Kategorie-Archiv: Menschenrechte

„Besucht doch die lebendigen Steine im Heiligen Land“

Diesen Appell richtete ein griechisch katholischer Priester aus Zababdeh im Westjordanland an uns. Mit den lebendigen Steinen meint er die noch verbliebenen, wenigen Christen im Heiligen Land, die dringend Unterstützung brauchen. Nicht die toten Steine oder das leere Grab in Jerusalem sollten wir besuchen, sondern die Christen brauchen das Gefühl nicht vergessen zu sein, in einer für sie zunehmend schwieriger werdenden Situation. Wir – das war eine 25 köpfige Reisegruppe des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt, die vom 17. April bis zum 26. April in Israel und Palästina unterwegs war. Besucht wurden freilich auch die klassischen Pilgerorte am See Genezareth, in Nazareth, Betlehem und Jerusalem. Der Schwerpunkt der Fahrt lag aber eindeutig in der Begegnung mit palästinensischen Christen und anderen Brückenbauern in diesem konfliktbeladenen Umfeld. Diese Begegnungen ermöglichte uns Connie Kimberger, die über ihre Tätigkeit als Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem vielfältige Kontakte aufgebaut hat.

Beim Besuch des Flüchtlingslagers in Jenin wurden wir im Freedom Theater, einer palästinensischen Kulturinitiative, mit dem Film „Arnas Children“ hart mit der Realität des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern konfrontiert. Der Film zeigt wie palästinensische Jungen hier im Flüchtlingslager aufwachsen, durch die Erfahrungen von Demütigung, Zerstörung und Gewalt sich radikalisieren und schließlich ihr Leben im Kampf verlieren und von ihren Angehörigen als Märtyrer angesehen werden.

Der Tenor vieler Gespräche war, dass die Menschen hier trotz all der Konflikte noch nicht aufgegeben haben; dass es trotz des vielen Hasses auf beiden Seiten auch Menschen gibt, die für Versöhnung und Frieden, Freundschaft und Verständigung beten und arbeiten und in denen die Hoffnung noch immer brennt. Dabei wurde deutlich, wie wichtig sie uns als Brückenbauer zwischen Juden und Palästinenser sehen, auch hier bei uns in Deutschland z.B. im Kontakt mit jüdischen und muslimischen Gemeinden.

Ein Höhepunkt war das Gespräch mit Frau Prof. Dr. Sumaja Farhat-Naser. Sie sprach ausführlich mit uns über ihre Arbeit und Bemühung für eine Erziehung der Menschen, insbesondere von Frauen hin zu einer gewaltfreien Konfliktlösung und einem Dialog zwischen den Völkern und Religionen. Sie ist Autorin mehrerer Bücher. Für ihre Arbeit erhielt sie unter anderem im Jahr 2000 den Friedenspreis der Stadt Augsburg.

Aber auch ganz praktische Versöhnungsarbeit lernten wir kennen. Im Beit Afram Altenheim in Taybeh betreuen junge Menschen des brasilianischen Ordens „Filhos de Maria“ 24 alte Menschen und werden dabei vom Ritterorden vom Heiligen Grab finanziell unterstützt. Auch das Caritas Baby Hospital in Betlehem, das trotz seines Namens nicht Teil des Caritasverbandes ist, ist dafür ein gutes Beispiel. Hier werden Kinder und Babys unabhängig von Religion und finanziellem Vermögen der Eltern behandelt und versorgt. Ärzte und Sozialarbeiter arbeiten auch präventiv mit den Müttern der Kinder und versuchen, einen Raum zu schaffen, an dem sie sich jenseits aller Politik und Konflikte ganz auf die Heilung konzentrieren können.

