Kategorie-Archiv: Menschenrechte

Liebe säen: Cristo Vive in Bolivien und Chile

Überwältigt und beschenkt vom Dienst unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fundación Cristo Vive Bolivia und Perú kehre ich nach Chile zurück. Aber all dieser Einsatz in den drei Ländern ist nur möglich mit Hilfe eurer solidarischen Unterstützung, liebe Freunde in Europa. Ich danke und lobe Gott für jede eurer Spenden, die wir in Bolivien, Peru und Chile für unsere Geschwister in Not einsetzen und in ein besseres Leben für sie verwandeln können. All das gäbe es nicht ohne euren treuen Beistand über die vielen Jahre hinweg.

Ein Höhepunkt für Cristo Vive im Jahr 2017 war am 10. Oktober die Einweihung des Internats für 16 Landwirtschaftsschüler aus den ärmsten Gegenden Boliviens: Ein unglaubliches Fest auf dem Quetchua-Bauerndorf Bella Vista am Fuß des Berges Tunari (5000m) mit Freunden aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, Vietnam, Argentinien, Peru und Chile. Wir konnten Margarita, die Präsidentin der Louis Dreyfus Stiftung und ihre Delegation, die den Bau und den Unterhalt der Landwirtschaftsschule finanziert, begrüssen und ihr von Herzen danken. Auch freuten wir uns über Franziska Hildebrand, die Präsidentin von Cristo Vive Schweiz, den Architektur-Professor des Baus, Ralf Pasel und seine wissenschaftliche Assistentin Lorena Valdivia, sowie über Elisabeth Voyeux in Vertretung der Luxemburger Pfadfinder. Auch der Gobernador von Cochabamba Iván Canelas, der französische Botschafter, der deutsche Honorarkonsul Gerardo Wille, Vertreter der deutschen und der Schweizer Botschaft und die Quetchua-Maurerinnen, die zusammen mit den anwesenden deutschen Studenten der TU auf dem Bau gearbeitet haben, feierten mit unseren Lehrern und Schülern. Vor dem Segen wiederholte unser Freund Tito Solari, der Alt-Erzbischof von Cochabamba, mehrmals: “Das ist ein Wunder, ein Wunder Gottes!“

Nun ein kleiner Überblick über den Einsatz der Cristo Vive in Bolivien:

  • 260 Kinder zwischen 6 Monaten und 5 Jahren sind ganztags in unseren Tagesstätten in Bella Vista, Chocaya und Tirani. Es wird auch mit ihren Eltern erzieherisch gearbeitet.
  • 140 Schulkinder bekommen Schulaufgaben-Nachhilfe und kulturelle Förderung in Bella Vista und Tirani
  • 500 junge Menschen erhalten eine 3-jährige Berufsausbildung im Instituto Tecnológico Sayarinapaj in Elektrizität, Metallmechanik, Schweißer, Tischler, Landwirtschaft, Küche und Bäckerei, Sozialarbeit und Kleinkindererziehung. 45 dieser Schüler leben in unserem Internat Musuj Kanchay, da sie aus entlegenen Gegenden kommen. Im neuen Internat werden weitere 16 Schüler unterkommen.
  • 85 arme, alte, häufig auf der Straße lebende Menschen, meist Frauen, werden ambulant betreut.
  • 26 Familien wird professionell beigestanden, um ihre Gärten und Kleinfelder ertragreicher anzubauen

In den beiden Polikliniken in Bella Vista und Tirani werden die Kranken behandelt, aber auch Gesundheitserziehung geleistet.

In Bolivien erreichen wir es nach und nach, kleine Subventionen für die Kindergärten von den Stadtgemeinden zu bekommen. Gleichzeitig kämpfen wir weiter um eine staatliche Unterstützung für unser Berufsausbildungszentrum Sayarinapaj.

Staatliche Unterstützung in Chile

Nach 48 Jahren Arbeit unter den Armen in Chile haben wir es zusammen mit unseren Mitarbeitern geschafft, dass der chilenische Staat im Jahr 2016 ganze 88,6% der Kosten unserer Dienste finanziert hat. Durch private Spenden in Chile waren 5,4% eingegangen und unsere europäischen Freunde haben 6% beigetragen, das waren aber immerhin noch 448.000 Euro, ohne die wir nicht über die Runden gekommen wären.

