prozent der Nigrer sind Christen. „Aber nur, wenn ich großzügig zähle“, sagt Ambroise Ouédraogo, der Bischof von Maradi. Auf seine Einladung hin hat Sr. Kingbo 2006 ihre Arbeit im Land begonnen. „Wenn die Muslime eines Tages sagen würden: Wir wollen die Christen hinauswerfen, so könnten sie das jederzeit tun“, sagt Bischof Ambroise. In der Vergangenheit hat es bereits Anschläge und Übergriffe durch Extremisten gegeben, wie etwa 2015 in der Stadt Zinder, als unter anderem eine katholische Schule zerstört wurde. Auch der Bischof weiß, dass der radikale Islam wächst und die Sicherheitslage im Land zusehends schlechter wird. Aber er sagt: „Auch wenn wir eine Minderheit sind: Wir sind eine Minderheit, die ihren festen Platz hat.“ Dazu tragen auch die katholischen Schulen bei, die einen guten Ruf genießen und von vielen Amts- und Würdenträgern des Landes durchlaufen wurden.

Nafisa, 9, geht seit vier Jahren in die Missionsschule von Tibiri-Gobir. Foto: Jörg Böthling

Für Sr. Kingbo sind es die heranwachsenden Mädchen an ihrer Schule, auf die sie stolz ist. Im Internat wohnen vor allem Kinder aus entlegenen Landesteilen. Manche haben Schreckliches erlebt. Unter den älteren Mädchen ist die 17-jährige Sylvie, durch deren Dorf an der Grenze zu Nigeria marodierende Banden von Dschihadisten gezogen sind, um die Menschen zu tyrannisieren. „Wir Mädchen können nicht zu Hause bleiben. Diese Leute können einem alles antun“, sagt sie. Sie sitzt umringt von einer kleinen Gruppe Gleichaltriger. Fragt man sie nach dem, was die Zukunft bringen soll, sagen sie: Krankenschwester. Lehrerin. Sylvie, die vor Boko Haram geflohen ist und einmal pro Woche versucht, zu Hause jemanden zu erreichen, um sicherzustellen, dass alle noch leben, möchte für immer bei den Schwestern bleiben. „Ob das ihr Weg ist, werden wir sehen“, sagt Sr. Kingbo. Und dann gibt es Nafisa, Enkelin des Onkels des Sultans. Er hat sie in die Obhut der Schwestern gegeben, damit sie eine gute Schule besucht. Sie ist neun Jahre alt, und damit eigentlich in heiratsfähigem Alter. „Eigentlich“, sagt Sr. Kingbo mit entschlossenem Blick. „Aber davon ist nicht im geringsten die Rede.“

NIGER UND SEINE FRAUEN
80 Prozent der Frauen in Niger können nicht lesen und schreiben. Alle zwei Stunden stirbt eine Frau bei der Geburt und durchschnittlich bringt jede sieben Kinder zur Welt. In dieser Realität nahm Sr. Marie Catherine Kingbo mit nur einer Mitschwester im Jahr 2006 ihre Arbeit auf. Heute stehen da, wo die beiden Frauen aus dem Nichts begonnen haben, eine Schule und ein Internat der Schwestern der Ordensgemeinschaft „Fraternité des Servantes du Christ“. In den Dörfern bringen die Ordensfrauen die Menschen zusammen, um heikle Themen zu diskutieren. Im ländlichen Umfeld, wo die Armut am gravierendsten ist, ermutigen sie die Frauen, sich mithilfe von Mikrokrediten wirtschaftlich auf eigene Füße zu stellen und Vorräte für schwere Zeiten anzulegen. Denn die durchlebt Niger immer wieder: Das Land in der Sahelzone kämpft gegen den Hunger. Dazu kommt der Terror islamistischer Gruppen. Mit der Stadt Agadez gibt es im Niger ein Drehkreuz der afrikanischen Migration. Seit die Wege durch die Sahara und über das Mittelmeer immer schwieriger werden, stranden hier zahllose junge Migranten. Sie zu versorgen, ist eine große Herausforderung für die Zukunft. Denn Terrorgruppen, die im Namen des Islam operieren, bedienen sich nur allzu gerne bei der perspektivlosen Jugend und finden dort immer wieder neue Kämpfer. Einen Kurzfilm gibt es im missio-YouTube-Kanal sowie aufwww.weltmissionssonntag.de.

