Kategorie-Archiv: Menschenrechte

Shalompreis für Menschenrechtsorganisation auf den Philippinen

Am vergangenen Sonntag wurde die Shalompreis-Aktion 2017 mit einem Gottesdienst im Salesianum Rosental in Eichstätt eröffnet. Pater Johannes Haas erinnerte in seiner Predigt an all die Preisträger des seit über dreißig Jahren vergebenen Shalompreises. Er spannte den Bogen von den Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerika bis in den Nahen Osten. Das Psalmwort „Gerechtigkeit und Frieden umarmen sich“, vom Salesianer Benedict Schmitz metaphorisch in einem Bild gestaltet, das den Gottesdienstbesuchern als Karte mitgegeben wurde, erinnere an die Aufgabe und die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit.

Beate Laurenti erläuterte, dass derzeit neun aktive Mitglieder den Arbeitskreis Shalom für Gerechtigkeit und Frieden an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt bilden. Sie sind alle ehrenamtlich tätig. Das Geld, das für den Preis gesammelt wird, geht direkt in das ausgewählte Projekt.

Kathi Zöpfl vom AK Shalom stellte kurz das diesjährige Preisträgerprojekt vor. Preda – Peoples‘ Recovery, Empowerment and Development Assistance (Stiftung für die Genesung, Ermächtigung und Entwicklung der Menschen) – wurde 1974 von dem irischen Priester Shay Cullen und zwei philippinischen Bürgerrechtlern gegründet. Preda setzt sich für Opfer sexueller Gewalt ein. In Olangapo auf den Philippinen werden Kinder und Jugendliche in einem Heim aufgenommen. Traumarisierte und misshandelte Mädchen und junge Frauen erhalten psychologische und medizinische Unterstützung. Sie können einen Schulabschluss nachholen und werden mit ihren Familien wieder in Kontakt gebracht. Ein „Jail Rescue Team“ befreit Kinder und Jugendliche aus Gefängnissen und Polizeistationen. Die Kinder der Armen werden häufig unschuldig oder wegen kleinster Vergehen inhaftiert. Manche müssen Monate oder gar Jahre ohne Rechtsbeistand in engen Zellen – mit Erwachsenen zusammengepfercht – ausharren.

Preda geht auch gegen die eigentliche Ursache des menschenunwürdigen Lebens vor, die Armut. Die unterstützten Familien erzielen ein Einkommen durch ökologisch angebaute Mangos. Über den fairen Handel in Deutschland erzielen sie Preise, die ein Leben in Würde ermöglichen. Hühnerzucht, Gemüse- und Bananenanbau tragen weiter zu einem unabhängigen Leben bei. Preda setzt sich besonders für die benachteiligten Frauen und Kinder ein, unterstützt die indigene Bevölkerung und ist aktiv gegen Sextourismus, Menschenhandel und Internetpornographie.

Die Menschenrechtslage in den Philippinen hat sich seit dem Amtsantritt von Präsident Rodrigo Duterte im Mai 2016 weiter verschärft. Tausende Tote im blutigen Krieg gegen Drogen, eine durch Morde und Kriminalisierung bedrohte Zivilgesellschaft und ein Klima absoluter Straffreiheit zeichnen die Menschenrechtslage aus. Bereits ein halbes Jahr nach Dutertes Amtsantritt sind 5800 Morde an Drogenabhängigen registriert worden. 170 Journalisten und Menschenrechtsaktivisten wurden in den letzten vier Jahren ermordet. Landrechtsverteidiger, die sich für die Umverteilung von Agrarland einsetzen oder gegen Bergbauprojekte kämpfen, sind besonders bedroht. Die Bergbauprojekte sind häufig mit massiver Umweltzerstörung verbunden.

Die am 11. Januar 2017 verstorbene Shalompreisträgerin Lory Obal, derer ebenso wie der ermordeten Berta Caceres aus Honduras (am 3.März 2016  ermordet) und Bischof Juan Gerardi Conedara, am 26. April 1988 ermordet, gedacht wurde, setzte sich für die Indigenen auf den Philippinen und gegen multinationale Konzerne ein, die Raubbau an der Umwelt betreiben.