Fundacion Cristo Vive hilft armen Kindern. Foto: Cristo Vive Chile

Jesus, der Sohn Gottes, hat uns keinen Zweifel hinterlassen, wie wir ihm begegnen können, als er sagte: „Ich war hungrig, durstig, wohnungslos, nackt, krank, im Gefängnis und du kamst mir zu Hilfe!“ In allen Menschen, denen wir dienen, begegnen wir Ihm. Wir können auf die Menschen in Not mit liebevollem Herzen zugehen und ihnen nach unseren Möglichkeiten beistehen. Dabei werden wir selbst auf die Dauer eine tiefe innere Freude spüren, in der Jesus uns seine wirkliche Gegenwart erfahren lässt.

Cristo Vive ist in Chile weiter gewachsen. Schwester Teresa begleitet mit ihrem Team die Arbeit mit den Obdachlosen, den Dienst, den wir im Mai 2012 begonnen haben. In der Herberge Cristo Acoge können 20 bis 25 Obdachlose übernachten, im Wohnheim werden 30 Menschen auf ihrem Weg zur Resozialisierung begleitet, während weitere 32 Obdachlose ambulant betreut werden. In den beiden Rehabilitationszentren Talitakum sind rund 130 jugendliche und erwachsene Drogenabhängige in ambulanter Begleitung und Behandlung. In der Poliklinik Villa Mercedes werden rund 4000 Pobladores medizinisch und krankenpflegerisch versorgt und im Familiengesundheitszentrum Cristo Vive haben 22.000 Menschen von morgens 8 Uhr bis 24 Uhr, sieben Tage die Woche, bei uns das Recht auf medizinische Behandlung.

Rund 1.200 Schülerinnen und Schüler konnten wir in diesem Jahr in unseren vier Berufsschulzentren ausbilden. Zu unserer Freude haben die meisten von ihnen nach ihrem Praktikum Arbeit gefunden. Ich bin weiter davon überzeugt, dass der Staat mindestens zwei Semester beruflicher Ausbildung für die jungen Arbeiter/innen finanzieren müsste, damit sie einen besseren Einstieg mit mehr Kenntnissen und praktischer Erfahrung fänden, aber das ist unserem Staat immer noch zu teuer und wir konnten das Arbeitsministerium bisher nicht davon überzeugen. Eine Ausnahme ist unsere kostenfreie Krankenpflegeschule mit bis zu drei Semestern Ausbildung – bis jetzt die Einzige in ganz Chile – finanziert mit 70% staatlicher Subventionen und 30% Spenden von Cristo Vive Schweiz und Europa.

Viele tausend Kinder sind seit ihrer Gründung im Jahr 1973 durch unsere Kindertagesstätte Naciente im ehemaligen Elendsviertel Angela Davis gegangen. Inzwischen ist aus diesem Viertel eine Arbeitersiedlung geworden, in der rund 12.000 Menschen leben

Liebe Freunde, unser Dienst, die Liebe zu säen, ist kein „MÜSSEN“, sondern unser höchstes Ziel, unsere tiefste Berufung und unser größtes Glück. Zusammen mit all unseren Mitarbeitern möchte ich euch in dieser Heiligen Nacht viel Liebe und Freude und ein gesegnetes Jahr 2018 wünschen. An der Krippe des göttlichen Kindes begegnen wir uns.

(Aus dem Weihnachtsbrief 2017)

Besuch beim Club für Kinderrechte

Letzte Woche Donnerstag ging es wieder ins Dorf (Village). Nach einer guten Stunde Autofahrt über gute Straßen, holprige Wege und mit viel Zuckerrohrgeknabber besuchten wir eine Primary School in Musoma. Dort präsentierten uns die 16 Mitglieder des Children’s Rights Clubs (Alter: 6 bis 13 Jahre) ihre Kenntnisse über ihre Rechte. Außerdem zählten sie die Möglichkeiten auf, wohin sie im Falle einer Missachtung der Menschenrechte gehen könnten. Das ganze Ereignis fand im Freien statt, weshalb sich um uns herum eine Traube neugieriger Mitschüler bildete. Wir erfuhren, dass der Children’s Rights Club am Nachmittag mit der ganzen Schule zusammenarbeitet, um allen ihre Rechte bekannt zu machen.