Ein ganz anderes Projekt ist das „Tent of nations“ von Daoud Nassar. Seit über hundert Jahren gehört seiner Familie ein Stück Land südlich von Betlehem. Doch durch die wachsenden israelischen Siedlungen, die sich wie ein Gürtel um ihn legen, fühlt Daoud Nassar sich und sein Eigentum bedroht. Seit den 1990er Jahren kämpft er vor Gericht gegen die Annektierung seines Gebietes durch den Staat Israel. Jedoch kämpft er nicht mit Gewalt, sondern durch friedlichen Widerstand und mit Hilfe internationaler freiwilliger Helfer und Kontakte. Das Zelt der Nationen, ein Projekt, das von ihm gestartet wurde, hat das Ziel, Begegnungen und Dialog zwischen jungen Menschen zu fördern. Sein Motto: Wir weigern uns Feinde zu sein.

Teil II: „Wir werden nicht als Juden oder Araber geboren, sondern als Babys“

Der Autor im Interview mit Radio K1

„Jipe Moyo“: Fass dir ein Herz – Eine Einladung für alle

Am 8. März, dem internationalen Frauentag, der dieses Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert und heute so wichtig ist, wie selten zuvor, hat mir Jipe Moyo einmal mehr gezeigt, wie es seinen Namen, der übersetzt so viel wie „Fass dir ein Herz!“, bedeutet, versteht und lebt: als offene Einladung und Aufruf an all diejenigen, die in Not sind und sich allein gelassen fühlen. Voller Freude und Energie nimmt man sich hier gegenseitig Ängste, steht einander bei und schenkt sich Mut und neue Kraft. Das kiswahilische Wort „Karibu“, was zu Deutsch „Willkommen“ heißt, ist bezeichnend für die tansanische Kultur, die sich durch Offenheit und Herzlichkeit auszeichnet, und bildet auch den Anfang des Jipe Moyo-Liedes, das die Kinder mit großem Enthusiasmus vortragen. Dieses einander Akzeptieren und Willkommen-heißen, das die Arbeit von Jipe Moyo von Beginn an auszeichnet, ist das Fundament der starken Gemeinschaft, die die Kinder hier bilden, und von der so viel Lebendigkeit und Liebe ausgeht.

Seit viereinhalb Monaten lebe ich nun in Tansania und bin als Freiwillige ein Teil des Jipe Moyo Centre Musoma. Einer Nicht-Regierungsorganisation, die für den Schutz von Kindern und Frauen kämpft. Immer wieder aufs Neue, beeindruckt mich der unermüdliche Einsatz für ein friedlicheres Leben in der Mara-Region, in der Unterdrückung und Gewalt allgegenwärtig sind.

Vor allem in den ländlichen Gegenden, die von den Machtstrukturen der jeweiligen ethnischen Volksgruppe bestimmt sind, werden die Rechte von Kindern und Frauen missachtet. Das Herabsetzen von Frauen zur Einkommensquelle, zeigt die verbreitete Ansicht auf, sie seien weniger wert als Männer und dürften wie Besitz, über den frei verfügt werden kann, behandelt werden. Nach wie vor herrscht, beispielsweise beim Zugang zu Bildung, keine Chancengleichheit, was es Mädchen und jungen Frauen von Beginn an unmöglich macht, ein selbst-bestimmtes Leben zu führen. Sie werden in die Abhängigkeit von Männern gezwungen und sind geschlechterspezifischer Gewalt hilflos ausgeliefert. Die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung, welche im Großteil der in der Mara-Region lebenden Volksgruppen praktiziert wird, nimmt Mädchen auf grausamste Weise ihre Würde. Viele von ihnen sterben an der menschenrechts-verachtenden Praxis, die Frauen anspruchslos und hörig machen, und ihnen das Empfinden von sexueller Lust nehmen soll. Nach der Beschneidung, die den Eintritt ins Erwachsenenalter markiert, werden Mädchen, die häufig nicht älter als 13 sind, als heiratsfähig angesehen. Sie werden angeboten, wie auf einem Markt und müssen, nach Verhandlung und Bezahlung des Brautpreises, ihre Familie verlassen, um  Ehefrau und Mutter zu sein, wozu sie weder physisch noch psychisch in der Lage sind. Neben weiblicher Genitalverstümmelung und Kinderheirat, sind Mädchen und Frauen Opfer von sexuellem Missbrauch, Prostitution und Gewalt. Oft sehen sich Betroffene in ihrer verzweifelten Lage allein gelassen. Fehlende Anlaufstellen und Unterstützung, sind ein Grund dafür, dass viele Fälle unentdeckt bleiben und die Missachtung von Frauenrechten akzeptiert und sogar als richtig angesehen wird.

