Kategorie-Archiv: Menschenrechte

Unterwegs an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien

Ich war in den vergangenen Wochen viel unterwegs und habe in Städten in der Region von Rondonópolis und auch an der Grenze zwischen Brasilien und Bolivien Lepravorträge für das Gesundheitspersonal gehalten. Ich habe auch einige neue Leprafälle entdeckt. Ein Arzt in der Urwaldstadt Araputanga, den ich schon 20 Jahre kenne, behandelte einen Patienten drei Jahre auf Reumathismus. Da keine Besserung auftrat, bat er mich den Patienten zu untersuchen, es war Lepra. Die Straßen zu einigen Städten an der bolivianischen Grenze waren teilweise sehr schlecht und ein plötzlich auftretender Tropenregen hat die Erdstraße schnell in Schlamm verwandelt, was meinem alten Jeep einiges an Kraft kostete. Doch die kleinen Städte in der Region sind noch ziemlich sicher mit wenig Gewalt und vor allem die Landschaft ist sehr schön mit vielen Wasserfällen. Doch bei den Wasserfällen muss man aufpassen, weil in letzter Zeit in einigen Wasserfällen Anakondas bis zu fünf Meter gesehen wurden. Das Bild mit der Anakonda auf der Straße wurde in der Region von einem Freund gemacht.

Buschstadt Jauru mit Kirche im Bundesstaat Mato Grosso: Foto Manfred Göbel

Dreimal in den letzten Monaten hat mich der Jeep auf der Straße gelassen. Der Motor schaltete plötzlich ab, weil die Sicherung für die Einspritzpumpen durchbrannte. Jedes Mal passierte das mitten in der Prärie. Einmal kurz vor einer Polizeistation, die mir einen Abschleppdienst organisierte und zweimal in einer sehr gefährlichen Region an der Grenze zu Bolivien, wo normalerweise keiner anhält. Da wurde es mir schon ein wenig bange. Doch ein Ehepaar hielt an und benachrichtige in der nächsten Stadt – ca. 40 Kilometer entfernt – einen Abschleppdienst. Zuerst wollte ich in einer nahegelegenen Farm Hilfe holen, doch scharfe Hunde und bewaffnete Angestellte verhinderten mir den Zutritt. Nach einer Stunde kam der Abschleppdienst und brachte mich in eine Werkstatt. Es wurde die Sicherung gewechselt und ich konnte weiterfahren. Doch nach drei Kilometer blieb der Jeep wieder stehen. Der Abschleppdienst kam wieder und der Jeep musste nach Cuiabá gebracht werden, ca. 200 Km entfernt. Der Besitzer des Abschleppdienstes meinte, dass es ein guter Tag für mich gewesen sei, worauf ich protestierte und meinte, nicht für mich, sondern für ihn, da er mich zweimal abschleppen musste und Geld damit verdiente. Doch er bestand darauf und meinte, dass ich Gott danken soll, dass nur der Jeep versagte und ich ohne Schaden blieb. Da hatte er Recht, denn wenn mir der Jeep beim Überholen versagt hätte und die schweren Fernlaster mit hoher Geschwindigkeit durch die Prärie rasen, hätte das für mich böse enden können. Jetzt habe ich eine Generalüberholung des Jeeps machen lassen: Zwei Einspritzpumpen wurden ausgewechselt und die Stromversorgung überholt. Inzwischen war ich schon wieder viel unterwegs und ohne Probleme.

In Rondonópolis besuchte ich ein altes Ehepaar, das vor mehr als 35 Jahren Lepra bei mir und meiner Frau behandelte. Heute leben sie in einem kleinen Häuschen in einem Armenviertel, das ihnen ein deutscher Priester gebaut hat. Der Mann hat schwere Verstümmelungen wegen Lepra und beide sind an Chagas erkrankt. Sie haben sich sehr über meinen Besuch gefreut. In Rondonópolis hatte ich auch eine Besprechung mit den Stadträten und der Leiterin des Gesundheitsdienstes.