Anschließend trafen wir im Zentrum des Dorfes auf ein Community-Mitglied des Villages. Er erzählte uns von der Zusammenkunft einiger Frauen, die einmal in der Woche etwas über Gesundheit, ihre Rechte und grundlegende Fertigkeiten lernen dürfen. So soll ihnen ein Leben in Würde ermöglicht werden. In Gang gesetzt wurden diese Treffen von der Organisation Jipe Moyo Center. Nun kümmert sich die Dorfgemeinde selbstständig um die Weiterführung des Projekts.

Daraufhin besuchten wir den “Club für Kinderrechte“ einer Secondary School. Nach einer Diskussion über die Menschenrechte, berichteten die Schüler (Alter: 14 bis 17 Jahre) von Vorfällen in ihren Dörfern, die gegen die Menschenrechte sprechen. Deshalb statteten wir danach einer der Familien, die von den Clubmitgliedern genannt wurden, einen Besuch ab. Anscheinend handelt es sich um eine arme Familie, deren Kinder nicht genug Geld für Schulbildung haben und tagsüber nach Essen suchen und betteln müssen, um abends ins Haus gelassen zu werden. Bei der Lehmhütte angekommen, trafen wir allerdings nur auf die Kinder. Der achtjährige Sohn berichtete uns von seiner Situation. Die Mutter könne alleine nicht genügend Geld zum Familienunterhalt aufbringen, da der Vater die Familie einfach verlassen habe. Um der Sache weiter auf die Schliche zu kommen, befragten wir die Dorfgemeinde, ob sie über die Situation der Familie Bescheid wüsste. Laut eines Dorfvorsitzenden bekommt die Familie monatlich bereits einen Betrag von der sozialen Wohlfahrt, um den Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Sie würden sich um ein weiteres Vorgehen kümmern.

Der Tag war sehr interessant und aufgrund der vielen verschiedenen Besuche auch relativ anstrengend. Mir wurde aber wieder bewusst gemacht, wie wertvoll die Arbeit des Jipe Moyo Centers ist. Indem es die Community des Dorfes so stark einbezieht, leistet das Center Hilfe zur Selbsthilfe. Außerdem hat mir der Tag gezeigt, dass die Menschenrechte durch eine gute Bildung verbreitet und weitergegeben werden können.

Einsatz für Menschenrechte in Tansania

Im Jipe Moyo Center in Musoma, Tansania, wo ich derzeit einen Freiwilligendienst leiste,  hat der Einsatz für die Menschenrechte oberste Priorität. Für deren Einhaltung setzen sich hier alle Mitarbeiter konkret ein. So auch Sister Annunciata, meine erste Ansprechpartnerin hier und Leiterin des Centers. Sie ist eine bewundernswerte Frau.

Sister Annunciata, Leiterin des Jipe Moyo Center: Foto: Olivia Ermel

Mitarbeitergruppen des Centers gehen zum Beispiel in Schulen und gründen ‚Children’s Rights Clubs‘, in denen sich die Kinder gezielt mit ihren Rechten beschäftigen – vor allem lernen sie, dass Mädchen und Jungen die gleichen haben. Neben den Clubs werden Kurse für Frauen angeboten, in denen ihnen beigebracht wird, ihr eigenes kleines Business zu starten. Dabei wird ihnen dann erst einmal erklärt, dass sie den Männern gegenüber gleichberechtigt sind. Um die Menschenrechte immer weiter zu verbreiten, ist das Ziel deshalb auch, das Jipe Moyo Center in der Mara Region in Tansania bekannter zu machen. Eine große Hilfe stellt zudem die Polizei dar, die dazu beiträgt, dass das Center an Autorität gewinnt. Oft bringt sie hilfsbedürftige Kinder her und verhindert, dass Verwandte kommen, um sie sofort wieder zurückzuholen. Einige nationale Regeln stehen in Tansania nämlich auch hinter den Menschenrechten. So sind Kinderehen und Kinderarbeit zum Beispiel gesetzlich verboten. Leider macht die Regierung viel zu wenig, um diese Gesetze durchzusetzen. So erhält das Center auch keine finanzielle Unterstützung vom Staat.