Father Shay Cullen, der den Shalompreis am 6. Mai 2017 im Holzersaal der Sommerresidenz an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt entgegen nehmen wird, kämpft seit den 1970er Jahren für gerechte Preise für Kleinbauern, für die Rechte von Indigenen, von Frauen und von Kindern. Das Preisgeld für den Shalompreis wird ausschließlich durch Spenden zusammengetragen. Spenden können auf das Konto der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Eichstätt bei der Volksbank Raiffeisen Bank Mitte überwiesen werden:
Kontonummer: IBAN DE34721608180109620320
Stichwort „Shalomaktion 2017“.

„Wir treten vom Dunkel ins Licht“

Bildung und Weiterbildung sind Grundlagen für die Entwicklung eines Landes: Diese Erkenntnisse gelten auch für Senegal. Das konnte ich bereits mehrmals bei Aufenthalten in dem westafrikanischen Land buchstäblich erleben.

Nach dem überaus erfolgreichen dreijährigen Projekt für Frauenförderung in Zentralsenegal wird eine weitere vierjährige Bildungsmaßnahme für Frauen in der Umgebung der Stadt Koumpenntoum in der Diözese Tambacounda angestrebt. Die Voraussetzungen für dieses Projekt, an dem 3600 Frauen aus 90 Dörfern teilnehmen werden, wurden bereits geschaffen. Es wurden Lehrer speziell dafür ausgebildet und die finanziellen Mittel von 400.000 Euro – auf vier Jahre verteilt – werden bereitgestellt. Auf die Katholische Landvolkbewegung, die das Projekt eingefädelt hat, werden 80.000 Euro entfallen. Einen Teil wird der Lions Club Kempten übernehmen. Der größte Anteil, nämlich 75 Prozent, wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) getragen.

Federführend für die Vorbereitung und Organisation ist der Ländliche Entwicklungsdienst (JLD), eine Abteilung der Katholischen Landvolkbewegung Deutschland, unter der Leitung von Lothar Kleipass. Verantwortlich für die praktische Umsetzung im Senegal ist der ehemalige Schuldirektor Bernard Seck, der das Büro von ASDI (Organisation zur Durchführung von Entwicklungsprojekten) in Tambacounda leitet.

Am 26. Januar werde ich zusammen mit Lothar Kleipass und Helene Dumont, die als Übersetzerin und wichtigstes Bindeglied zwischen dem Büro von ASDI und ILD fungiert, nach Senegal reisen, um den Vertrag zu unterzeichnen und weitere organisatorische Details zu besprechen. Von vergangenen Besuchen haben wir selbst erfahren, mit welcher Begeisterung und Fleiß sich die teilnehmenden Frauen einsetzen. Dreimal in der Woche haben sie Unterricht und lernen nicht nur Lesen und Schreiben, sondern auch Grundlagen der gesunden Ernährung, Hygiene und Prävention von Krankheiten. Jede Dorfgemeinschaft bekommt auch einen Kleinkredit für geschäftliche Unternehmungen, den sie am Jahresende wieder zurückzahlen muss.

Erstaunlicherweise wird das Projekt auch von den Männern, die eine klare Rollenverteilung gewohnt sind, befürwortet. Von ihnen hörten wir unter anderem Sätze wie „seit Beginn der Maßnahmen hat niemand mehr unser Dorf verlassen“ oder „auch die Frauen müssen zur Entwicklung unseres Landes beitragen“. Bemerkenswert ist auch das gesteigerte Selbstwertgefühl der Frauen. Sie erklären stolz, dass sie jetzt einen Pass beantragen und selbst unterschreiben können. Mit diesem Frauenförderungsprojekt ist bereits eine erhebliche Verbesserung der Lebenssituation der Dorfbewohner zu erkennen, und somit können auch Fluchtursachen bekämpft werden.

Der siebte Tag: Eine Reise in die bedrohte Welt der Yanomami

In sechs Tagen schuf Gott die Welt. Am siebten Tag machten sich Bulldozer daran, das Paradies wieder einzureißen. Die voranschreitende Vernichtung des Amazonaswaldes bedroht auch die letzten noch in ihm und mit ihm lebenden indigenen Völker.