Keiner soll alleine glauben – 170 Jahre Bonifatiuswerk

Als Seelsorgeheferinn begann Barbara Naumann 1956 in der Pfarrei Christus König Luckau. Bei jedem Wetter machte sie sich auf, um auf den 56 Dörfern die verstreut lebenden katholischen Familien zu besuchen. „Am Küchentisch habe ich die Kinder in Religion unterrichtet“, erzählt die heute 87-Jährige. So erinnert sie sich, wie sie in Eisenhüttenstadt von Tür zu Tür gehen musste, um von den Einwohnern zu erfahren, wer von ihnen katholisch ist: „Nicht wenige haben mir die Tür vor der Nase zugeschlagen oder drohten mir, mich von der Vortreppe zu schupsen. Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“, zitiert sie einen Slogan der staatlich verordneten Entchristlichung.

Der Bonifatiusverein, der seit 1968 den Namen „Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken“ trägt, habe die Katholiken in der DDR durch diese schwierige Zeit begleitet, betont Naumann. Das Bonifatiuswerk bildete während der 40-jährigen deutschen Teilung das zentrale Werk der Solidarität zwischen den Gläubigen in West und Ost. Ungefähr 454 Millionen DM konnten zwischen 1949 und 1990 der Kirche in der DDR zugeleitet werden.

Wenn das Bonifatiuswerk auf seine 170-jährige Geschichte zurückblickt, gelten die 40 Jahre der deutschen Teilung als ein Ausrufezeichen der Solidarität mit Katholiken, die als Minderheit ihren Glauben leben. Dabei stand das Hilfswerk stets vor großen Herausforderungen. Am 4. Oktober 1849 auf der „Dritten Generalversammlung des Katholischen Vereins Deutschlands“ in Regensburg gegründet, sollte der Bonifatiusverein Hilfe „für arme katholische Gemeinden“ in der Diaspora leisten sowie ein „Missionsverein in und für Deutschland“ sein.

Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 stieg die Zahl der Katholiken in den Industriezentren sprunghaft an. Das Bonifatiuswerk unterstützte in dieser Zeit den Bau von Kirchen und katholischer Infrastruktur. Zudem weitete sich der Blick auf neue Nöte. So gründeten Paderborner Kaufleute 1885 den „Bonifatius-Sammelverein“, der sich für Waisenhäuser engagierte. 1891 bildete sich der „Schutzengelverein“, später „Bonifatiuswerk der Kinder“, für die Förderung katholischer Schulen. Gemeinsam mit dem 1921 gegründeten „Bonifatiuswerk der Jugend“ bilden die beiden Kinderhilfswerke die Wurzel der heutigen Kinder- und Jugendhilfe. Seit 1918 sammeln auf Beschluss der deutschen Bischöfe die Erstkommunionkinder und seit 1952 die Firmbewerber für Projekte der Kinder- und Jugendhilfe.

Nach dem Ersten Weltkrieg hielt der Bedarf an neuen katholischen Orten in den Städten an. Während der Weimarer Republik entstanden jährlich fast 40 Kirchen. Der Nationalsozialismus allerdings schränkte das Wirken des Bonifatiuswerkes ein, bis es zum Erliegen kam. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Mit der Gründung der Diaspora-MIVA 1949 wurde die heutige Verkehrshilfe ins Leben gerufen. Die rapsgelben BONI-Busse, von denen derzeit circa 600 in den Diasporaregionen in Deutschland unterwegs sind, sind bis heute ein weiteres sichtbares Zeichen der Unterstützung. Aufgrund von Flucht und Vertreibung kamen in den 1940er Jahren zahlreiche Katholiken in bis dahin evangelisch geprägte Gebiete. Das Bonifatiuswerk förderte daher den Bau von Notkirchen, Priesterwohnungen, Gemeinderäumen sowie die Anschaffung von Fahrzeugen für die Seelsorge. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten allein in Deutschland mehr als 2.000 zerstörte Kirchen wiederaufgebaut werden. Von 1949 bis heute wurden sogar mehr als 11.500 Kirchen, Kapellen, Gemeindehäuser oder Kindergärten unterstützt.