Letzte Woche habe ich drei Mitarbeiter ins Dorf begleitet. Zuerst haben wir eine Primary School besucht. Dort haben die ‚Grundschüler‘ des Children Rights Clubs ihr Ergebnisse der vergangenen Woche präsentiert. Durch Gesang und Tanz versuchen sie, die Menschenrechte ihren Mitschülern weiterzuvermitteln.

Besprechung zur Lage der Kinderrechte. Foto: Olivia Ermel

Childrens Rights Club Besprechung – das Interesse an unserem Besuch ist groß (siehe die Zuschauer im Hintergrund).
Anschließend ging es weiter zu einer Familie, in der die minderjährige Tochter als Prostituierte gearbeitet hat, um an Geld zu gelangen. Nun wird sie vom Jipe Moyo Center finanziell unterstützt, damit sie sich ihre Schulsachen leisten kann und sich nicht mehr verkaufen muss.

Familienberatung. Foto: Olivia Ermel

Danach sind wir in eine Secondary School gefahren. Der Children Rights Club dort hatte zusätzlich zu Gesang und Tanz noch ein Schauspiel zum Thema Menschenrechte einstudiert. Zudem haben sie uns von Vorfällen in ihrer Umgebung erzählt, in denen diese Rechte nicht eingehalten werden. Die Kinder einer Familie dürfen abends zum Beispiel nicht ins Haus kommen, wenn sie nichts zu Essen mitgebracht haben. Dann müssen sie draußen schlafen. Ein Mädchen einer anderen Familie wiederum darf nicht zur Schule gehen. Daraufhin sind wir zur Community des Dorfes gefahren, um dort von den Missetaten zu berichten und die betroffenen Familiennamen zu nennen. Nun werden sich die Menschen vor Ort, um diese Probleme kümmern. (Das hoffen wir zumindest. Laut Sister Annunciata wird das manchmal mehr und manchmal weniger getan.)

Secundary School – Childrens Rights Club. Foto: Olivia Ermel

Bisher kannte ich solche Umstände nur aus Filmen. Es ist für mich manchmal schwer zu begreifen, dass ich nun tatsächlich mitten im Geschehen bin. Das Problem der weiblichen Genitalverstümmelung, die in vielen Dörfern noch traditionell praktiziert wird, kennen viele auch nur aus dem Film “Wüstenblume“.

Jipe Moyo Gemeinschaft. Foto: Olivia Ermel

Nach einem Gespräch mit einem Mädchen, das vor dieser Tradition geflüchtet ist, wird mir wieder bewusst wie wichtig die Existenz und der Fortbestand des Jipe Moyo Centers ist. Ansonsten hätte dieses Mädchen keinen Platz auf der Erde gehabt, wo es hingehen  hätte können, um vor dieser Gewalttat beschützt zu werden.

Herzlichkeit und Freundlichkeit zeichen die Menschen in Tansania aus. Foto: Olivia Ermel

Trotz der oben genannten Probleme gibt es in Tansania sehr viele herzliche und freundliche Menschen. Deshalb fühle ich mich hier wohl und freue mich, das afrikanische Temperament und den Lifestyle besser kennenzulernen. Viele Frauen haben eine enorme Ausstrahlung und sprühen vor Lebenslust. Sie tanzen gerne und begeistern mit ihrer Fröhlichkeit.
Die Schwestern haben gestern sogar in ihrer Sisterbekleidung Aerobic am Boden im Wohnzimmer gemacht und sich gegenseitig ausgelacht.

Zudem hatte ich auch schon die Gelegenheit tansanische Männer kennenzulernen, mit denen man sich gut unterhalten konnte und die lustig und gut drauf waren. Der Bischof von Musoma wirkte auf mich mit seinem Dauergrinsen und seinem offenen, fröhlichen Verhalten auch auf Anhieb sympathisch.
Feiern sind hier außerdem immer mit Tanzen, Singen, gutem Essen und Fröhlichkeit verbunden.