Aus dem Kleinflugzeug heraus sieht Armindo Goes Melo schier unendliche Wälder unter sich vorbeiziehen. Die Abgeschiedenheit seiner Heimat hat seinem Volk, den Yanomami, hier im äußersten Norden Brasiliens bisher das Überleben gesichert. Dafür arbeitet Goes als Generalsekretär der Yanomami-Organisation Hutukara tagtäglich. „Unsere Arbeit hat drei Säulen: die Gesundheitsversorgung und Schulbildung für unser Volk sowie den Schutz unseres Territoriums.“ Es gilt, mit Hilfe der lokalen Zivilgesellschaft und ausländischen Medien Druck auf die Lokalpolitik auszuüben. In den letzten 30 Jahren hat Hutukara-Gründer Davi Kopenawa weltweit unermüdlich auf die Bedrohung durch die Kultur der Weißen aufmerksam gemacht.

Angesichts des internationalen Mediendrucks sprach Brasiliens Regierung den Yanomami am Vorabend der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 ein zehn Millionen Hektar großes Schutzgebiet zu. Hier können die meisten der 35.000 Yanomami weiter nach ihren Traditionen leben. Doch immer wieder dringen Goldsucher und Holzfäller illegal in ihr Land ein, verseuchen Flüsse und vernichten Wald.

Auch von staatlichen Sozialprogrammen sind die Yanomami bedroht. Besonders nahe den urbanen Zentren geben Indigene ihre traditionelle Landwirtschaft auf, begeben sich in die staatliche Abhängigkeit. Langsam, aber scheinbar unaufhaltsam dringt die moderne weiße Zivilisation auch zu den Yanomami vor.

Die Kollision mit der weißen Kultur haben die Tenharin schon hinter sich. Anfang der 1970er-Jahre erreichte das Transamazônica-Straßenprojekt der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985) die Wälder des westbrasilianischen Amazonasgebietes. Plötzlich standen riesige Bulldozer in ihren Dörfern, planierten ihre Friedhöfe und durchschnitten ihre Gebiete. Von einst 10.000 Tenharin überlebten nur 200. Der Rest starb rasch an Masern und Grippe.

Zuerst starben die Schamanen, die religiösen Führer und Medizinmänner. Sie hatten vergeblich versucht, den Krankheiten des weißen Mannes Einhalt zu gebieten. Ohne sie taumeln die heute rund 1.000 Tenharin von einem Kulturschock zum nächsten. Handys und Fertiggerichte, Telenovelas und flotte Motorräder stehen Geisterbeschwörungen und der Mbotawa, ihrem traditionellen Erntedankfest, gegenüber. Werden die Riten nicht korrekt vollzogen, verlieren sie den Beistand ihrer Urgeister.

Zuletzt wurden die Riten gebrochen. Grund war der Konflikt mit den weißen Siedlern. Es geht um das ihnen vom Staat zugesprochene Schutzgebiet, die letzte grüne Oase, umringt von Zerstörung. Viehbarone wollen es sich einverleiben. Der Staat schaut nur zu. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit weißen Siedlern sind fünf Anführer der Tenharin wegen Mordes angeklagt. Ihre Abwesenheit bei den Mbotawa-Festen hat bittere Konsequenzen für das Volk. „Sie glauben, dass ihre Geister sie verlassen haben“, sagt Bischof Dom Roque Paloschi, Präsident des katholischen Indigenen-Missionsrates Cimi, dessen Arbeit das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat seit vielen Jahren unterstützt. Cimi stellte den Tenharin Anwälte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung.

Im Gegensatz zum Ressourcen fressenden und Natur zerstörenden Lebensmodell der weißen Kultur sei das Überleben der indigenen Völker unzertrennlich mit dem Überleben des Urwaldes verknüpft. „Die indigenen Gebiete sind die, die noch am besten erhalten sind“, so Paloschi. Doch Brasiliens mächtige Agrarlobby wolle die Amazonaswälder lieber wirtschaftlich nutzen, statt sie den Indigenen zu überlassen.

„Der Papst schreibt in seiner Umweltenzyklika Laudato si´, dass wir mit jeder aussterbenden Tierart ein Stück weit mitsterben, dass unsere Welt ärmer wird, wenn ein indigenes Volk ausstirbt. Aber ihr Überleben zu garantieren, garantiert das Überleben dieses wundervollen Gartens Amazonien“, ist Bischof Dom Roque überzeugt.