Mit der deutschen Teilung erlebten sich Katholiken in der DDR nicht mehr nur in einer Minderheitensituation, sondern auch unter einer Staatsführung, die den christlichen Glauben missbilligte und Gläubige wie Kirche schikanierte. Doch das Bonifatiuswerk blieb über die Grenze hinweg an deren Seite, und der 1966 erstmals abgehaltene „Diaspora-Sonntag“ entwickelte sich zum großen Tag der Solidarität mit den Katholiken in der DDR. Doch das Bonifatiuswerk nahm sich nicht nur der Nöte der Katholiken der innerdeutschen Grenze an. Seit 1974 setzt es sich auch für die Katholiken in der Diaspora Nordeuropas und seit 1995 für die Katholiken in Lettland und Estland ein.

Der Mauerfall bildete ein freudiges Ereignis in der Geschichte des Hilfswerkes. Endlich konnte den Katholiken wieder direkt geholfen werden. Doch der mit der Wende erhoffte Eintritt ostdeutscher Bürger in die Kirchen blieb aus. Vielmehr sehen sich bis heute Christen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in der Diaspora. Fast 80 Prozent der Einwohner sind weder getauft, noch gehören sie einer Religion an. Eine weltweit besondere Situation, die sonst nur noch in Tschechien und Estland ähnlich ist.

Mit dem Amtsantritt von Generalsekretär Monsignore Georg Austen 2008 begann das Bonifatiuswerk einen Reflexionsprozess zur veränderten Situation der Diaspora in Deutschland. Denn: Die Säkularisierung der Gesellschaft lässt Katholiken in einer emotionalen Diaspora des Glaubens zurück. Das Hilfswerk reagierte mit dem neuen Bereich »Missionarische und diakonische Pastoral«, der heutigen Glaubenshilfe. Sie unterstützt missionarische Projekte in ganz Deutschland und damit auch in katholischen Regionen. Neu hinzugekommen sind auch das Praktikum im Norden und die Personalstellenförderung. Der Schwerpunkt der Förderung liegt weiterhin aber in der zahlenmäßig extremen Diaspora in Nord- und Ostdeutschland, Nordeuropa und dem Baltikum. Unter dem Motto »Hilfswerk für den Glauben« richtet das Bonifatiuswerk seinen Blick in die Zukunft: Denn die Not der Einsamkeit im Glauben fordert die Kirche in ganz neuem Maße heraus, in Ost wie in West, in Nord wie in Süd.

Kirche lebt von Menschen, die sich einbringen und engagieren. Mit der Diaspora-Aktion 2019 unter dem Leitwort „Werde Glaubensstifter“ hat das Bonifatiuswerk zum Ausdruck gebracht, dass alle Christen dazu eingeladen sind, Glaubensstifter zu sein oder zu werden, zum einen durch das eigene Glaubenszeugnis und zum anderen durch tätige Nächstenliebe. „Wir wünschen uns eine Kirche, in der die Menschen deutlich spüren, dass der Glaube für sie persönlich ein Segen ist. Und das geht nur, wenn er von Menschen bezeugt wird, die authentisch leben, was sie glauben: durch ihr Reden, Handeln und Beten. Wenn wir genau hinsehen, finden wir vielerorts Glaubensbrüder und -schwestern, die aus der Zuversicht des Glaubens leben und handeln. Diese Menschen zu entdecken und sie zu ermutigen, neue missionarische Initiativen anzugehen – um auch Menschen anzusprechen, denen der Glaube fremd ist –, ist für uns ein zentrales Ziel“, sagte der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen. Gleichzeitig dankt Austen all denjenigen, die das Bonifatiuswerk dabei unterstützen, „das Evangelium in unsere Zeit zu übersetzen, und helfen, unsere Werte – die für uns seit der Gründung des Bonifatiuswerkes bis heute Auftrag und Ziel sind – zu leben, sei es im Gebet, durch ehrenamtliches Engagement oder durch ihre Spende.“

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Rückblick: Diaspora-Aktion 2019

Liegt Plankstetten wirklich in Indien?