Im Gespräch mit Stadträten und Leiterin des Gesundheitsdienstes in Rondonopolis. Foto: privat

In einer kleinen Buschstadt hielt ich einen Vortrag für Kleinbauern, viele kannten mich noch als ich vor 30 Jahren Leprakampagnen organisierte. Nach dem Vortrag organisierten sie ein typisches Abendessen mit Reis und Huhn. Die Freude der Kleinbauern über meinen Besuch war wirklich beeindruckend. Eine weitere Kampagne ist geplant.

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) hat die Gelder für Südamerika und vor allem auch Brasilien drastisch gekürzt, so dass nur noch wenige Projekte unterstützt werden können. Deshalb fahre ich wieder in die Städte und helfe an der Basis, das Gesundheitspersonal auszubilden und besuche Kranke. Das macht viel Freude, denn die Menschen sind sehr dankbar, vor allem auch die Fachkräfte.

Meine angeschlagene Wirbelsäule hat bisher gut mitgemacht dank der guten Behandlung durch das orthopädische Team des Klinikums in Ingolstadt.

Anakonda auf der Straße. Foto: Manfred Göbel

Die Lage in Brasilien ist chaotisch und trostlos. Grenzenlose Korruption auf allen Ebenen (Justiz, Politik, Unternehmen, Banken, Gewerkschaften und Gesellschaft) hat das Land zerstört. Massenarbeitslosigkeit, extrem hohe Kriminalitätsrate, Chaos in allen öffentlichen Diensten – vor allem Gesundheitsversorgung – und allgemeine Frustration sind die Folge. Viele Brasilianer, vor allem Jugendliche wollen das Land verlassen. Es ist momentan keine Perspektive auf Besserung da. Eine korrupte Elite dominiert das Land, sowohl die linksorientierten als auch rechtsorientierten, konservative oder progressive, alle sind sie in Korruption verwickelt. 30 Jahre nach Ende der Militärdiktatur haben gerade diejenigen, die gegen die Militärdiktatur kämpften, das Land in den Abgrund gestürzt.

Manfred Göbel mit Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt
Erzbischof Simon Ntamwana aus Burundi in Eichstätt. Foto: Referat Weltkirche

Im letzten Jahr war ich in Deutschland und bei der Gelegenheit hat die Hörfunkredaktion der Diözese Eichstätt ein Interview mit mir geführt. Weltkirchereferent Gerhart Rott lud mich zusammen mit dem Erzbischof von Gitega (Burundi) zum Mittagessen ein. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch.

Manfred Göbel – ein Leben für die Kranken

Marianisches Jahr in Brasilien – „Marias“ im Gefängnis

Nach dem Jahr der Barmherzigkeit 2016 feiert Brasilien heuer ein Marianisches Jahr, das 300-jährige Jubiläum der Verehrung der Gottesmutter Maria. 1717 erschien die Gottesmutter angeblich drei Fischern, die eine Marienstatue fanden. An Fundort entstand das Heiligtum Aparecida, mit jährlich rund 8 Millionen Pilgern der größte Marienwallfahrtsort Brasiliens. 1929 erklärte Papst Pius XI. „Unsere Liebe Frau von Aparecida“ zur Schutzpatronin des Landes. Das Fest zu Ehren der Heiligen ist der 12. Oktober.

Basilika Nossa Senhora Aparecida im Bundesstaat Sao Paulo. Foto: Valter Campanato/ABr
Basilika Nossa Senhora Aparecida im Bundesstaat Sao Paulo. Foto: Valter Campanato/ABr

Die Frauengefängnisseelsorge im Rahmen der Brasilianischen Bischofskonferenz hat Maria zum Leitthema für Jahr 2017 gemacht: „Maria und die vielen ‚Marias‘ im Gefängnis“ lautet das Motto. Maria, die Hoffnung gibt, wo es scheinbar keine Hoffnung gibt.