Zweitausend Kilometer weiter westlich schwelt ebenfalls ein Konflikt. Hier, wo Perus Anden in das Amazonastiefland übergehen, bedrohen Öl- und Minenunternehmen das Überleben der indigenen Völker der Awajún und Wampi. Zuletzt brach eine Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Petroperu an mehreren Stellen. Die Flüsse, die den indigenen Völkern der Awajún und Wampi als Lebensgrundlage dienen, sind verseucht. „Mit diesem Wasser bewässern sie ihre Felder, sie essen die Fische, baden hier und trinken aus dem Fluss. Ein Desaster“, sagt Bischof Gilberto Alfredo Vizcarra Mori.

Das Problem sei nicht alleine die Verseuchung der Umwelt durch die Konzerne. „Auch die Indigenen konsumieren mittlerweile industrielle Lebensmittel, benutzen Wegwerfwindeln für ihre Kinder, verschmutzen ihre eigenen Trinkwasserquellen mit dem Müll. Sie haben nicht gelernt, mit diesen Produkten umzugehen“, so Bischof Vizcarra. Der Kontakt mit der ihnen unbekannten weißen Konsumgesellschaft hat das Leben der Indigenen auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ansteckungsrate mit dem HI-Virus und falsche Ernährung sind das Ergebnis.

Die Kirche unterstützt Landwirtschaftsprojekte, Fischzucht und den Anbau traditioneller Agrarprodukte, die den Indigenen eine neue Überlebensbasis geben sollen. „Aber schauen Sie sich um, wir sind mitten in diesem riesigen Urwaldgebiet. Die Kirche alleine kann das nicht stemmen. Wir bräuchten Hilfe vom Staat und ausländischen Organisationen.“

Die weit von den urbanen Zentren lebenden indigenen Gruppen zu organisieren, sei eine riesige Aufgabe, sagt Padre Pedro Hughes. Im September 2014 hatte der in Lima wirkende Geistliche an der Gründung des panamazonischen kirchlichen Netzwerkes Repam (Red Eclesial PanAmazónica) teilgenommen, an dem auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat beteiligt ist. Mit Hilfe der kirchlichen Strukturen in der Amazonasregion soll auf die Zerstörung der Natur und die Bedrohung der Indigenen aufmerksam gemacht werden.

Man müsse „durch Repam politischen Druck aufbauen und Allianzen zwischen den indigenen Völkern schmieden“. Nur gemeinschaftlich sei der Zerstörung der Natur und der in ihnen lebenden Völker Einhalt zu gebieten. Gelingt dies nicht, verschwinde mit den letzten Naturvölkern auch der letzte Garten Eden auf Erden.

Mit Weihnachtsaktion 2016 unter dem Motto Schützt unser gemeinsames Haus setzt sich das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat für die ursprünglichen Völker des Amazonasgebiets ein.

Mobiler Einsatz in Äthiopien

Zum zweiten Mal war ich im November in Äthiopien unterwegs. Äthiopien ist, mit rund 100 Millionen Einwohnern, ein Vielvölkerstaat mit 80 verschiedenen Volksgruppen, eine Mischung aus afrikanischer, südafrikanischer und arabischer Kultur. Das Land war einst Vorbild für Afrika, jetzt droht es auseinanderzubrechen. Es leidet unter immer wiederkehrenden Hungersnöten – ausgelöst durch Missmanagement, Willkür und durch ausbleibende oder klimatisch geänderte Regenzeiten.

Wir (d.h. das Team von Humedica) waren im Sudwesten Äthiopiens bei den Volkstämmen der Kara (rund 1500 Angehörige) und Hamer (rund 40.000) im Einsatz. Es sind zwei der vielen Stämmen am Fluss Omo, die u.a. an den Folgen der wirtschaftlichen Interessen leiden. Ziel des Einsatzes war die gesundheitliche Versorgung (Malaria, Parasiten, Tbc, Augen- und Atemwegserkrankungen,…) im Rahmen mobiler Kliniken (mit Jeep und Ausrüstung in die Dörfer) und Schulungen in den Bereichen Ernährung und Hygiene. Hier ein Rückblick.