Natürlich liegt das manchmal als „grünes Kloster“ bezeichnete Benediktinerkloster Plankstetten nicht in Indien, schon gar nicht im bergigen Nordosten Indiens. Aber in der vergangenen Woche hat der Missionsfranziskaner Bruder Collinsius Wanniang bei seiner Tour durch das Bistum Eichstätt, die er im Rahmen der von missio-München und dem Referat Weltkirche organisierten Kampagne zum außerordentlichen Monat der Weltmission machte, diesen Vergleich oft gehört.

Faktisch sind das natürlich zwei komplett unterschiedliche Welten. Die Heimat von Bruder Collin, wie er dort genannt wird, ist eher von der Präsenz protestantischer Christen geprägt als von Hindus. Das mit Hilfe des päpstlichen Missionswerkes missio gebaute Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada ist erst fünf Jahre alt, also kein Vergleich zum altehrwürdigen Plankstetten, das in der katholischen Oberpfalz liegt.

Dennoch gibt es da etwas, was beide Orte verbindet. Es ist die klare Ausrichtung an der Sorge um das gemeinsame Haus, die Bewahrung der göttlichen Schöpfung, die die Benediktiner hier und die Franziskaner dort verbindet. Bei einem Vortrag in Plankstetten hat Br. Collin dies auch klar herausgearbeitet. Bereits am Nachmittag hatte er zusammen mit Bruder Richard den Staudenhof besichtigt und dabei viel gelernt. Die Vitalität des Bodens zu fördern, so erklärte es Bruder Richard, ist die Ausgangsüberlegung. Aufmerksam hörte sein indischer Gesprächspartner zu, die Systematik, mit der hier gearbeitet wird, war für ihn nämlich Neuland.

Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ
Von links nach rechts: Dr. Gerhard Rott, Leiter des Referates Weltkirche der Diözese Eichstät, Frater Richard Schmidt, Bruder Collinsius Wanniang aus Indien, Abt Beda Maria Sonnenberg und missio-Übersetzerin Maria John im Kloster Plankstetten. Foto: Gabi Gess/KiZ

Aber mit Stolz erzählte er von den Fortschritten, welche die Franziskaner im Nordosten Indiens bei der Generierung eines Bewusstseins für die Zusammenhänge in den natürlichen Kreisläufen machen. Erster Schritt sind die Gebete in der Natur, extra wurde dafür ein Kreuz aufgestellt.

Dabei musste ich an das Holzkreuz auf dem Hüttenlagerplatz Almosmühle denken, der zum Jugendhaus Schloss Pfünz gehört. In den Sommermonaten werden dort viele Morgenimpulse, Andachten und Lagergottesdienste gefeiert. Für viele Kinder ist es die erste liturgische Feier in ihrem Leben, die sie nicht in einer Kirche erleben. Dabei gibt es deutliche Parallelen zur Arbeit der Missionare in Indien. Die Unmittelbarkeit der Natur führt zu einem Gefühl der Verbundenheit mit ihr, der Verantwortung für sie. Liegt also nun Orlang Hada im Altmühltal?