Die Mission von Jipe Moyo ist es, gegen diese Verletzungen der Menschenrechte vorzugehen und für den Schutz von Kindern und Frauen zu kämpfen, mit dem Ziel ein respektvolles und friedliches Miteinander zu schaffen. So setzt Jipe Moyo ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit und richtet die öffentliche Aufmerksamkeit auf Themen wie geschlechterspezifische Gewalt. Durch das Brechen von Tabus, wendet sich die Organisation gegen veraltete Traditionen und bewirkt, gemeinsam mit allen Teilen der Gesellschaft, einen tiefgreifenden und langanhaltenden Wandel.

Das Engagement von Jipe Moyo zeigt große Wirkung. So ist der Erfolg in der positiven Entwicklung jedes einzelnen Kindes sichtbar und zeigt uns immer wieder aufs Neue, dass wir gemeinsam viel bewirken können. Mitzuerleben wie Kinder heilen, sich öffnen und sich fern von Gewalt und Angst frei entfalten, ist wunderschön und berührend. Die Lebensfreude, die von den Mädchen und Jungen ausgeht, motiviert auch gegen alle Schwierigkeiten, weiter für ihren Schutz und ihr Wohlbefinden zu kämpfen.

Jipe Moyo verbindet Spaß und Leichtigkeit mit Bildung und der Aufklärung über die Rechte von Kindern und Frauen und die Verantwortung diese zu schützen. Hier wurde die Symbolkraft des internationalen Frauentages, der ein Zeichen gegen geschlechterspezifische Gewalt und für Gleichberechtigung setzt, lebendig. Alle Kinder haben über die letzten Wochen fleißig Lieder und Tänze geprobt und so war die Freude groß, diese präsentieren zu können und gemeinsam den „siku ya wanawake duniani“ zu zelebrieren. Es war wundervoll für mich zu erleben, wie sehr sich alle über dieses Event gefreut haben und es, als starke Gemeinschaft die niemanden ausgrenzt, feiern. Wie in einer Familie tritt man für den Anderen ein, schützt sich gegenseitig und behandelt einander mit Respekt und Liebe. Die Energie und Freude der Kinder beim Singen, Tanzen und Theater spielen sind mitreißend und ich genieße das Zusammensein mit ihnen unglaublich.

Von Beginn an habe ich Jipe Moyo als meine kleine Insel empfunden, in dieser für mich anfangs neuen Kultur. Alle Menschen, die zu uns kommen, werden mit Offenheit und Zuneigung aufgenommen, an diesem leuchtenden Ort der so viel Kraft ausstrahlt, neue Hoffnung schenkt und Kinder wieder Kinder sein lässt. Diese Zuversicht, nicht allein zu sein und immer einen Weg zu finden, erreicht Menschen bis weit über die Grenzen des Centers hinaus.

Jipe Moyo ist die Stimme von Opfern geschlechterspezifischer Gewalt und bietet ihnen durch Bildung eine neue Perspektive. An diesem 8. März, dem internationalen Frauentag, wird einmal mehr deutlich, wie stark und selbstständig Mädchen und Frauen sind, wenn sie frei von Gewalt und Unterdrückung aufwachsen und leben können und ihnen die Chance gegeben wird sich frei zu entfalten.