Feiern und Tanzen gehören zusammen. Foto: Olivia Ermel

Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das besagt:

“Ihr Europäer habt die Uhren, wir Afrikaner haben die Zeit.“

Da man in Deutschland öfter mal von Zeitdruck, Hektik und Stress spricht, war der Prozess der “Entschleunigung“ für mich anfangs sehr schwer. Inzwischen schätze ich es allerdings schon mehr, dass man sich hier auch öfter mal die Zeit nimmt, um miteinander zu relaxen und einfach mal zu Sein.

„Ein Missionar geht nicht in Pension“

Comboni-Missionar Josef Gerner ist seit 1996 in Uganda tätig. Sein erster Einsatz in dem ostafrikanischen Land hatte er bereits von 1971 bis 1976. Anschießend arbeitete er bis 1986 in Kenia. Es folgten Stationen in Innsbruck und Bamberg. Derzeit ist Die Diözese Eichstätt hat bereits mehrere seiner Projekte in Uganda unterstützt hat.

Trotz seiner 82 Jahre ist Pater Josef Gerner MCCJ in Uganda noch immer unverzichtbar. Insgesamt ist der dort schon 26 Jahre aktiv. Kaum einer kennt Ostafrika so gut wie er.

Der gebürtige Meckenhausener pflegt zwar intensiv die Verbindungen in die Heimat, dennoch kann er es sich nur schwer vorstellen, nicht in Uganda zu wirken. Das Land und die Leute sind ihm ans Herz gewachsen. Im Video-Interview sagt er: „Ein Missionar geht nicht in Pension“.


Im Heimaturlaub berichtet er den Verantwortlichen im Referat Weltkirche über seine Aktivitäten und die nächsten anstehenden Projekte. Dazu gehört der Bau eines neuen Pfarrhauses für seine neue Pfarrei, in der er neben einem einheimischen Priester die pastorale Verantwortung trägt und sich sehr darum bemüht, die Grundlagen für eine gute Entwicklung der Pfarrei zu legen.

Zuletzt erhielt er 2012 und 2014 für den Bau von Kirchen aus Eichstätt Zuschüsse über 15.000 €. Die Gebäude sind für ihn aber nur die notwendige Infrastruktur, um die frohe Botschaft unseres christlichen Glaubens den Menschen zu verkünden, die nach den schweren Jahren des Bürgerkrieges nach Orientierung für sich und ihre Kinder suchen.

Unterwegs an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien

Ich war in den vergangenen Wochen viel unterwegs und habe in Städten in der Region von Rondonópolis und auch an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien Lepravorträge für das Gesundheitspersonal gehalten. Ich habe auch einige neue Leprafälle entdeckt. Ein Arzt in der Urwaldstadt Araputanga, den ich schon 20 Jahre kenne, behandelte einen Patienten drei Jahre auf Reumathismus. Da keine Besserung auftrat, bat er mich den Patienten zu untersuchen, es war Lepra. Die Straßen zu einigen Städten an der bolivianischen Grenze waren teilweise sehr schlecht und ein plötzlich auftretender Tropenregen hat die Erdstraße schnell in Schlamm verwandelt, was meinem alten Jeep einiges an Kraft kostete. Doch die kleinen Städte in der Region sind noch ziemlich sicher mit wenig Gewalt und vor allem die Landschaft ist sehr schön mit vielen Wasserfällen. Doch bei den Wasserfällen muss man aufpassen, weil in letzter Zeit in einigen Wasserfällen Anakondas bis zu fünf Meter gesehen wurden. Das Bild mit der Anakonda auf der Straße wurde in der Region von einem Freund gemacht.