Tszalu (in der Karasprache: Hallo)

Bereits bei der Einreise haben wir Kontakt mit dem Ausnahmezustand, der seit Oktober andauert und auch für die Abschaltung der sozialen Medien zuständig ist, was den Kontakt nach Hause sehr erschwert. Die zweitägige Fahrt mit dem Jeep in das Einsatzgebiet am Omo ist erlebnisreich:

  • Frauen und Kinder schleppen gelbe 25 Liter Kanister am Rücken; das ist die Wasserversorgung aus dem jeweils nächstgelegenen Fluss; teilweise gehen sie kilometerweit an der Straße entlang, um den Tagesbedarf daheim zu sichern.
  • Lastwagen und ihre Container liegen neben der Piste, die auf Sand und Steinen die abschüssigen Wege nicht schafften.
  • Kamel-, Ziegen- und Rinderherden behindern nicht nur einmal die Fahrt und zwingen uns zum Ausweichen oder Halt.
  • Teilweise wird die Piste zur Rutschpartie – in jetzt trockenen aber im Unterbau noch feuchten Flussläufen, die überquert werden müssen; der letzte Regen ist noch nicht so lange her.
  • Geier fliegen hoch am Himmel und halten Ausschau nach Tieren, die es nicht mehr geschafft haben – auf der Piste oder in der Steppe.

Am Spätnachmittag des zweiten Tages kommen wir an und verteilen uns in den Zelten, die neben dem ehemaligen Missionshaus aufgestellt sind. Das Haus dient uns als Lager, Küche und Gemeinschaftsraum. Wir sind rund ein Kilometer vom größten Kara-Dorf  (Dus) entfernt. Hier gibt es einen offiziellen Gesundheitsposten (Steinhaus mit zwei Zimmern). Er ist nicht besetzt – nach einer sechswöchigen oder im Glücksfall sechsmonatigen Ausbildung will keiner für rund 35 Euro im Monat im Busch allein als Gesundheitshelfer weitab der sogenannten Zivilisation tätig sein. Ein Kontakt zum/zur Medizinmann/-frau im Dorf konnte bisher nicht hergestellt werden. Die Zusammenarbeit mit ihm und die Einbindung der traditionellen Medizin sind auch ein Ziel des Gesamtprojektes hier, neben der gesundheitlichen Versorgung und dem Bau einer neuen Gesundheitsstation mit mehr Möglichkeiten.

Am ersten Abend werden wir ins Dorf gerufen: Ein Junge ist nicht mehr erweckbar, Fieber, Schleimausfluss aus dem Mund, Husten, Blick nur nach einer Seite: Ist es ein Infekt mit Krampfanfall oder Malaria mit Beteiligung des Gehirns? Der Malariatest ist negativ – trotzdem entscheiden wir uns für eine Malariatherapie – am nächsten Tag geht es ihm vorübergehend besser: Er hat überlebt! Einen weiteren Tag später schicken wir ihn ins Krankenhaus, da eine weitere Verbesserung ausbleibt und er jetzt Chancen hat, den vier bis fünfstündigen Transport zu überstehen und er dort eine weitere Therapie erhalten kann. Mit ihm schicken wir eine junge Frau, die gerade eine Fehlgeburt hatte und weiter blutet. Wir versorgen sie mit einem Medikament, das die Blutung vermindert. Glücklicherweise habe ich das mitgenommen.

Der erste Einsatzort liegt am Omo-Fluß neben dem neuangelegten Feld der Dorfgemeinschaft. Dieses Feld wurde über die „Straße“ hinweg angelegt, so dass ein Weiterkommen mit dem Wagen nicht möglich ist – also findet die Behandlung im Schatten zweier Bäume statt. Matten werden ausgebreitet, die Kisten für die Apotheke werden bereitgestellt, eine Stelle für Verbände bestimmt. An anderer Stelle richten wir die Untersuchungsplätze für die Ärzte und Übersetzer ein. Auf der Ladeklappe des einen Geländewagens ist die Registratur: die Namen der Patienten werden mit der teils verschiedenen Schreibweise auf den Karteikarten versucht, in Einklang zu bringen. Einer der Fahrer schickt von den dann wartenden Patienten den jeweils nächsten zum freiwerdenden Untersuchungsplatz. Ansonsten würden sich hier Trauben von Kindern und Patienten um den Arztplatz bilden und die Untersuchung wäre unmöglich. Schweigepflicht und Datenschutz sind Fremdwörter! Mit unseren fünf Sinnen, Stethoskop, Ohrenspiegel, Thermometer, Urinproben und Malariatest untersuchen und diagnostizieren wir – und wir kommen schätzungsweise zu 80% auf die gleichen Ergebnisse wie mit unseren technikgestützten und juristisch geforderten Maßnahmen zu Hause. Die Patienten gehen dann zur Apotheke, wo die Medikamente aus den Kisten heraus verabreicht werden, die Salben aufgetragen und die Verbände gemacht werden.