Mehr zum Thema:

Videos

Bildergalerie

Bildung und Kleinkredite für Frauen im Senegal

Die Resonanz auf das Alphabetisierungsprojekt für Frauen, das die Katholische Landvolkbewegung (KLB) im Bistum Eichstätt seit Jahren in der Partnerdiözese Tambacounda im Senegal mitträgt, ist so groß, dass sich der Verband für seine Weiterführung entschlossen hat. Das Projekt umfasst die Begleitung und Fortführung der bisherigen Maßnahme in 40 Dörfern und den Neubeginn in 50 Dörfern. Ungefähr 3600 Frauen in der Region der Stadt Koumpentoum werden damit unterstützt. Dreimal pro Woche werden sie von Lehrern unterrichtet. Die ersten Hürden sind schon überwunden, nämlich die Einrichtung eines Büros für den Koordinator Bernard Seck und die Ausbildung der Lehrer. Beides wurde von der KLB vorfinanziert.

Die zweite Phase des Projektes hat im Januar dieses Jahres begonnen, nachdem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das 75 Prozent der Kosten übernimmt, seine Zustimmung gegeben hatte. Bei unserem Besuch vor Ort vor wenigen Wochen wurde der Vertrag, der drei Jahre laufen soll, von den beiden Vertragspartnern unterzeichnet. Auf senegalesischer Seite ist das die Organisation ASDI Tamba (L´Assocition Sénégalaise pour le développement intégré), vertreten durch den Geschäftsführer Bernard Seck. Auf deutscher Seite ist es der ILD, der ländliche Entwicklungsdienst der Landvolkbewegung, vertreten durch Geschäftsführer Lothar Kleipass.

Der Finanzplan für das Projekt umfasst die Bezahlung der Lehrer und Lehrbücher, die Beschaffung von fünf Motorrädern für die Supervisoren und das Gehalt des Koordinators. Zudem ist ein großer Posten vorgesehen für die Kleinkreditaufnahme für Frauen, die sich damit eine Existenz aufbauen können. So soll das wichtigste Ziel des Projektes, nämlich eine spürbare, nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation der Familien, erreicht werden.

Natürlich wurde bei unserem Besuch auch gefeiert. Rund 800 Frauen kamen im Dorf Patoulane zusammen und erwarteten uns schon am Dorfplatz. Eine Trommelgruppe animierte sie unentwegt zu temperamentvollen Tanzeinlagen. Jedes Dorf versuchte sich möglichst gut in Szene zu setzen. In verschiedenen Theatervorführungen wurde die Wichtigkeit der Fördermaßnahmen veranschaulicht. Dorfchef, Bürgermeister und Religionsführer würdigten den Einsatz der Frauen. Sogar eine Abgeordnete des senegalesischen Parlaments fand lobende Worte für das Projekt. Auch wir kamen zu Wort und betonten, dass wir keine Geschenke bringen, sondern ihnen partnerschaftlich helfen wollen, ihre Situation persönlich und wirtschaftlich messbar zu verbessern.

Zum Abschluss gab es ein gemeinsames Essen. Auf vielen Feuerstellen hatten die Frauen in großen Kesseln Reis und Gemüse mit ein bisschen Fleisch gekocht. Es wurde auf flachen Schüsseln verteilt und in kleinen Tischgemeinschaften mit der Hand gegessen.

Als Fazit unserer Reise können wir feststellen, dass die senegalesischen Frauen mit sehr großem Einsatz zu Werke gehen und wir auf eine erfolgreiche Durchführung des Projektes vertrauen können.

Gewalt und unmenschliche Haftbedingungen in Brasilien

Gestern bekam ich einen Anruf. Es ging um eine Rebellion im Männergefängnis von Goiânia (1.900 Insassen mit nur 850 Haftplätzen). Zwei rivalisierende Drogenbanden bekriegen sich nicht nur auf der Straße, sondern auch hinter Gitter. Das Resultat: 5 Tote, mehr als 50 Verletzte, 150 Gefangene wurden mit nur der kurzen Hose am Leib in ein anderes Gefängnis verlegt. Verzweifelte Familienangehörige versuchten blieben ohne Nachricht von ihren Söhnen oder Ehemännern.