Natürlich habe ich Bruder Collin den Lagerplatz gezeigt und obwohl es schon Dunkel wurde hat er ein paar Fotos gemacht. Derartige Zelt- oder Hüttenlager gibt es in seinem Ökospiritualitätszentrum zwar (noch) nicht, aber auch dort hat man die Kinder als wichtige Multiplikatoren erkannt. Darum soll durch den Bau einer Schule sichergestellt werden, dass die nächste Generation schon von Kindesbeinen an lernt, sorgsam mit der Umwelt umzugehen.
Es war für mich wirklich spannend zu beobachten, wie man eigentlich immer eine Art funktionales Äquivalent bei einem Projekt findet, das so weit weg durchgeführt wird, in einem völlig anderen kulturellen Kontext. Es geht also nicht darum, voneinander gedankenlos abzuschreiben, sondern voneinander zu lernen, warum welche Dinge wie gemacht werden. Darum wird es nie eine Kopie Plankstettens in Indien geben müssen, aber es gibt auch dort Menschen, die sich für eine geistige Begründung der Ökologie bemühen. Schließlich benötigt die Menschheit für die Überwindung der gegenwärtigen Krise nicht nur klare wissenschaftliche Erkenntnisse. Leider stoßen nämlich die Argumente der Wissenschaftler oft nicht auf die nötige Resonanz, solange Gier, Gleichgültigkeit und Egoismus die Hauptantriebsfedern der Menschheit sind. Unumwunden geben die Naturwissenschaftler auch zu, dass sie nicht wissen, wie sie diesen kulturellen und spirituellen Wandel erwirken können.

Vielleicht geht dieser Wandel ja von Zentren wie dem Kloster in Plankstetten, dem Hüttenlagerplatz Almosmühle oder dem Ökospiritualitätszentrum in Orlang Hada aus. Der Boden wäre jedenfalls bereitet und die Saat ist gesät.

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Indien: Der Fluch der Entwicklung

Indien: Der Fluch der Entwicklung

Neun der zehn Städte mit der weltweit größten Luftverschmutzung liegen in Indien. Trotzdem gibt es noch Regionen mit weitgehend intakter Natur, besonders im Nordosten. Aber auch dort heißt es oft: Wirtschaftswachstum um jeden Preis, auch auf Kosten der Umwelt. Steht also den Wald- und Berg­völkern eine ähnliche Zukunft bevor wie den Menschen in Delhi, Mumbai und Kalkutta? Und wenn der Abbau von Tropenholz schnelles Geld verspricht – warum sollten sich die Menschen dann um den Schutz der Natur kümmern?

  Gut muss Es geschmeckt haben, das Picknick hier am Fluss. Denn die Teller, auf denen eben noch ein kleiner Berg Reis mit scharfer Soße lag, sind leer gegessen. Gerade rechtzeitig, denn der Reisebus lässt seinen Motor anspringen. Fertig machen zur Weiterfahrt. Noch schnell ein paar Fotos gemacht fürs Internetprofil, und dann geht dieser Ausflug in die Natur auch schon wieder zu Ende. Die jungen Menschen aus der Großstadt, schick gekleidet in karierten Hemden, blauen Jeans oder farbenfrohen Stoffkleidern, kehren wieder heim in die Stadt, in der sie leben und das Geld verdienen, das ihnen am freien Tag einen Ausflug ins Grüne ermöglicht.

Als sich die Staubwolke, die der Bus auf der ungeteerten Straße hinter sich herzieht, langsam in Luft auflöst, bleibt vor allem eines zurück: ein Berg aus Papp- und Plastiktellern, achtlos weggeworfen nach dem schnellen Mittagessen.  

Es ist schon so: Der moderne Mensch zerstört genau das, was er liebt. Das gilt auch hier im Nordosten von Indien, an der kleinen Brücke von Umsiang. Hier gibt es noch unberührte Natur, frische Luft, und freie Sicht auf Gottes schöne Schöpfung – alles, was in Indiens Megacities mit ihren Müllbergen und den Wolken von Smog kaum noch zu finden ist.

Mit wachsendem Wohlstand entsteht in Indien eine Mittelschicht, die sich Kon­sum und Tourismus nach westlichem Vorbild leisten kann. Aber damit wächst eben auch der Müll. Und das ist nur einer der Gründe, weshalb man für die friedliche Gegend hier am Fluss Schlimmes befürchten muss.