Wir arbeiten an verschiedenen Orten. Einer davon ist Korcho – ein Ort, an dem Safaritouristen regelmäßig Halt machen. Die Menschen bemalen sich, um gegen Geld fotografiert zu werden. Normalerweise sind es rituelle Zeichnungen auf den Körpern, die nur zu bestimmten Festtagen aufgetragen werden. Sind die Touris wieder weg, wird von vielen Karas hier das Geld in Alkohol umgesetzt – mit den Folgen von Streitigkeiten und Verletzten. Andererseits trifft dies natürlich nicht für alle zu und es ist auch zu beobachten, dass in diesem Dorf der für uns sogenannte Standard schon höher ist. Zwei Seiten des Eindringens unserer modernen Welt in eine traditionelle.

Ein anderes Erlebnis dieser „Konfrontation“: Ein Mädchen hat so starke Karies, dass alle Maßnahmen zur Schmerzbekämpfung nicht helfen. Im Dorf gibt es einen Heiler/Medizinmann, der für Knochen und Zähne zuständig ist. Wir suchen den Kontakt, haben aber das Problem, das das Mädchen schreit und sich massiv gegen die Behandlung wehrt – so kann der Heiler nicht arbeiten. Es wird eine Kurznarkose gemacht und der Medizinmann zieht in einer nur ganz kurz dauernden Aktion (Schnitt und Aushebeln) den Zahn – in den nächsten Tagen wird eine weitergehende Zusammenarbeit vereinbart. Besser kann es nicht laufen!

Der Fluss Omo – die Lebensader hier im Sudwesten Äthiopiens – schlängelt sich durch die Landschaft. In der Nacht, wenn der Mond der Erde am Nächsten steht und besonders groß erscheint, erleben wir einen beeindruckenden Mondaufgang. Er kommt hinter den Bergen hervor, leuchtet über der Tiefebene und spiegelt sich im Fluss.

Genauso beeindruckend sind so manche Behandlungssituationen: Unter schattengebenden Bäumen (40 Grad) auf einer Decke sitze ich – vor mir die Patienten, hinter mir frischgeborene Ziegen, die an mir rumschnuppern – und schräg vor mir der Älteste des Dorfes, der die Behandlung beobachtet und nach Abschluss der Behandlung mit mir ein Plauschen hält: Wie alt ich sei – knappe sechzig können wegen meiner hellen Haare nicht stimmen – und ob die mitbehandelnde Ärztin meine Frau sei. Acht Ziegen will er wohl für sie bieten und sie als Zweit- oder Drittfrau erwerben.

Was bleibt, außer den tiefen Eindrücken von Landschaft und einer anderen Kultur?

  • Die Gewissheit, einigen Menschen in ihren Krankheiten geholfen zu haben
  • Eine deutsche Schwester wird dauerhaft da sein und sich der medizinischen Versorgung annehmen, wenn möglich in Zusammenarbeit mit den einheimischen Medizinkundigen und ab und zu unterstützt von einem medizinischen Team aus der Heimat (wie unseres).
  • Wir werden versuchen, die Qualität des Wassers zu testen, ob die Reinigungsmaßnahmen vor Ort effektiv sind und somit Krankheiten wirklich verhindert werden können
  • Für uns (alle) selbst die Erkenntnis, dass unser Wissen, unsere Kultur und unsere Lebensweise nur sehr relativ sind, und dass wir uns auf das besinnen sollten, was wirklich wichtig ist.