Die Situation in Brasiliens Haftanstalten ist angespannt, und das nicht erst seit den blutigen Gefängnisrevolten im Dezember 2016 in Manaus und Boa Vista im Norden des Landes. In den vergangenen Wochen gab es weitere Aufstände in Rio Grande do Sul, Paraíba, São Paulo, Rio Grande do Sul, Paraíba, Rio de Janeiro – die Liste ist lang.
Die Gefängnisseelsorge, in der ich über zwei Jahrzehnte in Brasilien tätig bin, klagt seit Jahren die unmenschlichen Verhältnisse in den Gefängnissen an. Jedes einzelne ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann. 25 Jahre nach dem Massaker von Carandiru in São Paulo, bei dem offiziell 111 Gefangene getötet wurden, hat sich im brasilianischen Straffvollzug nichts verändert. Im Gegenteil: Es wurde schlimmer. In Manaus wurden 56 Gefangene, im Boa Vista 33 bei den Revolten getötet.

Die Medien geben den rivalisierenden Drogenbanden die Schuld. Aber wir von der Gefängnisseelsorge sehen andere Gründe. Es ist ein fadenscheiniges Argument, die derzeitige Gewalt in den Gefängnissen einfach auf die rivalisierenden Drogenbanden zu schieben. Damit zieht sich der Staat aus der Verantwortung. Denn die organisierten Drogenbanden sind nur ein Produkt der unmenschlichen Haftbedingungen und der repressiven Politik der Regierung. Masseninhaftierungen, das selektive Strafsystem, unterdrückende Drogenpolitik, Folter und verzögerte und langwierige Gerichtsverfahren sind die wahren Ursachen der Gefängnisrevolten: 40 bis 70 Prozent der Gefangenen befinden sich über Monate oder sogar Jahre in Untersuchungshaft.

Der brasilianische Staat hat jüngst ein Sicherheitsprogramm vorgestellt, von dem wir nicht erwarten, dass sich die Situation im Strafvollzug ändern wird. Im Gegenteil: Jahrelanges Wegschauen und ausschließlich repressive Politik kann man nicht in kürzester Zeit mit einen Notprogramm rückgängig machen. Noch dazu mit Vorschlägen, die unserer Meinung nach die aktuelle unterdrückende und selektive Strafpolitik verstärken.

Auf der Agenda der Gefängnisseelsorge stehen vor allem die folgenden Richtlinien, um die Situation in den Gefängnissen zu ändern, die Haftentlassungen und den Straferlass möglich zu machen und die gemeinschaftlichen Praktiken der friedlichen Konfliktlösung zu stärken. Wir setzen uns für folgende Maßnahmen ein: Aussetzung jeglicher Investitionen in den Bau von neuen Gefängnisgebäuden; eine Einschränkung der vorläufigen Festnahmen; die Verkürzung der Strafzeiten und eine Entkriminalisierung im Bereich der Drogenpolitik; die Erweiterung der Garantien im Strafvollzug und Öffnung der Gefängnisse für die Gesellschaft; ein absolutes Verbot der Privatisierung des Gefängnissystems; die Bekämpfung der Folter sowie die Entmilitarisierung der Polizeieinheiten und der öffentlichen Verwaltung.

Zu diesem Thema habe ich kürzlich auch ein Interview mit Adveniat geführt.