Maria ist eine Frau inmitten der Menschen, die in einer ungleichen und patriarchalischen Gesellschaft leben, in der nur die mächtigen Männer das Sagen haben. Sie wohnt in Galiläa, im Dorf Nazareth, in einer armen und an den Rand gedrängten Region, wo ein widerstandsfähiges Volk lebt, das sich gegen die willkürliche Unterdrückung durch die Römer wehrt. In diesem Ort wird Jesus geboren. Wo würde Maria heute leben? In den ausgegrenzten Stadträndern, den unzugänglichen Hügeln der Städte, in den Armenvierteln, in den Gefängnissen? Wäre sie arm, schwarz, jung?

Mit Maria werden die Grundsätze dieser Gesellschaft gebrochen und wird das Neue geboren. Für Jesus war Maria mehr als nur seine Mutter: In ihr erkennt er eine Frau, die zur Geschichte der Menschheit gehört, in einer Gesellschaft, in der die Frau kein (Mit-) Sprachrecht hatte. Maria, mit ihrer Spiritualität der „Armen im Herzen“, gibt den Armen und Unterdrückten ein Zeugnis des Glaubens und der Hoffnung. Sie steht den Gefangenen und den Vergessenen im ständigen Kampf um das Leben und die Würde bei.

Woher kommt diese Bevorzugung Gottes der Armen? Der brasilianische Theologe Afonso Murad drückt es so aus: “Gott erwählt zuerst die Armen, weil er barmherzig ist und sich den Bedürftigen zuwendet. Das ist die Strategie seiner allumfassenden Liebe. Er liebt alle gleich, aber er kommt zuerst denen zu Hilfe, die es am nötigsten haben”.

Die Kraft, die von Maria für so viele „Marias“ in den Gefängnissen ausgeht, ist spürbar in diesem Kampf um die Freiheit von Frauen und Männern, die im Gefängnis eine Welt erfahren, die das Leben zerstört. Eine Welt, die ausgegrenzten sozialen Gruppen in Verliese steckt und Menschenrechtsverletzungen aussetzt. In dieser an Strafe und an Männern orientierten Gesellschaft wird die gefangene Frau nicht einmal als Frau anerkannt. Hinter den Wänden der Gefängnisse sind die Frauen in der Minderheit. Die massenhaften Gefängniseinweisungen der letzten Jahre betreffen auch sie in großem Ausmaß. Die Inhaftierung nimmt ihnen die Selbstbestimmung, ihre Wünsche, ihre Entscheidungsfreiheit, ihre familiäre und emotionale Beziehungen.

„Maria ist eine Frau, die ganz Gott gehört, mit einem Bewusstsein für die Geschichte, des sozialen Engagements, der Hoffnung”, schreibt Murad. Auf gleicher Weise haben die gefangenen Frauen ein Bewusstsein für ihr Leben außerhalb der Gefängnismauern. Sie kämpfen für ihre Kinder, für ihre Würde, und sie leben den nie endenden Traum eines besseren Lebens. Nur wer die Gefängnisumwelt kennt, diesen Ort, an dem die Grund- und Menschenrechte systematisch verletzt werden, diesen Ort der erniedrigenden Lebensbedingungen und der Folter, wird die Kraft der Liebe und der Hoffnung verstehen, die in diesen vielen gefangenen Marias lebendig ist. Wir sprechen hier von mehr als 40.000 Frauen in Brasilien, die diese schreckliche Situation in den Gefängnissen durchstehen.

Marienstatue in einem Gefängnis in Brasilien. Foto: Petra Pfaller
Marienstatue in einem Gefängnis in Brasilien. Foto: Petra Pfaller

In den Gesprächen mit den Frauen im Gefängnis wird eine Figur Marias besonders deutlich: die immer gegenwärtige „Mutter Gottes“, die in den schwierigsten und dunkelsten Stunden hilft, in den stinkenden und überfüllten Zellen, in der Einsamkeit und der Sehnsucht nach den Kindern und den Familienangehörigen. Es sind eingesperrte ‚Marias‘, Frauen voll von Träumen und Bedürfnissen, die lieben und die ihre Rechte geachtet sehen wollen, jedoch gebrandmarkt sind vom einem Staat, der ihre Würde verletzt und ignoriert; so wie Maria von Nazareth, eine Frau aus einem so vergessenen Ort, die die Liebe von tief innen kannte. Sie hat diese Liebe zu Gott ernstgenommen und nahm ihre Aufgabe mutig an, die Mutter des Sohnes Gottes zu sein. Möge der Glaube an Maria uns helfen im Einsatz für eine Welt, in der wir alle in Freiheit und Würde leben können.