Frieden in Kolumbien ist möglich

In Kolumbien gibt es seit über 50 Jahren einen bewaffneten Konflikt. Diesem sind über acht Millionen Menschen zum Opfer gefallen, davon 225.000 Toten, 87.000 verschwundenen Personen und rund sieben Millionen vertriebene Menschen.  Seit vielen Jahren, insbesondere seit dem Jahr 1991 als eine neue Verfassung in Kraft trat, bemühen sich verschiedene soziale und politische Akteure darum, diesen Konflikt durch Verhandlungen zu beenden.  Denn sie sind davon überzeugt, dass Gewaltanwendung nur zu mehr Gewalt, Armut und Ungleichheit führt.  Zu den bewaffneten Gruppen gehören nicht nur die FARC, sondern auch die Guerillaorganisation ELN (Nationale Befreiungsarmee), und es gibt zudem extrem rechtsgerichtete bewaffnete paramilitärische Gruppierungen.  Für Letztere führte der frühere Präsident und jetzige Oppositionsführer Álvaro Uribe Vélez eine Demobilisierung durch, die aber zum Großteil fehlgeschlagen ist.

Der politische Wettstreit in unserem Land ist immer durch die Dynamik des internen bewaffneten Konflikts bestimmt worden.  Bevor unser jetziger Präsident  Juan Manuel Santos 2012 sein Amt übernahm, gab es unter Uribe acht Jahre lang eine sogenannte Politik der demokratischen Sicherheit, die eine Politik der harten Hand war. In dieser Zeit erhöhte sich die Anzahl der Opfer und der Menschenrechtsverletzungen dramatisch und der Krieg verschärfte sich.  Santos war seinerzeit Verteidigungsminister und trug diese Politik wesentlich mit. Aber als er selbst Präsident wurde, distanzierte er sich von dieser und startete eine Friedenspolitik durch Verhandlungen.  Für diese neue Politik gewann er jenen Teil der kolumbianischen Gesellschaft, der acht Jahre lang die Politik Uribes bekämpft hatte, insbesondere die politische Linke im Land.  Dieser Teil ist zwar nicht mit Santos‘ Politik für Freihandel und Ausbeutung  der natürlichen Ressourcen einverstanden. Doch das Vorhaben eines ausgehandelten Friedens sah dieser Teil als Chance zur Beendigung des Krieges, zumindest mit einem der Hauptakteure.  Diese nun breitere Unterstützung der Gesellschaft hat es Santos ermöglicht, den Friedensprozess mit den FARC in Gang zu setzen und mit ihr letztlich ein besonderes Abkommen zu den Herausforderungen ländliche Entwicklung, politische Beteiligung, Entwaffnung, Drogenhandel und Umgang mit Opfern zu erreichen.

Hohe Nichtbeteiligung an Abstimmung offenbarte mangelndes demokratisches Bewusstsein

Eine grundlegende Prämisse für die verschiedenen Abkommen war: „Nichts ist vereinbart, bis alles vereinbart ist.“ Daher war es so wichtig, dass Regierung und FARC im September dieses  Jahres alles unterzeichneten, um so ein Gesamtabkommen der Bevölkerung zur Abstimmung vorzulegen.  Das Abstimmungsergebnis überraschte vor allem die internationale Gemeinschaft und die Teile der kolumbianischen Gesellschaft, die für das Abkommen votierten.  Letztlich brachte das Ergebnis die komplexe Realität in unserem Land zum Ausdruck.  Auf die Frage „Unterstützen Sie das Abkommen zur Beendigung des Konfliktes und für den Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens?“  reagierte der größte Teil der Gesellschaft mit Nichtbeteiligung, nämlich über 62,5 Prozent aller abstimmungsberechtigten Bürgerinnen und Bürger.  Das heißt, dass nur gut 13 Millionen Personen (knapp 37,5 Prozent) von fast 34,9 Millionen abstimmten. Und das bedeutet: Ein ganz hoher Anteil der Bevölkerung zeigte sich uninteressiert an dem Friedensprozess oder/und offenbarte Mangel an Bewusstsein für die Rolle des Bürgers bei demokratischen Anliegen von dieser großen Bedeutung.  Vor allem junge Menschen haben wenig Vertrauen in die Institutionen, glauben nicht an die Politik und noch weniger an Parteien. Sie denken, ihre Stimme hat keine große Auswirkung für den Wandel des Landes.  Auf der anderen Seite gibt es jenen Teil der Bevölkerung, der sich interessiert gezeigt hat und gespalten ist. Der Siegeranteil des „No“ (Nein) mit 6,43 Millionen Stimmen lag gerade einmal um 0,43 Prozent höher als das Ergebnis für das „Si“ (Ja) mit knapp 6,38 Millionen.