In der „Heimat der Wolken“

Wer die Brücke von Umsiang überquert, gelangt in den Bundestaat Meghalaya hinüber. „Heimat der Wolken“ bedeutet der Name im Sanskrit, den man sich 1972 ausdachte, als die Völker der Khasi und der Garo einen eigenen Bundesstaat innerhalb der großen Nation Indien erhielten. Zu dieser Region gehören einige der wenigen noch übrig gebliebenen Regenwaldgebiete Indiens. Durch das feuchte Monsunklima wird das Dorf Cherrapunji zum Ort mit der größten Regenmenge weltweit.

Der Brite Rudyard Kipling ließ 1895 eine Geschichte seines legendären „Dschungelbuches“ in den Garo Hills spielen. Sie erzählt von wilden Elefanten und einer sagenumwobenen Tier- und Pflanzenwelt. Auch die Völker der Khasi und der Garo kennen bis heute viele Legenden – wie diejenige vom Hahn, der jeden Morgen die Sonne zurückbringt, nachdem sie am Abend zuvor verschwunden ist.

Aber auch wenn Touristiker und Werbeleute solche Geschichten gerne vermarkten und Meghalaya als Sehnsuchtsort für moderne Großstädter anpreisen – für Märchen bleibt hier eigentlich keine Zeit. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF sind bereits zwei Drittel der Waldflächen verschwunden – abgeholzt, verbrannt, verbaut.

Dabei wäre die traditionelle Lebensweise der Khasi und Garo seit Urzeiten darauf ausgelegt, der Natur nur gerade soviel abzuringen, wie für ein gutes Leben innerhalb der Dorfgemeinschaft notwendig ist. „Wir nennen das jhum cultivation“, sagt Diana Mary Jarain, während sie ihr kleines Feld zeigt. „Dort drüben wachsen Reis und Yams, daneben Süßkartoffeln.“ Demnächst wird Senf angebaut. „Auch Wassermelonen wachsen hier ganz gut.“

Möglich ist das nur, weil ihre Familie die Fläche gerodet und das getrocknete Holz abgebrannt hat. Die Asche bleibt liegen und macht die Erde fruchtbar. Das reicht etwa drei, vier Jahre, dann zieht man weiter und der Boden darf wieder zuwuchern. Bis zum nächsten Mal. Aber heutzutage wächst die Bevölkerung, die Landflächen werden knapper, die Böden bekommen immer weniger Zeit zur Erholung.

Während Frau Jarain erzählt, schleppen drei Burschen einige Säcke Holzkohle heran. Sie haben sie in den vergangenen Wochen aus den abgehackten Ästen hergestellt und wollen sie verkaufen. Etwa 500 Rupien (6,30 Euro) werden sie für einen großen Sack einnehmen. „Aber nur, wenn das Holz schön hart ist und gut brennen kann“, sagt Ferio, einer der drei. „Sonst gibt es nur 300 Rupien.“

Es ist hier ganz normal, dass die drei Jungen arbeiten, während ihre Tante Diana ihnen sagt, was zu tun ist. Die Khasi sind eine „matrilineare Gesellschaft“, das heißt: Die Erbfolge geht über die Frauen der Familie, offiziell gehört ihnen meist auch das Land. Selbst der Name „Khasi“ bedeutet: „Von einer Mutter geboren“.

Aber was jetzt? In den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Khasi-Männer Landbesitz gesichert, und machen Geschäfte zum Beispiel mit Bergbau-Unternehmen, Zementfabrikanten oder Kohlehändlern. In einigen Hügeln wird Uran abgebaut, anderswo graben sich die Menschen so genannte „Rattenlöcher“ ins Gestein und suchen nach wertvoller Steinkohle.

Dabei ist doch der Schutz von Umwelt und Natur fest in der indischen Verfassung verankert. Gesetze sollen saubere Flüsse und abgasfreie Luft garantieren, und das Holz der Regenwälder vor Axt und Säge bewahren. „Verbote werden nichts bringen“, sagt der Franziskanerbruder Collinsius Wanniang. Denn wovon sollen die Menschen dann leben? Die Mission der Franziskaner hat sich auf einigen Hügeln des kleinen Dorfes Orlong Hada niedergelassen.

Vorbild: Franz von Assisi und sein „Sonnengesang“

Im „Zentrum für Ökospiritualität“ suchen die Ordensbrüder nach neuen Wegen zu einer nachhaltigen Entwicklung und einer Bewahrung der Schöpfung – ganz im Sinne des heiligen Franz von Assisi, ihres Namenspatrons. Er war es, der bereits im 13. Jahrhundert seinen „Sonnengesang“ schrieb und darin die Wunder der Natur, von „Bruder Sonne“ bis „Schwester Mond“, bestaunte.

Doch die Franziskaner wissen, dass es nicht nur bei der spirituellen Idee bleiben darf. Ganz konkrete Maßnahmen sind gefordert. Bruder Collinsius Wanniang sagt: „Wenn wir den Menschen keine Alternativen bieten, um ihr Einkommen zu sichern, dann wird unsere Mutter Natur immer in Gefahr bleiben.“ Weil dann Landrechte billig verscherbelt werden, Bäume für schnellen Profit geschlagen und die Böden ausgelaugt werden.

Darum haben die Ordensmänner jetzt zum Beispiel Gummibäume angepflanzt. Aus deren Rinde tropft ein Saft, den man abzapfen, pressen, trocknen und zu Kautschuk verarbeiten kann. Naturkautschuk ist ein begehrter Rohstoff für die Industrie auf der ganzen Welt – Autoreifen, Schuhsohlen und etwa 40 000 weitere Produkte entstehen daraus. „Seit einem Jahr stelle ich Kautschuk her“, sagt Dorfbewohner Hubert Pumah, der bei den Franziskanern Arbeit gefunden hat. Gerade hängt er einen neuen Stapel zum Trocknen auf. „Für ein Kilo bekommen wir ungefähr 95 bis 105 Rupien.“ Umgerechnet sind das nur etwa 1,20 bis 1,30 Euro, aber immerhin.

„Vielleicht ist es nicht viel, was wir tun können“, sagt Bruder Collinsius Wanniang. Aber er kennt ein Sprichwort, das er gerne benutzt: „Besser eine kleine Kerze anzünden, als sich über die Dunkelheit beklagen.“

INFO

Rund acht Millionen Ureinwohner in Indien kämpfen derzeit um ihre angestammten Lebensräume in den Wäldern und Bergen. Hintergrund ist eine Klage von Naturschutzverbänden vor dem Obersten Gerichtshof im Februar 2019. Sie forderten die Vertreibung von Waldbewohnern, die keinen Nachweis für ihr Landrecht erbringen können. Der Oberste Gerichtshof in Delhi ordnete zunächst für Juli 2019 die Umsiedlung von Ureinwohnern an, die kein verbrieftes Bleiberecht besitzen. Nun soll es jedoch im Herbst 2019 eine weitere Anhörung geben.

Naturschützer fürchten um den Rückgang der Lebensräume für bedrohte Tierarten und beschuldigen indigene Volksgruppen, die Zerstörung der Urwälder mit ihrer Lebensweise, zum Beispiel Brandrodung voranzutreiben. Ureinwohner entgegnen, dass sie das rohstoffreiche Ökosystem des Waldes schon seit Jahrtausenden erfolgreich schützen, auch gegen große Konzerne.

Indiens Forstgesetz aus dem Jahr 2006 garantiert den Bewohnern der Wälder ein Landrecht, wenn sie nachweisen können, dass ihre Familien seit mindestens drei Generationen in einer bestimmten Region leben. Doch von den knapp drei Millionen Anträgen auf Anerkennung der Bleiberechte wurden bislang mindestens 1,2 Millionen abgelehnt.

„Die indigenen Einwohner, unter ihnen viele Christen, gehören zu den bedrohtesten Bevölkerungsgruppen. Trotz ihrer per Gesetz gesicherten Rechte werden sie von der indischen Regierung nicht ausreichend geschützt“, sagt missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber. Insgesamt zählen rund 104 Millionen Menschen in Indien zu den indigenen Stammesgruppen, das sind knapp zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihnen steht die katholische Kirche Indiens besonders bei.

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