Antworten der „Marias” im Gefängnis auf die Frage, wer für sie Maria ist:
„Maria kennt den Schmerz und die Sehnsucht der Mutter, die an ihre Kinder denkt”. „Maria ist die weibliche Hand, die sich den Frauen entgegenstreckt.“
„Maria ist ein Brunnen inmitten der gefangenen Frauen.“
„Maria ist die Mutter der Barmherzigkeit.“

Diesen Beitrag hat Schwester Petra Silvia Pfaller zusammen mit Luisa M. Cytrunowicz, Mitglied des juristischen Teams der nationalen Gefängnisseelsorge Brasiliens, verfasst.

 

Krankenhilfe für Heimatvertriebene in Kolumbien

„Zusammen sind wir Heimat“ heißt die Jahreskampagne der Caritas in ganz Deutschland. Sie soll zum Beispiel das Zusammenleben mit Flüchtlingen fördern, die ihre Heimat verließen und sich nach einer neuen in Deutschland sehnen. Doch das Phänomen „Flucht aus der Heimat“ gibt es auch in vielen anderen Teilen der Welt, etwa in Kolumbien. Einen Gesundheitsdienst für vor allem Heimatvertriebene in diesem Land unterstützen verschiedene Caritas-Sozialstationen aus dem Bistum Eichstätt – im Sinne „Kirchliche ambulante Krankenhilfe hier für dergleichen dort“.

Ihre Heimat hat sie verloren. „Ich bin mit meinen Geschwistern vor der Guerilla geflohen. Man hat meine Eltern umgebracht und unser Haus angezündet“, erzählt Maria Murillo Mosqueda. Sie kommt aus dem Chocó, einem Gebiet in Kolumbien, in dem die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten besonders unter der Gewalt bewaffneter Gruppen gelitten hat. Jetzt sitzt sie mit einem ihrer drei kleinen Kinder in der Krankenstation der Ordensgemeinschaft Hermanas de la Doctrina Cristiana (Schwestern der christlichen Lehre) in Los Robles, einem Armenviertel am Rand der Hauptstadt Bogotá. Viele, die in dieses Viertel geflüchtet sind, gehören zu den Millionen Menschen, die durch Gewalt und Krieg aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Vom Friedensprozess in Kolumbien, in den viele Hoffnungen setzen, erwartet Maria Murillo Mosqueda nicht viel: „Also ich habe Zweifel.“

Offenes Ohr für Sorgen

Den Gesundheitsdienst sucht die Frau nicht nur wegen der medizinischen Versorgung gerne auf, wenn ihre Kinder zum Beispiel Fieber haben. „Hier sprechen sie mit einem“, schätzt sie auch die menschliche Zuwendung der Ordensschwestern sowie ihrer Mitarbeitenden. Ihnen schütten im Wartesaal viele Patienten aus Los Robles und zunehmend auch aus benachbarten Vierteln ihr Herz über ihre vielfältigen Sorgen aus. Luz Mery Palacio, die den Ordensschwestern freitags für den allgemeinärztlichen Dienst ihr kleines Häuschen zur Verfügung stellt, hat heute zum Beispiel ein offenes Ohr für eine Patientin, die ihr mitteilt, dass ihre farbigen Kinder im Kindergarten nicht akzeptiert seien. Andere Probleme der Hilfesuchenden reichen von den Traumata, die sie durch Gewalt und Flucht erlebten, über Schwierigkeiten in prekären Arbeitsverhältnissen bis hin zu  unhygienischen Wohnverhältnissen in zum Teil einfachen Holz- und Wellblechhütten.