Jene Bürgerinnen und Bürger, welche die Verhandlungen mit den FARC befürwortet haben – denen auch ich angehöre – sind sich sehr wohl bewusst, dass das Friedensabkommen nicht die vollständige Lösung ist, um Frieden in Kolumbien herzustellen.  Doch es ist ein erster nötiger Schritt und grundlegend, um ein neues Kapitel in unserem Land aufzuschlagen und den Aufbau des Friedens zu ermöglichen. Die Abkommen von Havanna haben Regeln gesetzt, die vor allem den Opfern – und hier besonderes den Frauen unter den Opfern – eine besondere Rolle zuweisen. Diese Regeln stimmen mit dem internationalen Recht überein: zum Beispiel darin, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Rahmen des Konfliktes nicht ungestraft bleiben dürfen.

Nobelpreis ist besonderes Zeichen der internationalen Gemeinschaft

Die internationale Gemeinschaft hat für die Abkommen eine entscheidende Rolle gespielt: nicht nur im Dialogprozess selbst, sondern auch für die Zukunft, in der es vor allem darum geht, die Abkommen mit einer bedeutsamen Beteiligung der Zivilgesellschaft umzusetzen.  Ein ganz besonderes Zeichen für die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft ist natürlich jetzt der Friedensnobelpreis für Juan Manuel Santos. Es ist auch eine überzeugende Botschaft an jene, die den Friedensprozess nicht unterstützen, denn der Preis deutlich macht: Es ist nicht wünschenswert, dass der bewaffnete Konflikt mit dieser Organisation weitergeht. Um dies zu unterstreichen, sind nun ja auch ganz viele Menschen in den großen Städten unseres Landes auf die Straße gegangen. Ganz wichtig ist aber vor allem, dass Regierung, FARC und die internationale Gemeinschaft ihren Willen zum Ausdruck gebracht haben, die erzielten Abkommen aufrechtzuerhalten und Wege finden wollen, jene anzuhören, die mit „No“ gestimmt haben: mit der Absicht, deren Forderungen soweit wie möglich in die Abkommen einzubeziehen.

Ich bin davon überzeugt: Jetzt, wo das Thema Frieden in unserem Land so hoch auf der nationalen wie internationalen Agenda steht, besteht eine einzigartige Gelegenheit, den gewünschten Frieden zu erreichen. Natürlich müssen wir uns aber auch bewusst sein, dass Frieden in Kolumbien noch wesentlich mehr fordert als Abkommen zwischen der Guerilla FARC und der Regierung. Es ist auch wichtig, dass 1) die anderen bewaffneten Akteure an den Verhandlungstisch kommen, 2) wir erkennen, dass wir eine gespaltene Gesellschaft sind, in der es Mangel an Information und Bildung sowie viel Misstrauen gibt und 3) uns klar wird, dass wir in einigen Bereichen eine schwache politische Kultur haben und in anderen eine durch Gewalt geprägte. Daher macht das Ergebnis der Volksabstimmung deutlich, dass wir dringend grundlegende Veränderungsprozesse in unserem Land brauchen.  Der Aufbau des Friedens braucht die aktive Beteiligung aller gesellschaftlichen Akteure.

Es gibt Wege der Hoffnung. Niemals hat es eine so entschlossene Unterstützung der internationalen Gemeinschaft gegeben. Ich bin zutiefst vom „Si“ überzeugt, das ein unerlässlicher Schritt hin zum Frieden ist, aber noch mehr davon, dass das größte Kapital unsere Menschen sind, die aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft heraus ein anderes Land aufbauen können, das demokratisch und insbesondere nicht gewaltsam ist. Die größte Aufgabe hat erst begonnen.

(Übersetzung aus dem Spanischen: Peter Esser)

Mehr zum Thema: Skepsis und Hoffnung vor der Abstimmung über den Friedensprozess in Kolumbien

Bildhinweis: Kolumbiens Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos im Gespräch mit Ureinwohnern. Foto: Juan David Tena – SIG