Die Katalonen wollen Flüchtlingen helfen

Regelmäßig stürmen Flüchtlinge die spanische Exklave Ceuta. Unter dem Motto „Volem acollir“ („Wir wollen aufnehmen“) haben in Barcelona Hunderttausende am Wochenende für eine weltoffene Politik demonstriert. Gestern wurde ich von Domradio in Köln zu den Ereignissen in Barcelona und Katalonien interviewt. Die Radioredaktion ist mit der Weitergabe des Mittschnitts hier im Blog weitblick einverstanden.

domradio.de: Die Behörden sprechen von rund 160.000 Menschen, die sich am Wochenende in Barcelona versammelt haben. Die Veranstalter sagen, es seien sogar eine halbe Million gewesen. Wie haben Sie denn die Demonstration erlebt?
Ottmar Breitenhuber (Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona): Ich habe es nur zufällig mitbekommen. Ich war in den vergangenen vier Wochen in Lateinamerika und bin am Wochenende zurückgekommen. Da habe ich nach einem Gottesdienst von der Demonstration gehört. Ich wohne in der Nähe von dem Ort, wo sich die Menschen versammelt haben. Es war eine große blaue Welle. Die Veranstalter hatten die Leute ja aufgefordert, in blauer Kleidung und mit blauen Flaggen zu kommen. Das Ganze hat dann an eine Meereswelle erinnert. Die Leute haben sich dann auf den Weg ans Meer, an den Strand, gemacht. Es war eine der größten Demonstrationen, die ich hier in Barcelona erlebt habe. Ähnlich den Demonstrationen, wie sie am Gedenktag zur Eroberung Barcelonas immer stattfinden.

domradio.de: Die Menschen hatten ja auch Schilder, auf denen zum Beispiel „Keine Toten mehr“ oder auch „Flüchtlinge willkommen“ und „Öffnet die Grenzen“ stand. Entspricht das der allgemeinen Stimmung in Spanien?

Breitenhuber: Ich kann es nur von Katalonien sagen. Hier gibt es an sich eine sehr offene Stimmung den Flüchtlingen gegenüber. Man möchte den Menschen etwas anbieten. Barcelona ist ja eine sehr internationale Stadt. Es gibt hier eine Million Ausländer. Und nur 495 Asylbewerber waren im vergangenen Jahr gemeldet. Die Stadt an sich und Katalonien sind eigentlich sehr offen. Aber die spanische Politik, die von Madrid aus gemacht wird, trifft diesen Geist nicht.

domradio.de: Welche Position nimmt die katholische Kirche in Spanien beim Umgang mit Flüchtlingen ein?

Breitenhuber: Die katholische Kirche ist ganz vorne dran und tut etwas für Flüchtlinge. Zu der Demonstration haben unter anderem die Caritas und das Referat Migration der Erzdiözese Barcelona aufgerufen. Und die Kirche öffnet ganz konkret auch ihre Türen. Santa Anna, ein zentrales ehemaligen Kloster, hat im Januar schon die Türen für Flüchtlinge geöffnet und ihnen für einige Tage eine Unterkunft gegeben. Und jetzt haben sie die Hilfe ausgebaut. Die Flüchtlinge übernachten zwar inzwischen in anderen Einrichtungen, aber die Kirchentüren sind 24 Stunden am Tag geöffnet und die Flüchtlinge bekommen dort etwas zu Essen und können sich aufwärmen und beraten lassen.

domradio.de: Und wie erleben Sie die Situation in Ihrer deutschsprachigen Gemeinde in Barcelona?

Breitenhuber: Am vergangenen Sonntag hat uns ein katalanischer Pater von der Demonstration und von dem Einsatz in der Gemeinde Santa Anna erzählt. Die Leute bei uns sind sowieso schon in verschiedenen Bereichen engagiert. Wir haben zum Beispiel schon seit Jahren Kontakt zu einer Obdachlosentafel. Dort haben sie inzwischen auch viel mit Flüchtlingen zu tun. Und wir versuchen uns jetzt in der Gemeinde Santa Anna zu engagieren.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Das Audio könnt ihr beim Domradio hören.

Mehr zum Thema: Asylsuchende und Flüchtlinge im Bistum Eichstätt