In die Krankenstation, die eine von zwei Gesundheitsdiensten in dem kaum überschaubaren Randgebiet von Bogotá ist, kommen Menschen aller Generationen, vor allem aber Kinder. „Ihre wesentlichen Krankheiten sind Magenbeschwerden, Grippe, Durchfall, Atemwegsinfektionen, Fehlernährung und auch Allergien“, informiert Krankenschwesterhelferin Liliana Trilleras Diaz. Der 67-jährige Arzt Pedro Arturo Aldana Gracia untersucht heute auch mehrere Erwachsene mit zu hohem Blutdruck. Dass sich ihr Alltagsstress auf die Gesundheit auswirkt, erlebt er immer wieder. „Die Leute leben aus dem Nichts heraus. Es gibt viel Depression und Seelenangst. Oft brauchen sie nicht so sehr Medikamente, sondern eine menschliche Unterstützung, die sie in den staatlichen Diensten nicht bekommen“, so der Arzt. Er empfindet es als Berufung, seine letzten Berufsjahre im Dienst an armen und vertriebenen Menschen zu verbringen.

Solidarisch für Kollegen

Sozial Bedürftige haben in Kolumbien zwar ein Recht auf eine staatlich subventionierte Gesundheitsversorgung. Doch viele halten unter anderem lange Wartezeiten und -schlangen sowie Kosten für den Bus von diesen entfernt liegenden Diensten ab und suchen lieber das Angebot der Ordensschwestern auf. Auch wenn sie hier für die Sprechstunde rund 1,25 Euro entrichten müssen. „Wir verlangen diese Gebühren, damit nicht alles geschenkt wird. Das gehört für uns zur Würde des Patienten“, erklärt Schwester Isabel Hervas Sanchez. Wenn jemand das Geld nicht hat, wird er dennoch behandelt. Möglich ist dies sowie der Gesundheitsdienst überhaupt durch Spenden. Zu diesen tragen seit kurzem auch einige Caritas-Sozialstationen im Bistum Eichstätt bei. Sie unterstützen das Projekt nach dem Motto „Solidarische kirchliche ambulante Gesundheitshilfe“. Manche haben direkte Zuschüsse geleistet, andere auch Mitarbeiter-Spendenaktionen durchgeführt.

Neben dem allgemeinmedizinischen Dienst freitags bieten die Ordensschwestern auch einige Male im Jahr Gesundheitsaktionen in einer Schule an, bei denen viele Menschen vor allem zahn- und augenärztlich untersucht – und oft danach in ein nahegelegenes ordenseigenes Basisgesundheitszentrum zu eingehenderen Behandlungen überwiesen werden. Diese Aktionen möchten die Schwestern ausweiten. Zudem streben sie an, ein größeres Haus anzumieten, um ihren Dienst noch besser leisten zu können: in einem Raum, der mehr Platz für persönliche Gespräche, aber etwa ebenso für Ernährungsberatung oder eine Kinderspielecke bietet. So sollen Hilfesuchende durch ihre Gesundheitshilfe auch ein Stück weit Geborgenheit in der neuen Heimat erfahren.

Hörfunksendung von Radio K1 und Spendenkonto zum Projekt

„Wir werden nicht als Juden oder Araber geboren, sondern als Babys“

So oder so ähnlich haben es unsere Gesprächspartner auf jüdischer und palästinensischer Seite während der Reise des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt in das Heilige Land immer wieder betont. Zuerst muss der Mensch in den Blick genommen werden, vor jeder Zuordnung zu einer nationalen oder religiösen Gruppe. Und viele unserer Gesprächspartner arbeiten genau daran.

In der Dormitio-Abtei, eine deutschsprachige Benediktinerabtei auf dem Berg Zion in Jerusalem, sprachen wir mit Pater Nikodemus Schnabel. Pater Nikodemus (geboren 1978 in Stuttgart) ist derzeit Prior-Administrator der Benediktinergemeinschaft vom Berg Zion und in Tabgha. Sichtlich gestresst durch den Ende April anstehenden Besuch von Außenminister Sigmar Gabriel nahm er sich trotzdem viel Zeit für das Gespräch. Sehr persönlich schilderte er seine Situation als junger Benediktinermönch in Israel und Palästina und sprach über das Friedenspotenzial der Religionen. In seinem sehr lesenswerten Buch „Zuhause im Niemandsland. Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina“, das er für einige Teilnehmer auch signierte, geht er darauf besonders ein.

Im Saint Louis French Hospital, direkt vor den Mauern der Jerusalemer Altstadt gegenüber dem Neuen Tor, sprachen wir mit Schwester Monika, der Leiterin. Das Krankenhaus wurde 1851 vom französischen Konsulat gegründet und dem lateinischen Patriarchen zur Verfügung gestellt. Heute verfügt es über mehr als 60 Betten und betreut Krebskranke im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung, aber auch chronisch kranke, ältere Menschen nach Schlaganfällen und Koma-Patienten. Bei der Aufnahme und Behandlung macht es keinen Unterschied zwischen Palästinensern und Israelis, Juden, Christen und Muslimen. Das christliche Haus, das in das Gesundheitssystem Jerusalems eingebunden ist, befolgt die jüdischen und muslimischen Speisegesetzte, damit Patienten aller religiösen Bekenntnisse dort leben können. Es werden Menschen in der letzten Phase ihres Lebens, in der sie und ihre Familien vor der belastenden Situation von Krankheit, Sterben und Tod stehen, betreut und gepflegt. Durch ihre Arbeit versuchen die Mitarbeiter Zeugnis abzulegen von der unantastbaren Würde und dem Wert des menschlichen Lebens. Seit vielen Jahren arbeiten neben lokalen Mitarbeitern auch viele junge Menschen aus der ganzen Welt als Freiwillige mit. Sie übernehmen unterschiedliche Aufgabenbereiche, kümmern sich um die tägliche Pflege und Versorgung der Patienten oder werden je nach Berufsausbildung oder Qualifikation als Krankenschwester/-pfleger eingesetzt.

In Bethanien, dem biblischen Ort, an dem Lazarus und seine Schwestern Maria und Martha lebten, besuchten wir Schwester Martha. Die russisch-orthodoxe Nonne leitet dort eine Mädchenschule und ein Internat. Wir erfuhren von ihrer Arbeit mit den Kindern und den Schwierigkeiten, die die israelische Sperranlage („Mauer“) für sie verursacht. So ist ihr traditioneller Fußweg über den Ölberg zu ihrem Mutterkloster Maria Magdalena nicht mehr begehbar. Die meisten ihrer Schülerinnen sind muslimisch. Die Schülerinnen und ihre Eltern kommen über die Lehrer, Schwestern und Mitschüler in Dialog mit Christen und so können Brücken über die Grenzen der Religionen hinweg entstehen.

Spannend war der Besuch bei dem Jesuitenpater David Neuhaus in Westjerusalem. David Neuhaus, Sohn deutscher Juden, wurde in Südafrika geboren. Im Alter von 15 Jahren siedelte er nach Israel um, mit 26 Jahren konvertierte er zum römisch-katholischen Glauben. Er ist Patriarchalvikar für die Hebräisch sprechenden Katholiken und kümmert sich um die katholischen Migranten in Israel. Wir lernten seine Einrichtung kennen, in der er sich um Babys und Kinder von Migranten kümmert, die sonst unter unsäglichen Bedingungen „verwahrt“ werden. Der israelische Staat kümmert sich um Kinder erst ab dem 3. Lebensjahr, davor ist alles privat finanziert, was sich Migrantinnen nicht leisten können. So wurde vor kurzem die erste katholische Kirche in Tel Aviv für diese Bevölkerungsgruppe gegründet.

Teil I: „Besucht doch die lebendigen Steine im Heiligen Land“

Der Autor im Interview mit Radio K1

„Besucht doch die lebendigen Steine im Heiligen Land“

Diesen Appell richtete ein griechisch katholischer Priester aus Zababdeh im Westjordanland an uns. Mit den lebendigen Steinen meint er die noch verbliebenen, wenigen Christen im Heiligen Land, die dringend Unterstützung brauchen. Nicht die toten Steine oder das leere Grab in Jerusalem sollten wir besuchen, sondern die Christen brauchen das Gefühl nicht vergessen zu sein, in einer für sie zunehmend schwieriger werdenden Situation. Wir – das war eine 25 köpfige Reisegruppe des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Eichstätt, die vom 17. April bis zum 26. April in Israel und Palästina unterwegs war. Besucht wurden freilich auch die klassischen Pilgerorte am See Genezareth, in Nazareth, Betlehem und Jerusalem. Der Schwerpunkt der Fahrt lag aber eindeutig in der Begegnung mit palästinensischen Christen und anderen Brückenbauern in diesem konfliktbeladenen Umfeld. Diese Begegnungen ermöglichte uns Connie Kimberger, die über ihre Tätigkeit als Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem vielfältige Kontakte aufgebaut hat.

Beim Besuch des Flüchtlingslagers in Jenin wurden wir im Freedom Theater, einer palästinensischen Kulturinitiative, mit dem Film „Arnas Children“ hart mit der Realität des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern konfrontiert. Der Film zeigt wie palästinensische Jungen hier im Flüchtlingslager aufwachsen, durch die Erfahrungen von Demütigung, Zerstörung und Gewalt sich radikalisieren und schließlich ihr Leben im Kampf verlieren und von ihren Angehörigen als Märtyrer angesehen werden.

Der Tenor vieler Gespräche war, dass die Menschen hier trotz all der Konflikte noch nicht aufgegeben haben; dass es trotz des vielen Hasses auf beiden Seiten auch Menschen gibt, die für Versöhnung und Frieden, Freundschaft und Verständigung beten und arbeiten und in denen die Hoffnung noch immer brennt. Dabei wurde deutlich, wie wichtig sie uns als Brückenbauer zwischen Juden und Palästinenser sehen, auch hier bei uns in Deutschland z.B. im Kontakt mit jüdischen und muslimischen Gemeinden.

Ein Höhepunkt war das Gespräch mit Frau Prof. Dr. Sumaja Farhat-Naser. Sie sprach ausführlich mit uns über ihre Arbeit und Bemühung für eine Erziehung der Menschen, insbesondere von Frauen hin zu einer gewaltfreien Konfliktlösung und einem Dialog zwischen den Völkern und Religionen. Sie ist Autorin mehrerer Bücher. Für ihre Arbeit erhielt sie unter anderem im Jahr 2000 den Friedenspreis der Stadt Augsburg.

Aber auch ganz praktische Versöhnungsarbeit lernten wir kennen. Im Beit Afram Altenheim in Taybeh betreuen junge Menschen des brasilianischen Ordens „Filhos de Maria“ 24 alte Menschen und werden dabei vom Ritterorden vom Heiligen Grab finanziell unterstützt. Auch das Caritas Baby Hospital in Betlehem, das trotz seines Namens nicht Teil des Caritasverbandes ist, ist dafür ein gutes Beispiel. Hier werden Kinder und Babys unabhängig von Religion und finanziellem Vermögen der Eltern behandelt und versorgt. Ärzte und Sozialarbeiter arbeiten auch präventiv mit den Müttern der Kinder und versuchen, einen Raum zu schaffen, an dem sie sich jenseits aller Politik und Konflikte ganz auf die Heilung konzentrieren können.

Ein ganz anderes Projekt ist das „Tent of nations“ von Daoud Nassar. Seit über hundert Jahren gehört seiner Familie ein Stück Land südlich von Betlehem. Doch durch die wachsenden israelischen Siedlungen, die sich wie ein Gürtel um ihn legen, fühlt Daoud Nassar sich und sein Eigentum bedroht. Seit den 1990er Jahren kämpft er vor Gericht gegen die Annektierung seines Gebietes durch den Staat Israel. Jedoch kämpft er nicht mit Gewalt, sondern durch friedlichen Widerstand und mit Hilfe internationaler freiwilliger Helfer und Kontakte. Das Zelt der Nationen, ein Projekt, das von ihm gestartet wurde, hat das Ziel, Begegnungen und Dialog zwischen jungen Menschen zu fördern. Sein Motto: Wir weigern uns Feinde zu sein.

Teil II: „Wir werden nicht als Juden oder Araber geboren, sondern als Babys“

Der Autor im Interview mit Radio K1