Buschstadt Jauru mit Kirche im Bundesstaat Mato Grosso: Foto Manfred Göbel

Dreimal in den letzten Monaten hat mich der Jeep auf der Straße gelassen. Der Motor schaltete plötzlich ab, weil die Sicherung für die Einspritzpumpen durchbrannte. Jedes Mal passierte das mitten in der Prärie. Einmal kurz vor einer Polizeistation, die mir einen Abschleppdienst organisierte und zweimal in einer sehr gefährlichen Region an der Grenze zu Bolivien, wo normalerweise keiner anhält. Da wurde es mir schon ein wenig bange. Doch ein Ehepaar hielt an und benachrichtige in der nächsten Stadt – ca. 40 Kilometer entfernt – einen Abschleppdienst. Zuerst wollte ich in einer nahegelegenen Farm Hilfe holen, doch scharfe Hunde und bewaffnete Angestellte verhinderten mir den Zutritt. Nach einer Stunde kam der Abschleppdienst und brachte mich in eine Werkstatt. Es wurde die Sicherung gewechselt und ich konnte weiterfahren. Doch nach drei Kilometer blieb der Jeep wieder stehen. Der Abschleppdienst kam wieder und der Jeep musste nach Cuiabá gebracht werden, ca. 200 Km entfernt. Der Besitzer des Abschleppdienstes meinte, dass es ein guter Tag für mich gewesen sei, worauf ich protestierte und meinte, nicht für mich, sondern für ihn, da er mich zweimal abschleppen musste und Geld damit verdiente. Doch er bestand darauf und meinte, dass ich Gott danken soll, dass nur der Jeep versagte und ich ohne Schaden blieb. Da hatte er Recht, denn wenn mir der Jeep beim Überholen versagt hätte und die schweren Fernlaster mit hoher Geschwindigkeit durch die Prärie rasen, hätte das für mich böse enden können. Jetzt habe ich eine Generalüberholung des Jeeps machen lassen: Zwei Einspritzpumpen wurden ausgewechselt und die Stromversorgung überholt. Inzwischen war ich schon wieder viel unterwegs und ohne Probleme.

In Rondonópolis besuchte ich ein altes Ehepaar, das vor mehr als 35 Jahren Lepra bei mir und meiner Frau behandelte. Heute leben sie in einem kleinen Häuschen in einem Armenviertel, das ihnen ein deutscher Priester gebaut hat. Der Mann hat schwere Verstümmelungen wegen Lepra und beide sind an Chagas erkrankt. Sie haben sich sehr über meinen Besuch gefreut. In Rondonópolis hatte ich auch eine Besprechung mit den Stadträten und der Leiterin des Gesundheitsdienstes.

Im Gespräch mit Stadträten und Leiterin des Gesundheitsdienstes in Rondonopolis. Foto: privat

In einer kleinen Buschstadt hielt ich einen Vortrag für Kleinbauern, viele kannten mich noch als ich vor 30 Jahren Leprakampagnen organisierte. Nach dem Vortrag organisierten sie ein typisches Abendessen mit Reis und Huhn. Die Freude der Kleinbauern über meinen Besuch war wirklich beeindruckend. Eine weitere Kampagne ist geplant.

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) hat die Gelder für Südamerika und vor allem auch Brasilien drastisch gekürzt, so dass nur noch wenige Projekte unterstützt werden können. Deshalb fahre ich wieder in die Städte und helfe an der Basis, das Gesundheitspersonal auszubilden und besuche Kranke. Das macht viel Freude, denn die Menschen sind sehr dankbar, vor allem auch die Fachkräfte.

Meine angeschlagene Wirbelsäule hat bisher gut mitgemacht dank der guten Behandlung durch das orthopädische Team des Klinikums in Ingolstadt.

Anakonda auf der Straße. Foto: Manfred Göbel

Die Lage in Brasilien ist chaotisch und trostlos. Grenzenlose Korruption auf allen Ebenen (Justiz, Politik, Unternehmen, Banken, Gewerkschaften und Gesellschaft) hat das Land zerstört. Massenarbeitslosigkeit, extrem hohe Kriminalitätsrate, Chaos in allen öffentlichen Diensten – vor allem Gesundheitsversorgung – und allgemeine Frustration sind die Folge. Viele Brasilianer, vor allem Jugendliche wollen das Land verlassen. Es ist momentan keine Perspektive auf Besserung da. Eine korrupte Elite dominiert das Land, sowohl die linksorientierten als auch rechtsorientierten, konservative oder progressive, alle sind sie in Korruption verwickelt. 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur haben gerade diejenigen, die gegen die Militärdiktatur kämpften, das Land in den Abgrund gestürzt.

Manfred Göbel mit Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt
Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt. Foto: Referat Weltkirche

Im letzten Jahr war ich in Deutschland und bei der Gelegenheit hat die Hörfunkredaktion der Diözese Eichstätt ein Interview mit mir geführt. Weltkirchereferent Gerhart Rott lud mich zusammen mit dem Erzbischof von Gitega (Burundi) zum Mittagessen ein. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch.

Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken